Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 61 (5.8.1930)
- Date
- 1930-08-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 61, 5. Vm 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sdte 401 Die Zionistenverfolgung in Rußland Briefe aus der Verbannung. Die Auslandsgruppe der Zeire Zion veröffentlicht in hebräisehen Bulletins ״Beschaah Su״-Briefe von Ihren gefangenen Chawerim in Rußland. Nachstehend geben wir die Uebersetzung einiger solcher Briefe wieder, die zeigen, wie diese Menschen leben und welche Leiden sie um ihrer zionistisehen Oesinnung willen auf sich nehmen. I. Hunger. Die Zionisten in der Verbannung haben unter unerträglicher Not zu leiden. Unzureichende Ernährung ist dort eine übliche Erscheinung, die sogar letztens in wahren Hunger ausgeartet ist. Die Lebensmittel werden nach bestimmten Kategorien der Bevölkerung verteilt und da die Zionisten zu den politischen Verbrechern zählen, erhalten unsere Genossen in Angara, Kansk, Narym, Kara-Kolpalc Usbekistan u. a. seit Monaten weder Zucker noch Fett und Fleisch. An manchen Orten ist den Kooperativen sogar verboten, den Verbannten selbst zu ganz hohen Preisen irgendwelche Nahrungsmittel zu verkaufen. Die Bauern dürfen ihnen weder Brot noch Wohnung abgeben. Die Zionisten haben auch keinerlei Möglichkeit, irgendwelche Arbeit zu bekommen, so daß sie dem Verhungern preisgegeben sind, in einem derartigen Zustande befinden sich Hunderte von Oenossen, darunter solche, die während dreier Jahre in Politisolatoren alle inquisitorischen Leiden durdhgemacht haben, von Oefängnis zu Gefängnis wanderten und nun als Verbannte ihre ״Freiheit“ genießen. (Bekanntlich sind sie zu 3 Jahren Verbannung verurteilt.) Die grauenvollen Umstände, unter denen die Verbannten leben, sind unbeschreiblich, sie werden von schweren Krankheiten heimgesucht. Die Genossen rufen um Hilfe. Ihre einzige Hoffnung Ist die Auswanderung nach Palästina. Wie lange noch werden die Verbannten dieses Schicksal ertragen können? Wird nicht endlich den verbannten Zionisten in Rußland beschleunigte Hilfe zuteil werden? Ke Zionistische Weltorganisation hat darauf, eine Antwort zu geben! II. InNarym-Sibirien. Ke Verbannungszeit des Genossen N. ist bereits abgelaufen, aber er wartete einen Monat vergeblich auf eine Ausreiseerlaubnis seitens der G. P. U. Nun ist er zu Fuß nach Tomsk gegangen, da sämtliche Fuhrwerke von der Regierung für die Brotversorgung beschlagnahmt wurden und man auch für 100 Rubel keinen Wagen bekommen konnte. Dabei herrscht jetzt eine Kälte von 52 Grad. Ob der Genosse N. Tomsk erreicht hat, äst uns unbekannt In Narym sind große Aenderungen vorgenommen worden. In den Kooperativen werden unseren Genossen nur Petroleum, Streichhölzer und 12 Kilo schwarzes Brot po Monat verkauft Vor einem Monat winde der Fleischverkauf verboten und säratfiche Speiselokale geschlossen. Ke Kooperativen geben keine Ware für Geld ab und verlangen Rohmaterial. Woher sollen aber die Verbannten dieses nehmen, nachdem sie zu keiner Arbeit auf dem Lande zugelassen werden! Und noch mehr: am 14. Februar hörte man sogar auf, die 12 Kilo schwarzes Brot zu verkaufen. Was wir jetzt anfangen werden weiß keiner. III. In Angara-Sibirien. Ke durch die vqrgenommenen Aenderungen in der ganzen ökonomischen Struktur des Staates in unserem Dasein hervorgerufenen Erscheinungen versetzen uns in die Jahre 1910/21, in die Zeit des Staatskommunismus. Die Kooperation teilte die Einwohner In drei Kategorien: 1. Bauern des Kollektivs, 2. die übrigen Einwohner, die 60 Rubel Zwangssteuer zu zahlen haben, 3. die Verbannten. Ke Produkte, die nicht ausreichend, vor* handen sind, bekommt nur die erste Kategorie. Um 50 g Zucker zu bekommen, muß auch der Verbannte 60 Rubel Zwangssteuer zahlen. Wir haben uns bereits gewöhnt, ohne Zucker und Fett zu leben, selbst Brot essen wir in minimalen Rationen. Tabak wird auch nur an Kooperativmitglieder verkauft. Es ist kein Wunder, daß unsere Gesundheit darunter leidet. Wir befinden uns in einem Hungerzustande. Wir haben gar kein Geld. Wie werden wir das noch so viele Jahre ertragen? Nur die inneren seelischen Kräfte und der Glaube an unsere Idee machen dies möglich. . . . Diesen Brief habe ich angefangen in einem Dorfe zu schreiben und beende ihn jetzt in einem andern, da wir übersiedeln mußten. Wir waren zwei Wochen in der wilden Taiga unterwegs. Ke Lebensbedingungen sind hier noch grausamer, das Klima kälter und nördlicher. Keine Aussicht auf Arbeit. Brot, Tee und Kohl — das ist unsere Nahrung dreimal am Tage. Wundere dich nicht, daß wir fortwährend vom Essen sprechen, auch uns ist dieses ״Problem" zuwider. IV. In Karkill (Gouv. Semipalatinsk). Bis zum Jahre 1928 war das Verhältnis zwischen der G.P.U. und den politischen Verbannten einigermaßen ״normal“. In der letzten Zeit haben sie aber viel auszustehen durch die Schuld des neuen Leiters der G.P.U., Kasansky, der der Bestechung in einer der Zentralstädte Rußlands beschuldigt wurde und hier einen neuen verantwortlichen Posten bekleidet. Er verschickte die Verbannten sofort in weit entfernte Gegenden, die ungefähr 300 km von Karkili liegen. Nicht genug daran, verbannte er fünf Zionisten in eine sibirische Wüste, wo keine Menschen leben. Ke Genossen mußten selbst Grotten ausbauen und verbrachten dort den ganzen Sommer 1929. Im Winter sind sie in ein Dorf überfuhrt worden, wo sie keine Möglichkeit hatten, sich Lebensmittel zu kaufen. Jetzt befinden sich dort fünf Zionisten. Zeitschrillenschau Ke hebräische Wirtschaftszeitschrift ״Miszchar Wetaasija“ veröffentlicht in ihrer letzten Nummer eine eingehende Studie des Agrikulturchemikers der Palästina-Regierung H. Ratschk owsky (des Schwiegersohns von Nahum Sokolow) über die Bodenbeschaffenheit im Bezirk Jaffa. In der Studie wird zunächst die biologische und klimatische Beschaffenheit, sodann die Landwirtschaft und di! verschiedenen Bodenarten im Bezirk Jaffa ausführlich dargestellt. Die Abhandlung ist mit genauen Tabellen sowie mit einer Karte ausgestattet. Die Untersuchungen sind für zionistische Leser von besonderer Wichtigkeit, weil es sich um das Gebiet handelt, in dessen Zentrum Petach-Tikwah liegt, wo bekanntlich die stäricste Ausdehnung des jüdischen Orangenbau® ist, Das vor kurzem erschienene ״Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen“ des Hilfsvereins der Deutschen Juden, Mal 1930, bietet wieder eine Fülle interessanten Stoffes. Es werden u. a. Mitteilungen gemacht über den Stand der allgemeinen Auswanderung aus Deutschland und die umfassende Fürsorgearbeit des Hilfs* Vereins der Deutschen Juden innerhalb Deutschlands, Aus- Wanderung und Einwanderung in Sowjet-Union, Türkei, Rumänien, Frankreich, Belgien, Holland, Luxemburg und Spanien. In der neuen Nummer des ״KunstWanderer“ ist das von dem in Haifa lebenden Bildhauer Elieser Strick in Silber getriebene ״Goldene Buch“, Band IV, abgebildet, ein hervorragendes Werk palästinensisch-jüdischen Kunstgewerbes. Das Wort haben — Die lugend und die Frau Von Moses Calvary. I. Die Anfänge der neuen jüdischen Arbeitersiedlung in Erez-Israel waren die Tat einer Männergemeinschaft. Frauen bildeten in den ersten Jahren einen ganz geringen Prozentsatz der Einwanderer, und die Jugend war in dem neuen Jischuw fast gar nicht vorhanden, außer den Söhnen der ersten Alijah, — die, soweit sie nicht das Erbe Ihrer Väter antraten, das Land zu verlassen suchten. Erst ganz allmählich und unter großen Widerständen traten die Arbeiterjugend und die Arbeiterinnen aut den Plan, um dem Werke ihre Kräfte zu widmen und ihre Rechte geltend zu machen. An einigen literarischen Erscheinungen des letzten Jahres sei aufgewiesen, was beide Gruppen geleistet, w׳omit sie unseren Aufbau bereichert haben, wo sie heute stehen und welche Probleme sie vor sich haben. Ke arbeitende Jugend ist in ihrer großen Mehrheit in der Organisation ״Hanoar haoved“ zusammengefaßt. Von der Zeitschrift, die sie sief! geschaffen hat, ״B a m a a 1 e 11“ (״Im Aufstieg“) liegen mir die Hefe 5 und 6 vor. Das eine ist der landwirtschaftlichen Arbeit gewidmet, das andere ist im wesentliehen ein Bericht über die Tagung, die nach fünfjährigem Bestehen der Organisation in Rechowoth stattfand. Sie fingen damit an, damals, die arbeitenden Kinder der orientalischen Gemeinden zu sammeln und ihnen die notwendigsten Begriffe im Lesen, Schreiben, Rechnen beizubringen. Was vorher noch niemanden gelungen war, gelang ihnen, sie erfaßten Kreise, die bisher der zionistischen Aufbauarbeit fern• standen, und bald wurde die Abendschule der Arbeiterjugend ln Tel-Awiw und ihr Klub zu einem Mittelpunkt, die allgemeine Arbeiterorganisation half ihnen kaum, sie hatte ihre eigenen Sorgen, so nahmen sie, da es ein Jugendschutzgesetz im Lande noch nicht gab, selbst Schritt für Schritt den Kampf für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Jugend mit Erfolg auf. Heute, nach 5 Jahren, können sie schon auf eine Leistung hinweisen, freilich, es fehlt noch viel, und Probleme sind genug vorhanden. (Ich darf wohl auf die beiden Aufsätze hinweisen, die ich über diese Bewegung im ״Juden“ 1926 und 1n der ״Jüdischen Rundschau“ 1927 Nr. 91/95 veröffentlicht habe.) Die Erziehung der Arbeiterjugend war jahrelang darauf gerichtet, ein Massengefühl zu erwecken. Das war in gewissem Sinne berechtigt, solange kleine isolierte Gruppen vorhanden waren, die keine lebendige Beziehung zu der großen Masse hatten. Es fehlte an Schwung, an Selbstgefühl. Was konnte ihnen zum Ansporn in ihrer schweren Arbeit dienen, warn nicht das Bewußtsein, daß sie als Teile der großen Arbeiterklasse eine wichtige Aufgabe in der Umformung der Gesellschaft zu erfüllen haben! Aber es zeigt sich immer mehr, daß daneben eine individuelle Erziehung in kleinen Kreisen treten muß, und die Frage, wie man beide Aufgaben erfüllen könne, bildete einen wichtigen Bestandteil in der Aussprache der letzten Jahre. Es galt, die ungelernte Arbeiterjugend der Stadt fachlieh weiterzubilden. Es fanden sich Gönner in Amerika, in Kanada, und eine kleine Werkstatt ist in Tel-Awiw gegründet: vier Schraubstöcke, eine Drehbank und eine Bohrmaschine. Es können 15 Schüler beschäftigt werden, gleichzeitig sechs bis acht, die sich abends nach der Arbeit dort weiter bilden. Ke Lehrzeit ist auf zwei Jahre berechnet. Ein Tropfen auf einen heißen Stein, und wer hilft weiter? Die Werkstatt müßte ausgebaut, und gleich ihr weitere in den anderen jüdischen Städten gegründet werden. , Aber die Jugend Erez-Israels ist ergriffen von dem Willen zur Landarbeit, sie verlassen die Stadt und schon arbeiten 300 Mitglieder der Arbeiterjugend in den Kolonien und im Emek. Das ergibt neue erzieherische Schwierigkeiten. Viele dieser Gruppen sind vereinzelt, wie faßt man sie zusammen? In den Moschawoth braucht man Klubs, Räume für Lektüre und Aussprachen, die Jugend des Emek ist in Wirtschaften von Erwachsenen verstreut, es fehlt die jugendliche Atmosphäre, es fehlt eine Institution, die diese Jugend des Emek zusammenfaßt. Vielleicht wird einmal die Zentralschule eine solche Aufgäbe erfüllen können, ln den beiden letzten Jahren gab es für je zwei Monate Seminare der Arbeiterjugend, eine Auswahl von Jugendlichen kam zusammen, einmal im Kfa'r banoar in Ben Schemen, einmal in En Charod, sie arbeiteten einen halben Tag in der Wirtschaft und fanden sich dann zu Lektüre, Kursen und Uebungen zusammen. Vor drei Jahren begannen sie ein Neues: eine eigene Siedlung der Arbeiterjugend in Rechowoth. Im ersten Jahr fangen 18 Mann die Arbeit an, an eine eigne Wirtschaft ist nicht zu denken, sondern nur an Außenarbeit. Aber es ist schwer, sie zu finden, im ganzen Lande herrscht Arbeitsmangel, und die Besitzer lachen der Kräfte dieser ״Jungen“, die sich ihnen anbieten. Wenig Arbeit, des Sommers Hitze, des Winters Kälte in den Baracken, der Regen trommelt auf das Blechdach, man ißt auf dem Fußboden, Krankheit, Schwäche, Arbeitsmangel, Schulden, — aber der Mut sinkt nicht. Im zweiten Jahr beginnt man mit einer eignen Hilfswirtschaft, auch die Besitzer in Rechowoth haben die jungen Kräfte schon schätzen gelernt, die Gefährten in Tel-Awiw bringen im Triumph ein Geschenk dar: eine Kuh und zwei Kälber, im Stall stehen Maultiere und schon sind zehn Hühner vorhanden. Und im dritten Jahr: 50 Mitglieder, ein Drittel von ihnen in der eigenen Wirtschaft tätig, und ein ansehnlicher Bestand von Tieren und Pflanzen. Und neue Probleme: soll Rechowoth eine Uebergangswirtschaft sein, in der sich die jungen Menschen zwei bis drei Jahre lang ausbilden, oder soll hier ein fester Stamm bleiben, der nur wenige Genossen zur Ausbildung annimmt? Man braucht 400 Dunam, statt der 100, die vorhanden sind. Man braucht einen fachmännischen Leiter. Man braucht bessere Bewässerung, kurzum, man braucht Geldmittel und man klagt noch immer über feblendes Interesse der Arbeiterorganisation. Unter dem Einfluß der Arbeiterjugend steht auch ein Teil der Schuljugend, vor allem die ״Chugim“ (Kreise) in Tel-Awiw, und die aus einer Pfadfindergruppe hervorgegangene ״Legion“ in Jerusalem, beide vor allem Jugend der Mittelschulen umfassend. Sie beginnen teils einzeln in die Kwuzoth, teils ln geschlossenen Gruppen in die Kolonien zu gehen. Ke Bewegung ist noch in den Anfängen, wohl nicht!unbeeinflußt von dem Umstand, daß viele Schüler nach Beendigung der Mittelschule nicht recht wissen, was sie anfangen sollen, — aber es steckt in ihr auch ein Kern von wirklichem Enthusiasmus, und sie kann,» wenn sie standhält, ihrerseits einen neuen Typus des jüdischen Landarbeiters schaffen. Aber wie schwer äst es, gerade in der Jugend, in der es noch gärt und stürmt, zu einem wirklichen Gemeinschaftsleben zu kommen! Wir wissen, wie selbst die kleinen Kwuzoth der Erwachsenen an dem Widerstreit der Einzelnen und der Gemeinschaft zu leiden hatten. Um von den Gemei.nschaftsproblemen dieser jungen Menschen einen Begriff zu geben, übersetze ich Bruchstücke aus den Aufzeichnungen zweier Mädchen, wenn auch das Leben der Kwuzah durch die Betonung gerade des Problematischen dem Leser lastender erscheinen mag, als es in Wahrheit ist. ״Nach drei Jahren Gruppenlebens frage ich mich: Warum änderte ich meine Lebensweise? War es die Erkenntnis, daß die Kwuzah den Weg zum Sozialismus bahnt, Erez-lsrad auf Gerechtigkeit aufbaut, die Araber vor Ausbeutung schützt, die Frage der Frau löst, sie gleichberechtigt macht, und Ihr die Möglichkeit gibt, sich aktiv an dem Kampfe der Arbeiter und dem Aufbau Erez-Israels zu beteiligen? Nein, nicht solches waren die Motive. Ke Kwuzah hat mir die Augen geöffnet und jetzt sehe ich es. — Es war damals in mir ein unklarer Instinkt, ein Traum von Intimem Gemeinschaftsleben, von Bildung einer Familie von Brüdern und Schwestern, die gemeinsam leben und arbeiten. — — Aber haben wir die Gemeinschaft aufgebaut? Ke intime Familie, nach der wir uns sehnten? — Die Gemein- Schaft besteht aus verschiedenartigen Menschen, jeder einzelne nach seine Richtung, die einen sagen, daß die Idee uns verbindet, die anderen weisen auf die vereinigende Kraft der Wirtschaft. Mir aber ist schwer zu leben, ohne das Miteinander. Ich kann nicht auf eine Gesellschaft verzichten, die aut wirklicher Gemeinschaft aufgebaut ist, — ich sage schon gar nicht mehr auf Intimität. Nicht Idee und Wirtschaft verbindet, die Wirtschaft ist dazu da, das Gemeinschaftsleben zu erleichtern und zu verschönem, und die Gemeinschaft, die wir errichten, muß dieses Namens wert sein.“ Und ein anderes Mädchen zeichnet auf: ״Ich unterhielt mich mit einem der Genossen, einem Jemeniten, ich sah immer sein sonnengebräuntes Gesicht an, seine brennenden Augen, und dachte: die Frage der ,Gemeinden‘ lösen nicht die Großen, sondern die Jugend, und in der Kwuzah, — hier in der Kwuzah sind alle die Grenzen verwischt, wir sind alle eine Familie, die Scphardim und die Jemeniten leben unser Kwuzah-Leben, tragen an unseren Sorgen, und ein gewisses Etwas in ihnen, ein ursprünglich stammhaft Jüdisches, gibt der Kwuzah viel. Und weiter grübelte ich: der Tropfen Gift in den Verhältnissen der Kwuzah — stammt meist von den Beziehungen zwischen den Genossinnen. Nur wir, wir Mädchen, sind schuld an den Spannungen. Der lauernde Blick eines Mädchens auf die Beziehungen zwischen Genosse und Genossin entzündet ein fremdes Feuer. Die Mädchen müssen tiefer, grundlegender zur Kwuzah hin erzogen werden, denn aut uns lastet ein sehr schweres Erbe. Wir sprachen von der Kulturarbeit in der Kwuzan. Ich schwieg. Was ich hätte sagen können, zeichne Ich mir hier auf: unsere Kulturarbeit ist ungemein eng, wir bewegen uns in einem schmalen Kreis. Immer wieder die Frage der Kwuzah, Arbeiterbewegung, Zionismus. Als ob die Arbeiter und die Arbeiterjugend keine Augen hätten, zu sehen, kein Herz, zu fühlen, daß es noch außer den sozialen Fragen eine Gotteswelt gibt, daß Sommernächte da sind, voller Hoheit und Geheimnis, daß die Herzen zittern, dem Rätsel des Lebens und des Todes entzogen, dem Rätsel des Seins und Vergehens, und die Augen irren in neblige Ferne. Warum überlassen wir das alles jedem einzelnen, unser Kulturleben ist so trocken, und deshalb ruht kein Segen auf ihm ..." II. Es ist kein Zufall, daß beide Aufzeichnungen — und sie sind die einzigen ihrer Art in diesen Heften—von Mädchen stammen. Die Frau ist die siegende. Sie hat sich langsam in dem Aufbauwerk ihren Platz erobert, und allmählich findet die eigene Note ihres Innenlebens ihren Ausdruck. Dem ging eine lange Entwicklung voraus, in der die Frau Schritt auf Schritt vordrang. Einen Ueberblick über die äußere Geschichte dieser Entwicklung eines Vierteljahrhunderts gibt Adah Fischmann in ihrem Buche :תנועת הפועלות בארץ ישראל (Tnuath hapoalot beerez jisrael, die Arbeiterinnenbewegung in Erez-israel, es wird, unter etwas verändertem Titel, jetzt ins Deutsche übersetzt.) Wenn ich betone: ״äußere“ Geschichte, so glaube man nicht, daß hier nur Materialien und Zahlen gegeben werden. Das Buch liest sich wie eine spannende Er- Zahlung, Kampf gegen Widerstünde Aufstieg imd Stillstand und wieder Aufstieg, Versuche •״mit und«ohne,,Äöfe, neue Zweige zu erobern. Das war nicht leicht Es gab viele Hemmnisse zu überwinden, äußere und innere. Ke männlich orientierte Arbeiterbewegung war durchaus nicht ohne weiteres geneigt, die Frau in ihre Reihen aufzunehmen, wenn natürlich auch theoretisch ihre Gleichberechtigung bejaht wurde, und Adah Fischmann, die Kämpferin, wird nicht müde, eben diese Gegner- Schaft immer wieder zu betonen. Jahrelang arbeitet die Frau fast nur in Küche und Haus, und gerade von dieser Einseitigkeit will sie sich befreien, in ihr empfindet sie eine Zurück- Setzung. Und so gründet sie nacheinander ihre Lehrgüter, ihre eigenen Wirtschaften, ihre Schulen, ihre Ausbildungsgruppen: es gilt die Chaluzim im Konkurrenzkampf mit den Männern zu ertüchtigen. Hier aber setzen innere Widerstände ein. Die Arbeitern, die von der europäischen Frauenbewegung herkommt, will sich ihren Platz gerade neben dem Manne erkämpfen und entschließt sich nur ungern zu dem Leben in einer reinen Frauengruppe. Mit der dritten Alijah beginnt sie in der Stadt sowie beim Chausseebau zu arbeiten, mit der vierten erhält die Arbeit in den Fabriken eine größere Bedeutung. Von der Gewerkschaft wie von Unternehmern zurückgewiesen, bilden sie eine eigene Gruppe und erhalten mit Mühe den Auftrag zum Bau eines einstöckigen Hauses. Aber es ist nicht leicht, immer Frauen für diese Arbeiten zu finden, die meisten ziehen, wenn möglich, andere Berufe vor, dasselbe gilt von der Tischlerei und Schuhmacherei, und allmählich ist die Arbeiterinnenbewegung auch hier einen ähnlichen Weg gegangen wie die allgemeine Frauenbewegung in Europa, die Frau bat sich von ihrer besonderen Eigenart heraus bestimmte Wege erschlossen״ und es gibt heute auch in der Landwirtschaft Zweige, in der die Arbeit der Frauen einen besonders wichtigen Platz einnimmt. (Das kommt freilich in dem Buche nicht so klar heraus.) Es war ein schwerer Weg, und er ist noch nicht abgeschlossen. Es galt die Frauen zu organisieren, zunächst in besonderen Tagungen, dann in ständigen Arbeiterinnenräten. Aber wie sollen diese Räte sich bilden, von Frauen besonders gewählt, oder von den allgemeinen — durch von Frauen mitgewarnten — Arbeitervertretern ernannt? Beides hat sein Für und Wider, und die Arbeiterinnen selbst sind geteilter Meinung. Auch über die Geschichte dieser Organisierung sowie über die Beteiligung der Arbeiterin Erez-Israels an dem allgemeinen politischen Freiheitskample gibt das Buch uns Auskunft. Es ist klar und einfach geschrieben, verzichtet auf alle Problematik, will nur nüchtern erzählen, was geschehen ist und wie es geschehen ist, und erhebt nicht den Anspruch, tiefere seelische Schichten der Arbeiterin zu enthüllen oder zu erörtern. Das leistet ein zweites Buch, ein wenig später erschienen, ein Sammelbuch mit kleinen Beiträgen vieler Frauen: דברי פיעלות (DiwreFoaloth, Worte der Arbeiterinn e n), herausgegeben von dem Arbeiterinnenrat, mit einer Einleitung von Rahel Kazenelenson-Rubaschow. Ueber dies noch ein nächstes Mal einige Worte. (Fortsetzung folgt.) Zur Frage der gemeinsamen gewerkschaftlichen Arbeiter- Organisation. Die arabische Arbeiter-Organisation in Haifa, deren Führer Eisenbahnarbeiter sind, kündigt in der arabischen Presse Palästinas einen Protest dagegen an, daß der jüdische Eisenbahnarbeiter Israel Cohen sich als offizieller Delegierter Palästinas zum Kongreß der Transportarbeiter nach London begibt. Der Delegierte sei nur von der jüdischen Arbeiterorganisation gewählt worden und sei daher nur der Vertreter der Juden. Der Vorfall zeigt, daß in Palästina die Frage ״nationale oder internationale Arbeiter-Organisation“ schon mit Rücksicht auf derartige Vertretungsfragea akut werden wird.