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Jüdische Rundschau · 1930-08-08 · Heft 62 (8.8.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 62 (8.8.1930)
Date
1930-08-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 410 JUED1SCFTE RUNDSCHAU Nr. 02, 8. VIII. 1930 Ludwig Haas Ein Wort der Erinnerung Von Lazarus Barth. F)rr verstorbene Ludwig Haas war während des Krieges zur Zeit Jer deutschen Okkupation Polens Leiter des jüdischen De :er• nal$ beim Generalkommando Öbcr-Osl in Warschau. Ah solcher war er der floraler der deutschen Okkupatiombrhärien in allen jüdisehen Angelegenheiten. Haas ist auf diese Weise mit dem ihm bis d'iliut fremden. Ostjudentum, mit jüdischem Massenlehen, und jüdi- S'hrr kultureller Eigenart in Berührung gekommen. H'cnn auch sein 1 erslündnis für die elementaren Aeußemngen des ostjüdischen Volkstums gering war, so hat er doch nach besten Kräften den Juden zu helfen versucht, schon um ihre Sympathien damit für Deutschland zu gewinnen. Ituas ist auch verantwortlich für das Gesetz über die. Organisierung jüdischer Kullüsgemrimlen in Polen, das später vorn polnischen Staat zunächst übernommen und auch dem. neuen Gemeindegeset; vom Jahre J'J27 zugrundrgrlcgt wurde. Von jüdisch-nationaler Seile wurden gegen dieses Gesetz, das das polnische Judentum alt bloße fleliijionsyemr.insvhuft nach westlichem Muster betrachtet, starke Einwendungen erhoben. Auch sonst, wurde die Tätigkeit des jüdisehen Dezernats Ober-Ost. von national-jüdischer Seite mit Recht vielfach kritisiert. Dock ist an den reinen Intentionen von Dr. Haas, so wie er dir Sache, verstand, nicht zu zweifeln. II',■r freuen uns, nachstehend die persönlichen Erinnerungen von Lazarus Barth, der in jener Zeit mit Haas in Warschau!ummmrnarheiUle, wiedergeben zu können, f;C(£. Erst nach drei Tagen erreicht mich die Machricht, War nicht Ludwig Haas ständig ein Gegner unserer Bewegung? Mit Aktivität geladen, wie er war, sogar manchmal ein aktiver Gegner? Und doch — einem Mann, wie er es war, gebühren einige Worte des Gedenkens in diesen Blättern. Haas war in jüdischer Beziehung der Typus ... ja da war er durchaus Typus, nicht Persönlichkeit, wie er es doch sonst w“r — Typus des frühen K. Gers, als der er sich auch immer fühlte. In enger Freundschaft mit Bundesbriidem seiner Jahrgange verbunden, und sein Judentum saugend aus einem irutzgefühl und aus einer Freude an jüdischer Vitalität. Während seiner Einjährigenzeit im Offiziersunterricht zurückgesetzt, schickte er am Tag nach seiner Entlassung aus dem Dienst seinem Hauptmann eine Pistolen-Forderung. Der Kampf gegen den Antisemitismus als eine durch Raisonnement und Patriotismus zu überwindende Erscheinung war ihm wichtige Aufgabe und machte ihn auch zum eifrigen Mitarbeiter des Central-Ver* eins. Aber der Kampf sollte innerhalb der Landesgrenzen ausgetragen werden. Daß deutsche Juden gegen den russischen Antisemitismus protestiert hatten, mochte hingehen. Daß aber die Judenheit Polens keine Dankbarkeit für den deutschen Befreier mehr zeigten, als sie die Art des deutschen Antisemitismus erkannten, brachte ihn in Aufregung. Deutsches Wesen, auch in dieser Abspiegelung, hätte für polnische Juden außer Kritik bleiben müssen. Und da sind wir bei seiner Tätigkeit in Warschau während des Krieges. Klar, daß der K. C.er auch in Polen die Berechtigung jüdisch-nationaler Politik nicht anerkannte. Gegen diesen Nationalismus hatte er, abgesehen von den allgemeinen, noch zwei theoretische Argumente: Erstens M. Fishmans Dar- Stellung von der chazarischen Herkunft der polnischen und russisehen Juden. (Also sind die polnischen Juden gar nicht jüdischer Herkunft.) Dann das Argument, mit dem die Warschauer Assimiianten bekanntlich allgemein ihre politischen Geschäfte besorgten, das aber auch von dem Vertreter der deutschen Orthedoxie in Warschau gebraucht wurde, daß die polnischen Juden nur Polen sein wollten, die gesamte nationaljüdischc Propaganda dagegen von den polenfeiudlichen Litwaks ausgehe! (Dies Argument saß so fest, daß es sich nicht einmal durch den Hinweis auf Galizien erschüttern ließ.) Trotz der Kampfesstellung gegen jüdischen Nationalismus hatte er, der sich — und andere — so gern erheiterte —- ein großes Vergnügen an jeder Art von ״jüdischen Eigenschaften“, die er entdeckte. Er kam von der Inspektion eines jüdischen Altersheims, wo die Acrmsten gepflegt wurden. Eine Frau, die er dort ansprach, beklagte sich, sie könne das Brot nicht essen. Ein sehr einfacher Vorgang. Aber Haas kam von dieser lnspektion zurück: ״Sehen Sic, das gefällt mir. Das ist jüdisch. Der Frau ist es bestimmt immer schlecht gegangen, und sie hat früher überhaupt kein Brot zu essen gehabt. Aber sie sagt sich: Es geht mir dreckig, das ist mein privates Pech. Aber einen Aanspruch (mit langem A) habe ich darauf, daß es mir erstklassig geht.“ Ein Beispiel für viele seiner Entdeckungen jüdischer Eigenschaften. ln religiösen Dingen war er indifferent. Das Zusammentreffen mit dem religiösen Leben des Ostens hat auf ihn weit weniger Eindruck gemacht als aut viele nichtjüdische Offiziere und Beamte. Und so ist auch seine Protegierung der Agudah- Mission nach Polen keineswegs aus religiösen Motiven zu erklären, sondern hauptsächlich dadurch, daß er als deutscher Beamter, als der er gelten wollte, in den orthodoxen Massen ein bequemeres Element sah als in den national-jüdischen. So suchte er der zionistischen eine orthodoxe Organisation gegenübemistellen, so suchte er die Wirkung der Balfour-Deklaration dadurch zu kompensieren, daß er der Obersten Heeresleitung die Entsendung einer jüdischen Truppe an die palästinensische Front vorschlug, wobei dieselben Erklärungen wie die Englands abgegeben werden sollten. (Eine Antwort hat er auf sein Anerbieten nicht erhalten.) Also in Anschauungen über Antisemitismus, Nationaljudentum, Religion, in seiner Einstellung zum Ostjudentum durchaus Kind seines Milieus, einer Generation, deren Väter das Judentum entjudet hatten und die nun mit Aufopferung für dies entjudete Judentum kämpfte, ängstlich gleichzeitig darüber wachend, daß niemand ihm seine jüdischen Inhalte wiedergebe. Und seine Kämpfe hat Haas mit dem ritterlichen Mut geführt, der ihn charakterisierte. Ats Kriegsfreiwilliger ging er neuminddreiliigjährig, an die Front, wurde Offizier, erhielt das Eiserne erster. Aber dann zum Verwaltungschef für das Generalgouvcrnement Warschau berufen, immer wieder zur Front strebend, wenn eine Nachuntersuchung kam, mußte er die beriiehtigte Judenzählung in der Etappe mit ansehen. (Man zählte in unserer mehrhundertköpfigen Verwaltung bis zwei, die beiden Beamten in dem ״Referat für Judensachen“, das man eben unmöglich mit Nichtjuden besetzen konnte, und beides waren ehemalige Frontsoldaten.) Wie litt er darunter — und doch, wie erregte er sich über die Kommentare der jüdischen Presse Warschaus, die er wohl gelesen hatte, ehe die Zensur sie strich. Und dieser Mann, der seinen Mut mehr als einmal bewiesen hatte, war Pazifist zu einer Zeit, als noch Mut dazu gehörte, ihn zu bekennen. Vergeblich wohl. Wie lange hat man ihn in der Partei niedergehalten, wie lange dauerte es, bis er sich, nach dem Krieg, in der Demokratischen Partei seine Position erkämpfte, und als er sie erkämpft hatte, was war dann die Demokratische Partei? Sein Tod in dieser Zeit hat symbolische Bedeutung. Er fällt zusammen mit dem Tod der Partei, an die er glaubte und in deren Leitung er saß und die nun einen Pakt geschlossen, ihres abschüssigen Weges weiterzugehen, Hand in Hand mit der Gruppe, die den Arierparagrapircn in ihrer Ordensbibel "hat — Sit ei terra levis. Die Warschauer jüdische Presse veröffentlich! ausführliche Würdigungen des verstorbenen Dr. Ludwig Haas und gedenkt dankbar seiner Tätigkeit in Polen. Mahrauns Stellung zur Judenfrage Wir haben in der vorigen Nummer eine Acußerung Mahrauns in einem Briefe vom 1. Mai 1930 an einen seiner Unterführer wiedergegeben. Mahraun hat die Veröffentlichung dieses Schreibens in den Zeitungen zum ״willkommenen“ Anlaß genommen, um im ״Jungdeutsehen“ einen Aufsatz über seine Stellung zum Judentum zu veröffentlichen, ln diesem Aufsatz wiederholt er seine Erklärungen, welche er vor einigen Monaten in dieser Frage abgegeben hat. Er tritt für die Beibehaltung des Arier- Paragraphen, den er als eine der ״Grundlagen“ des Jungdeutschen Ordens bezeichnet, ein, erkennt aber den Juden tn ihrer Eigenschaft als Staatsbürger das Recht auf Betätigung und den Genuß voller Gleichstellung im Staatsleben zu. Er schreibt wörtlich: .,Ebenso wie wir in der Bildung von jüdischen Vereinigungen, bilndi$cl1«r, politischer oder kultureller Natur, keinerlei Angriff auf uns sehen, so verlangen wir auch, daß das Judentum in unseren v8ltischen Grundlagen keinen Angriff auf sich sieht. Unser Kampf gilt «allen denen, di# an den Grundlagen der christlichen und dcutschon Kultur rütteln, einerlei, ob sie Juden sind oder nicht, fn unserem staatsbürgerlichen Dienst an Staat und Volk können wir nur eine einzige Gemeinschaft mit den deutschen Staatsbürgern, welche unseren Ideen vom sorialen und nationalen deutschen Volksstaat vorbehaltlos «!stimmen. Digegen mich gerichteten Angriffe hegriißo ich, weil sich auf diese Weise die Gelegenheit, ergibt, einmal in aller Ocffentlichkeit die Frage zu klären, ob das deutsche Judentum ein Recht hat, deutsche Gemeinschaften, welche sieh nach rassischen Vorbedingungen zusammengefunden haben und die über diese eigene Einstellung hinweg gemeinsam mit allen deutschen Staatshürjftrn ohne jede rassische Vorbedingung positiv in der Politik Zusammenarbeiten wollen, als antisemitisch zu bezeichnen." Wir haben seinerzeit (in Nr. 4ö der ״Jüdischen Rundschau“) zu Mahrauns Ansichten in nachfolgender Weise Stellung genommen: ״Wir sind weit entfernt■ davon, die innere Berechtigung des sogenannten Arierstandpunktes anzuerkennen. Zweifellos ist das Gerede von Ariern und Nichtariern wissenschaftlich in keiner Weise begründet und eine Unterscheidung nach diesem Einteilungsgrund objektiv unrichtig. Andererseits kann man keiner Gemeinschaft, die sich auf Grund irgendeiner Ueberzeugung freiwillig zusammengeschlossen hat, vorsehreiben, wen sie in ihren Verband aufnehmen soll. Der Jungdeutsche Orden ist ein großer Verein, der sich wie jeder private Verein seine Mitglieder nach freiem Ermessen aussucht. Wenn auch die geistige Haltung dieses Vereins abgelehnt werden muß, so gebietet Gerechtigkeitsgefühl, ieder Gemeinschaft, sofern sie sich als private manifestiert, das Recht auf Autonomie zuzuerkennen. Im übrigen ist die Haltung Mahrauns, wenn vielleicht auch unbewußt, von der richtigen Erkenntnis diktiert, daß der Staat auch dort, wo er eine einzige Nation oder fast nur eine einzige Nation umfaßt, doch etwas anderes ist als die Volksgemeinschaff, nämlich eine Organisation, in der alle Elemente Platz haben, auf denen die Pflichten dieser Gemeinschaft als Zwang lasten. Es mag für Juden, die sich als Verdeutsche erachten, peinlich sein, daß sie von der Aufnahme in den Jungdeutschen Orden ausgeschlossen sind, aber zur Liebe können diese Juden einen Verband nicht zwingen, der ausdrücklich zugibt, daß er im Staatsieben ganz andere Kriterien für die Zuerkennung der Rechte gelten lassen will als in seinem Verbände.“ Was Mahraun in seinem Aufsatz im ״Jungdeutschen״ über Faschismus und über ״Antigermanismus“ gewisser jüdischer Kreise sagt, bleibe in diesem Zusammenhänge unkommentiert. Er meint, daß der Antisemitismus ebenso wie der ״Antigermanismus gewisser jüdischer Kreise“ Ausfluß eines Minderwertigkeitsgefühls sei und schließt mitden Worten: ״ich bin fest überzeugt, daß nur auf der Grundlage der Oleichberechtigung eine staatsbürgerliche Bereinigung erfolgen kann und bin der Ansicht, daß angesehene Juden zu dieser Auffassung Stellung nehmen müssen.“ Wir stehen nicht an zu erklären, daß Mahrauns Stellungnahme ernsteste Beachtung verdient und im Kern die praktisch einzig mögliche Grundlage zur Schaffung eines erträglichen Verhältnisses im Staate fiir Juden und Nichtjuden enthält. Vom allgemeinen jüdischen Standpunkte handelt cs sich in Deutschland nicht, wie einzelne iüdische Gruppen zu glauben scheinen, um einen Kampf um die Stellung der Juden im Deutschtum, sondern um die Stellung im Staate. Wir verlangen Gleichberechtigung im Staate und freie Betätigungsmöglichkeit auf jüdischem Gebiete; demgegenüber ist die Frage gemeinsamer gesellschaftlicher Einrichtungen von Juden und Nichtjuden eine Frage zweitenRanges. Sic wird sicli jedoch um so leichter lösen, je aufrichtiger und imzudringlicher das Verhältnis zwischen beiden Teilen gestaltet wird. Das Denkmal von Mainz In der Abendausgabe des ״Berliner Tageblatts“ vom Dienstag, dein 5. August, behandelt Fred Hildebrand unter dem Titel ״Das alte Lied“ die seltsamen Quertreibereien, die sich bei der Enthüllung des Befreiungsdenkmals in Mainz abgespielt haben. Dieses Denkmal ist von dem in Frankfurt lebenden jüdischen Bildhauer E1 k a n geschaffen worden. Hildebrand findet es nun eigentümlich, daß man in Darmstadt zuerst ungehalten war, daß die Regierung den Auftrag einem Nichthessen erteilt hätte. Als sich dann herausstellte, daß Elkan hessischer Staatsbürger Ist, versuchten, wie Hildebrand schreibt, dunkle Kräfte die Enthüllung des Denkmals auf einen Zeitpunkt nach dem Besuche Hindenburgs zu verschieben. Diese Bemühungen scheiterten an dem Widerstand des hessischen Innenministers Leuschner. Das Denkmal ist nUn enthüllt, aber die Angriffe gegen das Standbild und den Bildhauer haben nicht aufgehört. Sie kommen von kirchlicher Seite. Hildebrand schreibt des langen und breiten gegen den ״kunstfeindlichen“ Geist der Kritiker und lobt das werk des Künstlers. Es ist eigentümlich, daß in seinen Aufführungen ein Eiertanz u m den wahren S ach verhalt aufgeführt wird. Es handelte sich nicht darum, daß der Bildhauer angeblich ein ״Nichthesse“ ist, es handelte sich auch nicht um den künstlerischen Wert oder Unwert des Denkmals, sondern einzig und allein darum, daß Eikan ein Jude ist und daß Antisemiten aller Parteien die willkommene Gelegenheit ergriffen, um wieder einmal den Juden eins auszuwischen. Es ist ja sehr Verdienstlich, wenn das Feuilleton des ״Berliner Tageblatts“ reaktionären Bestrebungen entgegentritt, aber die beste Kampfmethode ist und bleibt, wenn man die Dinge beim rechten Namen nennt Der Weltkongreß für das arbeitende Palls t i n a wird am Sonnabend, dem 27. September, in Berlin eröffnet werden. Von den amerikanischen Delegierten zum Berliner Kongreß für das arbeitende Palästina, der am 27. September eröffnet wird, haben sich die Herren Abraham Shiplacoff, Mitbegründer der jüdischen sozialistischen Bewegung in Amerika, A. Hamlin, Generalsekretär des nationalen Arbeiterkomitees der organisierten jüdischen Arbeiterschaft Amerikas, und der General- Sekretär der jüdischen Gewerkschaften in Amerika, Finestonc, an Bord des ״Leviathan“ nach Europa begeben. Das nationale Arbeiterkomitee Amerikas repräsentiert rund 250000 organisierte jüdische Arbeiter. ״GelBhrltehe Jaden“ Graf Montgelas behandelt in der Rubrik ״Zwischenrufe“ der ״Vossischen Zeitung“ die wackere Rettertat der palästlnensischen Motorradfahrer beim Autobus- Unglück an der Ilm. Er schreibt darüber: Vor etwa einer Woche fuhr von Ilmenau ein vollbesetzter Ausflug-Autobus ab und stürzte kurz vor Apolda durch ein Brückengeländer hindurch in die Ilm. Das Unglück forderte zwei Menschenleben und 28 leichter Verletzte, während fünf Schwerverletzte noch heute im Krankenhaus in Apolda liegen. Das Unglück hätte sicher noch mehr Menschenleben gefordert, wenn nicht vier Männer auf zwei Motorrädern gerade in dem Augenblick vorbeigekommen und kurz entschlossen die Böschung hinuntergeklettert wären, zunächst einmal die Scheiben eingedrückt hätten und die in wilder Todesangst in ihrem Wasserkäfig durcheinanderdrängenden Menschen aus dem Inneren des Omnibusses gezogen hätten. Das Beispiel der Fremden wirkte auf einige der, entsetzt-neugierig, auf der Brücke schnell angesammelten Einheimischen, die sich dann auch an den Rettungsarbeiten beteiligten. * Warum ich noch einmal auf dieses Unglück zurüclckomme, über das seinerzeit bereits berichtet wurde? Weil die vier Retter Bürger des englischen Mandatsstaats Palästina waren, Mitglieder des jü<fischen Sportklubs ״Makkabi“, auf einer Sportfahrt jerusalem—Antwerpen—Jerusalem unterwegs. Daß sie diese Fahrt durch das Land Frick führte, war eine Fügung, durch die mindestens die 33 verwundeten Thüringer vor dem Tod durch Ertrinken bewahrt wurden. Denn die Rettungs- und Sanitätsmannschaften aus Apolda waren erst 40 Minuten nach dem Unglück zur Stelle, 20 Minuten nachdem alle Insassen geborgen waren. Der öffentliche Dank des thüringischen Innenministers an EphraimTennenbaum aus Tel-Awiwund seine drei Freunde steht noch aus. Dafür schreibt der Berliner ״Nationale Sozialist“ am Ende von sieben Zeilen trockener Daten über den verstorbenen Reichstagsabgeordneten Ludwig Haas: ״Haas war einer der gefährlichsten Juden“ Schreibt es mit vollem Recht! Ein Mann von solcher Lauterkeit des Charakters, solcher Selbstverständlichkeit echter Heraendemokratie, solcher hohen politischen Ethik und solcher Geradheit des politischen Wolfens wie Ludwig Haas es war, ist natürlich gefährlich für eine Demagogenpartei, die nur von der antisemitischen Lüge und Hetze lebt. Und deshalb bin Ich überzeugt, daß von diesem Gesichtspunkt aus man im Innenministerium in Weimar auch die vier Retter von der Ilmbrücke für ganz besonders gefährliche Juden hält. Presseschaa ״Times“ über die Siedlungsfrage Palästinas In der ״Times“ vom 6. August veröffentlicht ein aus Palästina zurückgekehrter, nicht genannter Engländer, der aber offenbar ein kolonisatorischer bzw. landwirtschaftlicher Fachmann ist, einen längeren Aufsatz über die Siedhmgsfrage in Palästina. Jedem Europäer, so führt er aus, werde bei seiner Rückkehr aus Palästina die Frage gestellt, ob er pro-arabisch oder pro-jüdisch sei. Diese Frage sei aber ganz falsch formuliert. Es ist nicht richtig, daß es in Palästina eine strenge Scheidelinie zwischen den zwei Gemeinschaften gibt und daß dies die einzige Frage von Bedeutung sei. Im Lande selbst sieht man, daß es sich um etwas ganz anderes handelt, nämlich um den Zus ammenstoß zweier Zivilisationen und zweier Lebens- Standards, eines asiatischen und eines europäischen. Aber ebenso wie zahlreiche Juden zur asiatischen Gruppe gehören, so gäbe es auch eine Reihe von Moslems mit europäischen Wirtschaften. Der Verfasser beschreibt sodann eingehend den Unterschied zwischen den beiden Typen und stellt fest, daß seit dem Kriege die Verbreitung des europäischen Typus fast gänzlich aufs Konto der jüdischen Organisationen oder einzelner zionistisch gesinnter Juden zu setzen ist. Das wahre Problem, das vor der R e - gierung stehe, ist, ob sie die allmähliche Europaisierung des Mandatslandes ermutigen oder entmutigen soll. Im weiteren Verlauf weist der Verfasser darauf hin, welche bedeutenden Möglichkeiten die Früchtekultur, besonders der Orangenbau, in Palästina findet. Die Vorbereitung des Bodens freilich erfordert die Ausgabe von Geld a fonds perdu, was übrigens bei allen systematischen Kolomsationen der Fall ist, auch bei der englischen Innen-Kolonisation von 1919. Jede Regierung muß in solchen Fallen Geld zur Verbesserung des Bodens verwenden und diese Ausgaben abschreiben. Das ungewöhnliche an der Siedlungsarbeit in Palästina besteht darin, daß diese Vorbereitungs-Investitionen nicht von der Regierung gemacht werden, deren Haltung sogar die einer verdächtigen Neutralität ist. Es besteht nicht der geringste Grund, warum nicht der ganze geeignete Boden zur Kultur von Citrusfrüchten verwendet werden sollte, solange europäische und amerikanische Juden Geld in Palästina zu versenken bereit sind ohne strikte Verzinsung. Auf diese Weise könnten noch 10 000 Familien angesiedelt werden. Der Verfasser erörtert dann die Möglichkeiten anderer Kulturen sowie die Gewinnung neuen Bodens durch die Trockenlegung der Sümpfe in der Kabarah und m Hule, wodurch noch 100000 Acre rachen Bodens für dichte europäische Besiedlung verfügbar würden. Es ist klar, daß die Gesamtfläche des für europäische Kolonisation in Palästina verfügbaren Bodens feststellbar und begrenzt ist. Zweifelhaft aber ist die Haltung der Regierung, die of f e n b ar nach anderen Gesichtspunkten als denen der Prosperität entschieden wird. Als englischer Landwirt, so schließt der Verfasser, muß man, nachdem man einige der neuen Kolonien in Palästina gesehen hat, bedauern, daß nicht Teile von England so ״heiliges Land“ sind, daß Leute vom Ausland Geld in derselben großzügigen und wirkungsvollen Weise dafür ausgeben, wie es in Palästina geschehen ist. Vor kurzem veröffentlichte der ״Berliner Börsen- Courier“ eine sehr Instruktive Zuschrift Dr. Gerhard Holdheims über die Zukunft Palästinas auf Grand der letzten politischen Vorkommnisse, der Verhandlungen vor der Mandatstommission, der Erklärungen englischer Staatsmänner und der vorliegenden jüngsten Berichte über die bisherigen Leistungen des jüdischen Aufbauwerkes Im Lande. In der Zuschrift wird ausführlich auf den Nutzen hingewiesen, den das ganze Land, also auch die Araber, aus der Tätigkeit der jüdischen Kolonisatoren ziehen. Herr A. S. van der Bergh, Mitglied des Kuratoriums des Keren Hajessod in Holland, Vorsitzender des holländischen Palästina-Hilfskomitees, wurde von den vereinigten jüdischen Syuagogen-Gcnieinden als holländisches Mitglied in die Je-, wis'h Agency gewählt (Zika)

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