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Jüdische Rundschau · 1930-07-04 · Heft 52 (4.7.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 52 (4.7.1930)
Date
1930-07-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 352 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 52, 4. VIL 1930 Die Lage des Aufbauwerks in Palästina Bericht der PalSaflna-Exektitlire der Jewish Agency 1. Die Palästina-Exekutive der Jewish Agency gibt nachstehend einen Bericht über die laufende Arbeit ihrer Ressorts in de״ letzten Monaten. Diese Arbeit litt natürlich durch die Konzentration eines großen Teils der zur Verfügung stehenden Kräfte auf diejenigen Aufgaben, die als eine Folge der A u gustcreign i ssc der Exekutive oblagen. Hierzu gehört die Arbeit in Verbindung mit der Untersuchungskommissioii, mit der Expertise von Sir John Hope-Simpson und die Vorbereitung des Materials für die Klagemauerkonimission des Völkerbundes. Auch die finanzielle Lage erschwert die Arbeit der Exekutive. Nachdem das jüdische Volk in den ersten Wochen nach den Augiistunrtiheii in einer großartigen Anstrengung einen erheblichen Betrag aufgebracht hatte, um das Hills- und Wiederaufbamverk in Palästina durchzuführen, war es unvermeidlich» daß erst nach Ablauf einer gewissen Zeit die reguläre Oeldaufbringungstätigkeit in allen' Ländern aufgeiioinmen werden konnte. Die schlechte wirtschaftliche Lage in Amerika und den meisten europäischen Ländern beeinflullt ebenfalls die CieldSammlung ungünstig. Fortschritt i 11 der K o 11 s o 1 i d i e r u 11 g s a r h e i t. 2. Die Aufgabe dieses Jahres auf dem Gebiete der iandwirtschaftlichen Kolonisation war programmmäßig die Konsolidierung der Siedlungen der ׳ Jewish Agency in der Jordan-Ebene und im östlichen Und mittleren Teile des Emek, während die Konsolidierung der im Jahre 1927 neu gegründeten Siedlungen im westlichen Emek im nächsten Jahre durchgeführt werden sollte, womit die Konsolidierung der bestehenden Siedlungen beendet wäre, und alle zur Verfügung stehenden Mittel für Neukolonisation Verwend״ng finden können. Es ist jedoch zweifelhaft, ob die Finanzläge die Durchführung dieses Konsolidierungsplanes ermögliehen wird. Jedenfalls aber hat die Konsolidierung in diesem Jahre beträchtliche Fortschritte gentacht. Ihr Ziel ist, durch Investitionen in den Siedlungen diese selbsterhaltend zu machen und zugleich durch Abschluß von Verträgen die Beziehungen der Siedlungen zu der Kolonisationsinstanz, der Jewish Agency, auf eine vertragsmäßige Grundlage zu stellen. Im Sinne die* ses Piants wurden in einer, Reihe von Siedlungen Bevvässerungsanlagen geschaffen (2. B. ln Balfouria und der Kwuzah Schiller bei Rechoboth), ln anderen durch Zukauf von Boden das wirtschaftliche Gedeihen der Siedlung gesichert (z. B. in Kfar Jun, Kinereth, Merchavia, Kfar Jidur und zum Teil im Nurisgeblet), in anderen, wo der Zukauf von Boden unmöglich war, durch Herabsetzung der Zahl der Siedler den Zurückbleibenden die Führung einer rentablen Wirtschaft ermöglicht (z. B. Kfar Hittin). Durch eine Reihe von Chausseebauten im Emek und der Küstenebene und Anlage von Telephonen wurde nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Verkehrs- und Ab- Satzmöglichkeiten unter den Siedlungen verbessert. Neue Koionisationsarbeit. 3. Neue Kolonisation Hegt, wie oben ausgeführt, nicht im Rahmen des diesjährigen Programms der Kolonisationsabteilung. Immerhin konnte eine neue Siedlung geschaffen werden: Beth Chanan, südlich von Rechoboth, wo 40 jüdische Familien aus Bulgarien auf der Grundlage kleiner Wirtschaften mit dem Orangenbau als Haurikultur angesiedelt wurden. Wie bekannt, hat das Administrative Committee der Jewish Agency auf der letzten Sitzung den Beschluß gefaßt, mit außerbudgetäten Mitteln 1000 jüdische Arbeiterfamilien in der Umgebung der großen Pflanzungskolonlen anzusiedeln. Der Pia״ befindet sich noch itn Stadium der Vorbereitung. Was den Wiederauf• bau der im August zerstörten Siedlungen anlangt, so werden diese Arbeiten mit Mitteln des Hilfsfonds durch die Kolonisätiortsabteilung der Jewish Agency durehgeführt. ln Beer Tuwia wurden erfolgreiche Bohrungen nach Wasser unternommen und 2000 Duttam als Vorbereitung für die landvvirtschaftüche Arbeit des nächsten Jahres gepflügt. Heber die Einzelheiten des Wiederaufbauplans von Beer Tuwia sind noch Verhandlungen mit den Siedlern im Gange. Ergebnisse der landwirtschaftlichen Versuchsstation. 4. Die landwirtschaftliche Versuchsstation der Jewish Agency, deren Zentrale von Tcl-Awiw nach Rechoboth verlegt wird, während daneben in Gebata (westliches Emek) eine Filiale besteht, set2t ihre Arbeiten zur wissenschaftlichen Erforschung der Bedingungen der palästinensischen Landwirtsdwft und zur Einführung verbesserter Arbeitsmethoden in den Siedlungen fort. Vor einiger Zeit hat die Station durch einen ihrer Beamten den Orangenbau in Cypem untersuchen lassen. Experimente mit bewässertem Kartoffelanbau auf den Versuchsfeldern der Station sind geglückt und werden deshalb Im nächsten Jahre im größeren Umfange wiederholt werden. Die Station sandte zum erstenmal in jüdischen Siedlungen gczogenen Flachs zur Untersuchung nach London und wird, da diese Untersuchung sehr gut ausgefallen ist, im nächsten Jahre zum erstenmal Flachsexport ins Ausland organisieren. Märkte für P a I ä s t i 11 a - P r o d u k t i o 11. 5. Der Absatz der Produkte unserer Siedlungen auf dem palästinensischen, vor allem dem palästinensisch -jüdischen Markt» macht Fortschritte. Die Absatzkooperative ״Tenuva“ hat einen Bericht veröffentlicht, aus dem sich ergibt, daß sowohl der Absatz von Milch und Milchprodukten wie von Gemüse, Eiern, Geflügel und Obst in den letzten Jahren an Umfang sehr zugt-nomtnen hat. Zum Studium der Frage der Erschließung neuer ausländischer Absatzmärkte für die Produkte unserer Siedlungen ernannte die Exekutive ein besonderes Komitee, dessen Vorsitz der Direktor der Central Bank of Cooperative Institutions, Herr Viteles, übernommen hat. ln der Kommission sind außer der Exekutive, _ der Kooperativ- Bank und Absatzkooperative ״Tenuva“ auch Regierung und Pica vertreten. Die Ernteaussichtendurchdie Feld in aus plage verschlechtert. 6. Die Ernteaussichten wurden in diesem Jahr als sehr fut angesehen, und die Heuschrecken haben in unseren iedlungen nur sehr geringen Schaden angerichtet. Leider haben sich die guten Aussichten nicht erfüllt und die Mäuseplage, die zunächst im westlichen und mittleren Emek auftauchte und jetzt auch das Nurisgebiet ergriffen hat, bcdeutet einen sehr schweren Verlust für unsere Siedlungen, teilweise geradezu die vollständige Vernichtung der Getreideernte. Die Exekutive wird, sobald das vollständige Material voriiegt, darüber berichten. Die Einwanderung seit den Augustereignissen. 7. Seit den Augustunruhen sind ca. 5000 jüdische Ein- Wanderer nach Palästina gekommen, großenteils C h a I u 1: t m auf Zertifikaten der Jewish Agency. Es gelang ohne irgendwelche Schwierigkeiten, die Einwanderer zu beschäftigen, in erster Linie in den Pflanzungskolonicn. Es ist bekannt, ■daß die Regierung für das laufende halbe Jahr die bereits erteilten Zertifikate suspendiert hat, abgesehen von 950 Zertifikaten, die bereits vorher für dieses halbe Jahr gewährt worden waren. Einwanderung der je minitischen und der russischen Juden. 8. Zur Untersuchung der Bedingungen, unter denen die Auswanderung jeminitischer Juden über Aden nach Palistina erfolgt, entsandte die Exekutive die Herren Agronsky und Thabib nach Aden, die uns über die Lage der Fluchtiinge in Aden und über die Möglichkeiten ihrer Ucberführung nach Palästina einen Bericht und Vorschläge unterbreiteten. Die Exekutive ist ferner bemüht, auch die Bedingungen der Einwanderung aus Rußland zu erleichtern. In Zukunft werden die Auswanderer aus Rußland durch den britischen Konsul in Moskau Zertifikate und Einreisevisum erhalten und nicht mehr, wie bisher, gezwungen sein, zu diesem Zweck nach Konstantinopel zu fahren. Sanitäre La g e u 11d Wohnungsba u. 9. Zur Untersuchung der sanitären und Wohnverhältnisse in den großen Pflanzungskolonien Samarias und Judäas, die einen großen Teil der neu eimvanderliden Chaluzim ailfzunehmen pflegen, entsandte die Exekutive eine spezielle Konimission» die sowohl Vorschläge über sanitäre Maßnahmen wie besonders zum Bau von Wohnungen gemacht hat. Nachdem bereits einmal in diesen! Jahr 11 Häuser und 15 Baracken durch die Exekutive in Pflanzungskolonien Errichtet wurden, wurde jetzt ein neuer Betrag bewilligt, um den Neueiinvanderern geeignete Wohnmöglichkeiten zu verschaffen. Ein Drittel des Jischuw setzt sich aus Lohn* empfängern zusammen. 10. Teilweise in gemeinsamer Arbeit mit der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation führte die Exekutive durch ihre statistische Abteilung im Monat März eine Reihe wichtiger statistischer Zählungen durch. Es wurden alle Lohnempfänger (Arbeiter und Arbeiterinnen, Lehrer und Lehrerinnen, Kindergärtnerinneii, Beamte, Angestellte, angestclltc Aerzte und Krankenschwestern) gezählt und es ergab sich, daß dies ungefähr 25 000 Personen sind, oder, bei Berücksichtigung ihrer Famitien, etwa 50000 Personen oder beinahe ein Drittel des Jischuw. Weitere Zahlungen betrafen die jüdische Industrie und das jüdische Handwerk in Palästina, sowie die mit Hilfe des Keren Hajcssod begründeten landwirtschaftlichen Siedlungen der Jewish Agency. Die Resultate dieser Zählungen werden, sobald sie bearbeitet sind, veröffentlicht werden; die Ergebnisse der ersten Zählung sind bereits der Oeffentlichkeit übergeben worden. Günstige Arbeitstage. 11. Die statistischen Erhebungen haben erneut gezeigt, daß die augenblickliche Arbeitslage in Palästina eine günstige ist. Die Zahl der jüdischen Arbeitslosen beträgt höchstens 500. In den Städten ist die Baubewegung, insbesondere in Jerusalem, ziemlich groß und absorbiert eine entsprechend große Anzahl jüdischer Arbeiter, von denen z. B. nur ln Jerusalem mehr als 1300 bei Bauarbeiten beschäftigt sind. Auch in den Pflanzungskolonicn, wo es jetzt während der toten Saison eine Anzahl von Arbeitslosen gibt, ist die Lage durchaus befriedigend, die demnächst einsetzende Wein- und Mandelernte sowie andere Arbeiten werden wiederum alle Arbeitskräfte absorbieren. Auch in der jüdischen Industrie und dem Handwerk sind die Arbeitsverliältnisse normal, dagegen läßt sich nicht dasselbe von den von der Regierung durchgeführten öffentlichen Arbeiten sagen, bei denen im Augenblick nur 220 jüdische Arbeiter beschäftigt sind, von denen 90 beim Hafenbau in Haifa arbeiten. Schlichtung des Streites zwischen Arbeit* geberte ui d-hehirfer«. 12. Mit Hilfe der Intervention der Exekutive gelang es, die in Kfar Saba ausgebrochenen Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern durch einen bis zum 1. Januar 1931 gültigen Vertrag zu be~ endigen, ln der Zwischenzeit werden Verhandlungen zutn Ab- Schluß eines definitiven Vertrages geführt werden. Für die Stärkung des Arbeitsfriedens im Lande ist es von großer Bedeutung, daß die seit langem geführten Verhandlungen zwischeu den Pflanzern und den jüdischen Arbeitern wegen Begründung paritätischer Arbeitsbüros in den letzten Wochen zu einem positiven Ergebnis geführt haben, so daß in Magdiel und in Raanana Verträge zwischen den beiden Teilen abgeschlossen und paritätische Arbeitsbüros errichtet wurden. Die Leitung des Arbeitsbüros liegt in den Händen je eines Vertreters der beiden Seiten und eines von beiden gemeinsam zu wählenden neutralen dritten Mitgliedes. Außerdem wird ein zentrales Arbeitsbüro als oberste Instanz geschaffen, dem auch Vertreter der Exekutive und des Waad Leumi angehören, Erhöhung der Unterrichtstätigkeit: 21 000 Schüie r, 13. Obwohl in diesem Jahre einige Schulen im Zusammenhang mit den Unruhen geschlossen Wehden mußten und erst nach dem Wiederaufbau wieder eröffnet Werden können, hat sich sowohl die Zahl der der Jewish Agency unterstehenden Schulen wie die der Schüler vermehrt, während im Vorja 11 re 19 5(» Schüler in 227 Anstalten lernten, beträgt in diesem Jahre die Zahl der Schüler in den Schulen der Jewish Agency 21 000 und die Zahl der Anstalten beträgt 230. Von diesen 21 000 Schülern besuchen 4650 die Kindergärten, 13 700 die Volksschulen, 1465 die Mittelschulen, 526 die Lehrerseminare, während der Rest auf professionelle und ähnliche Schulen entfällt. Von diesen Schülern entfallen ca. 5000 auf Jerusalem, 7800 Tel-Awiw, 1700 Haifa, 3000 die jildaischen Kolonien, 750 die Kolonien Samarias, 1700 auf die Siedlungen des Emek und Galiläas, während der Rest auf die übrigen Städte entfällt. Die Schulen der Jewish Agency haben 13 200, die des Misrachi 6300 und die der jüdischen Arbeiterschaft 1500 Schüler. Gesüiidheitsarbeit — Neue Krankenhäuser. 14. In den letzten Monaten wurden zwei jüdische Krankenhäuser eingeweiht: das Zentrale Krankenhaus der Kupath Cnolim, das bisher in provisorischen Baulich* keiten in Ejn Charod untergebracht war, bezog sein neues Heim, das im Emek zwischen Afule und Kfar Jeladiin gelegen ist, und das Peter Schweitzer-Krankenhaus der Hadassa in Tiberias begann seine Tätigkeit, nachdem die Inneneinrichtung des Gebäudes mit Hilfe eines von der Je* wish Agency bewilligten Betrages durchgeführt werden konnte. Tn Haifa, wo das bisherige Krankenhaus der Hadassa in ungeeigneten und unzureichenden Räumen untergebracht ist, sind Verhandlungen zwischen •Hadassa Und der Jüdischen Gemeinde Haifa wegen der Erbauung eines der Entwicklung der Stadt Haifa entsprechenden neuen Krankenhauses im Gange. Die palästinensische Agudas Jisroe!־Zentrale hat an die Mandatskommission des Völkerbundes in Genf eine Eingäbe gerichtet, worin die Angaben des Berichtes der Jewish Agency über die Zahi der aus der Kncsses Israel aus religiösen Gründen ausgescliiedenen palästinensischen Juden berichtigt werden. Darin wird behauptet, der wirkliche Prozentsatz zwisehen den Ausgetretenen und den der Knesses Israel ahgehörigen Wählern sei nicht 5,7 «>, sondern 18 «,0. Der jüdistfie Lehrer in Deutschland Zionismus und Palästina-Auf bau, Krieg und Nachkriegszeit haben in der jüngeren Und jüngsten Generation eine erhöhte Anteilnahme an Fragen der jüdischen Kultur und der jüdischen Erziehung mit sieh gebracht. Hand in Hand damit gründete man im Geiste dieser Renaissanceströmung neue jüdische Schulen und jüdische Erziehungsstätten mannigfacher Art. Trotzdem ist auch heute noch aus verschiedenen, dem Uneingeweihten kaum begreiflichen Gründen die Arbeitsmögüchkeit für den jüdischen Lehrer ln Deutschland recht gering. Die Spaltung in orthodoxe und nichtorthodoxe Schulen, erhebliche Abweichungen in Gehalt und Stellung gegenüber entsprechender nichtjüdischer Arbeit, oft auch finanzielle und sachliche Unzulänglichkeiten, verbunden mit Protektionswirtschaft, machen es erklärlich, daß es eine ganze Reihe positiv jüdisch eingestellter Lehrer und Erzieher gibt, die keine ihnen gemäße jüdische Unterrichts- oder Erziehungsarbeit finden. Sie leisten in nichtjüdischen Schulen ihre tägliche Berufsarbeit, die sie oft nicht völlig befriedigt, auch dann nicht, wenn ein gewisser Prozentsatz jüdischer Schüler vorhanden ist. Pflicht und Milieu erlauben dem jüdischen Lehrer nicht, sich ihrer besonders anzunehmen, wenn auch selbst von seiten der Jugend ein starkes Bedürfnis nach einer engeren Fühlungnähme vorhanden sein sollte. Hinzu kommt die im Geistigen, Fachlich-Technischen und Geselligen nicht immer reibungslose Zusammenarbeit des meist einzigen jüdischen Lehrers mit seinen nichtjüdischen Kollegen. An dieser Situation dürften auch die kommenden Jahre, wenn die Entwicklung ihren bisherigen Gang weitergeht, nicht viel ändern. Die innerjüdische Situation erschwert die Gründüng neuer jüdischer Schulen, für die an und für sich ein Bedürfnis vorliegt. Aber auch die deutsch-politische Situation ist in dieser Hinsicht ungünstig, da die rechten wie die linken Parteien starke Bedenken haben und Schwierigkeiten machen, die einen aus antisemitischer, die anderen aus antikirchlicher Einstellung heraus. Vielleicht ist cs dem außergewöhnlichen Umstand, daß Preußen jetzt einen religiösen Sozialisten zum Kultusminister hat, zu danken, wenn gerade jetzt eine Verfügung erlassen wurde, die wenigstens einen kleinen Ausweg darstellen könnte, wenn die in ihr ruhende Möglichkeit rechtzeitig erkannt inid freudig bejaht wird. Am 5. April 1930 gab der preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung bekannt, daß ״er sich entschlossen hat, die jüdische Reugionslehre als Haupt- und Nebenfach bei der wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen vom 1. April d. J. ab zuzulassen״ Die Prüfung erfolgt in Berlin und Breslau. ״Zu Mitgliedern der Wissenschaftlichen Prüfungslmter für jüdisehe Religionslehre sind ordentliche Dozenten der drei theologisch-akademischen Bildungsanstalten (Rabbiner-Seminar Berlin, Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Berlin, und Jüdisch-theologisches Seminar in Breslau) zu bestimmen.“ (§ 4 der Prüfungsordnung.) §§ 2 und 3 enthalten die geforderten Kenntnisse. Die Verfügung und die Prüfungsordnung sind u. a. im Deutschen Philologenblatt Nr. 19 vom 7. Mai 1930 abgedruckt. Diese Verfügung eröffnet dem künftigen jüdischen Philologen, der heute am Anfang seines Studiums steht, die Mögüchkeit, jüdische Religionslehre als Haupt* oder Nebenfach in sein Studium einzubeziehen. Die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen umfaßt mindestens zwei Hauptfächer und ein Nebenfach, ln der heutigen Wirtschaftlich-poütischen Lage (Nebenbeschäftigung, Sport, jugendbewcgung, Politik) hat der Student alle Anstrengungen zu machen, nach vier bis fünf Jahren diese Mindestforderung zu erfüllen. Nur Unter "besonders günstigen Umständen dürfte « dem jüdischen Studenten gelingen, sich neben diesem Studium etwa an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums die Kenntnisse zu erarbeiten, die zur Ablegung der Religions- Iehferprüfung erforderlich sind. Tatsächlich gibt cs selbst unter der älteren Generation von Studienräten, die doch noch zu einer günstigeren Zeit studierten, nur ganz wenige, die diese Prüfung abgelegt haben. Und auch diese wenigen kommen nicht immer in die Lage, ihre Berechtigung zur Erteilung des jüdischen Religionsunterrichtes auszunutzen, da das ganze System (siehe unten) einer solchen Regelung widerspricht. Auf Grund der neuen Verfügung kann sich nunmehr der künftige jüdische Philologe z. B. mit Deutsch und jüdischer Religionslehre als Hauptfach und Geschichte als Nebenfach der Prüfung unterziehen. Absichtlich greife ich gerade diese Kombination als Beispiel heraus. Die Prüfungsordnung gestattet jegliche Zusammenstellung. Die Praxis aber zeigt allgemein übliche Kombinationen (Deutsch — Geschichte, neue Sprachen, Mathematik — Naturwissenschaft). Dabei hat sich nach dem Kriege bei den deutschen Philologen die Zusammen- Stellung Deutsch — Geschichte als besonders beliebt herausgestellt; sie spielt heute etwa die Rolle, die vor dem Kriege die alten Sprachen (Latein, Griechisch) hatten. Es würde der geistig-seelischen Situation der künftigen jüdischen Philologen und auch wohl der Gesamtsituation des deutsch-jüdischen Schulwesens entsprechen» wenn der jüdische Philologe über diese oder eine ähnliche Fachgruppierung verfügt. Damit würde er auch im Rahmen der gesamten Bildungsarbeit der Schule gewissermaßen als der jüdische Repräsentant gelten können, während er heute nur zufällig und beiläufig als solcher angesprochen werden kann. Damit ergibt sich schon «ine zweite Perspektive, unter der diese Verfügung zu betrachten ist. Die besondere Situa• tion der jüdischen Lehrer an nichtjüdischen Schulen berechtigt noch nicht, die Bedeutung dieser Verfügung so nachträglieh zu finterstteichert Und zu begrüßen, wenn nicht mit ihr gleichzeitig eine Bresche in ein System geschlagen werden kann, das heute als nicht mehr zeitgemäß gelten muß. Der jüdische Religionsunterricht hat nämlich an den höheren Schulen (ich denke besonders an Berlin) eine absolut periphäre Stellung. Er ruht immer noch in den Händen von jüdischen Religionslehrern, meist Rabbinern, die von Schule zu Schule wandern. Schon infolge ihrer äußeren Stellung haben sie mehr Mühe als jeder andere Lehrer, sich die nötige Autorität ihren Schülern gegenüber zu verschaffen. Wenn sie auch offiziell als Mitglieder des Lehrerkollegiums der betreffenden Schule gelten, werden sie doch schon (dafür hat die Jugend einen sehr scharfen Instinkt) wegen ihres nur gelegentlichen Erscheinens uitd Ihrer nur mangelhaften Kenntnis der Gesamtarbeit der Schule (sie können ja unmöglich an allen Lehrerkonferenzen all ihrer Schulen teilnehmen!) selbst von den jüdischen Schülern, geschweige denn von den nichtjüdischen, als Gäste der Schule betrachtet. Sie kennen auch nur einen. Bruchteil der Schülerschaft, kennen die übrigen Lehrer nur flüchtig, kennen auch die jüdisches Schüler nur aus dem Reliionsunterricht, haben nicht den rechten Maßstab für die eurteilüttg der Leistungen. Ohne den jüdischen Religionsunterricht in seiner jetzigen Form — seine Hauptbedeutung beruht wohl weniger auf Kenntnisvermittlung als auf religiöser Beeinflussung — herabmindern zu wollen, möchte ich behaupten, daß eine sacli- und zeitgemäßere Form des jüdischen Religionsunterrichts und ein besserer Erfolg desselben in dein Augenblick gewährleistet ist, wo der jüdische Studienrat der betreffenden Schule den jüdischen Religionsunterricht und neben ihm Unterricht in anderen Fächern erteilt. Dr. Kurt Wittkowski.

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