Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1930-08-12 · Heft 63 (12.8.1930) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 63 (12.8.1930)
Date
1930-08-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2651273-2653156-2653216--21753-2679889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 83, 12. VIIT. 1930 JUEDISCRE RUNDSCHAU Seite 417 Gleichberechtigung und Differenzierung Ueber dl« Stellung der deutschen Juden im Staute Die ״Frankfurter Ztg.“ bespricht in ihrem Leitartikel vom 7. August den Aufsatz von Mahraun über seine Stellung zum Judentum, mit dem wir uns bereits in der vorigen Nummer der ״J. R.“ kurz beschäftigt haben und auf den wir noch zurückkommen werden. Die ״Frankf. Ztg.“ erklärt sich von der Haltung Mahrauns befriedigt, da dieser die volle Gleichberechtigung anders gearteter, in diesem Falle also jüdischer Staatsbürger, anerkennt, wenn auch als Erdenrest zu tragen peinlich bleibt, daß Mahraun sich in seinem Orden seine Genossen nach anderen Prinzipien aussucht. Die ״Frankf. Ztg.“ führt aus: ״. . . Mahraun will Ober alle Gegensätzlichkeiten hinwegkommen, indem er sie untersucht. Er will ,die Frage klären, ob das deutsche Judentum das Recht habe, deutsche Gemeinschäften, welche sich nach rassischen Vorbedingungen zusammengefunden haben und über diese eigene Einstellung hinweg mit allen deutschen Staatsbürgern ohne jede rassische Vorbedingung positiv in der Politik Zusammenarbeiten wollen, als antisemitisch zu bezeichnen‘- Die Frage wird eigentlich nur durch die Tat beantwortet werden können. Es wird eben darauf ankommen, daß die rassisch eingestellte Gemeinschaft sich die volle innere und äußere Freiheit wahre, die für eine fruchtbare Zusammenarbeit unerläßlich ist. Das erfordert eine Weite, in der zwei Seelen wohnen können. Ist das so möglieh? Und ist das nicht wiederum ganz deutsch aus dem gleichen allumfassenden metaphysischen Zuge? Unsere Deutsch-Amerikaner empfinden ihren Zusammenhang mit uns und sind drüben vorzügliche Staatsbürger. Die deutschen Minderheiten, die der Krieg von uns gerissen hat, wollen ihr Deutschtum bewahren, ohne Ihrem Staate gegenüber illoyal zu werden. Und ist es nicht auch flidische Fähigkeit, sich der eigenen Abstammung oder der besonderen Religionsgemeinschaft und zugleich dem Volke verbunden zu fühlen, mit dem man lebt, In dessen Kultur man verwebt ist? Es gab Zeiten, in denen es den Katholiken in Deutschland sehr schwer gemacht wurde, deutsch und katholisch zu sein. Sie haben es vermocht, und heute wagt niemand mehr, sie undeutsch zu nennen, wenn sie nach Rom blicken. Betrachten wir die Abkömmlinge der Hugenotten als minderwertige Deutsche, wenn sie ihren französischen Ursprung nicht vergessen?“ Wir freuen uns, hier mit der ״Frankfurter Zeitung“ einmal fast restlos übereinstimmen zu können. Ihre Worte charakterisieren in treffender Weise die Situation des deutschen Juden, die wir vom national-jüdischen Standpunkt oft begreiflich zu machen versuchten, ohne Verständnis finden zu können. Alle fortschrittlichen Elemente müssen mit aller Macht gegen einen Staatsbegriff kämpfen, der das Leben des einzelnen Bürgers 100 0/0ig beherrschen und regulieren will. Neben dem gewiß überaus wichtigen Pflichtenkreis und Rechtekreis des Staatsbürgers muß es bei jedem Menschen, beim Nichtjuden wie beim Juden, auch eine ״staatsfrei e“ Sphäre geben, wo er gemäß seiner Eigenart sich entfalten, kulturelle, religiöse und volkhafte Beziehungen pflegen und an den Aufgaben der sich durch diese Beziehungen ergebenden Gemeinschaften positiv und schöpferisch mitarbeiten kann. Durch diese ,Froheit wird dad Intbrcssfe'dös Sttfäte* keldeswegs beeinträchtigt oder gestört, vielmehr wird auch der Staat bereichert und gestärkt, wenn seine Bürger sich als freie Menschen fühlen und wissen, daß der Staat mit Wohlwollen ihre Eigenart respektiert. Die ״Frankfurter Zcitung“ hält es nicht für unmöglich, daß in dieser Hinsicht in einer Brust zwei Seelen wohnen. Es ist erfreulich, daß Mahraun den Anstoß zu einer so weitherzigen Auffassung gab. Wahrhafte Deutsche, die ihr eigenes Leben und das ihrer Gemein* schaff nach ihren Kulturbegriffen gestalten wollen, werden ohne weiteres verstehen, daß die deutschen Juden, die durch Geschichte und Schicksal mit zwei Gemeinschaften, nämlich dem jüdischen Volk und dem Deutschen Reich, verbunden sind, beiden unvermindert dienen können, und wir sind überzeugt, daß gerade eine solche jüdische Haltung auf selbstbewußter deutscher Seite Respekt finden wird. Nur Juden, die sich selbst nicht sicher fühlen und durch Ueberbetonung ihres Deutschtums Anerkennung finden wollen, werden die Haltung volksbewußter Juden im Staate zu verdächtigen wagen. Wir stimmen vollständig mit der ״Frankfurter Zeitung“ überein, wenn sie sagt, daß cs auf die Gleichberechtigung imStaatslcben ankommt und daß auf der Basis der Anerkennung dieser Gleichberechtigung ohne weitere Gesinnungsschnüffelei die Zusammenarbeit aller Elemente, trotz ihrer Differenzierung, am Aufbau eines freien und großen Deutschland möglich wäre. Und dadurch, möchten wir hinzufügen, wäre auch die Lösung der Judenfrage einen erheblichen Schritt nähergekommen, ohne daß man dem einen Teil eine den Charakter schädigende Untreue gegen sein eigenes Volkstum zmnutet. Volkspartel and Nationalsozialisten In der demokratischen Presse ist des Staunens darüber kein Ende, daß der Führer der Deutschen Volkspartei, Dr. Scholz, der Beantwortung der Frage ausweicht, ob er nach den Wahlen bereit sein wird, gemeinsam mit den Nationalsozialisten in eine Regierung zu gehen. Angesichts der Tatsache, daß die Volksparteiler in Thüringen die Herrschaft F r i c k s ermöglichen und auch in Sachsen bereit waren, gemeinsam mit den National- Sozialisten eine Regierung zu bilden, ist die Gretchen-Frage Theodor W o 1 f f s im ״B. T.״, ob Scholz Arm in Arm mit Hitler zu gehen gedenke, naiv gewesen. Natürlich wird er, wenn nur die zahlenmäßige Möglichkeit gegeben sein wird, ein Bundesgenösse Hitlers werden. Wir haben oft in der ״Rundschau“ der Meinung Ausdruck gegeben, daß keine bürgerliche Partei in Deutschland (ausgenommen die ehemalige deutsch-demokratjsehe Partei) In dem Antisemitismus der Nationalsozialisten einen genügenden Grund erblickt, um deren Bündnisfähigkeit zu negieren. Das geschieht einfach darum, weil der Antisemitismus für diese Parteien doch nur etwas Nebensächliches ist, während er für die Juden leider ein zentrales Problem darstellt Es ist allerdings betrüblich, daß trotz der Haltung der Deutschen Volkspartei diese sich noch immer bei einzelnen Juden starker materieiler und moralischer Unterstützung erfreut. Abgesehen von den wenigen in der Oeffentlichkeit bekannten jüdischen Führern der Deutschen Volkspartei (Geheimrat Rießer tt a.) soll es noch eine ganze Reihe von jüdischen Industriellen und Finanziers geben, welche dieser Partei anhängen. Daß ein derartiges Verhalten schändlich ist, braucht nicht erst besonders vermerkt zu werden. Der Antisemitismus in Rumänien Dr. Morris D. Waldmann, Sekretär des American Jewish Committee, der während der letzten zwei Monate zweimal in Rumänien geweilt, eine Anzahl der von den letzten antisemitischen Exzessen betroffenen Orte persönlich besucht und eine grundlegende Prüfung der jüdischen Lage in Rumänien angestellt hat, gab gegenüber einem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Berlin eine Erklärung ab, die in der Feststellung gipfelte, daß die in der Presse erschienenen Berichte über antisemitische Exzesse in Rumänien durchaus nicht übertrieben seien, und daß die Regierung für die Exzesse verantwortlich ist, weil sie nicht rechtzeitig die antisemitische Agitation, aus der eine rapide um sich greifende Anarchie hervorwuchs, unterdrückt hat. Die Beobachtungen des Dr. Waldmann sind nicht nur darum von Bedeutung, weil sie auf einer außerordentlich sorgfältigen Prüfung aller einschlägigen Tatsachen beruhen, sondern auch darum, weil er eine der bedeutendsten jüdischen Körperschaften in den Vereinigten Staaten, das American Jewish Committee, vertritt, dessen Präsident bekanntlich (als Nachfolger des verstorbenen Louis Marshall) Dr. Cyrus Adler ist, und dem ferner bedeutende Repräsentanten des jüdischen Lebens in den Vereinigten Staaten, wie z. B. Julius Rosenwald, Felix M. Warburg, Jer Vizegouverncur von New York Colonel Herbert H. Lehman und Richter Abraham A. Elkus angehören. Die Erklärung D. Waldmans lautet im übrigen: ״Bei den Presseberichten über die antisemitischen Exzesse in Rumänien handelt es sich weder um Uebertreibungen, noch um Entstellungen. Die Exzesse waren zweifellos hervorgerufen und organisiert durch antisemitische Agitatoren, die in der Bauernschaft, obwohl diese normalerweise ihren jüdischen Nachbarn gegenüber freundlich eingestellt ist, infolge der agrarischen Depression einen fruchtbaren Boden für ihre Propaganda fanden. Ich־ bin überzeugt, daß diese Exzesse, die Rumäniens Prestige und Kredit ernstlich beeinträchtigen, sich nicht ereignet haben würden, hätte nicht die Regierung gewisse Studenten-Organisationen und sogenannte patriotische Kongresse unterstützt und hätte sie nicht aus einem Miß- Verständnis der Presse- und Versammlungsfreiheit heraus gezögert, die illegale antisemitische Propaganda zu unterdrücken. Das Innenministerium, dem die Polizd untersteht, und das Kultus- und Unterrichtsministerium, das Studenten, Lehrer und Priester kontrolliert, tragen eine besondere Verantwortung. Der König ist allem Anschein nach durch die jüngsten Ereignisse sehr betrübt. Die Ordnung ist gegenwärtig wieder hergestellt und die letzten energischen Maßnahmen der Regierung deuten darauf hin, daß die Regierung sich endlich vergegenwärtigt, daß die zahlreichen antijüdischen Manifestationen des letzten Jahres, die sie als sporadisch, geringfügig und harmlos anzusehen vorgab, rapide zu einer um sich greifenden Anarchie führten. Borscna ist ein tragisches Zeugnis dieser Haßpropaganda unter der sonst freundlich eingestellten Bauernschaft, die, aufgehetzt, die ganze jüdische Bevölkerung der Bukowina, Transsylvaniens und Beßarabiens monatelang terrorisierte. Im Gegensatz zu dem ersten Bericht der lokalen Regierungsbeamten, daß es sich bei dem Brand in Borscha um einen Unfall handelte, spricht ein überwältigender Indizienbeweis für eine sorgfältig vorbereitete Brand- Stiftung. Obgleich vier Wochen seit dem Brand verstrichen sind, ist den Betroffenen keine Hilfe gewährt worden, ausgenommen 2500 Dollar, die als erste Hilfe von der Regierung fewihrt worden sind, und einigen hundert Dollar, die das ranssylvanische Jüdische Notstandskomitee aufgebracht hat; dies angesichts eines Schadens von 300000 Dollar und der Unterbrechung jeder Erwerbsmöglichkeit. Es sind keinerlei Schritte ergriffen worden, die Obdachlosen unterzubringen oder niedergebrannte Stadtteile wieder aufzubauen. Hunderte Juden hungern buchstäblich. Die Lage erfordert gebieterisch eine Aktion der rumänischen Regierung und des Roten Kreuzes.“ Die Alliance Israelite Universelle richtete durch ihren Präsidenten Sylvain Levy ein Schreiben an den rumänischen Ministerpräsidenten Maniu, in welchem gegen die antisemitischen Unruhen in Rumänien protestiert wird. * B u k a re st, S. August. (J.T. A.) Die rumänische Nachrichten-Agentur ״Rador“ verbreitet die folgende Mitteilung: Dem Innenministerium sind Informationen zugegangen, des Inhalts, daß ungeachtet der von der Regierung angeordneten scharfen Maßnahmen die antisemitische Agitation in vielen Städten der Bukowina fortdatiert. Die Regierung hat deswegen spezielle Beamte in die Bukowina entsandt, die die strikte Weisung erteilt haben, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um solchen Agitationen ein Ende zu bereiten. Das Innenministerium ermahnt alle Beamten, ihre Pflicht zu tun, und erklärt, daß jeder Beamte, der dieser Weisung nicht Folge leistet, seines Amtes enthoben werden soll. Die Zeitung ״Adeverul“ teilt mit, daß die antisemitische Bewegung nach einigen Tagen Ruhe wieder entfacht worden ist. Die Zeitung fordert die Regierung zu einem vermehrten Aufwand von Energie gegen die Bewegung auf, damit diese eines Tages sich nicht auch gegen die Staatsgewalt wendet. Die rumänischen Zeitungen veröffentlichen die sensationelle Mitteilung, daß die Regierung beschlossen hat, die antisemitischen Studenten-Organisationen ״Eiserne Garde“ und ״Erzengel Michael“ aufzulösen. Die Regierung erklärt, daß sie einen Beschluß, die antisemitischen Studenten-Organisationen aufzulösen, bis jetzt noch nicht gefaßt hat, daß aber Justizminister Unian gemeinsam mit Staatssekretär des Innern, Cadere, eine Konferenz aller Chefs der politischen Polizei (Sigurantza) einberufen hat, in der die Frage der Auflösung der ״Eisernen Garde“ und des ״Erzengel Michael“, Organisationen, die eine das öffentliche Leben störende Tätigkeit entfalten, erörtert worden ist. Die Konferenz kam zu dem Schlüsse, daß beide Organisationen keine legale Erlaubnis für ihre Tätigkeiten haben, es braucht also keines formalen Äuflösungsbeschlusses, sondem es genügt, diese Organisationen als illegal zu erklären. Das Unterrichtsministerium veröffentlicht eine Bekanntmachung, wonach jeder Student, der an politischen Demonstrationen teilnimmt, aus der Universität ausgeschlossen wird. * Bukarest, 8. August. (J. T. A.) Die Tageszeitung ״Viitorul“ erhebt gegen den Innenminister Vaida- Voevod, der gegenwärtig in Abwesenheit des Außenministers auch das Außenministerium leitet, die schwere Anklage, daß er aus den Fonds des Außenministeriums bedeutende Geldsummen zur Unterstützung der antisemitischen Bewegung ausgebe. Bel jeder Gelegenheit, schreibt ״Viitonil“, verteile der Minister unter antisemitische Agitatoren, die ihn besuchen, größere Geldbeträge. Obwohl ״Viftorul“ das offizielle Organ der• zur Regierung in Opposition stehenden liberalen Partei ist, wird die Meldung dieses Blattes in politischen Kreisen ernst genommen. Die Zeitung ״Dimineata“ fordert den Innenminister Vaida-Voevod auf, sich zu der Mitteilung des ״Viitorul“ zu äußern. Die iQdisehen Gemeinden in Polen Ein Memorandum der jüdischen Deputierten Der Klub der Deputierten und Senatoren des Jüdischen Nationalrats hat dem Unterrichtsminister in Warschau ein Memorandum über die Lage der jüdischen Gemeinden in Polen überreicht, in welchem u. a. ausgeführt wird: Nach der Wiedererrichtung des polnischen Staates wurde ein Referat für die Angelegenheiten der jüdischen Religion eingerichtet, das von den Juden verwaltet wurde. Nach der Demission des Referenten Adelsberg wurde ein jüdischer Nachfolger nicht ernannt, wobei der Direktor des Religionsdepartements erklärte, er wolle keine ״Ambassadore“ der einzelnen Konfessionen iti seinem Departement dulden. Diese Erklärung steht im Widerspruch zum Prinzip der Gleichberechtigung der jüdischen Religion. Das Unterrichtsministerium erlaubt sich ferner, Budgetposten jüdischer Gemeinden für gewisse kulture!' \ phjlanthropische und ßildungszwecke der jüdischen Bevölkerung sowie für Zwecke der jüdischen Auswanderung nach Palästina zu streichen, was ebenfalls im Widerspruch zur Verfassung steht. Die Erziehung der Jugend ist eine direkte Pflicht der Gcmeinden, und da die staatlichen und gemeindlichen Instanzen die jüdischen Kultur- und Bildungsinstitutionen ebenso wenig unterstützen wie die jüdischen Institutionen für soziale Wohlfahrt, bleibt den jüdischen Gemeinden nichts übrig als solche Institutionen aus den eigenen Budgets zu unterhalten. In das Staatsbudget wurde für die Gesamtbedürfnisse der jüdischen Religion die lächerlich geringe Summe von 120 000 Zloty eingestellt. Während die Regierung für Emigrationszwecke der nichtjüdischen Bevölkerung bedeutende Summen ausgibt, wird für jüdische Emigrationszwecke kein Zloty ausgegeben, dafür aber den jüdischen Gemeinden untersagt, die Auswanderung nach Palästina finanziell zu fördern. Die Tätigkeit der jüdischen Gemeinden in den Ostgebieten Polens ist vollkommen lahmgelegt, weil die Regierung damit zögert, eine Ausführungsverordnung mm Gemeindegesetz vom 14. Oktober 1927 zu erlassen; den Gemeinden ist auf diese Weise verwehrt, ihre Mitglieder zwangsweise zu besteuern. Eine Anzahl Gemeinden steht vor dem Bankerott. Da die Regierung zögert, eine Wahlordnung für die Wahl von Rabbinern herauszugeben, haben die Gemeinden keine Möglichkeit, vakante Rabbinerposten zu besetzen. Die Regierung weigert sich auch, längst fällige Wahlen zu den Verwaltungen der jüdischen Gemeinden in Kongreßpolen auszuschreiben; viele Gemeindeverwaltungen sind bereits arbeitsunfähig, weil die Verwaltungsorgane fast unbesetzt sind. Der in dem Statut für die jüdischen Gemeinden vorgesehene religiöse Rat ist bis heute noch nicht geschaffen worden. In dem Memorandum wird die Regierung ersucht, den Bedürfnissen des jüdischen Gemeindelebens in Polen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden und jene Störungen zu beseitigen, die die Entwicklung der Gemeinden hemmen und die Ge• meindetätigkeit lähmen. Professor Edward Baneth | Am 7. August starb in Berlin, zwei Tage vor Vollendung seines 75. Lebensjahres, der Dozent für talmudische und rabbinische Disziplinen an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Prof. Eduard Baneth. Mit seinem Heimgänge hat die Wissenschaft des Judentums einen schweren Verlust erlitten. Denn Prof. Eduard Baneth zählte seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Forschern auf dem Gebiete der talorodlscheg,and rabbinischen Literatur. Eduard Baneth wurde am 9. August 1855 In Lipta Szt. Miklos (Ungarn) geboren. Er entstammte väterlicherseits einer berühmten Kabbinerfamilie. Von seinem Vater, der Rabbiner in seiner Heimatstadt war, in die jüdische Wissenschaft eingeführt, studierte er zunächst an der Jeschiwa in Preßburg, sodann an der Berliner Universität und dem dortigen Rabbinerseminar. Nach Abschluß seiner Studien werde er 1882 Rabbiner in Krotoschin, verließ aber 1895 dieses Amt, als die Gemeinde die Orgel in den Gottesdienst einführte, ein Schritt, den Baneth mit seiner gesetzestreuen Auffassung des jüdischen Kultus nicht vereinbaren konnte. Er siedelte nach Berlin über und wurde hier noch im selben Jahre, als Nachfolger von Joel Müller, als Dozent für talmudische und rabbinische Literatur an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums berufen. Dieses Lehramt hat er fast 35 Jahre bekleidet und in ihm Hunderte von deutschen Rabbinern in das Studium und die Erforschung des Talmud und der rabbinischen Literatur eingeführt. Vielseitig wissenschaftlich interessiert und gebildet, insbesondere von starkem Interesse und Verständnis für mathematische Wissenschaften erfüllt, hat Banfeth eine große Zahl wissenschaftlicher Arbeiten geschrieben, die ebenso von seiner umfassenden Kenntnis der talmudischen und rabbinischen Literatur wie von seiner scharfsinnigen mathematischen Begabung Zeugnis ablegen. Von seinen Werken seien genannt: ״Samuel Hanagid als Staatsmann und Dichter“ (1881), ״Ursprung der Saddokäer und Boethosäer“ (1882), ״Maimunis Neumondsberechnung“ (1898 bis 1903), ״Maimuni als Chronologe und Astronom“ (1914), ״Soziale Motive in der rabbinischen Rechtspflege“ (1922), ״Bilder taimudischer Ethik“ (1926), ״Der jüdische und bürgerliche Kalender“ (1928). Er edierte ferner 1905 den Mischna-Traktat Aboth mit dem arabischen Kommentar des Mairaonides und gab eine deutsche Uebersetzung des Mischna-Traktates Moed mit Kommentar heraus. Sein tiefes Einfühlungsvermögen in poetische Schöpfungen bewies er durch eine deutsche poetisch-dramatische Uebersetzung des Hohen Liedes der Bibel, seine vollendete Beherrschung der hebräischen Sprache durch die Uebersetzung des Studentenliedes ״Gaudeamus igitur“ ins Hebräische. Als im Jahre 1909 der Versuch gemacht wurde, die Kräfte der hebräischen Renaissance-Bewegung organisatorisch zusammenzufassen, war es selbstverständlich, daß auch Baneth, der mit dem Misrachi eng verbunden war, sich diesem Versuche sogleich zur Verfügung stellte. Er gehörte zu den Einberufem der ersten hebräischen Kulturkonferenz, die 1909 in Berlin stattfand und auf der die ״Histadrut iwrit“ gegründet wurde. Das Bild des Heimgegangenen wäre jedoch nicht vollständig, würde man nur des Gelehrten und Forschers und nicht auch des Menschen Baneth gedenken. Er war sein ganzes Leben hindurch, trotz des hohen Ranges, den er in der Wissenschaft des Judentums einnahm, ein Mensch von seltener Bescheidenheit, der niemals in den Vordergrund zu treten strebte. Er war außerdem ein Mensch von seltener Güte und Duldsamkeit, der bei seiner eigenen bedingungslosen Verbundenheit mit dem gesetzestreuen Judentum die größte Toleranz jeder wahrhaft jüdischen Auffassung bekundete. So konnte er in seiner Lehrtätigkeit und in seinem rause, das stets allen seinen Schülern offen stand, diesen ein väterlicher Freund und Berater werden. Bel der Bestattung des Heimgegangenen, die am 8. August stattfand, wurden die wissenschaftlichen Verdienste Baneths und seine hohen menschlichen Eigenschaften von seinen Kollegen und ehemaligen und jetzigen Schülern an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in eindrucksvollen Nachrufen gewürdigt. Georg Herlitz. Am 12. August findet in Akko die zweite Konferenz der arabischen Studenten Palästinas statt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.