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Jüdische Rundschau · 1930-09-05 · Heft 70 (5.9.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 70 (5.9.1930)
Date
1930-09-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Nr. 70, 5. IX. 1930 Seite 482 JUEDISCHE RUNDSCHÄ& Die Reichstagswalilen Der Central-Vereim deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens lud am 1. September die Vertreter der jüdischen Presse zu einer Konferenz. Gegenstand der Besprechung war die Lage von Juden und Judentum im Hinblick auf die bevorstehenden Reichstagswahlen. Dr. Wiener, Syndikus des C.-V. und zugleich Vorsitzender des kürzlich auf Initiative der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gegründeten und von dieser, dem C.-V., der Z. V. f. D., dem R. j. F. und der Großloge U.O. B.B. beschickten ״Wahlausschusses 1930“, berichtete über Erfordernisse und Methoden des Abwehrkampfes. Der zweite Referent, R.-A. Dr. Bruno Weil, zweiter Vorsitzender des C.-V, und Kandidat der Staatspartei im Wahlkreis Berlin (Innenstadt), referierte über die Bedeutung jüdischer Fragen für das politische Leben. Dr. Weil verteilte am Schlüsse seiner Ausführungen ein Expose, in welchem es u. a. heißt: Für mich als alten Demokraten ist das Prinzip der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz eine unbedingte Voraus- Setzung politischer Tätigkeit. Ihre restlose Durchsetzung für alle deutschen Juden zu erreichen, steht mir als besonders wichtige Aufgabe vor Augen; hierbei ist jede Differenzier 11 hg zwischen den innerjüdisch verschieden orientierten deutschen Juden unbedingt abzulehnen. Soweit vor dem deutschen Reichstage die Frage der in Deutschland lebenden nichtdeutschen Juden aufgerollt werden sollte, die ja im wesentlichen mehr zur Zuständigkeit der Länder gehört, werde ich die alte C.-V.-Tradition verfolgen und verteidigen: produktive Fürsorge wie im Arbeiterfürsorgeamt, Eingliederung in das gesamte Ausländerproblem, aber unbedingte Ablehnung jeder Ausnalimegesetzgebung gegen ausländische Juden, * Für die auf den 4. d. M. einberufene Sitzung der Repräsentanienversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde ist die nachstehende Anfrage der liberalen Fraktion angekündigt: ״Ist die Zeitungsmeldung, daß der Vorsitzende des Gemeindevor- Standes (Dir. Georg Kareski) für die Zentrumspartei kandidiert, richtig?“ — Wir werden über die Aussprache in der nächsten Nummer berichten. Soweit wir informiert sind, war zuerst ein prominenter Liberaler als Kandidat auf der Berliner Zentrumsliste aus ersehen. Landesverband Jüdischer Gemeinden Der Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden hart am 15. Juli d. J. in seinem Verwaltungsblatt eine Bekanntmachung erlassen, in der gemäß § 12 der Wahlordnung für die Wahlen zum Verbandstage des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zur Einreichung von LandeswahlvarscMägen aufgefordert wird. Die Landeswahlvor- Schläge sind spätestens am 14. November bei dem Büro des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Berlin- Charlottenburg 2, Kantstr. 158, schriftlich einzureichen. Jeder Laradeswahlvorschlag muß von mindestens zwanzig Wählern unterzeichnet sein. Wahlberechtigt und wählbar zum Verbandstag sind alle volljährigen, einer Verbandsgemeinde an* gehörigen Juden beiderlei Geschlechts, die mindestens ein Jahr vor Auslegung der Wählerlisten innerhalb einer Verbandsgemeinde ihren Wohnsitz gehabt haben, sofern sie nicht entmündigt sind oder unter vorläufiger Vormundschaft stehen oder rechtskräftig die bürgerlichen Ehrenrechte verloren haben. In jedem Landeswahlvorschlag muß ein Vertrauensmann und ein Stellvertreter bezeichnet werden, die zur Abgabe von Erklärungen toöUmäs|1%t,si»d. '.Fehlt jä^fcBezÄpJtaung, fso: gilt der Ertrtunferzeichhete als Verträuenstnätth, der zweite tis sein Stellvertreter. * In den Wahlvorschlag darf nur aufgenommen werden, wer ׳ seine Zustimmung dazu schriftlich erklärt hat. Die Erklärung muß spätestens am 14. November bei dem obengenannten Büro des Landesverbandes eingegangen sein; andernfalls wird der Bewerber gestrichen. Die Namen der Bewerber eines Landeswahlvorschlages müssen in erkennbarer Reihenfolge aufgeführt sein. Ein Bewerber darf nur in einem Landeswahl- Vorschlag genannt werden; andernfalls wird er in sämtlichen Landeswahlvorschlägen gestrichen. Die Benennung in einem Kreiswahlvorschlag schließt die Benennung in einem Landeswahlvorschlag nicht aus, wenn für den Kreis Wahlvorschlag die Erklärung, abgegeben wird, daß die auf ihn entfallenden Plus- oder Minusstimmen (§ 57 der Wahlordnung) dem betreffenden Landeswahlvorschlag zuzurechnen sind, oder wenn in einem Wahlkreise, in dem nur ein einziger Kreiswahlvorschlag zugelassen ist, mit Zustimmung der betreffenden Bewerber oder einzelner von ihnen eine. Erklärung abgegeben wird, daß sie sich dem betreffenden Landeswahl- Vorschlag anschließen (§ 11 der Wahlordnung). Mehrere Landeswahlvorschläge können in der Weise miteinander verbunden werden, daß sie anderen Wahlvorschiägen gegenüber als ein einziger Wahlvor&chlag zu behandeln sind. Die Verbindung muß von den Unterzeichnern der betreffenden WahlvorscWäge oder ihren Vertretern (s. oben) übereinstimrnefld spätestens am 16. November bei dem obengenannten Büro des Landesverbandes schriftlich erklärt werden. •Nach der Einreichung können die Landeswahlvorschläge nicht mehr geändert oder zurückgenommen werden, es sei denn, daß der Rat oder der von ihm Beauftragte sie beanstandet, Die Landeswahlvorschiäge werden, soweit sie zugelassen sind, in fortlaufender Reihenfolge veröffentlicht. Jadenbastard keine Beleidigung Der nationalsozialistische Studienrat Loepel mann hatte in einer Versammlung den preußischen Innenminister Grzesinski einen ,,Judenbastard und lächerlichen Bonze ri“ genannt, weswegen er vom .Schöffengericht Schöneberg zu 500 M. Geldstrafe verurteilt wurde. Er legte Berufung ein und die Strafkammer des Berliner Landgerichts sprach ihn frei. Der Staatsanwalt legte gegen den Freispruch Berufung ein. ln der Tagespresse wurde die Strafkammer wegen dieses evidenten Fehlurteils heftig angegriffen, und der Vorsitzende der freisprechenden Strafkammer, Landgerichtsdirektor Walf e r, gab eine Erklärung ab; daß ihm die richterliche Schwelge• Pflicht jede Mitteilung verbietet, wie es zu dieser freisprechenden Entscheidung gekommen ist, weswegen er weder zum Urteil selbst, noch zur Kritik Stellung nehmen könne. Es verlautet, daß von den fünf Mitgliedern der Strafkammer die drei Berufungsrichter für eine Verurteilung Loepelmanns, die zwei Laienrichter gegen die Verurteilung gestimmt haben. Da zu einer Verurteilung zwei Drittel der abgegebenen Stimmen notwendig sind und beim Stimmenverhältnis drei zu zwei in der Strafkammer zu den erforderlichen zwei Dritteln ein Fünfzehntel gefehlt hat, wurde Loepelmann freigesprochen. Die zwei Laienrichter sind Antisemiten, die der Ansicht sind, daß die Bezeichnung Judenbastard, von einem völkischen Manne gebraucht, keine Beleidigung darstellen. Der Komponist Ernest Bloch beabsichtigt demnächst Palästina zu besuchen, wo er ״die Inspiration für sein nächstes Werk empfangen will“. Die verlassenen Kongreß ~ Säle Von Moses Waldmann. Diese Zeilen wurden vor Jahresfrist nach den Tagungen des zionistischen Kongresses und des Councils der Jewish Agency in Zürich geschrieben und in den Satt befördert. Die Veröffentlichung unterblieb wegen der Ereignisse in Palästina, Jetzt, nach den Berliner Tagungen des A.-C. und des Administra* tive Committee der Jewish Agency, mögen diese feuillelonisti״ sehen Bemerkungen die Erinnerung an die Züricher Tage turückrufen. Red. Zürich, 20. August 1929. Guy de Maupassant beginnt eine seiner entzückenden Petitessen mit den Worten: ״Man soll keine alten Briefe lesen.“ Man könnte diese Maxime abwandeln: man soll nicht als Ballgast nach durchtanzter Nacht den Ballsaal aufräumen; man soll nicht acht Tage lang nach beendetem Kongreß durch die Stätten gehen, wo sich das Getriebe des Kongresses abgespielt hat. Nicht etwa darum, weil beim Lesen alter Briefe, beim Aufräumen des Ballsaals, beim Durchschreiten der Kongreß-Säle der Bodensatz der Briefe, des Ballfestes, der Kongreß-Versammlung einem entgegenstarrt, sondern weil man, mag man sich noch so sehr dagegen wehren, traurig und melancholisch wird. Ich habe den Fehler begangen, einem Grundsätze zu widersprechen, der im praktischen Leben allgemeine Gültigkeit hat: Gehe zur rechten Zeit! Ich bin geblieben und kann nun all die Süße und Wehmut auskosten, die die Erinnerung, das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, zu bieten vermag, ich könnte stundenlang durch ganz Zürich gehen. Wie hat sich die Stadt verändert?! Wie hell und leuchtend war sie in den letzten Julitagen! Wie feierlich am 11. August, dem Tage der Eröffnung des Agency-Councils! Auf Schritt und Tritt sah man damals Freunde. Freunde, die man kannte und grüßte, Freunde, die man an den Abzeichen als solche erkannte und die man nicht grüßte, weil des Grüßens kein Ende gewesen wäre. In dieser Hinsicht war es bei den ersten Zionistenkongressen ganz anders. Ein blau-weißes Bändchen oder das' Kongreß-Abzeichen genügten, damit Menschen, die einander nie gesehen hatten, sofort in vertraulichster Art miteinander sprachen. Mittlerweile ist aus der kleinen Zionistenfamiiie ein großer Zionistenstamm geworden, und es ist unrnöglieh, mit allen Stamihesmitgliedern persönlich-freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten. Man freut sich bloß über die Größe des Stammes, geht jedoch stumm und manchmal achtlos an Menschen vorüber, die desselben Stammes sind. Die Kongreß-Säle sind verlass an. Man muß In Zürich den Plural gebrauchen. Auch in Basel hatten wir im Jahre 1927 Kongreß-״SäIe“. Zuerst die ungeheure Mustermesse, deren Hauptsaal viele tausende Menschen faßt. Da sich der Kongreß damals über den Mietetermin hinauszog, mußte man am letzten Tage in das Kasinogebäude, dessen Saal viel kleiner war und der den ersten Zionistenkongreß gesehen hatte, übersiedeln. Der kleinere Saal genügte. In Zürich war es umgekehrt; man übersiedelte zweimal; vom kleinen Saal im ״Hause zur Kaufleuten“ in den viel größeren Theatersaal und von diesem in den Saal der Tonhalle, der noch um 400 Personen mehr faßte als der Theatersaal. Es war also ein dauerndes Wachsen und Ansteigen; das Interesse an Kongreß und Agency nahm stetig zu. Und so hat man jetzt drei Säle zu besuchen, wenn man sich die Vorgänge der Tagungen vom 28. Juli bis zum 14. August wieder vergegenwärtigen will. Ich habe alle drei leeren Säle gesehen. Der Anblick der verlassenen Räume wirkt gespensterhaft Es ist eigentümlich: Während der Tagungen fand man es ganz, natfirlteb,:.daß das jüdischeJUhen in,.jijapl RSiuns« b!0-. *leite und kochte, und nur In seltenen Augenblicken war min ergriffen oder erschüttert. Jetzt aber, da die Säle leer sind, schließt man die Augen und sehnt selbst die langweiligste Sitzung zurück, nur damit man wieder die vielen Leute sieht, die einem, mag man sich dessen bewußt sein oder nicht, so teuer sind. * Acht Tage sind verstrichen, seitdem mit dem letzten Klang des Hatikwahliedes in der Schlußversammlung des Councils die Züricher Tagungen zu Ende gegangen sind. Ich befinde mich im Kongreßbüro. In Winkeln und auf Tischen Pakete, Makulatur. Es ist überhaupt kaum vorstellbar, wieviel Druck- Sachen so ein Kongreß erzeugt. Während des Kongresses blühen Worte, tönende, leise, eindringliche, zum Fenster hinaus* gesprochene, gläubige und intrigierende. Und alle diese Worte finden ihren Niederschlag auf Makulatur. Es ist wie das Blühen von Fruchtbäumen. Die Worte sind der Blütenstaub und millionenfach flattert der Blütenstaub in der Luft, bis ein einziges Stäubchen die Fruchtnarbe trifft und die Voraussetzung für die Frucht schafft. So ist es auch mit den Worten auf dem Kongreß. Millionenfach werden sie gesprochen, verschwenderisch in die Luft gestreut, aber nur wenige zünden und noch weniger zeugen Frucht, yie zündenden sind Resolutionen und Beschlüsse und die zeugenden jene, die sich in Taten ver* wandeln. Die unfruchtbaren Worte jedoch gleichen dem Blüten* staub, .der seinen Zweck verfehlt hat. Sie liegen in Haufen als Makulatur herum, werden zusammengeschaufelt und vermodern. Das Köngreßbüro ist jetzt eine große Morgue gestorbener Worte, überflüssige Makulatur. Der Totengräber geht von Tisch zu Tisch, von Winkel zu Winkel, und mit seinen Gehilfen schaufelt er die Leichen zusammen. Er und seine Gehiifen sind der ganze Rest vom einst so großen Kongreßbüro. Er nennt seine Tätigkeit ״liquidieren“, weil ihm offenbar der Sinn seines Tuns nicht klar ist. Und doch ist seine Arbeit, wiewohl sie ein trauriges Geschäft ist, notwendig. Notwendig wie Bereitung des Düngers, der das Feld für kommende Ernten ertragreicher machen soll. Er sammelt nämlich den Dünger der Erfahrung für die kommenden Kongresse. Dies Tun ist wie der Abbruch eines Hauses, wie der Auszug aus einer liebgewordenen Wohnung, wie ein Abschied von Liebem und Teurem. Denn im Laufe der drei Monate haben die Menschen, welche im Kongreßbüro arbeiteten, ihre Arbeit und alles Werkzeug und Zubehör dieser Arbeit liebgewonnen und nun müssen sie Stück um Stück verabschieden. Man wird traurig bei diesem Abschiednehmen. * Man war wochenlang gewöhnt, jeden, den man sehen und sprechen wollte, sofort erreichen zu können. Wenn man erfahren wollte, wo irgend jemand wohnt, so fragte man den erstbesten von den Bekannten dieses Jemands, und nach kurzem Fragespiel erreichte man den Gewünschten. Wie ist es jetzt anders geworden! Während ich diese Zeilen schreibe — es ist im Kongreßbüro — will einer von den Uebriggebliebenen die Adresse eines Teilnehmers am Kongresse erfahren. Ihm wird die Antwort, er möge jemanden fragen, der noch vor drei Stunden im Kongreßbüro gewesen sei. Resigniert wird jedoch der Ratgeber unterbrochen: auch der ist soeben verreist. Das Wort ״verreist“ zerreißt einem die Seele. Alles ist verreist, in alle Ecken der Welt verstreut und nur die Wenigen, die im Saale des Kongreßbüros herumschleichen und die am Morfen des heutigen Tages mißmutig ihre Arbeit aufgenommen atten, sind zurückgeblieben. Ich bin unter den Uebriggebliebenen. Man soll nicht acht Tage lang nach dem Kongreß im Kongreßorte verbleiben. Ich will es nie wieder tun. Verlassen sind auch das Restaurant in der Nähe vom ״Haus zur Kaufleuten“, das ״Küchli“, und das dem Küchli benachbarte Caf£ Neumann. In beiden Gaststätten haben die Kellnerinnen während des Kongresses sich den jüdischen Gruß ״Schalom“ angewöhnt, und wenn ein Teilnehmer des Kongresses, kenntlieh am Abzeichen, eines der Lokale betrat, tönte ihm der vertraute Gruß entgegen. Und wenn es auch sicherlich aus Geschäftsgründen geschah, daß man uns Kongreßler mit dem Worte Schalom begrüßte, wir gaben uns gern der Täuschung hin, daß es unseretwegen, und nicht wen wir Konsumenten waren, getan wurde, wenn ich jetzt im Küchli und im Neumann mit Schalom begrüßt werde, so empfinde ich das peinlieb, und mir kommt es deplaziert vor. Auch wenn es aus dem Munde der blonden Paula kommt, der Leib- und Hofkellncrin des tschechoslowakischen Tisches, der um sich die wichtigsten Mitglieder des Kongreßbüros, allesamt aus der Tschechoslowakei, und ihre Freunde versammelte. Fräulein Paula war der gute Geist des Tschechentisches. Sie führte das Register, wer an einem bestimmten Tage dagewesen war oder ausgeblieben ist, wer noch kommen werde, und wer durch Arbeit verhindert sei. Sie nahm Interesse an allen Vorgängen der jüdischen Tagungen, sie teilte freundliche Händedrücke und Lächeln aus. und ich mutmaße, *laß nicht nur in zahlreichen Bürgerhäusern Zürichs, sondern auch in ihrem Herzen zionistische Einquarticrung lag. Ueberhaupt spielte das Cafä Neumann eine große Rolfe. Es war nicht das Hauptquartier der Vornehmsten. Diese residierten im ״Dolder“ und im ״Baur au Lac“. Aber das Cafd Neumann war die große Börse. Dort wurden die Gerüchte geboren, dort wurden die Gerüchte getötet. Dort war Geburtsort und Schlachthof des Kongreßklatsches. Nun ist ja der Klatsch eine unanständige Angelegenheit, aber, wie meine Tante zu sagen pflegte, sehr angenehm. Und darum kam man immer wieder ins Cafe Neumann. Dieses Cafehaus ist jetzt den Eingeborenen zurückgegeben, die sich drei Wochen lang vor den vielen Juden verkrochen hatten. Wenn ich jetzt in das Cafe komme, glaube ich auf den Gesichtern dieser Einheimischen höhnisches Grinsen zu sehen. Es ist so, als wollten sie sagen: ״Nun sind wir euch los! Wir haben gesiegt.“ Die Einheimischen haben recht. Sie haben im Cafd Neumann gesiegt, denn, sie sind da. Und die Abwesenden haben immer unrecht. Noch lächelt Fräulein Paula die letzten Ueberbleibsel des Kongresses freundlicher an als das einheimische Gros. Ich bin aber überzeugt, daß sie sich mit ihrem gnadebeweisenden Lächeln wieder den Einheimischen zuwenden wird. Aber wenn wir wiederkommen — und sollte das von der Stadt Zürich geplante Kongreßgebäude In zwei Jahren wirklich erbaut sein, Soßen wir wieaerkonunen? — wird sich uns wieder die Gunst von Küchli und Cafä Neumann und das Lächeln von Fräulein Paula zuwenden. Das aber ist auch der einzige Trost Nämlich: die Hoffnung aut den nächsten Kongreß. Sonst müßte man lange, lange traurig sein. Ich aber will in Hinkunft mit dem letzten Glockenschlag des Kongresses mein Rlnzel ,schnüren und heimwärts ziehen. Nichts und niemand soll mich mehr aufhalten. Kleine Nachrichten Jerusalem, 2. September. (J.T. A.) 250 jüdische T011risten wurden in Damaskus mit Steinen beworfen. Die Ulemas und Notabeln verlangten von der Regierung, daß sie die Touristen zum Verlassen der Stadt auffordere. Die Regierung lehnte dieses Ansinnen ab. Wie das Zehtralbüro des Weltverbandes für Sabbatschutz Schomre Schabbos mitteilt, hat die Erziehungsdirektion des Kantons Basel-Landschaft am 16. Juli 1930 beschlossen, jüdisehen Kindern orthodoxer Richtung Dispens! vom Schulbesuch am Sabbat und an allen jüdischen Feiertagen zu erteilen. In der hygienischen Abteilung der Hebräischen Universität wurde eine neue klimatoiogisch-hygienische Sektion unter Leitung von Herrn Dov Aschbei eröffnet. Die Universität hat für den Erwerb der zur Untersuchung der Einwirkung von Sonnenstrahlen auf den lebenden Körper erforderlichen Instrumente eine bestimmte Summe bereitgestelit , A. Schenkar, Leiter der Fabrik ״Lo d z i a“, der eine zeitlang in Südafrika zum Studium der Absatzmöglichkeiten industrieller Erzeugnisse aus Palästina weilte, hielt am 2. August vor einer Versammlung von Industriellen in Tel-Awiw einen Vortrag über die Ergebnisse seiner Reise. Wie Herr Schenkar behauptet, können in Südafrika große Quantitäten palästinensischer Waren — sowohl Souvenirs als auch rein kommerzielle Waren — abgesetzt werden; Voraussetzung hierfür jedoch ist eine Aenderung des Verkaufs- und Versand- Systems. Die Zionistische Organisation Südafrikas hat Herrn Schenkar schriftlich vorgeschlagen, eine Handelsgesellschaft Palästina-Südafrika zu errichten, in die die Zionisten Südafrikas 5000 Pfund investieren wollen, wenn auch die palästinensischen Industriellen in diese Gesellschaft nicht weniger als 3000 Pfund investieren. Eine Organisation moslemischer Akademiker. In Palästina bildete sich eine Organisation beschäftigungsloser junger moslemischer Absolventen europäischer Hochschulen in Palästina. Die Organisation fordert, daß nach dem Beispiel Transjordaniens und Iraks die von der Regierung zu vergebenden Beamtenstellen ausschließlich durch Einheimische besetzt weiden sollen. Die Initiatoren der neuen Organisation stellen fest, daß diese nichtgegendie Juden gerichtet sei. Die Leitung der Hebräischen Universität gibt bekannt, daß das der Universität zur Verfügung stehende Lord Plumer- Stipendium im Betrage von 100 Pfund im kommenden akademischen Jahre dazu bestimmt worden Ist, einem Absoiventen einer ausländischen Universität eine monograp'hisehe Forschung über ein ,arabisches Problem zu ermöglichen. Als Bedingung für die Erteilung des Stipendiums wurde festgesetzt, daß der Bewerber die hebräische Sprache beherrschen und die Forschungsarbeit innerhalb der Hebräischen Universität durchführen muß. Sterbeßlle ln Saaz verstarb im Alter von 75 Jahren Rabbiner Professor Dr. Simon Stern, Präsident des Landesrabbinerverbandes von Böhmen. Prof. Stern wirkte seit 40 Jahren als Rabbiner in verschiedenen Gemeinden. Das Begräbnis fand in Saaz unter starker Beteiligung der böhmischen Judenschaft statt. Dr. Stern war esm Schwager Ehr. Leo B a e c k s. Im Atter von 64 Jahren verstarb in Wien der populäre jüdisch? Journalist Jakob Krausz. Er redigierte während seiner Jourhalisten-Laufbahm zahlreiche jüdische Zeitungen, schrieb mehrere Kampfbroschüren, in denen er für jüdische Gleichberechtigung in allen Ländern eintrat. Er schrieb auch ein Buch über die ukrainischen Pogrome. Er gehörte zu den ersten Vorkämpfern der natkmaljüdfechen Idee. Zuletzt kämpfte er für die nationale und bürgerliche Gleichberechtigung der ungarischen Juden.

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