Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 72 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 472 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 72, 12. IX. 1930 Der Zionismus und die Losung der Judenfrage Von Kurt Blumenfeld. Der Artikel erscheint gleichzeitig in der internen Zeitschrift des it. J. V. ,J)er Jüdische Student", Augut-Septemhcr-Heft. Es ist gar nicht so lange her, daß die Existenz einer Judenfrage in westlichen Ländern entschieden bestritten wurde. Als ich 1m Jahre 1905 einen Vortrag über das jüdische Wirtschaf tsproblem hielt und behauptete, daß auch in Westeuropa die Juden allmählich in allen Berufen zurückgedrängt werden würden, je mehr das System individualistischer Wirtschaft durch neue Formen der Staatswirtschaft ersetzt wird, daß jede Vertrustung des Kapitals, jede Vergenossenschaftung und Organisierung von Konsumentengnippen im Effekt antijüdische Wirkungen naben müßten, war man in nichtzionistischen Kreisen empört, in zionistischen zumindestens skeptisch. Heute wird die •Richtigkeit der zionistischen Diagnose auf allen Oebieten des Lebens praktisch anerkannt, wenn sie auch theoretisch noch oft umstritten ist. In der Politik können Juden bestenfalls in oppositionellen Parteien eine Rolle spielen. Wo man zur Macht gelangt, wo es sich um Herrschaft und Verwaltung handelt, sorgt man dafür, daß der zulässige Prozentsatz nicht überschritten wird, wenn man schon keine völlige Judenreinheit erreichen kann. Gerade bei der Oründüng der Staatspartei Sei daran erinnert, daß Friedrich Naumann schon vor dem Krieg der Tatsache, daß die demokratisehen liberalen Parteien aß Judenparteien angesehen wurden, die Schuld an der mangelnden attraktiven Kraft dieser Parteien gab. Die gesellschaftliche Stellung der Juden hat sich grundlegend geändert. Die Juden bilden heute überall eine eigene Oeselßchaft und wissen zum Teil gar nicht mehr, daß sie törichterweise einmal den Zionismus beschuldigt haben, er führe die gesellschaftliche Isolierung herbei. Die Ent- Wicklung war stärker als das Bestreben, durch Assimilation die bestehenden anßerreügiösen Unterschiede zu beseitigen. Wenn wir heute von der Ausweglosigkeit der jüdischen Situation sprechen, so versucht man mit uns über Maßnahmen zur Verbesserung der Zustände zu diskutieren, wagt aber kaum noch, unsere atigemeine Auffassung grundsäfcriieh zu bestreiten. Wenn man aber auch unsere Diagnose anerkennt, so sträubt man sich doch mit aller Energie gegen die sehr schwer zu ertragenden Konsequenzen, zu denen der Zionismus gelangt Das ist psychologisch zu verstehen. Nur unter großem Druck entschließt sich die beharrende Menge zuzugeben, daß im Galuth eine Lösung der Judenfrage nicht zu finden ist. Auch ln der zionistischen Welt setzen sich die Erkenntnisse der zionistischen Analyse der bestehenden Zustände nur sehr unvollkommen durch. Glaubte man aber, daß nur in der Verwirklichung des Zionismus eine Antwort zu finden sei, so verlangte man wenigstens, daß diese Antwort möglichst umfassend und absolut befriedigend ausfallen soll. Als man einsah, daß die Schwierigkeiten jüdischen Lebens und jüdischer Entwicklung darin liegen, daß die Juden überall Minderheiten bilden, daß sie nirgends das Recht der fyien Selbstbestimmung haben oder erlangen können, forderte man als Antwort mit logischer Konsequenz eine die jüdische Gesamtheit umfassende radikale Aenderung, ein souveränes Gemeinwesen, das, wenn auch nicht alle Juden, so doch einen ganz großen Prozentsatz der Juden zu seinen Bürgern zählt. Politische Souveränität war die Hauptforderung unserer typi- Freiheit Dieser Gedanke wurde dadurch kompliziert, daß gleichzeitig Erez-Israel der Ort der Verwirklichung sein sollte. Das Palisttnaziel blieb niemals unumstritten. HerzI war erst Judenstaatler und wurde dann Zionist. Der Territorialismus, der auf Erez-Israel verzichtete, entsprang dem Gedanken der Erforderlichkeit voller Souveränität eines jüdischen Mehrheitsvolkes in irgendeinem Lande. Er fand Resonanz in Zeiten, in denen das türkische Regime unsere Hoffnungen für Palästina aussichtslos zu machen schien. Die antizionistische Ideologie gewisser nationaljüdischer Gruppen im Osten wird von dem Argument beherrscht, daß eine Antwort aut die Judenfrage, die nicht zugleich' unmittelbar die wirtschaftliche Lage der jüdischen Massen zu verbessern vermag, ersetzt werden müsse durch den Versuch, nationale Autonomien mit jüdischer Mehrheit in unbevölkerten Gebieten zu schaffen. Immer wieder unternimmt man es, zugleich die Existenzfrage aller Juden und die jüdische Volksfrage, zugleich die persönliche moralische Judennot und die materielle Judennot, zu beseitigen. Alle Erkenntnisse und 'Erfahrungen zeigen, daß sämtliche territorialen Lösungsversuche zum Scheitern verurteilt sind — es gibt keine leeren Länder in besiedelbaren Gegenden — und daß sie, wo man ernsthaft jüdische Kolonisation versucht hat, weder dem Freiheitsstreben der Siedler zu genügen vermögen, noch auch irgendeine erhebliche Bedeutung für die jüdische Gesamtheit haben. Der territorialistische Gedanke, in welcher Form auch immer er auftritt, wirkt solange dialektisch anziehend, aß er sein Territorium nicht gefunden hat. Jeder Versuch der Konkretisierung entlarvt ihn als kleinliehen Ausweg, Man will die angeblich *quantitativ unzureichende zionistische Lösung vermeiden und täuscht sich durch, ein scheinbar größeres Projekt, dem gar keine allgemeine Bedeutung für die Judenheit zuköfnmt, das b<*stenfalls den Interessen der Juden eines Landes zu dienen vermag. Die Verbindung der territorialen Lösung init Erez-Israel war keine zufällige, sie war niemals ein Problem der auswärtigen zionistischen Politik. Herzi mußte im Uganda- Konflikt erfahren, daß eine Konzentration der Kräfte des jüdisehen Volkes zu einer entscheidenden Tat nur in Verbindung mit dem Palästinagedanken möglich war. Das Land Palästina hat in diesen Kämpfen so sehr den Sieg davongetragen, daß die Unmöglichkeit der Palästinalösung zugleich auch das Ende des großen jüdischen nationalen Freiheitsideals bedeuten würde. Der Realität der Weltjudenfrage ist die Notwendigkeit der Verwirklichung des Baseler Programms untrennbar verbunden. Es handelt sich heute um einen Problemkomplex, Stellt man die Unmöglichkeit einer befriedigenden jüdischen Entwick* iung im Galuth fest, so muß gleichzeitig die Möglichkeit einer solchen Entwicklung in Palästina gezeigt und geglaubt werden können. Bei der Untersuchung, ob das Land Paiästina die Heimat jüdischer Massen werden kann, entstanden schon lange vor dem Kriege richtungbestimmende Meinungs- Verschiedenheiten im zionistischen Lager. Wer sich heute außerhalb des politischen Tageskampfes die Frage vorlegt, was die aus der Zeit, in der sie geschrieben wurden, zu verstehenden Artikel Achad Haams bedeuteten, der wird feststellen müssen, daß es sich, um eine Wertbestimmung der palästinensisenen Judenheit innerhalb des Gesamtjudentums handelt. Eine solche Wertbestimmung schien denen erforderlich zu sein, die mit sehr begrenzten Einwanderungsmöglichkeiten rechnen zu müssen glaubten und doch an der entscheidenden Bedeutung Palästinas für die jüdische Zukunftsentwicklung feathalten wollten. Der formale Nationalismus, der mit großeren Möglichkeiten rechnete, glaubte auf eine solche Wertbestimmung verzichten zu können. Es ist interessant, daß die Führung des siegreichen praktischen Zionismus, die an die Wirklichkeit Palästinas unmittelbar heranging, stark durch Achad Haam beeinflußt War, während der politische Zionismus, der alle aktuellen Kolonisationsprojekte ablehnte, die große unmittelbare Lösung der Judenfrage versprechen zu können glaubte, weil er nur die Schwierigkeit des politischen Erfolges sah, nicht aber das Problem der mit diesem Erfolge verbundenen Massensiedlung im Lande. Die Antithesen, die heute im politischen Tageskampf in sehr überspitzter Form vorgetragen werden, entspringen mehr dem Bedürfnis der Parteigruppenbildung als den Erfordernissen unseres Lebens. Das Bedürfnis der Wertbestimmung ist durch Erfahrung und Entwicklung so stark mit der Erforderlichkeit von Quantitätsvorstellungeh verbunden worden, daß der Gedanke der Möglichkeit eines geistigen Zentrums unabhängig von dem Leben eines großen sich auf alle Gebiete organischer Entwicklung erstreckenden jüdischen Volkes in Palästina als Sinnlosigkeit empfunden wird. Der entscheidende Grund liegt darin, daß die Entwicklung im Weltjudentum in überraschend schnellem Tempo vor sich geht und daß das echte Bedürfnis besteht, unsere Fortschritte in Palästina irgendwie in Einklang mit den Erfordernissen der Weltjudenfrage zu bringen. Reine Qualitätsforderungen erscheinen unwichtig, wenn das Schicksal von Millionen auf dem Spiele steht. Der palästinozentrische Zionismus, der durch die inneren Triebkräfte im Judentum allein Existenzberechtigung hat, muß also zugleich erklären können, welche Möglichkeiten Palästina bietet und warum die Verwirklichung auch eines durch reale Bedingungen begrenzten Zionismus als Lösung der Judenfrage anerkannt werden kann. Für die Richtigkeit der zionistischen Lösung ist der Beweis ausreichend, daß Palästina imstande ist, durch geeignete Kolonisation in absehbarer Zeit viele Hunderttausende von Juden aufzunehmen, daß es also das wichtigste Einwanderungsland für Juden sein kann und in Wahrheit das einzige große Immigrationszentrum sein wird. Es ist müßig, eine Höchstzahl festzustellen; keine noch so gründliche wissenschaftliche Untersuchung kann abschließend Urteile über die Kapazität eines Landes abgeben. Was wir heute über die Fassungskraft des Landes mit Sicherheit aussagen können, ist befriedigender, als wir in früheren Zeiten zionistischer Entwicklung anzunehmen berechtigt waren. Der Pflanzungsbau, Intensive Kulturen jeder Art, Industrie in den Städten, haben uns neue Chancen eröffnet. Die Schwierigkeiten unserer Argumentation liegen im wesentlichen darin, Juden, die niemals mit dem konstruktiven Aufbau eines Landes etwas zu tun hatten, den relativ langsamen Prozeß der Ent- Wicklung begreiflich zu machen, Händler, Gründer, Spekulauten, europäische Intellektuelle, Revolutionäre und Outsider jeder Art sind gewohnt, in fertigen Staaten Umsturz, Zer- Störung, Aenderungen der Regierungsform blitzartig an sich vorüberziehen zu lassen. Vor ihren Augen steht immer nur, was durch Beschluß, Gesetz, gewaltsame Eingriffe der Staatsgewalt geändert werden kann und der Begriff des Ereignisses ist mit dem Erlebnis aktueller Sensationen eng verknüpft. Etas Ereignis der Eroberung eines Landes durch Kolonisation braucht andere Zeiträume. Der Zionismus baut von Grund auf Und ist in der Tat eine unvergleichliche Revolution mit langem Atem. Ein Gaiuthschicfcsal von Jahrtausenden kann nicht mit einem Schlage geändert werden. Die Annahme, daß die zionistische Aktion nur dann als Lösung zu bewerten sei, wenn der jüdischen Weltkrise in Palästina eine empfangsbereite Aufnahmestation für beliebig viele jüdische Existenzen gegenüberstehe, hat nur dialektische Bedeutung. Die politischen und wirtschaftlichen Einrichtungen für ein großes Volk können nicht vorbereitet dastehen. Man muß sie bereiten und allmählich entwickeln. Das Jüdische Nationalheim wird aufgebaut und Aufbau — kolonisatorische Eroberung eines Landes ■^erfordert ZjfWm, mit dfjÄeiyprttt^ . Aktionen noch niemals zu rechnen pflegten. Die Darlegung der zionistischen Lösung wird daher immer mit einer pädafogischen Aufgabe verknüpft sein. Es muß eine Charakterildung erfolgen, die es jüdischen Menschen erträglich macht, an einem Werk mitzuarbeiten, dessen Durchführung auf Generationen berechnet ist. Es ist nur zu begreiflich, daß auch der zionistische Mensch den schnellen Erfolg will und daß er das Bedürfnis hat, sich dem Druck dauernder Höchstforderungen an seine Leistung und an sein Vertrauen zu der Sache zu entziehen. Erfolg und Mißerfolg in der Politik und Wirtschaft, die als notwendige Begleiterscheinungen der Entwick- Iung mit innerer Sicherheit auf genommen werden müßten, irritieren die verständlich ungeduldige Bewegung über Gebühr. Das Auf und Ab der aktuellen zionistischen Meinungskämpfe ist meist durch die Schwankungen im Tempo unserer Entwicklung zu begreifen. Geht das Kolonisationswerk vorwärts, dann fühlt sich die zionistische Bewegung stark, gewinnt neue Menschen und schafft größere Mittel, die Oppositionen sind schwach und söhnen sich mit sichtbaren Erfolgen aus — man denke an die agencyfreundliche Haltung revisionistischer Führer unter dem Eindruck der Züricher Gründungs- Versammlung im vorigen Jahre. Kommen politische Rückschlage und Wirtschaftskatastrophen, die durch innere Stärke überwunden werden müßten, dann löst sich die Einheit der Organisation. Die ״Schuldfragen“ treten in den Vordergrund, das gegenseitige Mißtrauen der Gruppen wirkt auch aut die jüdische Welt lähmend, Pessimismus und Defaitismus wird beim zionistischen Gegner festgestellt und bekämpft, bis eine neue Zeit des Aufstiegs mit einem Schlage die Stimmung verändert. Unsere Erziehung müßte auf den — verständliehen -- Stimmungswechsel regulierend einwirken und Festigkeit und unübertriebene Sicherheit gerade in kritischen Zeiten offenbaren. Denn hat man einmal erkannt, daß es sich bei der Verwirklichung des Zionismus um die einzige Lösung handelt und daß Palästina imstande ist, eine sehr große Zahl von Juden aufzunehmen, dann kann und muß es dauernd die für eine kämpferische Bewegung beste Seelische Verfassung geben, gleichgültig was kommt, da es ja einen Rückzug nicht geben kann. Nicht wir haben alles auf eine Karte gesetzt, sondern das jüdische Leben zeigt,, daß uns eine große Chance der Erneuerung und Erlösung geblieben ist, und wohl der nationalen Bewegung, die bei einer aufrichtigen Prüfung keine Wahl hat zwischen verschiedenen Möglichkeiten. in dem Gedanken, daß es keinen anderen Ausweg gibt, liegt die Stärke und ErfoigsgewiÖneit des Zionismus. Der Zionismus bringt die Lösung der Judenfrage in dieser und der nächsten Generation. Heute ist der Jischuw von 160000 Juden das wichtigste Ereignis der jüdischen Welt. Kommen wir zu einer Verdoppelung oder Verdreifachung dieser Zahl, dann wird es keinen Kreis jüdischer Menschen im Galuth geben, der nicht durch persönliche Beziehung und materielles Interesse mit Palästina verbunden ist. Dann wird auch ein ganz neuer Faktor im jüdischen Leben auftreten und für das zukünftige Wachsen werden dann nicht nur die Kräfte des Galuthjudennims eingesetzt werden können, sondern auch das Eigengewicht des Jischuw im Lande. Wir machen heute die schwierigste Phase der Entwicklung durch. Je fundierter unser Werk ist, je größer die Zahl der Siedler wird, um so mehr Möglichkeiten werden sich eröffnen. Wenn wir heute politische Ziele fixieren, die unseren Bedürfnissen genügen und die wir als eine befriedigende Ant* wort empfinden, so dürfen wir nicht in politischen Kategorien denken, die im Jahre 1897 oder im Jahre J914 allein beherrsehend waren. Der Begriff der Freiheit des Lebens ist heute in der ganzen Welt nicht mehr mit dem Staatsbegriff identisch. Wie sehr wir auch unsere Macht zu entwickeln vermögen, wie sehr es uns auch gelingt, die Aufnahmefähigkeit des Landes ■zu steigern, wir werden damit zu rechnen haben, daß in dem palästinensischen Staat die arabische Nation ihren gleichberechtigten Platz haben wird und haben muß. In der politisch vergifteten Atmosphäre, in der Begriffe wie Brith Schalom und Revisionismus Symbolcharakter tragen, bleibt es Zionisten verborgen, daß die Repräsentanten verschiedenster Anschauungen — ich nenne hier nur Rutenberg, Smilanski und Ben Gurion — wer den Zionismus kennt, für den ist jeder dieser Namen ein nationales Programm — heute schon öffentlieh erklären, daß die arabische Frage das Hauptproblem unserer Politik ist. Es ist unwahr, daß die Existenz des arabischen Volkes uns in einen tragischen unauflöslichen Konflikt hineinführt. Halten wir an Palästina fest und wissen wir, daß keine andere territoriale Lösung in Betracht kommt, dann sollten wir auch erkennen, daß wir mit der Araberfrage nicht nur fertig werden müssen, daß wir auch mit ihr so fertig werden können, daß den Bedürfnissen der national-politischen Entwicklung und der vollen Freiheit jüdischen Lebens Rechnung getragen wird. Wer heute in den Bannkreis des Zionismus eintritt, der hat eine Schwierigkeit im Erkennen zu überwinden. Er steht der Realität Palästinas nicht mehr so fern wie jene, die vor Jahrzehnten von weitem in ihren Gedanken das große fertige Gebäude der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu sehen vermochten, er steht der Verwirklichung nicht so nah, daß er die Vollendung deutlieh und in naher Zukunft vor sich zu sehen vermag. Es geht ihm wie dem Wanderer im Gebirge, dem Vorberge den Ausblick auf die hohen Gipfel verbergen. Er muß also Bescheid wissen um seinen Standort, das Ganze zu erkennen vermögen, während er sich der Fülle unbefriedigender Einzelauf gaben gegenübersieht So umkämpft auch in zionistischen Kreisen die Frage tsv, ob der Zionismus mit dem Anspruch auftreten müsse, die Lösung der Judenfrage zu bringen, so unumstritten ist seine Funktion der Lösung der Judentumsfrage. Was Judentum ist, welche jüdische Kollektivleistung unserem Volke möglich ist, wird sich nur in Palästina erweisen. Die palästinensische Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat schon ausgereicht, um der jüdischen Welt das Gefühl zu geben, daß sie neue und unbekannte Leistungen von dem Leben des Jischuw erwarten darf. Die Mittelpunktsteliung von Erez-Israel wird in der ganzen jüdischen Welt empfunden, aber wir Zionisten, die wir in der Lösung der Judentumsfrage ein höchstes Ziel unseres zionistischen Strebens erblicken, müssen wissen, daß der Gegensatz von Judentum und Judenheit, der so gern auch in unseren Reihern gemacht wird, ein künstlicher ist. Die jüdische Nationale Heimstätte wird ihre Bedeutung nur haben können, wenn eine ihrer Qualitäten in der Quantität des in Palästina lebenden Volkes besteht. Kultur entsteht und wird nicht erzeugt. Wer die jüdische Kultur will, muß auch ein großes jüdisches Volk in Palästina wollen, in dem diese Kultur organisch entsteht. Es ist nur die Frage, ob die innere Ent- Wicklung, die ersehnte Erneuerung unserer Art, schneller erfolgen kann als der kolonisatorische Aufbau. Oeistige Ent- Wicklung braucht im allgemeinen mehr Zeit als politische und wirtschaftliche. Und kein Zionist kann glauben, daß ohne die äußere Freiheit des jüdischen Lebens auch die innere Befreiung der jüdischen Welt erfolgen kann. Da wir aber überzeugt sein können, daß Erez-Israel zur Heimat für einen erheblichen Teil des jüdischen Volkes werden kann, wenn dieses Volk die Energie hat, den Entwicklungsprozeß, dessen Notwendigkeit es mit voller Klarheit erkannt hat, durchzuführen, haben wir das volle Recht, im Zionismus die Lösung der Judenfrage zu erblicken. Wir haben daher das Recht, vom ganzen jüdischen Volk die Geschickes. Die neae Exckntive der Jewish Agency Eine Erklärung der Arbeiter-Fraktion Die Mitglieder der Arbeiterparteien im Zionistischen Aktions-Comite und im Administrative Committee der Jewish Agency erlassen die folgende Erklärung: Nach Beendigung der Tagung des Administrative Committee der Jewish Agency in Berlin, bei Annahme eines Budgets, für das die Arbeiterfraktion nicht gestimmt hat, und unter Schaffung einer Leitung, an der die Arbeiter nicht beteiligt sind, hält es die Arbeiterfraktion für ihre Pflicht, folgendes zu er« klären: Wir haben unter gewissen Bedingungen uns für die Errlchtung der erweiterten Jewish Agency eingesetzt und werden auch in Zukunft ihre Erweiterung und ihren Ausbau ,unterstützen. Das Versagen der Jewish Agency in diesem Jahre der Kata- Strophen berechtigt noch nicht dazu, diesen ernsten Versuch der zionistischen Bewegung zur Erweiterung des Kreises der für das Aufbauwerk Verantwortlichen zu verurteilen, doch sind die negativen Bestrebungen, die in der Leitung der Jewish Agency schon in diesem Jahre zum Ausdruck kamen, nicht zu übersehen: der Versuch, dem Aufbauwerk in Erez-Israel philantropischen und bürokratischen Charakter zu verleihen und die ungenügende Sorge um die Notwendigkeiten des Aufbaus. In der Berliner Sitzung zeigte sich nicht der Wille, diese Dinge zu bessern, ja, sie brachte nicht einmal die Oewähr für die Konsolidierung der landwirtschaftlichen Siedlungen. In dieser durch die Tagung geschaffenen Lage behält sich die Arbeiterfraktion ihre Aktionsfreiheit vor. In der gegenwärtigen schweren Situation der Bewegung erachten wir es als unsere Pflicht, wenn auch außerhalb der Leitung stehend, mit allen unseren Kräften der Jewish Agency in all denjenigen Be- Strebungen zu helfen, die darauf gerichtet sind, unsere politische Stellung zu stärken, den Jischuw zu festigen, die Möglichkeiten der Einwanderung und der Kolonisation zu vergrößern und die Jewish Agency zu demokratisieren. Doch werden wir mit aller Energie gegen die philantroplsehen und bürokratischen Neigungen kämpfen, die in einflußreichen Kreisen der Jewish Agency zum Ausdruck kommen, und in Voller Rüstung werden wir auf der Wacht stehen für die Erhaltung der politischen und kolonisatorischen Werte und Errungenschaften der zionistischen Bewegung und des Arbeiter- Werkes in Erez-Israel. Kamp! zwischen Moslems und Christen Jerusalem, 9. September« J. T. A.) In Haifa kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen mohammedanischen und christlichen Arabern. Der Streit wurde dadurch veranlaßt, daß die Mohammedaner auf einem gemein- Samen ehemaligen Soldatenfriedhot Bestattungen Vornahmen, obwohl vereinbarungsgemäß vorerst ein Schiedsgericht darüber hätte entscheiden sollen, welche der beiden Konfessionen auf den Friedhof Anspruch habe. Der Redakteur eines christlichen Lokalblattes Und ein Mohammedaner wurden getötet, weitere sechs christliche Araber verwundet. Zwölf Mohammedaner wurden im Zusammenhang mit den Ausschreitungen verhaftet.