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Jüdische Rundschau · 1930-08-01 · Heft 60 (1.8.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 60 (1.8.1930)
Date
1930-08-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 398 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 60, I. VIII. 1930 Zur Frage der jüdisch - arabischen Gewerkschaft Sammelbuch der ״Achwath Poallm“ Das von der Palästinaregierung verfügte Verbot der neu geschaffenen jüdisch-arabischen Gesellschaft ״Acliwath P o a I i m“, die sich die Propaganda für den Gedanken einer gemeinsamen Organisation jüdischer und arabischer Arbeiter zum Ziel gesetzt hat, hat die Aufmerksamkeit der zionistischen Welt auf diesen Versuch gelenkt. Die ״Achwath Poalim“, über die unser palästinensischer Korrespondent kürzlich berichtete, hat ein Problem aufgegriffen, über das bereits seit Jahren in jiidisehen Arbeiterkreisen diskutiert wird, und hat den Anstoß zu einer neuen Behandlung dieser Frage gegeben. Noch vor Erlassung des Verbotes hat die ״Achwath Poalim“ eine hebräische Sammelschrift herausgegeben, in der sehr interessantes Material über dieses Problem enthalten ist. Abgesehen von verschiedenen Aufrufen bringt das Heft Aufsätze über die mit der gemeinsamen Organisierung von Juden und Arabern zusammenhängenden Fragen. Zur Beleuchtung der Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben, entnehmen wir der Sammelschritt, in der auch zwei Araber zu Worte kommen, folgendes Material; Vor einigen Jahren gab es eine starke jüdisch-arabische EisenbaI1nerorganisatio׳n, Ein arabischer Arbeiter berichtet: ״Wir waren in einer Organisation, gleichberechtigte Mitglieder, aber eines Tages kündigte man mir und meinem jüdischen Genossen. Er wurde sofort im Arbeitsnachweis aufgenommen, erhielt Arbeit und blieb Mitglied der Organisation, trat in eine entsprechende andere Gewerkschaft ein und genoß den Schutz der Organisation; ich aber, der Araber, wurde auf die Straße gesetzt, als wäre ich früher nicht organisiert gewesen. Die Krankenkasse und medizinische Hilfe wurde mir und meiner Familie entzogen. Der Grund; Ich war ein Araber. Die Sendiinge der Effendis wußten diese bittere Wahrheit auszuniitzen, zerbrachen die Organisation der Eifenbahner, aber auch die jüdische Arbeiterorganisation trägt Schuld daran.“ Mit anderen Worten: Während der jüdi sc he Arbeiter ohne Rücksicht auf seine Gewerbezugehörigkeit den Schutz und die Fürsorge der jüdischen Arbeiter- Organisation genoß, kamen diese dem arabischen Arbeiter nur so lange zugute, als er Eisenbahnarbeiter war. Die jüdische Arbeiterorganisation nahm gegenüber der Frage der gemeinschaftlichen Gewerkschaften eine zögernde und unentschlossene Haltung ein. Das war begreiflich; denn die jüdische Arbeiterorganisation vereinigt zwei Funktionen: Sie ist eine Gewerkschaftsorganisation und als solche international, territorial und sozialistisch, sie ist aber andererseits Trägerin und ausführendes Organ des zionistischen Siedlungswerkes, also eine bewußt nationale Organisation. Aus dem Zwiespalt dieser beiden Funktionen erklärt sich ihre schwankende Politik gegenüber den arabischen Arbeitern, welche in ihr organisiert sein wollten. Der arabische Arbeiter Georg Nassar erzählt in seinem Beitrag zum vorliegenden Sammelbuch, wie schon vor fünf Jahren eine Gruppe von achtzig arabischen Tischlern vergehlieh um Aufnahme in die Organisation ersuchte, wie arabische Bäcker in Tci-Awtvv ihre Arbeitsplätze verloren, ohne daß sie jemand schützte, wie zweihundert Arbeiter in Nazareth vergehlieh versuchten, in die Organisation aufgenommen zu werden. Fiesen Beispielen ließe sich allerdings "eine ganze Reihe anderer Fälle gegenüberstellen, wo die Histaarutb arabischen Arbeitern bei Arbeitskonflikten erfolgreich beigestanden hat. Dem letzten Kongreß der jüdischen Arbeiter- Organisation, der vor drei Jahren stattfand, lag eine von 700 arabischen Arbeitern Unterzeichnete Petition um Aufnahme in die Organisation vor. Der Kongreß *fand damals den Ausweg, zu beschließen, daß autonome nationale Sek - 2Ifo ntrir den Arbdtet'sefaft mit einem gemeinsamen Ausschuß gebildet werden sollten. Dieser Beschluß erwies sich als ein fataler Irrtum; denn der arabische Arbeiter hatte weder die Intelligenz, noch die Erfahrung, noch die sozialistische Schulung, um aus eigenen Kräften eine Organisation m schaffen, die der jüdischen parallel wäre und so kam die arabische Sektion überhaupt nicht zustande. Erst nach den Augustereignissen trat ein arabischer Arbeiterkongreß in Haifa zusammen, der aber selbstverständlich, da er von den arabischen nationalen Intelligenzlern geführt war, sofort eine scharf antijüdische Stellung einnahm. Dies ist die große Gefahr, welche der jüdischen Arbeiterschaft droht: Bildung eigener arabischer Arbeiterorganisationen, welche nun nicht mehr im Bunde mit der jüdischen Organisation stehen werden, sondern Im heftigsten Kampf mit ihr, ein Kampf, in welchem neben dem allgemeinen politischen Problem der Beziehung von Juden und Arabern auch noch das besondere Problem des Unterschiedes der jüdischen und arabischen Arbeitslöhne verbitternd wirken muß. Einer der Autoren des Sammelbuches hat ziffernmäßige Beiträge zum Unterschied der jüdischen und arabischen Arbeitslöhne geliefert. Wir erfahren, daß in einem Steinbruch die edel und würdig bleibt, auch im tiefsten Kummer, ln späteren Jahren, als ich erfuhr, wie die Aeltesten des Sanhedrins, in Ketten hinter dem vergoldeten Wagen von Titus einherschritten, sah ich sie mit demselben langsamen Schritt, derselben schweb genden Trauer einhergehen wie den alten Rabbiner Wolf. Die Stimmung in der Synagoge war nicht nur eine travererfüllte, sondern eine unheimliche. Die üblichen Sabbatgesänge wurden durch schaurige Klagemelodien ersetzt und der Abschnitt aus den Propheten, der nach der wöchentlichen Lesung aus den Fünf Büchern angestimmt wurde, war den Lamentationen des Jeremias entnommen. Gleich Schatten bewegten sich die Betenden in der Schul. Und obwohl ich es weiß!und sogar schon damals ahnte, daß vieles an den Trauerbezeugungen künstlich und gezwungen war, so gab es doch auch seelenvolle Gesichter, auf welchen der Widerschein eines großen Kummers und eines großen Verlustes deutlich geschrieben stand. Auch zu Hause wurde der Sabbat der Vision ohne das Glücksgefühl empfangen mit dem sonst der heilige Tag begrüßt wurde. Zwar war der Sabbat immer heilig, aber diesmal war er nur wie ein geliebter Gast, der in ein Haus kommt, das eben von einem schmerzlichen Ereignis betroffen worden ist. Der Gast ist zu gern gesehen, als daß man ihn unbeachtet ließe, aber alle Zeremonien sind ernst und steif, der Empfang ist formell und würdevoll und die übliche Vertraulichkeit und Herzlichkeit fehlt. Eine seltsame Szene spielte sich an diesem Nachmittag bei uns zu Hause ab. Die Freundinnen und Nachbarinnen meiner Mutter, alles Frauen der wohlhabenden Juden von Swislowitz, statteten ihr wie gewöhnlich ihren Besuch ab. Sie trugen Kleider, die weder Sabbatnoch Werktagskleider waren, sondern eine Art Kompromiß darstellten zwischen Pflicht und Stolz. Auf dem Tisch gab es an Stelle des sonst üblichen Tees nur die große, ledergebundene jiddische Uebersetzung des Pentateuch, die von den Frauen benützt wird. Ohne einander zu begrüßen, ohne jede weitere Einleitung, nahmen die Frauen rings um den Tisch Platz und meine Mutter begann laut die Uebersetzung von Jeremias Klageliedern vorzulesen. Der Originaltext ist herzbeklemmend genug, aber das jiddische Buch enthielt außer der Uebersetzung auch einen Kommentar, Jeder Vers gab das Fundament ab für den Ueberbau von schaurigen Geschichten und Legenden, die den alten Büchern der Weisen und Kommentaren des Mittelaltere entnommen waren. Und meine Mutter hatte erst kurze jüdischen Arbeiter 40, die arabischen Arbeiter 9 mil Stundenarbeitslohn erhalten. In der Zündholzfabrik Nur verdient der arabische Arbeiter 60 bis 130 mil, der jüdische 200 bis 250 mil, in der Nescher-Fabrik erhält der jüdische Arbeiter 300 bis 350 mil, der arabische Arbeiter 120 bis 150 mil usw. Der jüdische Arbeiter hat aber ein elementares Interesse daran, daß der Lohn des arabischen Arbeiters auf die Höhe des jüdischen gehoben wird; denn sonst muß der billige arabische Arbeiter ihn auf die Dauer überall verdrängen oder sein Lohnniveau herunterziehen. Besonderes Interesse verdient der Sammelbuch-Beitrag von Enzo Seren i, einem jungen italienischen Zionisten, der seit einigen Jahren der Führer des in der Nähe von Rehoboth angesiedeltcn ״Kibbuz meuchad“ ist, dem auch die meisten in letzter Zeit nach Palästina gegangenen Chaluzim aus Deutschland angehören. Sereni, der bis vor kurzem der offiziellen Richtung der Histadruth sehr nahestand, polemisiert jetzt gegen deren Auffassung, man körnte durch nur wirtschaftliche Mittel die Annäherung der jüdischen und arabischen Arbeiter bewirken. Vielmehr sei ohne gemeinsame politische Konzeption eine gemeinsame Organisation der Arbeiter der beiden Völker illusorisch. Dazu sei vor allem nötig, daß man aufhört, von Judenstaat und jüdischer Mehrheit zu sprechen, was schon vom sozialistischen Standpunkt unzulässig sei. In einer Föderation der arabischen Länder, die kommen muß, erblickt Sereni auch die Hoffnung, welche die jüdische Konzentration in Palästina fördern wird. Die Juden müßten die Helfer der Befreiung des arabischen Volkes werden. Wer die Idee der gemeinsamen jüdisch-arabischen Arbeiterorganisierung bekämpft, so schließt Sereni, der sät Verzweiflung am Zionismus in den Herzen der jüdischen Jugend, die sich zu einem Werkzeug der Reaktion nicht hergeben will und aufhören würde, zionistisch zu sein, wenn sie den Glauben an die Möglichkeit einer jüdischarabischen Verständigung verlöre. Die Sammelschrift hat in Palästina ein lebhaftes Echo, wenn auch durchwegs Ablehnung erfahren. Mit besonderer Schärfe hat das Organ der Vereinigten jüdischen Arbeiterpartei Palästinas ״Hapoel-Hazair“ gegen die ״Achwath Poalim“ Stellung genommen. Es ist nicht zu verkennen, daß hier äußerst schwierige und sehr umstrittene Probleme vorliegen, über die man sich nur mit Vorsicht ein Urteil bilden kamt. Alle Freunde der jüdischen Sache sind sich darin einig, daß, wie es am klarsten Harry Snell ausgedrückt hat, Lebensgebiete gefunden werden müssen, auf denen eine 'üdisch-arabische Kooperation möglich ist. Nur wenn es geingt, die nationalen Leidenschaften hinter den realen Interessen der einzelnen Gruppen zurücktreten zu lassen, könne mit einer Verbesserung der Atmosphäre Palästinas gerechnet werden. Wenn nun in Arbeiterkreisen derartige Bemühungen gemacht werden, so wird man daran gewiß nicht achtlos vorübergehen dürfen, um so mehr als die Stimmung gerade der jüngeren Arbeitereinwanderer ein Faktor ist, mit dem man rechnen muß. T e I - A w i w, 29. Juli. (J. T. A.) Die kürzlich gegründete arabische Arbeiterorganisation Palästinas ruft die Araber auf, dem Beispiele der jüdischen Arbeiter zu folgen, die den achtstündigen Arbeitstag errangen haben und höhere Löhne beziehen als die arabischen Arbeiter. Die jüdischen Unternehmer seien nicht besser als die arabischen, aber die jüdischen Arbeiter verstehen die Notwendigkeit des Schutzes ihrer Interessen. Die Aufforderung schließt mit der Frage: Sind wir denn schlechter als die Juden und ist eine Sicherung unserer Rechte etwa überfiüssig? Die arabische dem Obersten moslemischen Rat nahestehende Zeitung ״Maarat «sh Shark“ bezeichnet« vor einiger Zeit den,bekannten jüdischen Arbeiterführer Ben Zwi alsKom - munisten |äle Zugehörigkeit zu einer kommunistischen Organisation ist in Palästina bekanntlich verboten). Ben Zwi erhob Klage gegen die Zeitung, worauf diese eine Entschuldigung und Ehrenerklärung vor Gericht abgab. Nachdem Ben Zwi dahn seine Klage zurückgezogen hatte, veröffentlichte die Zeitung einen Widerruf ihrer seinerzeitigen Beschuldigung und würdigte Ben Zwi in anerkennenden Worten für seine Bemühungen um eine Zu s a m menarbeit der jüdischen und ara bisehen Arbeiter und um die Herstellung von Einigkeit und gegenseitigem Verständnis zwischen den beiden Nachbar- Völkern. Soeben erschien im Verlag ״Moriah“, Tel-Awiw, unter dem Titel ״S c h u a I i m b i r usc h alay'i m“ (״Füchse in Jerusalem“) von M. Y. Ben-Gavriei der erste palästinensische politische Abenteurerroman. Das Buch, das gleichzeitig ein groß angelegter Beduinenroman ist, spielt zum Teil in Jerusalem, zum Teil in der Wüste, und erschien vor einigen Monaten als erster Zeitungsroman der palästinensischen Presse in der Tageszeitung ״Haarez“. Konferenz der vereinigten Arbeiterpartei Tel-Awfw, 26. Juli. (J.T.A.) In Tel-Awiw fand eine Konferenz der Vereinigten jüdischen Arbeiterpartei zur Beratung der Fragen jüdischer Arbeit im Lande statt. Die Konferenz stellte fest, daß die Suspendierung der Ein- Wanderung zusammen mit der politischen Unsicherheit den Ausbau jüdischer Unternehmungen hemmt und verlangt von den öffentlichen jüdischen Institutionen einschließlich des Palästina-Hilfsfonds die Intensivierung und Beschleunigung ihrer Tätigkeit, und die Ermutigung des privaten Kapitals. Ke Konferenz forderte ferner die Durchführung des vom Administrative Committee der Jcwish Agency beschlossenen Ansiedlungsplanes für tausend Familien. Es wurde festgestellt, daß die Arbeitslosigkeit in den Städten lediglich darauf zurückzuführen sei, daß unbeschäftigte Koloniearbeiter in die Städte kommen. Die Konferenz erhob Protest dagegen, daß die Regierung entgegen ihren Versprechungen Juden zu beschäftigen, dies nicht in ausreichendem Maße tue. Gegenüber 1400 Arabern sind bei den Arbeiten der Regierung nur 73 Juden beschäftigt. Eine Delegation der jüdischen Arbeiterorganisation brachte beim Distriktskommissar eine Beschwerde darüber ein, daß bei den öffentlichen Arbeiten in Haifa neben 300 Arabern bloß 40 Juden beschäftigt werden. Rabindranatti Tagore und Palästina Rabindranath Tagore hatte — wie uns berichtet wird — vorige Woche während seines Aufenthaltes in München ein längeres Gespräch mit dem bekannten palästinensischen Schriftsteiler J. Radler-Feld mann (Rabbi *Benjamin), der sich gegenwärtig in Europa aufhält״ Im Verlauf dieses Gesprächs regte Rabbi Benjamin an, daß Tagore Palästina besucht und an der Hebräischen Universität Jerusalem einen Vortrag hält. Tagore und sein Sekretär, der Professor für Literatur Chakravarty, zeigten großes Interesse für diese Anregung. Die indischen Herren sprachen sich auch dafür aus, daß gelegentlich ein Professor der Jerusalemer Universität an der von Tagore geleiteten indischen Hochschule Santiniketan Vorträge halten soll. Unter den Intellektuellen Indiens, so sagte Chakravarty, bilden sich in der letzten Zeit unfreundliche und unzutreffende Anschauungen über Juden und Judentum, sowie über den Zionismus. Er verspreche sich von einem persönlichen Kontakt eine durchgreifende Besserung dieses unerfreulichen Zustandes. Im weiteren Verlauf des sehr herzlich verlaufenen Gespräches wurde auch die Möglichkeit einer gegenseitigen literarischen Mitarbeit ins Auge gefaßt. Kongreß der arabischen Frauen Jerusalem, 29. Juli. (J. T. A.) Der starke Einfluß, den die Formen und Methoden der indischen Unabhängigkeitsbewegung, wie auf die meisten Länder des Orients, so jetzt auch immer mehr auf die arabische Bewegung in Palästina ausüben, kommt in der Ausschreibung eines Preises für den Entwurf einer charakteristischen Einheit s-Bekleidung für die arabische Frau zum Ausdruck. Dieser Preis ist vom Vollzugskomitee der ״Gesellschaft arabisdier Frauen“ ausgeschrieben worden, die jetzt auch einen Kongreß der arabisehen Frauen Palästinas einberufen hat, an dem Delegierte a!!s Jerusalem, Jaffa, Haifa, Nablus, Deschenin usw. teilnehmen werden. Die Ausschreibung des Preises für den Entwurf eines Einheitskostüms geschieht nach dem Vorbild der durch Gandhi 1n Indien hervorgerufenen ״Heimspinn“-Bewegung, die als Mittel zur Bekämpfung des europäischen Industrie• Imports dienen soll. Frauen als Advokaten Die ״Official Gazette“ vom 16. Juli veröffentlicht die Verordnung über die Zulassung von Frauen zur Advokatur 1'n Palästina. Die einzige Beschränkung für sie besteht darin, daß sie nicht vor (arabischen) Stammesgerichten und nicht vor den mohammedanischen religiösen Gerichten vertreten und plädieren dürfen. Im Entwurf dieser Verordnung waren Beschränkungen weitgehender Natur enthalten, z. B. daß Advokaten weiblichen Geschlechtes auch bei (jüdischen) religiösen Gerichten nicht vertreten dürfen. Diese Beschränkungen sind infolge des gegen sie gerichteten Protestes zurückgezogen worden. (Ziko.) Nach Mitteilung der ״Hadassah“ sind im Jahre 1928 nur 9 0/0 der Schulkinder in den jüdischen Schulen von Trachom betroffen worden, während in den Regierungsschulen, die meistens von Arabern besucht werden, 62 °/0' der Schulkinder unter dieser Augenkrankheit leiden. v Zeit gelesen, als sich in der Tischrunde nicht nur ein Weinen, sondern ein solches Jammern erhob, wie es von einer Stadt aufsteigen mag, die dem Schwert des Siegers ausgeliefert ist. Es war so, als ob alle Grausamkeit und alles Elend der Zerstörung noch einmal in diesem Zimmer erlitten würde. Ich saß neben meiner Mutter und vermischte meine Tränen mit den ihren. Am meisten erschütterte mich die Geschichte von Hanna und ihren sieben Söhnen, die ich zum erstenmal in diesem Zusammenhang hörte. Aber sogar während ich darüber schluchzte, fühlte ich in mir einen unbesiegbaren Stolz über den jüngsten Sohn, ein Kind, das vielleicht so alt war wie ich und vielleicht auch ein Chederjunge und der wie ein Held vor dem Bedrücker stand und auch trotz der wildesten Drohungen seine Knie nicht vor einem irdischen Gott beugen wollte. Und auch ich schwor, daß ich nie, nie vor einem Götzen knien würde. Es war am Vorabend von Tische be’aw, dem todtraurigen 9. Ab, als ich zum erstenmal erlebte, daß menschliche Wesen Brötchen zu genießen vermögen, die man in Asche eingetaucht hatte. Ich war baff über diese Zeremonie. Ich starrte mit autgerissenen Augen auf die älteren Leute, die diese gräßlichen Bissen verschluckten, aber ich wagte es nicht, ihrem Beispiel zu folgen. In der Schul saßen wir mit Socken an den Füßen wie man In dem Haus von Leidtragenden sitzt. Die Lampen blieben imangezündet. Statt dessen wurden die Pulte flach auf dem Boden aufgeklappt und Talgkerzen darauf befestigt. Nach dem Abendgebet setzte sich die Gemeinde auf den Fußboden und begann die Klagelieder herzusagen. Die Finsternis in der Schul, die am Boden legenden Pulte, der nackte Thoraschrein, von dem man den vergoldeten Vorhang abgestreift hatte, die sich schwer aufs Herz legende Melodie der Klagelieder — all das erfüllte meine Seele mit Entsetzen. Alle und alles weinte. Das erstickte Schluchzen der Männer war wie die Baßbegleitung zu dem schrilleren Laut des Weinens, der aus der Frauenabteilung drang. Der nackte Thoraschrein weint und auch aus den dunkelbeschatteten Wänden kam es wie ein Klagen. Und die Kerzen, die auf den umgeworfenen' Betpultcn befestigt waren, weinten Talgtrönen, die an ihren Seiten herabtroffen. Zu Hause durften wir Kinder an diesem Abend nach dem Abendbrot nichts mehr zu uns nehmen, nicht einmal ein Glas Wasser. Und natürlich waren wir gerade da immer besonders durstig. Am nächsten Morgen war die Wirkung etwas abgeschwächt. An jenem ersten Tische be’aw meiner Cbederzeit ging die Sonne hell und strahlend aiuf. Sie warf ihre lebensfrohen Strahlen mit verschwenderischer Hand in die trauernde Synagoge und durchbrach die düstere Stimmung. Und überdies hatte uns Kinder schon die Technik der Dinge zu interessieren begonnen und wir sahen voll Neugier in die Gesichter der Erwachsenen. Wir bemerkten, daß jene, die die Klagelieder am lautesten und jämmerlichsten hejsagten, keine Tränen auf ihren Wangen hatten. Und ein Weinen, das keine Tränen hatte, konnte auf «uns keinen Eindruck machen, denn wir kannten alle Stufen des Weinens genau: das echte Weinen, das nicht ohne Tränen denkbar ist, das gezwungene Weinen, bei dem die Tränen hervorgequetscht werden und das Weinen, das es nicht einmal bis zu Tränen bringt —- das Weinen auf Kommando. Und da schlich sich ein Zweifel in mein Gemüt ein und ich fragte mich, ob die älteren Leute uns nicht was vorgemacht hätten, als am Abend zuvor ihre Gesichter in Dunkel gehüllt waren. Vielleicht hatte ihr Weinen da gar keine Tränen gehabt. Und wir bemerkten auch, daß einige der Erwachsenen sich damit belustigten, einander Kletten ins Haar und in die Bärte zu werfen. Und wenn die älteren Leute sich einen Spaß aus dem ganzen machten, dann durften sicherlich wir Kinder uns das auch gestatten. So geschah es, däft der Tag der Tempelzerstörung für «ns Kinder im Gegensatz zu dem vorhergehenden Abend wirklich interessant und unterfaaltlid» war. Auch der Besuch am Friedhof war für uns ein Vergnügen. Auf dem Hinweg gingen wir durch den Wald, durch Beerenständen und Haselnußsträucher. Zurück kamen wir durch die offenen Felder, aut denen Korn und Weizen und Hafer schnittreif standen. Unzählige Aehren glitzerten im Sonnenschein, der Wind strich durch die Felder und sandte schimmernde Wellen über die Halmspitzen. Und in diesem goldenen Meer standen Bauernmädchen ui roten Kleidern und roten Kopftüchern und mit ihren schärfen Sicheln, die in der Sonne blitzten, mähten sie sich ihren Weg durch die Saat. Aus ihren gesunden starken Kehlen stiegen Erntelieder in das Sonnenlicht. Und da schritten wir dahin, einer hinter dem andern wie Straflinge, Leidtragende, Verbannte, die Kinder eines zertrümmerten Volkes.... Muß ich es bekennen, daß mein ganzes Herz von den Ruinen der Vergangenheit zu den blühenden Feldern der arbeitenden Menschen hin verlangte? (Ins Deutsche übertragen von Dr, Nadja Stein.)

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