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Jüdische Rundschau · 1930-07-01 · Heft 51 (1.7.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 51 (1.7.1930)
Date
1930-07-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 51, 1. VII.!930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 347 Nur Selbsthilfe kann helfen Zur Lage der Juden in Deutschland. 111 der von Reichskanzler a. D. Dr. Joseph Wirth und Prof. Friedrich D c s s a 11 e r herausgegebenen Wochenschrift ״Deutsche R e p 11 b I i k“ findet sich ein mit G. H. gezeichticter ״Offener Brief an die deutschen Jude n“, der zweifellos große Aufmerksamkeit verdient. Es heißt darin: ״Die sächsischen Landtagswahlen haben mit einem gerade/u überwältigenden Sieg der Hakenkreuzler geendet. Damit ist die Möglichkeit in greifbare Nähe gerückt, daß auch größere Länder als Thüringen eine von den Nationalsozialisten beherrschte Regierung erhalten. Die Zeche wird abgesehen von einigen vom Schauplatz gedrängten Parteibonzen vornehmlieh von euch getragen werden. Denn wenn ihr die HitlernHitzen lüftet, findet ihr darunter kaum etwas Greifbares als einen fanatischen Antisemitismus. Jedenfalls nichts, womit sie sonst die hochgepeitschten Erwartungen ihrer An-!länger befriedigen könnten. Es könnte deshalb schon sein, daß sie so mit der Zeit zu Schritten gegen euch gedrängt werden, an die sie heute selber noch nicht im Ernst denken. Und sie denken ohnedies schon an allerhand. Es ist nicht zum wenigsten eure eigene Schuld, daß es soweit gekommen ist. Ihr wißt doch aus eurer jammervollen Geschichte, daß sich Antisemitismus und Wirt- Schafts not jederzeit umgekehrt wie das Gesetz der komimmizicrcndcn Röhren verhalten, also parallel steigen und fallen. Hättet deshalb die jetzt hereingebrochene Wirtschaftskrise voraussehen müssen kraft jener überlegenen Witterung, die euch allgemein zugeschrieben wird, und an die ihr selber vielfach glaubt. ... Was habt ihr denn in kluger Voraussicht der langsam aber sicher näherrückenden Gefahr bisher getan? Nichts, rein gar nichts. Ihr habt so ziemlicli alles der von euren Gegnern sogenannten ״Judenpresse‘' überlassen, die ja so bequem schon aus der Vorkriegszeit her zur Hand war. Und dabei übersehen, daß diese längst gar nicht mehr so jüdisch ist — wenn sie cs je war —, wie ein Blick auf ihre Stäbe zeigt. Vor allem auch, daß sich bei ihren so weitschichtigen andersartigen Interessen die curigen nicht allein so wahren kann, wie es wohl notwendig wäre. Fast sieht es so ausn als ob die oft beobachtete Erfahrung, der Jude nehme sehr bald die Vorzüge und Fehler seines Wirtsvolkes an, sich auch bei euch bewahrheitet habe. Zum mindesten für den größten deutschen Fehler; die politische Instinktlosigkeit. I h r verteidigt euch kümmerlich mit einigen kläglichen ״Abwehrvcrcincn“. Fallt also in jene fluchwürdige Verwechslung von Politik und Vereinsmeierei, die den tüchtigsten deutschen Parteien jeden Schwung nimmt, die das deutsche Volk als Ganzes trotz erst- Massiger Leistung immer nur einen ganz bescheidenen Bruchteil der Früchte seines Fleißes und seiner Begabung ernten ließ. Der Rest ist jenes ״Geschäft״, über dem auch das Vorkriegsdeutschland seine politischen Pflichten vergaß. Der eine oder andere der in jüdischen Händen befindlichen Presse- Verlage hätte es z. B. weit bequemer gehabt als Herr Hugenborg, in der Inflationszeit einen gewaltigen die ganze deutsche Provinz umspannenden Pressetrust aufzubauen, und manches wäre dann heute anders. Keiner hat auch nur daran gedacht, weil es in die enge Kalkulation vorsichtiger kaufmännischer Geschäftsgebarung nicht ganz hineinpaßte. Wie jene karthagischen Großkaufleute, die mit Pfennigen knauserten, als ihre Feldherren vor den Toren Roms standen. Und da zeihen auch eure Gegner eines systematischen Herrschaftsaufbaus über Deutschland. Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Verlaßt ihr euch darauf? Ihr werdet irren. Muß man es euch 150 Jahre nach Rousseau noch ausdrücklich sagen, daß die Menschen sich von ihrem Gefühl, nicht von ihrem Verstand leiten lassen? Ihr seid mehr als der Durchschnitt wirtschaftlich geschult. Wißt also genau, daß die völkische Unterscheidung zwischen ״schaffendem“ und ״raffendem“ Kapital Blödsinn ist, indem beide aus genau denselben FIvpotheken, Aktien und sonstigen Eigentumsrechten bestehen. Aber glaubt ihr wirklich, daß verhungernde und verzweifelte Millionen gegebenenfalls darüber tiefsinnig grübeln werden? Seht ihr nicht, wie sie in Massen zu den Quacksalbern laufen und die Schulmedizin stehen lassen, obschon diese immerhin eine Reihe Seuchen aus der Welt geschafft, den Sterblichkeitskoeffizienten auf eine nie erschaut niedrige Ziffer heruntergeschraubt hat, und trotz Calmette immer noch soviel Garantie gegen eine Fehldiagnose bietet wie ein unwissender Schuster? Ihr verteidigt euch mit den ״Leistungen“ eines Einstein oder Haber? Schon die individualistische Zeit pflegte die Ermittelung der objektiven Wahrheit nur zu gern auf bessere Zeiten zu vertagen. Meint ihr, daß das nun immer modischer werdende ״Kollektiv“ sich mehr dafür interessieren wird? Wir wissen nach all dem Gerede so gut wie nichts von den Gesetzen der Massenseele. Nur daß sie sich so zu benehmen pflegt wie ein der Großh i r 11 r i n d e beraubtes Tier. Das klingt nicht sehr tröstlich für solchen Wahn. Auf was wartet ihr noch? Auf das Jahr 1940, wenn die jetzt bis zur Bewußtlosigkeit verhetzte Jugend im Amt sein wird? Auf eine Besserung der Wirtschaftslage, wie sie 1924 die bereits auf 34 gestiegenen völkischen Reichstagsmandate wieder auf ein halbes Dutzend zusammenschrumpfen ließ? Welche Gewähr habt ihr dafür, daß Wall Street noch einmal einen derartigen Milliardensegen herüberschickt? Eher sieht es nach dem Gegenteil aus. Nach einer jahrzehntelangen Weltkrise, genau wie sie vor 100 Jahren bald nach den napoleonischen Kriegen eintrat. Auch auf finanziellem Gebiet scheinen wir ein neues Biedermeier zu bekommen. Was soll aus euch werden, wenn das herrschende System die heute schon verelendeten Millionen zuletzt gar nicht mehr ernähren kann? Ihr werdet die ersten Opfer sein. Man wird euch nicht gerade totschlagen? Kommt es nicht auf dasselbe heraus, wenn kein Mensch mehr in eure Kontore, Läden, Sprechzimmer kommt? Ein solcher von den Hakenkreuzlern für den Fall ihres Siegs bereits angekündigter Boykott ließe sich erzwingen. Wartet ihr darauf, daß andere euch helfen? Das könnt ihr nur selber. Seid ihr denn blind? Seht ihr'nicht, daß nun auch rechts des Rheins eine Dreyfuszeit heraufzieht, daß auch hier der noch nicht entschiedene Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen auf eurem Rücken ausgefochten werden wird? Daß ihr also mehr als alle anderen eure Pflicht tun müßt, wollt ihr euch halbwegs heil aus dem Kampf retten? Die französischen Juden haben sie seinerzeit getan. Obwohl sic an Zahl nicht einmal ein Zehntel der curigen erreichten, haben sie vor keinem Opfer zurückgeschreckt, lind vor allem eine Energie entfaltet, von der bei euch auch mit dem Ultramikroskop keine Spur zu entdecken ist. Dabei waren sie noch nicht einmal so gefährdet. Denn die damals in den Straßen von Paris ״Mort aux Juifs“ brüllenden Massen waren nur bezahltes Gesindel. In Deutschland wird man zu diesem Zweck Menschenmillionen ganz umsonst zur Verfügung haben, wenn es noch eine Weile wirtschaftlich so weiter geht wie bisher. Es wäre Zeit, daß ihr euch dagegen vorsähet. Aber eure Fanfaren klingen matt. Fast sieht es so aus, als hättet ihr euch in fatalistischer Resignation auch in das Schlimmste ergeben. Dann aber auch nur dann — wird es bestimmt schlimm enden.“ Wir glauben, daß diese Ausführungen eine ernste Diskussion im jüdischen Lager hecvomifen sollt«)• Hugo Osiberg Einem toten Gegner. Unser Gg. Min.-Rat Hans Goslar schickt uns folgende Ausführungen: Verspätet, aber doch mit dem Respekt, der einem ehrliehen und von der Güte seiner Sache überzeugten Gegner, der sich als bewußter Jude fühlte, zukommt, seien hier noch einige Worte über den vor kurzem verstorbenen Hugo Ostberg, Mitglied des Rates des Landesverbandes und der Berliner Gemeinderepräsentanz, gesagt. Der Schreiber dieser Zeilen lernte Hugo Ostberg schon vor 20 Jahren kennen, in jenen recht stürmischen Zeiten, als wir den neutralen Jüdisehen JugcmJhund gründeten, und als sich nur etwa zwei Jahre später als Abschluß der ungemein heftigen und leidenschaftlichen Kämpfe zwischen Zionisten und Antizionisten der ״Jüdische Liberale Jugendverein“' unter Ostbergs Führung abspaltete. So mancher aus den Reihen jener, die damals, oft an sehr prominenter Stelle, unsere vorsichtig zurückhaltenden oder offen-erbitterten Gegner waren, sieht heute — als Resultat der verschiedensten inneren Entwicklungen — in ttnseren Reihen oder hat sich doch zu wohlwollender Stellung zum Palästinawcrkc durchgerungen. Hugo Ostberg blieb in all den Jahren in einer seltsamen Unerbittlichkeit und sachliehen Schroffheit der Gleiche; aus seiner ganzen Naturanlage heraus — und er war eine außerordentlich geschlossene und ehrliche Persönlichkeit — konnte er sich nur äußerst schwer und nach Ueberwindung mancher Vorurteile an Gedankenginge auch nur tolerierend gewöhnen, die aus der liberal-reformistischen jüdischen Anschauung hinausführten. Schon vor 20 Jahren, ich erinnere mich außerordentlich plastisch daran, anläßlich eines Vortrags von Schmarjahu Levin, stellte ich bei ihm die in einem geradezu seltenen Maße vorhandene seelische Unfähigkeit fest, sifh mit ostjüdischem Wesen und Gedankengängen auch nur abzufinden. Er war durch Milieu und Entwicklung ein ausgesprochen von den gesarntjüdischen Zusammenhängen losgelöster Mensch, und gerade deshalb mußte es besonders anerkannt und respektiert werden, daß er 1910 . schon ein fertiger Mensch und angesehener junger Kaufmann in leitenden Positionen im Gegensatz zu uns jugendlichen Brauseköpfen und Springinsfelden — als einer der ganz verschwindend wenigen assimilierten Berliner Juden der wirtschaftlichen Oberschicht stark interessiert und sogar enthusiasmiert den Weg zur neutralen jüdischen Jugendbewegung fand, während 99 0/0 seiner Klassengenossen völlig gleichgültig oder ironisch ablehnend und nur auf ihre Zer- Streuung und ihr Amüsement bedacht, damals abseits standen. Er hat brav und tapfer mitgearbeitet damals, und war immer ein ganzer Kerl voller menschlicher Wärme. Das können ihm die am besten bezeugen, die ihm sachlich am allerstärksten Widerstand leisteten. Wir sahen uns nach langer Pause in der Berliner Repräsentanz wieder, beide älter geworden und beide immer noch durch die Wand der trennenden Weltanschauungen voneinander geschieden. Und es kam jener unglückselige Aufruf der ״deutsehen Juden“, der wochenlang und monatelang in der jüdisehen Oeffcntlichkeit Deutschlands in Presse und Versamm- Jungen, ja auch in Familien, zu heftigem Zwist Anlaß gab. Ostberg selbst, der in der Rcpräsentantenversamm'ung noch scharf — er war ein temperamentvoller Mensch und wurde in der Hitze des Gefechtes viel radikaler, als es seiner Charakter- Veranlagung und seinen Absichten entsprach — für den Aufruf gesprochen hatte, litt seelisch unter den Folgen des Aufrufes außerordentlich. Er wollte diesen Kampf nicht und sann emsig über die Möglichkeiten nach, die jüdische Atmo- Sphäre in Deutschland ,wieder zu befrieden. Er führte eine Aussprache mit mir herbei, in deren Verlauf alte, durch den vorangegangenen Kampf nur vorübergehend erstickte Sympathien wieder in mir auflebten, ich empfand absolut eindeutig, daß, wenn er ein zweites Mal vor die Frage gestellt gewesen wäre, ob man die Aktion des Aufrufes in dieser Form veranstalten solle, diese Antwort negativ ausgefallen wäre, wie denn überhaupt höchstwahrscheinlich die vorherige Möglichkeit einer Aussprache mit ihm das Zustandekommen des Aufrufs vereitelt haben würde. Er fand damals so warme und echte Worte für den Frieden und für die Möglichkeit eines besseren Zusammenarbeitens, daß ich die Gewißheit aus der Unterredung und aus einem späteren Briefwechsel mitnahm, daß Hugo Ostberg bei all seiner ehrliehen objektiven Unmöglichkeit jemals in andere Gedankengänge als die stets von ihm weltanschaulich vertretenen hineinzuwachsen, niemals wieder derjenige sein würde, an dem ein friedlicheres und dabei doch die Ueberzeugung jeder Richtung respektierendes Zusammenarbeiten der Richtungen scheitern würde. Sein früher Tod erfüllt uns deshalb nicht nur mit Trauer über den Verlust eines vornehmen, ehrlichen und konstruktiv denkenden Menschen, der in wohltuendem Gegensatz zu der großen Masse, der aus gleicher sozialer Schicht und geistiger Lebenshaltung stammenden deutschen Juden sich mit Wärme und starkem Pflichtgefühl in die jüdische Gegenwartsarbeit hineinstellte. Es ist auch das schmerzliche Gefühl da, daß dieser Mann in Zukunft der Träger einer Strömung hätte werden können, die, nunmehr abhold einer nur kämpferischen und negierenden Einstellung zu den neuen positiv-jüdischen Ideen mit dem Willen zur Gerechtigkeit und zur Brüderlichkeit — insbesondere angesichts der Not und der Gefahren aller Art, die gegen uns aufstehen, — die Schärfe des Parteienkampfes im deutsch-jüdischen Leben gemildert hätte. Hugo Ostberg kann bei seinen jüdischen Gegnern eines warmen und guten Andenkens sicher sein! HansGosIar. Das Ende der französischen Besetzung Die Zurückziehung der französischen Truppen aus den besetzten Gebieten Deutschlands ist ein Symbol, daß der Weltkrieg in militärischer Hinsicht liquidiert ist. Es ist daher begreiflich, daß in allen Kreisen Deutschlands über die Befreiung der Rheinlande ungetrübte Freude herrscht. An dieser Feierstimmung nehmen alle Schichten der Bevölkerung ohne Unterschied des Bekenntnisses, ohne Unterschied der Partei einmütigen Anteil. Aber auch die Friedensfreunde in der ganzen Welt sind von Genugtuung erfüllt, daß der zähe Kampf der Staatsmänner Deutschlands und Frankreichs für die Abkürzung der in den Friedensvertragen festgesetzten Räumungsfristen von Erfolg gekrönt wurde. Man muß zugestehen, daß dar, Deutsche Reich im Kampfe für seine Freiheit, ähnlich wie die Franzosen nach dem Kriege vom Jahre 1870, außerordentliche Opferwilligkeit bekundet hat. Hoffentlich bedeutet das Ende der militärischen Besetzung den Anfang einer wahren friedfertigen Gesinnung, die das deutsche und das französische Volk in ihrer Gesamtheit beherrschen wird. Die friedliche Zusammenarbeit dieser zwei Kulturnationen ist eine Voraussetzung für den Frieden Europas, somit auch für den Frieden der Welt und für die Herrschaft des Rechtes an Stelle der Gewalt. Die Juden in Deutschland freuen sich in diesen Tagen aufrichtig mit den andern Schichten der deutschen Bevölkerung und die Juden der ganzen Welt begrüßen dieses sichtbare Zeichen der Entspannung mit einem Gefühle der Genugtuung. Für das jüdische Volk ist, seiner Tradition gemäß und auch seinen Interessen nach, der Friedenszustand die Erfüllung eines seiner hehrsten Ideale. k. h. Zwei Künsilersdiidcs&le Kolnik und Judowin Von Rahe! Wischnitzer-Bernstein. Es ist reizvoll, das Werk zu analysieren, ohne den Mensehen zu kennen. Mit ähnlichen Gefühlen mag der Grapholöge an die Arbeit gehen. Im übrigen liegen als Untcrsuchungsmaterial außer den Holzschnitten Briefe von Solomon Judowin aus Leningrad und von Artur Kolnik aus Czernowitz vor. Der russische Brief verrät eine dezidiertere Hand, während Kolnik feminin und schwärmerisch erscheint. Aber vielleicht ist das total falsch . . . Es soll hier die Rede von der Holzschnittkunst sein, muß jedoch erwähnt werden, daß von Kolnik aus dem Jahre 1922 eine Reihe gemalter Frauenbiklmsse existieren. Sie sind wehmütig und herb (für unser heutiges Lebensgefühl zu wehmütig und zu herb). Diese Frauen haben lange, schmale Hände und das Porträt der einen mit dem kurzen Haar — es war damals noch nicht Mode — hat den Titel Herbst, Kolnik ist inzwischen, wie wir alle früher oder später, von dem betont Stimmunghaften abgekommen. Vielleicht reizte ihn die Aufgabe, Tierfabcln zu illustrieren, weil er sich vom Menschen befreien wollte, von dem Zwang, der Besessenheit, den Menschen als Träger däinmerhafter Seelenzustände ausdeuten zu müssen. Die Technik des Holz- Schnittes, die im Gegensatz zur Pinsclmalerei sorgfältigste Ueberlegung und strengste Zucht der Hand erfordert, war ihm wohl dabei besonders willkommen. Bereits 1918 lernte Kolnik Steinberg kennen. Man fand sich in Czernowitz in der Kulturföderation zusammen. Eliezer Steinberg war der etwa zehn Jahre ältere (Kolnik ist 1890 geboren). Steinberg kam von irgendwo aus dem russisch-jüaisehen Städtchen her, hatte eine Zeitlang in Odessa im Kreise Bialiks verkehrt; er dichtete jiddisch und hebräisch. Dramen, Märchen, Fabeln. Das Schicksal hatte ihn nach dem Westen verschlagen und er durchwanderte die Städtchen der Bukowina, Beßarabiens, Alt-Rumäniens und fristete sein Leben durch Vortragen seiner Dichtungen. Gedruckt wurde von ihm wenig, wie denn auch kein einziges Werk von den begabten jüdischqp Dichtern in Rumänien, von Sternberg, Manger oder Altmann (ich zitiere hier aus Kolniks Brief) jemals gedruckt worden Ist. Kolnik schloß sich Steinberg an, machte sich mit seiner Dichtung vertraut. So entstanden die Illustrationen zu den Fabeln von Eliezer Steinberg. Die Fabeln und die Bilder sind nun als großes Mappenwerk erschienen. Es heißt ״Durch die Brille“, enthält zwölf Fabeln und zwölf Holzschnitte und ist vom Jüdischen Schulverein in Czernowitz herausgebracht worden. Die Gestalten in Steinbergs Fabelwelt sind Maus und Katze, Nachtigall und Schwein, der Hund, die Kuh, die Taube, Frösche, lauter alte Bekannte, die bei Steinberg zum Teil in den gewohnten Bindungen erscheinen. Auch der Darstellungskreis des C h a d G a d j a ist darin verwertet worden: der Schächter, das Schächtermesser, das Lämmchen. Die Fabelfiguren stehen jedoch auf einem modernen sozialen Hintergründe. Und so kommt es, daß der Hund, das alte Sinnbild dienender Treue, zum Zerrbild des Menschen und dessen Ausbeutertunis geworden ist. Einige der Steinbergschen Fabeln haben etwas von den frühen Dichtungen Gorkis, vom ״Sturmvogel“ z. B., der zum Kampf gegen das Spießertum aufrief. Steinberg lehnt sich gegen die Respektpersonen seines Klüngels auf, gegen den Rabbi, den Balaboß, den Schächter. Es galt also in der Illustration dem sozialen Pathos Steinbergs gerecht zu werden. Für keinen Fall durfte die Darstellung auf das Niveau eines Kinderbuches her• abgedrückt werden. Nun, ein Kinderbuch ist die Holzschnittserie Kolniks nicht geworden. Sein Vortrag ist ernst, seine Forraensprache nicht gerade zugänglich. Einprägsam? Das sind die Bilder trotzdem, und zwar, weil immer nur je ein Bild eine Fabel erläutert und weil die Bilder von außerordentlich großem Format sind. Kolnik ist Maler. Dieser Qualität verdanken wir es, daß seine Graphik — sie ist so bildmäßig — ganz selbständig ist. Man möchte die Blätter gerahmt an der Wand sehen. Den Intentionen des Dichters, dem sozialen Gehalt der Fabeln wären leicht skizzierte Randzeichnungen jedoch eher gerecht geworden. Also in einem Sinne unzulänglich. Und doch eine große, bewundeningswürdige Leistung, auch rein technisch. 70 Exemplare sind vom Künstler selbst abgezogen, die Zierschrift auf den Titelblättern ist lithographiert, die Holzschnitte sind aut Japanpapier gedruckt. Daher natürlich der hohe Preis der Mappe: 110 M. Die russische Publikation erschien unter günstigeren Auspizien. In Rußland besteht nämlich eine vor dem Kriege bereits geschaffene buchtechnische Tradition für populäre künstlerische Veröffentlichungen. Format, Druck, Anordnung des Textes, Ausstattung, Reproduktionstechnik bieten keine neu zu lösenden Probleme. Die Monographie über Judowin van Joffe und Gollerbach mit den 50 reproduzierten Holzschnitten hat das übliche Niveau, wenn auch das von Joffe beigetragene Kapitel vom Durchschnitt etwas abfällt. Judowin ist ein Darsteiler des jüdischen Städtchens. Er knüpft an eine bereits festgelegte Darstellungsform an, an die Bilder von Schagall, Rybak, Altmann, um nur die Neueren zu nennen. Seine Bilder unterscheiden sich von denen Schagalls, der die Wirklichkeit in satyrischer Absicht verzerrt, und von denen Steinhardts, der sie verdichtet und verdüstert, indem er sie mit einer gewissen epischen Ruhe behandelt. Auf seinen Blättern sieht man oft die Svnagoge und die Kirche in nächster Nachbarschaft stehen. Der Dar- Stellung fehlt jede Tendenz, jede anklägerische Absicht. Ein alter Jude sitzt gebückt auf einer Bank vor dem Haus, Rotarmisten ziehen mit Fahnen vorüber, eine Frau und ein Kind beobachten den Zug am Zaune. Es hat sich wohl mittlerweile alles abgestumpft, der Haß der Alten, die Neugier der Kinder, der Trotz der Jungen. Es geht so still zu auf den Bildern Judowins. Vielleicht ist er der letzte Darsteller des jüdischen Stadtchens, denn es stirbt ans. Mit ruhiger Sachlichkeit hält er die verwehenden Eindrücke noch fest: den Burschen in der langen Tracht am Ziehbrunnen, die Frau am Fenster mit den Lichtern, die windschiefen Häuser, die Schusterstuben. Jedes Ding behält seinen stofflichen Wert, der Stein, das Holz, die Wolken und die Menschengestalten fügen sich in die Landschaft ein: ein in Rußland lebender Künstler vermag sie nicht in selbstherrlicher Isolierung zu sehen. Klein erscheinen sie in dem sich staffelnden Stadtbild. Judowin, 1894 in einem Städtchen bei Witebsk geboren, leitet in Leningrad das Jüdische % Museum, das von Anski begründet wurde. (Das Museum ist inzwischen Zeitungsmeldüngen zufolge aufgelöst worden.) Er gehört zu der Gruppe jüdischer Künstler, die in den Jahren 1918—1923 Witebsk zum Mittelpunkt jüdischen künstlerischen Lebens gestalteten. So erscheint er uns als ein im russischen und im jüdischen Leben vielfach verankerter, während Kolnik, der an den Visionen von Paris und New York, von Krakau und Rumänien (geboren ist er in Stanislau in Galizien) zu tragen hat und vielleicht verzweifelte, nur schwer zu den Wurzeln jüdischen Erlebens zurückfand und sie bei einem Mittler suchen mußte. Auf dem gegenwärtig in Warschau tagenden 8. Internationalen Kongreß der Pen-Klubs ist der die jkklisehe Literatur repräsentierende Pen-Klub durch eine Delegation vertreten, die vom Präsidenten des jüdischen Pen-Klubs und Ehrenmitglied des Internationalen Pen-Klubs, dem Dichter Schalom Asch, geführt wird,

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