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Jüdische Rundschau · 1930-07-11 · Heft 54 (11.7.1930) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 54 (11.7.1930)
Date
1930-07-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 360 JÜCDISCRE RUNDSCHAU Nr. 54, |1. VII. 1930 Zionistisches Martyrium in Sowjetru^land Von Felix Stössinger. Es ist bekannt, daß die bolschewistische Regierung den Zionismus als konterrevolutionär verfolgt und bestraft. Es muß erinnert werden, daß die bolschewistische Regierung alle ״konterrevolutionären“ Gesinnungen drakonisch verfolgt und, wie sie wiederholt kundgemacht hat, die totale ,,p 11 y s i s c 11 e V e r - n i c h t u n g“ sogenannter konterrevolutionärer Gegner anstrebt. Diese Erinnerung ist für die folgende Zusammenstellung der Todesopfer von Bedeutung, die der bolschewistische Terror unter Zionisten und jüdischen Nationalisten bereits gefordert hat. Die jüdische Presse hat gewiß oft über die Einkerkerung und Deportierung von Juden und Jüdinnen herichtet, die für zionistische Gesinnung, für propalästinensische Meinungen und für unerlaubte Pflege der hebräischen Sprache mit schwersten Strafen beiegt worden sind. Es hieße aber die Oeffentlichkeit über das tragische Los der Zionisten in Rußland sehr unvollkommen unterrichten, wenn die Berichterstattung bei der Mitteilung verhängter Urteile halt machen würde. Die Urteile sagen nämlich nur einen Bruchteil über das zionistische Martyrium aus. Das eigentliche Martyrium ist nach der Urteilsverkündung die Strafexekutive. Die Strafexekutive beruht zwar auf Gefängnisordnungen“ ■und aut der Regelementicrung des Lebens der Deportierten, aber in Wirklichkeit ist die praktische Anwendung das Entscheidende. Dabei zeigt sich, was das Regime mit den Strafen bezweckt: nicht eine vorübergehende Absonderung von Trägern bestimmter politischer Oesinnungen von der Bevölkerung, sondern die Zermürbung und Vernichtung des politischen Gegners. Die Verschärfung der Gefängnis- und Deportationsstrafe durch die Greuel der Exekutive haben daher wiederholt zum Tod, zum S elbstmord der Gefangenen geführt, in der Mehrzahl der Fälle zu einem Siechtum, das vorschnellen Tod zur Folge hat. Schon daraus ist zu ersehen, daß man nichts, wirklich nichts über das Martyrium der Gefangenen und deportierten Zionisten weiß, wenn man nur die Zahl der Jahre kennt, zu denen sie verurteilt sind. Der politische Gefangene entschwindet der Oeffentlichkeit, und alles wird getan, um ihn vergessen zu machen. Er wird aus den Gewerkschaftslisten gestrichen, verliert das Recht auf Arbeit und Brotkarte, auf Krankenpflege und in vielen Fällen auf Postverkehr. Nachgewiesenermaßen ist er sogar wiederholt aus den Gefängnislisten gestrichen worden, so daß selbst beim besten Willen nachträgliche Auskünfte durch gutmeinende Gefängnisbeamte nicht erteilt werden können. Solange die zionistische Oeffentlichkeit das nicht weiß, macht sie sich keine Vorstellung von dem, was dem zionistischen politischen Gefangenen nach dem Urteilsspruch erwartet. Wohl aber weiß es die russische Oeffentlichkeit, und sie soll es auch wissen, denn dadurch schreckt die Regierung vor Betätigung oder Bekundung von Meinungen ab, deren Unterdrückung sic erstrebt. Groß ist dagegen die Verpflichtung der jüdischen Presse, diese Dinge zu erforschen. So schwer es ist, Material zu beschaffen, so viel muß zur Verbreitung der bekannten Tat- Sachen geschehen. Wertvolles Material befindet sich fn der Studie von R. Abramowicz: ״Die politischen Gefangenen in derSowjet-Union“ (Verlag Dietz, Berlin). Dieser Bericht ist ein Kommissionsbericht, veranlaßt von der Sozialistischen Arbeiter-Internationale, die vor einigen Jahren beschlossen hat, durch besondere Kommissionen das Los der politischen Gefangenen in allen Ländern ohne Demokratie zu untersuchen. Abramowicz war besonders berufen, den Kommissionsbericht über Rußland zu erstatten. Ihm werden als Führer der russischen Sozialdemokraten auch in die Emigration legale und illegale Nachrichten in großer Zahl zugestellt. Die bolschewistische Presse bringt wenig Material, aber eine Zusammenstellung aller Nachrichten, die sie gebracht hat, gestattet doch ein Bild der Wirklichkeit herzustellen. Wie ja schließlich auch die deutsche Kriegspresse trotz der Zensur ein Gesamtbild der Lage Deutsch- Iands während des Krieges zugelassen hat. Das gesellschaftliehe Leben ist heute so kompliziert, daß auch ein diktatorisches Regime ein Mindestmaß gegenseitiger Mitteilungen gestatten muß, ohne das das gesellschaftliche Leben nicht mehr bestehen kann. Wie die meisten Bücher über die Zustände in Rußland basiert also auch dieses kleine Buch auf bolschewistischen Quellen. Daß auch anderes Material verwendet werden konnte, ist nur zu begrüßen. Die Forderung der Bolschewisten, daß sie nicht nach unzensuriertem Material der Gegner, sondern nur nach ihren eigenen Veröffentlichungen beurteilt werden dürfen, ist genau so lächerlich, als wenn man über die Juden nur nach antisemitischen Quellen urteilen dürfte. Eine Untersuchung über den Terror in Sowjetrußland müßte mit den Opfern der Hinrichtungen beginnen. Hier fehlt aber noch ein mit Namen belegtes Material. Nur durch sorgfähige Prüfung der bolschewistischen Presse ist es möglich, statistisches Material zu erhalten. Nach offiziellen bolschewistisehen Angaben sind vom 1. Oktober 1929 bis 15. November 1929 rund 500 Personen in der Sowjetunion hingerichtet worden, nach Mitteilungen der bolschewistischen Presse der Ukraine aber allein in diesem Teilgebiet im Januar und Februar 900 Personen. Daß sich unter diesen Hingerichteten viele Juden befinden werden, ist bei der Aktivität des russischen Judentums anzunehmen. Ueber *Zionisten unter diesen Opfern ist eine Feststellung zunächst nicht möglich. Die nächste Gruppe von Todesopfern erfordert das bolschewistische System der Voruntersuchung. Es ist ja bekannt, daß es eine Todesstrafe in Rußland offiziell nicht gibt, sondern nur das ״höchste Strafmaß“'. Das ist aber eben die Todesstrafe. Die physische Vernichtung des politischen Inhaftierten erfolgt aber nicht nur direkt, sondern auch indirekt. Bei dieser indirekten Vernichtung kommt den G. P. U.-Verhören eine besondere Bedeutung zu. Ziel dieser Verhöre ist cs, aus den Verhafteten Material herauszupressen. Entweder werden Mitschuldige gesucht oder Gesinnungsgenossen. Der verhaftete Zionist wird unter terroristischen Mitteln im Verhör gefragt, weiche Juden zionistisch denken oder zionistische Propaganda, auch nur mündlich, betreiben. Um die Verhörten mürbe zu machen, werden sic ohne Pause Tag und Nacht verhört, ausgehungert, wiederholt zur angeblich sofortigen Er- Schiebung abgeführt, oder sic werden sogar zu Scheinerschie- Bungen verurteilt, wobei Gummimasken über den Kopf gezogen werden, damit sie nicht sehen können, daß zunächst nur blind geschossen wird. Wenn solche Opfer des Terrors, um sich frei zu machen, Namen wirklicher oder vermeintlicher Gesinnungsfreunde nennen, kann niemand die schwach Gewordenen verurteilen. Nur ,wer selbst ein solches Verhör Überstehen kann, hat das Recht zur Verurteilung. Härter gehen aber die Verhafteten mit sich selbst zu Gericht. Oft können sie die ihnen schmählich erscheinende Denunziation oder die damit heraufbeschworenen Folgen nicht überleben und begehen nach der Entlassung Selbstmord. Die Zahl solcher Selbstmorde muß groß sein. Das läßt sich aus der Zahl der bekannt gewordenen Fälle errechnen. Hier finden wir die 20jährige zionistische Sozialistin Bertha Lewin, die im Minsker Gefängnis im Frühjahr 1925 Selbstmord verübte, weil sie sich durch Folterungen die Namen von Zionisten hatte entreißen lassen. Aus dem gleichen Grunde erhängte sich in Kem der 19jährige Aronowitsch,im Sommer 1928 W, Pinkowski,dem die G.P.U, in Jekaterinoslaw dne Austrittserklärung aus dem zionistischen Jugend verband abgepreßt hatte. Es ist übrigens begreiflich, daß Selbstmorde dieses Charakters nicht leicht bekannt werden, da bei der Größe der russischen Selbstmordepidemien eine Spezifizierung der Einzelfälle nicht möglich ist. Die nächste Gruppe von Todesopfern treffen wir In den Gefängnissen der G. P. U. Die erschütternde Schi!- derung bolschewistischer Gefängnisse kann nicht mehr ernst- Iiaft bestritten werden, seitdem so viele Trotzküsten die Riehtigkeit dieser Anklagen durch ihre eigenen Erlebnisse bestätigen mußten. Unter den Gefangenen sind Hunger- Streiks und Obstruktionen als Verzweiflungsakte an der Tagesordnung. Daraus ergeben sich wieder Kämpfe mit den Gefängniswärtern, die aus G. P. U.-So!daten bestehen. Obstruktionen werden bekämpit, indem die Tscheka- Soldaten in Massen auf ein Signa[ hin in die Zellen einbrcchcn, das kümmerliche Mobiliar und den Besitz der Gefangenen zerschlagen und die Eingesperrten mißhandeln, fn den Listen dieser Opfer findet man eine Zionistin-Sozialistin Holzmann, die im Gefängnis von Werchne-Uralsk schwere Mißhandlungen erlitt. Ueber das Ausmaß dieser Mißhandfungen kann man sich ein Bild machen, w׳enn man wiederholt liest, daß die Gefängnisse mit Eiswasscr vollgepumpt werden, um die Obstruktion der Gefangenen zu brechen. Immer wieder wird festgcstellt, daß die Wachsoldaten durch die Fenster auf die Gefangenen schießen, oft nur als Trunkenheitsexzeß oder als Zeitvertreib. Etwas bekannt wurde der Fall des Zionistcn-Sozialisten Samuel Bronnstein aus Odessa, den ein Gefängniswärter während des Spaziergangs im Gelingnishof grundlos niederschoß. Der Mörder bekam infolge der Erregung, die der Vorfall auslöste, 5 Jahre Gefängnis, aber mit Bewährungsfrist, d. h. praktisch nichts. Nur weil der durch den Mord ausgelösfe Kollektivhungerstreik größeres Ausmaß annahm, fand eine gerichtliche Verfolgung überhaupt statt. Unübersehbar ist die Zahl der Gefangenen, die im Gefängnis an Hunger, Krankheiten oder an physischem Verfall zugrunde gehen. Es ist Zufall, wenn es möglich ist, Spezialfälle zu eruieren. So starb mit 30 Jahren der Bundist Aron Schmois-Kritschevski aus Kiew 1927 im Gefängnis. Er war seit 1921 ununterbrochen verhaftet und verbannt. Unter den namentlich bekannt gewordenen Opfern, die einen Hungerstreik bis zum Selbstmord führten, sich die Treppenhäuser hinunterstürzten oder sich selbst verbrannten, findet sich in den Listen kein Zionist, wohl aber mancher jüdische Name. Die nächste Todesgruppe finden wir unter den Opfern der Deportation. Da die politischen Gefangenen zum größten Teil deportiert werden, muß sich aus den Leiden der Deportation das Hauptkontingent der Todesopfer zusammensetzen. Aber gerade hier ist es nicht möglich, auch nur halbwegs Namen und Zahl der Opfer im wirklichen Verhältnis zu den tatsächlichen Verhältnissen zu eruieren. Da die politische Deportation die Gefangenen in Orte hunderte Kilometer weit von jeder menschlichen Siedlung von Belang wegführt, sterben sie vergessen und unbeachtet wie Tiere im Dunkeln. Die Deportation selbst ist aber gegenüber der zaristischen derart verschärft und verschlimmert, daß man bei einem großen Teil der zionistischen Deportierten mit direktem oder indirektem Tod rechnen muß. Schon den Weg in die Deportation eröffnet eine Reihe von Terrorakten. Öie Verhafteten werden in großen Sammeltrupps abgeschoben, Gesunde und Tuberkulose, Schwangere und Halbbiinde, Säuglinge und Greise zusammen. Der Abtransport erfolgt ganz plötzlich, um Familienabschiede zu verhindern. Als besondere Strafverschärfung erfolgt die Ver- Schleppung des Transportes in Zeiträume, die bis zu einem halben Jahr umfassen. Die Gefangenen werden von Ort zu Ort in Etappen-Gefängnisse gebracht, in denen sie endlos auf den Weitertransport warten müssen. Zu den Deportaiionszielen gehören Gegenden, die der Zarismus niemals mit politischen Gefangenen zu besiedeln gewagt hat, Glutwüsten in Turkestan und menschenleere Gebiete am Polarmeer. Es ist reiner Sadismus, wenn die Gefangenen aus Turkestan plötzlich ins Polargebiet verschickt und ohne neue Versorgung mit Kleidung aus Gebieten von 30 Grad Hitze in Gegenden von 30 Grad Kälte versetzt werden. Die Verbaunungsorte sind winzige Ortschaften, meist von halbwilden Volksstämmcn bewohnt, so daß die Gefangenen nicht einmal mit ihrer Umgebung sprechen können. Auch die Verpfiegungsgelder sind so gering, 6—10 Rubel monatlich, daß sie höchstens ein Drittel des Lebensminimums decken, daß an der Hungergrenze liegt. Auch Erwerbsmöglichkeiten bestehen in diesen menschenleeren Gegenden für die Gefangenen nicht. Da sie nach Beendigung der Deportationsjahre die 16 großten Städte Rußlands nicht wieder betraten dürfen, bleiben sie auf das Leben in kleinen Orten angewiesen, in denen für diese Vertreter meist fremdsprachiger Völkergruppen oder intellektueller Schichten keine menschenähnliche Lebcnsmög- Iichkeit besteht. Trotzdem gibt es noch einen wesentlich schlimmeren Aufenthalt für die Deportierten. Und das sind die Massenlager auf Inseln im Nördlichen Eismeer. Schon 1923 haben die auf den berüchtigten Solowki-Inseln internierten Sozialisten mitgetcilt, daß es unmöglich ist, auch nur nach T a u s e n d e n" die Zahl der Getöteten oder elend zugrunde Gegangenen aus den sogenannten ״Nördlichen Lagern zur besonderen Bestimmung“ an der Dwina und am Weißen Meer anzugeben. Seitdem ist es bekanntlich viel schlimmer geworden, so daß die Terrorzeiten von 1923 wie Freiheitsperioden der Erinnerung erscheinen. Abramowicz schildert in sparsamen, aber dadurch besonders eindrucksvollen Sätzen einige unwiderleglichc Greuel aus diesen Lagern. Gemeinsame Massenscibst- Verbrennungen ganzer Gruppen, Prostituierung der weiblichen Gefangenen an die Soldateska für trockenes Brot, Erschießung der wehrlosen Gefangenen, von denen nach offiziellen Angaben 43 Prozent Skorbut, 23 Prozent Tuberkulose haben, geben eine Vorstellung von dem, was Menschen in Rußland für den Ausdruck zionistischer Ucberzcugungcn erleiden müssen, ein Leiden, das um so grauenhafter erscheint, als weder dem Regime noch dem System durch die Zurückhaltung von Juden von der palästinensischen Auswanderung auch nur der geringste Nutzen erwächst. Es ist schwer, nachzuprüfen, wie viele Zionisten an der Deportation zugrunde gegangen sind, aber das Los aller Zionisten, deren Deportationen die jüdische Presse in den letzten Jahren gemeldet hat, muß in diese Schilderungen mit eingeschlossen werden. Da und dort ist es möglich, deportierte Zionisten aut einem Transport in einem Deportationsnest auf einer Todesliste festzustellen. Da finden wir den herzkranken Zionistcn-Sozialisten Jakob Zemlinsky auf dem Transport von Aktjubinsk nach dem berüchtigten Tamir in Turkestan, dort die schwer lungenkranke Zionistin Schifra Kagan in Turochamsfc in der Siedlung Gregorka, einer Gegend, in der nur einige syphilitische eingeborenen Familien und malariakranke Verbannte leben, alle ohne medizinische Hilfe. Aber selbst wenn Krankenhäuser in größeren Orten vorhanden sind, wird den Verbannten als ״Feinden der Sowjetmacht“ Hilfe verweigert. So wurde in dem Verbannungsort Minussinsk der augenkranken Zionistin Hanna h Nudelmann ärztliche Behandlung verweigert (ähnlich wie dem früheren Berliner Botschafter Joffe, der sich deswegen zum Protest erschoß). Augenkrank wurde Hannah Nudelmann in ein kleines, 80 km entferntes Dorf abgeschoben. Unter den in der Verbannung irrsinnig Gewordenen findet man an Juden Israel Grünspun, Mitglied einer Sozialrevolutionären Jugendorganisation. Eine größere Gruppe Jugendlicher Zionisten war 1927 im Konzentrationslager Solowki festzustellen. Es wird nämlich mitgeteilt, daß von 100 politischen Gefangenen in einer bestimmten Abteilung 40 Jugendliche waren, die teils Mitglieder des Bauernjugendbundes des Moskauer Gouvernements waren, teils zionistischen Pfadfindern angehörten. Also auch zionistische Jugend befindet sich auf diesen Konzentrationsiagem aut insein des Eismeeres, die monatelang von jedem Verkehr mit dem Festland abgeschnitten sind. Wieviel Zionisten sich gegenwärtig in Solowki befinden, ist gar nicht abzuschätzen, da schon 1928, also vor dem Beginn der letzten Terrorwelle, das Lager 27 (WO Häftlinge aller po-!irischen Richtungen umfaßte. So erschütternd das Martyrium der zionistischen Opfer des bolschewistischen Terrors ist, so bedeutsam ist aber doch auch die Ueberzeugungskraft der zionistischen Idee, die dieses Martyrium bekundet. So wenig der bolschewistische Terror das sozialistische oder demokratische Denken in Ruß- Sand hat töten können, so wenig hat er zuinnerst der zionistischen Idee angetan. Die Idee ist immer stärker als die Gewalt, und so wird sie der Terror auch in Zukunft zum Schweigen, aber nicht zum Verlöschen bringen können. Frei- Sich können wir uns vom Umfang des zionistischen Martyriums gar keine Vorstellung machen, denn auch das, was hier mitgeteilt wird, ist nicht mehr als ein Windstoß an Staubkörnern aus einer Wüste herüberträgt. Aber ahnen können wir, was drüben gelitten wird. Eine Pflicht legt uns freilich dieses Martyrium und das Wissen von ihm auf: ohne Pause, ununterbrochen, gegen diese Greuel zu protestieren und die moralische Intervent io n der physischen?ermi'trbungstechnik des Terrors entgegenzustellen. ßas Jubiläum einer fttdischen Schule Als vor 125 Jahren das Philantropin in Frankfurt/M. gegründet wurde, sollte es weniger eine spezifisch jüdische Schule als eine deutsche Schule für Juden sein und etwa einen Zweck erfüllen, der dem der Mendelsohnsclien deutschen Thora- Uebersetzung in hebräischen Lettern analog war: Einführung ins Deutschtum durch das Mittel der jüdischen Gemeinschaft. Heute darf die gleiche Anstalt als eine in höherem Maße jüdische, wenn auch durchaus und bewußt deutsch-jüdische Schule angesprochen werden, und das bezeichnet den Weg, den nicht nur sie selbst, sondern den das ganze deutsche Judentum seit den Sturm- und Drangjahren der Emanzipation zurückgelegt hat und der durch die Logik der Entwicklung immer mehr in die Lebensstraße der großen jüdischen Renaissancebewegung einbiegen muß. Zeugnis dafür legt ein pädagogisches Sammelwerk ab, das unter dem Titel ״Bausteine praktischer Pädagogik“ zum 125jährigen Jubiläum des Philantropins von seinem Studiendirektor Dr. Otto D r i e s e n unter Mitwirkung von elf anderen Mitgliedern des Lehrerkollegiums vorgelegt wird. (Frankfurt a. M. 1929, Verlag Kornsand & Co/). Ein gleichzeitig erschienenes Sonderheft der schönen Schuizeitscnrift ״Das Phi- Iantropin“ ergänzt die hier gebotenen systematischen Untersuchungen nach der historischen Seite hin. Driesen selbst handelt über die ״Erziehung zur Freude als sittlicher Grundhaltung“ und bringt sehr hübsche, zum Teil dramatisierte Unterrichtsbeispiele; Max Levy erörtert mit besonnener Nüchternheit — die er freilich nicht unbedingt gegen ״zionistische Schwärmerei“ hätte abzugrenzen brauchen — die Rolle der Philosophie als Unterrichtsgegenstand, Julius Plaut erzählt vom pädagogischen England, Henry Philipp spricht prachtvoll über die künstlerische Gestaltung un Rellgionsunterrieht, warnt mit feehter Humanität vor den (Mahrenunserer Manyriologie und bringt ein schönes Beispiel dramatisierter Geschichtsstunde: ״Salomon Molcho unter den Bettlern an der Tiberbrücke zu Rom“. Ernst Marbach erörtert, welchen spezifischen Ort griechische und römische Religion in der jüdischen höheren Schule einnehmen müssen. Max Seelig erzählt von einem Spezifikum des Philantropins: der Frauenschule und ihrer sozialen Arbeit; Elias Gut gibt einen auch wissenschaftlich wertvollen Uebcrblick über die Geschichte der jüdischen Jugendiiteratur, die er selbst durch seine eigenen Anthologien bereichert hat; I. B. Levy legt dar, inwieweit die hebräische Grammatik zugleich für die allgemeine grammatisch-logische Ausbildung fruchtbar gemacht wird; Eugen Stern erzählt vom wirtschaftswissenschaftlichen Unterricht, .Max Salomon und acht Schüler bezw. Schülerinnen der Obersekunda von einer Studienfahrt des Sommers 1929 und P. Wilhelm Maurer berichtet über Kunsterziehung, wobei er — als einziger Nichtjude im Kollegium und unter den Mitarbeitern — trotzdem auf das spezifisch jüdische in der Psychologie seiner Schüler verständnisvoll eingeht. * E. S. Presseschaa Zu der Kontroverse, die sich in einigen jüdischen Zeitungen an den von dem englischen Minister Dr. Shiels in Genf ausgesprochenen Satz, England habe ein Nationalheim, aber keinen jüdischen Staat versprochen, angeknüpft hat, schreibt die englische Zeitschrift ״The Near East and India“ u. a.: ״Ein Heim, besonders ein Nationalbeim, eignet sich nicht zu einer präzisen Definition, aber das Wort wird genügend verstanden, um einzusehen, daß die Juden, wenn sie einmütig auf eine Errichtung dieser Sache hinstreben, sehr beträchtliche Sympathien gewinnen werden. Solange der Eindruck vorwaltete, daß das von den Juden erstrebte Ziel Herrschaft ist, d. h. absolute Uebermacht über die arabischen Einwohner, war es sicher, daß in weiten Kreisen die Gerechtigkeit solcher Absichten bezweifelt würde. Wenn aber die Juden jetzt neu beginnen, in aller Ruhe und ohne große Worte Palästina aufzubauen, dann darf man erwarten, daß sie letzten Endes die Sympathie so gut wie der ganzen Welt für sich haben werden, einscnließ'ich der palästinensischen Araber. Die Zukunft Palästinas hängt wirklich von.der Politik der Juden ab. Durch ihre Energie und Hingabe kann das Land blühend gemacht werden, aber durch Fortsetzung falscher Methoden kann sein Fortschritt mit einem selbstverschuldeten Tode enden.“ * In der ״Neuen Jüdischen Rundschau“, Czernowitz, vom 27. Juni d. J. erschien ein aufschlußreicher Aufsatz unter dem Titel ״Downing Street und Vatikan“. In diesem Aufsatz wird die antijüdische Wirksamkeit des lateinischen Patriarchen von Jerusalem Barlassina geschildert. Der Autor tritt den in italienischen und katholischen Blättern veröffentlichten Nachrichten entgegen, daß die Juden die Abberufung Barlassinas und seines Adjutanten Bischof Feliinger durch Interventionen bei der englischen Regierung veranlaßt hätten. Die Abberufung erfolgte vielmehr im Zusammenhang mit den verschlechterten Beziehunen zwischen der britischen Regierung und dem Vatikan im nschluß an die Ereignisse in Malta. Barlassina hat in den letzten Jahren dauernd die englische Verwaltung brüskiert und sich auch nicht von persönlichen Unfreundlichkeiten zurückgehalten. So delogierte er seinerzeit Lord Plumer aus dem Jesuiten-Colleg, wo Plumer nach dem großen Erdbeben ein provisorisches Unterkommen suchen wollte.

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