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Jüdische Rundschau · 1930-08-26 · Heft 67 (26.8.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 67 (26.8.1930)
Date
1930-08-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 67, 26. V1TI. 1930 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 441 jenseits des Jordans. Man sehe endlich ein, daB Getreidebau |<ein Fundament der Kolonisation sein kann, aber auch Milch- Wirtschaft könne es nicht sein, denn in einem Land, wo die Ertiährung des Viehs notwendig so hohe Kosten verursacht, kann man keine Milchprodukte für den Export erzeugen. Beim Orangenbau müssen die Kolonisten 5 Jahre auf einen Ertrag warten und Unterstützung nehmen, das ist eine Wiederholung des von uns abgelehntcn Rothschildsclien IJnterstützungs- Systems. Man muß daher die Kolonisation auf intensive Kulturen (Gemüse usw.) gründen, von denen die Leute sofort existieren können. Durch Sammeltätigkeit al/ein kann man auch die Kolonisation nicht finanzieren, man müsse staatliche Wege gehen. Vorsitzender Farbstein teilt mit, es sei die Anregung gegebeti worden, die Debatte zu unterbrechen und Dr. Senator das Wort zu einem Referat über das Budget zu erteilen. Es erhebt sich kein Widerspruch. Das Budget Dr. Senator (Exek. d. Jewish Agency) schildert zunächst die Zustände im vergangenen Jahr. Der Council der Jewish Agency in Zürich hat ein Budget von 750 000 Pfund aufgestellt, wovon in Amerika 450 000 Wund, in Europa 300000 Pfund aufgcbracht werden sollen. Von Europa sind nun tatsächlich bereits 183 000 Pfund eingegangen und es werden noch weitere 50000 bis Schluß des Finanzjahres erwartet, so daß von der europäischen Quote ein Defizit von 75 000 Pfund bleiben dürfte. In Amerika hat die gemeinsam mit dem Joint unternommene Kampagne erst im März begonnen und mußte aus verschiedenen Gründen mehrmals unterbrochen werden. Sic hat im ganzen etwa 600 000 Dollar gebracht, ferner wurden 350 000 Dollar von Herrn und Frau Felix Warburg zu verschiedenen Zeiten gegebeit. Palästina hat aus Amerika bekommen einschließlich verschiedener Anleihe-Operationen, die auf die amerikanische Quote verrechnet werden, aber später zurückgezahlt werden müssen, insgesamt 210 000 Pfund. Das Defizit dieses Jahres beträgt also rund 300000 Pfund. Die Exekutive konnte nur wirtschaften, indem sie das Budget um 120 000 Pfd. gekürzt hat, was hauptsächlich auf Kosten des Iandwirtschaftliehen Budgets, sowie der Posten für Immigration und Arbeit ging, ferner wurde die Bezahlung der alten Schulden verschoben. Ein Betrag von 60000 Pfund ist jedoch bis Ende des Finanzjahres noch unbedingt erforderlich. Die wichtigste Tat- Sache ist hierbei, daß die Exekutive ihre produktiv-wirtschaftliehe Arbeit überhaupt nicht durchführe n konnte. Bei Erörterung der Aussichten für das nächste Jahr auf Grund der gegenwärtigen Erfahrungen kommt Redner zu der Ansicht, daß man mit ungefähr 400000 Pfund rechnen könne. Darüber, daß etn Ausgaben-Budget von 850 000 Pfund ein Minimum darstellt, ist sich die Exekutive einig; die Frage der D e c k u n g ist aber ungeklärt. Es wird versucht, einen Betrag von 210000 Pfund, der in dem Ausgaben-Budget für Schuldentilgung eingesetzt ist, und ferner die erforderlichen Beträge für die Konsolidierung der alten Kolonien einer Sonderbehandlung zu unterziehen. Aber auch damit ist das Budget von 400 000 Pfund vollständig ungenügend und es wird Aufgabe des A.-C. und des Administrative Committees sein, Wege zu einer Vergrößerung der Einnahmen zu suchen und außerdem o r g a n i - satorisehe Reformen zur Entlastung des Budg e t s ernsthaft zu erwägen. Fortsetzung der Debatte Harzfeld legt dar, daß dieses Budget keine Arbeitsmöglichkeit bietet und richtet einen leidenschaftlichen Appell an die Versammlung, für eine Vergrößerung der Einnahmen Sorge zu tragen. Alle Fragen müssen zurückgestetlt werden hinter der Forderung der Wiederaufrichtung einer lebendigen und aktiyen zionistischen Bewegung, die auch die Mittel für Erez-Israet zu beschaffen imstande ist Elijaha Berligne (Palästina) bespricht die Tätigkeit des Waad Leumi und der Exekutive im Zusammenhang mit der Mission Simpsons. Alexander Gold stein schildert die großen Möglichkeiten der Keren Hajessod-Arbeit trotz der schwierigen Wirtschaftslage und berichtet über seine Erfahrungen in Polen. Es sei jedoch besonders notwendig, etwas für den Mittelstand zu tun. Weite Schichten des Mittelstandes mit kleinem Kapital sind zur Aus- Wanderung nach Palästina bereit. Goldbloom (England) berichtet über die Organisierung der Keren Hajessod-Arbeit in England, an der sich auch die Nichtzionisten beteiligen. Es sei bedauerlich, daß die Revisionisten in England die Keren Hajessod-Arbeit sehr stören. Meremfaisky bemängelt die geringe Berücksichtigung der Chaluz-Organisationen im Budget und wendet sich heftig gegen die Kürzung des Postens Hachscharah im verflossenen Jahre. Neiger erklärt die günstige Entwicklung des Keren Kajemeth mit den sichtbaren Erfolgen dieser Institution. Wenn sich der Keren Hafessod hauptsächlich auf Kolonisationsarbeit konzentrieren und m seiner Werbearbeit auf neue Leistungen hinweisen könnte, würde er gleichfalls größere Erfolge haben. Dr. Mayer Ebner stellt namens der rumänischen Zionisten die Forderung, daß bei der Ansiedlung der 1000 Arbeiterfamilien aus propagandistischen Gründen Rumänien berücksichtigt werde, ferner verlangt er die Inangriffnahme einer Mittelstand-Kolonis-ation sogar um den Preis einer gewissen Reduzierung der Arbeiterkolonisation. Schließlich wünscht er die Einsetzung eines Postens für Alijah, sowie die Herabsetzung des Schekelpreises in Ländern mit schlechter Valuta. Schapiro (Poel Hamisrachi) erhebt namens seiner Parteifreunde gegenüber der Palästina-Exekutive den Vorwurf, daß die religiösen Siedlungen nicht die gleiche Behandlung erfahren wie die unter dem Patronat der Histadruth stehenden. Auch die Praxis des Hilfe-Fonds sei seiner Meinung nach gegenüber den religiösen Kreisen wenig wohlwollend. Im übrigen wendet er sich gegen die Verschleppung der Konsolidierung, die seiner Berechnung nach im Jahre 100000 Pfund Schaden verursache. Schluß der Sitzung 9 Uhr abends. 3. Sitzung, vom 25. August 1930, 4»/a Uhr. Politisches Referat Dr. Weizmanns Präsident Weizmann erklärt einleitend, daß er erst am heutigen Tage um 10 Uhr vormittags Kenntnis von dem Berieht der Mandatskommission an den Völkerbund und von der englischen Antwort auf diesen Bericht erhalten habe. Nunmär sei er in der Lage, zu diesen wichtigen Dokumenten Stellung zu nehmen. Er schildert dann kurz die Geschichte der letzten Ereignisse von den Massakers im August 1929, die Vorgeschichte der Shaw-Kommission und ihres Berichtes, der Entsendung Sir John Hope Simpsons, der Suspendierung der Arbeiter-Alijah, des Weißbuches an die Außerordentliche Session der Mandatskommission bis zum vorliegenden Bericht der Mandatskommission und der englischen Antwort. Präsident Weizmann hebt aus dem Bericht der Mandatskommission die Stelle heraus, in der zum Ausdruck gebracht wird, daß die Macht jeder Mandatsregierung in dem Mandatslande proportionell dem Vertrauen ist, das die Mandatsregierung selbst in ihre Aufgabe setzt. Was die Antwort der Regierung an die Mandatskommission an betrifft, so sei schwer, diese Antwort zu resümieren. Ira allgemeinea scheint die englische Regierung der Mandatskommission entgegcnruhalten, daß diese zehn Jahre lang keine kritischen Bemerkungen an die Handlungen der Mandatsregierung geknüpft habe. Am wesentlichsten erscheint Dr. Weizmann die Ankündigung der englischen Regierung, daß sie ein konstruktives Programm der Erfüllung ihrer Aufgäbe vorlrgcn werde. Wir erwarten, daß dieses konstruktive Programm die uns im Mandat versprochenen Grundlagen für unsere Aufbauarbeit geben wird. Wir erwarten, daß in Fragen ries Bodens und der Staatsländereien, sowie in den Fragen der Einwanderung und in der Frage der Zusammenarbeit mit der Jewish Agency gemäß den internationalen Verpflichtungen aus dein Mandat, vorgegangen werden wird. Jedes andere P r o g r a rti m w ä r e f ii r uns unakzeptabc 1. Wenn die Regierung in ihrer Antwort sich auf den Standpunkt stellt, daß sie bloß die Vorbedingungen für die Errichtung des Jewish National Home zu schaffen habe, während uns die Aufgabe obliegt, das Jewish National Home zu bauen, so akzeptieren wir diesen Grundsatz, erwarten jedoch, daß die Vorbedingungen für unsere Arbeit gemäß den Bc- Stimmungen des Mandates und der Balfour4>cklarafion gcschaffen werden. Niemand machte uns in den lebhaften Erörterungen des letzten Jahres den Vorwurf, daß wir nicht unsere Aufgabe erfüllt haben, die sich ruhig neben den Leistungen großer Nadorten auf dem Gebiet der Kolonisation sehen lassen kann. Wir sind bereit, in Zukunft mit der Regierung vertrauensvoll mitzuarbeiten, wenn diese Mitarbeit uns in einer Weise ermöglicht wird, <)•■• ׳Ion bestehenden Rechtsgrundsätzen, den Notwendigkeilen Aufbaus und der Würde unserer Sache entspricht. Dr. Victor Jacobson erläutert an Hand des Protokolls der Verhandlungen der Mandatskommission, des Berichtes der Mandatskornmission und der Antwort der englischen Regierung die wichtigsten Stellen aus diesen Dokumenten. Er weist besonders darauf hin, daß die Mandatskommission die Folgerungen des Shaw- Berichts nicht akzeptiert hat. Ferner hebt er die Konklusionen des Mandatsberichtes hervor, in denen zum Ausdruck kommt, daß die gleichzeitige Durchführung beider Teile der Mandatsverpflichtungen durchaus möglich sei und zum Wohle der Gesamtbevölkerung Palästinas beitragen werde, wenn die Regierung in ihrer Politik konstruktiv vorgehen wird. Hierauf wird die Sitzung geschlossen. Die Kommissionen treten sofort zu Beratungen zusammen. Die nächste Plenar- Sitzung ist für den 26. August, 10 Uhr vormittags, angesetzt. Frauen - Arbeitsgemeinschaft Mittwoch Nachmittag Vortrag Ruppin-Persitz (s. Inserat) Großes Meeting in Berlin Aus Anlaß der A.-C.-Sitzung fand Montag, den 25. d. M., abends, ein großes zionistisches Meeting in den Spichemsälen statt Ueber 2000 Zuhörer, ein großer Teil davon Jugendliehe, füllten den Saal bis aufs letzte Plätzchen, so daß lange vor Beginn der Saal von Schupo abgesperrt wurde. Ueber 1009 Personen mögen es gewesen sein’, die keinen Einlaß linden konnten uni umbehrfn mußten. Die Versammlung Wurde von Dr. Kafiowftz eröffnet Erst nachdem die ersten Redner gesprochen hatten, erschien Dr. Weizmann, begleitet von Blumenfeld, unter bereisterten Ovationen des Publikums Im Saal. Vor Dr. Weizmann sprachen eine Reibe von zionistischen Führern aus versauedenen Ländern, eine Folge verschiedenartiger Persönlichkeiten, deren Eintreten für eine Sache einen besonders starken Eindruck von der umfassenden Kraft des Zionismus gab. Dr. Klee erzählte von den Anfangszeiten des Zionismus und betonte, daß die Errungenschaften dieser 30 Jahre den unaufhaltsamen Fortschritt beweisen. Ohne Schwierigkeiten kann der Aufbau einer neuen Heimat nicht vor sich gehen, aber wir werden vor nichts zurückschrecken. Rabbi Me i r Berlin brachte in hebräischer Rede die Grüße des Jischuw. Er gedachte der 137 Toten, die als nationales Symbol eine große anfeuernde Kraft für uns haben. Dr. Ruppin erinnerte an den Kontrast zwischen seiner Verbannung durch Dschemal Pascha 1916 und seiner Rückkehr unter Herbert Samuel. Er ließ Ziffern sprechen, die zeigen, was in zehn Jahren in Erez-lsrael entstanden ist. Sprinzak verkündet den Geist der Chaluriuth, der sich in Palästina manifestiert hat und warnt das Galuth, sich mit Demonstrationen zu begniigen, wo wirkliche Arbeit nottut. Alex G oldstein berichtet von der Front des polnischen Judentums, seinem ungebrochenen Glauben und seinem Streben nach Erez-lsrael. Kurt Blumenfeld weist auf die immer akuter werdende Judenfrage in allen Ländern hin, auf die es nur die zionistische Ant- ■wort gibt. Die zionistische Entscheidungsschlacht wird im Galuth geschlagen, wo es gilt, das Judentum für höchste Anstrengungen zu gewönnen. Am Schluß seiner Rede teilt Blumenfeld mit, daß der Präsident des A.-G, Motzkin, durch Unwohlsein am Erscheinen verhindert ist und der Versammlung Grüße sendet. Sodann begrüßt er unter lautem Beitall Dr. Weizmann und erteilt ihm das Wort. Weizmanns Rede Weizmann erklärt, noch könne man keine Bilanz des ereignisreichen Jahres riehen, da die Mandatarmacht gerade erst ein neues positives Programm angekündigt hat, das wir noch nicht kennen. Im letzten Jahre hat der Zionismus seine Stärke gezeigt, auch die Peripherie stand fest und die Nichtzionisten der Jewish Agency haben sich mit uns solidarisiert. Wir haben eine gründliche Prüfung der ökonomischen Grundlagen unserer Arbeit vorgenommen, und unsere Ansicht, daß Palästina noch viele Tausende Juden fassen kann, bestätigt gefanden. Jede objektive Untersuchung, auch die die Regierung machen läßt, muß zu diesem Ergebnis kommen. Als Balfour- Deklaration und Mandat gegeben wurden, war das alles noch nicht so klar, noch nicht durch Erfahrungen und Versuch belegt wie heute. Als ein Attentat auf die Seele der Bewegung ausgeführt wurde — fährt Weizmann fort —, waren wir leider gezwungen, in öffentlichen Kampf gegen die Mandatarmacht zu treten. Wir haben protestiert, in aller Loyalität und vor den Augen der ganzen Welt. In Genf haben wir vor der Mandatskommission unsere Anschauung vertreten und cs war nicht ohne Wirkung. Wir hoffen, daß in Zukunft solche Proteste nicht nötig sein werden, aber sollten sie notwendig sein, werden wir sie wieder mit aller Energie durchführen. Ich bin überzeugt, daß das britische Volk die Gerechtigkeit unserer Sache verstehen wird. Rückschläge wird es immer geben, aber aufhalten kann man unsere Sache nicht mehr. Wir erwarten jetzt das konstruktive Programm der englischen Regierung. Wir werden für ein Maximum unserer Rechte kämpfen. Manches werden wir durchsetzen, manches nicht, —- das ist das Schicksal einer Bewegung, die nicht auf physische Macht sich stützen kann, sondern nur im Namen von Recht und Morai Forderungen stellt. Wir leben heute in einer Welt, die selbst in einein Krisenzustand ist, nach dem Krieg, in zerriittetcr Wirtschaft; auch das britische Imperium kämpft mit sehr schweren Problemen. Und unser Volk ist ungeduldig, da es durch Jahrhunderte von allen Furien verfolgt ist. Die jüdisehen Leistlingen der letzten zehn Jahre aber sind eine Gewähr für die Zukunft. (Lebhafter Beifall.) Alle Redner wurden stark akklamiert und oft durch Applaus unterbrochen, ln gehobener Stimmung singt die Versammlung die Hatikwah, dann schließt Blumenfeld den denkwürdigen Abend. Laden Wolf gestorben Am 23. August ist Luden Wolf im Alter von 73 Jahren in London verstorben. Mit ihm verschwindet eine markante Figur der vorigen jüdischen Generation. Wolf war im internationalen jüdischen Leben vielfadi hervorgetreten. Vor dem Auftreten des Zionismus war er einer der jüdischen Reprisentauten in der politischen Welt. Luden Wolf, ein energischer Kämpfer für jüdische Gleichberechtigung, war ein jüdischer Politiker alten Stils. Er verstand es, als englischer Jude und als Vertreter der autoritativen jüdischen Körperschaften Englands den Einfluß der englischen Großmacht aut die internationale Welt zur Erreichung gleicher Rechte für Juden in osteuropäischen Ländern und im Orient, sowie zum Schutze angegriffener jüdischer Rechte, Ehre und Interessen auszunutzen. Im Namen des Joint Foreign Committee of British Jews trat Luden Wolf mit den Regierungen jener Linder in Verbindung, in denen die Juden keine oder nur geminderte Staatsbiirgerreclife genossen oder wo Juden Angriffen ausgesetzt waren. Er vertrat die Angfo-Jewish Association auf der Versailler Konferenz im Jahre 1019 und setzte sich für die Erreichung jüdischer Minderheitenrechte in den osteuropäischen Staaten ein. ln der späteren Zeit freilich nahm er in der Frage der Wahrung dieser Minderheitenrechte einen viel gemäßigteren Standpunkt ein als die ostjüdischen Vertreter im Komitee der Delegationen, und in den Fragen des Schutzes der jüdischen Minderheitenrechte in Polen trat er vor wenigen Jahren sogar in einen Gegensatz zu dem Klub der jüdischen Deputierten und Senatoren und war deshalb in der jüdischen Öffentlichkeit Polens scharfen Angriffen ausgesetzt. Die von Lucien Wolf im Namen des Joint Foreign Committee dem Jewish Board of Deputies und der Anglo- Jewish Association regelmäßig vorgelegten Berichte über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern gaben einen Einblick in die unermüdliche Tätigkeit dieses Mannes im Dienste des Judentums. Erst vor einigen Tagen wurde seine Korrespondenz mit der rumänischen Reperung in der Angelegenheit der letzten Judenverfolgungen in Rumänien veröffentlicht. Wolf nahm auch an den Arbeiten verschiedener Komitees des Völkerbundes (Flüchtlingswesen u. ä.) teil. Wolfs Stellung zum Zionismus war schwankend. In der ersten Zeit der Tätigkeit Herzls stand Wolf dessen Vorschlagen sympathisch gegenüber und war einer derjenigen, die Herzi bei seinen diplomatischen Bemühungen beim Sultan unterstützten. Später jedoch nahm Wolf dem Zionismus gegenüber eine gegnerische Haltung ein und veröffentlichte 1904 einen Artikel ״Die zionistische Gefahr". Dagegen trat er der Jewish Territorial Organisation bei. Anti zionistisch sind auch die Artikel, die er für die Encyclopaedia Britannica über Ziotiismus geschrieben hat. ln der kritischen Zeit vor der Balfour- Deklaration hat er in einem Brief an die »Times״ vom Mais; 1917 die zionistischen Forderungen bekämpft. In den letzten Jahren nahm er eine neutralere Haltung ein. Lucien Wolf hat sich auch als Journalist und Historiker einen Namen gemacht Die Wahlbewegung Drei Wochen trennen die deutsche Wählerschaft vom Wahltag am 14. September, und die Wahlbewegung hat allenthalben eingesetzt. Am lautesten tritt die Agitation der Nationalsozialisten in Erscheinung. Ihr Zentralorgan ״Der Völkische Beobachter“ kündigte 34 000 Versammlungen der Partei bis zum Wahltage an. Man kann sich vorstellen, wieviel antisemitisches Gift in diesen Versammlungen in die breiten Massen des deutsehen Volkes gespritzt werden wird. Dieser Massenverhetzung wird auf bürgerlicher Seite nur sehr wenig entgegengestellt. Die Deutschnationalen bis zur Volkspartei befleißigen sich gegenüber den Nationalsozialisten einer zarten Rücksichtnahme, die wohl von der Erwägung ausgeht, daß der nationalsozialistische Konkurrent im Wahlkampfe Koalitionsgenosse in der Regierung werden kann. Zentrum und Staatspartei sind in der Ablehnung der Nationalsozialisten entschiedener, wobei festgestellt werden muß, daß das Zentrum infolge seiner weitanschaulichen Geschlossenheit in der Bekämpfung des Nationalsozialismus systematischer und energischer ist als die Staatspartei, deren Anhänger theoretisch den Antisemitismus ablehnen, praktisch jedoch dem unerquicklichen Thema ״Judenfrage und Judenhaß“ aus dem Wege gehen. Zumindest bezieht sich diese Haltung der Staatspartei auf die neuen Partner der Demokraten in der Partei. So weiß der ״M ontag-Morgen“ schadenfroh aus Hamburg zu berichten, daß dort in jungdeutschen Kreisen ein erheblicher Widerstand gegen den Spitzenkandidaten der Staatspartei, Dr. Gustav Stolper, festzustellen ist. Es wird Dr. Stolper vorgeworfen, ״daß er aus Czemowitz stamme und in vorgeschrittenem Alter Namen und Religion gewechselt habe“. Wir haben nicht den geringsten Anlaß, einen Kandidaten in Schutz zu nehmen, der dem Judentum den Rücken gekehrt hat. (Es wird versichert, daß Dr. Stolper ״bloß“ aus dem Judentum ausgetreten, aber nicht getauft ist.) Andererseits wirft die Tatsache, daß die Jungdo-Leute einen Menschen von großen Qualitäten darum ablehnen, weil er ״landfremd“ und jüdischer Abstammung ist, ein bezeichnendes Licht auf die Stirnmung eines großen Teiles von Mahrauns Anhängern, die offen- -bar den Parolen ihres Führers nur mit halbem Herzen folgen. Im Wahlkreis Potsdam 1 hat die Staatspartei an Stelle des Majors a. D. Herrmann, der eine Kandidatur abgelehnt hat, einen Herrn Weber auf gestellt. Der von uns mehrmals erwähnte bisher deutschnationale Gewerkschaftler Adolph steht in Potsdam I auf der Liste an zweiter Stelle und figuriert überdies auch auf der Reichsliste der Staatspartei, obwohl die demokratischen Partner der Partei sich in entschiedenster Weise gegen diesen Kandidaten ausgesprochen haben. Der ״Vorwärt s“ behauptet, daß wegen dieser Vorfälle in der Staatspartei die schärfsten Kämpfe ausgefochten werden. Der Wahltag wird zeigen, ob die Neugründung die Billigung der Wähler gefunden hat und eine glückliche Schöpfung int deiitsch-politischen Leben war, j. r.

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