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Jüdische Rundschau · 1930-08-22 · Heft 66 (22.8.1930) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 66 (22.8.1930)
Date
1930-08-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 66, 22. VIII. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 435 Dr. H. J. Brezis Am Sonnabend, dem 16. August, verschied ganz plötzlich der Leiter des Keren Kajemeth für Altrumänien, Dr. H. J. Brezis. Der Verstorbene war eine der führenden Persönlichkeiten des Zionismus in Rumänien und unsere Bewegung verliert in ihm einen der wertvollsten Mitarbeiter. Seit seiner frühesten Jugend gehörte Brezis der zionistischen Bewegung an. Nach Beendigung seiner Studien, die er zum Teil in Frankreich absolvierte, widmete er sich zunächst dem Rabbinerberuf. Aut dringenden Wunsch der Zionistischen Organisation in Runiänien stellte er sich später vollständig in ihre Dienste. Er gehörte zu den engsten Mitarbeitern des Präsidenten der rumänischen Organisation, Herrn Bernhardt und widniete sich in der Hauptsache der kulturellen Arbeit und Proaganda. Dazu war er, infolge seiner umfassenden allgemeinen iklung und seinem tiefen jüdischen Wissen, wie kaum ein anderer geeignet. Vor zwei Jahren übernahm er die Leitung des Keren Kajemeth und auch auf diesem wichtigen Arbeitsgebiet hat er es verstanden, sich durch rastlose Energie und eine aut hohem Niveau stehende publizistische und propagandistische Tätigkeit, durchzusetzen. Brezis gehörte zu den wenigen Persönlichkeiten, die in allen Kreisen unserer Bewegung hohe Ächtung und warme Sympathie gefunden haben. Besonders die Jugend in Rumänien, und zwar die Jugend aller Richtungen, hing mit großer Liebe an ihm. Im besten Mannesalter hat ihn der Tod hinweggerafft. An seinem frühen Grab trauern nicht nur seine zahlreichen Freunde und alle Zionisten, sondern auch seine junge, ihm erst vor Jahresfrist angetraute Gattin. Das Andenken an diesen vornehmen Menschen und wundervollen Zionisten wird nicht schwinden. Austritt Aon! Beys ans dem Moslemischen Rat Jerusalem, 19. August. (J. T. A.) Infolge vielfacher Konflikte mußte Auni Bey Abdul Hadi den Obersten MosI emischen Rat verlassen. Sein Amt als Sekretär der Arabischen Exekutive hat er aber behalten. Im Mittelnunkt dieser Konflikte stehen die Personen des Jerusalemer Mufti Hadsch Emin al Husseini und des auch als Anwalt der Araber vor den internationalen Kommissionen bekanntgewordenen Auni Bey Abdul Hadi (der bekanntlich namens der Araber den Versailler Friedensvertrag mit unterschrieben hat). Der Mufti, aut die wachsende Macht Auni Beys und aut seinen steigenden Einfluß in den arabischen politischen Kreisen eifersüchtig geworden, erzwang den Austritt Auni Beys aus dem Moslemischen Rat und stellte sich damit in einen Gegensatz zu der Mehrheit der Arabischen Exekutive. Die MacMahon-KorrespoBdenz London, 18. August. (J. T. A.) Der Genfer Karrespondent des ״Manchester Guardian“ Erfährt, daß das S y - risch-Palästinensische Komitee sich dem Völkerbund gegenüber erbötig gemacht hat, ihm die Originale des Briefwechsels zwischen Scheriff Hussein und Marschall Mac Mahon zur Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen. In dem Angebot wird darauf hingewiesen, daß Dr. Drummond Shiels vor einiger Zeit im Unterhaus erklärt hat, eine Veröffentlichung dieser Korrespondenz läge nicht im öffentlichen Interesse. Für die Araber, heißt es in der Note des Syrisch-Palästinensischen Komitees, bestünden irgendwelche Bedenken gegen die Veröffentlichung nicht. Die Note wurde begleitet durch eine genaue Inhaltsangabe jedes der acht Briefe. Gemeinsame Aktion von Juden und Arabern. Auf Vorschlag der Mukhtars verschiedener arabischer Dörfer sind am 9. August in der Kwuzah Misra die Vertreter der jüdischen Siedlungen aus dem Afuleh* und Nahalal-Block zu einer gemeinsamen Sitzung mit den Mukhtars der arabischen der arabischen Dörfer Medjdel und Jafia zusammengekommen. Es wurde beschlossen, dem Distriktgouverneur von Nazareth ein Memorandum mit folgenden Forderungen zu übergeben: a) Aufhebung der Oscher- und Werko-Zahlungen in diesem Jahre, b) energische Bekämpfung der Mäuseplage, c) Gewährung von Hilfe durch Beistellung von Saatgut. Das Memorandum Wurde am 13. August von einer Delegation überreicht, die aus zwei Juden und zwei Arabern zusammengesetzt war. Die Palästina-Regierung hat die arabische Zeitung ״AI Havat“ für unbestimmte Zeit verboten, weil sie eine Rede des in Palästina weilenden Aegypters Zaki Pascha veröffentlicht hat, in der die Mörder von Hebron und Safed als Helden verherrlicht werden, vor denen sich jeder Araber beugen sollte. Wie die JTA. erfährt, hat der stellvertretende High Commissioner Sir Stuart Davis den Jerusalemer Mufti ersucht, seinen Gast Zaki Pascha zu ermahnen, sich einer gemäßigteren Sprache zu bedienen, da er sonst Palästina wird verlassen müssen. Die jüdisclie Einwanderung nach Kanada. Die kanadische Regierung hat durch eine soeben erlassene Kabinettsorder ein Verbot der Einwanderung aus Mittel- und Osteuropa ausgesprochen. Wie dem J. T. A.-Vertreter von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, betrifft das zeitweilige Einwanderungsverbot nicht die jüdische Ein wänderung, da die kanadische Regierung die Ueberzeugung hat, daß jüdische Einwanderer sich selbst erhalten können und dem Staat nicht zur Last fallen werden. Einwanderern, die bereits unterwegs nach Kanada sind, werden bei der Einwanderung keinerlei Schwierigkeiten gemacht werden. — Im zweiten Halbjahr 1929 wanderten nach Kanada 2087 Juden ein. Im Verlauf des Jahres 1930 kommen im Durchschnitt 300 bis 400 jüdische Einwanderer im Monat Ins Land, in den Jahren 1901 bis 1927 kamen 10 846 Juden nach Kanada, das sind 2,04 0/0 der Gesamteinwanderung. Die aus den Vereinigten Staaten nach Kanada eingewanderten Juden sind in diese Zahl nicht eingeschlossen. Washington, 18. August. (J.T.A.) Die soeben vom Einwanderungsbüro des Arbeitsdepartements der Vereinigten Staaten veröffentlichten offiziellen Ein wanderungs- Ziffern zeigen, daß die Vereinigten Staaten von Amerika immer noch das wichtigste Land für die jüdische Wanderung sind. Unter den Einwanderern aus Polen, Rußland, Litauen, Rumänien und Lettland waren Juden in der Mehrzahl, im Mai d. J. wanderten 913 Juden (gegen 439 Polen, 100 Russen und 362 Litauer, Letten und Rumänen) ein. Vom Juli 1929 bis Mai 1930 kamen ins Land 10 800 Juden, 4607 Polen, 1527 Russen und 5743 Angehörige anderer osteuropäischer Nationalitäten. Im Verlauf des mit Juli 1929 beginnenden und mit Juni 1930 endenden Finanzjahres der Vereinigten Staaten wurden 15 225 Juden zur Einwanderung zugelassen, davon waren U 526 Immigranten, der Rest setzte sich aus zeitweiligen Besuchern zusammen. In dem vorangegangenen Finanzjahre waren 12 479 Juden zur Einwanderung zugelassen worden. Gegenüber der gesamten Einwanderung in Höhe von 241 700 Personen betrat die jüdische Ein- Wanderung rund 4,5 <0/י. Wirtschaftslage und jüdische Wirtschaftsinstitute Von Dr. B. Silbert, Berlin. In. der Reihe der in den letzten Monaten in der ,Jüdischen Rundschau" veröffentlichten Aufsätze über Wirtschaft*- und Beruft- Probleme der deutschen Juden sei auch nachstehender Beitrag der ()Öffentlichkeit unterbreitet. Red. In der ״Jüdischen Rundschau“ sind vor einigen Monaten zwei sehr instruktive Artikel von Rom erschienen, die sich mit der Frage der wirtschaftlichen Situation der Juden in Deutschland beschäftigt haben. Diese Artikel sowie die von Rudolf Samuel in der ״J ii d i s c h e n Z e i - tung für Ostdeutschland“ haben bedauerlicherweise in unserer zionistischen Presse zu wenig Aufmerksamkeit gefunden. Es wurde in ihnen festgestellt, daß sich ein Wirtsdiaftsprozcß anbahnt, der unheilvoll für die ganze jüdische F ’twicklung in Deutschland werden kann, weil er die jüdische Bevölkerung an den Wurzeln ihrer wirtschaftlichen Existenz trifft. Kapitalistische Wirtschaftsentwicklung und Wirtschaftlicher Antisemitismus sind zwei unheilvolle Gefahren, denen der jüdische Mittelstand, d. h. 90 0׳,״ der deutschen Juden, zu unterliegen drohen. Es ist bedauerlich, daß dieser Mahnruf bisher von der jüdischen Oeffcntlichkeit nicht genügend beachtet wurde. Wir tadeln sonst den rein apologetischen Abwehrkampf und müssen die Ehrlichkeit haben einzugestehen, daß wir bis heute noch sehr wenig dazu getan haben, um auf produktive Weise diesen Abwehrkampf zu führen und insbesondere den Weg zu weisen, wie dieser Kampf durch Schaffung entsprechender Institutionen mit Aussicht auf Erfolg geführt Werden kann. Es braucht nicht betont zu werden, daß es ein schwieriges Problem ist und vielleicht vom allgemeinen wirtschaftlichen Standpunkt noch schwieriger als vom Standpunkt des rein Jüdischen. Es gibt vielleicht Methoden, den Wirtschaftsantisemitismus zu bekämpfen; es gibt aber keine Möglichkeit, sich ankündigende gewaltige Strukturänderungen der Wirtschaft aufzuhalten oder merklich abzuschwächen. Wir glauben, daß cs heute Zeit ist, der Oeffentiichkeit klarzumachen, daß sie in konstruktiver Weise in diesen Wirt- Schaftsprozeß einzugreifen hat, sollen nicht alle Versuche einer ernsten wirtschaftlichen Abwehrarbeit der Juden in Deutschland von vornherein zum Mißerfolg verurteilt werden. Ich glaube diesen Weg in der Schaffung jüdischer Wirt- Schaftsinstitutionen in Deutschland zu sehen, denn heute ist der Abwehrkampf in erster Linie auch Abwehrkampf im wirtschaftlichen Sinne. Ich glaube, daß diese These schon zu einer ziemlichen Banalität geworden ist und man sie nicht zu beweisen braucht; die entscheidende Frage ist, ob die deutschen Juden den Mut haben würden, heute eine jüdische Wirtschaftspolitik in Deutschland zu treiben, d. h. jüdische Wirtschaftsinstitute und Wirtschaftsbetriebe zu schatfen (genau so wie es die katholische Bevölkerung Deutschlands mit Erfolg gemacht hat) und zu versuchen, die jüdische Bevölkerung erfolgreich in den Wirtschaftskampt einzureihen. Der erste Typ der für uns notwendigen Wirtschaftsinstitute sind jüdische Kreditgenossenschaften, die so organisiert werden sollen, wie die polnisch-jüdischen Mittelsfandsbanken und, um ein Beispiel anzuführen, die Berliner Iwria. Sie sollen diejenigen Stellen bilden, wo die im deutschen Judentum vorhandenen Wirtschaftsenergien und treien Kapitalien zu ernsten wirtschaftlichen Aktionen zusammengefaßt werden dergestalt, daß die Gelder unter dem Gesichtspunkt rein wirtschaftlicher und produktiver Hilfe denjenigen Schichten zugeführt werden, die den Haupthieb der gegenwärtigen Ent- Wicklung zu spüren bekommen. Diese jüdischen Volksbanken sollen die freien Mittel des jüdischen Mittelstände^ des Jfidischen Akademikerstandes usw. zusammenfassen. Sie sollen das sonst brachliegende jüdische Geld für jüdische Wirtschaftspolitik mobilisieren, welche großartigen Dimensionen eine solche Genossenschaftsbewegung annehmen kann, lehrt das Beispiel der jüdischen Kreditgenossenschaft in Polen, in weleher 35 <V0 aller jüdischen Familien Polens organisiert sind und deren Wirtschaftsmittel viele Millionen betragen. Sie sind zum Rückgrat der jüdischen Wirtschaftshilfe und der jüdisehen Wirtschaftspolitik in Polen geworden. Diese jüdischen Volksbanken, deren erste Anfänge wir in Deutschland schon haben und die sich in kurzer Zeit günstig entwickelt haben, sollen Deutschland mit einem Netz von Kreditinstituten bedecken, die in einer jüdischen genossenschaftlichen Zentralbank zusammengefaßt werden sollen. Diese Bank soll das zentrale Finanz- und Wirtschaftsinstitut werden und die Entwickiung aller einzelnen Genossenschaftsbanken überwachen und kontrollieren, ja, es soll sogar eine Art jüdischer Revisionsverband geschaffen werden, ähnlich dem der katholischen Genossenschaften. Diese Volksbankorganisation soll allmählich zu einem Institut jüdischer Wirtschaftspolitik und jüdischer Wirtschaftshilfe in Deutschland werden. Das zweite Instrument der jüdischen wirtschaftlichen Selbsthilfe muß unter dem Gesichtspunkt der gegenwärtigen Wirtschaftsentwicklung geschaffen werden. Das zentrale Problem des modernen Hochkapitalismus ist das Problem der Organisation und Zentralisation der Wirtschaft. Würde es gefingen, durch genossenschaftlichen Zusammenschluß hier Wirt- Schaftsgebilde zu schaffen, die ihrer Organisation und ihrem zentralisierten Gepräge nach imstande wären, sich in diese Tendenzen der kapitalistischen Wirtschaft einzureihen, dann bestünde die Möglichkeit eines aussichtsreichen Kampfes, ja, was noch wichtiger ist, einer aussichtsreichen Eingliederung in den modernen Produktionsprozeß. Praktisch würde das z. B. bedeuten, daß sich die jüdischen Kleinhändler zu Einkaufsgenossenschaften zusammenschließen und so billiger und rationeller arbeiten. Ein weiteres Beispiel ist die systematische Unterstützung jüdischer landwirtschaftlicher Bestrebungen, terner käme der Zusammenschluß von Handwerkern zu Arbeits- oder Produktionsgenossenschaften in Frage, der wieder einmal Verbilligung, Rationalisierung und größere Konkurrenzfähigkeit im Wirtschaftskampf bedeuten würde. Kurz zusammengefaßt, handelt es sich um eine systematische Arbeit aut dem ebiet des Genossenschaftswesens und um Schaffung zahlreicher jüdischer Genossenschaftsinstitutionen, die durch jüdische Volksbanken unterstützt werden sollen. Von allergrößter Wichtigkeit aber ist die Schäftung einer ausgedehnten, zentralisierten, über ganz Deutschland bis in die kleinsten Gemeinden hinein verzweigte Berufsberatungsstellc. Es ist nicht möglich, der wirtschaftlichen Entwicklung auszuweichen, ohne dab man die junge Generation schon heute auf die Gefahren der Zukunft aufmerksam macht. Durch sachverständige Bearbeitung sollen die Fragen des wirtschaftlichen Fortkommens erforscht und die Erfahrungen dann durch intensive Einzelarbeit bis in die jüdischen kleinen Gemeinden systematisch geleitet werden. Dazu müßten die Gemeinden ein ausgedehntes Netz von Berufsberatungsstellen schaffen, die, im ständigen Konnex mit anderen jüdischen Wirtschaftsinstituten, bestrebt sein sollen, die Eltern der jungen Generation aut die Gefahren und besondere Chancen der wirtschaftlichen Entwicklung hinzuweisen. Vielleicht würde es notwendig sein, später an die Schaffung eines besonderen jüdischen Forschungsinstitutes heranzutreten, das sich mit dem Problem der Soziologie des deutsehen Judentums befaßt und diese Arbeit nicht rein theoretisch, sondern zum Zwecke einer magptehatca jüdischen WirtschaftspoUtik uatcmfaiffit• Diese skizzierten Maßnahmen würden einen jüdischen Wirtschaftsorganismus schaffen, der stark genug wäre, um aut produktive Weise einen Kräfteaustauscn innerhalb der jüdischen Mittelstandsschichten zu ermöglichen. Es wäre denkbar, daß die Kreditinstitute besonders stark und vielleicht besonders billig denjenigen jüdischen Berufsschichten Mittel zuführten, die im Umschichtungsprozeß besondere^ Chancen haben. Die Berufsberatungsarbeit, eingegliedert in diese Wirtschaftsbestrebungen, würde eine aussichtsreiche berufliche Weiterentwicklung der Juden in Deutschland sicherstellen können. Wir glauben nicht, daß andere praktische Mittel vorhanden sind, das wirtschaftliche Schicksal der Juden in Deutschland zu beeinflussen. Presseschau Im ״Hapoel-Hazair“ bespricht Lufban in einem sechs Snalten langen Artikel die politische Lage und kommt dabei u. a. zu folgenden Resultaten: Unsere gegenwärtige politische Aufgabe gegenüber der Mandatarmacht ist nicht Kampf gegen die Regierung, sondern Kampf für Zusammenarbeit mit ihr. Die Periode des Protestes müssen wir jetzt überführen in positive politische Arbeit in England. Wenn auch das Wort Vertrauenspolitik in den Augen der Radikalen und Revisionisten zum Abscheu geworden ist und eine Waffe gegen Weizmann bildet, ist es doch ein Gebot der Stunde, mit allen Kräften eine solche Politik anzustreben und den Weg zu ihr zu ebnen. Dazu ist eine intensive und kontinuierliche Arbeit für Jahre erforderlich. , . . Wir können nicht die Augen vor der Tatsache verbergen, daß es eine nationale Bewegung der palästinensischen Araber gibt. Die Welle der nationalen Emanzipation, die nach dem Weltkrieg über die Länder des Orients dahinging, hat vor Palästina nicht Halt gemacht; unsere moralische Bewertung dieser Bewegung ist dabei ganz gleichgültig. Aber diese Tat- Sache zwingt uns zu der Erkenntnis, daß eine Verständigung zwischen den beiden Völkern als nationalen Entitäten notwendig ist und nicht etwa durch eine kiassenmäßige Differenzierung beim anderen Volk. Freilich sehen wir heute noch keinen Weg zur Verständigung. Aber in unserem eigenen Lager muß es klar sein, daß unsere Anstrengungen auf sie gerichtet sein müssen. Wir können zwar nicht das akzeptieren, was manche zionistische Kreise unter Verständigung verstehen, womit eine Verminderung unserer Sache verbunden ist Eine politische Verständigung mit den Arabern kann nur auf der Grundlage einer Anerkennung unseres vollen Rechtes, ins Land zu kommen und uns dort anzusiedeln, die Wirtschaft zu entwickeln, unsere nationale Kititur zu entfalten, zustandekommen. . . . Wenn wir davon sprechen, daß wir die Araber nicht beherrschen wollen, so ist das für die jetzige Zeit, wo wir die Minderheit bilden, eine Selbstverständlichkeit, aber es muß auch für jene Zeit eine Selbstverständlichkeit sein, in der wir — wenn das Geschick es will — vielleicht einmal eine Mehrheit bilden. Ebenso klar muß es sein, daß wir unsere Kolonisationstätigkeit so führen müssen, daß der arabische Landarbeiter nicht von seinem Boden vertrieben wird. Das ist kein ״Verzicht“ von unserer Seite, sondern die selbstverständliche moralische Voraussetzung unseres Werkes. Unser Nationalheim kann nicht aut der Verkürzung der Rechte anderer aufgebaut werden. * In der ״Engiish Review“ veröffentlicht W. H. Stoker, der Anwalt der Araber vor der •Untersuchungskommission, einen Artikel über das Palästiaaprobiem, worin er nachzuweisen sucht, daß das Palästinamandat in einem unlösbaren Widerspruch zum Völkerbundspakt steht, da Art. 22 des Völkerbundspaktes ausdrücklich vorschreibt, daß die vom türkischen Reiche losgelösten Teile (A-Mandate) einen solchen Grad von Entwicklung erlangt haben, daß ihre Existenz als unabhängige Nationen anerkannt wird mit der Einschränkung, daß sie administrative Unterstützung durch eine Mandatarmacht erhalten sollen, bis sie auf eigenen Füßen stehen können. Diesem Grundsatz jedoch, 80 führt Stoker aus, widersprechen die Bestimmungen des Mandates über das jüdische Nationalheim, sowie die ganze Praxis der Palistinaverwaltung. Kleine Nachrichten Der Direktor des Pafestine Emergency Fand in Amerika, David A. B r o w n, teilt mit, daß me amerikanischen Juden für den nach den Palästina-Unruhen geschaffenen Palestine Emergency Fund zum Wiederaufbau der zerstörten Teile des jischuw eine Summe von 2 083818 Dollar aufgebracht haben. Die Werbekosten haben nur 31/2 0/® dieser Summe ausgemacht. Richter Charles Barde, das schweizerische Mitglied der internationalen Klagemauer-Kommission, der vor kurzem aus Palästina nach Genf zurückkehrte, teilte dem J. T. A.-Vertreter mit, daß der Bericht der Klage mau er •Kommission erst Ende Oktober d. J. fertiggestellt sein und dann der britisehen Regierung unterbreitet werden wird. Die Jewish Agency hat beschlossen, zur Behebung des durch dieFeldmäuse-Invasion entstandenen Schadens den geschädigten jüdischen Kolonien eine Summe von 10000 Pfund zur Verfügung zu stellen. In der Nähe von Neß Zlonah wurde in einem feierlichen Akt der Grundstein zu der neuen Kolonie Beth Chanan gelegt. Es siedeln sich dort 25 jüdische Familien aus Bulgarien an. Jede Familie erhält vom Keren Kajemeth den notwendigen Boden, der Keren Hajessod schießt für jede Familie 400 Pfund vor. Gegenwärtig befinden sich 24*1 Mitglieder des russischen ״Haschomer Hazair“ in der Verbannung, davon 14 in den sogenannten ״Polif-Isolators“ und 3 in Solowki. Die Gesamtstrafe für diese 244 Jungzionisten summiert sich auf 783 Jahre. In Rumänien weilt gegenwärtig als Vertreter des American Jewish Congress Dr. Bernstein und bereist die von den antisemitischen Exzessen betroffenen Gebiete. Die rumänischen Zeitungen wie ״Viitorul“ und ״Adever ul“ behaupten, Beweise zu haben, daß der Innenminister V a i d a-V oevod antisemitischen Agitatoren Regierungsgelder zugewiesen und Freifahrten auf den Eisenbahnen bewilligt habe. Bisher hat Vaida-Voevod auf die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen nichts erwidert. Die Zeitungen fordern den Minister- Präsidenten auf, die Beschuldigungen gegen seinen Innenminister zu prüfen. Die Budapester Peter-Pazmany-Universität hat in diesem Jahre zum ersten Male eine in hebräischer Sprache abgefaßte Arbeit als Doktor-Dissertation angenommen. Es handelt sich um die Arbeit des Hörers des Landesrabbiner- Seminars Paul Hirschler, der zum Buche ״Esther“ in hebräischer Sprache einen Kommentar geschrieben hat. Er hat seine Prüfung mit summa cum laude bestanden.

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