Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 56 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50, 18. Vn. 1930 JÜEDISCHE RUNDSCHÄD Seite 377 Brief aus Palästina Die Klagemauerkommfsslon. — Zur Arbeitstage. — Verbot einer Organisation. (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) AO Tel-Awiw, den 10. Juli 1930. Die Arbeiten der Klagemauerkommission gehen ziemlich schleppend vorwärts. Die verschiedenen Zeugenaussagen ^י־ die jüdischen sind jetzt bald beendet — bringen wenig neues Material, es handelt sich immer wieder um Augenzeugen, die diese und jene Einzelheit bei den Gebeten an der Klagemauer darstellen und den Status quo beschreiben. Die ersten arabisehen Zeugen, Nichtpalästinenscr, die als Repräsentantenhauswärtiger moslemischer Gemeinden auftreten, tendieren in ihren Aussagen alle in einer Richtung: ״Die Mauer gehört mit zum moslemischen Heiligtum, wird und muß also von den Moslems der ganzen Welt verteidigt werden; jeder Versuch, sie für andere Religionen zu reklamieren, wird aufs schärfste bekämpft werden.“ Soweit die allgemeine Tendenz, die dem Standpunkt des Obersten Moslemischen Rates entspricht und von ihm propagiert wurde. Ueber diese allgemeine Tendenz hinaus ergibt sich in den arabischen Zeugenaussagen eine recht große Verwirrung. Man erkennt deutlich, daß es sich hier für die Moslems um ein abseitiges und neues Gebiet handelt, auf dem sie sich historisch nur mangelhaft auskennen. Es stellt sich bei den Verhandlungen insgesamt eine tiefgehende Diskrepanz heraus. Auf der einen Seite wird von den Juden der Status quo verfochten, wie er durch eine Tradition von Jahrhunderten entstanden ist und von den Moslems stillschweigend anerkannt wurde. Neben diesen Feststellungen stehen einige Vorschläge zur besseren Instandhaltung des Platzes und zur Erleichterung des Gottesdienstes an der Mauer. Die Gegenseite dagegen interessiert sich nicht für traditionell erworbene Rechte der Juden oder historische Zusammenhänge, sondern hält an dem alten Standpunkt fest, wie er oben skizziert wurde. Es tauchen dieselben Argumente auf, wie vor der Shaw-Kommission, daß die Ansprüche der Juden auf die Mauer nichts anderes seien als der erste Versuch zur Eroberung des alten Tempelplatzes. Aus der Argumentation und den Fragen des arabischen Anwaltes, Aunl Bey, zeigt . sich deutlich die politische Tendenz; der Wunsch, die Frage gegen die Juden auszuspielen und zugleich die moslemische Welt am palästinensischen Problem zu interessieren. Daß dies zu einem gewissen Grade gelungen ist, beweisen die verschiedenen Delegationen, die auf Einladung des Moslemischen Rates in Jerusalem Zusammenkommen. Innerhalb der Kolonien läßt sich zurzeit wieder eine Erscheinung beobachten, die sich seit zwanzig Jahren in gewissen Zwischenräumen immer von neuem wiederholt: das Abdrängen der Juden vom Arbeitsmarkt und ihre Ersetzung durch billigere Arbeit. Bekanntlieh stieg in den letzten Jahren die Anzahl der jüdischen Arbeiter in den Kolonien um Tausende. Die Gründe lagen in einer Erweiterung der Pflanzungszone und energischer Aktion der Arbeiterorganisation, die durch weite Kreise des Jischuw und durch die Presse gestützt wurde. Die Augustunruhen taten ein weiteres und brachten viele Pflanzer zur Einstellung jüdischer Arbeit. Die verschiedenen Faktoren wirkten zusammen, um im letzten Frühjahr einen beträchtlichen A r b e i - י termangel zu schaffen. Man hätte in jenen Monaten noch an die tausend neue Einwanderer in den Kolonien unterbringen können, wenn man sie gehabt hätte. Unterdessen hat sich das Bild beträchtlich geändert. Die Pflanzer der alten Kolonien sind, nachdem der erste Schreck vorüber war, zu ihrem alten System der billigen (arabischen) Arbeit zurückgekehrt. Die Pflanzungssaison, die große Nachfrage nach Arbeitern brachte, ging zu Ende und beides zusammen verursachte eine gewisse Arbeitslosigkeit. Diese ist zum großen Teil — soweit es sich um die neuen Pflanzungen handelt — saisonmäßig, es werden also viele beim Beginn der neuen Arbeitsperiode, die bald einsetzt, wieder Beschäftigung finden. Es bleibt jedoch ein Prozentsatz zurück, der aus den nach den Unruhen besetzten Arbeitsplätzen wieder verdrängt ist und bei dem zurzeit wenig Aussicht besteht, absorbiert zu werden. Im Zusammenhang mit diesen Schwierigkeiten macht sich bereits bei den Arbeitern eine Neigung bemerkbar, die Kolonien zu verlassen, was jedoch keine Lösung ist, denn in den Städten ist augenblicklich für gößere Mengen kein Platz. Es wiederholt sieh also die alte Erscheinung der ״Eroberung der Arbeit“ mit ihrem ״Auf und Ab“. Die Frage wird augenblicklich von den Arbeitern in den Kolonien und der Arbeiterorganisation, ebenso wie von der Presse lebhaft behandelt. Es werden die alten Argumente gebraucht, der alte Appell an die nationale Gesinnung der Pflanzer gerichtet. Aber es kommt auch ein neues Moment in der Argumentation hinzu. Das linke Element in den Kolonien ist stärker geworden. Man will sich nicht mehr mit dem Zustand, der chronisch in bestimmten Abständen wiederkehrt, abfinden. Man will auch nicht ohne bessere Perspektiven jenen dornenvollen Weg des Koloniearbeiters gehen, der jahrelang um ein Existenzminimum sich abmüht, um schließlich ganz spät und manchmal gar nicht zur Kolonisation zu gelangen. Man will sich besser sichern und sucht dazu nach neuen Wegen. Und es werden zwei neue Wege vorgeschlagen: stärkere Aktionen, d. 11 unnachgiebiger Kampf mit dem Arbeitgeber, und gemeinsame gewerkschaftliche Organisation mit den Arabern. Der erste Vorschlag, der die Durchführung eines konsequenten ״Klassenkampfes“ int den Kolonien propagiert, stützt sich vor allem auf die Tatsache, daß die Pflanzer augenblicklich darauf hinarbeiten, die Löhne zu drücken. Im letzten Jahre hatte sich ein Tagelohn von zwanzig Piastern durchgesetzt, denn die Pflanzer mußten unter dem Druck des Arbeitermangels den Forderungen nachgeben. Jetzt, mit dem Moment, wo Von einem Arbeitermangel keine Rede mehr ist und die Pflanzer selbst durch die Einstellung von Arabern sich den schwersten Druck abgewälzt haben, sinken die Löhne. Und in vielen Verhandlungen mit Arbeitgebern wird es klar ausgesprochen: wir sind bereit Juden einzustellen, aber unter der Bedingung, ihnen weniger zu zahlen. Die Arbeiter leisten Widerstand und die Anhänger stärkerer Mittel, wie Streiks usw. finden geneigte Ohren. Und das zweite Moment, das der internationalen Gewerkschaft, hängt ebenfalls mit der Lohnpolitik zusammen. Es mehren sich die Stimmen, die erklären, wir werden niemals über ein Auf und Ab in den Kolonien hinanskommen und niemals einen sicheren Arbeitsmarkt schaffen, wenn wir das Problem nicht an der Wurzel packen, d. h. die Araber organisieren, ihre Löhne, ihren Standard und ihre Bildung heben. Und zugleich wird darauf hingewiesen, daß heute' die politische Situation dringend derartige Schritte verlangt. Die Diskussionen über diese Frage werden scharf geführt. Zu Beschlüssen ist man noch nicht gekommen. Sicher ist, daß die Verengerung des Arbeitsmarktes von neuem wirtschaftliche Probleme schafft, die recht drückend werden können. * Vor kurzem wurde eine Gruppe geschaffen, die sich die Verwirklichung internationaler Gewerkschaften und der Annäherting des jüdischen und arabischen Arbeiters zur speziellen Aufgabe gesetzt hatte, das war die ״Achwat Poalim“. Nach den Unruhen entstanden, von Juden und Arabern gemeinsam getragen, war sie hauptsächlich ein Kind der linken Poale-Zion, die hier eine Gelegenheit fanden, ihren Doktrinen praktischen Ausdruck zu geben. Jedoch gehörten auch Parteilose zu der Gruppe. Die allgemeine Arbeiterorganisation zeigte sich sehr zurückhaltend. Sie war zwar entsprechend den Resolutionen verschiedener Konferenzen gemeinsame Gewerkschaften mit nationalen Sektionen — im Gegensatz zu schlechthin gemeinsamen Verbänden —, aber auch in diesem Rahmen wurde wenig getan. Als die neue Aktion der ״Achwat Poalim" einsetzte, hielten sich die Mehrheitsparteien abseits. Die kleine Gruppe, die die Idee trug, machte gälte Fortschritte, knüpfte Verbindungen in beiden Lägern an und bereitete eine Konferenz vor. Als sie dann — dem Gesetz entsprechend — ihre Statuten der Regierung einreichte, lehnte diese es ab, sie zu bestätigen. Der Versuch, es zu einer praktischen Annäherung zwischen jüdischen und arabischen Arbeitern im jetzigen Moment zu bringen, wurde also von der Regierung im Keim erstickt. Warum das so ist, kann man nur erraten. Denn die Administration gibt keine Begründung. Es ist eine Bewegung, die von linken Sozialisten getragen wurde. Die neu organisierte Geheimpolizei, die im allgemeinen eine starke Neigung zeigt, sich vor allem der Bekämpfung des Bolschewismus zu widmen — es wimmelt augenblicklich von Verbaftungen und Verurteilungen von Kommunisten — witterte anscheinend Morgenluft. Und so wurde eine Gesellschaft, die durchaus legale Ziele verfocht, nämlich die Verbindung der Arbeiter beider Lager, kurzerhand verboten. Die jüdische Oeffentüchkeit, die sonst gegen Eingriffe der Regierung sehr empfindlich ist, hat diesmal auffallenderweise von dem Verbot kaum Notiz genommen. Bisher hat nur der Arbeiterrat von Tel-Awiw in einer Resolution protestiert, wobei er jedoch von dem Ziele der Gesellschaft, also der Schaffung gemeinsamer Gewerkschaftsverbände, vorsichtig abrückt. Man muß sich gerade in der heutigen Atmosphäre bei Beschuldigungen gegen die Administration etwas vorsehen, weil die allgemeine Stimmung leicht zu Ungerechtigkeit verleiten kann. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß dieses Vorgehen der Regierung gegen eine auf Versöhnung der Arbeiterlagcr abzielende Gesellschaft einen sehr schlechten Eindruck macht. Es geht nicht an, das Kind mit dem Bad* auszuschütten und aus Bolschewistenfurcht gegen alle Linken vorzugehen. Und man sollte vor allem nicht den Eindruck erwecken, als ob man eine Annäherung der beiden Völker verhindern wolle. Und leider erweckt dieses Verbot diese beiden Eindrücke, besonders wenn es ohne jeden Kommentar einem nichtsahnenden Publikum als administrative Verfügung vorgesetzt wird. Professor Ludwig Stein ..... i.-■ —11 Am 14. Juli verstarb in Salzburg nach einer Operation Professor Ludwig Stein. Ludwig Stein, eine bekannte Persönlichkeit der Berliner Gesellschaft, ist 7t Jahre alt geworden. Seine internationalen Beziehungen ermöglichten es Prof. Stein, in Berlin einen gesellschaftlichen Mittelpunkt der politischen Welt zu bilden. In seinem Hause kamen die Berliner Politiker und Diplomaten fast mit jedem hervorragenden Politiker des Auslandes zusammen, der Berlin besuchte. Während des Krieges hatte Stein gemeinsam mit Stresemann die ״Miltwochgesellschaft“ gegründet, wo auch nach dem Kriege hervorragende Persönlichkeiten der deutschen und der aüsländisehen Politik Vorträge hielten. Eine besondere Liebe hatte Ludwig Stein zur Journalistik. Sein besonderes Interesse galt den Studenten, die sich immer mit Erfolg hilfesuchend an ihn wandten. Ludwig Stein wurde 1859 in Erdö-Benve in Ungarn geboren. 1881 bis 1883 war er in Berlin als Rabbiner tätig, würde 1885 Privatdozent, 1889 ordentlicher Professor für Philosophie am Züricher Polytechnikumf 1890 an der Universität Bern und wirkte von 1911 bis 1924 als Dozent an der Humboldt-Akademie Berlin. In seinen philosophischen und soziologischen Arbeiten entwickelte Stein eine religiös- und sozial-ethisch fundierte optimistische Welt- und Lebensanschauung. Die Zahl der von ihm verfaßten Schriften ist außerordentlich groß. Prof. Stein war Mitglied des Deutsehen Pro Palästina-Komitees. In früheren Jahren unterhielt er Beziehungen zu Theodor Herz! und Max Nordau, konnte sich aber nicht entschließen, aktiv in der Zionistischen Organisation mitzuarbeiten. Die ״J. R.“ hat erst vor einigen Monaten die Persönlichkeit des nun Verstorbenen anläßlich seines 70. Geburtstags durch einen Artikel aus der Feder Prof. ' Sobcrnheims gewürdigt. Sanitälsrat Dr. Josef Jacob Am 16. Juni verstarb in Altona unser Freund, der langjährige, Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Kiel, San.-Rat Dr. Josef Jacob, nachdem er wenige Monate vorher seine Praxis aufgeben und in schwerem Leiden hinsiechen mußte. Daß er für seine Gemeinde unendlich viel geleistet hat, daß er dank seinem reichen jüdischen Wissen für die Kenntnis der hebräischen Sprache, der Bibel und der jüdischen Geschichte gearbeitet hat, ist bekannt und vielfach gewürdigt worden. Die Gemeinde hat ihm zu Ehren der Religionsschule den Namen Dr. Jacob-Schule gegeben und darüber eine Ehrenurkunde ausgestellt. Von seiner stillen und innigen Mitarbeit am Palästinawerk hat die Außenwelt vielleicht weniger erfahren. Er war durchdrungen von dem Erfolg der zionistischen Bewegung und hat ihr sein größtes Interesse entgegengebracht. Er trat der Bewegung früh bei. Wie sehr Palästina im Mittelpunkt seines Denkens gestanden haben muß, beweist die Tatsache, daß eine seiner Töchter seit dem 6. Lebensjahre schon den Wunsch hatte, Gärtnerin zu werden, um in Palästina zu arbeiten, und nun seit Jahren tatsächlich dort ist (die Gattiii des Agronomen S. Weinberg in Tel-Awiw); eine andere Tochter lebt in der Kolonie P'•:״anah. Von dem Palästinaintcressc des Verstorbenen sprach Rabbiner Dr. Posner bei der Grabrede und der Gedenkrede in der Synagoge und auch Rechtsanwalt Tannenwald. Habimaii spielt ״Was Ihr wollt“ Die ״Habimaii“, die gegenwärtig in Berlin ein neues Repertoire einstudiert, hat den Kreis ihrer Freunde am letzten Dienstag zu einer Generalprobe von Shakespeares ״Was Ihr wollt“ ins Berliner Theater cingeladen. Trotz der ungünstigen Jahreszeit war das Theater dicht gefüllt und die Zusammensetzung des Publikums bewies, daß es der Habimah gelangen Ist, wirklich Freunde in allen jüdischen Kreisen zu finden und darüber hinaus Aufmerksamkeit und Sympathie vieler künstlerisch interessierter Persönlichkeiten, Juden und Niefitjuden, zu erwerben. Es herrschte eine überaus angeregte Stimmung, ein Gefühl natürlichen Zusammenhanges zwischen Bühne und Publikum, wie es nur selten bei Theatervorführungen erreicht wird. Man merkte deutlich die Freude über jeden Fortschritt, den Stolz auf das ehrliche künstlerische Bemühen dieser hebräischen Truppe, deren Wirksamkeit, durch keine Schwierigkeiten materieller Art abzuschrecken, von einem vielleicht noch nicht abzusehenden Einfluß auf das jüdische Volksempfinden sein wird. Habimah leistet wirkliche Pionierarbeit, und sie tastet sich vorwärts von Versuch zu Versuch, unbeugsam nur in ihrem Idealismus und in der festen Ent- Rabindranath Tagore (sitzend) im Gespräch _ mit Saal Tschernidiovsky (stehend) während des Zwischenaktes bei der geschlossenen Habimah-Aufführung von ״Was ihr wollt” am 15. d> M, in Berlin. schlossenheit, das hebräische Theater, das es in echtem Sinne heute noch nicht gibt, zu schaffen. Die Schwierigkeiten auf geistigem Gebiet, vor allem der Mangel eines Repertoires, sind oft erörtert worden; Habimah hat auch einen Krds wohlwollender Berater gefunden, über deren Beschäftigung mit de« Habimah-Problemen hier bereits mehrfach berichtet wurde. Nun zeigte Habimah ihren Freunden, was sie in den letzten Monaten erarbeitet hat. Die Aufführung von ״Was Ihr wollt“ wird im Herbst in Berlin der Presse und dem Publikum vorgeführt werden, und es wird dann auch an dieser Stelle Gelegenbeit zu einer ausführlichen Besprechung und kritisenen Würdigung sein. Heute sei nur sovW verraten, daß diese Neu-Einstudierung einen gewaltigen Schritt vorwärts bedeutet. Habimah befreit sich von der engen Atmosphäre der jüdischen Folklore und des heroischen nationalen Pathos und erobert sich ein weites Feld künstlerischen Ausdrucks. Sic hat in erstaunlichem Maße Geist und Stil des Shakespeareschen Lustspiels zu bewältigen vermocht; das Spiel, getragen von der graziösen und rhythmischen Musik von Emst Toch, ist von gelöster Heiterkeit und besonders in den großen Rüpelszenen von elementarer komödienhafter Wirkung. Auf Schauspielerische Einzelleistungen, an denen manches verbesserungsbedürftig ist, kommt es dabei weniger an. Die hebräische Uebersetzung von Saul Tschernichowsky ist in einer leichten und beweglichen Sprache abgefaßt und trifft den rechten Ton. Der Regisseur des Abends, der Russe Tschechow, erbat zu Beginn der Vorstellung das Wohlwollen des Publikums mit einer kurzen deutschen Ansprache. Eine besondere Genugtuung war es für Habimah und das Publikum, daß auch Ra bindranath Tagore der Einladung Folge geleistet hatte und einem Teil der Vorstellung mit Interesse beiwohnte. Freund Gronemann gab sicherlich den Gefühlen des ganzen Hauses Ausdruck, wenn er in den Begrüßungsworten, die er im Zwischenakt namens der Habimah an Tagore richtete, auf die große völkerverbindende Funktion der Kunst hinwies. 1. Rudolf Schildkraat Mit Rudolf Schildkraut ist vielleicht die markanteste und am stärksten jüdische Schauspieler-Persönlichkeit der vorigen Generation dahingegangen. Der Künstler, der in Konstantinopel geboren war und nach manchen Schwierigkeiten sich auf der \ deutschen Bühne durchsetzte, bis er von Max Reinhardt entdeckt und zu einer zentralen Figur seines Ensembles gemacht wurde, konnte seinen jüdischen Ursprung niemals verleugnen. Echt und groß war er vor allem dort, wo er in voller Ursprünglichkeit die Gefühlswelt offenbaren konnte, die ein Erbe seines Blutes war. Schildkraut war unvergeßlich in der Dar- Stellung gemütvoll patriarchalischer Gestalten, aber auch das leidenschaftliche Pathos der Anklage für erlittenes Unrecht, worin sich die gequälte Seele des durch Jahrhunderte geknechteten Volkes befreite, brachte niemand zu so erschütternder Wirkung wie er. Darum war die menschlichste und zugleich tragischste Gestalt, die er der deutschen Bühne schenkte, sein Shylock, den er aus der vom Dichter beabsichtigten Lustspielfigur zu einem großen Repräsentanten eines weltgesc luchtliehen Schicksals machte. Schildkraut, der durchaus volkhaft jüdisch fühlte, konnte aber, trotz der großen Beliebtheit, deren er sich erfreute, auf der deutschen Bühne nicht heimisch werden, er ging bald zum jiddischen Theater über, wo er sein wahres Temperament voll ausleben konnte. Die deutscher! Zeifungen widmen dem verstorbenen Künstler warme Nachrufe, in welchen auch seine jüdische Eigenart voll gewürdigt wird. * O 8 s i p D y m o w , der bekannte jüdische Dramatiker, der in den letzten Jahren iii Amerika als Gründer und Direktor des