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Jüdische Rundschau · 1930-08-22 · Heft 66 (22.8.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 66 (22.8.1930)
Date
1930-08-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 66, 22. VIII. 1930 ]UED1SCHE RUNDSCHAU Seite 433 Das Judentum als Religion Ein krttUcher Blick auf den liberalen Weltkongreß in London Von Max Wiener. Wir haben bereits kurze, Berichte über den Verlauf der Ende Juli in. London abgehobenen liberalen. Weltkonferenz veröffentlicht und eine kritische Beleuchtung in Aussicht gestellt. Herr Rabbiner Dr. Wiener, selbst ein Teilnehmer der Konferenz, hat unserer Ein■ ladung, eine Würdigung dieser Veranstaltung und der dort in Er• schcinung getretenen Bewegung für unsere Leser zu geben, in nach• folgenden Ausführungen entsprochen. Red. Es gab einmal eine Zeit, in welcher ein jüdischer Gelehrter den Stand der Bemühungen, in das Judentum, seine Art und seine Geschichte Einsicht zu gewinnen, dahin charakterisierte: es fehle jetzt an einem gewissen mittleren Ausmaß; es gäbe auf der einen Seite eine Fülle von Anstrengungen, die gewaltige Synthesen zu schaffen versuchten, in imponierenden Intuitionen über den jüdischen Geist, die Weltbedeutung des Judentums, seine Daseinserfassung, sein Lebensgefühl usw. spekulierten, während am anderen Ende die fleißigen Arbeiter säßen, die gründlich und gewissenhaft ihre Feststellungen über den Getvauch der Partikel Waw im ersten Kapitel der Klagelieder und ähnliches machten; der Raum zwischen dem Zentrum und der Peripherie sei zu dünn besetzt; und doch gestatte erst die Konzeption ansehnlicher, aber wohl begründeter und klar übersehbarer Teilsynthesen eine ernstliche Erkenntnis des Ganzen. Wenn dieser Vorwurf irgend einmal zu Recht bestand, so bestimmt nicht mehr in unseren Tagen. An diese Charakterisierung fühle ich mich erinnert, wenn ich mir den Gehalt des dritten liberalen Kongresses noch einmal vergegenwärtige: Gewaltige Perspektiven, überaus hohe Gesichtspunkte, so weite und hohe, daß von ihnen aus der Blick nur schwer bis zu den Niederungen des Alltagslebens der Religion zu dringen vermochte. Nicht um die Qualität der Einzelreden handelt es sich hier, sondern um ihr Ineinandergreifen, um gegenseitiges Rede- und Antwortstehen bei bestimmt formulierten und konkret faßbaren Problemen. Der Kongreß wollte sich mit der Stellung des modernen Menschen zur Religion befassen. Die theoretischen Hauptreferate hierzu waren Prof. Koigen und Frau Margarete Sußman anvertraut. Durch Koigens Behinderung am persönlichen Erscheinen konnte den Hörem freilieh nur ein Leitfaden durch seine recht verschlungenen Gedanken geboten werden. Sein Thema ״Die Gottesidee im Lichte des modernen Denkens“ war an sich natürlich der wcltanschauungsgeschichtliehen Behandlung zugänglich, die es durch ihn erfuhr; und wenn man die Moderne im Gegensatz zur Antike begreift und dem Weltbilde und Lebensgefühl, die sich um das alte griechisch-römische Schicksalsmotiv gruppieren, im allgemeinsten Sinn das geistig-seelische Verhalten gegenüberstellt, welches die jüdisch-christliche Idee umspannt, so ist gegen eine solche Interessiertheit am Historischen kein Einwand zu machen. Nur die Frage muß erlaubt sein, ob selbst die sachkundigste und gewissenhafteste Erledigung dieses Gegenstandes, welche die Dinge unter ungeheuer weiten weltgeschichtlichen PeApektiven sieht, einem Kreise etwas geben kann, welcher der Verlebendigung, der Aktualisierung gegenwärtiger Religiosität dienen will, dem nicht mit einer historischen Würdigung einst herrsehend gewesener Denksysteme, dem überhaupt nicht mit irgendwelcher Geschichte geholfen ist, der vielmehr gerade die subjektiv begründetsten Zweifel an der Gültigkeit der altehrwürdigen Werte für das eigene gegenwärtige Leben hat. Es trat in den an sich so wertvollen und originalen Darlegungen Koigens nicht einmal der spezifisch jüdische Charakter aus der abstrakten Totalität des ״jüdisch-christlichen“ Prinzips heraus; so fern und hoch blieben sie über dem seelischen Bedürfnis und der seelisehen Not des gegenwärtigen Geschlechts schweben. Das ist kein Vorwurf gegen den Denker, dessen Wert immer von dem abhängt, was er sagt, und nicht von dem, worüber er schweigt. Aber wir müssen uns doch darüber klar sein: Wenn es eine Krisis der Religion in unserer Zeit gibt, so ist diese Krisis nicht durch das verschuldet, was an ihr W e 1 t>a n s c h a u u n g ist, ethischer Gehalt, geschichtsphilosophische Idee, metaphysischer Aspekt, sondern genau durch das, worin sie mehr oder, wenn man will, weniger als Weltanschauung ist, jenes unheimliehe Andere, daß sie den entscheidenden Ton darauf legt, nicht bloß die Wahrheit zu verkünden, sondern diese Wahrheit durch Offenbarung dem Menscher! zu schenken. Es ist für den Philosophen immer höchst verlockend gewesen, diesen Zug aus seinem Bilde der ״religiösen Weltanschauung“ wegzuretouchieren; und mit dem Soziologen wird man darum gewiß nicht rechten. Aber es ist schwerlich bloß philosophische Unkultur und Begriffsstutzigkeit des naiven Gemütes oder auch theologischer Zelotismus, die sich nicht wollen ausreden lassen, daß es da um eine ungeheuer paradoxe Sache geht, um etwas, was den Kreis jedes noch so kunstvoll definierten Normalbewußtseins sprengt, was mit Offenbarung und Wundererfahrung gemeint ist. Das Judentum, nur das Judentum, hat diese Dinge in der Schärfe und Schroffheit, mit der sie sich seit 1900 Jahren in der Welt geltend machen, zu verantworten. Es hat in seinen repräsentativen Verkündern stets die Weltanschauung, selbst die ״religiöse“ Weltanschauung von dem ihm eigenen theistischen Personalismus zu scheiden gewußt, hat den religiösen Gott nicht mit dem philosophischen einsgesetzt; cs läßt — wie zu strahlender Beleuchtung seiner Grundbestimmtheit — seine Bibel mit dem paradoxesten Wort beginnen, das überhaupt einmal ausgesprochen wurde, daß am Anfang Gott Himmel und Erde geschaffen habe — aus dem Nichts! Hält man sich die Wucht dieses dezidierten jüdischen Personalismus vor Augen, in dem zugleich das jüdische Ideal des Menschen gegründet ist, dann tritt der tiefe Zwiespalt zwischen einer solchen seelischen Welt und der gegenwärtigen Geistesläge deutlich zutage. Margarete Sußmans Korreferat ergänzte Koigen, indem sie den Begriff des Modernen auf unsere konkrete Lage, die geistige Situation der gegenwärtigen Epoche, begrenzte. Es kam hier stärker der Anthropozentrismus, der sich seit der Romantik über den immer tiefer bohrenden Subjektivismus wölbt, zu seinem in der Breite des geistigen Lebens der Gegenwart sicher gebührenden Recht. Wieder war es eine Orientierung an den Weltanschauern, von Nietzsche bis Freud und Heidegger, die den Sinn der Zeit und ihre Haltung zum Religiösen aufdecken sollte. Als Ergebnis wurde eine tiefe Entsagung gegenüber dem Göttlichen konstatiert. Der Weg zu Gott scheint ganz abgebrochen. Aber in dem Schmerz, in der Verzweiflung über diesen Abgrund soll die Hoffnung winken, daß über den unendlichen Abgrund hinweg Gott den lebendigen Menschen, der ihn anruft, erhört. Das ist Wunschreligion, die Sehnsucht nach Frömmigkeit. Mag sein, daß auch dieser Stimmung Ausdruck gebührt Wichtiger als das aber war die Konstatierung, daß der jüdische Mensch, der, in einer ihm fremden christlichen Umwelt lebend, deren ganze Zerstörung miterlebt, durch die Entwurzelung der geiitigen Grundlagen in seiner Existenz noch tiefer getroffen wird als der in seinem eigenen Lebenskreis lebende nichtjüdische. Leider bricht hier der Gedankengang, der einzige uns Juden als Juden interessierende in diesen Ausführungen, jäh ab. Man spricht von dem lebendigen Menschen, dessen heiße Sehnsucht über den breiten Abgrund des Leeren das Gottliehe bezwingen soll. Man spricht von der besonderen Tragik des Juden; aber man schweigt von der doch nicht bloß mögliehen, sondern wirklichen, mit Händen zu greifenden Lebendigkeit eines Judentums unserer Tage, das sich mit Erfolg um die Erneuerung, um die Verlebendigung des jüdischen Menschen bemüht und auf diesem Wege des Ideals, der Opferbereitschaft nicht auch die Chance haben sollte, Gott zu finden, wenn er sich überhaupt finden läßt? Aber die Höhe der rein weltanschaulichen Debatte dürfte wohl nicht in die Niederungen des eben bloß-wirklichen Lebens herabgezogen werden. Und so endete die theoretische Erörterung, ohne eigentlich sichtbar konkrete Anknüpfungspunkte für Fragen des gegenwärtigen jüdischen Lebens zu bieten. glllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllß Berliner Zionistische Vereinigung Grofte zionistische Kundgebung nnlSfcllch der Sitzung des Adlon» •Comites In Berlin Montag, den 25. August, abends 8*/» Uhr tn den Spicherns&len, SpichernstraSe 3 Redner: Dr. Chaim Weizmann Präsident der Zionistischen Weltorganisation Mitglieder der Exekutive der Zionistischen Welt- Organisation und des Actions-ComltCs. Eintritt RM. I.— und RM. 0,50. Jugendliche RM. 0,50 =31 i Doch man soll nicht ungerecht sein. Die Art von Destillierung des Judentums, von Stilisierung aus allseitigem Lebens- Zusammenhang zu ״reiner“ Religion, wie sie der Mehrheit dieser Vereinigung naheliegt, muß ihre besonderen Schwierigkeiten haben, aus dem freien Luftraum der Ideen auf die Gegebenheiten des Daseins, selbst des religiösen, ja des liberalen, herabsteigen zu lassen. So merkte man den pädagogischen und praktisch-seelsorgerlichen Referaten, dann einem Vortrage von Rabbi Schulmann über das Gebet des modernen Menschen wenig oder gar nichts von der Problematik an, in die doch die theoretische Eiskussion mit ihrer leisen Resignation die Kernfrage getaucht hatte. Man hatte bisweilen nicht den Eindruck, daß man sich über die Dinge, wie sie sind, deutlich Rechenschaft gab. Ein Punkt, der Beachtung finden sollte, sei herausgegriffen. Es handelte sich um das Thema, wie die Indifferenz, besonders die in der Jugend herrschende, überwunden werden sollte. Versteht man nun unter Indifferenz Gleichgültigkeit gegen geistige und ideelle Dinge schlechthin, so ist darauf zu sagen, daß es vielleicht noch niemals ein Zeitalter gegeben hat, in dem die Klage über Indifferenz so wenig berechtigt war wie heute. Wir leben in einer geistigen Bewegtheit, und zwar in einer weite Massen ergreifenden, die auch homilctischer Pessimismus nicht verkennen sollte. Nur ist, wenn man so sagen darf, der Konkurrenzkampf der Ideen überaus scharf geworden, und gerade eine ernste, wahrhaftige, sachlich und dringlich fragende Jugend wird von bestimmten dem Gehalt des Religiösen freilich oft tief widerstreitenden Gedankenkomplexen in solcher Totalität erfüllt, daß der Affekt und das Pathos dieser durchglühten Seelen in der Wucht der Interessiertheit sich kaum von religiöser Leidenschaft unterscheiden. Nationalismus und Sozialismus sind solche Faktoren, die mit ihrer seelenausfüllenden Schlagkraft nicht als Ersatz, als Religionssurrogat, sondern als ebenbürtige Kräfte auftreten. Vielleicht wäre, wenn schon das Thema der Indifferenz angeschnitten wurde, ein ernsthaftes Wort zu sagen gewesen, wie die Auseinandersetzung zwischen dem Judentum als Religion und dem Sozialismus, aber dem echten, unverwässerten, in einer Totalansicht von der Welt gründenden, zu führen sei. In der Debatte wurde die Sache leider nur gestreift. Darum hier eine kleine Ergänzung. Mit dem Stolz der beati possidentes, mit dem hochgemuten Prioritätsbewußtsein, daß ״unsere Propheten“ das alles ja schon vorweggenommen, was wertvoll ist, wird wenig gewonnen. Gerade hier wird vielmehr die Idee und die Wirklichkeit, die gegenwärtige allgemeine und speziell jüdische Wirklichkeit befragt werden müssen. Das Verhältnis des sozialen Gedankens im Judentum zum Sozialismus aufzuhellen, ist notwendig; aber praktisch verwendbar und werbend kann eine solche Erkenntnis erst werden, wenn die wirkliche Lage der jüdischen Menschen, und zwar nicht bloß der jüdischen Individuen, sondern des jüdischer! Volkes in den Kreis der Betrachtung gezogen wird. Von all dem war nicht die Rede. Und doch können die Gründe für die religiöse ״Indifferenz“ nur aufgedeckt werden, wenn die Gegenkräfte, in denen sie wurzelt, ans Licht treten. Ideen wirken erst, bekommen eine Geschichte, wenn sie sich mit den Anliegen zeitlichen Lebens durchflechten. Daß' eine solche Verknüpfung auf dieser Konferenz deutlich sichtbar wurde, kann man leider nicht behaupten. Man mag eine Resolution zugunsten Abstellung der auf dem Gebiete des jüdisehen Eherechtes bestehenden Notstände dazu rechnen. Was amerikanische Redner, namentlich Ludwig Vogelstein (New York), und Milford Stern (Detroit), über die konkreten Dinge des dortigen Lebens, namentlich des sozialen, berichteten, schien zu lehren, daß ein faktisch vorhandenes überaus starkes Solidaritätsgefühl mit seiner Urwüchsigkeit, unabhängig von allen Ideen, auch eine liberale jüdische Gemeinschaft trägt, wo wirklich jüdische Massen hausen. Dem liberalen ״Universalismus“ tut das offensichtlich keinen Abtrag. Als sich freilich die Versammlung vor die Frage gestellt sah, ob sie die Diskussion מ wohl^emerkt, nur die Diskussion! — über ein Problem zulassen wolle, welches dem Judentum seit einem Menschenalter als Haupt quelle seiner Lebendigkeit gedient hat, dem vielleicht gar dieser liberale Weltverband selbst sein Dasein verdankt, nämlich über den jüdischen Nationalismus, da erklärte sie sich mit großer Mehrheit dagegen. Vom Standpunkt gerade des religiösen Liberalismus her ist dieser Beschluß tief zu bedauern. Der Wortführer der Verneiner, Rabbi Schulmann, begründete die Ablehnung damit, daß auf diesem Kongreß Zionisten und Nichtzionisten in gemeinsamem Bekenntnis des überalen Gedankens vereinigt wären, und daß eine Diskussion über den Nationalismus notwendig die Sprengung dieser Gemeinschaft zur Folge haben müßte. Ich will nicht davon sprechen, daß in einer solchen Motivierung von Liberalismus im Sinne von Weitherzigkeit und Liberalität nichts zu spüren ist. Wichtiger ist etwas anderes. Sind denn Liberalismus und Zionismus, Frömmigkeit und jüdischer Nationalgedanke derart voneinander abgeschlossen, daß es auch nur möglich ist, sie als beziehungslos nebeneinander zu denken? Sind die theoretischen Begründungen, die wir auf diesem Kongreß und den früheren gehört haben, so wohlgefügt, so sicher festgelegt, zum unbezweifelhaften Dogma geworden, daß auch nur die Erwägung der dem Dr. Schulmann und seinen Gesinnungsgenossen widerstreitenden Gedankengängc in Acht und Bann getan werden muß? Das alte, traditionalistische, in seinem Religionsgesetz verankerte Judentum stellte eine Größe dar, die nach all ihren Dimensionen klar abgemessen und übersehbar war. Steht die Eindeutigkeit des Liberalismus in gleichem Maße fest, daß er Gedanken und ihre Aeußerung auf den Index setzen darf? — Descartes, Husserl, Nietzsche, Heidegger dürfen zur Orientierung über die Lage der jüdischen Religion in der Gegenwart herangezogen werden; Moses Heß, Theodor Herzl, Ach ad Haam sind verboten. Es ist ein unerträglicher Zustand, wenn von der Seite des Liberalismus her die Diskussion über den Charakter des Judentums auf dem Niveau niedergehalten wird, daß der eine ruft: Wir sind ein Volk! und der andere: Wir sind nur eine religiöse Gemeinschaft! — Die Klobigkeit solcher Kategorien macht sie kaum noch in unsem Kreisen als grobschlächtigc Losungen für Wahlkämpfe geeignet, geschweige daß eine Bewegung, die sich auf ihre Geistigkeit so viel zugute hält, sich solche Antithesen erlauben dürfte. Oder unterschätzen wir die Zahl derer, für welche Judentum in seiner Konkretheit mit dem Kampf gegen den Zionismus zusammenfällt, wie er für viele andere in der Hauptsache mit der Abwehr des Antisemitismus eins ist?— Der Antrag war kein ״zionistischer“ Vorstoß, sondern ein Vorstoß der Einsicht und des gesunden Wirklichkeitssinns gegen diese dogmatische Enge einer konzilsmäßig festgelegten liberalen Kirchenlehre, die nicht weniger starr als der Schulchan aruch, den man ja doch glücklich längst hinter sich gelassen hat. Man vergesse nicht: lediglich um die Zulassung einer Diskussion handelte es sich, die dieser Liberalismus verwirft. Daß sich hier die Möglichkeit eröffnet, an lebendiger jüdischer Geistesbewegung teilzunehmen, daß die Kraft der religiösen, der liberalen Idee doch auch ihre propagandistische Wirkung auf einen nur politischen Zionis-׳ mus bewähren könnte, wie man umgekehrt dessen werbenden, Einfluß auf diese streng religiösen Liberalen befürchtete, das kam der siegreichen Opposition offenbar nicht in den Sinn. Es war das Produkt einer übergroßen Vorsicht. Und doch hätte man m. E. nichts weniger zu fürchten als den Einstrom lebendig sich entfaltender jüdischer Gedanken und nichts mehr als eine ewige Drehung um die eigene Achse. Diese Gefahr aber liegt nahe, wenn man sich hinter einem liberalen Dogma verbirgt, das in der ersten Hälfte des vorigen Jaf.Thuriderts entstanden ist, und den Fortschritt vor allem in synagogalen Umgestaltungen und neuestens in einer Technisierung des Gottesdienstes erblickt. Gegen diese Verfestigung wenden >vir uns, gegen die Normierung zum Glaubenssatz, die einem wirklichen Fortschritt, einer Auflockerung zu wahrhaft liberaler Gesinnung feind ist. — Bei einem Manne wie Claude Montifiore wirkt die Gefühlswucht dieser liberalen Traditionen überzeugend; aber keine Kirchenlehre und kein Gesetzeskodex hat je gehindert, daß auch unter ihrem Schatten Frömmigkeit gedeihen und große Persönlichkeiten formen kann. Als Bewegung ist uns dieser Liberalismus nicht liberal genug. Seine Zukunft beruht allein darin, daß er endlich die Orthodoxie abstreift, die seiner Denkart noch anhaftet. Die jüdischen Wanderungen. Soeben erscheint im ״Jüdischen Verlage“, Berlin, unter dem Titel ״Jüdische Wanderbe wegun gen vor und nach dem Weltkriege“ ein neues grundlegendes Werk von Dr. Michael Traub, das in einer zusammenfassenden Darstellung die moderne jü־ dische Wanderbewegung schildert und in anschaulicher Weise eine vergleichende IJebersicht der Vor- und Nachkriegswanderung gewährt. Besonders ausführlich wird die jüdische Emigration nach den Vereinigten Staaten, Kanada, Argentinien und Palästina behandelt. In einem umfassenden tabeflarisehen Anhang werden zum ersten Male in dieser Vollständigkeit fast alle die jüdische und allgemeine Wanderbewegung der letzten drei Jahrzehnte illustrierenden Zahlen publiziert. Wie wir dem Buche entnehmen, stehen die Juden in der nordamerikanischen Gesamteinwanderung im Durchschnitt der letzten 30 Jahre hinter den Italienern an zweiter, in den letzten Quotenjahren bereits hinter den meisten westeuropäischen an neunter Stelle. Insgesamt haben die Vereinigten Staaten von 1899 bis 1928 1 881 556 Juden aufgenommen. Bei keinem Volke finden wir während dieser Zeit eine solch gewaltige Frauen- und Kindereinwanderung wie bei den Juden: 863 000 jüdische Frauen und 475 000 jüdische Kinder sind 1899 bis 1928 nach den Vereinigten Staaten eingewandert. Jede siebente Frau und jedes fünfte Kind, die im Durchschnitt von drei Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten landeten, waren jüdische. Unter 24 Völkern stehen die Juden nach dem Prozentsatze der relativ Bemittelten während der letzten Jahre an vorletzter, dem der gänzlich Mittellosen nach an erster Stelle. Kennzeichnenderweise hat die berufliche Gliederung der jüdisehen Einwanderermassen seit dem Kriege eine erhebliche Aenderung erfahren. So weist die Handwerkergruppe, die 1915—1924 in der jüdischen Einwanderung gegenüber der Vorkriegszeit um ein Drittel zurückgegangen war, wälirend der letzten Jahre eine merkliche prozentuelle Steigerung auf, — ein charakteristisches Symptom der fortschreitenden Produktivierung des jüdischen Wirtschaftslebens in Osteuropa. Einen interessanten Einblick in die Struktur der jüdischen Einw׳anderermasse gewährt auch das Palästina-Kapitel. Viel stärker als in anderen Einwanderungsländern ist hier die Land- Wirtschaft unter den jüdischen Einwanderern vertreten. Prozentuell bedeutend war auch im Durchschnitt des letzten Jahrzehnts der Zuzug von Handwerkern und sonstigen gelernten Arbeitern nach Palästina.

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