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Jüdische Rundschau · 1930-09-02 · Heft 69 (2.9.1930) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 69 (2.9.1930)
Date
1930-09-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 69, 2. IX. 1930 JÜED1SCHE RUNDSCHAU Seite 457 ״Schana ba״Arez“ Von Dr. A. J. Bra wer, Jerusalem. Der Grundgedanke des modernen Zionismus ist die Schaffung einer Heimstätte für das ] u den tu m. Unbehindert durch den Zwang einer fremden Umgebung soll die jüdische Kultur im Lande der Väter neu aufblühen. An dieses Bestre* ben war von aller Anfang die Hoffnung geknüpft, daß das freie nationale Leben im Stammlande das Nationalgefühl der Juden in der Diaspora steigern und ihren Widerstand gegen die Assimilation stärken wird. Allen politischen und vrirtschaftüchen Hemmungen zum Trotz hat der noch kleine Jischuw in Erez-Israel bereits jetzt einen Teil der an seine national-kulturelle Mission geknüpften Hoffnungen erfüllt. Schon lange hat kein Land einen solchen Einfluß auf das geistige Leben der Judenschaft ausgeübt, wie heutzutage Erez- Israel. Die von Jerusalem ausgegangene hebräische Sprachbewefung findet allenthalben Anklang, wo die Juden in größerer ahl leben; das hebräische Schulwerk wird überall nachgeahmt, wo nur die Verhältnisse eigene jüdische Volksschulen zulassen. In Erez-Israel amgebildete hebräische Lehrer sind nicht nur im Orient und in Europa, sondern auch in Nord- und Südamerika, in Südafrika und in Australien als Verkünder der jüdischen Renaissance zu finden. Me meisten und besten hebräischen Schriftsteller leben jetzt in Erez-Israel und der weit größte Teil der modernen hebräischen Bücher wird hier verlegt und gedruckt. Auch das künstlerische Schaffen, das hebräische Theater voran, hat berdts eine solche Höhe erreicht, daß wir vor anderen Kultur- Staaten nicht mehr zurückstehen. Auf wissenschaftlichem Gebiete, wo die Früchte selten schnell reifen, liegen verheißungsvolle Anfänge vor; die sprachlichen Schwierigkeiten sind schon überwunden. Weit davon entfernt, sich mit unverdienten Lorbeeren zu schmücken, sehnt sich Erez-Israel nach einer zielbewußten Kulturpropaganda unter den Brüdern in der Diaspora, die von den sie umgebenden Hochkulturen fast erdrückt werden. Die hebräischen Sprachkongresse waren bescheidene Anfange auf diesem Wege, jedoch ohne nennenswerte Erfolge. Man ist sich heute im klaren, daß die hebräische Kultur in aer Diaspora nur durch Erziehung feste Wurzel schlagen könne. Es gilt, möglichst viele hebräische Schulen zu gründen und mit guten Lehrkräften aus Erez-Israel zu besetzen. Nicht weniger wichtig ist es, möglichst viele Schüler aus der Diaspora aach Erez-Israel zur Erziehung zu schicken. Seit der Begründung der hebräischen Mittelschulen in Tel- Awiw, Jerusalem und Haifa kommen alljährlich einige Dutzend Schüler aus den Gahithiändem nach Erez-Israel. Die Eltern haben diesen mit gewissen Opfern verbundenen Schritt nicht zu bedauern, denn unsere Abiturienten gereichen uns zur Ehre an europäischen und amerikanischen Hochschulen. Die Organisation des hebräischen Schulwerkes fn Erez- Israel könnte ohne Schwierigkeiten viele tausende Schüler aus der Diaspora aufnehmen, aber dem löblichen Beispiele folgen nur einige Eltern. Bei der hingebungsvollen Liebe der Juden zu ihren Kindern ist diese Zurückhaftung begreiflich. Bis wir an unseren Mittelschulen tausende auswärtiger Zöglinge sehen werden, vergehen wohl noch Jahre. Mit den gegebenen Verhältnissen rechnend, hat eine Gruppe hebräischer Schulmänner für jüdische Studenten in der Diaspora die Parole ausgegeben: Schana ba-Arez — ein Jahr In Erez-Israel. Zwölf Jahre verbringt der jüdische Schüler auf der Schulbank in einer nichtiüdischen Umgebung, bis er für die Hochschule reif wird; das dreizehnte Jahr sei dentfüdi־׳ sehen Volke gewidmet. Mit andere» Worten: wir fordern einen einjährigen, freiwilligen Dienst für das Judentum. Aber nicht eitlem waffenspiele gelte dieses ״Freiwilligen“-Jahr, sondern intensiver geistfeer Arbeit Im Lande der Väter, ln diesem Jahre soll der junge jüdische Mensch sich seine eigene Sprache, die hebräische, in Wort und Schrift an eignen, Erez-Israel in Vergangenheit und Gegenwart und den Zionismus an seiner Arbeit kennenlemen. Alljährlich kommen junge •Studenten nach Erez-Israel mit dem Vorhaben, hier länger als nach Touristenart za bleiben. Jeder geht seine eigenen Wege, ohne erfahrenen Rat und ohne Anleitung. An wen sollten sie sich denn wenden? Um jüdischen Abiturienten und Hochschülem zu ermöglichen, ihr ״Freiwilligen“-Jahr in Erez-Israel voll auszunutzen, wird bei der hebräischen Lehrerbildungsanstalt in Jerusalem — Beth Hakerem, ein ״Schana ba-Arez^-Kurs gegründet, der ausschließlich für Juden aus dem Auslande berechnet ist und auch Anfänger im Hebräischen zuläßt. Die Lehrerbildungsanstalt mit ihrem fünfjährigen Lehrkurs reicht in den zwei oberen Klassen über das Niveau einer Mittelschule hinaus. Die Anlehnung an eine Lehrerbildungsanstalt wird es ermöglichen, die Kenntnis des Hebräischen, nötigenfalls durch Individuellen Unterricht, in einem Jahre zu erzielen. Me Landes- und Volkskünde soll mit zahlreichen Wanderungen verbunden werden. Das gleiche gilt für die Kenntnis der jüdischen Institutionen. Von gleicher Wichtigkeit wie der Unterricht ist für unsere Jugend aus dem Westen das Leben in rein-jüdischem Milieu, die Teilnahme an den Mühen und Sorgen des Alltags, wie an den Freuden der Feste. Denn eines muß den Brüdern im Galuth gesagt werden: das junge, schaffende Erez-Israel hat sich nie von Klein- und Schwermut überwältigen lassen. Das Erez-Israel- Jahr wird unseren ausländischen Brüdern nicht nur ein nützliches und lehrreiches, sondern auch ein recht frohes Jahr sein. Und wenn alljährlich Scharen von ״Einjährigen“ mit den Klängen der hebräischen Sprache in die Galuthländer zurückkehren, dann wird mit ihnen frisches jüdisches Blut in die Kehilot kommen. (Anfragen sind zu richten an: Teachers Training School, Jerusalem, Beth-Hakerem.) Gedichte aus Daganiah. Im Verlag von Dr. Max Präger, Wien und Leipzig, erschienen soeben unter dem Titel ״Licht im Lager“ Gedichte aus dem Lande Israel von Irma Sing e r. Die Verfasserin, die schon durch mehrere Veröffentlichungen jüdischer Märchen und Kipdergeschichten bekannt geworden ist, ist jetzt eine Chawerah der Kwuzah Daganiah und ihre Gedichte sind eine elementare Kundgebung des Gefühls der Verbundenheit mit Landschaft und Scholle, des geheimnisvollen Uebergangs in ein neues Leben, das erst in seinen ersten Umrissen mehr zu ahnen als deutlich zu erkennen ist, eines Lebens voll Liebe und Leid, voll innigsten Bnfühlens in Natur und Geschichte, voll tiefsten Erlebnisses menschlicher Zusammengehörigkeit, voll beglückenden Bewußtseins einer aus tiefster Sehnsucht geboren werdenden Gemeinschaft. Die Verfasserin sagt in einer kurzen Einleitung, Ihre Gedichte sollen ״nicht als Kunstwerke“ in die Welt gehen, sondern als eine Stimme aus einem Leben, das durch seinen Reichtum die junge Dichterin zum Sprechen zwang. ״Unser Leben ist schwer, doch schön... Stimmen wurden wach, die im Blute schliefen...“ Man wird diese Gedibhte mit Bewegung lesen, es weht aus ihnen der Hauch Erez-Israels, sie sinaein Gruß voll Schwermut und Hoffnung, aus jener Welt, mit der die Sehnsucht einer ganzen jüdisehen Generation verknüpft ist. In wundersamer Weise verknüpft sich hier Menschliches mit Jüdischem. Das ist nicht mehr bloße Gesinnungslyrik, sondern die Schwere der Erde ist in diesen Versen, einer Erde, die Menschen zu sich rieht und sie nicht mehr losläßt. T-r, Ein hebräischer Handschriltenkatalog כתבי־ יד בקבלה הנמצאים בבית הספדים הלאמי והאוניברסיטאי בירושלם. תיארם וזזקרם גרשם שלום בהשתתפות יששבר יואל Die Jüdische National- und Universitätsbibliothek hat soeben den ersten Band eines Kataloges ihrer Handschriften herausjregeben. Die Handschriftenabteilung der Bibliothek zählt jetzt 700 hebräische Bände. Ein Viertel davon sind kabbalistische Handschriften. Es ist also begreiflich, daß der erste Band demjenigen Gebiete gewidmet ist, welchem der größte Teil der Handschriften der Bibliothek angehört: der Kabbala. Der Dozent für Kabbala an der Jerusalemer Universität, Dr. G. Scholem, hat diesen Katalog, der 208 Druckseiten umfaßt, geschrieben. Es ist kein Zufall, daß unsere Nationalbibliothek, welche als letzte der Bibliotheken mit dem Sammeln und Erwerben hebräischer Handschriften begonnen hat, so viele kabbalistische Handschriften erwerben konnte. Frühere Sammler von Handschriften erwarben Handschriften des Talr.iud oder der Midraschim, aber das Gebiet der Kabbala wurde von der Wissenschaft ebenso wie von den Bibliotheken vernachlässigt. Erst in den letzten Jahren hat sich mit der veränderten Einstellung der Wissenschaft zur Bedeutung der Mystik in der Geschichte der jüdischen Religiosität, das In* tercsse auch der Kabbala wieder zugewendet und es ist erfreulich, daß die Jerusalemer Bibliothek hier einen Vorsprung gewonnen hat und daß die Resultate der Sammeltätigkeit nun durch einen berufenen Fachmann der wissenschaftlichen Welt zugänglich gemacht wurden. Dieser Katalog ist durchaus nicht nur vom Interesse für den Kabbalaforscher, er enthält eine Menge kulturgeschichtlichen und religionsgeschichtliehen Materials. Die Anordnung der Handschriften im Katalog ist eine chronologische. Erfreulicherweise ist gerade die Zahl der Handschriften, welche kabbalistische Werke aus der vorlurianischen Epoche enthalten, also aus der Epoche, für welche Handschriften eine besondere Wichtigkeit und Bedeutung haben, relativ groß. 43 unter 157 katalogisierten Handschriften gehören dieser Frühepoche der Kabbala an. Schon die an erster Stelle erwähnte Handschrift ist von besonderer Bedeutung. Es ist eine Erklärung der Haggadoth, von R. Azriel. Das Manuskript enthält u. a. Reste neuplatonischer Bücher, welche verloren gegangen sind und die geeignet sind, neues Licht auf die Quellen Gabirois zu verreiten und die Ursprünge der Gabirol nahestehenden Strömurigen in der Kabbala aufzuzeigen. Scholem druckt ein schwerverstlndliches pseudoplatonisches und pseadoarfstotelisches Stück ab. Von Interesse ist die an fünfter Stelle beschriebene Handschrift Chaie Haolam Haba von R. Abraham Ben Schmuei Abulafjah, ein Buch, das ln der Geschichte der Kabbala einen großen Einfluß ausfeübt hat, von dem aber bisher nur kurze Stücke in Jellineks hilosophie und Kabbala abgedruckt worden sind. Scholem veröffentlicht aus der Handschrift Bruchstücke, die eine Technik der Meditation durch Verwendung des 72buchstabigen Gottesnamens darstellen und verweist auf Parallelen mit mystischen Uebungen der Sufi und christlichen Mönche. Die Technik der Meditation und Ekstase ist auch Gegenstand der Handschrift 6, ״S u 1 a m H a a 1 i a“ (Die Leiter des Aufstiegs), welche der Jerusalemer Kabbalist Jehuda Albotini in der Generation nach der Vertreibung aus Spanien geschrieben hat. Scholem druckt in den Anhängen ein großes, überaus interessantes Stück aus dieser Handschrift ab, das man etwa heute mit dem Titel überschreiben würde: Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten? Die Handschifft Nr. 13 ist ein trauriges Kapitel aus der Geschichte der jüdischen Wissenschaft. Es ist das Manuskript einer Einleitung zur hebräischen Uebersetzung des Sohar, welche Eliiakim Meh 1 sack (Samiler) zum Verfasser hat, den 1854 in Brody verstorbenen Forscher, von dem nur sein gegen Zunz gerichtetes Werk Sepher Rabivah 1837 gedruckt wurde. Das Werk, dessen Handschrift hier beschrieben wird, Ist in den vierziger Jahren des vorigen Jahr- Hunderts geschrieben worden und hätte, wenn es bekannt geworden wäre, die Erforschung der Kabbala erheblich gefördert. Scholem nennt es das wichtigste Werk, das von jüdischer Seite im 19. Jahrhundert über diesen Gegenstand verfaßt wurde. Aber es blieb unbekannt, wurde niemals gedruckt. So Ist auch desselben Autors hebräische Uebersetzung des Sohar — ein Werk, über dessen Bedeutung nicht erst gesprochen werden muß — bis heute unauffindbar und vielleicht dauernd verloren. Ein Kuriosum sonderbarer Art enthält u. a. Handschrift 24, aus dem 17. fahrhundert, eine Beschwörungsformel , welche der Verfasser von einem Geistlichen Fray Domingo Mov de Huesca erhalten zu haben angibt und welche nichts weniger enthält, als eine Anrufung Jesu unter dem Namen Parakletos I. B. P. (Scholem liest ״Jesus Ben Pandera“). Scholem nimmt an, daß die ursprüngliche Beschwönmgsformel Parakletos Jesus Christus geheißen hat und daß der jüdische Verfasser den Namen Jesu in Jesus Ben Pandera ״hidaisiert“ hat. Zeigt schon diese Handschrift, wie sich auf diesen Gebieten Religionsvermischungen vollziehen, so zeigen andere Handschriften Synkretismen jüdischer und moslemischer Elemente in den Gebieten des arabischen Kulturkreises. Die Jerusalemer Bibliothek war imstande, eine Reihe von kabbalistischen Handschriften aus den Händen jemenitischer und kurdischer Juden zu erwerben, welche solche Vermischungen aufweisen. So beschreibt Nr. 150 eine Handschrift, welche eine Dämonologie enthält, die zum großen Teil aut arabischer Magie begründet ist. Die Namen der Teufel sind, wie Scholem nachweist, Ueberset zungen aus dem Arabischen ins Hebräische, die Beschwörungsformeln der Amulette beginnen mit einer Koranformel usw. Hierher gehört auch eine aus Jemen stammende jüdisch-arabische Apokalypse, welche Scholem im Anhang mitteilt. Sehr vielfach sind natürlich die Beziehungen, welche die hier beschriebenen Handschriften mit der jüdischen Geschichte und jüdischen Kulturgeschichte verbinden. Die Vertreibung der Juden aus Spanien, die pseudomessianischen Bewegungen, spiegeln sich natürlich mannigfach in den beschriebenen Hand- Schriften. So zeigt Handschrift 32 Beziehungen der bekannten Legende über R. Josef della Revna, aus der folgt, daß es sich hier wirklich um eine geschichtliche Erinnerung aus der Generatian vor der Vertreibung aus Spanien handelt. Von großer kulturgeschichtlicher Bedeutung dürfte Handschrift 43 - sein. Es ist ein k abbalistisches Lexikon, verfaßt 1595 von R. David ben Jizchak Oinzburg aus Fulda. Der Verfasser schrieb diese Enzyklopädie, um sich die traurigen Stunden zu vertreiben, welche ihn sein Zerwürfnis mit der Gemeinde bereitete. Er erzählt die grotesken Gedanken, auf welch seine Gegner verfielen, um ihn zu ärgern, u. a. die Aufführung eines Badehauses hart an der Synagoge, von wo aus die Badenden die Betenden verhöhnten. Der Anhang enthält 13 besonders bedeutsame Stücke aus den beschriebenen Handschriften im vollen Wortlaut. Von Interesse ist hier außer manchem bereits erwähnten Stücke auch ein Abschnitt aus der Handschrift 74, die Kapitel zur praktischen Kabbala aus dem Kommentar des R. Mose Kordavero zum Hohen Liede enthält Bekanntlich ist von verschieden«! Seiten in Abrede gestellt worden, daß dieser Gelehrte sich auch mit praktischer Kabbale beschäftigt hat. Den Abschluß des Buches, in welchem eine so große Summe mühevoller, textkritischer, bibliographischer und religionsgeschichtlicher Forschung niedergelegt ist, bilden ausführliche Register nach Verfassern, Büchern, Abschreibern, früheren Besitzern der Handschriften, ein Ortsregister und ein Verzeichnis der erwähnten Zensoren. Der Katalog ist als besondere Beilage zum 7. Jahrgangs der von der Jerusalemer Bibliothek herausgegebenen bibliographischen Vierteljahrsschrift ״Kirjath Sepher“ erschienen. Der junge Universitätsverlag, der bei der Hebräischen Universität besteht, ist zu der schönen buchtechnischen Ausstattung des Katalogs zu beglückwünschen. R, M. Politische Bücher Hermann Kantorowicz hat unter dem Titel ״Der Geist der englischen Politik und das Gespenst der Einkreisung Deutschlands“ (Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1929) ein Buch geschrieben, das in seinen ersten vier allgemeinen Kapiteln, die 335 Seiten umfassen, alle die interessieren wird, für die die Eigenart britischen Wesens und britischer Politik von Interesse ist. Kantorowicz sieht den englischen Charakter durch vier Züge bestimmt: Ritterlichkeit, Sachlichkeit, Humanität und Irrationalitat. Kantorowicz weist mit Recht darauf hin, daß der englische Charakter in der Politik auch einer Gruppe anderer Lander, vor allem den skandinavischen Ländern, Holland und der Ost- Schweiz eigen ist. Dieser Charakter drückt sich in angeborener und daher erfolgreicher Demokratie aus, in einem erheblichen Einfluß der Religion auf die Politik und daher in einem Streben nach einer Versittiichung des öffentlichen Lebens, in einem Glauben an übernationale Organisationen und in einer Verachtung des Militarismus, in strenger Rechtlichkeit im Verkehr und in einem nüchternen Wirklichkeitssinn, Kantorowicz ist ausgesprachen a n g I o p h i 1. Während ihm die deutsche und kontinentale Politik in der Ueberzeugung zu wurzeln scheint, daß alle Politik mit Ausnahme der der eigenen Nation oder Partei aus Machtstreben oder schlechten Motiven erklärt werden müsse und alle gegenteiligen Annahmen weltfremde Ideologien darstellen, glaubt er an die Echtheit des idealen Einschlags in die englische Politik. Obwohl der These von Kantorowicz im altgemeinen zuzustimmen sein wird, so kann man ihre Durchführung doch nicht für glücklich halten. So erscheint dem Verfasser für England aus der Grundsatz ״our country right or wrong“ durchaus billigenswert, ״und im Kriege darf und muß der einzelne für das Vaterland eintreten, ohne zu fragen, ob es recht oder unrecht hat“. Ungeachtet dessen, daß man das Buch oft mit viel innerem Widerspruch liest, bietet es doch viel Wissenswertes und macht, obwohl es nichts Neues bringt, dennoch mit vielen Seiten englischen Wesens und englischer Politik vertraut Aber der Verfasser nimmt oft die Engländer gerade gegen das Beste, was in ihnen ist, in Schutz und verteidigt manches, was auch die besten Engländer angreifen, gerade diejenigen, die sich gegen die typisch kontinentale und auch deutsche nationale Ueoerschäfzung des Staates auflehnen. Eine der Quellen dieser Ueberschätzung des Staates zeigt Reinhold Aris in seinem Büchlein ״Die Staatslehre Adam Muellers in ihrem Verhältnis zur deutschen Romantik“ (Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen 1929) auf. Gerade in der modernen Staatslehre hat die romantische Staatsauffassung an Boden ge- * wonnen. Aber aus der guten Schrift von Aris geht klar hervor, wie wenig die romantische Staatsphilosophie, die im Staat die Totalität des Lebens sieht, uns dazu hilft, über allgemeine und gefährliche Verschwommenheiten hinaus etwas Konkretes von den wirklichen Funktionen des Staates zu erfahren. Wenn der Staat die Gesamtheit der Lebensäußerungen einer Nation und ihrer Menschen ist, so bleibt kein Raum für die an Bedeutung stets gewinnenden zwischen- oder überstaatlichen menschlichen und auch gruppenmäßigen Lebensäußerungen. Der Staat, der bei MaeHer Selbstzweck ist und sittlichen Eigenwerthat, wird mit einem großen Pathos bekleidet. Aber er wird dadurch zur Leistung der konkreten Aufgaben, die er im Zusammenleben der Menschheit zu erfüllen hat, nicht gerade besser ausgerüstet Einen interessanten Einblick in die Gedankenwelt des Katholizismus gewährt das Buch von Waldemar Ourian ״Die politischen und sozialen Ideen des französischen Katholizismus {789—1914“ (Volksvereinsverlag, M.־Gtadbach 1928). Me Auseinandersetzung des Katholizismus mit der französischen Gesellschaft und dem französischen Staat seit der Revolution wird hier in streng katholischem Geist und oft einseitig durchgeführt. Das Schlußurteil erscheint richtig: ״Aber man darf trotz dieser Wandlung der öffentlichen Meinung (nach dem Weltkrieg zugunsten des Katholizismus) und trotz der Tatsache, daß der vor dem Kriege begonnene Prozeß der Rückkehr von Intellektuellen in die Kirche sich weiter fortsetzt, nicht an einen pohtischen Aufstieg des französischen Katholizismus glauben. Die Kirche erscheint nur noch als eine Weltanschauung neben an* deren; der aggressive Antiklerikalismus ist darum unmöglich geworden, weil die Indifferenz zu groß geworden ist.“ Interessant an den Ausführungen des Buches ist, wie sehr der Kat ho- Uzismus in Frankreich als politische Macht auf seiten der Reaktion gestanden hat und daß der Einfluß des Papsttums ihn politisch eher zu neutralisieren suchte. j• b Otto Heller, Sibirien, ein anderes Amerika. Berlin 1930, Neuer Deutscher Verlag. Sibirien ist in der letzten Zeit in den Kreis des jüdischen, Interesses getreten, weil bekanntlich die Sowjetregierung ein Gebiet Sibiriens, Biro Bidschan, für jüdische Kolonisation zur Verfügung gestellt hat. Obwohl die ersten Versuche mißglückt sind, erhalten sich hartnäckig die Gerüchte, daß der Plan weiter verfolgt wird, und auch wer diesen Versuch mit einer gewissen Skqisis beurteilt, wird das Experiment mit Interesse verfolgen, da es zweifellos nicht nur für das russische Judentum von Bedeutung wäre, wenn im fernen Osten wirklich mit der Zeit eine größere jüdische Siedlung entstünde. Die Sache wurde freilich durch die vielen marktschreierischen Uebertreibungen, mit denen die Propaganda geführt wurde, etwas diskreditiert Auch das Buch von Heller, das die immensen ungehobenen Reichtümer Sibiriens schildert, leidet an denselben Mängeln, wie andere Publikationen kommunistischer Autoren: durch den Ton einer fast naiven und unverhohlenen Propaganda wird sofort das Mißtrauen des Lesers erweckt Aber selbst wenn man einige Abstriche macht, bleibt doch genug Eindruck übrig, um der Ansicht zuzuneigen, daß hier in der Tat ein zukunftsreiches Gebiet noch brachliegt und der Erschließung in den nächsten Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten, wartet. Der Verfasser, der aut dem Seewege durch das nördliche Eismeer nach Sibirien kam und die Erlebnisse seiner Reise schildert, erzählt auch einige Begegnungen mit Juden. In Jenisseisk, der Stadt der früheren Pelztnillionäre, findet er eine sehr schöne alte Synagoge, in ganz entlegener Gegend, drei Tagereisen von Sibiriens Haupt- Straßen entfernt am Rande der Kultur, in der Nachbarschaft der Tungusen. Mese jüdische Siedlung ist heute verödet, es f־־־־י‘ י״— י"־־1'' ־-*־ “*־ -־'״־״ '1־..״ י־־,־־־ *— _ offenbar selbst Jude (aus Böhmen?), mit Genugtuung feststellt. Er erzählt auch von einem jüdischen Kaufmann, der vor 50 Jahren aus Libau nach Irkutsk verbannt wurde und dessen Sohn als Kommunist in Krasnojarsk erschossen wurde; der Vater verkauft ein Jahr lang itn Krasnojarsker Bazar Zuckerwerk, da er nach Irkutsk erst nach einem Jahr zurückkehren will, nachdem er dem Sohn einen Grabstein gestellt. Jüdische Schicksale in dem ungeheuren Gebiet des russischen Reiches, — eine Welt des Ueberganges, von der wir heute nicht wissen, wohin sie; uns führen wird. L

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