Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 56 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 378 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 56, 18. VII. 1930 Schildkraut-Theaters und als Autor der erfolgreichen Dramen, in denen Schildkraut seine letzten großen Gestalten schuf, engstcn Umgang mit dem verstorbenen Künstler hatte, schreibt der JTA. u. a.: ״Zum ersten Mal kam Schildkraut 1912 nach Amerika. Ein Jahr später kam er nach Europa zurück, übersiedelte aber in der Zeit des Krieges mit seinem Sohne, Joseph Schildkraut, und seiner Frau wieder nach Amerika. Das erste Jahr war er der Star im Jewish Art Theatre, unter der Direktion Schnitzer. Dann folgen seine Wanderungen hier und da, zufälliges Auttreten in verschiedenen jiddischen Theatern, einige mißlungene Versuche, englisch zu spielen, und dann die letzte Blüte seiner Karriere, das Schildkraut-Theater, das er, sein Sohn und ich, 1925 gegründet haben. Ein kleines intimes Theater, 288 Plätze, das letzte Haus weit in der Bronx. Vierzehn junge talentvolle, aber fast völlig unerfahrene Schauspieler. Der große Künstler Schildkraut, als Lehrer, Ratgeber, Direktor und Vater. Die erste Aufführung meines Stückes ״Bronx-Exprcss“ war ein Triumpf Schildkrauts und des Theaters, hunderte Male wurde das Stück gegeben. Der alte Meister zeigte sich wieder in seiner wunderbaren Gestalt des armen jüdischen Arbeiters Chaskel Hungcrstolz. Aus den jungen unerfahrenen Schauspielern macht er in kurzer Zeit eine festzementierte Künstlergruppe. Seine allerletzte Bühnenrolle war eine Episodenfigur in meiner Tragikomödie ״Sänger seiner Trauer“, wo er eine alte Marktfrau spielte. Dann wurde er zusammen mit seinem Sohn nach Hollywood gerufen und kam zur Bühne nie mehr zurück. Aus den Gemeinden Wahlen zum Preußischen Landesverband (Amtiich.) Am 30. November 1930 finden die Wahlen zum Verbandstage des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gcmeinden statt. Der Verbandstag besteht aus Abgeordneten, welche von den Mitgliedern der zum Verband gehörigen Gemeinden gewählt werden. Wahlberechtigt und wählbar sind alle volljährigen, einer Verbandsgemeinde angehörenden Juden beiderlei Geschlechts, die mindestens ein Jahr vor Auslegung der Wählerlisten innerhalb einer Verbandsgemeinde ihren Wohnsitz gehabt haben. Ausgeschlossen vom Wahlrecht ist, wer entmündigt ist oder unter vorläufiger Vormundschaft steht, und wer sich nicht im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befindet. Die Abgeordneten werden in allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer Wahl nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt. Auf je 3000 Seelen entfällt ein A.bgeordneter; insgesamt wird der künftige Verbandstag 130 bis 140 Abgeordnete zählen. Die Abgeordneten werden auf die Dauer von vier Jahren gewählt, die Wahlperiode läuft vom 1. Oktober bis zum 30. September. Die Wahlordnung, aus der alles Nähere über die Bildung der Wahlbezirke und das Wahiverfahrcn zu ersehen ist, kann durch das Büro des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Berlin- Charlottenburg, Kantstr. 158, bezogen werden, ln der Wahl- Ordnung sind insbesondere auch die näheren Bestimmungen über die Einreichung von Wahlvorschlägen und Auslegung von Wählerlisten enthalten. * Die ReiehsarbeilsgemeiiischaN (Amtlich.) Die Reichsarbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände trat am 13. Juli in Berlin zu einer Beratung zusammen. Den Vorsitz führte Kammergerichtsrat W 0 I f f. Zur Sprache kam eine Reihe von Gegenständen, die über den! Bezirk eines einzelnen Landes hinaus für die Gesamtheit der deutschen Juden von Wichtigkeit sind. Die Versammlung beschäftigte sich zunächst mit der schweren Lage, die durch die allgemeine in Deutschland und besonders unter den Juden herrschende wirtschaftliche Not geschaffen worden ist. Es wurde im Anschluß an die von der Tagung des Preußischen Landesverbandes Ende März d. J. gefaßten Beschlüsse in Aussicht genommen, daß aus allen Teilen Deutschlands dem bereits gebildeten Ausschüsse die vorhandenen Unterlägen zueführt werden sollen und daß dann unter Zuziehung südeutscher Vertreter in einer gemeinsamen Sitzung endgültig über die Einberufung der geplanten allgemeinen Wirt- Schaftskonferenz entschieden werden soll. Auf dieser ist insbesondere auch die Gründung von Bezirksdarlehnskassen ins Auge zu fassen. Die Vorarbeiten zur Bildung einer Oesamtorganisation der deutschen Juden, die von allen Seiten als dringend notwendig bezeichnet wurde, sollen in der Weise aufgenommen werden, daß zunächst durch den von dem Preußisehen Landesverband bereits eingesetzten Ausschuß ein neuer Verfassungsentwurf ausgearbeitet, und daß dieser alsdann einem größeren Kreise von Beauftragten aller Landesverbände vorgelegt wird, der prüfen soll, ob für seine Annahme bei den zuständigen Stellen begründete Aussicht besteht. Es soll unter allen Umständen vermieden werden, daß der neue Versuch, die deutschen Juden in einen Reichsverband zusammenfassen, wiederum durch unvorhergesehenen Widerspruch maßgebender Stellen zum Scheitern gebracht wird. Als eine weitere für das gesamte deutsche Judentum äußerst bedeutungsvolle Frage wurde angesichts der ständigen Abnähme der jüdischen Bevölkerung die Durchführung einer zweckmäßigen B e v ö I k e r u n g s p o I i t i k bezeichnet. Die Schwierigkeiten, durch geeignete Maßnahmen eine Besserung herbeizuführen, wurden nicht verkannt. Es wurde den am 24. Februar 1929 durch die von dein Preußischen Landesverband einberufene bevölkerungspolitische Konferenz gefaßten Beschlüssen grundsätzlich zugestimmt und ihre Verwirklichung in die Wege geleitet. Die äußerst mißlichen Verhältnisse in den kleinen Landesverbänden, die zum Teil nur eine geringe Zahl Seelen umfassen und deshalb kaum als leistungsfähig angesehen werden können, wurde aufs neue besprochen. Es wird erforderlich sein, daß mehrere kleine Verbände sich zusammentun oder Anlehnung an einen der großen Verbände suchen, die bereit sind, nach ihren besten Kräften dazu heizutragen, das jüdische Leben auch in den kleinen deutschen Ländern zu erhalten und zu stärken. * Breslauer Gemeindevertretung Von unserem Berichterstatter. In der vorwöchigen Sitzung der Breslauer Gemeindevertretung interpellierte die zionistische Fraktion, was die Gemeinde- Verwaltung zur Abhilfe der wirtschaftlichen Not unter den Juden der Gemeinde Breslau zu tun gedenke. Die Liberalen wollten die Verhandlung zunächst in die geheime Sitzung verwiesen wissen. Auf den energischen Widerspruch von zionistischer Seite erklärten sie sich dann damit eitiverstanden, daß zunächst einmal das Referat in öffentlicher Sitzung gehalten werde. Der Referent, Rechtsanwalt Sam. Notmann, gab eine eingehende Darstellung der Lage der deutsehen Juden und setzte auseinander, daß die von gewissen liberalen Seiten geflissentlich vertretene Auffassung, es gäbe keine spezifische jüdische Wirtschaftsnot, durchaus falsch sei. Er versuchte die Ursachen dieser Not darzulegen, die er insbesondere in der immer fortschreitenden Ausschaltung des Zwischenhandels, der starken Konzernbildung mit antisemitisehen Tendenzen in den Leistungen, Terror der Angestellten, Schwäche und Nachgiebigkeit, auch Gleichgültigkeit vieler jiidischer Chefs erblickt, und ging dann zu einer Darlegung der Möglichkeiten von Gegenaktionen über. Redner behandelt dabei besonders Kreditmaßnahmen für den Mittelstand und Berufsumschichtung, wobei er auch auf die bisher ausgedehnteste Umschichtung durch den Zionismus mit seiner Chaluzbewegung hinweist. Namens des Gemeindevorstandes dankt dem Referenten Frau Justizrat Ollen dorff für seine eingehenden sachlichen Ausführungen. Sie gibt Einzelbilder aus der Notläge der Breslauer Juden, geht aber weiterhin fast nur aut die Darlegung dessen ein, was die Gemeindeverwaltung durch ihr Wohlfahrtsamt bereits zur Besserung der Lage tue. Ihre Ausführungen wurden dann noch durch den Leiter der Berufsberatung und produktiven Fürsorge, Gem.-Vertr. Preuß, in Einzelheiten ergänzt. Sonderbarerweise wandte sich darauf der Vorsitzende der konservativen Fraktion, Dr. Josef Schle- Singer, gegen den theoretischen und in die Zukunft weisenden Teil der Ausführungen des Referenten und stellte demgegenüber die Fürsorge für die akute Not. Er mußte sich sich dann erst von Rechtsanwalt Dr. Lux über die Kurzsichtigkeit seiner Auffassung belehren lassen, der dann weiterhin den Wert und die Bedeutung der bisherigen Arbeit durch das Wohlfahrtsamt durchaus anerkennt, indes noch einmal die weiterreichende Bedeutung der Arbeit für die Zukunft unterstreicht. Ein in Stellvertretung anwesender liberaler Gern.- Vertreter, Herr Wolfssohn, gefiel sich in ganz unmotivierten Ausfällen gegen Zionismus und Keren Hajessod, die dann von Rechtsanwalt Jacobsohn überlegen zurückgewlesen wurden. Er wies u. a. darauf hin, daß die Zionisten und die Freunde des K. H. sich wegen ihrer Betätigung für Palästina nicht ihren sonstigen Pflichten für das Judentum entziehen. Sie ständen darum bei keiner anderen Sammlung hinter den andereu zurück. Er betonte noch einmal die Notwendigkeit, die Dinge mit einem größeren Weitblick zu betrachten und für die kommende Generation zu sorgen. Gem.-Vertreter Gins (lib.) bezeichnete zum Schluß die ganze Debatte als einen guten Schritt vorwärts. Es wnirden dann zwei Kommissionen eingesetzt, von denen die eine die aktuellen Arbeiten des Wohlfahrtsamts unterstützen und fördern, die andere die Gesamtfrage insbesondere im Hinblick auf die Zukunft studieren soll. 01. Kleine Nachrichten Herr Dr. B e r k s o n , Leiter des Erziehungsdepartments der Jewish Agency, begibt sich am 17. Juli auf Urlaub nach Amerika. Während seiner Abwesenheit wird ihn Herr Dr. J. L u r j e vertreten. Dr. Bcrkson wird sich auch an der Sitzung des Administrative Committees des Councils der Jewish Agency in Berlin beteiligen. Der Inspektor der allgemeinen Schulen, Dr. E. Rieger, begibt sich zu Studienzwecken nach Amerika. Herr Schuldirektor A. Amon wird ihn im kommenden Schuljahr vertreten. (Ziko.) Am 4. Juli besuchten Fellachen aus dem arabischen Dorf Deboria die jüdische Siedlung Tel Adaschim und nahmen an der Einweihungsfeier des Schulgebäudes teil. Am 6. Juli wurden die Mitglieder der Siedlung zu einer Hochzeit im arabischen Dorf eingeladen. (Ziko.) Es sind jetzt in Palästina 23 Kinos in Betrieb mit etwa 20 000 Sitzplätzen. Die Kinos werden wöchentlich von über 30 000 Personen besucht. 7 Kinos sind für Vorführung von Tonfilms eingerichtet. (Ziko.) Nach den offiziellen Datön sind im Mai 1930 267 Juden ins Land eingewandert und 189 Juden haben das Land verlassen. 67 Christen sind eingewandert, 32 ausgewandert. 24 Mohammedaner sind einuna 55 ausgewandert. 7 Einwanderern, die den Einwanderungsgesetzen nicht nachgekommen sind, wurde der Einlaß verweigert. (Ziko.) Im Monat März kamen 7198 Reisende und 2060 rückfahrende palästinensische Einwohner, ausschließlich neuer Immi־ granten, nach Palästina. (Zikcx) ' . ~ ״•־; Am 1. Juli wurde in Tel-Avviw die erste chemisch-pharmazeulische Fabrik eröffnet. (Ziko.) Barclays Bank beschloß, eine Filiale in Akko zu eröffnen. Es ist dies die erste Bank in Akko. (Ziko.) Der Zionistischen Organisation Alt -Rumäniens, die schon seit zwei Jahren regelmäßig Ferienkolonien für hebräische Lehrer eingerichtet hat, ist es in diesem Jahre gelungen, die Ferienkolonie nach Palästina zu verlegen. 13 Lehrer und 7 Lehrerinnen haben am 11. Juli Rumänien verlassen, um an der Ferienkolonie in Palästina teilzunehmen. Am 2. Juli fand in Jerusalem unter Teilnahme von Vertretern des Erziehungsdepartments der Regierung, der Handelskammer, der Lehrerorganisation, der Beamtenorganisation, der Waadath Hatarbuih, des Waad Halaschon, des Ffauptbüros des Keren Hajessod und sonstigen Interessenten eine Prüfung von Absolventen eines Kurses für hebräische Stenograp 111 e statt. An der Prüfung beteiligten sich sechs Schülerinnen und ein Schüler. Der Syndikus des Central-Vereins, Dr. Alfred Wiener, ist aus der Berliner Leitung des ״Reichsbundes jüdischer Front- Soldaten“ ausgeschieaen. Bei der Ablehnung der Frickschen Haßgebete durch den Staatsgerichtshof in Leipzig erklärte der Vertreter der thüringischen Regierung, daß mit dem Ausdrucke ״Volks- Verrätern“ die Juden nicht gemeint seien, da von den Landes- Verratsverbrechern 90 «0 echte Deutsche sind. Wenn Frick im Thüringischen Landtag erklärt habe, dieser Aufruf richte sich gegen die Juden, so sei das nur darauf zurückzuführen, daß Frick von den Sozialdemokraten aufs Glatteis gelockt worden sei. ״Dewarenu". Die hebräische Organisation Wiens gibt seit Frühjahr dieses Jahres eine hebräische Monatsschrift mit dem Namen ״Dewarenu“ (״Unser Wort“) unter der Redaktion von J. Gelernter heraus. Bisher sind vier Nummern erschienen, die Intention und Charakter der Zeitschrift in geringendem Maße erkennen lassen. Es ist ein sehr anerkennenswertes Streben, das die hebräisch-literarischen und -organisatorischen Kräfte Wiens um ein Organ eint, dessen Ziele über ein bloßes lokales Mitteilungsblatt vereinsmäßiger Art weit hinausführen. A.n der Zeitschrift beteiligen sich als Mitarbeiter hauptsächlich Schriftsteller und Journalisten der Diasporaländer. Daß das hebräische Wien seihst dabei besonderen Anteil nimmt, liegt in der Natur der Sache. Es ist seit langem wieder ein ernster Versuch, für die spezifischen Bedürfnisse des hebräischen Lesepublikums unserer Zonen eine periodische Zeitschrift zu schaffen, die, halb publizistisch, halb literarisch, den lebendigen Zusammenhang ihrer Leser mit Palästina, dem Leben der Juden in den Galuthlänuern und vor allem mit dem neuen hebräischen Buch anstrebt. An die einzelnen Beiträge der Zeitschrift strenge literarische Maßstäbe anzulegen, wäre ungerecht. Dazu sind wir in der Diaspora noch immer nicht in der glücklichen Lage. Wir müssen von Herzen dankbar sein, daß sich immer vvieder herzhafte Männer finden, die den Mut und Unternehmungsgeist besitzen, einen derartigen Versuch mit neuen Hoffnungen zu wiederholen. Der Zeitschrift wäre ein recht großer Leserkreis zu,,wünschen, besonders auch unter denen, deren hebräische Lektiiremöglichkeit schon rein miantitativ zu gering ist, um eine Wochenzeitschrift oder gar Tageszeitung zu bewältigen. M. M. (״Dewarenu“, Wien IX, Liechtensteinstr. 80/23. Abonnement jährlich 4,80 Schilling. Einzelnummer 0,40 Schilling.) Briefe an die Redaktion Die Koseher-Verpflegung der Palästina-Reisenden Sehr geehrte Redaktion, Im Hinblick auf das in Nr. 44/45 der ״Jüd. Rundsch.“ unter obig’em Titel abgedruckte Schreiben erlaube ich mir meine Erfahrungen kurz zu schildern. Ich fuhr nicht wie die Schreiber des vorigen Briefes auf der ״Camaro“, sondern auf deren Schwesterschiff ״Adria“, das genau gleich gebaut und eingerichtet ist und alternierend mit der ״Carnaro“ den direkten Schiffsverkehr Triest—Palästina und zurück des Lloyd Triestino versieht. Das Problem zerfällt in zwei verschiedene Teile: die grundsätzliche Organisation der Koscher- Verpflegung (eigene Küche oder behelfsmäßige Versorgung) einerseits, die praktische Durchführung nach getroffener Wahl des behelfsmäßigen Weges andererseits. Was zunächst den zweiten Teil angeht, so war bei der ״Adria“ keine der in der erwähnten Zuschrift enthaltenen Klagen mit Berechtigung zu erheben, und nach den mir gewordenen Auskünften ist die Sachlage auf der ״Adria“ regelmäßig dieselbe wie auf der jüngsten Fahrt. Die an der Koscher- Verköstigung teilnehmenden Reisenden machten eine Minderheit (1/4 bis 1/3) der Reisenden der 3. Klasse — von der hier allein die Rede sein soll — aus; über die Ursachen siehe unten. Man wird es nicht verargen können, wenn unter diesen Umständen von den zwei in Betracht kommenden Räumen der Mehrheit der bessere und hellere Speiseraum zur Verfügung gestellt wird; beide Speiseräume stoßen aneinander an, liegen also auf dem nämlichen Deck. Auf der 4V3 Tage dauernden Reise wurden dreimal warme Fleischkonserven einer ersten deutschen Koscherfirma, einmal (Schabbat) frischer Fisch serviert; die im übrigen mittags und abends den Koscherpassagieren verabreichten Speisen, wie Eier, Salat, Kartoffeln, Tomaten, Gurken, Sardinen usw. imd Obst, wirken auf die Dauer natürlich einförmig, waren aber — entgegen der erwähnten Zuschrift — ihrer Qualität nach keinesfalls zu beanstanden. Andererseits ist positiv zu rühmen, daß das gesamte Personal des Schiffes, vom Kommissar und Kapitän bis zu den Kellnern und Stewards der 3. Klasse, in jeder Weise freundlich und entgegenkommend war und auf besondere Wünsche der Passagiere, auch z. B. hinsichtlich der Verköstigung der kleinen Kinder, im Rahmen des Möglichen stets bereitwilligst einging; der Kapitän U. Steindler, der Jude ist und einen eigenen Sefer Thora zum Gebrauch bei den *gemeinsamen Gottesdiensten auf dem Schiff mitführt, ist durch sein tätiges Verständnis für die Interessen der Passagiere, namentlich auch derer der 3. Klasse, schon zu einer populären Figur bei den Benutzern der ״Adria“ geworden. Wie scharf die Gesellschaft bei einer ihr zu Gehör kommenden berechtigten Klage der 3. Kl.-Passagiere durchgreift, hat sich erst ganz kürzlich gezeigt, und so ist mir kein Zweifel, daß auf der ״Carnaro“ durch neue Instruktionen Remedur erfolgt. oder schon erfolgt ist. —• Wie nur anhangsweise erwähnt sei, ist die Koscherverpflegung in der 2. Klasse vorzüglich; daß bezüglich der Kaschruth-Vorschriften eine aktive Mitwirkung der es genau nehmenden Passagiere — die vom Koch entgegen• kommend ermöglicht wird — unerläßlich ist, versteht sich von selbst. Weit schwieriger und nur in eingehenden Ver- Handlungen jüdischer Stellen mit der Direktion des Lloyd Triestino lösbar ist die grundsätzliche Frage der Einrichtung einer Koscherküche auf den beiden oder vielmehr den drei bis vier Schiffen, die hoffentlich bald eine allvvöchentliehe Verbindung Triest—Jaffa hersteilen werden. Von Lloyd- Seite werden wesentlich zwei Momente genannt, die einer Koscherküche im Wege stehen. Zunächst die Erfahrungen, die vor vier Jahren damit auf den (damals drei) Dampfern der Link gemacht wurden: das einförmige, wesentlich aus *Rindfleisch bestehende Essen haben den Teil der Passagiere, der nicht aus religiösen Gründen sich gebunden fühlte, unbefriedigt gelassen und zur Abwanderung aus der Koscherabteilung veranlaßt. Zweitens der Umstand, daß auf den heute verwendeten Schiffen nur eine einzige Küche für samtliehe Klassen benutzt und zur Einrichtung einer Koscherküche also ein Einbau erforderlich wäre. Dem ersten Argument könnte vermutlich durch Wahl eines nicht nur religiösen, sondern auch wirklich geschickten Koches begegnet werden. Ob auch zur Ueberwindung der zweiten Schwierigkeit die Stunde heute reif ist, mögen die zuständigen jüdischen Instanzen in Palästina und Europa durch Verhandlungen mit dem Lloyd Triestino, der es an Verständnis bisher nicht hat fehlen lassen, unverzüglich klären! Prof. A. Fraenkel-Jerusalem (z. Zt. München). Vermischtes Köln. Der vor einiger Zeit gegründete ״Chug Iwri“ veranstaltet während der Sommermonate einen Vortragszyklus über die Neuhebräische Literatur. Die Vorträge finden zweiwöchentlich, Montags 9 Uhr abends, im Jugendheim, statt. Im Rahmen dieser Vorträge sprach Herr Elieser Remen übet die ״Haskalahepoche“ und Herr Dr. Weindling über ״Moses Mendelsohn“. Die nächsten Vorträge finden am 21. Juli mit einem Referat von Frl. Gold über ״Mapu“ und am 4. August mit einem Vortrag von Herrn E. Führer über ״J. L. Gordon“ statt. Ein großer Teil der Teilnehmer setzt sich aus Schülern der Hebräischen Sprachkurse des Lehrhauses zusammen. Es ist zu hoffen, daß der ״Chug iwri“ in immer stärkerem Maße zu einem Mittelpunkt der Kölner Hebraisten werden wird. E. F. Der Landesverband der Zionisten-Revisionlsten in Deutschland teilt uns mit: Am 9. Juli fand in der Meinekestr. 10 eine Generalversammlung der Berliner Revisionisten statt. Herr Richard Licht heim begrüßte die Versammlung, insbesondere eine Anzahl neuer Gesinnungsgenossen, die zum erstenmal an dieser Sitzung teilgenommen haben. Herr Richard Lichtheim referierte über die politische Situation. Im Anschluß daran entspann sich eine Diskussion, die sich mit den Fragen der Agency, der Beziehung der revisionistischen Organisation zur Weltorganisation und mit den Fragen der praktischen Arbeiten des Revisionismus in Deutschland befaßte. Herrn Dr. Ettisch, der aus privaten Gründen von seinem Posten als Geschäftsführer zuriiekgetreten ist, wurde der Dank für seine Arbeit ausgesprochen. Es wurden die Wahlen zur IV. Weltkonferenz vorgenommen, und zwar wurden folgende Herren gewählt: Als Delegierte die Herren D. Ettisch und A. Reiter, als Ersatzdelegierte die Herren Referendar Hans Klee und Dr. E. Fischer. Sterbefall. Im Alter von 54 Jahren ist der Rechtsphilosoph Jacques Stern plötzlich gestorben. Der Verstorbene war Hauptvorstandsmitglied des C.-V., hat in der Liberalen Vereinigung mitgearbeitet und sich mit viel Interesse der Arbeit der Gesellschaft ORT gewidmet. Das Buch des Berliner Recht&nwalts Dr. Bruno Weil: ״Der Prozeß des Hauptmanns Dreyfus“, das im Verlag von Dr. Walther Rothschild, Berlin-Grunewald, erschienen ist, ist von dem angesehensten politischen Verlag Frankreichs, der Librairie Gallimard, Paris (Verlag der ״Nouvelle Revue Frangaise“) zur Uebersetzung angekauft und erscheint in diesen Tagen in französischer Sprache.