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Jüdische Rundschau · 1930-09-09 · Heft 71 (9.9.1930) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 71 (9.9.1930)
Date
1930-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 468 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 71» 0. IX. 1030 Der 23• August - Die Lehrerkonferenz Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AO., Tel-Awiw, 28. August. Der arabische Streik am 23. August, dem Jahrestage der Unruhen, dessen unmittelbarer Anlaß die Amnestie für den Juden Urphali bildete, wurde von der Regierung schärfer bekämpft als bei früheren Gelegenheiten. Ein Flugblatt der Arabischen Exekutive wurde verboten, in den Büros beschlagnahmt und sein Abdruck in den Zeitungen untersagt. Sämtliche Blätter außer ״D j a mi a ei Ara bi a 11“,dem Organ des moslemischen Rates, fügten sich der Regierungsordre. Verschiedene arabische Blätter erschienen am Streiktag mit schwarzem Rahmen und mit Bildern der Hingerichteten. Auffallend war, daß der englische ,,Felestin“, der am Tage des Streiks herauskam, sich nicht von seinen regelmäßigen Nummern unterschied und dem Streik nur eine kurze Notiz auf der dritten Seite widmete. In den drei Städten war der Streik ein Teilerfolg. in Jaffa war er stark zu spüren, da die Hauptstraße und der Basar mit wenigen Ausnahmen geschlossene Läden zeigten und die Stadt einen feiertäglichen Anstrich trug mit überfüllten Cafes und vielen Spaziergängern. Der Eindruck des Feierns wurde in Jaffa, wie auch in den anderen Städten noch dadurch verstärkt, daß auch die Juden — es war ein Sonnabend — ihre Läden geschlossen hielten. Die aktive Propaganda besonderer Agitatoren, die die Bevölkerung zum Feiern aufforderten, war diesmal kaum zu spüren. Vielleicht macht sich nach den vielen Streiks des letzten Jahres auch hier eine gewisse Müdigkeit bemerkbar, wozu sich bei vielen auch Mißtrauen diesen Methoden gegenüber gesellt. Der Streik hat ein Nachspiel in dem Prozeß des Büro- Ieiters der Arabischen Exekutive, der vor den Gouverneur von Jerusalem geladen ist, um sich wegen des verbotenen Flugblattes und eines Artikels zu verantworten. Der Prozeß ist noch nicht beendet. Es ist von Bedeutung, daß der inkriminierte Artikel ‘sich gegen England wendet und ebenso wie das Flugblatt in scharfem Tone abgefaßt ist. Dieser Prozeß erinnert in seinem politischen Charakter und seiner administrativen Form — der Gouverneur fungiert als Richter — an die Jaffaer Prozesse, die vor einigen Monaten zur Verschickung einiger arabischer Prominenten in kleine Städte führten, wo sie unter Polizeiaufsicht gestellt wurden. Der Prozeß fällt zusammen mit zwei Zeitungsverboten, eines davon bis aut Widerruf. Alles in allem ein recht kräftiges Eingreifen der Regierung, die auch am Streiktage überall starke Wachen verteilt hatte. Die Patrouillen waren überall, sie standen in den Basaren, fuhren auf Autos ihre Runden ab, saßen in den Stationen und vor den Moscheen. Aber es gab keine Notwendigkeit, einzugreifen und alles verlief still. * Die Ferienzeit wird meist von den jüdischen Lehrern des Landes benutzt, um ihre Jahreskonferenz abzuhalten. Auch in diesem Jahre traten die Vertreter der Lchrerorganisation aus dem ganzen Lande in Jerusalem zusammen. Die Tagesordnung der Konferenz war groß und umfaßte sehr wichtige Punkte; freilich wird über viele von ihnen seit Jahren im Lande diskutiert. Es handelt sich also nicht um neue Probleme. Eine wichtige Stelle nahm auf der Konferenz der Vorschlag von Miß Szoid eia, die Verwaltung des Schulwerks nach und nach aus den Händen der J ewish Agency in die des Waad Leumi, also des Jischuw, zu übergeben. Es gab kaum große Meinungsverschiedenheiten über diesen Punkt unter den Lehrern. Die große Majorität zeigte eine scharfe Gegnerschaft gegen jeden Plan, die Jewish Agency von der Verantwortung für das Schulbudget — ganz oder zum Teil — zu entlasten. Die Gründe für diese Gegnerschaft sind vor allem finanzieller Art. Die Lehrer fürchten, daß die für das Schulwerk nötigen Summen nicht in genügendem Umfange und zur rechten Zeit zur Stelle sein werden, wenn die Jewish Agency nur für einen Teil der Gelder, bzw. überhaupt nicht mehr verantwortlich sei. Es wurde also jeder solche Versuch völlig abgelehnt. Ein zweiter wichtiger Punkt der Tagesordnung behandelte die Frage des Unterrichts in den Volksschulen, im Zusammenhang mit den Lehrplänen der Mittelschulen. Es ist dieses eine schwere und wichtige Frage für Palästina, wo bei sehr vielen die Tendenz besteht, sich für ihre Kinder nicht mit Volksschulbildung zu begnügen. Die Frage hat einen mehr ais technischen Charakter und müßte — soll sie gründlieh erfaßt sein — in einem weiteren Zusammenhang betrachtet werden. Sie gehört mit zu jenem Problemkomplex, der lautet: inwieweit sind die hebräischen Schulen den Landesbedingungen und den besonderen Bedürfnissen der Juden Palästinas angepaßt? In diesen Rahmen gehört die Frage der Volksschulbildung in ihrer Proportion zu den Mittelschulen, die Frage der technischen Erziehung (Landwirtschaft), das Sprachenproblem (arabisch, Vermittlung einer europäischen Sprache), kurz — ein ganzes Gewirr von Schwierigkeiten, die nur unter Betrachtung aller Faktoren allmählich einer Lösung zugeführt werden können. Mit der Diskussion über die Uebereinstimmung von Volks- und Mittelschulen hat die Lehrerkonferenz einen dieser Punkte herausgeholt. Es wird vermutlich jedoch noch langer Zeit brauchen, ehe die ״Schulfrage“ in ihrer Gesamtheit angepackt wird. Noch ein Beschluß der Konferenz verdient Erwähnung, und zwar ihre Ablehnung jeder Prüfungskommi s s i 0 n für die Mittelschulen, in der nichtjüdische Instanzen (wie Regierung, ״Board for Higher Studies“) vertreten sind. Es wirdJ im Gegensatz zu dem Erziehungsdepartement der Agency von den Lehrern die Forderung gestellt, daß die Prüfangen allein durch die Hebräische Universität abzuhalten seien, während jede Einmischung anderer Instanzen abgelehnt werden soll. Dieser Beschluß wirft von neuem eine Frage auf, die im letzten Jahre innerhalb des Erziehungsdepartements heftig diskutiert wurde und zu langen Verhandlungen mit der Regierung Anlaß gegeben hat. Sie betrifft den Status der jüdisehen Gymnasien ausländischen Universitäten gegenüber und tangiert in gewisser Beziehung auch den Begriff der admiriistrativen Autonomie, der heute meist noch mit dem der kulturellen identifiziert wird. Bei den meisten Punkten der Tagesordnung wurde es wieder einmal deutlich, daß das Studium der Schulprobleme von den inoffiziellen Kreisen des Jischuw zu wenig gepflegt wird. Es gibt für die Diskussion dieser Fragen nur zwei Stellen: das eine ist der ״Erziehungsrat“ der Agency (Waad Hachinuch), wo die verschiedenen Strömungen des Jischuw vertreten sind, das zweite das Forum der Lehrer. Beide sind bis zu einem gewissen Grade offiziell und haben meist so viele administrative Dinge zu erledigen, daß es schwer wird, zu den eigentlichen Fragen vorzudringen. Hier müßte eine zwanglose öffentliche Diskussion, wo die Dinge sozusagen ganz ״unprofessionell“ behandelt werden, anregend und regufierend wirken. Dann würde sich mancher überhaupt erst darüber klar werden, daß auf diesem Gebiet nicht nur lnstitutionen zu erhalten, sondern die Entwicklung in einer bestimmten Richtung gelenkt werden muß. Der Natfonalitöten-Kongrel in Genf Die jüdische Abordnung. Genf, 4. September. (J. T. A.) Bei Anwesenheit von Delegierten aus fast allen Staaten Europas, die 15 Völker vertreten, wurde der sechste Nationalitäten-Kongreß eröffnet Der Präsident des Kongresses, Dr. Josip W> i I f a n (Slovene), leitete seine Begrüßungsrede mit dem Ausdruck des Bedauerns ein, daß der von Anfang an an der Minderheltenbewegung führend beteiligte Repräsentant des jüdischen Volkstums, Leo Motzkin, infolge Erkrankung am Kongreß nicht teilnehmen und diesmal nicht seinen alten Ehrenplatz im Präsidium einnehmen kann. Auf Anregung des Präsidenten Wilfan beschließt der Kongreß, Leo Motzkin einen Gruß und den Wunsch aut baldige Wiedergenesung zu übermitteln. In das Präsidium des Kongresses wurde ais jüdischer Repräsentant Nurok gewählt. Außer Ihm nehmen als Vertreter jüdischer Gruppen am Kongreß teil: der frühere litauische Deputierte Jakob Robinson und der Führer des bulgarischen Gemeinde-Konsistoriums, Oberst T a d g e r. Dem Kongreß liegen Minderheitenberichte von 13 europäischen Völkern vor, darunter ein Bericht über die Lage der jüdischen Minderheiten in den verschiedenen Lindem. Dr. Ammende hielt ein Referat über ״Grundsätzliche Schlußfolgerungen, die sich aus den Lageberichten der Nationalitäten ergeben“ und führte aus, daß das europäische Nationalitätenproblem eine Sache ist, die Europa in fast allen seinen Teilen und Staaten berührt. Das Minderheiten- Problem ist somit eine gesamteuropäische Frage. Einen großen Umfang erreicht das Problem in Ost- und Mitteleuropa. Die Zahl der zu den Minderheiten gehörenden Menschen in Europa, unter Ausschluß des gesamten russischen Gebietes, beträgt ca. 40 Millionen. An den Rumänien betreffenden Berichten sind z. B. sechs verschiedene Völker beteiligt: Die Ungarn, die Deutschen, die Ukrainer, die Bulgaren, die Juden und die Russen. Für Polen kommen gleichfalls sechs Völker in Betracht: Ukrainer, Weißrussen, Litauer, Deutsche, Russen und Juden. Für die Tschechosfowakei: Deutsche, Ungarn, Russen, Polen und Juden. Für Litauen: Deutsche, Polen, Juden und Russen. Die Nationalitäten klagen über Entnationaiisierungs- Politik gegenüber den Minderheiten, wirtschaftliche und kulturelle Beeinträchtigung, bzw. Unterdrückung der Minderheiten, Negierung des Vorhandenseins der in Frage kommenden Volksgruppen usw. Rein persönliche Leiden ergeben sich aus der gegenwärtigen Lage der Dinge für Millionen von Europäern, es sei bloß auf die Frage der Staatenlosen hingewiesen. Tausende und aber Tausende von Mensehen, die unter dem Stempel ״staatenlos“ Verluste an Besitz, Gesundheit und Lebensglück zu buchen haben, zählen zu den Opfern dieser Verhältnisse. Einzig In Estland und Lettland haben die Mehrheitsvölker und Minderheiten in gemeinsamer Arbeit den Weg zur Kulturautonomie, zur völligen Freiheit der nationalkulturellen Betätigung für die Minderheiten gefunden. Die Lageberichte sollen demnächst veröffentlicht werden, sie werden erstmalig eine dokumentierte Darstellung der heutigen Zustände auf dem Gebiet der Nationalitäten-Frage in Europa bringen. Im Verlauf 'der Aussprache über die Frage ״Paneuropa und die Minderheiten“ führte der jüdische Vertreter Robinson (Kowno) ‘aus, man könne sich mehr Erfolg versprechen von einer Pazifistentagung der europäischen Generalstäbe, als von dem Versuch, eine europäische Staatenföderation zu schaffen, weil man dabei nicht wisse, ob der Paneuropäer stärker als der Pannationalist sein werde. Robinson warnte vor der VerÖfFfentflchtlng der Lageberichte der Minderheiten, weil daraus manche Regierungen nur Anregungen dafür schöpfen würden, wie man die Minderheiten noch schlechter behandeln könnte. Antisemit aus Judenlreundschalt Die Bukarester Tageszeitung ״Adeverul“ hat ein bisher unwidersprochen gebliebenes Interview des rumänischen Innenministers Vaida-Voevod wiedergegeben, in welchem der Minister zugegeben hat, daß er direkte Beziehungen zu den Antisemitenführern unterhielt und sie unterstützte; dies habe er aber nicht aus Feindschaft zu den Juden getan, sondern im Gegenteil aus Freundschaft zu den Juden; er wollte auf diese Weise die antisemitische Bewegung kontrollieren. ״Adeverul“ setzt nun die Wiedergabe jenes Interviews fort und verbürgt sich für dessen Authentizitat. Im Verlauf des Gespräches äußerte sich Minister Vaida- Voevod dahin, die Juden schaden sich selbst, wenn sie laut vor aller Welt Klage führen und besonders den Brand von Borscha herausstreichen, denn eben dadurch seien die Bauern auf den Gedanken gebracht worden, die Juden hätten selbst, ohne Rücksicht auf die Mitgefährdung nichtjüdischen Eigentums, den Brand in Borscha gelegt, um die Versicherungssummen zu bekommen. Auch dächten die Juden, sagte Vaida-Voevod weiter, zu wenig an die Tatsache, daß ihre Emanzipation in Rumänien noch jungen Datums und noch nicht ganz gesichert sei; es wäre darum besser für sie, nicht allzu weitgehende Forderungen zu stellen. Diejenigen, die aus Amerika und aus anderen Ländern nach Rumänien kommen, — fuhr der Innenminister fort —sollten die Zustände im Lande nicht übertrieben darstellen, wie es der Sonderberichterstatter der J. T. A., S m o I a r, während seiner Anwesenheit in Rumänien im Juli getan habe. Der Minister sagte wörtlich: ״Ich hätte ihn verhaften und ausweisen lassen sollen, denn er hat Rumäniens Ansehen geschadet. Besonders hat die Wiedergabe seines Interviews mit mir unserem Kredit im Auslande Abbruch getan. ״Länder, in denen ein viel heftigerer Antisemitismus herrsche, wie z. B. Ungarn, haben dennoch ausländische Kredite erhalten.“ Die Bemerkung des Interviewers, daß seine Erklärungen wie eine Drohung gegen die Juden klängen, und daß sie dazu angetan seien, die antisemitischen Gruppen zu ermutigen, ließ Minister Vaida-Voevod unbeantwortet. Czernowitz,4. September. (J.T. A.) Die Cuzistischen Führer Danila, Totu und Ir 1 ma, die vor wenigen Tagen aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen wurden, haben im Zuge Jassy—Pascani den jüdischen Kaufmann Jeancu Goldenberg aus Pascani überfallen und blutig mißhandelt. Der Zugführer und das übrige Eisenbahnpersonal griffen nicht ein. Auch der Stationsvorsteher, an den sich der Ueberfallene um Schutz wandte, weigerte sich einzuschreiten. Moskau, 4. September. (J.T.A.) Das Sowjetgeeicht in Kiew hat zwei Banditenführer, Donzow und Schweiko, zum Tode durch Erschießen verurteilt, das Urteil wurde bereits vollzogen. Während der Gerichtsverhandlung wurde festgestellt, daß die beiden Banditen in der Zeit der ukrainischen Pogrome Unterführer des Attamans Kiimenko waren und als solche die jüdische Bevölkerung ganzer Städte ausgerottet hatten. Wirtschaltliche Neuorientierung L Von Max Tischler (Berlin). Wir setzen in nachstehendem die Diskussion über Wirtschafts- und Berufsprobleme der deutschen Juden fort Red. Die wirtschaftliche Lage der deutschen Judenheit ist zurzeit so schlecht wie noch nie seit ihrer Emanzipation, wobei noch als verschärfendes Moment hinzukommt, daß auch die Aussichten für die Zukunft wenig Hoffnung auf Besserung zulassen. Das entscheidende an der heutigen Situation ist nicht so sehr der Vermögensverlust durch Krieg und Inflation als vielmehr die von Tag zu Tag geringer werdende Möglichkeit, für die geräumten Wirtschaftspositionen neue Stellungen einnehmen zu können. In diese schwere Lage ist die deutsche Judenheit nicht plötzlich gekommen. Seit" Jahren waren die Anzeichen für diese durch verschiedene Faktoren bedingten Schwierigkeiten vorauszusehen, und seit Jahren wurde auch, speziell von zionistischer Seite, davor gewarnt, diese Schwierigkeiten zu unterschätzen. In letzter Zeit hat sich infolge des Hinzukommens verschiedener besonderer Umstände das Tempo der Verdrängung der Juden aus ihren wirtschaftlichen Positionen und damit ihrer Pauperisierung bei gleichzeitiger Unmöglichkeit in andere Berufe überzugehen derart verschärft, daß die Augen der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit Deutschlands wie mit Gewalt auf dieses Problem gelenkt wurden. Diese Situation, der das deutsche Judentum nunmehr gegenübersteht, ist dem Zionisten, der gewohnt war, jüdische Probleme nicht abgegrenzt, sondern zusammenhängend zu betrachten, nicht unbekannt Aehnliche fast parallele Entwicklungen sind in Ost-Europa vor nicht allzu langer Zeit vor sich gegangen und kritische Beobachter verstanden schon damals, daß dieser Prozeß nicht an der deutschen Grenze Halt machen würde. Die Schwierigkeit der Lage soll nicht unterschätzt werden. Es ist unmöglich vorauszusehen, ob irgendwelche Maßnahmen, die durchgreifenden Erfolg haben können, in unserer Macht liegen, doch können wir sicher nur durch Selbsthilfe, nicht aber durch Wunder oder Unterstützung Irgendwelcher außen* stehender Faktoren den vor uns stehenden Schwierigkeiten begegnen. Ein klares Programm für diese Selbsthilfe zu schaffen und für seine Durchführung mit allen Kräften zu sorgen, scheint uns heute eine der wesentlichsten Aufgaben des deutschen Zionismus zu sein. Zu diesem Zwecke wäre vor allem Klarheit über die Schwierigkeiten, ihren Umfang, ihre Ursache und über ihr voraussichtliches Anwachsen notwendig. Die Ursachen für die oben erwähnten Schwierigkeiten sind ihrer Bedeutung nach folgende: 1. Die allgemeinen Folgen der Intensivierung der Welt- Wirtschaft (Rationalisierung). 2. Die spezifischen Folgen dieses Prozesses für die Juden. 3. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise. 1. Wenn die wirtschaftliche Bereicherung der ganzen Welt als Folge der Industrialisierung vor zirka 50 bis 60 Jahren durch eine außerordentliche Vergrößerung des Wirtschafts-Volumens, vor allem dem Handel, dem Haupterwerbszweig der Juden, zu einer besonderen Blüte verholten hat, so können wir heute als Folge dieses Prozesses gerade das Gegenteil fcststellen. Die durch die Technisierung der Wirtschaft bedingte Konzentration hat vor allem den Handel getroffen, der auf fast allen seinen Teilgebieten überflüssig gemacht wird. Dies geschieht durch Ausschaltung des Großhandeis bei direkter Belieferung der Einzelhändler durch die Fabrikanten, ebenso wie durch wachsenden direkten Auslandsexport und den dadurch bedingten Ausfall des Exporthandeis. Die bedeutendsten der modernen Konsumartikel wie Radio, Grammophon, Staubsauger, Eisschränke, Waschmaschinen usw. werden sogar vom Erzeuger direkt an den Verbrauch er geliefert und bieten daher für selbständige handlerische Tätigkeit nur ganz geringe Arbeitsmöglichkeit. Aut dem Gebiet des Handels mit Agrarprodukten wird von Erzeuger- und Konsumentenseite mit wachsendem Erfolg sowohl Großals auch Kleinhandel durch Genossenschaften, Konsumvereine usw. aus seiner alten Tätigkeit verdrängt Schließlich sehen wir im Einzelhandel selbst, in Warenhäusern und Konsumvereinen oder anderen Absatzorganisationen ständig wachsende Großbetriebe, die den kleinen Händler aus seiner Position im Wirtschaftsleben verdrängen. Dabei sind jedoch diese Betriebe teils nicht imstande, teils nicht gewillt, den Trägen! dieser vernichteten Existenzen durch Anstellung eine neue Erwerbsmöglichkeit zu geben. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, daß die direkten Absatzorganisationen der Produzenten wesentlich weniger Menschen und zu wesentlieh niedrigeren Bedingungen beschäftigen als es durch den Handel bisher geschah. In diesen Ersparungen liegt ja auch die logische Begründung für den oben geschilderten Wirt- Schaftsprozeß. Auf die speziellen Schwierigkeiten für Juden, in diesen Absatz-Organisationen unterzukommen, soll im nächsten Abschnitt hingewiesen werden. Können wir so aut dem Gebiet des Handels eine wesentliche Schrumpfung seines Volumens feststellen, so zeigt sich, daß im Bankgewerbe, das ebenfalls bisher als Arbeitsgebiet für Juden eine wesentliche Rolle gespielt hat, die Verhältnisse vielleicht noch schlechter liegen. Hier ist die Kanzentrationsbewegung noch weiter fortgeschritten. Wenn auch das Bankgeschäft selbst in den letzten Jahren in seinem Umtang nicht zurückgegangen ist, so ist doch durch verschiedene Umstände, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, eine außerordentliche Verkleinerung des Bankapparates verursacht worden, was wiederum gerade für die Juden ungünstige Folgen hatte, da im wesentlichen der Privatbankierstand, in dem die Juden besonders stark vertreten waren, von der Bild fläche verschwunden ist. Aber auch in den akademischen Berufen, die bisher hauptsächlich von Juden bevorzugt wurden (Medizin, Jurisprudenz) zeigt sich bei ständig wachsendem Angebot von Arbcitskräften verringerte Arbeits- und damit Existenzmöglichkeit. Es kann hier im Einzelnen nicht auseinandergesetzt werden, daß es sich auch hier um eine Folge des Rationalisierungs- Prozesses handelt, wie z. B. bei Rechtsanwälten, durch deren Ausschaltung von gewissen Gerichtsgebieten (Arbeitsgericht) und Wegfall von großen Teilen des Handels, die ais Klienten früher eine wesentliche Rolle gespielt haben. Bei Aerzten wiederum können wir dieselbe Entwicklung ihrer ständig wachsenden Abhängigkeit von den Krankenkassen erkennen, die darauf aus gehen, den Stand des freien Arztes allmählich in den eines Beamten umzuwandeln. Jedenfalls sind bereits die Spitzen-Organisationen der Aerzte und der Rechtsanwälte mehrmals dahin vorstellig geworden, die Zulassung zu diesen Studien wesentlich zu beschränken, um eine Proletarisierung dieser Stände zu verhindern. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß wir in wenigen Jahren de facto einen numerus clausus für diese akademischen Berufe haben werden. Die Folgen für die Juden sind, wie im nächsten Abschnitt gezeigt wird, leicht vorstellbar. Wir sehen also, daß die Berufe, die bisher Hauptberufe der deutschen Juden waren, aus allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklungen heraus von Jahr zu Jahr als Erwerbsgebiete für Juden weniger in Betracht kommen werden, denn daß der Qben geschilderte Prozeß heute weder abgeschlossen ist, , noch seinen Höhepunkt «rächt bat, braucht nicht erst be-

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