Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 48 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48, 20. VL 1930 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 329 Erscheinungsformen des Antisemitismus Von Kurt Loewensteln. In der gegenwärtigen Auseinandersetzung über die Methoden des Kampfes gegen den Antisemitismus in Deutschland, der innerhalb des deutschen Zionismus insbesondere im Hinblick auf die wachsende Wirtschaftsnot der deutschen Juden als eine Notwendigkeit empfunden wird, bildet jener Umstand ein ernstes Hindernis, daß zahlreiche Grundbegriffe und Grundtatsachen, um welche sich die Diskussion bewegt, nur mangelhaft geklärt sind. Man hat vielfach bereits versucht, bestimmte Gestaltungen des Antisemitismus aufzuzeigen. Dabei ist man aber entweder historisch verfahren oder auch psychologisch oder rtan hat sich damit begnügt, aus irgendeiner Grunderscheinung des gesellschaftlichen Lebens heraus eine Generalform für den Antisemitismus zu finden. Demgegenüber soll hier versucht werden, in einer mehr in die Einzelheiten gehenden Betrachtungsart die verschiedenen Formen antisemitischen Ver- Haltens darzustellen, die in unseren Tagen und auf dem Boden unserer Gesellschaft möglich sind. Es wird dabei allerdings zur Voraussetzung gemacht, daß sich die Handlungen des Einzelmenschen weitgehend nach dem Bewußtsein der Gruppe richten, der er angehört, und daß der Wille dieser Gruppe seinerseits in erster Linie durch ihre ökonomisch-gesellschaftliehe Struktur bestimmt wird. Unter dieser Voraussetzung müssen wir zunächst die Formen ins Auge fassen, welche der Antisemitismus dadurch erhält, daß er von bestimmten menschlichen Trägem ausgeht •Wir unterscheiden dabei als für die heutige Gesellschaft charakteristische Gruppen die Kreise des Großkapitals, des kleinbürgerlichen Mittelstandes und des Proletariats. Aus der verschiedenen gesellschaftlichen Stellung dieser Gruppen ergeben sich auch verschiedene antisemitische Verhaltungsweisen, wobei die Tatsache des Antisemitismus an sich als eine Voraussetzung hier nicht diskutiert werden soll. Das Großkapital wendet drei Grundformen des Anti* semitismus an: Zunächst geht es mit dem Mittel der ge* sellsehaftlichen Aechtung gegen die Juden vor. Diese Waffe, die nun eine bestimmte Form des antisemitischen Verhaltens in sich birgt, tritt besonders dort auf, wo noch Reste feudaler Gesellschaftsordnung im Großkapital vorhan* den sind, z. B. in der Landwirtschaft Die Form der Aech* tung wird zumeist dort angewandt, wo der Jude kaum als wirtschaftlicher Konkurrent auftritt Die zweite Kampfform des vom Großkapital ausgehenden Antisemitismus ist die Form des anonymen Boykotts. Dieser Boykott wird seine Existenz niemals zugeben, er wird von einer unsichtbaren Macht gelenkt, wo er ertappt wird, abgeleugnet, und wirkt doch mit einer unbeschreiblichen Kraft! Ihn kennen wir aus der Verdrängung tausender jüdischer Angestellter aus ihren Arbeitsplätzen ln den Großbetrieben, aus dem besonderen Kampf, den der Jude — zumeist erfolglos — um eine Position in weiten Teilen der Wirtschaft führen muß. Ke dritte Form des von dieser Gesellschaftsgruppe getragenen Antisemitismus geht den Weg der Tarnung. Mau stachelt auf unterirdischen Kanälen die anderen großen GesÄchaftsgrtppn:• ~ ־,׳Mp0ste1tf׳',itof־*.־PnaeiaMaf 2-־ die Juden auf und schafft sich damit eine Waffe Im antisemitischen Kampf. Das Großkapital kann dabei selbst 1m Hintergrund bleiben und verfolgt vielfach damit nicht nur den Zweck, seine antisemitischen Bestrebungen zu befriedigen, sondern es benützt diesen Kampf gegen die Juden zugleich auch dazu, um die Unzufriedenheit der breiten Masse von sich selbst auf ein anderes Objekt abzulenken. Wir erleben heute in der Förderung des Nationalsozialismus durch kapitalistische Kreise ein Beispiel hierfür. Der Antisemitismus des kleinbürgerlichen Mitielstandes nimmt Im großen ganzen stets die Form eines offenen Boykotts an, der also im Gegensatz zu der vorhin geschilderten Boykottform offen zugegeben und vielfach sogar zu einem politischen Programm gemacht wird. Nach drei Richtungen kann sich dieser Boykott auswirken: Einmal kann es ein geistig-kultureller Kampf sein, den man gegen jüdischen Einfluß im Kulturleben des Volkes führt, sei es weil man fremde Einflüsse von ihm fernhalten will, oder well man den Einfluß des jüdischen Geistes für schlecht hält. Die zweite Richtung dieses von den mittleren Schichten des Volkes getragenen Antisemitismus ist wirtschaftlich-sozial bestimmt Man führt den Zerfall der eigenen Gesellschaftsgruppe und ihren wirtschaftlichen Niedergang auf die Juden zurück, identifiziert diese mit dem übermächtigen Kapital, welches den Mittelstand vernichtet, und greift nun gegen die Juden zur Waffe des wirtschaftlichen Boykotts, der offen geführt wird, dabei aber in Wirklichkeit gerade die Juden trifft, die selbst dem Mittelstände angehören. Auch Formen des genossenschaftlichen Kampfes gegen die Juden gehören hierher. Eine dritte Richtung des Boykotts, der ja immer eine Ausnahmestellung der Betroffenen zum Ziele hat, bildet der politisch-rechtliche Kampf gegen die Juden. Mit den Mitteln von Gesetzgebung und Verwaltung sollen die Juden unter ein Ausnahmerecht gestellt werden, welches ihnen das Leben er- Schwert Politische Entrechtung der Juden ist dabei das Ziel, wobei man weiß, daß diese nicht nur eine moralische Demütigung, sondern auch eine schwere materielle Schädigung wäre. So zielen diese drei vom kleinbürgerlichen Mittelstand ausgehenden Boykottformen stets darauf ab, den jüdischen Einfluß im Konkurrenzkämpfe abzuschwächen oder zu vernichten. Sie nehmen daher die Gestalt offener programmatischer Forderungen an, da es sich dem Scheine nach um die Wahrung von Lebensinteressen der mittleren Volksschichten handelt. Beim Proletariat nimmt der In ihm wurzelnde Antisemitismus gleichfalls charakteristische Formen an. Selbstverständlich gelten diese Formen auch nur auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung, ln welcher Richtung sich der antisemitische Instinkt des Proletariats in einer Massenlosen Gesellschaft nach der Durchführung einer sozialen Revolution bewegen wird, läßt sich nicht Vorhersagen, da uns auf diesem Gebiete noch jede Erfahrung fehlt Rußland kann nicht als Beispiel hierfür gewertet werden, da ja dort der Zustand gesellschaftlicher Befriedung noch nicht eingetreten ist, wie das Bestehen der Diktatur es beweist. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Gesellschaft erscheint der Antisemitismus beim Proletariat in verschiedenen Formen, je nach dem Grade, in welchem das Klassenbewußtsein bei ihm entwickelt ist Der Antisemitismus unterliegt in gewissem Sinne bei ihm einem Verdringungsprozeß; er er- 1 erscheint dem proletarischen Bewußtsein als Teil des klein- I bürgerlichen Unterbewußtseins, welches im Proletariat wirk- J sam ist, und wird daher bewußt abgelehnt. In einer proietarischen Gruppe mit schwach entwickeltem Klassenbewußtsein nimmt der Antisemitismus .ähnliche Formen an wie bei der Gruppe des kleinbürgerlichen Mittelstandes. Die Abneigung wird offen zugegeben und ein Kampf gegen den Juden als Konkurrenten geführt, wenn er als solcher auftritt. Man boykottiert den jüdischen Arbeiter, indem man die Zusammenarbeit mit ihm in einer Werkstatt ableimt Im Zustande eines entwickelten Klassenbewußtsehis Ist ein derartiger Boykott naturgemäß unmöglich. Trotzdem sucht der antisemitische Instinkt nach einer Ausdrucksform, ta diesem Zustande des Proletariats, in welchem es mit wachem Bewußtsein um seine Befreiung oder deren Sicherung kämpft spielen ideologische Auseinandersetzungen eine entscheidende Rolle, da sich nach ihnen Weg und Ziel des Kampfes richtet Das volle Heimats- und Bürgerrecht Im Proletariat und In der entstehenden neuen Gesellschaft genießt nur der, welcher durch Leben und Lehre als der jeweilige Ausdruck des Klassenwillens empfunden wird. Es hat nun den Anschein, als ob gerade Juden es sind, welche auf die Dauer nicht in diesem Sinne das volle Bürgerrecht in der Bewegung behalten. Es kommt der Moment, in welchem ihre Ratio andere Wege geht als der triebhafte Wille der proletarischen Gruppe, zu der sie gehören. Der beste Ausdruck für diese Entwicklung ist vielleicht — neben vielen anderen, auch aus anderen Lagern des Proletariats — Leo TrotzkL Es hat den Anschein, als ob sich in dieser sublimierten, aber nicht weniger grausamen Form das antisemitisch« Grundgefühl einen Ausweg schafft. Wir sehen also, wie die verschiedenen Formen des antisemitischen Verhaltens sich aus der Struktur ihrer Träger, ihrem Bewußtsein und ihren Interessen erklären. Gesellschaftliehe Aechtung, anonymer Boykott, getarnter Kampf, offener Boykott auf kulturellem, wirtschaftlichem und politischem Gebiete, Boykott des Arbeiters und ideologische Isolierung des Juden begegnen uns als die Haupttypen des Antisemitismus unserer Tage. Nun wird aber die Form des antisemitischen Kampfes nicht allein durch jene Gruppen bestimmt, welche diesen Kampf führen, sondern auch durch die Juden selbst Wie in allen Kämpfen zwingt auch hier der Gegner In gewissem Umfange dem Angreifer durch sein Verhalten eine bestimmte Taktik auf. An diesem einen Punkte können die Juden selbst durch ihr Verhalten den Antisemitismus in gewisse Bahnen hineinbringen. Wohlgemerkt: Er ist nicht etwa durch ein bestimmtes ״Wohlverhalten“ aus der Welt zu schaffen, wie es gewisse jüdische Kreise annehmen, aber man kann ihn doch in eine bestimmte Richtung hineinpressen. Das kann aber insofern nützlich sein, als die Gefährlichkeit des antisemitischen Angriffs nicht in jeder Form die gleiche ist Zwei Hauptformen des jüdischen Verhaltens gegenüber dem antisemitischen Angriff sind möglich: Zunächst der Weg, die Tatsache des Judeseins möglichst zu verstecken und die Ausprägung des Judentums zu mildern. Dieses Verhalten hat selbstverständlich niemals das Aufhören des antisemitischen Angriffs zur Folge; es tritt nur der Zustand ein, daß der Antisemitismus sich der Formen bedient, die in ■diesem nützlich sind, und das sind alle jene Formen, welche mehr im Dunkeln wirksam werden und an die tieferen Instinkte der Abneigung anknüpfen. Diese Formen, die wir vorhin bei dem stillen Boykott usw. kennen lernten, treffen auch ein Judentum, das sich zu maskieren sucht. Die zweite Möglichkeit eines jüdischen Verhaltens gegenüber dem Antisemitismus ist das Herausstellen eines starken, lebendigen und selbstbewußten Judentums. In diesem Falle entspricht es dem antisemitischen Interesse, die Formen des offenen Boykotts, des rechtlich-politischen Kampfes usw. anzuwenden, um das Judentum damit zu treffen. Nun ist es an sich in beiden Fällen nicht angenehm, dem antisemitischen Angriff ausgesetzt zu sein. Der taktische Vorteil aber, der sich für die Juden in diesem ׳zweiten Falle des offenen Kampfes ergibt, ist, daß man gegen diesen unverhüllten Angriff leichter Bundesgenossenschaft außerhalb des jüdischen Lagers finden wird, da die fortschrittlichen Elemente diesen antisemitischen Kämpf, der die Juden in eine Ausnahmestellung drängen will, als reaktionär ablehnen müssen. Die Aussichten auf einen wirklichen Erfolg des antisemitischen Angriffs sind dadurch gemindert. Daneben allerdings darf auch nicht verkannt werden, von welch außerordentlicher Gefährlichkeit der versteckte Angriff gegen ein an sich schon Mimikry treibendes Judentum selbst ist, da man sich ihm ziemlich wehrlos ausgeliefert glaubt und einen Ausweg aus dem zermürbenden Kleinkrieg nur in immer weiterer Flucht aus dem Judentum sieht. Andererseits bildet der Zustand des offenen Angriffs einen Anreiz zu engerem jüdischen Zusammenschluß und auch eine gewisse moralische Befriedigung für die Juden, da man den Kampf im Namen hoher Ideen führen kann. Das Verhalten der Juden dem antisemitischen Angriff gegenüber kann also dadurch, daß er in eine bestimmte Bahn gelenkt wird, die objektiven und die moralischen Gefahren, die von ihm drohen, steigern oder herabsetzen. Entgehen kann allerdings niemand dem Angriff, so sehr man es auch herbehviinscht oder sich cinzureden sucht. Die Haltung eines positiven Judentums erweist sich unter diesen Gesichtspunkten als der gangbarste Weg. ln Deutschland leben wir heute in einer Zeit, in welcher von seiten des Kapitals und des Mittelstandes der antisemitische Angriff vorgetragen wird. Das Kapital bedient sich dabei der Formen des anonymen Boykotts, der sich besonders gegen die jüdischen Angestellten wendet, sowie des getarnten Kampfes mit Hilfe der unteren Klassen, indem man der antisemitisch-völkischen Bewegung materiell hilft. Zugleich kämpft ein erheblicher Teil des schwer leidenden Mittelstandes gegen die Juden, indem man sich besonders der politischen und der kulturellen Kampfform bedient Für die Zukunft muß man annehmen, daß in einer Zelt verstärkter Klassenkämpfe und innerpolitischer Spannungen der Angriff des Kapitals nicht nachlassen wird, und daß man sich besonders der Form bedienen wird, die eine Ablenkung des Klassenhasses auf die Juden zum Ziele hat Der Mittelstand, der den Weg des Zerfalles unaufhaltsam weitergehen wird, dürfte aus diesem Grunde in seiner antisemitischen Aktlvitat nicht nachlassen; die Form des offenen Wirtschaftsboykotts im Zusammenhang mit Selbsthilfemaßnahincn des Mittelstandes wird an Bedeutung stark zunehmen und nicht ungefährlich sein. In dem Moment, in welchem ein merkbarer Prozent- Satz deutscher Juden zur Handarbeit übergegangen sein wird, naß sich auch In des Reihen de« Proletariats das antisemitische Problem stärker bemerkbar machen, ohne daß hier für seine Ausdrucksform eine Prognose gestellt werden soll. Die Zukunftsaussichten, die sich aus einer Betrachtung und Wertung der gegenwärtigen Verhältnisse ergeben, sind also nicht rosig. Wenn von zionistischer Seite in verstärktem Maße an diesen Dingen Anteil genommen werden soll, dann kann cs nur bedeuten, das deutsche Judentum gegen den antisemitischen Angriff materiell und moralisch möglichst immun zu machen. Selbsthilfe und Judaisierung sind auch jetzt — wie in so vielen früheren Epochen unserer Geschichte — einzig wirkungsvolle Abwehr und Antwort, die wir auf den Angriff zu geben haben. Jüdische Akademikerversammlung (Veranstaltet vom Präsidium des K. J. V.) Trotz der heißen, hochsommerlichen Witterung waren am 18. d. M. der Einladung des K. J. V, soviel Zuhörer gefolgt, daß der große Saal des Preußischen Herrenhauses bis auf den letzten Platz besetzt war. Im Mittelpunkt des gelungenen Abends stand das Referat ״Der jüdische liberale Gedanke“ von Dr. Gustav Krojanker, den man nach sehr langer Zeit wieder in einer großen Versammlung hören konnte. Ueberaus fesselnd waren die Darlegungen Krojankers, der sein Thema in. der Hauptsache auf die Analyse eines Teilproblems abstimmte. Er besprach den staatlich-politischen Liberalismus der deutschen Juden, der sich gegenwärtig unter dem Titel der deutsch-demokratischen Partei präsentiert. Schärfste Analyse und klarste Formulierung, künstlerisch gruppiert, ließen soziologisch und psychologisch die besprochene Erscheinung hell ins Bewußtsein der Zuhörer treten. Dr. Nahitm Goldmann wies als zweiter Redner auf die Phänomene des Radauantisemitismus und der wirtschaftlichen Krise hin, die in der Gegenwart die deutsche Judenheit aufwühlen. Mit der Gegenüberstellung des passiven Getthamenschen und seines Erben, des Assimilationsjuden einerseits und des wagenden zionistischen Juden anderseits schloß er seine Dariegungen. Dr. Egon Rosenberg, der Vorsitzende des K.J.V., leitete die Veranstaltung durch eine kurze Ansprache ein. * Aus dem Referate Krojankers: Der Zionismus wird als Nationalismus im Namen des UniversaHsmus angegriffen. Der jüdische Liberalismus im politischen Sinne hat sich mit dem liberalen Bürgertum seinerzeit verbunden. Dabei setzte man den allgemeinen universalistischen Gedanken mit dem Gegenwartsinteresse einer Gruppe gleich. Heute sucht man zum Teil das gleiche im Sozialismus, indem man von der jeweils zukunftskräftigsten universalistischen Strömung auch «ne Lösung der Judenfrage erhofft. An einigen Beispielen soll die sich hieraus ergebende jüdische Situation gezeigt werden. Die Affäre Dreyfus bedeutete keinen Sieg des Rechts über den Machtgedanken. Das Recht wurde vielmehr In den Menst einer politischen Macht gestellt; es war der Kampf der bürgerlich-parlamentarischcn Demokratie gegen die militärische Autokratie. Allerdings erblickten beide Parteien in dem Juden ein Symbol. Die Bundesgenossenschaft mit dem Recht und dem Juden bestand nur auf Zeit. Die Lage im heutigen Deutschland erscheint äußerlich ähnlich wie s«ncrzeit in Frankreich. Handelte es sich aber damals um einen Streit innerhalb des Bürgertums, so ist heute der Kampf um den Sozialismus entscheidend. Heute noch stehen die sozialdemokratischen Parteien als ein WaH״,vor.,<f00_.Är«14un».'. Entweder weiden..״slelifbet dff Linksopposition unterliegen oder aber mit dieser die Pariamentsmehrheit erlangen und dann unter Ihre Führung geraten. Es gibt daher jetzt 1m Bürgertum einen Streit um die Methode des Kampfes gegen links. Wie steht dazu die deutsche deraokratische Partei, zu der die Mehrheit der deutschen Juden gehört? Ein Symbol: Piskators Revolutionsdramen wurden von einem bürgerlichen Publikum bejubelt. Me Zuschauer waren aber hauptsächlich eine stark jüdisch durchsetzte Gruppe des Berliner Bürgertums. Das Revolutionäre trat dort antimilitaristisch auf. Das gefiel den Juden, die dabei vergaßen, daß das Proletariat die siegende Kraft ist. Me Juden allein haben den reinen Liberalismus konserviert. Sie haben ihn erhalten, weil sie sich immer noch angegriffen fühlen.. Wirtschaftlich stehen sie im Bürgertum, politisch aber teilweise aus Ressentiment viel weiter links. Der Universalismus bedeutet bei den . Enge'eines Eingeordnetseins in eine universale Gemeinschaft, Daher stammt auch seine Aktivität im sozialistischen Lager. — In der demokratischen Presse schreibt man so, als lebe man in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts. Man verteidigt die Republik und kämpft gegen rechts. Me demokratische Partei wird daher als Steigbügelhalter der sozialistischen Republik angesehen. Die Juden wollen durch das Programm eines humanen Liberalismus den Antisemitismus bekämpfen. Me demokratische Partei bildet heute einen gewissen Uebergang zwischen den beiden sich bekämpfenden Lagern. 111 dem jetzigen Kampf versinkt auch eine Kultur, die sich auf den Inäividualismus gründete, und es erscheint das Ideal des Kollektivmenschen. Auch auf diesem Gebiete kann das liberale Bürgertum den Uebergang leichter machen, fm Ausgleich liegt daher heute die Bedeutung der bürgerlichen Mitte, Die Juden, die den Liberalismus nur aufgegnffen haben, werden jetzt von den Antisemiten als seine Erfinder hingestellt. Sie selbst leugnen im guten Glauben den Zusammenhang dieser Dinge mit ihrem Judentum. Me Humanität ist nur für Festbankette bestimmt I Die gleichen Juden benutzen für innerjüdische Zwecke den Missionsgedanken, obwohl sie sonst eine jüdische Besonderheit ableugnen, ln der Praxis.sind sie ebenso nationalistisch wie die Bürger aller anderen Nationen. Politisch hat der Liberalismus den Juden die bürgerliche Gleichberechtigung gebracht, aber nicht die gesellschaftliche. Jetzt wendet man sich dem Sozialismus als einer neuen Lösung zu. Wir Zionisten vertreten demgegenüber den Gedanken der Selbsthilfe unseres Volkes und glauben, damit auch dem menschliehen Fortschritt zu dienen. Als zweiter Referent sprach Dr. Nachum Goldmann über das Thema: ״Der jüdische Akademiker in Deutschland“. Das deutsche Judentum werde von Akademikern geführt, so daß deren geistige Situation für die Allgemeinheit typisch sei. Nach dem Kriege ist das deutsche Judentum durch den neu erwachenden Antisemitismus und durch das Entstehen eines spezifisch jüdischen Wirtschaftsproblems schwer erschüttert worden. Die Existenz einer objektiven Juden frage kann heute nicht mehr geleugnet werden. Der Kampf nach außen wird aber immer noch nicht so geführt, daß er zu ein« inneren Stärkung des deutschen Judentums wird. Wir kämpfen nicht als deutsche Volksangehörige gegen den Antisemitismus, sondern als Juden! Gegen die Schande des Antisemitismus haben nicht w׳ir zu kämpfen, sondern das deutsche Volk. Auf wirtschaftlichem Gebiete bricht für viele deutsche Juden der Unterbau zusammen. Man hat uns auch hier für den wirfschaftlichen Aufbau gebraucht, jetzt aber verdrängt man uns. Der Liberalismus der deutschen Juden trägt in sich einen real(- tionären Charakter int geistesgeschichtlichen Sinne und ist völlig abstrakt, während man heute in politischen Dingen konkret denkt. Das Ghettojudentunj a«1d ak seine Nachfolger der Liberalismus besitzen euten Messianismus, der •lies ia die