Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 54 (11.7.1930)
- Date
- 1930-07-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 54, 11. VII. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 385 Frankreich und die Araber Von Dr. Hanns Reißner, Berlin. Der nachfolgend« Artikel, geschrieben vor der Verkitndigunn der neuen syrischen Verfassung, erhält gerade durch das Ereignis dieser Verfassung besonderes Interesse. Red. Die ״Araberfrage“, das heißt das Problem der Staatenblldüng in den ehemals arabischen Provinzen der Türkei, erscheint in Palästina kompliziert durch die in der Baifour- Deklaration niedergelegte Politik der jüdischen Heimstätte. In jüdischen Kreisen wird der arabische Widerstand gegen das Jüdische Nationalhelm vielfach als die Araberfrage empfunden. Politisch aber reicht der Gegensatz zwischen Arabern und Europäern weit über die Frage der jüdischen Ein- Wanderung nach Palästina hinaus. In voller Reinheit erscheint er in den beiden anderen sogenannten A-Mandatsgebieten, dem Irak und Syrien, deren staatliche Organisierung nur auf die derzeitige Bevölkerung, nicht aber auch auf ein zurzeit außerhalb des Landes befindliches Element Rücksicht zu nehmen hat- Soweit englische Stimmen zur arabischen Frage vorliegen — Captain Lawrence, Major Philby, Miss Oertrude Bell —, ist die Kenntnis dieser Literatur auch in die an Orientfragen interessierte jüdische Leserschaft gedrungen. Um so überraschender ist es, daß die nicht weniger zahlreichen französischen Aeußerungen dazu — vor allen anderen Gontaut-Biron, Pierre la Maziere und Maurice Pernot — in diesem Kreise so wenig Beachtung gefunden haben. Die Franzosen haben sich in ihrem syrischen Mandatsgebiet vor einer schwierigen administrativ-psychologischen Aufgäbe gesehen. Sie haben zunächst, entsprechend allgemeiner kolonialpolitischer Erfahrung eine auf bloßer Autorität beruhende Herrschaft über die ״Eingeborenen“ zu errichten gedacht. Dann wieder haben sie nach dem Buchstaben des Mandats schematisch europäische Verfassungs- und Volksvertretungsformen in Syrien einzuführen gesucht. Sie haben sich abwechselnd auf die christlichen und anderen Minderheiten und auf die mohammedanische Mehrheit stützen wollen. Ihr Prestige bei der Bevölkerung litt unter den Nachrichten von dem zunächst erfolgreichen Widerstand Abd-el-Krim’s Im nordafrikanischen Atlasgebirge. Die Wohlfahrt des Landes wurde durch den Sturz des französischen Franken beeinträchtigt, an dessen Kurs das syrische Pfund durch feste Wechsefrelation geknüpft ist. Diese wechselnden Schwierigkeiten machten sich in dauernden Auflehnungen der Landcsbevöl* kerung gegen die Franzosen Luft, die 1020 zur Vertreibung des Emir raisal führten und 1025 im Drusenaufstand gipfelten. Zur Unterdrückung der Aufstände mußte regelmäßig eine erhebliche Truppenmacht in Syrien unterhalten werden. Die französische ״Levantearmee״, die 1926 mit über 40000 Mann ihren Höchststand erreichte, umfaßt noch heute 10 000 Europäer (darunter 1030 Fremdenlegionlre, in der Mehrzahl Deutsche). Die unaufhörlichen Enttäuschungen der Mandatarmacht, die auch in einem dauernden Wechsel der französischen Oberkommissare zum Ausdruck kamen, ließen in der französischen Oeffentlichkeit den Wunsch erstarken, das syrische Abenteuer möglichst ganz zu liquidieren. Pierre 1 a Ma־ ziere äußert 1026 (Partant pour la Syrie) stoßseufzermäßig: ״Ja, wenn wir uns auf Zehenspitzen aus Syrien davonschleichen könnten, ohne daß es jemand merkte....“ — Maurice Pernot hingegen schrieb ein Jahr später (L’lnquiötude de!,Orient, in Revue des Deux Mondes) als Antwort auf die Mandatsmüdigkeit weiter Kreise: ״Es gibt nur eine sinngemäße Politik: die begangenen Irrtümer einsehen und sie wieder gutmachen. Wir würden sowohl die syrische Sache wie die unsrige verraten, wenn wir, weil beim ersten Versuch der Erfolg ausgeblieben ist, ein Unternehmen aufgebe» walten, in dem zugleich mit den Geschicken Syriens das Ansehen und die Machtstellung Frankreichs selbst auf dem Spiele stehen.“ Worauf beruhen die Irrtümer, die Pernot bei seiner Kritik im Auge hat? — La Mazihre, der den Oberkommissar Henry de Jouvenel auf seiner Ausreise nach Syrien im Dezember 1025 begleitet hat, schildert anschaulich den Zusammenstoß von Morgen- und Abendland auf dem Promenadendeck eines Mittelmeerdampfers. ״Da sitzen hier und dort Herren mit einem Teint von altem Ambra, oliv bis bronzen, mit bläulich schimmerndem Haar und Augen von der Farbe gestoßenen Kaffees. Auf Bordstühlen sitzend, beobachten sie eindringlich jeden Vorbeigehenden, versuchen durch die bloße Prüfung seines Gesichtsausdrucks hinter seinen Charakter, seine Oedanken, seine Pläne zu kommen.“ — Wer sind diese Herren? Es sind Levantiner. ״Man erkennt den Levantiner, diese Erfahrung macht an Bord des Schiffes erstmalig La MazRre, an dem Zug um Zug anmaßenden und unterwürfigen Ausdruck seines Blicks und seines Lächelns, seiner Klettenhaftigkeit, seiner mangelnden Zurückhaltung, an hundert kleinen Dingen, die den Europäer abstoßen und verwirren.“ — Warum aber sind diese Kaufleute und Advokaten aus Beyruth und Damaskus dem neuen Oberkommissar bis Marseille entgegengefahren? Auch daran wird Herr de Jouvenel sich erst gewöhnen müssen; denn — jetzt weiß es La Maziere — ״in der Levante bedeutet die Ernennung eines hohen Beamten nicht nur ein Ereignis für Politik und Verwaltung. Sie begründet vielmehr für den, der es weiß und rechtzeitig ausnutzen kann, auch ein kommerzielles und finanzielles Interesse.“ — Jüngere Syrer versuchen sich daneben mit der Suite des neuen Überkommissars anzubiedern. ״Wenn man ihr Herz öffnete, versichern sie pathetisch, so fände man darin in Lettern aus massivem Gold den Namen des teuren Frankreich geschrieben.“ — Einen Vorgeschmack von diplomalischen Wortverdrehungskünsten erhält Herr de Jouvenel sodann in Kairo im Anschluß an seine Audienz, die er dem dortigen syrisch-palästinensischen Komite gewährt. Er versichert sie’ seines Willens, eng mit allen unter Mandat gestellten Bevölkerungsgruppen zusammenzuarbeiten, erklärt, daß er als erstes den syrischen Gemeinwesen, in denen Ruhe herrsche, gestatten werde, sich eine Verfassung zu geben. Auch Damaskus und der Dschebel Drus würden dasselbe Recht genießen, sobald die Ordnung wiederhergestellt sei. — Am selben Nachmittag überbringt man ihm einen Brief vom syrisch-palästinensischen Komitö: ״Die Unterzeichneten nähmen von der Unterhaltung von heute morgen Akt, vermerkten die von seiner Eminenz, dem Herrn Oberkommissar, gegebenen Versprechungen, machten sich stark, die Unterwerfung der Drusen und der in den Vorstädten von Damaskus operierenden Banditen zu erzielen, wenn dagegen der Vertreter Frankre ich 8 in verbindlicher Form auf das Mandat verzichte und unverzüglich nach seiner Landung in Beyruth die Einschiffung der Levantearmee anordne.“ Der Anschauungsunterricht, den La Maziire auf dieser Reise über die politischen Gewohnheiten des Orients erhielt, erscheint in dem Bericht des Grafen R. de Gontaut-Biron (Sur les route* de Syrie apr&s ncuf ans de mandat, 1923) ln folgendem Urteil zusammengefaßt: ״Der Franzose kann es an Durchtriebenheit zunächst nicht mit diesen schlauen Orientalen aufnehmen, die die vieltausendjährige Urerfahrung von seit alters unterdrückten Rassen zu allen Bosheiten, allen Schlichen bereltgemacht hat, traditionellen Waffen gegen Gewaltherrsener, deren Schwächen es auszukundschaften gilt.“ Man könnte auf den Gedanken kommen, Pernot habe für seine verlorenen Illusionen eine gesunde Portion politischen Zynismus eingehandelt. Nichts liegt ihm jedoch ferner, als etwa der französischen Verwaltung nahezulegen, sich ihrer- Als wichtigste Folgerung aus der Erkenntnis der vorhandenen Unzulänglichkeit der französischen Mandatspraxis erhebt Pernot die Forderung, die französische Verwaltung solle sich völlig von Experimenten mit der Staatsverfassung abkehren und entschiedene Wirtschaftspolitik betreiben. ,,Schafft nicht so sehr Advokaten als Ingenieure! Die Verwaltung Syriens soll, verlangt Pemot, als oberstes Ziel haben, der wirtschaftlichen Betätigung der Bevölkerung keine Hindernlsse in den Weg zu legen, sie vielmehr nach sorgsamer Prüfung In jeder denkbaren Weise unterstützen. Ihr wollt, daß die Syrer Ruhe halten: laßt sie Geld verdienen, dann laßt sie noch mehr Geld verdienen.... Das wird viel besser wirken, als ihnen Parlamente und Minister zu geben und sie wählen und abstimmen zu lassen.“ seits dem traditionellen orientalischen Verwaltungssystem anzupassen, die Notabein zu bestechen und Stimmen zu kaufen. Umgekehrt "müßten die durchaus gutwilligen französischen Verwaltungsbeamten erst erkennen lernen, daß ״im Orient sich den wünschen der Bevölkerung anpassen zu wollen, eine hoffnungslose Angelegenheit ist“. Warum? Weil im Orient selbst allgemeine Wahlen nicht den wahren Volkswillen kenntlieh machen, sondern getreulich die Abhängigkeit der Masse vom Willen der Feudalherren widerspiegeln. - - Auch in dieser Frage der arabischen Volksvertretung war es dein Grafen Gontaut-Biron Vorbehalten, die Schwierigkeit präzise zu formulieren, die Pernot nur umschreibt. Worin liegt das politische Problem für die europäische Mandatarmacht? ״Man muß sich fragen, was in diesem Lande die sogenannten demokratischen Verfassungsreformen bedeuten sollen. Ich für mein Teil sehe darin nichts als eine riesige, plumpe Irreführung. Nur Neulinge ohne Erfahrung können sich von ihr täuschen lassen, nicht aber die alten Praktikusse der orientalischen Politik. Anstatt den Anbruch einer Zeit der Freiheit zu befördern, muß diese Art Anwendung des parlamentarischen Systems durch Wahlen die mißbräuchliche Gewaltherrschaft der Stammeshäupter und Großgrundbesitzer stärken und ihr Willkürregimcnt über das niedere Volk verewigen. Wirklich lachhafter Widersinn: das von der französischen Republik ausgeübte Mandat führt dazu, eine Kaste von nicht zur Verantwortung zu ziehenden Bedrückern zu begünstigen, führt zum Triumphe'der Feudalherrschaft! Soweit kommt man immerhin, wenn man sich in vorgefaßten Meinungen ergeht, statt mit gegebenen Verhältnissen zu rechnen.“ Man sieht, auch ohne die besonderen aus der Baifour- Deklaration sich ergebenden Aufgaben stehen die Franzosen in Syrien vor denselben Schwierigkeiten mit der eingeborenen Bevölkerung wie die Engländer im benachbarten Palästina. Sollen sie der ״heiligen Mission der Zivilisation“ treu bleiben, die sie mit dem Mandat im Interesse der Landesbevölkerung, aber auch des internationalen Friedens übernommen haben? Oder sollen sie den Wünschen der eingeborenen Führer nachgeben, die die Selbstherrschaft schlecht und recht der besten fremden Verwaltung vorziehen? Sollen sie die gegenwärtige soziale Feudalverfassung um des lieben Friedens willen bestehen lassen oder sollen sie die politische Demokratisierung durch wirtschaftliche und soziale Befreiung vorbereiten? ׳— Der englischen kolonialen Praxis entspricht es, sich auf örtliche Gewalten zu stützen, als ״Ratgeber“ selbst möglichst in den Hintergrund zu treten und den traditionären Herrscher für die Durchführung und Erfüllung der englischen Ansprüche an die Verwaltung verantwortlich zu machen. Auf diese Weise sind zum Beispiel die Verfassungen von Transjordanien und dem Irak zustandegekommen, mit europäischen Verhältnissen verglichen Zerrbilder echter Demokratie. Auch Gontaut- Biron und La Mazitre erwägen wenigstens den Oedanken, ob es Frankreich in Syrien nicht aus vielen Schwierigkeiten helfen würde, wollte es dort einen arabischen Fürsten zum Herrscher einsetzen. Der Emir Faisal war 1920 allerdings gerade deshalb von dem französischen Oberkommissar, General Gouraud, aus Damaskus verjagt worden, weil er die Seele des Widerstandes gegen das französische Mandat war. Inzwischen jedoch hat er sich eines Besseren bereden lassen und, von den Engländern nach Bagdad berufen, als Herrscher über den Irak seiir wohl mit einer europäischen Macht paktieren und umgehen gelernt. Für die Franzosen als republikanisches Volk bestehen dagegen aus der Verfassung des Mutterlandes heraus schwerwiegende Bedenken gegen eine Königsmacherei nach englischem Vorbild. Sie haben daher unter zeitweiliger Zurück- Stellung aller demokratischen Experimente in den letzten Jahren in Syrieft eine Politik von betontem Wirtschaftliehen Charakter cingcleitct und können mit Genugtuung auf die eingetretene Hebung der Landeswohlfahrt und die Beruhigung der politischen Atmosphäre hinweisen. Im Hinblick aut Palästina, für das die monarchische Staatsform (trotz zeitweiligen englischen Spiels mit diesem Gedanken im Anfang der Mandatsführung) ja ebensowenig in- Frage •kommt wie für Syrien, erscheint von besonderem Interesse der Schluß, zu dem Maurice Pemot bei seiner Betrachtung der syrisch-arabischen Landesverfassung gelangt: ״Eine starke, einheitliche und wohlwollende Zentralregierung, allmählich mehr und mehr von einer beschränkten und auf lange Frist gewählten Nationalvertretung kontrolliert, das ist mit einem Wort die Formel, die sich bei aufmerksamem Studium der Landesverhältnisse und des Charakters der Einwohner aufdrängt.“ itiiHimiiimitifflitiiHroiiiiHiiiffliiwiiiiwiimiiiiHiimiiiwiiiitiiiiHiiimiiiimiiiiiiiw^ Verkündipng, Bestätigung, Erfüllung Die Wirkung der Habimah. Von Margot Rosner, Berlin. Im Laufe von zwei Jahren habe ich die Habimah ajif ihren verschiedenen Fahrten begleitet und ihre Wirkungen im Westen, in Palästina und auch im Osten miterlebt. In gewisser Weise hat sich ein Kreis damit geschlossen. In diesem Kreis, der heute Westeuropa, den Osten, außer Rußland, und Palästina umfaßt, fühlt man in allen Teilen ein starkes Sichbesinnen und Aufwachen des jüdischen Volkes, und da die Siufen des Erwachens in diesen Ländern verschieden hoch sind, ist die Aufgabe und Art der Wirkung unseres Theaters völlig verschieden. Im Westen bedeutet die Habimah in der gegenwärtigen Situation des Judentums eine Verkündigung. Im Osten gibt sie die Bestätigung, daß das in der Kunst lebendig ist, wonach man in der Wirklichkeit strebt. In Palästina ist sie Erfüllung im dortigen jüdischen Leben. Ver k ü n d i - gung, Bestätig ungundErfttllung,dassinddie Inhalte ihres Wirkens in der jüdischen Welt. Und in diesem Sinn bildet sie eine lebendige Brücke. Die Habimah wirkte im Westen zuerst nur als Kunst. Sie ist eines der wenigen Theater in der heutigen Zeit, die noch wirklich aus dem Volkhaften kommen. Ihre Gestalten stammen aus Bibel und Mythos, und die Kraft der Renaissance-Idee ist so stark, daß sie diesen Gestalten Blut und Leben zu geben vermochte. Ihre Menschen sind nicht bloße Theaterfiguren, sondern durch das Medium der Kunst und der Idee zu Wesen geworden, die in die Gedanken der Menschen wie große Dichtungen eingegraben sind. Und da man im heutigen Niedergang des' Theaters sich nach einer wirklichen Kunst sehnte, begegnete man dem Erscheinen dieses unwirklichen Theaters mit Erstaunen und Freude. Dadurch, daß man in seinem Spiel etwas Innerstes fand, begann man auch neben dem menechliehen auf den geistigen Gehalt zu sehen. Es wurde einerseits das Mürchen von der Unproduktivität des Juden erschüttert, andererseits stellte man erstaunt fest: welch starke Kräfte müssen noch im Judentum wirksam sein, wenn sie so unmittelbare Kunst vollbringen konnten! Und auf diesem Wege sind viele, dem Judentum entfremdete Menschen dazu angeregt worden, dem Quell dieser Kraft nachzugehen und sich das Judentum wieder nahezubringen. Sie erkannten, daß die Ursprünge dieser Kraft in dem östlichen, rein erhaltenen Judentum liegen und in dessen Sehnsucht zur Wiedergeburt des jüdischen Volkes. In diesem Sinne sagte einer unserer Freunde einmal nach der Aufführung des dritten Dy buk-Aktes: ״Ich habe mich an Dinge erinnert, die ich nie gekannt habe“. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß die Habimah Hunderttausenden das lebendige Hebr&isch ins Bewußtsein gebracht hat. Jede Diskussion, ob Hebräisch nach 2000 Jahren des Buch-Daseins noch lebensfähig ist, wurde durch das Erlebnis der Habimah abgeschnitten. Außerdem wurde durch die Freundschaft mit der Habimah und ihren Künstlers eine na* türliche Verbindung zu künstlerischen Problemen und Mensehen des Ostens und Palästinas gefunden. Es sei an eine lilerarische Habimah-Diskussion erinnert, in der die besten künstlerischen Vertreter Palästinas, des Ostens und des Westens in gemeinsamer ernster Beratung die zukünftigen Wege der Kunst für das Judentum erörterten. Es wurde damals klar, daß man wieder an eine allen Juden gemeinsame Kunst glaubt. Und das ist die Verkündigung, die die Habimah den westlichen Juden gebracht hat Den Juden im Osten bedeutet Habimah die Bestätigung ihres Weges. In die hebräische Bewegung kam die hebräische Kunst: Zu den Kindern, die heute schon im Osten hebräisch leben, kommt das Theater Habimah. Aus ihrer dumpfen Umgebung — der eigenen und der fremden sehnt sich die Juend, beseelt durch die Idee der Renaissance. So wie man in er Vorbereitung für Palästina nach neuen Wegen der gesellschaftlichen Lebensform, der Erziehung usw. sucht, so auch in der Kunst, ln diesem Suchen erleben sie die Habimah und finden in ihr auf dem Gebiet der Kunst die eigenen Elemente wieder. Denn drei Momente sind es, die in der ganzen Welt den Erneuerungsgedanken erfüllen: die Idee selbst, die Vorbereitung für das neue!.eben und der kollektive Geist. Und diese Momente lebt die Habimah den Ostjuaen in der Kunst vor. Ein Gespräch zweier Chnluzim mag diesen Gedanken näher erklären: In Warschau standen bei der Aufführung des ״Schatz“ Hunderte von Chaluzirn gedrängt auf der Galerie. Da sagt einer zum zweiten: ״Ist die moralische und Wirtschaftliehe Lage der Juden in den kleinen Städten wirklich 80 furchtbar, wie sie hier wiedergegeben wird?“ ״Selbstverständlich“, antwortete der Zweite, ״noch viel schlimmer“. — ״Dann müssen wir wirklich alle unsere Kräfte daransetzen, um ihre Situation zu verändern.“ Eine große Dankbarkeit hatte ihren Teil in der Begeisterung, mit der die Juden nach vierjähriger Trennung ihre Habim ah umjubelten. Und auch die Jiddischisten mußten diesmal uneingeschränkt die Habimah und ihre Sprache anerkennen. Im Osten wob sich das Band zwischen den östlichen Künstlern und der Habimah noch viel stärker als im Westen. Mit besonderem Stolz erfüllte alle Juden, daß die polnische Presse einmütig begeistertes Lob spendete und dringend den polirischen Theatern den Rat gab, die Habimah zu besuchen und von ihrer Kunst zu lernen. Und wir Juden wissen, was es bedeutet, daß wir einmal in unserer spezifischen Erscheinungsform von der Kritik unserer Gastländer bejaht werden. Wenn man im Westen die hebräische Kunst als Verkündigung empfand und im Osten als Bestätigung, so bedeutet sie für Palästina natürliche Erfüllung. Es gibt dort keinen Zweifel mehr an der eigenen Lebensberechtigung. Wenn wir uns vergegenwärtigen, zu welchem Publikum die Habimah in Palästina spricht, 80 sehen wir, daß dort eine besondere Konstellation besieht. Die Palästinenser kommen fast durchweg aus chassidischen östlichen Kreisen, und durch die Eindrücke ihrer Kindheit sind sie verbunden mit dem jüdischen Volkstum. Sie haben aber fast durchweg die Epoche der Haskala, der europäischen Bildung erlebt, und für sie bedeuten die Werte und die Kunst der westlichen Kultur ebensoviel wie für uns. Nach dieser Zeit der Bildung nun gingen sie nach Palästina, in ein orientalisches, unkultiviertes Land, wo sie unter Arabern und Ghettojuden fast allen Zusammenhanges mit europäischer Kultur und Kunst entbehrten. Sie hatten weder genügend Bücher, noch Theater und Konzerte, und wir alle wissen ja, wie elementar das Kunstbedttrfnis bei uns Juden ist. Wir hier in Europa verstehen nur allzu gut diese Sehnsucht. Darum sind wir auch verpflichtet, für Palästina ein solches Theater zu erhalten. Es ist fast unmöglich, wiederzugeben, welches Erlebnis das Zusammentreffen der Habimah mit dem Publikum Palästinas war. Nicht nur die Größe der Kunst, von der man schon so viel gesprochen und geschrieben hatte, bewirkte diesen mächtigen Eindruck, sondern auch vor allem das Bewußtsein: es gibt ein Theater, das in eigener Sprache, mit eigenen Schauspielern und eigenen Dichtern unsere Ideen für uns und die Welt gestaltet. Die Aufführungen des ״Ewigen Juden“ Im Emek sind unvergeßlich, denn die fünftausend Arbeiter, die sich jeweils zu dem Schauspiel versammelten, fühlten, daß ihr eigenes Leben, das sie im Kampf um die Erde seit Jahren führen, seinen künstlerischen Ausdruck in der Messiassuche des Ewigen Juden gefunden hatte. Wenn wir schon im Osten von dem cimlrücklichcn Bildungserlebnis für die Jugend gesprochen haben, um wieviel rößer ist es für palästinensische Kinder, die wirklich Inst nur urch dieses Theater die Begriffe von Kunst und künstlerischer Gestaltung bekommen. Und aus diesem Grunde ist die Habimah auch verpflichtet, wenn sie länger im Lande wohnen wird, die Klassik und die allgemeine Weltliteratur zur Anschauung zu bringen, denn wir wollen ja dort nicht ein idealeres und moderneres Ghetto bauen, sondern in einer Heimstätte leben, von deren festen Punkt aus wir, wie jedes andere Volk, an der Kultur der Welt teilhaben. Eine andere wichtige Funktion wird die Habimah in Palästina dadurch erfüllen, daß sie palästinensischen jungen Künstlern Gelegenheit geben wird, zu einem großen Publikum zu sprechen. Denn es ist bei dem heutigen Stand der hebräisehen Kunst fast unmöglich, hebräische neue Bücher und Musik außerhalb der hebräischen Welt bekanntzumachen; aber im synthetischen Theater, daß durch seine künstlerische Höhe von der ganzen Welt anerkannt wird, ist dies leichter möglich. Wir wünschen uns in diesem Zusammenhang das hebräische Drama, das heute erst in seinen Anfängen existiert. Man maß darauf gefaßt sein, daß die ersten Versuche unserer theaterungewohnten Dichter noch nicht vollkommen sind. Vielleicht wird es auch einmal in absehbarer Zeit möglich sein, das Bild des aufbauenden und kämpfenden Palästinas auf der Bühne zu gestalten. Denn das Theater hat, wie Bialik sagt, in Palästina auch die Aufgabe, Lebensstil und Lebensform entscheidend zu beeinflussen. Doch auch schon in ihrer heutigen Form bedeutet die Habimah für Palästina eine künstlerische Erlüllung.