Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1930-07-22 · Heft 57 (22.7.1930) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 57 (22.7.1930)
Date
1930-07-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653156-2653210--21713-2679843
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 57, 22. Vtl. 1030 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 383 Eine ״sensationelle Enthüllung“ Von unserem Genfer Mitarbeiter. K-y, Genf, 18. Juli. Die syrisch-arabische Delegation in Genf (Emir Chekib Arslan und Ishan EI-Dschabri Bey) hat, wie wir erfahren, dieser Tage dem Völkerbundsekretariat eine Denkschrift zugeschickt, worin noch einmal auf die MacMahon-Korrespondenj hingewiesen wird. Laut der Denkschrift soll es sich englischerseits um acht Briefe handeln, die. Sir Henry MacMahon in der Zeit vom 1. Juli 1015 bis zum 25. Januar 1916 an Hussein, den Scheriffen von Mekka, geschrieben haben soll. Die Denkschrift enthält nicht die Texte dieser Briefe, sondern ganz kurze, mit entsprechenden Zitaten durchflochtene, angebliche Inhaltsangaben. Diese Inhaltsangaben enthalten, im Vergleich mit den schon lange bekannten und veröffentlichten Auszügen der MacMahon-Korrespondenz, gar keine neuen Enthüllungen. Doch sollen sie, in der Auffassung ihrer Verfasser, einen Beweis für die — von den Engländern schon zu wiederholten Malen abgelehnte und widerlegte — These der Miteinbeziehung Palästinas in die den Arabern seitens Großbritanniens gegebenen Versprechungen erbringen. Außer obengenannter Bezugnahme auf die MacMahon-Korrespondenz enthält die Denkschrift den photographischen Abzug eines Briefes in arabischer Sprache, dem König Hussein am 8. Februar 1918 vom britischen Vertreter in Dschedda überreicht. Trotzdem der Inhalt dieses Briefes (dessen Wortlaut wir informationshalber nachstehend wiedergeben) im Zusammenhang mit Palästina ganz belanglos erscheinen muß, befleißigen sich die Verfasser der Denkschrift ihn als ein wichtiges" Gegenstück zu der am 2. November 1917, also einige Monate früher, abgegebenen Balfour-Deklaration darzustellen. In Wirklichkeit ist dieser Brief ׳— schon allein deshalb, weil er nach der öffentlichen Abgabe der Balfour-Deklaration geschrieben wurde״*— höchstens ein weiterer Beweis dafür, daß Palästina in die den Arabern seitens Großbritannien gegebenen Versprechungen nicht einbezogen war. Gemäß der beigelegten französischen Uebersetzung soll der fragliche Brief nachstehenden Wortlaut haben: Dschedda, den 8. Februar 1918 (den 27. 4. 1336). An Seine Majestät den König von Hedschas, Scheriff und Emir von Mekka, usw. Ich bin von Seiner Hoheit dem VIze-KÖnlg beauftragt, Euerer Majestät nachstehend im Wortlaut den Inhalt einer Depesche, aufgegeben durch das Außenministerium in London und durch die Regierung Ihrer Britischen Majestät an Euere Majestät adressiert, mitzuteilen: ״Die volle Aufrichtigkeit und Beflissenheit, derer Euere Majestät Zeugnis gab, indem Sie Seiner Hoheit dem Vize- König den an S. HT den Emir Feiaal und an Dschafar Pascha adressierten Brief des türkischen Kommandanten zuschickte, hat auf die Regierung Seiner Britischen Majestät den besten Eindruck gemacht. Die von Euerer Majestät bei dieser Geiegenheit getroffenen Maßnahmen können nur als Beweis der Freundschaft und Aufrichtigkeit, die die Beziehungen zwischen den Regierungen von Hedschas und Großbritannien immer gekennzeichnet haben, angesehen werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die von der Türkei geführte Politik danach trachtet, zwischen den alliierten Mächten und den Arabern — die unter dem Oberkommando und der Leitung Euerer Majestät Bewundernswertes zur Erlangung ihrer alten Freiheit geleistet haben — Verdächtigungen und Zweifel zu streuen. Die türkische Politik verBteitef SaÄiffiBrlKIt fflele Ver• dächtlgungen, redet den Arabern ein, daß die alliierten Mächte sich der arabischen Territorien bemächtigen wollen und trachtet andererseits die Alliierten glauben zu machen, daß man die Araber von ihren ursprünglichen Absichten abbringen kann. Aber die Behauptungen von Intriganten werden zwischen jenen, deren Geist und dessen Ideen demselben Ziele zugewandt sind, keine Zwietracht säen können. Die Britische Regierung, im Einvernehmen mit den Alliier• ten, verharrt in ihrer gunstvollen Haltung gegenüber allen Bewegungen, die die Befreiung unterdrückter Nationen zum Ziele haben und ist entschlossen, die arabischen Völker zu unterstützen in ihrem Kampfe um die WIederaufrichtung eines arabischen Reiches, in welchem das Recht und der Schert, die ,tnusulmanische Gesetzgebung‘, an Steile der türkischen Ungerechtigkeit die Herrschaft naben sollen und wo die durch die offiziellen türkischen Behörden künstlich aufgestachelte Zwietracht unter den Arabern verschwinden wird. Die Britische Regierung wiederholt ihre früheren Versprechungen bezüglich der Befreiung der arabischen Völker. Nachdem die Britische Regierung den Weg dieser Befrelungspolltik schon betreten hat, Ist sie entschlossen, ihn fest und ehrlich weiter zu verfolgen, um zu verhindern, daß die Araber, die schon beireit sind, nicht wieder in den Abgrund der Versklavung stürzen, und denen, die noch unter ihrem Joche stehen, zur Befreiung zu verhelfen.“ Geruhen Euere Majestät meine respektvollsten Huldigungen entgegenzunehmen. Der Vertreter der Britischen Regierung in Dschedda? Colonel P a b s t. Es hat sich natürlich ein amerikanischer Journalist in Genf gefunden, der diesen Brief als eine ״sensationelle Enthüllung“ seinem Blatte und seinen Lesern dargestellt hat. . , . Neue Stillung Montagne Burions London, 5. Juli. (J. T. A.) Einer Mitteilung des Vizekanzlers der Universität Cambridge ist zu entnehmen, daß Montague Button, der Vizepräsident der Zionistischen Föderation Englands, und Stifter des Chaim Weizmann-Lehr• Stuhls für Internationalen Frieden an der Universität Jerusalem, der Universität Cambridge eine Stiftung angeboten hat, aus deren Ertrag ein Lehrstuhl fürindustrielle Be- Ziehungen geschaffen werden soll. Die Aufgaben des Lehr- Stuhls sind dahin fixiert worden, daß ״die Arbeitsbedingungen und die Beziehungen zwischen Arbeitgebern Und Arbeitnehmern mit besonderer Bezugnahme auf die Ursachen von Industriekonflikten und die Methoden der Herstellung industriellen Friedens“ behandelt werden sollen. Der Geschäftsführende Ausschuß des Zionistischen Zentralverbandes für die Tschechoslowakei hat in seiner Sitzung vom 15. Juli folgende Resolution gefaßt und dem englischen Gesandten In Prag überreicht: ״Der Geschäftsführende Ausschuß des Zionistischen Zentralverbandes für die Tschechoslowakei beschäftigte sich in seiner Sitzung vom 15. Juli 1930 neuerlich mit der Tatsache, daß die britische Regierung im Widerspruch zum Sinn und Wortlaut des Palästina-Mandates die Suspendierung bereits bewilligter Einwanderung- Zertifikate aufrecht erhält, wir erklären, daß diese Haitung unser Vertrauen zur unparteiischen Durchführung des Mandates aufs ernsteste erschüttert und verlangen neuerlich Aufhebung dieser unbilligen Entscheidung.“ Die Weltkonferenz der Radikalen Kampf zwischen Grünbaum und Stricker. Von unserem Korrespondenten. -g. Warschau, 16. Juli 1930. Die zweite Weltkonferenz der radikalen Zionisten wurde aus denselben Gründen wie die erste im vorigen Jahre nach Polen einberufen, um hier, im Lande der größten jüdischen Siedlung und der stärksten Gruppe der Radikalen, der Weltkonferenz den gehörigen Rahmen zu geben und eine entsprechende Beteiligung zu sichern. Als die erste Weltkonfcrenz in Warschau zusammentrat, bildete noch die Grünbaum-Gruppe die Opposition in Polen. Heute ist sie am Ruder, und diese Tatsache blieb nicht ohne Einfluß auf das Auftreten Grünbaums bei der Tagung. Diesmal wählte man Lemberg, das stark pulsierende zionistische Zentrum Ostgaliziens, wo aus landespolitischen taktischen Erwägungen in den letzten zwei Jahren eine radikalzionistische Gruppe von Grünbaum ins Leben gerufen wurde, die aber keinesfalls mit der sogenannten galizischen Opposition identisch ist. Das Nebenziel der Weltkonferenz war es auch, diese erste Gruppe innerhalb der ihres Führers beraubten Zionistischen Organisation Ostgaliziens zu stärken. Die Konferenz, an der 148 Delegierte teilnahmen (69 aus Oalizien, 59 aus Kongreßpolen, 8 aus Alt- und Neurumänien, 6 aus Oesterreich, 4 aus Deutschland, je einer aus dir Tschecho- Slowakei und Palästina) verwandelte sich in einen öffentlichen Disput zwischen den einzelnen bekannten Führern der Radikalen, insbesondere zwischen Grünbaum und Stricker, welcher sogar geheime Sitzungen für diese Debatte verlangte. Goldmann und Soloweitschik bemühten sich um einen Ausgleich, und insbesondere war es das Verdienst Goldmanns, daß die Konferenz manchmal sich über die einseitige Problemstellung emporhob. Denn sonst gewann man den Eindruck, daß nach Abschluß des Agency-Kampfes die Radikalen nun in einer anderen Kampflosurtg die Berechtigung ihrer Sonderexistenz zu begründen suchen, nämlich im offenen, rücksichtslosen Kampf gegen die gegenwärtige Leitung, insbesondere gegen Präsident Weizmann. Man hörte zwar davon, daß die Radikalen den antiengfischen Kurs befürworten (auch da gab es übrigens Meinungs- Verschiedenheiten), daß sie die Reinheit des Judenstaatsgedankens innerhalb des Zionismus wahren wollen, aber Stricker, von Wilensky und Stern (Rumänien) unterstützt, spitzte die ganze Debatte auf den einen Fragepunkt zu: Weizmann muß Mißtrauen erklärt, er muß zur Demission gezwungen werden. Grünbaum hat in einem dreistündigen Referat, das wie ein Confiteor klang und für die Ehrlichkeit und staatsmännlsche Wandlung dieses Mannes zeugt, begründet, warum er mit Stricker nicht übereinstimme und weshalb er den Kampf gegen Weizmann gegenwärtig für schädlich ansehe. Weizmann — führte Grünbaum aus — habe zwar lange Jahre hindurch gegen die Warnungen der Opposition unbedingte Vertrauenspolitik gegenüber England geführt, aber die Rückschläge dieser Politik im letzten Jahre haben die stärkste Wirkung auf Weizmann selbst gehabt, und der Präsident der Weltorganisation verteidige gegenwärtig mit seiner ganzen Kraft unsere Rechte den äußeren Faktoren gegenüber. Im Augenblick, wo Weizmann auf dem vordersten Kampfposten sich befinde, müssen wir geschlossen hinter ihm stehen. Redner habe auch Weizmann erklärt, daß der Präsident im Kampfe um unsere gerechte Sache auf ihn rechnen könne. Grünbaum bekennt sich offen zu dieser seiner ״Sünde“ und will ruhig den ihm zugeschleuderten Vorwurf des Opportunismus für sich gelten lassen. Was ihn zu dieser Stellungnahme bewog» ,war tiefe Einsicht in die Stirnmungen der jüdischen Massen, insbesondere in Polen, nach den letzten traurigen Ereignissen. Gegenüber den sich zusammenschließenden feindlichen Mächten, um den Sturz des Zionismus herbeizuführen, gilt es, das Volk zu konsolidieren und ihm positive, aufbauende Losungen einzuprägen. Mit dem Schrei gegen Weizmann würde man mir einen Bürgerkrieg entfachen, und dies wäre die größte Sünde wider dem Zionismus im gegenwärtigen Augenblick. Grünbaum beruft sich auf die gesunden Instinkte der jüdischen Masse, welche eine rein negative Haltung nicht verstünde, dagegen im Kampfe mit den äußeren Mächten jetzt Wunder zu leisten vermöge. Stricker hat in mehrmaligem Auftreten seine intranslgente Haltung Weizmann gegenüber und den bekannten Argumenten und in einer leidenschaftlichen, temperamentvollen Weise ausführlich zu begründen gesucht: Er scheute nicht vor Drohungen einer Sezession und Warf insbesondere Grünbaum Bruch der Parteidisziplin und Ignorierung der Mehrheit vor. Wilensky sprach seine Verwunderung aus, daß Grünbaum sich von den Gefühlen der Masse tragen läßt und nicht, wie gewohnt, seine Anschauungen dem Volke beizubringen suche. Der scharfe Resolutionsantrag Strickers fand Unterstützung der österreichischen, altrumänischen und eines Teiles der polnischen Delegation, sowie Dr. Wilenskys. Soloweitschik übte scharfe Kritik an Welzmanns Politik, hielt es aber für notwendig, Grünbaum nicht zu desavouieren. Nach mehrstündigen leidenschaftlichen Debatten in der politischen Kommission wurde endlich ein Kompromiß vorschlag ausgearbeitet, welcher vom Plenum einstimmig an genommen wurde. Hierin wurde ein Mißtrauensvotum der Exekutive In London ausgesprochen und ihre Demission verlangt. Ferner wird die Einberufung eines ordentlichen Kongresses gefordert. Dieser Beschluß wird allgemein als ein Sieg der Stricker-Gruppe angesehen. Ein Buch über Bodenreform. Der Zionismus hat sich seit frühester Zeit für die Probleme der Bodenreform besonders interessiert, in der klaren Erkenntnis, daß beim Aufbau der Nationalen Heimstätte in Palästina, wenn sie ihren nationalen Sinn erfüllen soll, die auf dem Großgrundeigentum beruhenden sozialen Uebel von vornherein ausgeschaltet werden sollen. Es wird daher vielen Zionisten willkommen sein, in einem kürzlich in der ״Deutschen Buchgemeinschaft“, Berlin, erschienenen Buche des preußischen Regierungsrates Max H arteck, das den Titel führt ״Damaschke und die Bodenr e f o r m“, einen vollständigen Ueberblick über die Probleme zu erhalten. Harteck gibt an Hand von Zitaten aus Damaschkes Schriften eine instruktive und populäre Einführung in die Materie. Ein besonderer Abschnitt ist dem Leben Damaschkes gewidmet, dann folgt ein geschichtlicher Abriß, wobei die bodenreformerisenen Lehren von Moses und den Propheten hervorgehoben werden, sodann folgt eine Darstellung der Theorie und Praxis der Bodenreform und schließlich ein Hinweis auf ״drei bedeutungsvolle Experimente“, und zwar Sowjetrußland, Palästina und China. In dem Abschnitt Palästina wird ein Abriß der Geschichte des Zionismus und der palästinensischen Kolonisation gegeben und insbesondere die Tätigkeit des Keren Kajemeth aargestellt. Harteck kennt auch die Schwierigkeiten der palästinensischen Bodenpolitik und stellt fest: ״Die Zionistische Organisation ringt unter den widrigsten Verhältnissen mit hohem sittlichen Ernst und tiefem Verantwortungsgefühl für ihr Volk unr'Probleme einer Aufbauarbeit, die der ernsten Anteilnahme wert sind.“ Und er erinnert an eine Unterredung Weizmanns mit Damaschke, von der Damaschke sagte, daß er sie nie vergessen wird. Das Buch vermag auch dem Laien mannigfache Anregung zu geben. Presseschau Die dem Kolonialamt nahestehende englische Wochenschritt ״Near East and India“ schreibt in dem Leitartikel ihrer letzten Nummer bei Besprechung des Statements der politischen Kommission der Jewish Agency u. a.: Der Erfolg des Jüdischen Nationalheims ist in weitem Ausmaße abhängig von der Zusammenarbeit zwischen Judenheit und britischer Regierung. Diese Zusammenarbeit wird durch nichts so sehr behindert wie dadurch, daß man fortgesetzt einen, wenn auch ungeladenen, Revolver gegen den Kopf der englischen Regierung gerichtet hält. Würde man die gegenwärtige Taktik gegenüber Großbritannien im Jahre 1917 angewandt haben, dann würde es keine Balfour- Deklaration geben. Wenn es je nötig■ war, zu ״sanfter Vernünftigkeit“ zurückzukehren, dann ist jetzt der Zeitpunkt gekommen. Die Umstände erfordern fm Interesse des Jüdischen Nationalheims eine sorgfältige zusammenfassende Prüfung der Angelegenheit in Palästina. Viel wichtigere Dinge stehen auf dem Spiel als die 2300 Zertifikate. * ln der — im allgemeinen konservativen — ״Empire Review“ veröffentlicht Harmah Bertnan einen enthusiastisehen Reisebericht über ״Eltern und Kinder in Palästina“, worin die Erziehungsmethoden in den kommunistischen Kolonien als außerordentlich vielversprechendes Experiment geschildert werden. Die Verfasserin, die längere Zeit als Gast bei den Kolonisten gelebt hat, beschreibt, wie die Kinder, sobald die Mütter wieder ihrer Arbeit nachgehen können, in Säuglingsheime gebracht werden, wo sie die Mütter allerdings noch aus einer gewissen Entfernung überwachen, — wie sie von da in die Kindergärten und dann in die Schule kommen. Besonders lobenswert sei, daß den Kindern nichts verboten werde, so daß Me ganz ohne die Furchtsamkeit und die schrecklichen Minderwertigkeitskomplexe ihrer eurojaäischen Altersgenossen aufwüchsen! Auch trage die frühzeitige Er- Ziehung zur praktischen Arbeit gute Früchte. Der Gesundheitszustand sei hervorragend, was freilich wohl damit zusammenhänge, daß diese Kolonistenkinder von einer kör perliehen und geistigen Elite abstammten. * In der Monatsschrift des deutschen Mlsrtch! ״Zion“ wird im letzten Heft die sehr interessante Diskussion üb» den ״Sinn des M1 srachi“ fortgesetzt, an der sich diesmal Rabb. Dr. Unna, Elfriede Strauß und Bernhard Brecher beteiligen. Indirekt zu diesem Thema gehört auch die Kontroverse über den Fall Magnes zwischen Dr, Ernst Simon und Dr. W 01 f s b e r g. Simon sucht an der Hand der Magnessehen Broschüre ״Wie alle Völker?“ nachzuweisen, daß für den religiösen Zionisten gar keine andere Möglichkeit bleibe, als im Einklang mit seiner religiösen Weltanschauung auch die politische Ideologie von Magnes zu bejahen; es sei sogar vom Gesichtspunkt des traditionstreuen Juden zu bedauern, daß es ein Liberaler und nicht ein Orthodoxer war, der die jüdische Politik auf die rabbinische Tradition stützen wolle. Demgegenüber vertritt Dr. Wolfsberg die Meinung, daß Magnes die politische Bedeutung der Balfour-Deklaration und des Mandates verkenne und daß auch Magnes die ausschiaggebende Bedeutung Palästinas für das jüdische Volk nicht ge* nügena würdige. Die Lektüre dieser Polemik sowie mancher anderen Beitrage des Interessanten Heftes wird auch über den Kreis des Misrachi hinaus für viele Zionisten interessant sein. 4t ■■iß Im ״Tagebuch“ vom 19. d. M. veröffentlicht Hugo Schulz (Wien) einen Aufsatz ״Das Recht auf Pa- 1 ä s t i n a“. Der Artikel befaßt sich weniger mit den aktuellen Problemen der Politik als mit einem pseudo-wissenschaftlichen Nachweis, daß die Juden eigentlich keine Juden sind, daß vielmehr die Araber eigentlich Juden sind und daß daher auch die Juden kein Recht auf Palästina haben. Diese gelehrte These sucht der Verfasser in der bekannten journalistischen Manier dadurch zu stützen, daß er seine Darlegung mit den suggestiven, dem naiven Leser sicher imponierenden Worten einfeitet; ״Die moderne Geschichtsforschung hat festgestellt, daß . . . . usw.“ Die heutigen Juden seien Nachkommen von Proselyten, die allen anderen Nationen angehörten, nur nicht der jüdischen. Dagegen seien die jüdischen Bewohner Palästinas im Laufe der geschichtlichen Umwälzungen in Araber verwandelt worden. Der Verfasser betont, es liege ihm fern, ״für oder gegen die zionistische Ideologie Stellung zu nehmen“. Seine Ausführungen werden aber wenig geeignet sein, zur Lösung des Palästinaproblems beizutragen. Denn wenn auch die Juden sich irren sollten, wenn sie meinen, dem jüdischen Volk anzugehören, so ist dieser Irrtum doch eine stärkere geschichtliche Kraft und Realität als alle historischen Konstruktionen, die richtig oder falsch sein können, aber niemals irgendeine bewegende Kraft haben werden. Es ist auffallend, daß das Tagebuch, wenn es schon zum Palästinaproblem Stellung nehmen wollte, nichts Wesentlicheres zur Sache zu sagen weiß als dieses. Ein jüdisch-liberales Sammelbuch, Anläßlich der liberalen Weltkonferenz, die soeben in London Zusammentritt, wäre ein Hinweis auf das Buch nachzutragen, das zur letzten Weltkonferenz in Berlin herausgegeben wurde: ״Festgabe für Claude Montefiore“ (Kommission Philo-Verlag, Berlin). Das Buch enthält eine große Zahl kleiner Arbeiten, geordnet nach dem Alphabet der Verfasser-Namen; unter den Mitarbeitern sind die bedeutendsten Köpfe und bekanntesten Rabbiner und sonstigen Funktionäre des deutschen liberalen Judentums wie Baeck, Dienemann, Eibogen, Goldmann (Leipzig), Gottsehalk, Lehmann, Levi (Mainz), Lewkowitz, Maybaum (Frankfurt/Oder), Norden, Frau öllendorf, Salomonski, Samuel, Seligmann, Heinrich Stern, Vogelstein, Max Wiener u. a. Wenn man von einigen kleinen antizionistischen Entgleisungen und ein paar für unsern Geschmack zu stark apologetischen Nuancen absieht, kann dieses Buch auch von national-jüdischen Lesern mit Genuß und Gewinn gelesen werden. Ist doch das Motto, das einer der Autoren (Justizrat Blau) seinem Beitrag voransetzt, ״Judaeus sum; Judaei nil a me alienum puto“ gewiß ein Grundsatz, ja geradezu die konstitutive Norm des nationalen Judentums im Gegensatz zu jenem — nun in der Hauptsache doch der Vergangenheit angehörenden — Konfessionalismus, der nichts als den rein religiösen Zusammenhang als ver1bindlich anerkennen wollte. Mehrere Beiträge des Buches zeien deutlich das Ringen nach positiveren Grundlagen im moernen jüdischen Liberalismus. Aufsätze, wie die von Eibogen, von Lewkowitz, oder aber von Wiener und Maybaum, bedeuten sicherlich eine Umkehr, eine Besinnung des liberalen Judentums auf seine ״Wandlungen“, was z. B. Lewkowitz so ausdrückt: ״Nicht Anpassung an die Umwelt, sondern Betonung der jüdisch-religiösen Eigenart scheint mir jetzt die Aufgabe des Liberalismus zu sein“, und Befreiung der religiösen Problematik aus ihrer Befangenheit in den rationalistischen Opportunismus des assimilatorischen Zeitalters. Schon allein der Aufsatz von Baeck, der an Hand einer Stelle des ״OIenu“-Gcbetes die jüdische Erlösungsidee — Mitwirkung des Menschen an der Erlösung — beleuchtet, lohnt die Bekanntschaft mit dem Buche. sch,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.