Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 50 (27.6.1930)
- Date
- 1930-06-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50, 27. V!. 1930 Seite 340 JOEDISC'HE RUNDSCHAU um weiteres Unheil zu verhüten. Es wird allgemein angenommen, daß dieser neue Versuch im Hinblick auf die Ankunft der Kommission unternommen wurde. Er ist ein neuer Beweis dafür, daß es Zeit Ist, diesen Konflikt zu bereinigen, um nicht in das schon bestehende politische Wirrwarr noch religiöse Faktoren liinein/uziehen. Hie Klagemauer-Kommission wird anscheinend ihre Untersuchungen zu gleicher Zeit mit Simpson beenden, der seinen Aufenthalt im Lande verlängern mußte, da die Zeit für die Sammlung alles nötigen Materials nicht ausgereicht hat. Mit der Berichterstattung Simpsons und der Klagemauer-Kommission wird die Periode der ״Untersuchungen“ endlieh absclilielkn. Das Land hat die Beendigung dieser Periode dringend nötig. Die Fabrikation immer neuer Gerüchte und Sensationen ist am allerwenigsten geeignet, jene Ruhe zu schaffen, die für das Land nach zehn Monaten der Spannung und Ueberspannung Lebensbedürfnis ist. Das gilt für alle Teile der Bevölkerung, ganz besonders aber für die Juden, bei denen weiteste Kreise an politischen Fragen ein Interesse nehmen, so daß politische Stimmungen einen tiefgehenden Einfluß auf die praktische Arbeit besitzen. Bei dem ungewöhnlich raschen Wechsel der Geisteshaltung, der heute charakteristisch ist und der ein ständiges Auf und Ab zwischen Hoffnung und Verzweiflung zeigt, ist cs einigermaßen schwierig, ein richtiges Bild der dauernd wechselnden Stimmung zu geben. Es gibt eigentlich nur ein Moment, das in der letzten Zeit neu dazugekommen ist und das sieh sehr klar in der Presse wieder,spiegelt. Das ist ein Abwenden des Jischuw von den offiziellen Organen Englands, sowohl vom Colonial Office wie auch vom Kabinett, und eine Konzentration auf die öffentliche Meinung Großbritanniens, also auf die Presse vor allein. Es ist charakteristisch, daß die Deklarationen von S h i e 1 s in Genf kein besonderes Interesse im Lande erweckten, daß jedoch pro-zionistische Artikel englischer Zeitungen mit Eifer aufgegriffen, oft voll flachgedrückt und kommentiert werden. Dieser Umschwung ist erklärlich, da in letzter Zeit ein Teil der öffentlichen Meinung Englands den jüdischen Argumenten weit günstiger gegenüber steht, als das Ministerium oder das Kolonialamt. Der Jischuw zeigt gegenüber offiziellen Erklärungen, auch wenn sie Versprechungen enthalten, ein recht starkes Mißtrauen, dagegen eine gewisse Hoffnung in den Instinkt und das Verständnis des ״unoffiziellen England“ für zionistische Dinge. * Mit dem Moment, wo der Vorschlag eines Kongresses dieses Jahr von der Exekutive aus auftauchte, wird die Frage, Einberufung oder nicht, Wahlen oder keine, im Lande diskutiert. Für einen Kongreß wäre wahrscheinlich Stimmung genug im Lande vorhanden. Jedoch fürchten große und wichtige Kreise des Jischuw den bösen Einfluß der Wahlkämpfe auf die Beziehungen zwischen den Gruppen und die praktische Arbeit. Die Revisionisten sind vielleicht die einzigen, die sich viel von einem Kongreß mit Wahlen versprechen und sie haben schließlich auch sehr wenig zu ver- Heren und viel׳ zu gewinen. Außer ihnen hat sich noch keine beträchtliche Gruppe gefunden, die mit vollem Herzen für Neuwahlen eingetreten wäre. Ueberall spürt man ein starkes Schwanken. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, daß mit dem Moment, wo sich eine Gruppe fände, die mit allem Nachdruck vor dem Kräfteverbrauch eines Wahlkampfes warnte, sie große Kreise zu sich herüberziehen könnte. * Nachdem durch die große Umsicht und Energie der Regierung die Heuschreckengefahr für Palästina fast völlig abgewendet werden konnte, ist im letzten Monat eine neue Bedrohung auf getaucht, gegen die man bisher völlig machtlos ist. Die Mäuse plage auf den Feldern hat überhatid genommen, an vielen Stellen die Getreideernte völlig vernichtet und droht weiteren großen Schaden. Von den jüdischen Wirtschaften sind besonders die Kolonien der Ebene Jesrecl in Mitleidenschaft gezogen, so daß sich ihre wirfschaftliche Lage dieses Jahr stark verschlechtert hat. Es sind verschiedene Bekämpfungsmittel versucht worden, bisher jedoch ohne Erfolg. Es gibt ein sicheres Mittel, nämlich die Verbreitung des Mäusetyphus, dessen Anwendung die Regierung jedoch nicht gestattet. Bei den im Lande herrschenden Verhältnissen, der Wasserversorgung aus offenen Brunnen und Kanälen besteht die Gefahr, daß diese Bekämpfung den Typhus, der ohnedies hier im Sommer ein häufiger Gast ist, seuchenartig verbreitet. Die Landwirtschaft steht also hilflos vor dieser Plage und es droht in den Gebieten, die von den Tieren angegriffen werden und vor allem auf Getreidewirtschaft beruhen, große Not für das kommende Jahr. Es wird von der Regierung entweder Bekämpfung oder Unterstützung gefordert, zum mindesten in dem Maße, wie sie es in früheren Jahren bei Dürre getan hat Die Frage ist sehr dringend und es ist vorläufig nicht abzusehen, wie Hilfe geleistet werden kann. Ohne diese Plage versprach die Ernte in diesem Jahr wegen der reichlichen Regenfäile und der guten Bearbeitung erfreuliche Resultate, die jetzt jedoch in großem Umfange in Frage gestellt werden. Kleine Nachrichten Der Schat/sekrefär der Palästinaregierung Stewart Davis, der den High Commissioner während dessen Abwesenheit von Palästina vertreten wird, wird als der Nachfolger Lukes im Amte des Chefsekretärs der Regierung genannt. Am 12. Juni begab sich Miß S zold nach England, um an einer Beratung der Vertreter der jüdischen Frauenorganisationen wegen gemeinsamer zukünftiger Arbeit teilzunehmen. Am 14. Juni begab sich der Arbeiterführer Ben Gurion nach Europa, um sich an der Sitzung der Politischen Kommission der Jewish Agency in London, an dem Kongreß der gewerkschaftlichen Internationale in Stockholm und an der Arheiterkonferenz des britischen Imperiums zu beteiligen. In den Monaten April und Mai 1930 hat das Hauptbüro des Keren liajessod im ganzen £ 31053 erhalten, darunter aus Südafrika £ ö03O, England £ 5268, Polen £ 3905, Deutschland £ 385-1. Rumänien £ 3433. Holland £ 2316, Oesterreich £ 1162, Argentinien £ 1130, der Tscheche»- Slowakei £ 1080, Erez-Israel £ 918; der Rest ist aus den übrigen Ländern angegangen. Die feierliche Grundsteinlegung zu dem von Rockefeiler gestifteter! Gebäude für das Archäologisc h e M uscu m fiat am 20. Juni stattgefunden. Der High Commissioner Sir John Chancellor hielt die Festrede. ״Kulfturproblem und religiöse Frage in Palästina" Vortrag Dr. Ernst Simon in der Schule der Jüdischen Jugend. In überfülltem Vortragssaal hielt Dr. Ernst Simon in letzter Woche vor der fast vollständig versammelten Schule der Jüdischen Jugend ein last zweistündiges Referat, in dem er den Versuch unternahm, auf Grund einer tiefschürfenden Darstellung und Analyse der heutigen jüdisch-kulturellen Situation im Lande Schlüsse auf die jüdisch-religiösen Entwicklungstendenzen zu ziehen. Er führte ungefähr folgendes aus; Das zunächst am meisten in die Augen springende Kulturfaktum im Lande ist das Werden einer lebenden hebräisehen Sprache. Das eigentliche Sprachproblem beginnt für den Westjuden erst'dann, wenn er die gewöhnliche Umgangssprache bereits erlernt hat. Er« dann zeigt sich die Gefahr, daß sich seiner Denkmöglichkeit durch mangelnde Ausdrucksfähigkeit Schranken erheben: man denkt nur mehr, was man in der Sprache ausdrürken kann. Andererseits ist das Hebräisch des Ost Juden wiederum ״zu gut“. Dieser spricht ein theologisches Hebräisch, voll von kultur- und rcligionshistorischcn Assoziationen, Zitaten, Sinnandeutungen. Die säkularisierende Umdcuduig von Sprachbildcrn, deren Ursinn ein religiöser war, führt zu einer Art blasphcmischen, p s e u * domessianischcn Syrnbolspradie, die heute in der hebrnischen Profanliteratur weit verbreitet ist. Simon rät zu einer bewußt einfachen Sprache im Bezirke profanen Literaturschaffcns und alltäglicher Umgangssprache. Zu den Fragen der hebräischen Literatur übergehend, konstatiert der Redner zunächst die verhältnismäßig günstige Entwicklung des hebräischen Verlagswesens in Palästina. Die vielfach geäußerten Bedenken gegen ein zu starkes Ucberwuchern der Uebersetzungslitcratur teilt auch er. Besonders bemängelt er das Fehlen einer riehtigen Wahl des wirklich Wertvollen. Er schlägt ein svstematisches!1Übersetzungsprogramm, eine Art literarischer Plan- Wirtschaft vor. Nach diesen mehr einleitenden Bemerkungen ging Dr. Simon zu dem Kernstück seines Vortrags über: das hebräische Schul werk im Lande. Insbesondere befaßte er sich mit den Fragen der palästinensischen Volks- und Mittelschulen. Die Schilderung der Schulen der Agudath-JisracI gibt ihm Gelegenheit, den alten Jischuw in seiner kulturellen und religiösen Bedeutung für das Land zu charakterisieren. Im Gegensatz zum Schulwerk des alten Jischuw, der eine profane Bildung schroff ablehnt, steht das des Misraehi. 80 °0 der Schüler des Misrachi-Schulwerks rekrutieren sich aus den Kreisen der orientalischem Juden. Das charakteristische Merkmal der Misrachi-Schulcn ist ihre Verbindung von Thora mit Derech-Frez (Profanbildung). Der Redner gibt hier eine plasiische Darstellung der besonderen kulturellen Situation der sephardischen Juden. Der Versuch, europäische Kulturwertc statisch (statt dynamisch) aufzufassen, mi ß scheitern. Es entsteht häufig ein oberflächlicher Kulturoptimismus der bürgerlichen Schicht (der aber nicht etwa nur für die Misrachi-Schulen charakteristisch ist). Eine freie Begegnung zwisehen der Welt der Thora und der europäischen Kultur wird hei dieser Situation hiutangehaltcn. Daher ist die Wirkung der misrachistischcn Schulen gering. Es fehlt auch zumeist das misrachistische Elternhaus. Die Kinder des alten Jischuw betrachten die Misrachi-Sehule zumeist nur als Konzession an ihre orthodoxen Eltern, als aufgezwungenen Kompromiß. Die Gefahr des nationalen Chauvinismus ist in den Misraehi- Schulen nicht geringer als im allgemeinen Schuhverk. Simon ist der Meinung, daß es keine gefährdetere Jugend im Lande gibt, als die misrachistische. Das Nichtwissen um den ״Goj“ einerseits und die naive Uebernahme des europäischen Nationalismus andererseits erzeugt einen besonders gefährdeten jüdischen Zwischentyp. Bei der Besprechung des Typus der allgemeinen Schulen behandelt der Redner hauptsächlieh zwei Fragen: die des Bibelunterrichts und des neuen Schülertyps. Wie liest man in diesen Schulen Bibel? Von den drei Hauptauffassungeil über die Bedeutung des Bibel.- Unterrichts in den Schulen hält Simon die radikale Metnung Brenners für allgemein abgclehnt, die .konservative Achad - H a a m s im Sclnvindeu und die Berditschewskis, der die Rettung der ״Urbibcl“ (aus ihrer theologisiercnden ״Verfälschung“) als Volksbuch fordert, Im Vordringen begriffen. Jedenfalls aber steht heute überall die Bibel im Mittelpunkt des gesamtjiidischeii Unterrichts. Mit der Bibelauffasstmg hängt, nach Simon, das Problem des. Palästinaaufbaus untrennbar zusammen, in ihr steckt die Schicksalsfrage des zionistischen Palästinawerkes. Die Nähe von Bibel und Politik bedeutet Simon eine große Chance. Am Stoffe der Bibel bildet der Lehrer im Schüler die entscheidende politische Anschauung. Am neuen Schülertypus weiß der Redner die vollkommene Gesundheit, den Mangel jeglieber Hysterie und Neurotik zu rühmen. Es fehlt beim Kinde das Erlebniswissen vom Galuth. Trotzdem ist und bleibt das Judentum auch in Palästina ein. Pr ob lern. Zionismus bedeutet die Inangriffnahme der jüdischen Problematik unter gesünderen Verhältnissen. Die bloße Tatsache der Existenz, ist für die Frage nach der jüdischen Daseinsberechtigung keine genügende Antwort. Zionismus darf keine Flucht aus dieser Frage bedeuten. Die heutige Generation ist innerlieh noch nicht genügend frei, um die Bedeutung der jüdischen Dascinsprobleniatik ־zu ermessen. Dazu müßte man, nach einem Worte Bialiks, ״auch frei vom Rausch der Freiheit“ sein. Trotz größter Vorbehalte gegenüber den Arbeiterschulen rühmt Simon die ungeheuere Leistung dieser ״Produktionsschulen“, die nur den Leistungen des heutigen Rußlands auf diesem Gebiete vergleichbar sind. Die. Erziehung der jungen Generation zu dem (deal, wieder, wie ihre Väter, Arbeiter zu werden, verdrängt das selbst in der Soziaklemokratie so weitverbreitete Ideal des beruflichen Aufstiegs. Der Arbeiter beherrscht das Leben des Landes. In Palästina möchten gerade die besten Kleinbürger noch zu den Prolctarier!! gerechnet werden. Es gilt allgemein als höchste Ehre, in dieser Front zu stehen. Am Schluß sprach Simon noch ־zur religiösen Situation im Lande. Er schilderte den starken Eindruck, den man von der ausnahmslosen Sabbat ruhe im Lande erhält, wobei die Motive zu ihr nicht immer religiöser Natur sind. Die rein ökonomische Sabbatruhe kann aber zu einer inneren Aushöhlung des jüdischen Sabbats führen. Mit besonderer Wärme sprach Dr. Simon von der durch Bialik ins Leben gerufenen Institution des ״One״ Sch ab bat“, von der er eine lebhafte und stimmungsvolle Schilderung gab. Auch das häufig der Liturgie entnommene hebräische L i c d gehört noch dem Bezirke echten jüdisch-religiösen Lebens an. Chassidim und Chaluzim singen m i t einander Lieder aus Gebetbuch, Mischna nsw. Uebcr den Sabbat in der K w u z a h entwarf Simon ein äußerst anschauliches Büd nach einem Eigenerlebnis in Gewa. Er zeigte, welche gesunden religiösen Instinkte in den Menschen stecken, die se׳bst noch in ihrer Jugend mit dem traditionellen Leben durch Vaterhaus und Erziehung verbunden waren, bezweifelt aber die Möglichkeit einer Wiederentfaltung solcher Rudimente bei kommenden Geschlechtern. Das historische Erbe wird sich immer mehr verflüchtigen. Vielleicht wird ans einer Verbindung zwisehen diesem Erbe und dem unmittelbaren Naturleben die neue Svnthese entstehen. Der inhaltlich schwerwiegende und rednerisch hervorragende Vortrag Dr. Simons hinterließ bei den Hörern einen sichtbar starken Eindruck. Um dem engeren Kreise der Schülersehaft die Möglichkeit einer freien Aussprache über die in dem Vortrag behandelten Fragen zu geben, hatte sich der Referent der Schule der Jüdischen Jugend noch zu einem besonderen Aussprache-Nachmittag zur Verfügung gestellt. In dieser Diskussion ergänzte Dr. Simon sein Referat in manchen Punkten und gab besonders über seine Grundeinstcllung der Jugend noch weitere Auskünfte. Das Außerordentliche seiner Persönlichkeit kam auch hierbei ins klare Bewußtsein der Hörer. M. M. Presseschau ״New Statesman“ Aber Zionismus. Die der Labour Party nahestehende unabhängige Woehenschrift ״The New ”Statesman“, die vor kurzem einen zionistenfmmdlichcn Artikel veröffentlichte, bringt in ihrer Nummer vom 21. d. M. den Beitrag eines Mitarbeiters W. Z. ״Wandlungen des Zionismus“. Nicht nur äußerlich, so führt der Verfasser aus, sondern auch innerlich vollziehe sich eine gewaltige Wandlung im Zionismus. Wer (wie offenbar der Schreiber des Artikels — Anm. d. R.) Gelegenheit hatte, die zionistischen Führer in London während dieser Monate aus der Nähe zu bcobachten, konnte feststellen, daß sich eine wahrhafte Revolution in der zionistischen Ideologie vollzogen hat. Die entscheidende Tatsache ist der Vorrang der Wirtschaft vor Politik und religiöser Romantik. Der politische Aspekt des Zionismus wurde zurückgedrängt und seine konstruktive und praktische Seite gestärkt. Die nationalistisch fühlenden Juden aus Polen mit ihrem wilden Gerede von einer jüdischen Majorität und einem jüdischen Staat in Palästina wurden gründlich abgeschüttelt und die besonneneren Elemente, welche die wirkliche Aufbauarbeit tun und deren Anhänger in der westlichen Welt, haben einen vollständigen Sieg errungen. Der politische Zionismus, wie er von den extremen jüdischen Nationalisten in Osteuropa verstanden wird, ist auch unter den Zionisten tot. Der Glaube, daß Palästina durch die Balfour-Dcklaration in einen Judenstaat verwandelt werden kann, wurde ausgeschaltet. Die zionistische Bewegung hat jetzt Politik aufgegeben und sich statt dessen auf praktische Aufbaupolitik konzentriert, die auch dem Zionismus das größte Maß von Sympathie in der Welt gebracht und am wenigsten Widerstand bei den Arabern gefunden hat. Die letzte Sitzung des Administrative Committees der Jewish Agency befaßte sich fast ausschließlich mit praktischen Problemen. Die Theorie der jüdischen Majorität in Palästina wurde in aller Ruhe über Bord geworfen durch eine Resolution, die sich gegen Jede Beherrschung der Araber durch Juden und der Juden durch Araber ausspricht. Obwohl offiziell der Zionismus gegen ein Pariament in Palästina ist und die offizielle zionistische Presse gar nicht genug scharfe Worte zur Verurteilung von Dr. Magnes’ Friedensbemühungen finden konnte, verbrachte doch der ״kleine Kongreß“ einen großen Teil seiner Zeit In der Bearbeitung von Plänen für munizipale und parlamentarische Vertretung, die zugestandenerweisc allmählich zur Bildung einer. parlamentarischen Regierung führen, und mit der Vorbereitung von Systemen zur Schaffung engerer- Beziehungen zwischen Juden und Arabern. Alle Anträge der extremen nationalistischen Gruppe und ihre an die Mandatarmacht gerichteten politischen Forderungen, die auf dem vollen Pfund politischen Fleisches, das durch die Balfour-Deklaration versprochen wurde, bestanden, wurden mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Die radikalen Elemente aus Osteuropa, die stets zionistische Tagungen beherrschten, wurden endgültig zurückgedrängt und die gemäßigten praktischen Westler waren zum erstenmal auch in geistiger Beziehung־ führend, wie sie es stets in den Finanzen gewesen waren. Die ganze Stimmung der Tagung war dem bombastischen politischen Gerede abgeneigt, das bisher der sowohl für die Araber als auch für die ganze liberale Welt unbeliebteste Teil des Zionismus gewesen ist. Der Verfasser schildert dann ausführlich die großen Leistungen des jüdischen Aufbauwerkes und betont, daß die Bewegung sich in ökonomischer und kultureller Beziehung bereits gerechtfertigt habe. Die August-Unruhen haben dazu beigetragen, einen zionistischen Kurs zustande zu bringen, der der einzige ist, der zu einer Verständigung und Frieden mit den Arabern führen kann. Die englische Regierung hat nun durch die Suspendierung der Einwanderung gerade diesen neuen Tendenzen im Zionismus den schwersten Schlag versetzt und die Bewegung_ einer noch nie dagewesenen Reaktion ausgesetzt. Gerade die jüdische A r - beiterschaft hat stets den extremen Nationalismus der Mittelklasse bekämpft und den Nachdruck auf die konstruktive Seite des Zionismus im Gegensatz zur politischen gelegt. Die Arbeiterschaft hat auch immer sich für eine Verständigung mit der arabischen Bevölkerung eingesetzt. Es ist klar, daß wenn eine arabisch-jüdische Verständigung möglich ist, sie nicht durch die Extremisten beider Völker, sondern durch die Arbeiterkreise erfolgen muß. Und in diesem Moment verfügt die Regierung eine Maßnahme, die besonders schwer die Arbeiterpionierc trifft und alle sie unterstützenden Kreise, auch Dr. Wcizmann, schwächt. Dadurch droht der. Zionismus wieder in den Strom der politischen und nationalistischen Leidenschäften zu geraten. Die Ironie der Geschichte ist, daß eine A r b e i t e r r e gi e r 11 n g für all das verantwortlich ist. Von allen Absurditäten der britischen Politik der letzten Jahre ist dies offenbar die tollste. (Wir glauben, daß die teilweise sehr anfechtbaren Auslimrungen der englischen Zeitschrift, die wir der Information halber wiedergeben, von Interesse sind, weit sie zeigen, wie manche — jüdische? — Beobachter, die selbst gut informiert zu sein glauben, die Dinge im zionistischen Lager ansehen. — A. d. R.) Tonfilm in Palästina. Vor einiger Zeit wurde in Palästina der erste Tonfilm aufgeführt. Zunächst wurde seitens des Stadtrates von Tel-Awiw und seitens der ״Liga zur Verteidigung der hebräischen Sprache“ gegen die . Aufführung engusclicr Tonfilme in Tel-Awiw protestiert, schließlich aber wurde die Aufführung doch zugeiassen. Dies wurde erleichtert durch die Zusicherung, daß auch hebräische Tonfilme in Vorhcreitung sind. Die erste in Palästina vorgeführtc hebräische Tonfilmaufnahme war die Einweihung des neuen Gebäudes der Nationalbibliothek. Gleichzeitig wird mitgetcilt, daß Auffülirungcu der ״Habimah“ und des ״Ohel“ tonfilmisch aufgcnominell werden sollen. Der erste Tonfilm dieser Art soll der ״Dybuk“ sein. Es gibt auch schon ein hebräisches Wort für Tonfilm, nämlich ״Sch’ma-noa“. (Das stumme Kino heißt ״Rci'-noa“ ) Es soll in Jerusalem auch ein historischer Film aufgenommen werden und zwar von einer neugegründeten ״Judaea Pictures Corporation“. Ein arabischer Dichter über einen jüdischen Schriftsteller. Am 4. Juni hielt der arabische Dichter Scheich Nazar Abu El Saud in Jerusalem einen Vortrag über den Dichter Abraham I bn S a 111 E I-Si vi 11 e, der im 13. Jahrhundert in Sevilla (Spanien) gelebt und in arabischer Sprache gcschriehen hat. Dieser Vortrap bildet den ersten in einer Reihe von Vorträgen über literarische und kulturelle Themata, deren Veranstaltung von einer Initiativgruppe in Jerusalem geplant wird. (Zika)