Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 69 (2.9.1930)
- Date
- 1930-09-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 456 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 09, 2.!X. 1Ö30 Pressesdiau Die ״Tim es“ vom 28. August veröffentlicht eine Zuschrift von Leonard Stein, dem Verfasser der Antwort der Jewish Agency auf den Shaw-Bericht. In dem Briefe wendet sich Stein gegen den in dem in unserer vorigen Nummer wiedergegebenen Artikel der ״Times“ zum Bericht der Mandatskommission enthaltenen Passus, wo darüber Klage geführt wird, daß die Mandatskommission dem Memorandum einer jüdischen Agentur“ (a Jewish agency) zu große Beachtung geschenkt hat. Es handelt sich, schreibt Stein, nicht um eine zufällige Stelle, die ein Memorandum unterbreitet hat, sondern um die im Artikel 4 des Mandates als öffentliche Körperschaft anerkannte Jewish Agency (mit großem A). Das Memorandum habe die Widersprüche aufgezeigt, die sich zwischen dem offiziellen Beweismaterial, ja sogar zwischen manchen Darstellungen des Shaw-Berichtes selbst und den Schlußfolgerungen des Shaw- Berichtes ergeben. Das Memorandum der Jewish Agency ist von der englischen Regierung selbst an die Mandatskommission weitergeleitet worden. Unter den Mitgliedern der Mandatskomrmssion, die sich an der Kritik des Shaw-Berichtes beteiligten, war Lord Lugard , einer der angesehensten britischen Administratoren. Die Jewish Agency ist sich ihrer Verpflichtungen gegen die Mandatarmacht wohl bewußt, aber bei der gegebenen Sachlage blieb ihr keine andere Wahl, als vor dem einzigen Forum, das hierfür zur Verfügung steht, den Shaw- Bericht einer Kritik zu unterziehen. * Die offizielle italienische Zeitung ״Oiornale d'Ita* lia“ vom 28. August bespricht den Paläst ina-Berieht der Mandatskommission. ״Times“ hebt hervor, daß dies die erste Behandlung dieses Berichtes in der römischen Presse ist. Das Blatt erklärt, von einer Feind- Seligkeit gegen Großbritannien könne nicht die Rede sein. Die Mandatskommission sei eine Form der internationalen Zusammenarbeit auf Grund des Friedens- Vertrages und ihre Arbeit sei daher legitimiert und notwendig und ohne Spitze gegen irgend jemand. Die Antwort der britischen, Regierung und der (auch in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ wiedergegebene) Leitartikel der ״Times“ verraten eine unliebsame Ueberraschung, die nicht ganz vereinbar ist mit dem traditionellen britischen Realismus bei Beurteilung auch gegnerischer Kritik. In England selbst sei ja die britische Administration Palästinas scharf kritisiert worden, so z. B. in dem bekannten Brief von Baifour, Lloyd George und Smuts an die ״Times“. ״Giomale d’Italia“ führt weiter aus, der Bericht der Mandatskommission differiere nur wenig von dem Bericht der Shaw-Kommission mit Ausnahme des emen Punktes, daß die Regierung den Konflikt des vorigen August hätte voraussehen und verhüten können. Diese kleine Meinungsverschiedenheit könne jedoch keineswegs die britische Entrüstung zur Folge haben, die vielmehr nach Meinung des Blattes hervorgemfen wird durch die Möglichkeit einer Reform des Mandates, deren Notwendigkeit sich infolge der ernsten zutage getretenen Umstände und der allmählichen Immer stärkeren Rückwirkung auf den islamischen Osten, früher oder später der Aufmerksamkelt Europas aufzwingen wird. Dieses Problem, das gegenwärtig sehr verworren Ist, wird, so schließt der Artikel, unaufschiebbar werden, wenn nicht eine Möglich- ■ keit gefunden wird, die divergierenden Interessen im Heiligen Lande in Einklang zu bringen. Die Wochenschrift ״The Near East and India“ widmet den Leitartikel ihrer Ausgabe vom 28. August dem Palästina-Bericht der Mandatskommission und dem zwischen England und diesem Organ des Völkerbundes entstandenen Konflikt. Das Schauspiel, so sagt das Blatt, ist nicht sehr erbaulich, aber doch sehr lehrreich. Das wahre Problem sei: Ist eine Regierung von Oenf aus wirklich möglich? Darauf antwortet die Zeitschrift, die Antwort sei nicht vollständig negativ. Die Mandatskommission könne wichtige Dienste leisten, und zwar um so größere, je unparteiischer und unschulmeisterlieher sie sich gebärdet. In diesem Falle aber ist die Mandatskommission offenbar der unaufhörlichen mündlichen und schriftlichen jüdischen Propaganda in Oenf erlegen. Aber wie immer man dies beurteile, man müsse zugeben, daß die keineswegs unintelligenten Persönlichkeiten, die in der Mandatskommission sitzen, zu der Ueberzeugung kommen mußten, daß die Re* gierung Palästinas im vorigen August zusammengebrochen ist. Insofern also der Bericht der Mandatskommission den Grundsatz ausspricht ״Regierungen sind zum Regieren da“, kann er nützliche Folgen haben. Daß man nach Genf gehen mußte, um diese einfache Wahrheit zu lernen, sei ein Zeichen der Zeit. — Schließlich bespricht die Zeitschrift noch einen Punkt, der ihr als der wichtigste erscheint. Die Mandatskommission habe von der unmittelbaren Verpflichtung des Mandates gesprochen, die eine zweifache sei, nämlich einerseits die Schaffung der Bedingungen für das Jüdische Nationalheim und andererseits die Entwicklung von Selbstverwaltungs-Institutionen. Wie die Mandatskommission übersehen konnte, daß im Mandat auch die Verpflichtung zur ״Wahrung der bürgerlichen und religiösen Rechte aller Bewohner Palästinas ohne Unterschied des Volkstums und der Religion“ ausgesprochen wird, geht über unser Begriffsvermögen. Mit Recht sage die Antwort der britischen Regierung, hier liege der Kern des Problems. Es sei eine gewisse Enttäuschung, daß die Mandatskommission dies ignoriert hat. * In der amerikanischen Wochenschrift ״The Nation“ vom 20. August veröffentlicht William Zukerm an unter der Ueberschrift ״Die Juden — ein gefangenes Volk“ einen Aufsatz, mit dessen Darstellung des Zionismus und des Pa- Iästina-Problems man nicht übereinstimmen muß, um doch anzuerkennen, daß er mit Recht auf die immer brennender werelende jüdische Wanderungsfragc hin weist, die bei der grauenhaften und unhaltbaren Lage der osteuropäischen Judenheit von größter Bedeutung sei, aber durch die scharfen Einwanderungsbeschränkungen der U. S. A., die völlige Ab- Sperrung Australiens und Südafrikas (und jetzt nach dem Erscheinen dieses Aufsatzes durch die Einwanderungssperre in Canada! A. P.) Immer schwieriger werde. Nur aus dieser verzweifelten Situation von 7 Millionen Ostjuden, die in ihren Heimatländern - - mit Ausnahme der russischen, die allmählieh in produktive Berufe überführt würden —■ durch die Wirtschaftskrise und die bewußt judenfeindliche Wirtschafts־ Politik der Regierungen dem langsamen Hungertode preisgegeben seien, aber anderwärts nirgends Einlaß finden, könne man den ungeheuren Aufruhr der ganzen Weltjudenheit verstehen, der auf die Suspension der Arbeiter-Alijah nach Palästina eingesetzt habe, und der sich tatsächlich nicht nur gegen England, sondern gegen die ganze Welt richte. Zukerman meint, wenn wir heute noch die Ein- Wanderungsfreiheit der Vorkriegszeit hätten, so würde die Welt wenig vom Zionismus und der ganzen Judenfrage gehört haben; jetzt aber sei Palästina fast das einzige Land, das den Ostjuden eine Hoffnung auf Einwanderung böte, und in dem sie außerdem die verlockende Aussicht auf Abkehr von den mittelständischen Händlerberufen, die die jüdische lugend auf das tiefste verachte, und auf Betätigung in der landwirtschaftlichen Kolonisation hätten. Die Juden gingen heute nicht zum Luxus nach Palästina, oder weil sie irgendein sentimentales Ideal der Errichtung einer jüdischen nationaleti Heimstätte triebe, sondern einfach, weil man ihnen in Osteuropa das Leben zur Hölle mache, und sie sonst nirgends einlasse. Sie stürzen nach Palästina, wie ein entsprungener Häftling in die Freiheit rennt. —- Man müsse der Welt zum Bewußtsein bringen, daß man mit den Juden nicht weiter so verfahren dürfe. Wenn man sie in ihren Heimatländern schlage, verfolge, ruiniere und verhungern lasse und sie in den großen Einwanderungsländern aussperre, so könne die Lösung des Problems nicht darin liegen, daß man ihnen mm auch noch die Einwanderung nach Palästina verbiete. Gäbe es einen wirklichen Völkerbund, so müßte das Schicksal der sieben Millionen Ostjuden eine seiner Hauptsorgen sein, A. P. Wählerlisten einsehen! Brief aus Rumänien Von unserem Bukarester, Korrespondenten Noch kehre Normalisierung. — Gibt es kein Ende Im innerjüdiichen Streit? — Zum Tode Dr. Plstfner's. -h. Bukarest, den 29. August 1930. In der letzten Zeit haben größere antisemitische Ausschreitungen last ganz aufgehört. — Es ist eine gewisse Ruhepause eingetreten. — Genaue Kenner der Lage behaupten freilich, daß diese Ruhe nur eine vorübergehende ist, und daß im Herbst, besonders wenn die Studenten die Universitätsstädte wieder aufsuchen werden, neuerliche Ausschreitungen zu erwarten sind. — Trotz aller Zusicherungen, welche von einzelnen Mitgüedem der Regierung immer wieder abgegeben werden, daß die Regierung fest entschlossen sei, alle Maßnahmen zur Verhütung weiterer Unruhen zu treffen, glaubt man in weiten jüdischen Kreisen nicht recht an den Ernst dieser Zusicherungen. — Denn wie soll man ernstlich an den Willen der Polizei glauben, die jüdische Bevölkerung vor antisemitischen Ausschreitungen zu schützen, wenn die Polizei selbst, wie es auch in letzter Zeit der unerhörte Vorfall von Zgurita bewiesen hat, jüdische Mädchen und Jünglinge Folterungen mittelalterlieber Art unterwirft, weil sie es gewagt hatten, zum Zwecke der Gründung einer jüdischen Bibliothek zusammenzukommen? — Oder wie soll man an den Ernst des innen — minister« glauben, dem erst der jüdische Deputierte Landau dokumentarische Beweise erbringen muß, daß sich neue antisemitische Unruhen vorbereiten und der in einer solchen Zeit die Abhaltung eines Cuzistenkongresses in Balti erlauben will und erst in letzter Stunde dazu bewogen werden kann, die Abhaltung dieses Kongresses wenigstens vorläufig zu verbieten? Wie kann man an den Emst der ganzen Regierung glauben, wenn Herr Vaida Voevod, den die gesamte demokratische Presse als den einzig verantwortlichen Urheber der antisemitischen Unruhen bezeichnet, weiter das Amt des Innenministers bekleidet und wenn der Ministerpräsident Maniu nicht den Mut besitzt, sich von diesem Innenminister zu trennen? Welche Meinung die demokratische Presse vom gegenwärtigen Innenminister hat, beweist wohl am besten die Tatsache, daß sie zusammen mit der Meldung, daß Herr Vaida Voevod für einen Monat zu Erholungszwecken das Land vefläßt, für die Zeit des Fehlens des Innenministers vom Lande eine Periode völliger Ruhe voraussagt. * Wir haben seinerzeit von der Reichskonferenz der rumänischen Juden berichtet, die vom jüdisch-parlamentarischen Klub unter dem Drucke der antisemitischen Ausschreitungen einberufen wurde und die eine unerwartet gute Beteiligung aufwies. — Wir haben ferner davon berichtet, daß die ״Union rumänischer Juden“, welche gleichfalls zu diesem Kongreß eingeladen war, ihre Beteiligung abgelehnt hat. — Wir wissen nicht, welche die tieferen Gründe waren, die diese jüdische Organisation dazu bewogen haben, die so notwendige Einheit der jüdischen Front zu brechen. Wir glauben jedenfalls, daß die Absentierung einen falschen Schritt darstellt, der jetzt nur schwer wieder gutgemaeht werden kann, ganz gleichgültig, ob auch schwerwiegende Gründe diese Absentierung veranlaßt haben. — Durch diese Taktik der ״Union rumänischer Juden“ sind die Beziehungen zwischen dieser Organisation und den nationalen Elementen in den *»geschlossenen Provinzen sowie in Altrumänien noch viel schärfer geworden. Die jüdische Presse auf beiden Seiten führt jetzt einen häßlichen Kampf, der die entartetsten Formen eines Bruderkampfes annimmt; es fehlt nicht an schwersten Angriffen una Verdächtigungen auf beiden Seiten und man verbeißt sich so sehr ineinander, daß man an die schwere Lage der Juden ta Rumänien ganz vergißt und sich keine Rechenschaft darüber abgibt, daß das jüdische Haus an allen vier Ecken und Enden brennt. Es ist klar, daß die Regierung diesen inneren Streit zu ihrem Vorteile ausnützt, so oft es ihr paßt, und daß es ihr viel leichter fällt, die jüdischen Forderungen nach ausgiebigem Schutz, nach Bestrafung der Uebeltiter sowie nach weitgehender Entschädigung für die Brandstiftungen und Plünderungen zu ignorieren, wenn dieser häßliche innerjüdische Kampf die Kräfte der jüdischen Bevölkerung zum Teile lähmt. * ♦ Noch stehen weite jüdische und nichtjüdische Kreise unter dem Eindrücke des frühzeitigen Todes von Dr. Jacob Pistfner, der nicht nur der Führer der sozialdemokratischen Organisatkm in der Bukowina war, sondern auch der anerkannte Repräsentant der sozialistischen Bewegung in ganz Rumänien. Als innerhalb der internationalen sozialdemokratischen Organisation sich eine nationale Gliederung durchzusetzen begann, entstand auch der ״Bund“, welcher die jüdischen Arbeiter innerhalb der allgemeinen sozialdemokratischen Organwation zusammenfassen sollte. Dr. Pistiner wurde der Füh* rer des ״Bund“, trotzdem seine Erziehung und seine ganze Einstellung mit der Ideologie des ״Bund“ nicht harmonisierten, und trotzdem der ״Bund“ in vielen Fragen eine weit radikalere Haltung einnahm, als sie der Konzeption von Dr. Pistiner entsprach. — Bekanntlich führt der Czernowitzer ״Bund“ seit vielen Jahren einen rücksichtslosen Kampf gegen die zionistische Bewegung, versucht dieselbe mit allen Mitteln zu diskreditieren, beschimpft in ihren Zeitungsorganen die führenden Köpfe der internationalen Sozialdemokratie in den West- Staaten, welche Freunde des zionistischen Palästinaaufbaues sind — und die* alles aus dem Grunde, weil der ״Bund“ fühlt, 1 daß die zionistische Bewegung ihm den Vorrang in der jüdisehen Gasse streitig macht und die Juden sich doch eher für Zion als für die Krim begeistern, — Bei diesem rücksichtslose» Kampfe hielt sich Dr. Pistiner sehr häufig im Hintergrund und es ist aus wiederholten privaten Aeüßerungen von seiner Seite bekannt, daß er persönlich eine viel positivere Stellung zur zionistischen Arbeit in Palästina hatte, als sie seine Partei eianahm. Dr. Pistiner, der In aUtft allgemeinen Frag«» immer führend voranging und der seit vielen Jahren die politische Taktik der sozialdemokratischen Bewegung entscheidend beeinflußte, war in jüdischen Fragen — und dies ist. vieUeicht aut sein« Erziehung zu buchen — ein 0 e f a n gene r des radikalen ״Bund“ und deckte mit seinem Namen die ganze verbohrte Taktik dieser Partei. — Und es ist sicherlich ein Beweis für die hohen moralischen Qualitäten des Verstorbenen, wenn Dr. Pistiner trotzdem auch in zionistischen Kreisen eine ganz besondere Wertschätzung genoß. Die Retduiagswahlen Die antisemitischen Aeußerungen, die in einigen dem Zen• trum zugezählten Organen ln den letzten Tagen zu lesen waren (worauf in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rund* schau“ hingewiesen wurde), haben das Zentralorgan der Zen* trumspart ei, die ״O c r m a n i a“, Berlin, veranlaßt, zu diesen Erscheinungen Stellung zu nehmen. Mit anerkennenswerter Entschiedenheit rückt die ״Germania“ von den Eskapaden des ״Deutsehen“ und anderer Zeitungen* ab, die als Organe de» Zentrums betrachtet werden. Die ״Germania“ erklärt, daß der ״Deutsche“ in keiner Weise als Willens- und Meinungsausdruck der deutsehen Zentrumspartei angesehen werden dürfe. Diese stehe auf der Plattform restloser Gleichberechtigung aller Staatsbürger in Deutschland und lehne jede Gemeinschaft mit Parteien ab, die programmatisch judenfeindlich sind. Die loyale Erklärung der ״Germania“ liegt durchaus in der Richtung der vom Zentrum seit der Nationalversammlung in Weimar getriebenen Politik. Daß sich im Zentrum ebenso wie in allen anderen deutschen Parteien, die Sozialdemokratie und die Kommunisten einbegriffen, Antisemiten befinden, ist den Juden nur zu gut bekanni Im politischen Leben kommt es aber darauf an, wie das Programm einer Partei aussieht und wie die verantwortlichen Führer der Partei dieses Programm handhaben. ״Me Welt am Montag“ vom 1. d. M. meldet, daß der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Georg Kareski, auf der Berliner Wahlliste des Zentrums an 10. Stelle kandidiert. Das Blatt meint, daß dieser Platz natürlich aussichtslos ist und fügt hinzu, es sei interessant, daß die im allgemeinen als rein katholisch geltende Zentrumspartei einen hervorragenden Ver• treter der jüdischen Religionsgemeinschaft auf seine Liste übernimmt. Wir haben vor einiger Zeit erfahren, daß unser Gesinnungsgenosse Kareski Reichstagskandidat des Zentrums werden soll. Dieser Entschluß ist in Georg Kareskl gereift, nachdem die Zentrumspartei ihre Zustimmung ausgedrtickt hatte, als stärkste Partei der religiösen Minderheiten durch Aufstel- Jung eines Vertreters der jüdischen Minderheit darzutun, daß sie sich als Sach wal t e ri n aller religiösen Minderheiten betrachtet. Durch die Aufstellung eines jüdischen Kandidaten, wenn auch an aussichtsloser Stelle, soll nach außen dargetan werden, daß die Zentrumspartei in Deutsch* land es entschieden ablehnt, sich den antisemitischen Parteien oder den Parteien anzuschließen, die bereit sind, Pakte mit den Nationalsozialisten einzugehen. Als ״demonstrativer“ jüdischer Kandidat war, wie wir hören, ein im Berliner Wirtschaftsleben bekannter Jude liberaler Richtung ausersehen. Die Berliner Zentrumspartei zog es aber vor, den für die jüdische Gemeinschaft in höherem Grade repräsentativen Georg Kareskl als Kandidaten zu akzeptieren. Wir möchten es heute vermeiden, zu der Tatsache einer jüdiscl1e«*Kan||id«tur auf der Zentrumsliste Stellung zu nehmen. Georg Kareski, das sei festgestellt, tritt als Reichstagskandidat des Zentrums weder in seiner Eigenschaft als Zionist, noch als Mitglied der Jüdischen Volkspartei auf. Seine Kandidatur ist als eine Handlung eines einzelnen Juden zu bewerten. Allerdings ist Kareski sowohl als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde wie als Führer der Volkspartei und als langjähriger Zionist für alle drei Lager repräsentativ. Auch in der deutschen Volkspartei waren in der letzten Zeit Stimmen zu vernehmen, die sich gegen die antisemitischen Methoden einzelner Ortsgruppen und Landesverbände der Partei wandten. Am deutlichsten äußerte sich in dieser Hinsicht Herr von Kardorff, was bei diesem vornehm und gerecht denkenden Manne nur selbstverständlich ist. Er sprach sich gegen eine Zusammenarbeit der Volkspartei mit den Nationalsozialisten aus. Es verdient, vermerkt zu werden, daß die Volkspartei auf ihrer Reichsliste, allerdings an 19, Stelle, in Arthur Lehmann auch einen jüdischen Kandidaten nominiert hat. Wenn man die Tatsachen aneinanderreiht, daß die deutsche Volkspartei in Thüringen Dr. Fr i c k die Stange hält, in Sachsen bereit war, mit den Nationalsozialisten eine Regierung zu bilden, andererseits aber einen Juden als Kandidaten nominiert und durch den Mund eines ihrer hervorragendsten Führer von den Nationalsozialisten abrückt, so ist die Koniur der Partei, vom Standpunkte des jüdischen Wählers gesehen, äußerst vage. Im ״Montagmorgen״ werden gegen Dr. Gustav Stolper, den Spitzenkandidaten der Staatspartei ln Hamburg, Anklagen erhoben, daß er mit der Hochfinanz liiert sei. Es verlautet, daß die fortgesetzten Angriffe des ״Montagmorgen“ ihre Wurzel in privaten Differenzen der Herausgeber des ״Montagmorgen“ mit Gustav Stolper haben. Falls dies zutrifft, sollten diese Privatangelegenheiten besser ohne Inanspruchnahme der Oeffentlichkeit ausgetragen werden. Noch trennen uns zwei Wochen von dem Wahltag. Weder die Juden im allgemeinen, noch die Zionisten im besonderen stellen in bezug auf die Reichstagswahlen eine Partei mit ge* schlossener Ansicht dar. In der staatsbürgerlichen Betätigung jedes einzelnen deutschen Juden sind, entsprechend der sozialen Schichtung und den Neigungen der jüdischen Wähler, selbstverständlich viele Richtungen vorhanden. Ueber das Grundsätzliche der Stellungnahme der Juden zu de» Parlamentswahlen wird noch zu sprechen sein. j. r. ״Demntaelten der Woche״ ” V*\ g VII .VIWIIVUUSVIH III OCHIVd UC läge ״Der blaue Montag" in der Rubrik «Dummheiten der Woche“ nachstehendes Inserat, das in der ״Frankfurter Ztg, erschienen ist. ״Ich wünsche meiner Schwägerin einen Mann, der vor allem frauliche Reinheit voll zu würdigen weiß. Meine Schwägerin Ist getaufte Jüdin mit erziehungsmäßig bedingter christlich-arischer Einstellung, weshalb eine Verbindung nur mit einem Arier in Betracht kommen kann.“ a-1׳vov.a UJ3V.1Ü1 והו• uui cm OJIIIDUI UCi LSUIUUUlCl sondern auch jüdischer Entartung. Wie wir aber glauben, stel diese Blüte aus dem Kreise der getauften Juden ״mit chnstlict arischer Einstellung“ doch nur einen der letzten Ausläufer eine Assimilationsperiode im deutschen Judentum dar, die im Licht der neuen Strömungen in. der Welt und im Judentum mi noch lächerlich wirkt.