Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 68 (29.8.1930)
- Date
- 1930-08-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I 1 1930 Nr. 68. 29.Vm.1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 447 ׳ Ist zuen. Die *rufung des zio- ׳eiterten peration :gemeinrotzdem die eng- Arabern 1er engiv gegen hluß erüben die :he poliüber die )hamtne- Ländern. listen in m unzu- Vber wir Iten des ■stem als 1d Weizfi. Zum fung des die Not- ■abischen tion des von Befen auch n. Diese tens eine ine eines lung der!ustandes ■ Debatte dgen die chränken ind dann etan wergten Ma- :nwärtige sei, daß n wurde, angekünische n inden. In nuß man egenwärft der Be- 1 illustra- R e gi eng Partei Bevölke- Bevölke-!ahlwdels National- ׳ der eng- Simpsons . Wir er- : aus dem liieren rhandlungibt auch einer Repfen. Wir sitives wir werdiskutie- :enblicke, de. Dieruck ver- Ländern tegierung dem jüdii, für abhandelten nen, was chen, die England essen. Es A.-C., zu Lage tfes steht auf rschlägen was unn posi- 1 unseernd die sie doch Crise tritt ' pra kgibt hin- Extreme: Redner der Zu- /01k und nicht in!e durch- 1en. Das stellt den iegungen iebigkeit, chen des wei Pro- Arabern, den peram wolle Schalom bar. Bei der habe kr Brith .na nicht taloni ist 110m geen. Der 1 im ara* steuropa daß sich;sen. Die gleichen Weidmanns Antwort Dr. Welzmann beschäftigt sich zunächst mit den Aüsfiihriingen verschiedener Debattenredner betreffend unsere Be- Ziehungen zur Mandatarmacht. Wir haben jetzt der Regierung ein ausführliches Memorandum überreicht, in welchem wir unsere programmatischen Forderungen zusammengestellt haben. Darüber müssen wir jetzt verhandeln. Wenn jemand ein anderes Programm vorzuschlagen hat, dann soll er seine Vorschläge im A.-C. Vorbringen. Die Redner der Opposition haben keine praktischen Vorschläge gemacht mit Ausnähme des einen, man solle ihnen die Leitung übergeben. Ich hätte nichts dagegen, daß die Opposition die Exekutive übernimmt, aber das hängt nicht von mir ab, sondern vom A.-C. oder vom Kongreß. Die Exekutive hat die größten Anstrengungen gemacht, um die öffentliche Meinung in England für unsere Idee zu gewinnen, und wir haben im letzten Jahre eine große Zahl von Freunden gewonnen. Aber es ist sehr schwer, es dahin zu bringen, daß ״auch gute Freunde entscheidende Schritte für eine Sache unternehmen, die sie unterstützen wollen, weil stets eine Fülle anderer Interessen und Rücksichten mitspielen, über die wir keine Macht haben. So haben wir gesehen, daß trotz der Bemühungen unserer Freunde, eine Debatte im Unterhaus herbeizuführen, diese immer wieder verschoben wurde. Auch der Vorwurf, wir hätten nicht genügend scharf mit der Regierung gesprochen, ist unberechtigt. Wir haben unsere Sache mit aller Entschiedenheit vertreten. Viele Redner haben keinen Sinn für die realen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Mit heroischer Geste werden Anschauungen vertreten, die einem mystischen Glauben entspringen. Grün bäum z. B. ruft zum Kampf auf. Ich habe auch gekämpft, aber als verantwortlicher Politiker muß ich wissen, w o - hin ein Kampf in letzter Linie führen wird. Manchmal kann man die Befürchtung haben, daß das Resultat unseres Kampfes auf unseren eigenen Kopf zurückfallen wird. Manche Herren meinen, wenn man eine geschickte Formel findet, dann existieren die Araber nicht in Wirklichkeit. Und die Reden dieser Herren werden uns dann vorgehaiten, und das macht uns Schwierigkeiten, und die öffentliche Meinung kehrt sich gegen uns. Wenn Grünbaum von meinem ״System“ sprach, so hat er im gewissen Sinne Recht Das System bestand darin, solange die Möglichkeit vorhanden ist, Menschen nach Palästina zu bringen und Boden zu kaufen und die Mensch«! auf dem Boden zu verwurzeln. Ich habe immer gesagt, daß wir uns in erster Linie auf u n - sere eigene Leistung verlassen müssen. Wir mußten verschiedenes Unangenehme über uns ergehen lassen, oft mit Zähneknirschen, damit die Arbeit weiter geführt werden kann. Sieben Jahre hindurch war ich mehr Geldsammler als politischer Leiter, um diese Leistung zu ermöglichen. Die aufgebrachten Mittel, kombiniert mit der Begeisterung eines Teiles der jüdisehen Jugend, haben diese Leistung zustande gebracht. Es ist nicht alles geschehen, was hätte geschehen können. Vielleicht, wenn 250000 Juden in Palästina gewesen wären, wären Gele schlimmen Ereignisse nicht eingetreten. Aber wären diese Leistungen nicht da, dann wären wir viel schlechter weggekommen. Das System war das Maximum der Juden Im Minimum der Zeit mit den Mitteln, die wir aufbringen konnten, trotz aß den Schwierigkeiten, die man uns gemacht hat Und in dem Moment, wo ein Attentat auf die Seele dieses Systems unternommen wurde, mußte ich notgedrungen eine Kampfstellung einnehmen. Lichtheim sagte, ich bagatellisiere die Interessengemeinschaft mit England. Ich glaube nicht, daß ich das getan habe. Ich glaube an diese Interessengemeinschaft, aber viele Engländer sind der Ansicht, daß andere Interessen diese Interessengemeinschaft kreuzen, und so kommt es, daß in der praktischen Politik nicht unser Standpunkt allein maßgebend ist. Wir müssen verstehen, daß England auch von ungeheuren Schwierigkeiten belastet ist. Es ist eine gewisse Tragik darin, daß wir gerade mit dieser englischen Regierung, deren führende Persönlichkeiten uns stets besonders nahe standen, in Konflikt geraten sind. Es ist auch nicht richtig, wenn Großmann sagt, England könne sich darauf berufen, daß die Exekutive zehn Jahre geschwiegen hat. Wir haben nicht geschwiegen, sondern um jeden Schritt und jede Maßnahme mit ganzer Energie gerungen. Allerdings sind wir nicht in einen öffentlichen Kampf gegangen. Shiels hatte nicht recht, als er in Genf sagte, die Zionisten hätten nichts als Boden gefordert. Ich muß Dr. Shiels verweisen auf die langjährige Korrespondenz mit der Regierung in London und in Jerusalem. Es ist fraglich, ob man einen größeren Eindruck macht, w enn man die ganze Zeit einen lärmenden Kampf führt oder aber, wenn man jahrelang geduldig alles erträgt und dann im entscheidenden Moment sagt, jetzt ist der Moment gekommen, wo wir es nicht tragen können. Die einzige Macht, auf die wir uns in unserem Kampf stützen können, sind die Positionen in Palästina. Stricker und andere haben hier behauptet, wenn wir nicht den Judenstaat ausrufen, läuft uns die Jugend weg. Darauf muß ich im vollen Bewußtsein, mich damit unpopulär zu machen, erwidern :derJudenstaatwarnieSelbftzweck, sondern nur ein Mittel zum Zweck. Im Baseler Programm steht nichts über Judenstaat, auch in der Balfour-Deklaration nichts. Der Inhalt des Zionismus ist: Eine Reihe von bedeutenden materiellen Unterlagen in Palästina zu schaffen, auf denen sich ein autonomes, in sich geschlossenes and produktives Gemeinwesen aufbauen kann. Vielleicht haben manche führenden englischen Politiker während des Krieges, als die Welt noch im Dunkei lag, an einen Judenstaat gedacht, aber als die Realitäten zum Vorschein kamen, ist das revidiert worden. Im Mandat steht geschrieben als Ziel der Palästina-Politik ein Jüdisches Nationalheim in Palästina. Die Jugend ist nicht von dem Wort Judenstaat hingerissen worden, sondern die Jugend ist zu uns gekommen, weil sie eine große Möglichkeit der Arbeit in Palästina sah. Die Jugend kommt zu uns. Vielleicht ist sie nicht im A.-C.; darum will ich Platz machen, damit jüngere kommen können, und vielleicht folgen andere meinem Beispiel. Aber das ist nicht nur bei uns so, sondern in der ganzen Welt, weil eine ganze Generation durch den Krieg vernichtet worden ist. Pa’ästina könnte ein Judenstaat werden, wenn cs ein leeres Land wäre. Es ist aber kefat leeres Land. Und teb behaupte, daß trotzdem die bfichatea uad ז besten Kräfte im Judentum durch unsere Idee geweckt werden und daß sie sich für diese große jüdische Schaffensmöglichkeit, auch wenn sie durch die gegebenen Verhältnisse eingeschränkt wird, voll einsetzen werden. Nach meiner tiefen Ueberzeugung ist es überaus schädlich und unpolitisch, wenn Gedanken ausgestreut werden, die Glaubensbekenntnisse sind, aber das Fortschreiten unserer Arbeit in Palästina erschweren. Dies haben manche sich im letzten Jahre zuschulden kommen lassen. Es ist nicht unsere Schuld, daß das Aufleben des Ostens viel schneller vor sich gegangen ist, als die meisten sich vorgestellt haben. Es gibt heute eine he ranwachsende arabische Jugend in Palästina, die in ihrem Sinne genau so gut zionistisch ist wie wir, und es wäre lächerlich, zu sagen, wir ignorieren diese Kraft und verschanzen uns in diesem Glauben. Wir dürfen nicht so sprechen, daß die Araber es so empfinden müssen, wie wenn man uns sagte, wir hätten kein Recht auf Palästina. Wir haben ein Recht, und sie haben ein Recht. Beide Völker sind gleichberechtigte staatsbildende Eiemente. So müssen wir zusammen arbeiten, und wenn wir einmal die Majorität werden, dann werden wir sie nicht majorisieren, so wie wir nicht majorisiert werden wollen. Das ist der Sinn des Mandates. Wenn dieser Inhalt des Mandates nicht durchgeführt wird, dann müssen wir aufs Letzte dafür kämpfen, aber leider hat man Passfield und Shiels die Möglichkeit gegeben, zu sagen, wir haben euch keinen Juden- Staat versprochen. Es ist nicht leicht für eine politische Leitung, nach so schweren Rückschlägen und angestrengter Arbeit zu den Freunden zu sprechen. Was die Zukunft betrifft, so halte ich es für ganz richtig, daß wir Simpson unser Material vorgelegt haben. Ich weiß nicht, wie sein Bericht ausfallen wird. Vielleicht werden wir gezwungen sein, dagegen zu kämpfen. Vielleicht wird er manche unserer Anschauungen akzeptieren. Ich möchte hier nur eine Möglichkeit erörtern. Gesetzt den Fall, wir könnten in den nächsten zehn Jahren 30000 oder 40000 Familien in Palästina ansiedeln: das ist nicht das Nationalheim, aber ich behaupte, daß, wenn dies gemacht wird, wir einen ganz gewaltigen Schritt weiterkommen und die Arbeit dann vervielfacht werden kann. Es handelt sich nicht darum, irreale Ziele zu setzen, sondern ein praktisches Programm für fünf oder zehn Jahre zu schaffen. Zum Schluß möchte ich sagen: wir haben der englischen Regierung unser Programm vorgelegt, die Durchführung hängt nicht allein von uns ab. Sie werden entweder durch einen Kongreß oder durch eine provisorische Exekutive oder durch andere Mittel versuchen, Ihre Wünsche durchzusetzen. Ich hoffe, es wird gelingen. Dies hängt aber ab von den Untersuchungen der Regierung. ich kann keine Versprechungen geben und nicht sagen: wenn man mich einsetzt, werde ich Euch zum Ziele führein. Ich kann nur sagen: wir werden uns nach bestem Wissen und Gewissen mit Ihrem Rat und Ihrer Hilfe bemühen und jeden Schritt mit allen unseren Kräften erkämpfen, um unsere Sache weiterzuführen. Schluß der Sitzung 9 Uhr abends. Donnerstag Letzte Nachrichten Krisis wegen Judenstaat Die Nadiisttzung des A.-C. (Donnerstag nachts.) Die letzte Sitzung des A.-C. nahm einen überraschenden Verlauf. Die Andeutung unseres heutigen Leitartikels, daß ein ideologischer Streit entbrennt, hat sich in unerwartetem Umfang erfüllt, und der parlamentarische Verlauf dieser Sache gereicht dem A.-C. nicht zum Kredit. Gleich nach Eröffnung der Donnerstag-Nachmittags-Sitzung gab Mr. Co wen eine Erklärung ab, in der er gegen manche Sätze der gestrigen Rede Weizmanns Verwahrung einiegt. Auch der M i s r a c h i gab einen Protest zu Protokoll. Darauf wurde auf Wunsch der Exekutive die Sitzung unterbrochen. Nach Wiederaufnahme der Sitzung gab Dr. Weizmann eine Reihe von Erklärungen zu seiner Rede. Ben Gurion namens der Arbeiterpartei verlas eine Deklaration, die nach Darlegung der Ansichten seiner Partei sich gegen Cowcns Standpunkt ausspricht. Radikale und Revisionisten sagten in eigenen Deklarationen der Exekutive scharfe Opposition an. Blumenfeld erklärt namens der von der Deutsehen Landsmannschaft entsandten A.-C.-Mitglieder Unter* Stützung von Dr. Weizmann. Der Misraehi erbittet Unterbrechung. Nach der Pause, in vorgerückter Nachtstunde, folgen Deklarationen der Allgemeinen Zionisten (Dr. Klee) und des Misraehi. Nach weiterer Unterbrechung verliest Herr SokoIow eine Erklärung der Exekutive, die — in Beantwortung einer Interpellation des Misraehi bezüglich des zionistischen Zieles — sich auf die Aussage Sachers vor der Shaw-Kommission und die damalige Instruktion Dr. Weizmanns beruft. Es folgt eine Rede von Rabb. Brodt (Misraehi), die eine Gegenrede Dr. Weizmanns hervorruft. Bei Abschluß dieser Zeilen ist die Krise noch nicht bei gelegt. Die Deklarationen der einzelnen Gruppen werden von uns wiedergegeben werden, soweit sie in dem offiziellen Bulletin veröffentlicht sein werden. Vor der Aussprache über Weizmanns Rede wurden die Anträge der Organisation skommission angenommen. Um 3 Uhr nachts ist das A.-C. bei Beratung des Berichtes der Budget-Kommission. Es wird auch beschlossen, dfe A.-C.-Sftzung nicht zu schließen, sondern für Sonnabend abend zu vertagen. Das A.-C. bleibt also auch nach Beginn der Sitzung des Administrative Committee beisammen. Von Interesse ist die Resolution über die Frage des n ä c h - sten Kongresses, die in folgendem Wortlaut angenommen wurde: Das A.-C. nimmt die Ansicht der Exekutive zur Kenntnis, daß vor einer definitiven Stellungnahme zu einem Palästina- Programm der englischen Regierung, welches vitale Interessen unserer Arbeit berührt, eine Tagung des Councils der Jewish Agency erforderlich ist und der zionistische Kongreß einberufen werden muß. Die Exekutive wird ermächtigt, alle von ihr für erforderlich gehaltenen Maßnahmen organisationsrechtlicher Art zu treffen, um den Zusammentritt des Kongresses nach Durchführung von Wahlen in kürzester Zeit zu ermöglichen. Zeit und Ort des Kongresses soll gegebenenfalls die Exekutive im Einvernehmen mit dem Präsidium des A.-C. bestimmen. Die weiteren Beschlüsse werden wir nachtragen. Marktgängige Propagandamittel Je näher der Wahltag heranrückt, um so leidenschaftlicher werden die Töne, die man aus dem Blätterwald der miteinander ringenden Parteien Deutschlands zu hören bekommt. Dabei können wir Juden, die so oft gemachte Erfahrung wieder einmal machen, daß als zugkräftigstes Argument die antisemitische Parole auch von Richtungen in Anwendung gebracht wird, welche sich sonst bemühen, anständige Gesinnung und anständige Umgangsformen zur Schau zu stellen. Es ist leider begreiflich, wenn Berufsantisemiten und rassenantisemitische Parteien in der Hitze des Wahlkampfes das verstärkt tun, was sie. stets geübt haben, nämlich die antisemitische Verhetzung. Diese Haltung ist jenen Berufsantisemiten Handwerk und ihren Zeitungen tägliches Brot. Diese seelische Haltung und diese Methoden (werden natürlich von Juden und allen anständigen Nichtjuden abgeiehnt; aber man muß doch zugeben, daß viele Berufsantisemiten subjektiv von der Richtigkeit ihrer objektiv falschen Ansichten überzeugt sind. Widerwärtig und von jedem Standpunkte aus unqualifraerbar jedoch ist die Methode, deren sich im Wahlkampf deutsche Parteirichtungen befleißigen, welchen der während des Wahlkampfes zur Schau gestellte Judenhaß sonst gar nicht Hauptsache ist. Kaltschnäuzig spekulierend, verwenden Zeitungen, wie ״der Deutsche“, das Organ der christlichen Gewerkschaften, und nach dessem Beispiel viele Blätter im ganzen Reiche in ihrem Kampfe gegen andere Parteien antisemitische Schlagworte. Wenn alle Argumente gegen die Sozialdemokratie versagen, dann wird in kalter Berechnung der gelbe Judenfleck hervorgeholt und den sozialdemokratischen Führern angeheftet. Man ״beschimpft“ den Chefredakteur des ״Vorwärts“ Friedrich Stampfer als Volljuden, macht auch aus Crispien einen Juden und da ״die Beschuldigung“, daß diese nur schlechthin Juden sind, den Redakteuren des ״Deutschen“ noch nicht zugkräftig genug erscheint, wird die gesamte Redaktion des ״Vorwärts“ mit dem Etikett ״gaüzisch“ beklebt. Wir wissen, daß die christlichen Gewerkschäften auch sonst wenig judenfreundlich sind, daß sie aber an der Judenfrage, als einer für sie unerheblichen, achtlos vorüberzugehen pflegen. Um so peinlicher ist es, wenn das Organ der christlichen Gewerkschaften aus sich herausgeht und in erregten Wahlzeiten sich der berufsmäßigen antisemitischen Verhetzung der Nationalsozialisten und anderer Parteien anschließt. Es wiederholt sich im gegenwärtigen Wahlkampfe ein den Juden leider nur zu gut bekannter Vorgang: Interessenkämpfe werden auf dem jüdischen Rücken ausgetragen. Hierbei spielt die Berechnung mit, daß in der Wahlwerbung bei den breiten Massen der marktgängige Artikel des Judenhasses reißenden Absatz findet. Wir haben vor einigen Wochen vor der Auflösung des Reichstages vermerken können, daß die ״Kölnische Volkszeitung“, ein sonst ernstes und in jüdischen Fragen anständiges Blatt, anläßlich der Berufung des Professors Kelsen an die Universität Köln antisemitische Töne angeschlagen hat. Darauf erfolgte seitens der ״Kölnischen Volkszeitung“ ein Widerruf, in welchem die Entgleisung zugegeben und die Versieherung gemacht wurde, daß sich derartige Verstöße gegen die unbedingte Objektivität in jüdischen Angelegenheiten nicht wiederholen werden. Das Blatt schrieb, daß es sieb gleich der hinter ihm stehenden Partei von jedem Rassenantisemitismus frei wisse. Nun erleben wir in der Presse gerade dieser sonst denen der geleugnete Rassenantisemitismus hervorlugt. Man kommt angesichts dieser Vorgänge nachgerade zur Ueberzeugung, daß es in Deutschland keine einzige bürgerliche Partei gibt, die entschieden vom Antisemitismus abrückt. Die bürgerlichen Parteien, darunter auch republikanische, sind von antisemitischen Elementen durchsetzt, beugen sich vor der allgemeinen antijüdischen Stimmung und zeigen beim Stimmen• fang durch brutale oder verhüllte Verwendung antisemitischer Köder ihr wahres Gesicht. In jüdischen Wählerkreisen hört man darum vielfach die Ansicht, daß ein anständiger Jude, der nicht sozialistisch wählen will, eigentlich Wahlenthaltung üben müsse. Derartige Stimmungen sind durchaus begreiflich. Wenn jene bürgerlichen Parteien, die in der parlamentarischen Praxis anständiger sind als in den Wahlartikeln ihrer Zeitungsorgane, Wert darauf legen, von jüdischer Seite Unterstützung zu bekommen, so sei ihren verantwortlichen Führern hierdurch der Rat gegeben, daß sie auf ihre exzedierenden journalistischen Helfer ernüchternd einwirken. Das gilt in besonderem Maße für das deutsche Zentrum, welches als Vertretung einer religiösen Minderheit sehr oft, im Reich und in Preußen, eine für die jüdischen Interessen durchaus akzeptable Haltung beobachtet und deswegen bei Juden vielfach Sympathien erworben hat. Reichsinnenminister Dr. W i r t h genießt wegen seiner oft bewiesenen objektiven Haltung in jüdischen Dingen bei den deutsehen Juden viel Kredit. Er ist nicht der einzig maßgebende Führer des Zentrums, aber einflußreich genug, um seine Parteifreunde von Aeußerungen einer antijüdischen Stimmung zurückzuhalten, welche nur geeignet sind, das sonst gute Einvernehmen zwischen Zentrum und Juden in Deutschland aufs stärkste zu gefährden. j• r• * Das ״Hamburger Israelitische Familienblatt“ hatte den Tat- Sachen gemäß gemeldet, daß der Spitzenkandidat der Staatspartei für Hamburg, Dr. Gustav S t o 1 p e r, aus dem Judentum ausgetreten sei. Daraufhin bekam die genannte Zeitung von der Geschäftsstelle der Deutschen Staatspartei ein Schreiben, in welchem ״WertaufdieFeststellung gelegtwird, daß Dr. Stolper keineswegs jüdischer Abstammutig ist.“ Diese Erklärung der Geschäftsstelle der Staatspartei ist offenbar ohne Wissen und Willen Dr. Gustav Stolpers abgegeben worden. Dr. GustavStoIperist jüdischer Abstammung, und es ist bezeichnend, daß die Geschäftsstelle der Staatspartei es für notwendig erachtet, dies in Abrede zu stellen. Bedarf es stärkerer Beweise für die unleidliche Situation der Juden in Deutschland als dieses muntere Spiel um die Feststellung, ob ein Kandidat jüdischer oder nichtjüdischer Abstammung ist, sogar bei einer Partei, die auf dem Standpunkte der Weimarer Verfassung, der vollständigen Gleichberechtigung der Juden und der Ablehnung des Antiscmitismus steht? Calerata Polizei-Inspektor in Tel-Awiw Die palästinensische Presse teilt mit, daß die Palästina-Rcgierung den bisherigen Leiter der Polizei von Hebron, Caferata, zum Inspektor der Polizei der Stadt Tel-Awiw ernannt hat. Caferata war Leiter der Hebron-Polizei zur Zeit der Judenmassakres im August 1920. Vor den Massakres hat er die Hcbroner Juden vertröstet, daß kein Grund zu Besorgnis bestehe. Während der Unruhen hat er dann mit großer Tapferkeit sich persönlich mit der Waffe in der Hand den arabischen Exedenten eatgegengestellt, wofür er später eine Auszeichnung erhielt 'j 1' I 1 I® B ■ j ן י!'!׳ ■ 1'; if■ ־•! i