Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 60 (1.8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653213--21730-2679863- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 60, 1. Vm. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 397 Vandervelde Ober Zionlsmns und Arabcrlrage Der ״Abcnd“, die Abendausgabe des ״Vorwärts", veröffcntlicht in der deutschen Uebersetzung Eduard Bern- Steins einen im Bulletin des internationalen sozialistischen Komitees für das arbeitende Palästina erschienenen Aufsatz des belgischen Sozialistenführers Emil Vandervelde. Der Artikel trägt den Titel ״Der Zionismus und die syrischpalästinensische Delegation“ und ist die Antwort auf eine gegen eine Rede Vanderveldes polemisierende Broschüre, welche die Delegation dem Völkerbund in Genf unterbreitet hat. In dem Artikel heißt es u. a.: ״Was den Zionismus den Sozialisten sympathisch macht, die stets in den ersten Reihen derer gestanden haben, welche die Mißbräuche und Verbrechen der kapitalistischen Kolonisation brandmarkten, selbst wenn es sich um das eigene Land handelte, ist die Tatsache, daß die Juden in Palästina niem a I s zur Gewalt gegriffen haben, außer um sich gegen Akte der Gewalt und des Ueberfalls zu verteidigen. Alles Gebiet, was die Juden in den von ihnen Erez-Israel enannten Teil Palästinas innehaben, ist ausnahmslos gea u f t e s , und oft sehr teuer gekauftes Land, nicht den Fellachen, deren Not man ausgebeutet hätte, sondern den Eigentümern der Riesengüter abgekauft, welche diese brachliegen ließen oder sich darauf beschränkten, auf ihnen etliche magere Herden weiden zu lassen. Zu behaupten, wie es die syrisch-palästinensische Delegation tut, daß die Fortschritte der jüdischen Landwirtschaft den Ruin der eineborenen Ackerbauer zur Folge gehabt haben, eißt wiederum, die Tatsachen in keiner Weise in Betracht ziehen. Ich glaube mich nicht getäuscht zu haben, als ich meinen Vortrag in Genf unter Berufung aut das Zeugnis von Josiah C. Wedgwood in der Schrift ״The Seventh Dominion“ erklärte, daß es in materieller Hinsicht in Palästina keine ernsthaften Interessengegensätze zwischen Juden und Arabern, sondern nur solche zwischen gewissen Juden und drei arabischen Elementen gibt: die, wie alle Nomaden, durch den technischen Fortschritt bedrohten nomadischen Beduinen, die Leute von der Mittelklasse, denen geschicktere oder unterrichtetere Kaufleute und Beamte Konkurrenz machen, und schließlich die noch vorhandenen halbfeudalen Großgrundbesitzer, die sich erbittern, wenn sie sehen, wie ihre Fellachen nach dem Beispiel des jüdischen Arbeiters höhere Löhne fordern.“ Vandervelde setzt sich dann mit den gegen seine These vorgebrachten Argumenten der Delegation auseinander, und fährt dann fort: ״Es gibt sicherlich Gegenden, wo Fellachen und Chaluzim in gutem Einvernehmen Seite an Seite leben. Aber es ist leider nicht zweifelhaft, daß das zumeist Ausnahmen sind, und daß die große Masse der 750(KW Araber Palästinas, sei es aus religiösem Fanatismus, sei es aus Furcht, die Juden würden eines Tages eine Mehrheit werden, sich mit Bezug auf den Zionismus, wenn nicht offen feindlich, so doch mindestens unruhig, argwöhnisch, geneigt zeigen werden, nicht nur den nationalistisehen Forderungen, sondern auch ihren Aufstachelungen ihr Ohr zu leihen. Und das ist es, es muß gesagt werden, was der palästinensischen Frage ihren ganzen furchtbaren Ernst gibt. Selbst am Morgen nach den, nicht antisemitisehen, aber antieuropäischen Pogromen vom letzten Monat August hat die britische Regierung sehr bestimmte Erklärungen abgegeben. Sie bleibt der Balfour-Erklärung treu. Anders zu handeln hieße gegen eine bestimmte internationale Pflicht verstoßen, und es hieße die Männer, welchen 1m gegenwärtigen Zeitpunkt die Verantwortung für die englische Politik obliegt, sehr schlecht kennen, wenn man sich einbildet, sie könnten ihre Verpflichtungen gegenüber den Juden und dem Völkerbund im Stich lassen. Sprechen wir cs aber sehr klar aus, der Zionismus würde vor bitteren Enttäuschungen und unheilbaren Katastrophe« stehen, wenn er ohne Maß auf den britischen Schutz für die Sicherung der Existenz des Nationalen Jüdischen Heinis rechnete.... Selbst diejenigen, die in den Reihen der sozialistischen Internationale die wärmsten Sympathien für das zionistische Werk haben, halten es für die unerläßliche Bedingung seines Erfolges in der Zukunft, daß es ihm gelingt, die Verständigung und Mitarbeit aller Arbeiter Palästinas, ob Juden, Muselmanen, Christen, int gemeinsamen Interesse zu verwirklichen.“ Wie aus Palästina berichtet wird, konferierte Sir John Simpson noch kurz vor seiner Abreise mit jüdischen Persönlichkciten. Am 21. Juli hatte er Gespräche mit dem Arbeiterführer Ben-Zwi und den Führern des Misrachi Rabbi Meir Berlin und Herrn Struck, am 22. Juli mit Miß Szold über die Angelegenheiten der Gesundheitsfürsorge und mit Dr. Ruppin über Kolonisationsfragen. Gnadengesuch lttr Urphali Der einzige im Zusammenhang mit den August-Ereignissen des vorigen Jahres in Palästina zum Tode verurteilte Jude, Joseph Urphali, hat, nachdem seine Verurteilung auch in der zweiten Instanz bestätigt wurde, beim Privy Council, der obersten Appeüationsbehördc des britischen Reiches, Berufung gegen das Urteil eingelegt. Die Berufung vertrat Sir Boyd Merriman, während die palästinensische Justizbehörde durch Kenelm Preedy vertreten war. Der Privy Council erklärte sich für unzuständig, da er kein Appellationsgericht für Strafsachen sei. Er könne ein Urteil nur dann aufheben, wenn der Gang des ordentlichen Gerichts- Verfahrens verletzt worden ist. Dies treffe aber in diesem Fall nicht zu. Nach Ablehnung der Appellation hat Sir Boyd Merriman es übernommen, ein Gnadengesuch an den High Commissioner zu verfassen, dem nun die letzte Ent- Scheidung zustellt. Wie die J. T. A. erfährt, hat das Gericht zweiter Instanz, als cs das Todesurteil gegen Urphali bestätigte, einen Gnadenakt empfohlen. Die Bilanz der Mord •Prozesse Ergebnisse der im Anschluß an die Augustunruhen durchgeführten Prozesse Per 1. Juni 1930 war die weitaus größte Zahl der im Zusammenhang mit den Augustunruhen anhängig gewesenen Prozesse beendet. Es schwebten noch in Jerusalem drei Verfahren gegen Araber, 10 Verfahren gegen Juden sowie 5 Prozesse gegen Araber in Hebron. Auch in Haifa und Safed standen noch einige Urteile aus. Von den beendeten Prozessen gegen Araber wurden von 124 wegen Mord Angeklagten 55 verurteilt, von 50 wegen Mordversuch Angeklagten 17 verurteilt, von 256 wegen Plünderung und Brandstiftung Angeklagten 130 verurteilt, von 15 wegen Hetze Angeklagten 7 verurteilt, von 279 wegen verschiedener Verbrechen Angeklagten 212 verurteilt; insgesamt wurden von 724 angeklagten Arabern 421, gleich 58 0/0, verurteilt. Von den beendeten Prozessen gegen Juden wurden von 70 wegen Mord Angeklagten 2 verurteilt, von 39 wegen Mordversuch Angeklagten 1 verurteilt, von 31 wegen Plünderung und Brandstiftung Angeklagten 7 verurteilt, von 21 wegen verschiedener Verbrechen Angeklagten 9 verurteilt; insgesamt wurden von 161 angeklagten Juden 19, gleich 12 0/0, verurteilt. Nach den einzelnen Orten sind die Gesamtdaten in bezug auf die Araber folgende: In Jerusalem wurden von 41 angeklagten Arabern 16 freigesprochen und 7 verurteilt, in Hebron von 65 Angeklagten 36 freigesprochen und 28 verurteilt, in Haifa von 212 Angeklagten 83 freigesprochen und 123 verurteilt, in Safed von 169 Angeklagten 82 freigesprochen und 87 verurteilt, in Jaffa von 247 Angeklagten 71 freigesprochen und 176 verurteilt. In bezug auf die Juden sind die Gesamtdaten nach den einzelnen Orten folgende: In Jerusalem wurden von 62 Angeklagten 50 freigesprochen und 12 verurteilt, in Haifa von 77 Angeklagten 75 freigesprochen und 2 verurteilt, in Jaffa von 12 Angeklagten 8 freigesprochen und 4 verurteilt, in Safed von 10 Angeklagten 9 freiges[!rochen und einer verurteilt. Folgende Kollektivstrafen wurden über Araber verhängt: Im Zusammenhang mit Beer Tuwia 4700 Pfund, im Zusammenhang mit Hartuv über 2800 Pfund, im Zusammenhang mit Moza über 1500 Pfund, im Zusammenhang mit Hebron über 14 000 Pfund. Das Urteil über Safed im Zusammenhang mit der Collcctive Punishment Ordinance wurde noch nicht gefällt. (Ziko.) Die Kosten der August-Unruhen Nachtrags-Budget der Palästina-Regierung Eine offizielle Verordnung der Palästina-Regierung erklärt die Ausgaben, die von ihr in Ueberschreittmg des Anfang 1929 bewilligten Budgets gemacht wurden, als legal. Die Regierung hat ihr Budget um £P 203 849 überschritten. Der größte Ted dieser Summe, ein Betrag von £P 168161, wird unter dem Posten ״Diverses“ angeführt. Der Rest wurde hauptsächlich für Sicherheit (im Zusammenhang mit den Augustereignissen) und für das landwirtschaftliche Departement (im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Heuschrecken) ausgegeben. Es ist erstaunlich, daß die Regierung einen so großen Betrag wie £ 168161 als ״Diverses“ bezeichnet, ohne jede nähere Detaillierung. Die palästinensischen Steuerzahler haben zwar über das Budget nicht mitzubestimmen, aber sie sollten doch wenigstens erfahren dürfen, wofür das Geld ausgegeben wurde. Jabotinsky ist, wie J. T. A. meldet, von seiner Stelle als Vizepräsident der Versicherungs-Gesellschaft Judaea Insurance zurückgetreten, nachdem er unterrichtet worden war, daß I das Einreiseverbot für ihn endgültig ist. Die ״Staaispariei“ Die ei.iJge bürgerliche Partei im deutsch-politischen Leben, der ein Jude ohne schwere jüdische Gewissensskrupel zur Not angehören konnte, die ״Deutsche Demokratische Partei“, eine Tochter der ehemaligen Freisinnigen Partei, hat selbständig zu existieren aufgehört und sich in eine Ehegcrncinschaft, in die neubegründete ״Deutsche Staatspariei“ begeben. In die F.he mit dem Jungdeutschen Orden bringt die Demokratische Partei in Form ihres Parteiapparates eine befrüditliche Mitgift, was nur natürlich ist, da die Braut selbst viel zu wenig Reize besaß, als daß sie aus Liebe von Mahraun hätte gefreit werden können. Was die neue Deutsche Staatspartei anbetrifft, so läßt sich über sie vorderhand vom jüdischen Standpunkte aus nichts Endgültiges sagen. Bedenklieh muß es allerdings stimmen, daß sich unter den Unterschritten bei der Gründung der Partei kaum jüdische Namen befunden haben und daß der Jungdeutschc Orden sich über seine Stellung zum Antisemitismus nach der Mischehe mit der Demokratischen Partei vorläufig ausgeschwiegen hat. Im Aufruf Mahrauns steht wohl viel von ״deutschen Menschen“, von dem Bestreben, die ״Front nach rechts zu erweitern“, kein Sterbenswörtchen von dem Ver* hältnis zu der neuen Verwandtschaft. Wir haben vor einiger Zeit den Fall Mahraun und sein Festhalten am Arier- Paragraphen im Jungdeutschen Orden behandclt. Heute wird man zunächst wohl am besten tun, wie die ״Frankfurter Zeitung“ richtig hervorhebt, wenn man abwartet, durch welche Personen die neue Partei in ihrer Kandidatenliste sich der Oeffentlichkcit präsentieren wird. In der Auflösungssitzung der Deutsch-Demokratischen Partei hat Dr. Bruno Weil an Mahraun die Gretchen-Frage gestellt, wie es um den ״Arier-Paragraphen“ steht. Er hat keine Antwort bekommen. Symptomatisch ist, daß Prof. Quidde gegen die Auflösung der Demokratischen Partei und ihre Verschmelzung mit dem Jungdeutschen Orden gestimmt hat. Ungleich einem großen Teile der demokratischen Presse, die die neue Staatspartei geradezu pathetisch begrüßt hat, verhält sich das ״Berliner Tageblatt“ zunächst reserviert, fm An- Schluß an die Auflösungs-Resolution der Demokratischen Partei schreibt das ״Berliner Tageblatt“: ״Statt das Festhalten an der Weltanschauung, an ,der wir seit einem Jahrzehnt gearbeitet haben‘, zu betonen, hätte der Hochmeister des Jungdeutschen Ordens vielleicht etwas über seine Stellung zum Antisemitismus sagen sollen, der in den letzten zehn Jahre bisweilen eine Rolle innerhalb der jungdeutschen Bewegung gespielt hat. Herr Koch-Weser hat in der Sitzung des demokratischen Partei-Ausschusses versichert, daß Herr Mahraun erklärt habe, der Antisemitismus in jeglicher Form liege ihm fern, aber in dem an die Ordensmitglieder geriehteten Aufruf findet sich eine derartige Erklärung nicht.“ — Die deutschen Juden werden also zunächst gut daran tim, mit einer abschließenden Beurteilung der neuen ״Staatspartei“ zu warten. Die Palästina-Exekutive während der Aapst-Tagangen Nachdem von den Mitgliedern der Palästina-Exekutive der Jewish Agency Dr. Maurice Hexte r und Dr. Werner Senator sich bereits in amtlicher Eigenschaft ins Ausland begeben haben, verlassen dieser Tage auch_ noch Josef Sprinzak, Dr. Arthur Ruppin und Rabbi Meir Ber- I i h das Land, um an den Sitzungen des Zionistischen Aktions- Comites und des Administrative Committee der Jewish Agency in Berlin teilzunehmen. Colonel Kisch, der zu Besprechungen nach London und Paris gefahren war, wird bereits Ende dieser Woche von seiner Europareise zurückkehren. Miß Henriette Szold soll wieder provisorisch in die Palästina-Exekutive der Jewish Agency eintreten und zusammen mit Colonel Kisch und Pinchas Ruthenb e r g die Geschäfte der Exekutive in Palästina führen, solange die meisten Mitglieder der Exekutive außerhalb des Landes weilen. Abschluß der liberalen Weltkonlerenz London , 25. Juli. (J. T. A.) Neben dem Plenum der liberalen Weltkonferenz in London, bei deren Schlußsitzung, stürmisch begrüßt, Rabbiner Dr. B a e c k (Berlin) doch noch sprechen konnte, nachdem er vorher verhindert war, der Konferenz wie beabsichtigt beizuwohnen und aktiv. an ihr_ teilzunehmen, fanden noch Sonderverhandlungen in Sektionen statt. In der Frauensektion sprach aus Deutschland Frau Ottilie Schöncwald, in der Jugendsektion referierte Hilde Lachmann-Mosse. Den Abschluß der Tagung bildeten einige gesellschaftliche Veranstaltungen. Der schwarze Fasttag Von Shmarja Levin. Anläßlich Tischab’ow bringen wir nachstehend einen (gekürzten) Abschnitt am dem ersten Band von Schmor ja Levint hochinteressanten Autobiographie, den wir in der ״J. R." bereits ausführlich besprochen haben. Red. Nach Schwuoth kam eine lange Folge eklig öder •Tage. Nicht einen einzigen Festtag gab es, der die trostlose Monotonie der Tage hätte unterbrechen wollen, und sie schleppten sich müde einher, aneinandergeklebt wie Pechbälle, bis zu den ״Drei Wochen“, die dem Schwarzen Fasten der Tempelzerstörung vorangehen und den ״Neun Tagen“, die auf sie folgen. Dieser Zeitabschnitt liegt zwischen dem 17. Tag des Monats Tammus und dem 9. des Monats Ab und fällt in den Hochsommer. Am 17. Tammus durchbrach der Feind die Mauern von Jerusalem und am 9. Ab, da er sich durch die Stadt durchgekämpft hatte, setzte er den Tempel in Brand und zerstörte ihn. Darum ist der 17. Tammus ein kleinerer Fasttag und der 9. Ab ist der schwarze Fasttag und dazwischen liegen die schwermütigen, grauen Halbtrauertage. Während dieser Zeit war es Pflicht zu trauern. Ich kann mich nicht entsinnen, ob ich wirklieh alle Drei Wochen hindurch traurig war, aber ich erinnere mich sehr wohl, daß die letzten Neun Tage ihre Wirkung auf mich nicht verfehlten. Ich büßte meine gewohnte Freudigkeit ein, wenigstens zu Hause. Wenig hatte sich am dttstem Aussehen meines Vaters geändert, aber meine Mutter ging bleich und ergeben im Hause umher und mehr als einmal sah man Spuren von Tränen auf ihren Wangen. Um sie herum bildete sich eine Atmosphäre von wirklichem Leid und wirklicher Trauer!und verbreitete sich von ihr aus durch das ganze Haus. Meine Mutter war es auch, die uns als erste von den Schrecken der Zerstörung des Tempels erzählte und sie trug die Farben dick auf. Sie erzählte uns über Nebukadnezar und Nebuzaradon und über Nero und den ruchlosen Titus. Aber über den letzten — vielleicht well er in der Rückschau der letzte ist, ergoß sich alle Bitterkeit Ihrer unterdrückten und gequälten Seele. Wenn sie die Geschichte erzählte, so geschah das mit solcher Unmittelbarkeit, mit soviel Leidenschaft und soviel persönlichet Empörung, daß das Gefühl für den Zeitabstand völlig verschwand. Es war so, als hätte sie die Leiden unserer Vorväter leibhaftig miterduldet. Das war nicht die Geschichte eines nationalen Untergangs, sondern die Wiedergabe eines persönlieh erlebten Unglücks. Sie führte uns von Swislowitz zurück nach Jerusalem, hinauf auf den Zionshügel und ließ uns den Tempel in seinem Glanz sehen, die Bundeslade und die Cherubim und den Altar aus purem Gold, den Hohepriester in seiner prunkvollen Tracht und die Schar der Priester und Leviten mit ihren glitzernden Musikinstrumenten — den Violen und Harfen, Pauken und Trompeten. Dann folgte die Geschichte der Zerstörung. Und meine Mutter gebrauchte die Worte ״w i r“ und ״u n s“ und ״u n s e r“ nicht als rhetorische Wendung, sondern aus einem Gefühl der Ueberzeugung. Uns machte der grausame Feind nieder, unser war das Haus, das er zerstörte. Mir war es dann so zu Mute, als ob wir, unsere Familie, unsere Verwandten und Freunde erst gestern in Jerusalem, der wunderreichen Stadt, gelebt, und als ob erst gestern Titus, der ruchlose uns nach Swislowitz vertrieben hatte, wo wir nun statt des goldenen Tempels und dem Hohepriester die hölzerne Synagoge hatten und Mottji, die Bohne*). Und ebenso mit demselben Ernst, mit dem sie uns von Nebukadnezar und Titus, dem ruchlosen, erzählte, schilderte sie uns die hassenswerte Rolle, die die Spinnen und Schwalben während der Zerstörung gespielt hatten. Diese beiden elenden Geschöpfe standen auf Seiten des Feindes. Als dieser die Stadt zu belagern begann, schwärmten sie von überall heran und trugen Feuerbrände in ihren Mündern herbei. Die Spatzen jedoch waren auf unserer Seite und sie trippelten heran und brachten Wasser in ihren Schnäbeln, aber gegen die Spinnen und Schwalben vermochten sie nichts auszurichten. Während sie die Schwalben ansah, sagte uns Mutter noch überdies, daß diese die Zeichen ihres Verrats bis zum heutigen Tage aufgedrückt hätten: unter ihrem Kehlchen befindet sich ein rojer Fleck, zur ewigen Erinnerung an ihre Brandstifterrolle. Keinem von uns fiel es ein, Mutter zu fragen, wieso die Spinnen und Schwalben in ihren Mündern Feuer tragen konnte, ohne sich zu verbrennen. Was immer Mutter uns sagte, war heilig, so daß wir die Frage erstickt hätten, wenn sie uns gekommen wäre. Abgesehen von ihrem unmittelbaren Eindruck auf uns, bewog uns diese Geschichte unsere Haltung den *) Spitzname des Chederrebben. Schwalben gegenüber zu ändern. Spinnen hatten wir sowieso immer gehaßt, aber für die Schwalben mit ihrem schwarzen Gefieder, ihrem anmutigen Flug und dem kleinen roten Fleck auf der Brust hatten wir immer eine Vorliebe gehabt, bis wir von ihrem unbeschreiblichen Verrat hörten. Von da an standen sie auf der Liste der verfluchten Dinge. Später, als wir in die Jahre des Nesträubertums. kamen, verschonten wir immer die Nester der Spatzen, aber erbarmungslos vernichteten wir die Nester und Eier der Schwalben. Ich habe mich oft gefragt, woher diese seltsame Volkslegende ihren Ursprung haben mag und wieso sich der Haß eines Volkes gegen den unschuldigen und entzückenden Vogel wenden konnte, der die Schwalbe ist. Es ist mir niemals gelungen, ihren Ursprung festzustellen. Dann kam der Sabbat Chazon (der Sabbat der Vision des Jesaia), der Sabbat vor dem Schwarzen Fasten und es war wirklieh ein schwarzer Sabbat. Es ist das einzige Mal, daß die Freude und Zufriedenheit, die der Jude verpflichtet ist am Sabbat zu empfinden von den ungeheuren Fittichen unseres unvergeßlichen Unglücks überschattet wird. An diesem Sabbat wurde in der Synagoge ein schwarzer Vorhang über den Thora- Schrein gezogen und alle Andächtigen, auch die angesehenen Bürger, die auf den bevorzugten Plätzen an der Ostw׳and saßen, erschienen im Werktagsanzug;. Jehudah, der Vorsteher, kam beinahe in Lumpen. An seinem Rock fehlten Knöpfe, sein Hemd sah an der Brust hervor und seine Schläfenlocken hingen ihm nachlässig über die Ohren. Er war das leibhaftige Symbol der Zerstörung. Nahe zum Pult des Kantors, abseits von allen übrigen, saß sein älterer Bruder Ziskind (der berühmte Rebbe meines Onkels Meyer) und wetteiferte mit Jehudah um den Preis der Verwahrlosung. Aber sein hageres Gesicht drückte weder Elend noch Kummer aus, sondern hatte ein grausames und böses Aussehen. Ich mußte immer denken, daß er mehr in die triumphierende Armee (des ruchlosen Titus gehörte als zu den fliehenden Scharen der besiegten und ausgeplünderten Juden. In der Ecke zur rechten Hand, im Schatten des Thoraschreins, saß der Rav selbst, Rabbi Wolf, ein alter Jude, der sowohl ein Gelehrter wie ein Heiliger wur. Er hatte keine äußeren Symbole der Trauer angelegt, aber wenn man ihn aufrief, um laut aus der Thora vorzulescn, kam er mit langsamen, stillen Schritten gegangen wie ein Mann, der tief in Gedanken versunken ist. Und uns alle überkam das Gefühl: So benimmt sich ein Mensch, der