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Jüdische Rundschau · 1930-09-09 · Heft 71 (9.9.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 71 (9.9.1930)
Date
1930-09-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 71,9. IX. 1030 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 460 wiesen werden. Wir stehen hier vielmehr am Anfang der Entwicklung. Schon seit langer Zeit war die Zahl der jüdischen Studenten in technischen und chemischen Fächern, gemessen an dem Umfang dieser Industrie in Deutschland, außerordentlich gering. Trotzdem es also nur wenig jüdische Ingenieure und Chemiker gibt, ist doch noch ein unverhältnismäßig großer Teil von ihnen arbeitslos oder in schlechten und aussichtslosen wirtschaftlichen Positionen. Diese Tatsachen sind die Folge des Verhaltens der Montan-, Elektro-, chemischen« und Bau- Industrie, wo in den meisten wichtigeren Betrieben Juden so gut wie gar nicht eingestellt werden. Diesen uns bereits bekannten Vorgang können wir heute auch in anderen Berufen sich entwickeln sehen. So stellt z. B. die Behauptung, daß in den deutschen Großbanken bald mehr jüdische Direktoren und andere leitende Angestellte als jüdische Beamte in kleinen oder mittlerer». Positionen sein werden, kaum eine Ueberfreibung dar. Dabei muß festgestellt werden, daß eS sich hier oft weniger um den schlechten Willen der jüdischen Direktoren als um die Unmöglichkeit, den Geist einer gewissen Schicht zu durchbrechen» handelt. Das kleine und mittlere Beamtentum gehört zu den stärksten Trägern des Antlsemitismus in Deutschland. In kleinen Betrieben, wo jeder Angestellte mehr als Einzelperson sich behaupten und durchsetzen muß, ist die Möglichkeit, antisemitische Gesinnung auch im Alltag zu äußern, weniger gegeben. Die größeren Betriebe dagegen zeigen fast einheitlich einen gewissen antisemitischen Korpsgeist, den auch wohlmeinende Direktoren nicht übersehen oder brechen können. Dabei ist es gar nicht nötig, diesen Antisemitismus irgendwie öffentlich zu betonen oder zu vertreten. Derartiges versteht sich von selbst und wird stillschweigend berücksichtigt. So wie es einem Juden, obwohl verfassungsmäßig kein Hindernis dafür besteht, unmöglich wäre, bei der Reichswehr oder in der Schutzpolizei anzukommen oder sich zu behaupten, ebenso können Juden heute auch kaum bei den großen und ständig wachsenden Betrieben der öffentlichen Hand Unterkommen, es sei denn, als besonders gute und begehrte Fachleute. So werden sie auch von den größeren Verkaufsorganisationen, auf die im zweiten Abschnitt hingewiesen wmrde, mit Rücksicht auf eine eventuelle antisemitische Einstellung der Käufer nach Möglichkeit ferngehalten, und, auch dies muß klar ausgesprochen werden, selbst bei Behörden, die fest in republikanischen Händen sind, würde eine stärkere Einstellung jüdischer Beamter kaum möglieh sein. Gewisse Erfahrungen, gerade in der letzten Zeit, sprechen sehr für diese Annahme. Zu diesen beiden, den jüdischen Mittelstand mit aller Schwere treffenden Tatsachen kommt die gegenwärtige Krisis, über deren Ausmaß kaum Zweifel bestehen können. Sie ist als akutes Wundfieber, als eine Begleiterscheinung des Ratio« nalisierungs-Prozesses, die den wirtschaftskörper schwer erschottert, anzusehen und verschärft alle bestehenden Probleme durch die Unsicherheit der gesamten Wirtschaftsorientierung außerordentlich. Obwohl zweifellos gerade durch diese Krisis besondere antisemitische Maßnahmen auch wirtschaftlicher Art ausgelöst werden können, ist es doch unmöglich, von jüdischer Seite für diese Krise mehr als eine Krisetihilfe zu verlangen. Auch eine nüchterne, sachliche Beurteilung der angege« benen Schwierigkeiten wird bestätigen müssen, daß die eingangs geschilderte Schwere der wirtschaftlichen Verhältnisse des deutschen Judentums in vollem Umfange besteht. Die Beweise hierfür werden durch die gesunkene Steuerkraft, über deren Ausmaß die schlechte I-age der Gemeinden keine Zweifel bestehen lassen, die ständig wachsende Zahl der Konkurse und das wachsende Elend und die dadurch verursachte Inanspruchnahme der öffentlichen Wohltätigkeit von Kreisen, die bis vor kurzem noch in gesicherten Positionen waren, bestätigt. Vor allem werden aber diese Schwierigkeiten bei der Berufsberatung für die Heranwachsende Generation sichtbar. Kleine Nachrichten Jerusalem, 3. September. (J.T. A.) An der Feier der durch den stellvertretenden High Commissioner Stuart Davis vorgenomitienen Grundsteinlegung für den Neubau des Jerusalemer Rathauses beteiligten sich von prominenten jüdischen Persönlichkeiten nur Rabbi Sonnenfeld; Colone! Kisch und der frühere jüdische Vizebürgermeister Solomon waren dem Festakt demonstrativ ferngeblieben. Bürgermeister Reg heb Bey Nashashibi sprach ein Gebet um Frieden für die Stadt. Der High Commissioner Sir John Chancellor brachte in einem Telegramm den Wunsch nach Er- Neuerung und Ausbau der heiligen Stadt zum Ausdruck. Stuart Davis wies aut die enormen Fortschritte, insbesondere im Straßenbau und in der Wasserversorgung hin. Jerusalem, 3. September. (J.T.A.) Die Iandwirtschartliche Schule in Mikweh Israel feierte ihr 60jähriges fubiläum. Direktor Krause gab einen Ueberbiick über die ״Entwicklung der Schule. Die Zahl der Schüler beträgt der- Zeit 200. in den letzten Jahren fanden alle Absolventen in der heimischen Landwirtschaft Beschäftigung. Glückwünsche waren eingetroffen u. a. von der Regierung, dem Landwirt- Schaftsdepartement, der Stadtverwaltung Tel-Äwiw, dem Rabbihat, der Jewish Agency, dem Keren Hajessod u. a. Ein Teil der Wiener Presse kommentiert die Uebernähme der Bundesführung der österreichischen Heiniwehren durch Fürst Starhemberg als Anzeichen einer Verstärkung antisemitischer Tendenzen in dieser Organisation. Während die bisherigen Führer Dr. Steidie und Dr. Pfrimer wiederholt betonten, daß die Heimwehr keinen antisemitischen Charakter habe, soll der nunmehrige einzige Führer Fürst Starhemberg in enger Verbin düng mit der Hitler-Bewegung In Deutschland itehen. Moskau, 4. September. (J.T.A.) Eine vom Zentralkomitee der kommunistischen Partei der Ukraine einberufene Konferenz der sozialen und kulturellen Organisationen faßte den Beschluß, die Zeit vom 15. September bis 15. Oktober, in die die hohen jüdischen Feiertage fallen, als einen ״Monat für antireligiösen Kultur-Vormarsch“ zu problamieren. Der Jüdische Parlamentsklub In Polen hat einen Appell an den Staatspräsidenten Moscicki betreffend Abschaffung der noch aus der Zarenzeit bestehenden gesetzlichen Beschränkungen gegen die Juden gerichtet und Abschriften des Appells dem Ministerpräsidenten Marschall Pilsudski und dem Justizminister zugehen lassen. In einer jüdisch-orthodoxen Privatschule in Frankfurt a. M. wurde am 5. September eine mit Pulver gefüllte explosionsfähige Feldgranate gefunden. Auch in der Zeit der letzten Reichstagswählen hatte man in einer Jüdischen Schule einen ähnlichen Fund gemacht. Rabbiner Julius Samuel aus Berlin, der bisher die Stelle eines Generalsekretärs beim Weltverband für Sabbatschütz ״Schomre Schabbos“ bekleidete, hat einen Ruf auf den Rabbinatssitz der norwegischen Hauptstadt Oslo erhalten. Rabbiner Samuel wird diesem Rufe Folge leisten und sein Amt noch vor den Hohen Feiertagen antreten. Pres$esd1au Deutschland und die Ballour •Deklaration In den ״Preußischen Jahrbüchern“ (Nr. 3, September 1039) widmet Europa us der Balfour-Deklaration eine 25 Seiten lange Betrachtung. Er führt u. a. aus: Besonders für die Bildung der öffentlichen Meinung in Deutschland wird eine objektive Darstellung nahezu zur Notwendigkeit, einmal wegen der außerordentlichen Sympathie, die hier, und Zwar durchaus berechtigt, dem zionistischen Aufbauwerk entgegengebracht wird, und dann, weil der Rat des Völkerbundes, dem Deutschland als ständiges Mitglied angehört, nach populärer Auffassung für die Ausführung der Balfour-Deklaration verantwortlich ist, so daß es scheinen müßte, als ob Deutschland für die Verwirklichung der zionistischen Hoffnungen einzustehen habe. Es muß vorausgeschickt werden, schreibt Europius, daß t'-r dichteste Schleier, und zwar in Deutschland, über die Entstehung der Balfour-Deklaration gezogen wird. Man hat hier den Eindruck, daß die berühmte Deklaration des kürzlieh verstorbenen Lord Balfour vom 2. November 1017 von ausschließlich idealen Beweggründen getragen ist, um dem zerstreut lebenden jüdischen Volk wieder zu einer Heimstätte im eigenen Lande zu verhelfen und somit ein Unrecht an dem Judentum wiedergutzumachen. Dies Ist bei weitem nicht der Fall. Ais die Alliierten sich während des Weltkrieges die künftige türkische Beute in Oeheimverträgen teilten, dachte man weder in London noch in Paris urid Moskau an die Erfüllung jüdischer Ansprüche auf Palästina. Diese verschiedenen Teilungsverträge, von denen das Sykes-Picot-Abkommen vom 0./16. Mai 1016 das markanteste ist, sahen vielmehr für Palästina ein besonderes internationales Regime vor, das einer späteren Verständigung zwischen England, Frankreich und Rußland Vorbehalten sein sollte. Das Abkommen von St. Jean de Maurienne (1Q./21. April 1017) beteiligte auch Italien an dieser Abmachung. Das vorgesehene internationale Regime sollte beileibe nicht irgendwelche zionistischen Hoffnungen verwirklichen; es war nichts weiter als eine Veriegenheitsforme!‘zur Verdeckung interalliierter Gegensätze. — Europäus bespricht dann Englands spätere Abmachung mit dem Seherifen Hussein von Mekka und umreißt die englische Orientpoütik der letzten Jahrzehnte. Schließlich habe sich für England die Notwendigkeit herausgestellt, zionistischen Werbungen Gehör zu schenken. Die Sympathien des größten Teils der Judenschaft der Welt standen auf deutscher Seite. Die deutschtürkischen Besprechungen mit zionistischen Stellen waren soweit gediehen, daß man in Berlin glaubte, ein festes Bündnis mit der Judenschaft der Welt bereits in der Tasche zu haben. Die Zionisten versäumten nicht, ein zweites Eisen in London ins Feuer zu legen, denn die Alliierten hatten ja die Befreiung der arabischen Landesteile, zu denen Palästina gehörte, als oberstes Kriegsziel im Orient verkündet, und für den Fall eines Sieges der Entente wollte das Zionistische Aktions-Comitö ebenfalls gesichert sein. Die Führung auf zionistischer Seite hatten Dr. Weizmann und N. Sokolow, während sich von englischen Staatsmännern hauptsächlieh Balfour, Lord M i 1 n e r, Lloyd George und Lord Robert C e c i i ״für die zionistischen Einflüsterungen empfänglich zeigten“. Die Balfour-Deklaration wurde verkündet, um die Judenschaft in letzter Stunde dem deutschen Einfluß zu entziehen und ״ihre ungeheure Macht In jeder Hinsicht finanziell, moralisch, Presse, öffentliche Meinung, ja sogar durch Bildung jüdischer Legionen zum Kampf in Palästina selbst, gegen Deutschland einzusetzen“. Europäus glaubt, mit dieser Feststellung nichts Neues zu sagen, wenn auch in Deutschland von zionistischer Seite der wahre Anlaß der Balfour-Deklaration geflissentlich verschleiert wird, denn in England selbst ist die Doppelseitigkeit der Balfour-Deklaration niemals bestritten gewesen. Ihre Entstehung ist der Grund, warum die Balfour-Deklaration in Deutschland selbst wenig sympathisch klingt. Das Mandatsstatut für Palästina, führt Europäus weiter aus, wurde von England selbständig aufgestellt und auf seine eigenen Bedürfnisse zugeschnitten. Eine Einwirkung auf gewisse Bestimmungen hatten neben dem Vatikan nur die Zionisten, nicht jedoch die Araber. Nun erhebt sich die gewichtige Frage, ob die Genehmigung des Mandatsstatuts durch den Rat des Völkerbundes dem jüdischen Volke tatsächlich einen erstens unantastbaren und zweitens sicheren Anspruch auf die Errichtung der Heimstätte in dem in der Präambel des Statuts angegebenen Umfang gewährt. Die Frage kann weder in dem einen noch in dem anderen Sinne bejaht werden. Der Völkerbund war 1922 noch ein Bund der Sieger. Die von Engfand und Frankreich nach ihren eigenen Interessen auf* gestellten Mandatsstatuten wurden von dem Rat des Völker* Sundes ohne jeden Einwand zugunsten der unbefragt gelassenen Mandatsvölker genehmigt. Dazu kommt, daß der Völkerbund ganz allgemein einer wirklich übergeordneten moralischen Autorität entbehrte, da der consensus omnium fehlte; Deutschland, die Vereinigten Staaten, Sowjctrußiand standen außerhalb. Europäus untersucht von seinem Standpunkte aus die völkerrechtlichen Grundlagen des Palästina-Mandates und die historischen, die religiösen, sozialen und ethischen Gründe des jüdischen Anspruchs und bemüht sich, diese Gründe zu widerlegen. Ob das Jüdische Nationalheim in Palästina ausgebaut und erhalten wird, hängt ausschließlich von dem Willen der englischen Regierung ab. An dem Tage, an dem die Mohammedaner Indiens ihre weitere Loyalität von der Aufrichtung der arabischen Freiheit In Palästina abhängig machen, muß, nach Europäus, ein Jüdisches Nationalheim auf politischer Orundiage Zusammenstürzen. England hat bisher das jüdische Aufbauwerk durchaus nicht gefördert. Die Zionistische Exekutive hat den doppelten Fehler begangen, das englische Interesse an der Jüdischen Heimstätte zu überschätzen und die Widerstandskraft der arabischen Bevölkerung zu gering zu werten. Europäus hält es für sicher, daß die Deklaration, die ja jede Auslegung verträgt, nunmehr, nach dem Bericht der Shaw-Kommission, eine weitere Einengung erfahren wird. Die deutsche Einstellung zum Zionismus, meint Europäus, ist grundsätzlich sympathisch und in keiner Hinsicht durch irgendwelche politischen und materiellen Nebenabsichten beeinflußt. Dem amtlichen Deutschland wäre, wenn Deutschland gesiegt hätte, sicherlich der Gedanke fremd, Palästina eine Jüdische Heimstätte aufzuzwingen. Es dürfte wohl ausgeschlossen sein, daß die Zionisten von der deutschen Regierung eine andere Förderung als die Unterstützung des Aufbaus einer Heimstätte kultureller Art ohne jede politische Sonder- Stellung zu erhoffen gehabt hätten. Durch die Aufnahme in den Rat des Völkerbundes, schließt Europäus, ist Deutschland keineswegs Garant der Ausführung der Bestimmungen des Mandatsstatuts geworden, einmal aus politischen Zweckmäßigkeitsgründen, denn Deutschland kann in einer Sache, welche zunächst die Engländer und die Araber angeht, weder gegen die eine noch die andere Partei stimmen, und dann gehört das Mandatsstatut zu einer Anzahl von Verträgen, von deren unantastbarer Heiligkeit trotz ihrer Bestätigung durch den Völkerbund Deutschland nicht sonderlich überzeugt ist. Solange das Statut in Kraft ist, muß die deutsche Regierung sich für seine Ausführung einsetzen, soweit dies im Interesse einer Befriedung Palästinas liegt und dem jüdischen Aufbauwerk zugute kommt, ohne das arabische Selbstbestimmungsrechi zu verletzen, Soweit diese Verletzung bereits eingetreten Ist, hat England die Verantwortung allein zu tragen, Deutschland kann sie nicht teilen. Mit diesen Vorbehalten kann das zionistische Werk der aufrichtigen und ehrlichen Sympathie Deutschlands sicher sein, und Im Rahmen dieser Vorbehalte wird Deutschland das in dem Mandatsstatut verbriefte Jüdische Heim fördern. Die von Lord Balfour während des Weltkrieges fm Namen der englischen Regierung gegen Deutschland erlassene 'Deklaration existiert für die deutsche Regierung jedoch nicht. * ״Der Deutsche Volkswirt“ (Nr. 48) schreibt, Palästina scheine jetzt als Völkerbunds-Mandat zu einem politischen Eris- Apfel zu werden. Während sich im Lande selbst ständig Reibungen zwischen Juden und Arabern ergäben, sei jetzt auch die Mandatarmacht mit der Mandatskommission des Völkerbundes aneinandergeraten. Dadurch, daß die Mandatskommission von vornherein ihre Untersuchung auf das Verhalten der Mandatarmacht beschränkt und sich um Juden und Araber nicht gekümmert habe, sei England in eine schwierige Position geraten: es müsse nachweiscn, daß die Dinge noch schlimmer ständen, wenn die Mandatarmacht nicht dagewesen wäre. Die Mandatskommission habe untersucht, ob England vollauf seine Pflicht getan habe, um 1. die Bedingungen für die Errichtung eines Jüdischen Na* tionalhclms, 2. die Bedingungen für die Er,twicklung der Selbstverwaltungseinrichtungcn zu schaffen, und 3. die Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung zu wahren. Dsfcef sei die Mandatskommission teilweise zu einem negativen Ergebnis gekommen, und werfe England besonders vor, passiv zugesehen zu haben, wie die jüdische Einwanderung immer mehr zum Popanz für die eingesessenen Araber geworden sei, — statt beide durch seine Autorität zu gemeinsamer Reformarbeit zu zwingen. Dagegen behauptet zwar England, tatsächlich alles für den Aufbau des Landes getan zu haben, scheine aber im Grunde der Ansicht zu sein, daß jede größere Aktivität von seiner Seite die Unvereinbarkeit der drei Mandatsbedingungen noch offenkundiger gemacht hätte, als seine verhältnismäßig passive Haltung. Denn das Selbstbestimmungsrecht schließe eben die Errichtung des Nationalheims aus, und die gleiche Behandlung aller Palästinenser sei unvereinbar mit der Förderung der jüdischen Einwanderung. Die Mandatskommission scheine ״der rastlosen Petitionstätigkeit der zionistischen Organisationen der ganzen Welt aufmerksam gelauscht“ zu haben, und finde außer dem Tadel für England auch noch Worte der Warnung für die Araber, den Mandatsbestimmungen nicht zu widerstreben. Aber Englands gesamte arabische Politik außerhalb Palästinas sei auf mög-, lichste Loslösung der arabischen Gebiete von der englischen Hoheit gerichtet und könne, besonders unter einer Labour-Regierung, nicht wegen der palästinensischen Frage radikal geändert werden. Daher sei die aktivistische Politik In Palästina, die der Völkerbund verlange, von England ״sobald nicht zu erwarten“. A. P. Ein Kultardokomenlt Die deutsche Liga für Menschenrechte übergab der Oeffentlichkeit durch die Zeitungen und durch Anschlag auf Litfaßsäulen einen Aufruf gegen den Antisemitismus, in welchem gegen die ״Kulturschande des Judenhasses“ Protest erhoben wird. Aus dem Aufruf seien nachstehende Sätze wieder gegeben: ״Gegen diese Kulturschande erheben die Unterzeichneten ihre Stimmen, well sie nicht mitschuldig werden wollen an der infanten Verunglimpfung der Juden“, Sie ... fordern die Regierung aut, den angegriffenen Volkstell im Sinne der Reichsverfassung zu schützen.“ ״Deutschland ist heute das einzige große Land, wo diese Art von Antisemitismus überhaupt noch Boden hat“ ״Eine mit den schlimmsten Terrormethoden arbeitende Minderheit darf nicht das deutsche Volk unter das Niveau der anderen großen Völker herabdrücken.“ Der Aufruf istnurvonNichtjaden unterzeichnetvderen Namen folgen: Dr. Georg Graf Arco. Prof. Dr. Baumgarten. Gertrud Bäu■* mer, M.d. R. Pfarrer August Bleier. Oberbürgermeister Brauer, Altona. Generalmajor a. D. v, Bresler. Arthur Crlspien, M. d. R. B. von Deimling, General a. D, Prof. Dr. Martin Dibelius. Hans Eder, München, M. d. R. Kaplan Falisel. Pastor Emil Feldern Reichsminister a. D. Dr. Gothein. Staatsminister Grimme. Regierungspräsident Dr. Hausmann. Dr. Gerhart Hauptmann. Geheimrat Prof. Dr. Holde. Stadtpfarrer E. Lamparter. Prof. Dr. h. c. Thomas Mann. Senator Dr. Nöldecke. Bürgermeister Dr. Petcrsen. Staatsminister a. D. Ronneburg. Reicnsminister a. D. Carl Severing. Oberpräsident Siehr. Freiherr von Schoenaich. Prof. Levin L. Schücking. Prof. Walther Schöcking. Prof, v. Schulze-Gaeveraitz. Pater Franziskus M. Stratmana O. P. Domherr Karl UUtzka. Prof. Dr. Veit Valentin. Prof. Dr. Konrad Ziegler. Landgerichtspräsident Dr. Hans Zint. Dieser Aufruf ist ein Kulturdokument schon deswegen, weil im Jahre 1930 in Deutschland die Notwendigkeit besteht, derartige Aufrufe zu erlassen. Einige bedeutende jüdische Gelehrte nehmen an dem siebenten Internationalen Philosophen-Kongreß teil, der in Oxford in Anwesenheit von 500 Delegierten aus den meisten Ländern der Erde abgehalten wird. Unter den Vortragenden sind Philosophen von Weltrang, wie Benedetto Croce und Prof. S. Alexander, letzterer der einzige Jude, der den Order of Merit, die höchste englische Auszeichnung, die auf jeweils 24 Träger beschränkt Ist, besitzt. Prof, Alexander hält eine Vorlesung über das Thema ״Neue Anregungen in der Theorie der Schönen Künste“. Andere jüdische Referenten sind Prof. Morris R. Cohen, der die Frage ״Ist die Geschichtsphilosophie in Uebereinstimmung mit den historisehen Tatsachen?“, Prof. Gomperz, der das Thema ״Was ist lebendig und was ist tot in der Philosophie des kiassisehen Altertums?“ behandelt, Prof. F. Enriques aus Rom, dessen Thema lautete: ״Sind die jüngsten Fortschritte in den Naturwissenschaften von metaphysischer Bedeutung?“, Prof. L, Brunschwig von der Sorbonne, der über ״Die Beziehung wissenschaftlichen Denkens zum Erkenntnisideal“ lesen wird, und schließlich Prof. A. A. Roback von der Harvard-Universität, der einen Vortrag in der Sektion für Philosophie des Mittelalters und des Orients halten wird. Prof. Roback wird in diesem Vortrag auch das Thema behandeln: ״Wann endete die Entwicklung der jüdischen Philosophie?“. — Bei der feierlichen Eröffnung des Kongresses war Professor Brunschwig einer der vier offiziellen Redner. Die Führer der jüdischen Arbeiterschaft in Amerika, Shipliakow, Fineston und HemIin, verbrachten einige Wochen als Gäste der jüdischen Arbeiter in Palästina. Von hier begeben sie sich als Delegierte der amerikanisch-jüdischen Arbeiterschaft nach Berlin zur Teilnahme an dem am 27. September in Berlin beginnenden Weltkongreß für das arbeitende Palästina. Die Histadruth sowie die Stadtemeinde Tel-Awiw gaben den Gästen Empfänge, bei denen erzliche Begrüßungsreden gehalten wanden.

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