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Jüdische Rundschau · 1930-08-19 · Heft 65 (19.8.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 65 (19.8.1930)
Date
1930-08-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 65, 19. VIII. 1930 JU£D1SCHE RUNDSCHAU Seite 429 üelcttwori Von Kurt Biumcnfeld. Nachttehend veröffentlichen wir die Einleitung, die der VoniUende der Z. V. f. D, der eoeben erechienenen von der Z, V. f. D, herauegegebenen Broschüre ״Dokumente zur PaläsUnapotitik 1929/30", in der eine deuteehe Veberuliung der wichtigsten Teile des Shato-Beriehtes enthalten ist, voramgetehkkt hat. Die zionistische Bewegung führt den Kampf um das Recht des jüdischen Volkes auf die Errichtung der jüdisehen nationalen Heimstätte in Erez-Israel. Historische Bindungen sind heute verknüpft mit den durch Arbeit im Lande neu erworbenen Rechten der Juden.. Das jü> dische Volk in Palästina hat gezeigt, daß es durch seine kolonisierende Tätigkeit dieses Land groß zu machen vermag: jüdische Arbeit bewirkt, daß ein dünn bevölkertes Land, das seine Bewohner kaum zu ernähren vermochte, auf eine Stufe gebracht wird, in der es ein Vielfaches seiner Bevölkerungszahl wirtschaftlich gut zu tragen vermag. An Stelle extensiver Kulturen ist in steigendem Maße eine Intensivierung des wirtschaftlichen Lebens erfolgt. Orangenpflanzungen befinden sich heute dort, wo früher ungenutzter Sandboden war, gesunde Dörfer stehen in Gegenden, die die arabische Bevölkerung, durch die Malaria dezimiert, verlassen hat. Niemand kann leugnen, daß der Aufschwung des Landes der jüdischen Einwanderung, der jüdischen Arbeit, dem jüdischen Kapital zu danken ist. Die jüdische Kolonisation hat nichts zu tun mit den so viel gescholtenen Kolonisationsmethoden des Imperialismus. Die Juden kommen nicht als eine Oberschicht ins Land, die die billige Arbeitskraft einer einheimischen Bevölkerung ausbeutet. Es ging und geht in Palästina anders zu als in den Kolonialgebieten der europäischen Großmachte. Es ist niemals eine Enteignung von Land zugunsten der Juden vorgekommen. Alles Land, das sich heute in jüdischem Besitz befindet, ist freiwillig von den Eigentümern an Juden verkauft worden und in diesem Lande, in dem der Effendi gewohnt war, den armen Fellachen auszuwuchern und in furchtbarem Elend zu halten, waren Juden die ersten, die auch den Fellachen eine Möglichkeit sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs gewährten. Arabische Dörfer in der Nähe jüdischer Siedlungen sind wohlhabend geworden und sind wirtschaftlich gesund, während außerhalb des Bereichs der jüdischen Siedlungen der arabische Bauer großenteils noch im Frühzustand landwirtschaftlicher Entwicklung lebt. In der ganzen Welt ist der Fortschritt wirtschaftlicher Entwicklung mit Opfern erkauft worden. Man soll sich daher nicht darüber wundem, daß auch unzweifelhafte Verbesserungen auf Mißtrauen und Widerstand stoßen. Aber die Welt, die Zusammenhänge kennt und versteht, hat die Aufgabe, die kommende Entwicklung zu stützen und zu fördern: Wer erkannt hat, daß die Judemfrage In* der Welt die jüdische nationale Heimstätte in Palästina als entscheidende Antwort verlangt, wer ferner festzustellen vermag, daß dieses jüdische Werk nicht nur großartigste Kräfte in der Judenheit geweckt hat, sondern auch in vorbildlicher Weise durchgeführt worden ist, daß die Juden auf die berechtigten Interessen der einheimischen Bevölkerung unendlich viel mehr Rücksicht genommen haben und zu nehmen gewillt sind, als es bei irgendeinem bekannten Kolonisationsunternehmen der Fall war, der muß bei der Beurteilung der Unruhen im August vorigen Jahres zu dem Ergebnis kommen, daß diese Ereignisse ebenso wenig wie die Ereignisse des Jahres 1921 geeignet sind, das jüdische Kolonisationswerk zu hemmen. Es handelt sich um Konflikte, die Begleiterscheinungen einer gesunden und zukunftsreichen Entwicklung waren, die vermeidbar sind, die in keiner Weise als eine durch die wirklichen Lebensinteressen des arabischen Volkes gebotene, unvermeidbare Notwendigkeit hingenommen werden müssen. Für die Zionistische Organisation gibt es nur eine Aufgabe: letzte Anspannung aller Kräfte, um die jüdischen Positionen im Lande zu stärken. Die Ereignisse haben den Jischuw nicht entmutigt. Er ist stark, zuversichtlich und ruhig geworden. Der Jischuw vertraut seiner Kraft und wird alle Hoffnungen, die die jüdische Welt auf ihn setzt, rechtfertigen, wenn die Judenheit, weder durch günstige noch durch ungünstige politische Konjunkturen beeinflußt, in ihrer Arbeit stetig und unermüdlich fortfährt. Das Zeichen der wahren Entwicklung sind neue Kolonien, neue Chaluzim, neue jüdische Leistungen im Lande. Wir sind heute in Erez-lsrael verwurzelt und sind entschlossen, unser Recht mit letzter Energie zu verteidigen. Waad Lenmi and jüdisches Schulwesen Jerusalem, 15. August. (J. T. A.) Der Waad Leumi hat in seiner letzten Sitzung, der auch Vertreter der Lehrerschatt beigewohnt haben, beschlossen, der Jewish Agency den Plan zu unterbreiten, daß die Jewish Agency und der Waad Leumi einen gemeinsamen Ausschuß zur Leitung und Erhaltung des hebräischen Schulnetzes in Palästina bilden sollen. Der Ausschuß soll zu Beginn des jüdischen Jahres 5692 in Funk* tion treten und zunächst fünf Jahre amtieren; somit wird die Jewish Agency für eine Dauer von fünf Jahren von der alleinigen Verantwortung für das hebräische Unterrichtssystem befreit sein. Der Waad Leumi beschloß ferner, aus seinem Hilfsfonds 5000 Pfund zur Erweiterung des Wiederaufbauwerkes des zerstörten Moza zu bewilligen, unter der Voraussetzung, daß der Palestine Emergency Fund sein volles Wiederaufbauprogramm durchführt, das eine weitere Aufwendung von 10000 Pfund für Moza einschiießt. Waad Leumi beschloß auch, die Initiative zu einer energischen Wiederaufbauarbeit in Hebron zu ergreifen und bewilligte für das Hebron-Wiederaufbauwerk 5000 Pfund. Englische Judenheit und Rumänien Der Generalsekretär des Joint Foreign Committee Luden Wolf übersandte dem rumänischen Gesandten in London, Herrn Titulescu, einen Bericht über die Unruhen in Ruminien und schrieb dazu u. a.: ״Die Ereignisse, auf die in diesem Bericht Bezug genommen wird,’ haben auf die ganze jüdische Gemeinschaft Englands einen deprimierenden Eindruck gemacht und tiefe Besorgnis bezüglich der Sicherheit der jüdischen Bevölkerung und des Schutzes der verfassungsmäßigen Rechte der Juden durch die rumänischen Behörden geweckt. Das Joint Foreign Committee hat das Gefühl, daß man diese Ereignisse nicht als außergewöhnlich oder zufällig ansehen dürfe, und wagt es, die rumänische Regierung nachdrücklich zu ersuchen, die notwendigen Schritte zu ergreifen, um ein für allemal einer Agitation ein Ende zu setzen, die nicht nur einen großen und friedlichen Teil der Bevölkerung Rumäniens terrorisiert, sondern auch dazu angetan ist, den guten Namen des rumänische n.Staa- :; . und Volkes in Verruf zu bringen. Es ist wahr, daß es auch in anderen Ländern antisemitische Bewegungen gibt, die Gewalttaten im Gefolge haben; aber nirgends äußern sie sich so wild, so bösartig und brutai wie in Rumänien, und in keinem Lande finden sie so viel offizielle Duldung, ja sogar schweigende Zustimmung. Das Committee ersucht nicht um jllllllllllllimilllllllllllllHIIW Berliner Zionistische Vereinigung Große zionistische Kundgebung anläßlich der Slitung des Adlon»-Comlte» in Berlin Montag, den 25. August abends 8 1/s Uhr In den Splebernsglen. Spichernstraäe 3 Redner Dr.CHAIM WEIZMANN Präsident der Zionistischen Weltorganisation Mitglieder der Exekutive der Zionistischen Weltanlsatlon und des Adions-Comtids. Eintritt RM. 1.— und RM. 0,50. Jugendliche RM. 0,30 ■ Willi? außerordentliche Maßnahmen; die rumänische Verfassung bletet reichlich Handhaben zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Das J. F. C. gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Urheber und Helfershelfer der jüngst vorgekommenen Scheußlichkeiten streng bestraft und die unglücklichen Opfer dieser Scheuß- Hchkeiten entsprechend entschädigt werden.“ Als Erwiderung auf dieses Schreiben ging Herrn Luden Wolf ein Telegramm des Unterstaatssekretärs des Minister- <! Präsidenten. Mfniu» Herrn G a f e neu, übermittelt durch d$n rumänischen Charge d’Affairs Herrn Laptew, zu, in ■welchem ausgeführt wird: ״Die antisemitischen Vorkommnisse in Rumänien sind das Werk einzelner Agitatoren, angeblich Studenten, wie Zelea Codreanu, Danulescu, Danila, Totu, tf. a. m., die von den Behörden scharf beobachtet werden. Länger als ein Jahr ist die Regierung nicht allzu scharf gegen diese Agitatoren vorgegangen, was gewisse befriedigende Resultate ergab, indem bis zur Wahl Cuzas in Roman die antisemitische Agitation in einem sehr kleinen Umfang geführt wurde. Letzthin aber hat sich infolge der wirtschaftlichen Notlage, der Entwertung landwirtschaftlicher Produkte, der hohen Zinssätze auf entliehenes Geld, die Agitation in gewiss« ärmeren Teilen des Königreiches, wie Marmarosch und Bukowina, verschärft. Die Regierung ergriff dagegen drastische Maßnahmen. Daß diese Agitation einen wirtschaftlichen und nicht spezifisch antisemitischen Charakter hat, Ist durch die Tatsache bewiesen, daß in Stadt und Bezirk Suczawa die Banca Suceveana, die Filiale der Nationalbank, die Finanzadministration, von den Bauern angegriffen wurden, die die Gebäude, in denen die ihnen wegen Steuerrückstände weggenommenen Pfänder in Verwahrung waren, plünderten, ln der Bukowina nahm die Agitation antisemitischen Charakter an, weil der Leiter der Agitation, Colonel Neeukea, Mitglied der antisemitischen Liga ist und weil die Mehrzahl "jener, die Kapital zu Leihzwecken besitzen, Juden sind. Die Regierung hat, um der antisemitischen Agitation entgegenzutreten, öffentliche Versammlungen verboten und die Verwaltungs- und Polizeibehörden angewiesen, die Tätigkeit der antisemitischen Agitatoren schärfstens zu beobachten. In der Bukowina wurden verhaftet Oberst Neculcea, Georghe Carja, Georghe Coca und mehrere Einwohner des Dorfes Vatra Dornei. Mehr als 200 Bauern wurden wegen Teilnahme an antisemitischen Agitationen in den Dörfern Balaceana, Partesti, Rosancea, Uidesti, Mitocul, Dragomirnei, Scheia, Zaharinesti, alle Im Bezirk Suczawa, vor Gericht gestellt. Zu ein bis zwei Monaten Gefängnis verurteilt wurden die Studenten Strugaru, Nicolae, Lucaci, Valerian, Mircea, Caileanu, Simion und Lazareanu. Nach den Vorfällen in Kimpolung und Varna wurde der Agitator Constantia Danila dem Staatsanwalt übergeben, mehrere Bauern dieser Ortschaften wurden verhaftet. Es wurden auch Anstalten getroffen zur Verhaftung und Aburteilung der Agitatoren Totu, Danila und Eremia. Im Zusammenhang mH der antisemitischen Agitation im Borscha-EMstrikt wurden die Priester Berindei und Dumitrescu und 20 Bauern verhaftet. Das Gericht in Ilfov ordnete die Verhaftung und gerichtliche Verfolgung des Oberhauptes der Legion ״Erzengel Michael“, Ze* lea Codreanu, an. Der Belagerungszustand wurde von der Regierung als im Oegensatz zur Freiheit und zum Wohk! des Landes *stehend aufgehoben. Die jetzt geltenden legalen Methoden genügen vollauf, um die Tätigkeit einiger hemmungsloser jugendlicher, deren Agitationen bei der großen Masse keinen Anklang finden, zu stoppen. Nur in sporadischen Fällen, wie in Borscba und Balaceana, haben infolge der wirtschädlichen Notlage diese Agitationen Erfolge erzielt. Was die im Auslande verbreiteten übertriebenen Information en über die antisemitische Bewegung in Rumänien betrifft — heißt es. zum Schluß des Telegramms — so müssen gewisse auf dem Spiele stehende antisemitische Interessen als ein Faktor in Betracht gezogen werden, dies um so mehr, als die jüdisch« Parteien in Rumänien in der Frage der zu befolgenden Politik geteilt zu sein scheinen.“ * Eine Abordnung des American Jewish Con gress unterbreitete dem rumänischen Gesandten in den Vereinigten Staaten, Herrn Davlla, ein Memorandum, in welchem wegen der andauernden antisemitischen Ausschreitungen in Rumänien Klage geführt wird. Palästina * Reise Betrachtung am Rande der Politik Von Dr. Kurt Wlttkowsky. Vor mir liegen die Photos meiner Palästinareise, Juli- August 1929. Nach meiner Rückkehr hinderten die Ereignisse mich, meine frischen Eindrücke niederzuschreiben. Ich mochte nicht daran denken, mochte es am liebsten nicht für wahr nehmen, daß Städte und Dörfer, die ich arbeitsam, friedlich, sonnig sah, bald danach Schauplatz blutiger Ereignisse wurden. Ein Schleier verdeckte die bunten, lebensvollen Bilder meiner Er* innerung. Ein Jahr ist darüber vergangen, und dieselben Bilder tauchen plötzlich wieder auf. Kaum weniger bunt, kaum weniger lebensnah, wenn auch ernster, gewichtiger. Das Private, Zufällige, Einstweilige sondert sich ab. Es bleiben ein paar Be* obachtungcn, die nachdenklich machen. Hier sind sic. Sie sind am Rande der Politik. Darum zu allererst ein Er« lebnis der Seele, einer bekanntlich unpolitischen Erscheinung (denn Politik ist ein Ausschnitt aus der Tatsachen-Welt, und die Seele existiert nicht). Dieses Seelen-Erlebnis lautet: die Landschaft Palästinas ist schön. Künstler haben sie gezeichnet und gemalt und besungen. Ich wünschte, es von jedem Palästinenser, von jedem Palästina-Reisenden zu hören. Und jeder Jude sollte neben Alpen und Nordsee, neben Paris und Florenz die palästinensische Landschaft kennengelernt haben. Mit allen Sinnen atmet man diese klare, durchsichtige, durchscheinende Luft ein. Unvergeßlich der Abendspaziergang im Emek, um das Kefar Jeladim. Rings am Horizont die scharfe, unheimlich-nahe, fast gespenstisch-bedrückende Silhouette der Berge. — 111 der Erinnerung noch betäubend der starke Duft, der zwischen Stein und Fels aus dem spärlichen Gestrüpp herausdringt, wenn man quer hinauf den Karmel ersteigt. Und dann von oben, in dieser berauschend-gedämpften, prickelnden Luft der Höhe, der weite Rundblick über das Meer. — In glühender Hitze in Nazareth. Zerbröckelnde Steine, die Arabern ein Schutzdach für die Nacht geben. Man klettert über Trümmer höher hinauf, erhascht hier und da einen Durchblick zwischen verbrannten, verkohlten, zersetzten Ruinen der Jahrtausende. — Gleich hinter der Stadt der freie Blick ins Emek hinein, weit entfernte Dörfer greifnah vor dem Auge. Ein, zwei, drei Stunden geht man auf das Ziel zu, das gleich nah bleibt. Und in dieser Fern-Nihe gewinnen Berge, Felder, Weinreben, Häuser, Menschen eine Art Plastik, eine Schärfe der Linien, die einem von Europa her unbekannt sind. — Märchenhaft wird dieses Erlebnis der Fern-Nähe auf dem Skopus. Auf der einen Seite Jerusalem, diese lebenden, sprechenden, klagenden, sagenden Steine, dieses lebensträchtige Denkmal der Geschichte. Auf der anderen Seite sprungnah das Tote Meer, und greifbar fast die Berge Transjordaniens. Jede Falte des Steins sieht unser Auge, und vielfach gestufte Färbtöne, gelb und braun und rot und grün und blau, prägen sich unserm Blick für immer ein. Dieselben Farben, nur glänzender, saftiger, fließender, im Basar. Hier geht das grüne Band des Mekka-Wanderers, das Gelb und Rot der Abaja, das Blau der Früchte in eine einzige Farbensymphonie ein. Ihr mischen sich die Klänge der Verkäufer und Käufer, die Düfte des Bodens und der Häuser bei. — Mit allen Sinnen — ich sagte es schon — muß man sich diese Landschaft erobern. Bis man die ins Meer vorgeschobene Felsenstadt Jaffa entschwinden sieht, und die letzten Klänge der arabischen Ruderer und Händler verhallen. Wehmutvoll ißt man ein paar Trauben, die einem der unermüdliehe Araber aufgeschwatzt hat, als das Schiff schon fast fuhr. Ich möchte am Rande der Politik bleiben. Und habe doch noch einiges zu sagen, das sehr nach Politik schmeckt. Es ist aber nicht so gemeint. Schon deshalb nicht, weil ein paar Wochen nicht zu einem gründlichen Einblick in dieses so schwer zu erfassende Gemeinwesen genügen. Also die Mensehen. Gemeinwesen? Nein, ein Riß geht durch die Bevölkerung. Hier Araber, da Juden, Es mag leicht sein für den Touristen, Eintracht zu predigen. Entscheidende Gründe sozialer, religiöser, kultureller Art stehen im Wege. Aber es hilft nichts: es muß sein. Wir müssen arabisch sprechen, nicht nur uns verständigen können. Wir müssen von arabischer Geschichte und Kultur wissen. Wir müssen für gemeinsames Spielen und Arbeiten der Jugend beider Nationen sorgen, womit schon in Jerusalem Im vorigen Jahre begonnen und was hoffentlich nicht wieder aufgegeben wurde. Wir müssen Bande der Aussprache und der Geselligkeit mit der arabischen Intel* Hgenz knüpfen. Dies alles ist keine politische Forderung, sondem der Notruf jemandes, der mitangesehen hat, wie zwei Völker unbekannt nebeneinander herleben. Der aber auch mit innerer Befriedigung das rührende Bild der nachbarlich« Hilfe im Qedächtnls behalten hat: wie in Ben Schemen die Araber der Nachbardörfer, von denen einige ein gutes Hebräisch sprechen, in der Krankenstube behandelt werden. Dies hat nichts mit Politik zu tun, Ist nur eine Frage menschlicher Haltung, die Selbstverständlichkeit sein sollte. Vielleicht die einzig mögliche ״Politik“. Und höchst unpolitisch, kaum-politisch sind auch die tausend Fragen und Antworten, die sich gesprächsweise hinüber und herüber ergaben. Mit alten Freunden von Deutschland her und neuen Bekannten. In Haifa und Daganjah, Tel-Awiw, Rischon le Zion, Ben Schemen und Jerusalem. Ueberelnstimmend klang bei allen, ganz sicher und freudig-stolz, das Eine immer wieder durch: wir sind hier zu Hause. Fast bei allen die gleiche Entwicklungskurve: die Krisis nach ein paar Jahren (viele überdauern sie nicht), dann die erste Europareise, der man etwas bang-sehnsuchtsvoll entgegensieht, dann aber, gerade nach diesem Wiedersehen mit Europa und seinen Völkern, die unerschütterliche Feststellung, daß Palästina unsere Heimat ist. Dies der Unterton des Gesprächs. — Gesprochen wird von ganz anderen Dingen. ״Ihr habt ja gar keine Vor- Stellung, wie entsetzlich schwer das Leben hier Ist!“ Und nun f '. ' ” ' ' “ '״י.-־—־״. •-־׳ ־־«— wahr, es gibt drüben tausend Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens, von denen der an einen gewissen Rahmen des gesetzlichen Schutzes und der zivilisatorischen Sicherheit und Gepflogenheit gewöhnte Europäer kaum etwas ahnt. Ein Beispiel für viele: die Haifaer Realschule sorgt für ihre Schuljugend in fast polizeilich ־ diktatorischer Weise. Sportverein, Sprachkiub, Pfadfinderbund, musikalische Veranstaltungen, Feste, Kino, alles, alles wird von der Schule aus geregelt und kontrolliert. Ich frage einen recht jugendliehen Lehrer, dessen lebendigste Erinnerung die Jahre in der polnischen Jugendbewegung sind: ״Wie können Sie sich nur dazu hergeben, abends ins Kino zu gehen, um die gegen das Verbot der Schule dort befindlichen Schüler festzusiellen und zu bestrafen? Sind Sie ein Polizist oder ein Erzieher?“ ״Ja, sehen Sie, hier gibt es doch keine Polizei, keinen Schutz der Jugend, keine Jugendbüchereien, keine bildenden, anregenden Vorträge, keinen Hort, nichts, nichts dergleichen. Alles das müssen wir Lehrer ersetzen.“ Und man begreift, welche Schwie* rigkeiten der Alltag bietet, weil alles noch so schrecklich unein* gefahren, so gar nicht geregelt, nicht geschützt ist. Und man erkennt plötzlich, daß der europäische Staat nicht nur Steuern erhebt, sondern viele Dinge uns abnimmt, indem er sie regelt. Und doch anderseits — es mag boshaft klingen — sollten wir sagen: gönnen wir den Palästinensern ihr Klagen und Jammern! Sie haben es besonders schwer. Wer hat das wohl noch nicht von sich behauptet? Daß sie es aber so einstimmig, so bitter, so mit einem leisen Märtyrer7Unterton, so berechtigt-überzeugt tun, das beruhigt den Besucher auch wieder Er erkennt, daß sich abseits aller hohen Ideale in dieser wer-

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