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Jüdische Rundschau · 1930-08-08 · Heft 62 (8.8.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 62 (8.8.1930)
Date
1930-08-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 62. 8. VIII. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 409 Der jüdische Judenhaß oder: Von der Pflidift zum Tode Zu: Constantin Brunner, ״Von den Pflichten der Juden und von den Pflichten des Staates“ (Gustav Kiepenheuer Verlag) Von Gustav Krojanker. Constantin Brunner nennt Jesajah, indem er ihm wohlwollend auf die Schulter klopft, seinen poetischen Vetter (S. 41); und es ist immerhin beachtlich, wenn jemand aus der Familie Jesajah die geistige Grundlegung eines Systems unternimmt, das den Zionismus nicht mehr nur bekämpft, das ihn förmlich verschlingt, um ihn dann als jämmerliches Abfall- Produkt der Schande preiszugeben. Nun weichen zwar die Resultate des Vetters durchaus nicht von denen Max Naumanns ab, der offenbar auch zur prophetischen Verwandtschaft gehört, jedenfalls aber kommen sie bei Brunner im Gegensatz zu den mehr schlichten Bemühungen jenes vorwiegend gradlinigen Mannes doch aus dem fundierten System einer in sich geschlossenen Gedankenwelt. Und überdies gab ihm ein Gott, zu sagen, was er leidet (insbesondere, was er unter dem Zionismus leidet). Wobei allerdings noch nicht ganz ausgemacht ist, was für ein Gott das ist, der die Sprache des Mannes so seltsam mischte, daß sich zu der etwas zu prätentiösen Hoheit des Denkers, zu der etwas zu pathetischen Leidenschaft des prophetischen Anklägers andauernd ein feuilletonistischer Witzbold von einer häufig recht billigen Schnöddrigkeit gesellt. Vielleicht ist es der alte Judengott, jener traurige Landesgott, den Brunner, der sich Exjudäus nennt, so verspottet, und der sich halt nicht verspotten läßt und ihm deshalb einen kleinen Bruch in die Form gab. Aber damit sind wir schon bei einem zionistischen Gedankengang, den wir hier nicht weiter verfolgen wollen, zumal er für Brunner doch nur wieder ein neuerliches Produkt aus der zionistischen Hetzzentrale wäre. Wir wollen uns hier, obwohl das eigentlich «ine unzulässige Vereinfachung ist, weil ja Inhalt und Form zusammengehören, an dem Inhalt seiner Rede halten, gegflji die noch genug einzuwenden bleibt. Gar nichts einzuwenden allerdings ist von unserem Standpunkt gegen den Weg, den Brunner für sich und seine Anbänger zu gehen wünscht. Es gibt zweifellos Menschen jüdischer Abstammung, die mit allem *Jüdischen ihrem subjektivem Bewußtsein nach auch nicht das geringste mehr zu tun haben, und denen wir nur viel Glück bei ihrem Bestreben wünschen können, der inneren Aufgabe auch das äußere Aufgehen folgen zu lassen. Wir sind hier sehr tolerant, weil desinteressiert. Und es wäre gar nichts mehr zwischen uns auszumachen, wenn diese anderen uns gegenüber ebenso tolerant wären, was sie nicht sind, weil sie sich für interessiert halten. Wie kommt das? Sie sehen und spüren den Judenhaß, gucken erstaunt um sich und fragen, woher er eigentlich kommt. Von ihnen kann er doch nicht kommen, sie sind doch gar keine Juden mehr, und, falls doch noch, sehr ehrenwerte. Es müssen also die anderen sein, unter denen sie leiden: die Ostjuden und die Zionisten, nient gedacht sali ihrer werden. (Wie sagt unser Philosaph? Er sagt: ״Wie die Rose überfüllt ist mit Schönheiten, die ihren süßen Duft geben, so ist der Zionismus voll von Dummheit und pestilenzialischer Wirkung.“ S. 184.) Und sie haben ganz recht: wenn sie allein auf der Welt wären, wäre die Sache um vieles einfacher. Aber sie sind es nicht. Da gibt ,'es unglückseligerweise immer noch solche soziologisch oder geistig zurückgebliebene Kerle, die ihrem Fortschritt hemmend im Weg sind; vor allem also die Zionisten, bei denen zu einer Naturtatsache auch noch die Bosheit bewußter Willensbildung kommt Und so entsteht bei ihnen ein Nationalärger, das Gegenstück zur Nationalfreude, ein Stachel und eine Fessel, gegen die sie ohnmächtig aufbegehren. Es macht dabei praktisch keinen großen Unterschied, ob man auf diesem Wege, wie Weininger, Trebitsch u. a. zu einer Verdammung des Judentums im ganzen kommt «!der ob man sich wie Brunner auf Zionisten und Nochnichtzionisten beschränkt, während man den übrigen wohlwollend rät, schleunigst und restlos zu verschwänden. Die Juden sind ihnen möglicherweise ein noch größeres Aergernis als die Judenhasser, da sie ja deren Voraussetzung bilden. , Und wie es Nationalvereine gibt, so bilden sie solche zur offiziellen Kundgebung ihres Nationalärgers. Da ist die Gruppe nationaldeutscher Juden, die doch eigentlich schon genügt, und nun will Brunner, daneben oder darüber, noch eine ״vaterländische Gesellschaft der Deutschen jüdischer Abstammung“ setzen (S. 176), was völlig sinnlos wäre, wenn in ihr, wie Brunner angibt, das deutsche Natianalbewußtsein durch Aufgabe jedes jüdischen Separatismus gepflegt werden sollte, weil das doch der Gründung eines Vereins zum Zwecke seiner Liquidation gleichkame, was aber seinen guten Sinn bekommt, wenn darin der jüdische Nationalärger gehegt und gepflegt werden soll, wie es auch tatsächlich der uneingestandene Hauptzweck ist. Und nur wegen dieses Nationalärgers, der sich gegen uns mit verleumderischen Denunziationen wendet, müssen wir uns mit Brunner und seinen Anhängern befassen. Sie halten es für klug, die große Nationalpetze zu spielen; deshalb stehen sie mit gerecktem Zeigefinger da und weisen auf uns als die Verräter, die ein Staat sich normalerweise nicht gefallen lassen dürfe. Wie sehr das alles nichts als verhetzende Unterstellungen sind, das wird bei keinem so klar wie gerade bei Brunner, der doch zu denken versteht und der deshalb auch das Wesen des Antisemitismus vollständig richtig sieht, dann aber daraus Schlußfolgerungen zieht, die nur sein Judengroll ihm eingeben kann. Da heißt es: ״Der Menschenhaß hält sich seine Gehaßten“ (S. 137). Und: ״. . . Judenhaß ist Menschenhaß, der Judenhaß ein Spezialfall des Menschenhasses ... Sie haben keinen anderen Grund zum Haß als nur, weil sie Hasser sind“ (S. 252). Oder: ״Der Judenhaß steht außerhalb der Verschiedenheit, welche die Juden gegenüber den Nichtjuden aufweisen, daher sein Grund anderswo als in den Juden zu suchen“ (S. 258). Aber das ist ganz unsere These, denn es besagt mit anderen Worten nichts anderes als das, was wir ״Randspannung“ und ״Differenzaffekt“ nennen oder was Freud als die menschliche Aggressionsneigung bezeichnet hat, und was allemal besagt, daß wir sein können, wie wir wollen, Engel oder Teufel, es ist gleichgültig, weil der Grund des Hasses ״anderswo als in den Juden zu suchen“ ist. Wenn aber Brunner nach solcher Erkenntnis Ihn doch immer wieder in den Zionisten sucht, wenn er immer wieder uns als Förderer oder gar Erzeuger des Judenhasses denunziert, so verwechselt er hier ganz offensichtlich den nichtjüdischen mit dem jüdischeu Judenhaß, welch letzterer allerdings durch den Zionisintis in unvorstellbarem Grade erregt wird. Der nichtjüdische hingegen bedarf zu seiner Existenz nur einer einzigen Voraus• Setzung: die Lüge und Verleumdung muß nämlich ״aufsitzen auf etwas, was ihr den Anschein von Wahrheit gibt; sonst kann sie auf die Dauer sich nicht halten“ (S. 167). Dies Etwas aber ist nichts anderes als die Existenz von Juden, wobei es nach Brunners eigener Definition wieder keinen Unterschied macht, welcher Inhalt mit dem jüdischen Namen gedeckt wird. Und so geht sein ganzer Aerger gegen diese Existenz; es ist ein Aerger schon über die Geschichte. Was er über den ganzen Zeitablauf vom Aufhören des jüdischen Staates bis zur Emanzipation zu sagen hat, ist so unhistorisch wie möglich. An keiner Stelle werden die objektiven Voraussetzungen geprüft, durch die sich das jüdische Schicksal so und nicht anders gestaltete, sondern es wird einfach eine erbmäßig überkommene Trotzhaltung angenommen, eine ״Rechthaberei des Aberglaubens“ (S. 170), durch die dann das Schicksal zweier Jahrtausende als nichts erscheint ״als die Strafe der Natur für die Schuld, welche die Juden . . . durch ihr hartnäckiges Anderssein auf sich geladen haben“ (S. 227). Aber diese Natur ist ein Brunnerscher Begriff, und ein willkürlicher dazu. Woher nimmt jemand den Maßstab, um die geschichtlichen Vorgänge zweier Jahrtausende — nämlich ein natürliches Anderssein, die Wirkung dieser Tafsache auf die Außenwelt und ihre Rückwirkung mit dem Resultat einer nunmehr auch freiwilligen Absonderung als widernatürlich abzuurteilen? Mit solchem Maßstab gemessen dürfte das historisch Gewordene, auf dem wir heute in allen Bezirken stehen, mehr Widernatürliches als Natürliches bergen. Deshalb kann man das historisch Gewordene %ohl ändern wollen, falls es für uns seinen Sinn verloren hat, aber den Sinn, den es durch seine Existenz hatte, nun auch rückblickend zu entwerten, ist unhistorisch, ist reine Tendenz, die um so störender wirkt, wenn sie mit großem philosophischem Gepränge auftritt. Tatsächlich ist auch die ganze historische Betrachtung für Bruitner nur dazu da, um von ihr auf die Gegenwart exemplifizieren zu können. Denn wenn das jüdische Anderssein schon in grauen Vorzeiten Unglück war, Widernatur und tragische Schuld, die ihre Strafe fand — um wieviel mehr muß das für heute gelten, wo doch die Tore offen stehen und die Juden ihrer Strafe schon dadurch verfallen sind, daß sie immer noch existieren, ja zu einem erheblichen Teil diese Existenz sogar wollen. Aber das ist eben nichts als Widernatur und Tod, während Gemeinschaftsschwund und Selbstaufgabe das blühende Leben selber bedeuten. Wobei hinter allen diesen Definitionen des Lebens edelster Zweck steht, nämlich die Aufhebung des Judenhasses, der dann in der Tat nichts mehr hätte, darauf aufsitzen zu können. Uns erscheint diese Terminologie willkürlich ja, als philosophischer Terror. Denn Terror ist doch die gewaltsame Vernichtung von Leben, zu der man sich das Recht aus selbstgesetzten Prinzipien holt, die je nachdem entweder aus der Entwicklung oder aus dem allein richtigen Denken oder von einem anderen lieben Gott abgeleitet werden. Nur daß der Entwicklungsterrorist wenigstens weiß, daß er zu seinem Recht auch die Macht gebraucht, um recht zu behalten, während der Philosoph bei seinem Vemichtungsstreben sich nur an die terminologische Konfusion halten kann. Wie wenig damit auszurichten ist, wird klar, wenn Brunner seine Gedanken auf das Gebiet der praktischen Politik überträgt. Wenn die zionistische Politik nach ihm die des dummen jüdischen Kerls ist, so ist sejne offenbar die des klugen jüdischen Kerls, was zunächst auch nur eine terminologische Umdrehung ist. Denn die Existenz der jüdischen Gesamtheit und ihr Lebenswille läßt sich doch nicht einfach philosophisch wegdisputieren. Allen denjenigen, die Brunner zustimmen, braucht gar nichts mehr wegdisputiert zu werden; leider kommt es auf diese nicht an, überhaupt auf die paar deutsehen Juden nicht, sondern auf die Weltjudenheit, die auch dann noch da ist, wenn alle deutschen Juden geeint, unter Brunners Präsidium in seiner ״vaterländischen Gesellschaft“ sitzen und sich ärgern. Und sie werden sich ärgern müssen, so lange es noch irgendwo in der Welt einen Juden gibt, denn so lange ist auch für sie die Judenfrage nicht abgetan. Selbst dann, wenn es in allen Ländern der Welt nichts als vaterländische Gesellschaften mit dem Zwecke der Liquidation geben sollte, würde der Judenhaß immer noch diesem Zweck aufsitzen und die Liquidation verhindern. Sie müßten schon, ganz ohne Gesellschaft, Mann für Mann, spurlos verschwinden, was Brunner letzten Endes auch will, aber er verrät uns nicht, wie man sechszehn Millionen verschwinden läßt, die es noch dazu gar nicht wollen. Neben solcher Politik, die der Einzelne immer befolgen kann, die aber für die Gesamtheit und damit als Politik aussichtslos ist, wirkt der Zionismus wie die Nüchternheit in Person. Aber auch sonst dürfte diese Lösung nicht so schrecklich klug sein. Ein paar amerikanische Finanzleute haben auf die Judenpolitik etwa der rumänischen Regierung den Einfluß, den eine vaterländische Gesellschaft von Rumänen jüdischer Abstammung, und sei sie umfassend, nur immer gern würde haben wollen. Mit anderen Worten: die Erfindung der Antisemiten, daß die Weltjudenheit eine Macht darstellt, könnte auch eine Entdeckung sein, wenn die Juden selbst sie begriffen haben. Brunners Politik kann die Judenheit nicht verschwinden machen und deshalb auch den Judenhaß nicht aufheben; sie kann die Juden nur noch mehr schwächen und noch wehrloser machen als sie jetzt schon sind. Hingegen kann eine durch den Bück auf Palästina geeinte Weltjudenheit, zu der allerdings jetzt erst schwache Ansätze vorhanden sind, zwar auch den Judenhaß nicht aufheben, aber seinen rohesten Formen entscheidend begegnen und überhaupt seine fühlbaren Wirkungen abschwächen, weil Menschenhaß, wenn auch immer vorhanden, sich doch nur da entlädt, wo er im hemmungslosen Gefühl der Macht sich entladen kann. Und diese Politik des dummen jüdischen Kerls hat immerhin den Vorzug, mehr reale Tatsachen für sich zu haben als die Wunsch- Phantasien des Ueberklugen. Bei solchen Darlegungen spürt man förmlich, wie einer ganzen verängstigten Judenheit die Haare grau werden vor lauter Sorge um ihre Emanzipation. Und Brunner jagt sie ordentlieh mit diesem Kinderschreck. Er zitiert seitenlang Klatzkin und wird gewiß nicht glauben wollen, daß Klatzkin für ״die“ zionistische Ideologie nicht repräsentativer ist als er selbst für ״die“ nichtzionistische. Schließlich könnte man doch mit Zitaten aus Brunner Nichtzionisten, die auch nur eine Spur jüdischen Empfindens haben, scharenweise in den Zionismus treiben, wenn man ihnen nur glaubhaft machen könnte, daß sie sich für Brunner oder den Zionismus entscheiden müßten. Der Zionismus ist aus der Emanzipation hervorgewachsen, und er ist so entfernt, sie zurückrevidieren zu wollen, daß er sie vielmehr für das Kollektiv fordert, nachdem sie den Einzelnen gewährt ist. Es gibt da eine Theorie, die besagt, daß man da» Juden die Emanzipation unter der Vor״ ausselzung ihrer Gemeinschaftsaufgabe gewährt habe und daß es nun an ihnen sei, den Vertrag zu erfüllen. Das ist nicht nur Brunners Theorie, und es ist eine Theorie für die Kinderstube. Die Engländer z. B. haben den Völkern des Orients die sogenannten Segnungen Europas unter der Voraussetzung gebracht, daß sie sieh immer von ihnen ausbeuten lassen; aber die Völker, die England bestimmt auch in vielem Dank schulden, wollen jetzt den Vertrag nicht erfüllen. Die moralische Betrachtungsweise gegenüber historischen Ent- Wicklungen dieser Art ist lächerlich; sie ist cs auch in unserem Falle. Die Juden sind nun einmal nicht restlos autgegangen, und zwar nicht aus Bosheit, sondern sehr gegen ihren bewußten Willen, trotz einem Jahrhundert krampfhafter Bemühtmgen um Entjudung (während Brunner tut, als sei in der ganzen Zeit so gut wie nichts in dieser Richtung gcschehen). Und jetzt sind sie noch und wollen weiter sein, eine Tatsache, der sich nicht gut mit einem fingierten Vertragsparagrapheri aus dem Jahre ISO;) begegnen läßt; auch nicht mit der Drohung von einer Zurücknahme der Emanzipation. Auch die ist inzwischen eine historische, nicht mehr revidierbare Tatsache geworden und steht jenseits alles guten oder bösen Willens. Was aber unser inneres Verhältnis zum Staat anbetrifft, so spuken hier hei unseren jüdischen Gegnern noch immer jene Vorstellungen eines geschlossenen Nationalstaates herum, in dem alle Lebenskreise - Glaube, Abstammung, Sprache — sich restlos decken müssen, sofern nicht der Staatsangehörige, der auch nur in einem Punkte nhwcicht, ein elender Paria sein will. Aber gerade in dem Maße, in dem die Nationalstaäts-Tendcnz sich verwirklichte, hat man auch den Abweichungen im Staat immer mehr Rechnung tragen müssen. Das gilt nicht nur für das Minderheitenrecht, das für uns in Deutschland nicht in Frage kommt, es gilt auch für die Tendenz, die diesem Recht zugrunde Hegt, und die nichts anderes besagt, als daß eben nicht alle Lebenskreise sich zu decken brauchen, um dem Staatsbürger neben dem äußeren Recht auch das innere des Zugehörigkeitsgefühls zu!׳eben. Zu dieser größeren Toleranz mußte man bei zunehmender Verwirklichung des intoleranten Nationalitätengedankens des 19. Jahrhunderts kommen, weil cs eben überall solche sich übersehneidenden Lebenskreise, sei es der Nation, der Konfession oder des Standes gibt, von denen man einsah, daß sie mit Feuer und Schwert nicht mehr auszurotten seien. Und tatsächlich würde das Deutschland von heute, wenn es jetzt erst die Emanzipation zu vollziehen hätte, auch nicht mehr die Forderung stellen, die es schon damals weniger gestellt als dem Geist der Zeit entsprechend als selbstverstündlich vorausgesetzt hat. Diese Voraussetzung hat sich heute, nach den allgemeinen Erfahrungen eines Jahrhunderts, von selbst aufgehoben, und tatsächlich gibt es von nichtjüdischer, auch antisemitischer Seite keine Aeußenmg, die mit den Denunziationen der jüdischen Judenhasser in Einklang zu bringen wäre. Es gibt im Gegenteil in allen europäischen Ländern die ausdrückliche Zustimmung der von ihren Regierungen repräsentierten Staaten zur zionistischen Bewegung. Niemand hat dabei an alte, ungeschriebene Paragraphen erinnert, vielmehr lag stillschweigend die Erkenntnis zugrunde, daß es nun einmal Gruppen gibt, in denen ein Lebensbezirk über den Bereich des Staates hinausragt, und daß da* mit nichts gegen ihre staatsbürgerliche Zuverlässigkeit gesagt ist. Deshalb gehen wir ruhigen Gewissens unseren Weg, der nun einmal der Weg unseres Lebensgefühls ist. Und in diesem Lebensgefühl liegt auch die letzte und tiefste Begründung unseres Erhaltungswillens. Brunner weist sehr eingehend nach, daß au unserer Erhaltung von keinem Gesichtspunkt aus etwas gelegen ist. Wir brauchen darüber nicht zu disputieren. Denn der Sinn, den ein Einzelner oder eine Gemeinschaft ihrer Existenz zu geben pflegen, ist doch nur eine Lebensdeutung, die immer leicht durch eine entgegengesetzte Deutung zum Unsinn gemacht werden kann. Wir setzen auf den lebendigen jüdischen Menschen als auf den Träger neuer Möglichkeiten, und man wird sich dabei natürlich nicht mit jemand verständigen können, für den dieser Mensch nicht lebendig ist oder doch wenigstens nicht sein sollte. Unsertwegen mag er uns ruhig mit dem dünkelhaften Hochmut selbstgesetzter Begriffe zu den Toten werfen, wir werden schon anders als durch Begriffe erweisen müssen, daß wir noch am Leben sind. Aber ablassen sollte er von diesen haltlosen Unterstellungen, die die jüdische Atmosphäre aufs Unerträglichste vergiften. Und wozu dienen sie eigentlich? Ein paar verängstigten Jüdlein noch mehr Angst zu machen. Und das ist schließlich das ganze Resultat von beinahe dreihundert Seiten Philosophie. Aussprache zwischen Juden und Antisemiten Der Internationale Studentendfenst arrangiert eine studentische Verständigungskonferenz. Oxford, 5. August. (J. T. A.j Die soeben in Oxford abgehaltene neunte Jahreskonferenz des Internationalen Studentendienstes hat den Beschluß gefaßt, eine Konferenz von Vertretern jüdischer und nichtjüdischcr Universitätshörer zur Herbeiführung eines besseren gegenseifigen Verständnisses für Januar 1031 nach Locarno ein/.uberufen. Professor Zimmern, Genf, wird die Konferenz leiten.und sowohl Vertretern der jüdischen wie der a n t i - semitischen Studentenschaft Gelegenheit geben, ihre Standpunkte in Ansprachen darzulegen. Auch werden sich jüdische und nichtjüdische Experten über die jüdische Frage äußern. Die Oxforder Konferenz des Internationalen Studentenkongresses hat von ihren sieben Verhandlungstagen einen ganzen Tag der Diskussion über die jüdische Frage gewidmet. Der Sekretär des Internationalen Studentendienstes James Parker unterstrich die Bedeutung einer Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden auf dem Boden der Universitäten. Die jüdischen Delegierten aut der Konferenz waren Alexander Teich vom Weltverband jüdischer Studenten, I. Handlman aus Paris, Jules Stone aus London, und Dr. Bron Levi. Die nächste Konferenz des Internationalen Stuuentendicnstes wird im September 1931 in Amerika stattfinden. Auch diese Konferenz wird sich mit der Frage des Antisemitismus zu befassen haben. Dem New Yorker Vorbereitungskomitee werden zwei jüdische Vertreter angehören, die amerikanische zionistische Studentenorganisation ״Avukah“ wird auf der Konferenz vertreten sein. Ein in Oxford gemachter Vorschlag, daß zur künftigen Konferenz ein a r a b i s c h c 1־ Vertreter eingeladen werden solle, wurde abgelehnt, da man das Gefühl hatte, daß die Palästina-F rage mit europäischen Problemen nicht verquickt werden solle. Gleichzeitig hielt es die Konferenz für erwünscht, in einem späteren Stadium für die Förderung einer Verständigung zwischen Juden und A l abe rn in Palästina zu wirken.

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