Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 54 (11.7.1930)
- Date
- 1930-07-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 54. 11. VII. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 363 Vor dem neuen Budget Klagemauerkommission und Simpson (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) AG Tel-Awiw, den 3. Juli 1930. Vor zwei Tagen hat der High Commissioner das Land verlassen und seinen Sommerurlaub angetreten. Wie Jedes Jahr. Der stellvertretende High Commissioner ist der bisherige Finanzmann der Regierung, Sir Stewart Davis; ihm wird die Aufgabe obliegen, das Land in den nächsten Monaten in Ordnung zu halten. Eine nicht ganz einfache Aufgabe. Und dann wird — darüber gehen ja seit langem Gerüchte — ein neuer High Commissioner erwartet und die politisch intcressiertcn Kreise Palästinas können in den heißen Sommermonaten das alte Rätselraten von neuem üben: wer wird der nächste Leiter der Palästinaadministration? Und wie jedesmal wird dann das Land und auch der größte Teil der ״Eingeweihten“ ziemlicfi überrascht von der Wahl des Colonial Office hören. In der Regel sind diese drei Sommermonate eine stille Zeit im Lande. Die jüdische Einwohnerschaft pflegt sich in dieser Zeit um Hunderte zu verringern. Es ist die Zeit des Europafahrens. Und auch dieses Jahr scheint die Zahl der Europatouristen nicht geringer als sonst, die Schiffe von Jaffa und Port-Said und Alexandrien sind voll von Palästinensern. Die Zurückbleibenden richten sich auf den Sommer ein. ln den Wirtschaften im Emek kämpft man auf Tod und Leben mit der Mäuseplage und sieht doch kein Mittel, um wirklich etwas auszurichten. Die Exekutive hat dadurch außer ihren sonst wahrlich nicht geringen Finanzsorgen noch eine neue schwere Aufgabe dazu bekommen. Und die Zehn tausende von Pfunden, die an der Ernte verloren gehen, sind nur ein kleiner Teil des Fehlenden. Man berechnet — in der Exekutive, in den Wirtschäften, in den Expertenkommissionen, in den Parteien — die Posten des neuen Budgets. Man berechnet die Kosten endgültiger ״Konsolidierung“ der Siedlungen. Eine Klarheit in die schwierigen Rechnungen zu bringen, eine Uebereinstimmung zu erzielen zwischen ״Soll“ und ״Haben“, also zwischen dem, was man haben soll und dem was man hat, ist eine böse Aufgabe. Lauter denn je erhebt sich der Ruf nach einer ״Produktivierung“ des Budgets. Was man seit Jahren gesagt hat, wird heute von neuem und mit größerem Nachdruck wiederholt: ״Es muß endlich ein größerer, ein viel größerer Prozentsatz des Budgets für Kolonisation freigemacht werden. Es geht nicht an, daß Erziehung und Sanität ihre festen Beträge haben, von denen nichts abgezogen werden darf, komme was da wolle, während die Landwirtschaft immer wieder die Zeche zahlen muß und wir weder zu einer richtigen Konsolidicrung noch zu einer Neukolonisation gelangen.“ fm Prinzip sind sich über diese Grundsätze wohl alle einig. Die Frage ist nun, wie man es in der Praxis macht. Und da stößt man auf dieselben Hindernisse, auf die man seit Jahren gestoßen ist. Der Karren ist nicht vom Fleck zu bringen. Und es handelt sich gerade jetzt nicht nur um die Verteilung der Summen, sondern — was sehr viel drückender ist — um ihre Beschaff u n g. Niemals kt ja die Zionistische Organisation von Finanzsorgen frei gewesen, aber kaum je ist die Diskrepanz zwischen den großen Forderungen: Verdoppelung, Verdreifachung, Verzehnfachung der praktischen Arbeit im Lande! — und den tatsächlichen finanziellen Möglichkeiten der nationalen Fonds 'größer gewesen.. B.as Galuth ijütt'B 'diesJFSUl'litagi'‘ erkennen und sich darüber klar werden,was zu tun ist Trotz dieser Finanzschwierigkeiten der Fonds haben wir im Lande eine gute Wirtschaftslage (abgesehen von den erwähnten Schwierigkeiten gemischter Wirtschaften wegen der Mäuseplage). Die Gründe sind einleuchtend. Einerseits ist ein großer Teil der 160000 Juden im Lande bereits unabhängig von nationalen Geldern. Das Privatkapital spielt eine weit größere Rolle als früher, sowohl in der Stadt als auch in den Kolonien. Und viele, die früher von nationalen Geldern abhängig waren, haben sich heute ״eingeordnet“, wie man hier sagt Finanzielle Depressionen des Keren Hajessod wirken sich in einem relativ beschränkten Kreis aus: in erster Reihe bei den noch nicht selbständigen Siedlungen und außerdem bei den direkt abhängigen Angestellten (Beamte, Lehrer) und Instifutionen. Und die Lehrer und Beamten wurden in diesem Jahre noch pünktlich bezahlt. In dieser Entwicklung, die zu einer Unabhängigkeit großer Kreise des Jischuw von den nationalen Geldern führt, liegt eine Bedeutung, die weder erklärt noch betont zu werden braucht Diese Unabhängigkeit ist ja das eigentliche Wirtschaftsziel, auf das eine zionistische Politik hinarbeiten muß. Man soll sich jedoch nicht einen Augenblick mit dieser Entwicklungstendenz über die Lage der Fonds oder der Organisation trösten oder hinwegtäuschen. Wenn man sich damit begnügen könnte, daß der gegenwärtige Jischuw so bleibt wie er ist, also ohne Zufluß von außen, könnte man sich auch mit dem Gedanken begnügen, daß er auf dem Wege ist, sich selbst zu erhalten. Aber die jetzige Lage geht auf Kosten von Expansion, von Konsolidierung, von Neusiedlung, kurz von allem, was der wirtschaftlichen Arbeit im Lande erst einen Sinn verleiht. Das wissen diejenigen, die heute das Budget für das nächste Jahr vorbereiten. Und daher alle jene verzweifelten Versuche, größere Posten für die eigentliche wirtschaftliche Tätigkeit freizubekommen und damit das Werk endlich aus der Stagnation zu reißen, in der es seit Jahren festsitzt. Diese Budgetvorbereitungen sind eine der wenigen Arbeiten, in denen jetzt Palästina die Initiative ergreift, ln allen anderen Punkten, besonders in Politicis, ist es außerordentlich still geworden. Man horcht noch immer nach London, und meist vergeblich. Auch die Klagemauerkommission hat — Gott sei Dank? —■ vorläufig keine Sensationen gebracht. Die Beratungen der Kommission bieten ein eigenartiges Schauspiel. Da sitzen die Vertreter dreier europäischer Nationen, ein Schwede, ein Holländer und ein Schweizer, alle drei gewählt um der schon sprichwörtlich gewordenen Neutralität willen. Vier Tage in der Woche amtieren sie. An den übrigen drei wird der moslemische Freitag, der jüdische Samstag und der christliche Sonntag gehalten. Um sie gruppieren sich die Vertreter der Juden und der Araber, Stenographen, Sekretäre, und schließlich Zeugen. Rabbiner, Privatleute, Vorsitzende religiöser Institutionen. Und die Kommissionsmitglieder bemühen sich mit allen Kräften in den jüdischen Ritus einzudringen. Sie lernen über Tfillin, über Schofar, über die Thorarolle, über die Tradition des Gottesdienstes, über Bänke, Waschbecken und Wände, die beim Gebet zwischen Frauen und Männern eine Scheidung bilden. Ausführliche Memoranden, Bilder, Films werden als Unterlagen vorgelegt. In den Verhandlungen spielt der Chacham Bascbi (das Oberhaupt der sephardischen Juden bi der Türkemeit), Djemal Pascha, englische Touristen, die ״sch’chinah“ und Dokumente aus früheren Jahrhunderten nebeneinander die seltsamsten Rollen. Eine Grenze zwischen Religion und Politik wird oft nicht eingehalten. Vor allem versucht die arabische Vertretung die Verhandlungen möglichst oft von einer sachlichen Tatsachenbasis auf politisches Gebiet hinüberzuspielen und dadurch bessere Angriffsflächen zu bekommen. Und auf den Tischen der Kommission häufen sich Briefe, Dokumente und Memoranda. Die Presse veröffentlicht Protokolle, jedoch sehr viel summarischer und viel weniger aufgemacht als beim Shaw-Bericht. Und das Publikum liest sie, wenn möglich noch summarischer und hat auch zu einem guten Teil das Diskutieren auf gegeben. Die Klagemauer ist vorläufig noch ein ״abseits liegendes“ Gebiet und man schaut darauf ungefähr mit dem Empfinden: Freilich die Sache muß in Ordnung gebracht werden, also ist es gut, daß man es versucht. Aber hüten wir uns, zuviel davon herzumachen und außerdem sind wir eigentlich der Kommissionen überdrüssig.... Neben dieser Untersuchung läuft nach wie vor die Arbeit von Simpson. Ohne jede auffälligen Maßnahmen, ohne formale Sitzungen, ohne Verteidigung von Zeugen. Aber es häufen sich die Protokolle zwangloser Besprechungen, ausführlicher Unterhaltungen, die kurzen, aber vielsagenden Berichte von Besuchen in Dörfern, Städten .und Kolonien, von Besprechungen mit den verschiedensten Leuten, angefangen mit Stadträten bis zu Landarbeitern und Fellachen. Es schwirrt natürlich von Gerüchten über die Ansichten, Ideen, Vorschläge des Special Commissioners. Aber man weiß einerseits zu viel und andererseits zu wenig, um sich heute schon dazu äußern zu können. Es genügt zu bemerken, daß die drei Zeilen, die über Besuche Simpsons berichten, mit größerem Interesse von der Gemeinde der Politiker aufgenommen werden als die drei Spalten über die Mauer. Und so hilft sich Palästina mit Budgetsorgen, Untersuchungen und Kommissionen durch den Sommer.... Die Orangen-Produktioii Palästinas In einer Broschüre ״Lage des Orangenbaues in Palästina im Aperil 1930“, die von Herrn Harry Viteles herausgegeben wurde, findet man u. a. folgende interessante Daten: Die per Ende 1929 mit Orangen bepflanzte Bodenfläche betrag zwischen 90 000 und 120 000 Dunam und gehörte zu gleichen Teilen Juden und Arabern; davon waren nur 35 000 Dunam (bei Juden 1 1 250 Dunam) fruchtbringend. Die Araber haben in den letzten drei Jahren 25 030 Dunam neue Orangerien angelegt. Die gesamte mit Orangen bebaute Fläche, die Arabern gehört, wird auf etwa 50 000 Dunam geschätzt. Die Fläche von jungen Orangerien, die Juden gehören, wird Ende 1930 47 000 Dunam betragen. Insgesamt gehören den Juden über 58 000 mit Orangerien bebaute Dunam. Der Wert der jüdischen Orangerien wird auf 4 000 000 Pfund geschätzt, Schulden auf weniger als 3/4 Millionen Pfund. (Ziko.) JMische and arabischt Arbeiter Nachdem vor einem Monat jüdische Arbeiter einer Einladung ihrer arabischen Kameraden im Dorfe Beth Safafa neben Mekor Chaira bei Jerusalem gefolgt waren, luden jetzt arabische Arbeiter aus Beth Djala, einem christlichen Dorfe nebtn Bethlehem, ihre jüdischen Kameraden, mit denen sie zusafamen an einer Arbeitsstelle iltig sind, zum Besuch in Ihr Ä1 Dorfe ein. Die jüdischen Arbeiter, acht an der Zahl, besuchten zweimal mit ihren Frauen das Dorf Beth Djala, wo sie sehr freundschaftlich aufgenommen wurden. Unter Bäumen wurde mittags an gedeckten Tischen eine große Mahlzeit geboten. Die Gespräche betrafen hauptsächlich Fragen der Arbeit. Ehe Gastgeber führten ihre Gäste durch die Straßen des Stadtchens, zeigten dessen Institutionen, Gärten usw. und berichteten über die Industrie der Perlmuttergegenstände und die große Zahl der dabei beschäftigten gelernten Arbeiter. Beim Abschied wurden die jüdischen Gäste eingeladen, mit ihren Familien die Sommermonate in den Gärten von Beth Djala zu verbringen. (Ziko.) Daniel Pasmanik gestorben. In Paris starb 1m Alter von 66 Jahren Dr. Daniel Pasmanik, der in früheren Jahren in der zionistischen Bewegung eine hervorragende Rolle gespielt hat. Die wichtigste Tat Pasmaniks war die Schaffung der Poale Zion-Partei in Westeuropa, welche Tatsache allmählich in Vergessenheit geraten ist. Auf dem Hamburger Kongreß im Jahre 1909 und auf den nachfolgenden Vorkriegskongressen spielte Pasmanik eine große Rolle. Seine Schriftstellerische Tätigkeit machte ihn damals in der ganzen jüdischen Welt bekannt. Im Jahre 1911 veröffentlichte er in deutscher Sprache (im Berliner Jüdischen Verlag) die Schrift, ״Die Seele Israels“. Er war jahrelang Dozent an der medizinischen Fakultät in Genf. Nach dem Zusammenbruch des zaristischen Rußland zog Pasmanik zuerst nach London und dapn nach Paris und betätigte sich als Milarbeiter der russischen Emigrantenpresse. In den letzten Jahren wandte er sich wieder jüdischen Problemen zu. Daniel Pasmanik war zeitlebens ein schwer leidender Mann und trotz kömerlicher Gebrechlichkeit entfaltete er eine anstrengende Tätigkeit auf allen Gebieten, denen sich sein jeweiliges Interesse zuwandte. Ab. Cahan 70 Jahre alt. Am 13. d. M. vollendet Ab. Cahan, Chefredakteur der größten jiddischen Tageszeitung der Welt, des New Yorker ״Vorwärts“ sein 70. Lebens- Jahr. 1832 nach Amerika gekommen (nachdem er Glieder, Jeschiwah besucht, sich in Rußland an revolutionären Bewegungen beteiligt hatte und von den zaristischen Behörden verfolgt worden war), gründete er die jüdisch-sozialistische Partei in Amerika, die jüdische Gewerkschaft, verschiedene Zeitschriften und schließlich den ״Vorwärts“. Ab. Cahan spielte in der internationalen sozialistischen Bewegung eine hervorragende Rolle. Auf seinen zahlreichen Europareisen kam er mit den hervorragendsten Führern des internationalen Sozialismus in Berührung und stattete immer wieder seiner alten Heimat Besuche ab. Ab. Cahan ist in der jüdischen Masse Amerikas und Osteuropas sehr populär. Jahrzehntelang gehörte er zu den erbittersten Gegnern der zionistischen Bewegung und des Palästina-Aufbaus. Nach seiner ersten Palästinareise im Jahre 1924 änderte er jedoch seine Haltung und tritt seit jener Zeit, oft im Widerstreit mit manchen seiner Mitarbeiter in der Vorwärts-Redaktion, für das Palästinawerk ein. Seine Berichte über Palästina fanden außerordentliche Beachtung, insbesondere die Artikel, die er nach den blutigen August-Unruhen im vorigen Jahre aus Palästina nach New York schickte. Ab. Cahan gab vor einiger Zeit drei Bände Lebenserinnerungen heraus, die über die Geschichte der Juden Osteuropas und Amerikas bis zum Jahre 1897 wertvolle Aufschlüsse geben (vgl. den Artikel von Gorelik in der ״J. R.“ vom 24. 6. 1927). Anläßlich seines Geburtstages gedenken seine zahlreichen Freunde und Verchrer in Liebe dieses tapferen und aufrechten Mannes und auch wir entbieten dem hervorragenden Kollegen auf dem Gebiete der jüdischen Publizistik herzlichste Glückwünsche, m. w. Außenpolitische Umschau Der föderalistische Gedanke. — Verfassungsprobleme im englischen Weltreich Wenn nicht manche Zeichen trügen, scheint der föderalistische Gedanke in verschiedenen Formen und aus verschiedenen Motiven an Boden zu gewinnen. Nach der Ucberspannung des Nationalitätsprinzips im Sinne eigener Staatlichkeit beginnt man da und dort zu verstehen, daß gewisse Aufgaben des praktischen Lebens, vor allem der Wirtschaft, nur auf breiterer territorialer Basis konstruktiv zu lösen sind. Die Alternative, vor der wir stehen, ist ganz scharf zugespitzt: entweder Zusammenarbeit oder ewiger Kampf der Völker gegeneinander. Im heutigen System Europas — und seit jüngster Zeit auch Asiens — ist das Prinzip des nationalen Egoismus freilich noch vorherrschend, aber in Unterströmungen zeigt sich bereits die innere Unsicherheit, die jede Neuordnung vorbereitet. Der schnelle Erfo'g der paneuropäischen Bewegung, die aus einer rein literarischen Angelegenheit zum ernsten Diskussionsstoff der europäischen Kabinette geworden ist, zeigt, daß reale Tat- Sachen zu dieser Entwicklung hindrängen. Nur durch die Einsicht, daß durch hohe Zollmauem voneinander getrennte Klein- Staaten ohne größere Expansionsmögiichkeif im heutigen Stadium der Technik und des Weltverkehrs eine Anomalie sind, ist es auch zu erklären, daß die umlaufenden Gerüchte über angeblich bevorstehende Neugestaltungen in den Donauländem trotz aller Unwahrscheinlichkeit immer wieder ein williges Ohr finden. Das Gefühl für die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Lage ist so groß, daß man jede Aenderung, wenn schon nicht herbeiwünscht, so doch in Erwägung zieht. Die österreichischungarische Monarchie ist daran zugrunde gegangen, daß sie, in reaktionären historischen Bindungen befangen, ihre Mission, ein Bund der freien Völker in dem national so gemischten Gebiet Mittel- und Südost-Europas zu sein, nicht zu erfüllen vermochte. Sie war nicht reif für den föderalistischen Gedanken, der von den jeweiligen Trägern der Macht weise Selbstbcschränkung und großzügigen Verzicht im Interesse einer besseren Zukunft fordert. Wir sehen heute mit Schrecken, daß gerade jene Elemente, von denen der Anstoß zur Zerstörung Oesterreichs ausgegangen ist, daß gerade die ehemals österreichischen Südslawen in ihrem neuen Staatengebilde, das ihre nationalen Aspirationen hundertprozentig erfüllen sollte, nicht glücklicher sind, und daß auch hier die nationalistische Tyrannis über die Idee der freien Völkervereinigung triumphiert. Die Frage, ob nationale Gewaltherrschaft oder nationale Toleranz ein besseres Fundament der Staaten ist, wird heute in der Praxis noch durchaus im ersteren Sinne beantwortet. Es ist eine Schicksalsfrage von unabsehbarer Tragweite, ob man rechtzeitig erkennen wird, daß das Prinzip der Kooperation auch dem nationalen Interesse auf lange Sicht besser dient. Für das Judentum, das heute durch die Ueber- Steigerung des Nationalismus in eine völlig ausweglose Situation gerät, ist es von größter Bedeutung, daß wieder größere Gebilde angestrebt werden, innerhalb derer die nationale Schöpferkraft, dieses Fundament aller Kultur, sich frei entfalten kann, ohne daß der Nationalismus politisch maßgebendes Kriterium bleibt. Der Völkerbund vermochte nicht zu werden, als was er eigentlich gedacht war. Aber die Hoffnung der besten Europäer geht heute dahin, daß ein System der Kooperation mit stärkeren Bindungen als der Völkerbund sie zu schaffen vermochte, zunächst in Europa entstehrat wird. Aber auch in andern Bereichen sehen wir Tendenzen zu bewußterer Bewältigung konstruktiver Aufgaben in großen überstaatlichen Gebilden, die bereits föderalistischen Charakter haben. In England steht das Problem der engeren Zusammenfassung der Gliedstaaten des britischen Weltreichs auf der Tagesordnung. Der Gedanke des wirtschaftlichen Zusammen- Schlusses dieses riesigen Komplexes scheint immer mehr an Boden zu gewinnen. Wir vermögen nicht zu beurteilen, ob ״Empire Free Trade“ ein wirksames Mittel gegen die wachsende Arbeitslosigkeit in England wäre, aber schon die immer deutlicher werdende Popularität dieser Losung ist bezeichnend. In ihrem Zeichen bereitet sich der Kampf gegen die heute herrsehende Arbeiterpartei in England vor. Für uns Zionisten, in deren Reihen zuweilen der Wunsch nach Ablösung der Arbeiterregierung durch die Konservativen laut wird, ist dabei nicht ohne Interesse, daß die Hauptwortführer, die das Kampfprogramm des Empire-Protektionismus heute vertreten, außerdem auch für starke Hand in Indien und für die Aufgabe des Palästinamandates eintreten. Von zwei entgegengesetzten Polen nähert man sich heute dem föderalistischen Gedanken. Ebenso wie die völlig isolierte, das Souveränitätsprinzip ad absurdum führende Autonomie der Kleinstaaten ist auch der übermäßige Zentralismus zu großer und in ihrer Struktur nicht einheitlicher Gebiete ein hemmendes Prinzip. Es ist daher von großem Interesse, daß die Simon- Kommission in ihrem Bericht über Indien eine Regierungsform in Vorschlag bringt, die im Prinzip auf Föderalismus beruht. Gerade dieser Vorschlag hat in großen Teilen der englischen und amerikanischen Oeffentlichkeit zündend gewirkt; man spricht bereits von den künftigen ״Vereinigten Staaten von Indien“. Demgegenüber lehnen die indischen Nationaiisten den Föderalismus ab, so wie überall die nationalistischen Parteien des Mehrheitsvolkes (vgl. z. B. die Jungtürken) innerhalb eines Staates ihre Herrschaft — im Falle Indiens ist es vorläufig nur eine herbeigewünschte künftige Herrschaft — durch ein zentralistisches Regiment befestigen wollen. Zu diesem Thema des Föderalismus gehört auch der Hinweis, daß der Gedanke einer vorderasiatischen Föder a t i o n wieder auftaucht, der in verschiedenen Formen schon früher eine Rolle spielte. Bekanntlich war in den Jahren nach dem Kriege, besonders 1922 bis 1924, die Schaffung einer arabischen Föderation ein Programmpunkt der englischen Politik; die Araber behaupten, die Durchführung dieses Programms scheitere vor allem am Zionismus. Die damalige arabische Konzeption nahm freilich keine Rücksicht auf die jüdischen Aspirationen. Von jüdischer Seite wurde schon vor vielen Jahren vereinzelt die Idee eines gemeinsamen jüdisch-arabischen Aufbaus des Vorderen Orient propagiert, freilich ohne besonderen Wiederhall und auch ohne ernsthafte Versuche, mit dem für einen solchen Plan wichtigsten Faktor, nämlich den Arabern, eine Auseinandersetzung darüber herbeizuführen. Jüngst aber ist in der arabischen Presse eine solche Idee angedeutet worden, diesmal unter bewußter Einbeziehung der Juden. Die arabische Zeitung ״Felestin“ veröffentlichte einen Artikel, worin gesagt wird, das ganze Gebiet ״von Jaffa bis Basra“ harre des Aufbaus, und in diesem Rahmen seien auch für die jiidisehen Bestrebungen Möglichkeiten gegeben. Auf diesen vorgestreckten Fühler wurde von uns kaum reagiert. Aber gleich-