Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 74-75 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 74/75, 19. IX. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 489 Helden, Provokateure, Märtyrer Von J. Kl inow. Vor einigen Jahren gründete der ״Kibbuz Goiljuth“ in Palästina eine Sektion für Geschichte der zionistischen Be• wegung in Rußland. Die Sektion hatte die Absicht, ein biographisches Lexikon über alle russisch-jüdischen zionistisehen Angelegenheiten herauszugeben. Man begann mit der Arbeit. Inzwischen hat 'ein junger Zionist L. Zenziper dem Kibbuz Goiljuth ein Buch über die Verfolgungen der Zionisten während des zehnjährigen Bestehens der Sowjet- Union vorgelegt. L. Zenziper hat sich selbst mehrere Jahre der illegalen Arbeit unter dem bolschewistischen _ Regime gewidmet und jetzt in Palästina seine Erfahrungen in einem Buche niedergelegt, nachdem er das Dokumenten material systematisch geordnet hatte, das einen Einblick in die fast unbekannte Periode des Zionismus unter dem Sowjetregime gibt. Die historische Sektion bringt nun Zenzipers bedeutendes Werk unter dem Titel ״Esser 5:hanim rdifot“, Megilat hagserot al hatnuat hazijonit b’Russija hasowjetit, im Umtang von 300 Seiten in Tel-Awiw heraus. Zenziper hat sich grolle Mühe gegeben; er trat mit all denen in Verbindung, die selbst in den Sowjetgefängnissen und in der Verbannung gelebt haben. Er arbeitete Fragebogen aus und erhielt 350 ausführliche Antworten. Zusammen mit den Photographien und Aufzeichnungen ergaben sie ein Werk, das seinesgleichen in der zionistischen Geschichtsliteratur der letzten Jahre sucht. * Das erste, was dem Leser auffällt, der das Buch in die Hand nimmt, sind die 50 Abbildungen, die das trockene und mühevoll gesammelte Material illustrieren, Abbildungen meist traurigen Inhalts, Photographien der Opfer, Photographien derjenigen, die in den politischen Gefängnissen und Verbannungsorten an Schwindsucht starben, Bilder der Erschössenen, der in den Flüssen des weiten Landes Ertrunkenen, der-!enigen, die nicht mehr den Mut besaßen, den Peinigungen Widerstand zu leisten und Selbstmord begingen, in Kasakstan, in Sibirien und in Gefängnissen des europäischen Rußlands. Man schaudert beim Lesen der Ueberschriften. Meist sind es noch Kinder von 18 und 20 Jahren, Jünglinge und Mädchen, junge, strahlende Gesichter. Aus den Pelzmänteln, die sie umhüllen, schauen naive Augen fanatisch Gläubiger hervor. Ich habe in den letzten Jahren viele Bücher gelesen, die politische Parteien dem Kampf gegen das Sowjetregime gewidmet haben, aber ein solches Buch, das allein durch seine Bilder unser tiefstes Mitgefühl weckt, wie das Buch von Zenziper, ist mir bis jetzt noch nicht begegnet. Die Wahrheit spricht aus diesem Buch nicht nur aus den Anklagen, sondern auch aus dem Lobe auf die Armee derjenigen, die sich nicht abschrecken ließ und noch heute in der Sowjetunion zionistische Konferenzen abhält. Da gibt es Klischees von Werken der jungen Zionisten, die illegal hcrausgegeben wurden, Klischees von Zeitungen, wie ״Beschaah su“ und ״Haarez wehaawodah“, Abbildungen von Zeugnissen merkwürdigsten Inhalts und Dokumente allgemein politischen Inhalts. Was soll man beispielsweise denken, wenn man die Photographie eines Zeugnisses sieht, das den Stempel des Odessaer Bildungskommissariats trägt und das dem Bürger Himmelfarb in trockenem Kasernenstil bescheinigt, daß er als ideologisch fremdes Element vom Besuch der Hochschulen ausgeschlossen ist, ein ״Reinigungs״- dokument, das die Laufbahn eines Menschen nur wegen seiner andersgearteten ideologischen Einstellung zerbricht. Dieses Buch ist von bleibendem Wert schon dadurch, daß es die Feststellung bringt, daß die zionistisch-sozialistische Jugend, die die schweren Jahre des Jochs und der Verfolfangen, ganz auf sich gestellt, durchgemacht hat, bis zum eutigen Tage weiterkämpft. Die Geschichte der zionistisehen Arbeit in Rußland vor der Revolution hat sich auch in Sowjetrußland im wesentlichen nicht geändert. Es ist ein Buch von Märtyrern und Heiligen. 1925 zählte man nicht weniger als 30Ö00 organisierte Chawerim. * Wir lesen oft in sowjetjüdischen Zeitungen die bereits berühmt gewordenen kurzen Briefe: ״Ich, N., Sohn des N., habe mich überzeugt, daß der Zionismus identisch ist mit Chauvinismus und Imperialismus, sage mich deshalb von meinen bisherigen Ueberzeugungen los und trete aus der Zionistischen Organisation aus.״, oder ״Ich, N., Sohn des N״ habe erkannt, daß der ,Bund' eine sozialverräterische Organisation ist, die der Bourgeoisie dient und trete aus diesem Grunde aus dem Bund aus.״ Wie entstehen solche Briefe? Wir hatten darüber immer unsere Gedanken. Jetzt ist es klar. Zu uns sprechen Tatsachen, Berichte über unerhörte und würdelose Provokationen, die von der Sowjetjustiz praktiziert werden. L. Zenziper gibt uns Kenntnis von diesen Tatsachen. Es bedarf keiner Erklärung, hier sprechen nackte Tatsachen, und sie sind so grauenvoll, daß ich einen Widerwillen empfinde, über sie zu sprechen. Zenzipers Buch umfaßt sowohl die Geschichte der nationalen Politik in Sowjetrußland wie auch die zionistische Arbeit und das Leben im Galuth. Den größten Eindruck macht jedoch die Schilderung der systematisch betriebenen Provokation, die von Zenziper ohne Beschönigung aufgezeigt wird, Zenziper schreibt: ״Es genügt nicht, daß der verhaftete Zionist die Erklärung abgibt, daß er kein Zionist ist. Mit allen Mitteln versucht der Untersuchungsrichter, sein Opfer in ein Netz von Provokationen zu verstricken. Was auf diesem Gebiet geleistet wird, bedeutet den Gipfel des Zynismus. In Krementschug ereignete sich folgender Vorfall: Der Untersuchungsrichter macht dem 17jährigen Goldberg den Vorschlag, Spitzeidienste für die G. P. U. zu leisten. Goldb e r g ergreift vor Aufregung den nächstliegenden Gegenstand und wirft ihm den Untersuchungsrichter ins Gesicht. In Leningrad schlägt der Untersuchungsrichter Chaskin dem jungen Zionisten Konowaloff vor, in den Geheimdienst der G. P. U. zu treten. Konowaloff bekommt einen hysterischen Anfall, schlägt mit den Fäusten auf den Tisch und schreit: ״Gendarm, an den Galgen!' Es entsteht ein Getümmel. Man holt die Wache, führ Konowaloff in Einzelhaft ab. Konowaloff tritt zum Protest in den Hungerstreik. Er fordert, in die frühere Zelle gebracht zu werden. Man hört nicht auf ihn. Während des Hungerstreiks besucht ihn d! - Untersuchungsrichter Chaskin und bringt ihm Obst und andere Eßwaren mit. Konowaloff wirft dem Richter einen Apfel ins Gesicht. Die Bemühungen, aus Zionisten Provokateure zu machen, tragen nicht immer so unschuldigen Charakter; sie sind oft mit den grausamsten Peinigungen verbunden. So wurde z. B, der Zionist Maschinsky aus der Krim geauält. Man verhaftete ihn in seiner Heimatstadt und Verschickte ihn nach Simferopol. Hier brauchte er sich nur jeden Tag bei der G. P. U. zu melden; im übrigen war er frei. Nach drei Monaten wird er zu dem Geheimagenten der G. P. U.. Kahan, beordert. Dieser erklärt ihm, daß Maschinsky laut Befehl aus Moskau morgen nach Archangelsk verschickt werden soll. Vorher aber wollte der Untersuchungsrichter mit ihm sprechen. Maschinsky zeigt keine Lust, die Fragen zu beantworten. Warum? Wenn der Befehl schon vorliegt, demzufolge er nach Archangelsk abgeführt werden soll, wozu dann die Quälerei? Darauf Kahan: ״Das hätten wir schon lange tun können, aber wir zögerten damit, .Wir wollen Sie zu einem nützlichen Bürger erziehen. Für Sie ist es doch besser, mit uns als gegen uns zu sein. Von unseren Agenten ist uns bekannt, daß Sie Familienvater und ein fleißiger Arbeiter sind. Wir haben daher beschlossen, uns mit Ihnen vorher noch zu unterhalten und nicht einfach das Urteil Bekanntzugeben. Sind Sie mit uns einverstanden, dann werden Sie nicht verschickt. Sie bekommen einen höheren Posten, eine ehrenvolle Arbeit. Sie müssen nur diesen Revers unterschreiben. Der Revers hatte folgenden Inhalt: ״Ich verpflichte mich, für die G. P. U. in Simferopol oder in anderen Städten zu arbeiten und ihr Nachrichten über den Stand der zionistischen Bewegung, des Hechaluz und der jüdischen Gesellschaft im allgemeinen zu übermitteln.“ ״Das bleibt natürlich geheim; die Ausgaben decken wir; wir sind nicht geizig“ fügte Kahan hinzu. Maschinsky erbleichte, warf dem Tschekisten das Papier vor die Füße und schrie: ״Schmutziger Agent!" Er kommt erst zu sich, als er den kalten Revolver an seiner Schläfe fühlt. Kahan ist nicht mehr im Zimmer. Maschinsky wird in ein anderes Zimmer geführt und steht vor dem G. P. U.-Führer Radziwilowsky. Dieser versucht es mit Gewalt, mit Zureden und dann mit Drohungen. Aber es nützt nichts. Man übergibt Maschinsky dem Untersuchungsrichter Feiler. Dieser beruhigt Maschinsky: ״Ich weiß, meine Genossen waren grob gegen Sie, beruhigen Sie sich.“ Die Untersuchung wird sanft geführt, und es wird versucht, Maschinsky glauben zu machen, daß er ein Freund von Sowjetrußiand sei. Feiler interessiert scheinbar nur die Frage, wie Maschinsky zu der Abmachung zwischen Jabotinsky und Petljura steht, und zuletzt kommt wieder dasselbe: ״Unterschreiben Sie den Revers.“ ״Nein.“ Man führt Maschinsky wieder in das Zimmer von Kahan. Dort sind Radziwilowsky und Feiler anwesend. Wie zufällig liegt der Revolver auf dem Tisch. Es hilft alles nichts. Maschinsky sitzt in einer Einzelzelle. Er erklärt den Hungerstreik. Nach drei Tagen wird er wieder gerufen, und man zwingt ihn, ein Dokument zu unterschreiben des Inhalts, daß er nach drei Tagen nach Wladimir transportiert wird. Die Sache mit Archangelsk war nur eine Drohung, um Maschinsky geneigt zu machen, in die Dienste der G. P. U. zu treten. Maschinsky hat an den Justizkommissar in dieser Angelegenheit geschrieben. Weitere Tatsachen: In Altkonstantinow mutete die O. P. U. dem Verhafteten Israel Stendel zu, das Mitglieder- Verzeichnis der Wolhyner Organisation herauszugeben. Der Lohn dafür: Freiheit, Geld und sogar die Möglichkeit, nach Polen zu fahren. Man hielt Stendel in feuchten Kellern fest, versuchte sein Mitleid für seine Mutter zu wecken und endlich machte man ihm den Vorschlag, den Sozialrevolutionär Berkowsky, der in demselben Gefängnis saß, auszuhorchen. ״Wir setzen Sie mit ihm in eine Zelle, Sie unterhalten sich mit ihm und teilen uns das Gehörte mit. Dies und nichts mehr wollen wir von Ihnen. Entgegenkommen gegen Entgegenkommen.“ Als Stendel erklärte, daß er Berkowsky davon benachrichtigen würde, wurde er sofort in ein anderes Gefängnis überführt. Selbstverständlich waren nicht alle diesen Prüfungen gewachsen. Es folgt eine Reihe menschlicher Tragödien. Da war z. B. die 16jährige Berta Lewin in Minsk verhaftet. Sie wurde auf jede Weise während der Untersuchung in Schrecken gehalten. Nach sechs Wochen Arrest ging sie in den Hungerstreik und forderte ihre Entlassung, da sie noch minderjährig war. Während des Hungerstreiks wird sie zum Untersuchungsrichter gerufen. Es gelingt ihm, ihr einige Namen von Zionisten zu entlocken. Am dritten Tag wird ihr gesagt, daß sie morgen freikäme. Sie gibt ihren Hungerstreik aut. Als sie dann auf freien Fuß gesetzt war, gab sie sich ihren Chawerim als Denunziantin aus und warf sich in dm Fluß Swislotsch. Ein weiterer Fall dieser Art: In Jekatarinoslaw warf sich Seew Pinkowsky vor einen fahrenden Zug, nachdem er fünf Monate in einem Gefängnis gesessen hatte. Dem alten Vater von Pinkowsky versprach der Tschekist Pintschuk seinen Sohn zu befreien, wenn dieser eine Deklaration unterschreiben würde. Die Verwandten zwangen Pinkowsky, es zu tun. Er ist freigekommen. Die Erklärung von Pinkowsky erschien im ״Emess“ zum Zeichen einen neuen Sieges, den die Sowjetideologie zu verzeichnen hatte. Pinkowsky konnte es nicht verwinden und beging Selbstmord. In seinem letzten Brief schreibt er an seine Freunde: ״Von Euch haben sie mich entfernt, aber glaubt nicht, daß ich zu ihnen übergelaufen bin.“ In Odessa gab das 18jährige Mädchen Dronowsky unter dem Druck des Untersuchungsrichters eine Erklärung ab, daß sie aus dem ״Haschomer Hazair“ austreten wolle. Sie stellte nur eine Bedingung, daß diese Erklärung nicht veröffentlicht würde. Dennoch wurde sie gedruckt. Sie sandte ein Protestschreiben an die G. P. U. und stürzte sich aus dem vierten Stock. Es gibt eine unübersehbare Zahl ähnlicher Fälle. Die Stärkeren haben die Prüfungen überstanden, die Schwächeren haben eine kurze Zeit nachgegeben und sich dann das Leben genommen. Die weniger Festen verstrickten sich in dem Netz der G. P. U. Man sagt, daß in Sowjetrußland die Zionistische Organisation von Tschekisten durchsetzt sei. Jetzt haben wir einen Begriff, wie das möglich wurde. Es gibt Zionisten, die sich die Frage vorlegen: Warum versuchen wir nicht, die Beziehungen zur Kommunistischen Partei zu bessern? Warum beruft man in die Palästina-Komitees Vertreter verschiedener Richtungen bis in die Rechte hinein, warum wird nach allen Seiten hin für Aufklärung gesorgt, und nur der kommunistische Flügel wird vernachlässigt? Vielleicht tragen wir selbst die Schula, daß die Kommunisten von den zionistischen Bestrebungen und Zielen eine falsche Vorstellung haben? Es ist zu begrüßen, daß endlich ein systematisches Werk über den Zionismus in Sowjetrußland während der letzten zehn Jahre erschienen ist. Man wird endlich aufhören, solche naiven Fragen zu stellen. Man erfährt, daß die Kommunisten ganz genau über den Zionismus orientiert sind und daß die Zionisten alles getan haben, um die Sowjetführer autzüklären, daß der Zionismus keine konterrevolutionäre Bewegung ist, daß aber alle Aufklärung nach, dieser Richtung hin erfolglos ist und erfolglos bleiben muß. Zenziper zeichnet in seinem Buch die Nationalititenpolitik der Sowjetunion in kurzen Strichen. Er schildert die Bemühungen der Zionisten, auf die Sowjetregierung einzuwirken, allein alles war vergebens. Wir sehen vor uns einen systematischen Kampf und eine organisierte Aktion vorüberziehen, beginnend mit der Reise des Exekutivmitglieds Dr. Eder in Moskau über die Besuche bei den Sowjetgesandtschäften im Ausland und den vielen Memoranden. Alles bleibt zwecklos, eine Reihe von Dokumenten legt davon Zeugnis ab. Es gibt Kuriositäten. Zenziper veröffentlicht in seinem Buche die Kopie eines offiziellen Beschlusses des Zentralexekutivkomitees, wonach die Zionistische Organisation als legale Partei anerkannt wird. So heißt es wörtlich im Protokoll Nr. 47 der Sitzung des Z. E. K. im Juli 1919: ,,Die Tätigkeit der einzelnen zionistischen Vertreter bleibt auf ihr Wohngebiet beschränkt. Das Z. Ej. K., ebenso wie der Sownarkotn (Ministerrat) sehen in den Forderungen der Zionistischen Organisation keine konterrevolutionären Elemente, und der Präsident des Z. E. K. fordert alle Sowjetorgane auf, die Arbeit der Zionisten nicht zu behindern, sofern ihre Kulturpolitik nicht im Widerspruch zur Sowjetmacht steht.“ Unterzeichnet wurde die Ver- Ordnung von Jenukidze, allerdings ohne Stempel des Z. E. K., was natürlich abschwächend wirkte. Dennoch stellt dieses Dokument eine Art Freibrief dar, der auch späterhin nicht rückgängig gemacht wurde, Es gibt noch andere Kuriositäten, die nur in Sowjet rußland denkbar sind. Und zwar handelt es sich um die Zeit der Mobilmachung gegen den Angriff des Generals Judenitsch auf Leningrad. Zwei Sekretäre der Zionistischen Organisation erhielten vom Militärsekretariat in Leningrad ein Schreiben, wonach sie der Dienstpflicht enthoben wurden, da sie gesellschaftliche Arbeit leisteten. Die Auszüge aus den Protokollen des Z. E. K. wie auch die feierlichen Erklärungen der Sowjetdiplomaten im Ausland blieben ohne Bedeutung. Sie stammten von Menschen, die keinerlei Einfluß auf den antizionistischen Kampf hatten. Es handelte sich lediglich um eine Demonstration. Man sprach anders als man handelt. So war cs unter dem zaristischen Regime, und so blieb es bis zum heutigen Tag. Die Zionisten legten daher keinen großen Wert aut die Intervention bei der Sowjetregierung. Sie taten ihre Arbeit, sie warteten nicht und organisierten im geheimen zionistische Grupnen, mit allen Kräften und Mitteln mündlicher und schriftlicher Propaganda. L. Zenziper erzählt, wie man in Sowjetrußland illegale zionistischc Literatur druckt. Alle Druckereien unterstehen der Aufsicht der Regierung. Zionistische Literatur hat darin natürlieh keinen Platz. Der Zionist hat keinen Anspruch auf Setzmaschinen und sonstige Druckmaschinen. Dennoch gibt cs zionistischc Literatur. Von der Schreibmaschine und Abzugsmaschine ist man schon längst zum Mimiographen übergegangen. Eine regelrechte Setzmaschine macht zuviel Lärm und ist für illegale Zwecke nicht brauchbar. Die Herstellung von Druckwerken ist eine der verantwörtlichsten Arbeiten. In jeder Gruppe gibt es Chawerim, die sich ausschließlich damit befassen. Am schwierigsten ist die Unterbringung der Maschinen. Man half sich auf verschiedene Art. Zum Beispiel staue! ein Mimiograph im Zimmer eines kommunistischen Klubs, in dem ein Zionist wohnte, der unter keinem Verdacht stand. Im Klub hielt man emphatische Reden gegen den Zionismus; im Nebenzimmer druckte man zionistisehe Proklamationen. Es gibt sogar Grotesken. Der verstorbene Tscherik o w e r war Meransgeber einer zionistischen Zeitung, die in einer Regierungsdruckerei herausgegeben wurde und die Aufschrift ״mit Erlaubnis der Militärzensur״ trug. Wie war das möglich? Das Blatt hatte den sakrosankten Namen ״Isvvestja“, den unzählige Sowjetzeitungen führen, und im Petitdruck war etwas tiefer zu lesen ״Aus Ercz-Israel und der zionistischen Welt“. Zum Schluß standen die Worte ״herausgegeben vom Rnvonkomitee Hs. Z. in Gorki“. Hs. Z. bedeutet ״Histadruth Zionit“. Der Zensor war ein junger russischer Komsomolez, der nur den Namen der Zeitung überflog und ihre Herausgabe erlaubte. Man übergab die Manuskripte der Druckerei und ließ einige hundert Exemplare!!erstellen. Dann kam sogar eine zweite Nummer heraus; bei der dritten kam die Katastrophe. Eine Kontrollkommission besuchte die Druckerei, eine kommunistische jüdische Arbeiterin z.eigte dem Kommissar die zionistische Zeitung, die mit offizieller Genehmigung erschienen war.... Die Initiatoren der Zeitung mußten die Stadt sofort verlassen. Die Hauptarbeit bestand in der Herausgabe zionistischer Aufrufe und Proklamationen. Vor dem Kongreß der nationalen Minderheiten ließ die zionistisch-sozialistische Partei 10 000 Exemplare eines Aufrufes herstellen und verbreitete ihn in der ganzen Ukraine. Wie wurde das organisiert? In Zenzipers Buch gibt es eine Schilderung, die dem ״Kundes“ entnommen ist: Es ist der 17. August. Eine weitentlegene Stadt in Ostrußland. Drei Kameraden von Merkas warten auf Nachrichten. Jeder von uns ist mit seinen Gedanken in der Ukraine. Wir überlegen, ob wir auch alles getan haben, um das Gelingen der Aktion zu ermöglichen. Plötzlich klopft es an der Tür, das erste Telegramm Ist da. ״Die Geburtsweben sind glücklich überstanden.“ Das Telegramm kommt aus dem wichtigsten Kreis der Ukraine. Nach einer Stunde kommt das zweite Telegramm: ״Examen glänzend bestanden“, ein drittes: ״Kontrakt unterzeichnet.“ Den ganzen Tag liefen.solche Telegramme ein. Die Sache gelang. Sogar an Kykow, Stalin, Dzierzinsky und Trotzki hat man diese Aufrufe in gesonderten Brief- Umschlägen an die Adresse im Kreml geschickt. In Odessa und Kiew kam es vor, daß man den Zeitungs- Verkäufern der ״Iswestija“ und ״Prawda“ zionistische Aufrufe als Beilage zusteckte, und bald hallten die Straßen von den Ausrufen ״Ein wichtiger Aufruf“ wider. * Jede Aktion, sowohl literarischer wie politischer Art, brachte Verhaftungen, Gefängnis, Politisolatoren; die Verbannungsorte wurden von jungen Zionisten bevölkert. Und das Leben in den Gefängnissen? Schmutz, Despotismus. Alles das wird sonst den Besuchern aus dem Auslande nicht gezeigt. Ihnen werden die Gefängnisse als Muster moderner Besserungsanstalten geschildert. In diesem Zusammenhang genügt es, einen Auszug aus Zenzipers Buch zu bringen: ״Man bringt 25 politische Gefangene nach Swerdlowsk, unter ihnen befinden sich 12 Zionisten. Vier zionistische Mädchen bleiben in einem Isolator. Am zweiten Tag, während eines Spazierganges, tritt ein junger Mensch auf sie zu, tragt sie, ob sie die Zionistinnen seien, die aus Moskau eingeiieferi wurden. Die Frage wird bejaht. Er befiehlt ihnen, ihre Sachen zu packen. Sie sollen frei werden. Die Mädchen sind verwirrt, kommen mit ihrem Gepäck aus dem Gefängnis und werden zur G. P. U. geführt. Statt in Freiheit, sehen sie sich in einem schmutzigen Zimmer, wo noch mehr politische Gefangene sitzen, die man aus den Isolatoren hierher gebracht hatte. Man weiß, worum es geht: in der Stadt befindet sich eine Delegation deutscher Arbeiter; sie werden auf freien Fuß gesetzt, bis der Besuch fort ist. In der Männerabteilung ist jedoch die Ueberführung in die G. P. U. nicht schnell genug vor sich gegangen, und ehe man sichs versah, stand die deutsche Delegation vor den Toren. Die Gäste fragten: ,Warum ist der hier verhaftet?• ,Weil ich Mitglied der jüdischen Arbeiterorganisation Hechaluz bin.‘ Dies übersetzt der Dolmetscher: ,Weil er einer bürgerliehen Organisation angehöre.‘ Der Chaluz versucht, den Irrtum richtigzustellen. Die Gäste wundern sich: ,Sind Sie ohne jedes Urteil verhaftet worden, lediglich auf einen Befehl der Adniinistration?‘ Die Gefangenen hatten dunkle Flecken aut 'ihren Händen, die von Wanzenbissen herrührten. Einer unter den Zionisten, namens Lakschin, der sich mit der deutschen Delegation unterhalten hatte, wurde in der Verbannung nochmals verhaftet und für drei Jahre in einen Isolator verschickt. Es war die Strafe, weil er die Wahrheit sagte. Ueber die Intelligenz der Beamten, in deren Hände die politischen Gefangenen fallen, erübrigt sich, ein Wort zu verlieren. Die Dummheit ist grenzenlos. Folgender Fall bezeugt das: Ein G. P. U.-Beamter gibt einem nach Palästina immigrierenden Zionisten ein Dokument zu unterschreiben, wonach er sich verpflichtet, sich in Palästina bei der dortigen G. P. U. zu melden. Die Zionisten werden verfolgt. Die Festungen von Kasakstan, Naris, Kirgisien sind mit Zionisten vollgepfropft. Ein Transport folgt dein anderen. Trotzdem geht die zionistische Arbeit weiter. Man arbeitet in den Städten, in der Verbannung, man lebt, man ist aktiv und man singt sogar. Neue Volkslieder sind entstanden, und in verstreuten, weitentlegenen russisehen Ortschaften singen Zionisten — erzählt Zenziper — neue Variationen des alten Volkslieds: ״Flieg Vöglein in alle vier Ecken und bring Grüße von uns den Jewseken.“ I