Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 48 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 328 JÜIDISCHE RUNDSCHAU Nr. 48, 20. VL 1030 Brief aus Palästina Politische Stimmungen — Ankunft der arabischen Delegation — Das wirtschaftliche Leben normal — Ausstellungen Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AG., Tel-Awiw, den 12. Juni 1930. Ilie palästinensische ()Öffentlichkeit nimmt mit Spannung die Nachrichten auf, die aus Palästina und Genf täglich im Lande cintreffen. In den Kommentaren der Presse wird immer von neuem eine Grundhaltung erkenntlich: Unglaube und M i 111 r a 11 e!1. Charakteristisch ist in dieser Hinsicht die Wertung, die die hebräischen Tageszeitungen den Erklärungen Drurnmond Shiels in Genf angedeihen lassen. Ihr Leitmotiv ist: Wir halten nichts mehr von all diesen Erklärungen, wir wollen sehen, wie sie die Regierung in die Tat umsetzen wird. Wir müssen also erst einmal aJnvarten, wie sich die praktische Politik weiter entwickelt. Diese Stimmung, die wahrscheinlich für einen großen Teil des Jischuw charakteristisch ist, zeigt den Umschlag von früheren Einstellungen, wo man gerade programmatischen Erklärungen Londons einen großen Wert beimaß. Die gegenwärtige Stimmung ist ein klares Zeichen dafür, daß eine dringende Not- Wendigkeit für die Schaffung eines konstruktiven politischen Programmes des Zionismus besteht, das die rein negative Stelhing der letzten Zeit zu ersetzen imstande ist. Neben den mannigfachen Nachrichten aus erster und zweiter Quelle, die täglich verbreitet werden, gehen eine Menge Gerüchte um, die mit Eifer aufgegriffen werden. Besonders hartnäckig hält sich die Nachricht von der Aufh e b u n g d e r E i n w a n d e r u n g s s p e r r e , die jedoch bisher noch nicht bestätigt worden ist. Es bestand auch einiger Grund, das Gerücht für wahrscheinlich zu halten, da ja schließlieh genaue Untersuchungen dazu führen müssen, daß zurzeit Arbeitsmöglichkeiten im Lande vorhanden sind. Die Untersuchungen von Simpson haben jedoch bereits beträchtliche Fortschritte gemacht, ohne daß Anweisungen zur Freigabe der Zertifikate gekommen wären. Es scheint bei der ganzen Frage rin Moment eine Rolle zu spielen, das von der arabischen Presse mit Nachdruck verfochten wird, nämlich daß zurzeit unter den Arabern eine beträchtliche Arbeitslosigkeit bestehe. Der Spezialemissär des Colonial Office scheint sich auch mit diesem Problem zu beschäftigen und seine Konsequenzen von seiner Lösung abhängig zu machen. Die Reisen Simpsons im Lande werden mit großem Interesse verfolgt. Der größere Teil seiner Materialsammlungen wird in nächster Zeit beendet sein, so daß Anfang Juli eventuell schon an die Formulierung der praktischen Vorschläge geschritten werden kann. ♦ Die Ankunft der arabischen Delegation im Lande war von der Arabischen Exekutive und dem Moslemischen Rat zu einer großen Demonstration ausgestaltet worden. Auf der Fahrt von der Grenze bis Jerusalem fanden einige kleinere Begrüßungen statt, und in der Hauptstadt hatten sich mehrere Tausend an der Station eingefunden, um die Delegierten zu begrüßen. Der Mufti von Jerusalem und Musa Kasiin Pascha wurden als die zentralen Figuren der Delegation der Gegenstand besonderer Huldigungen. Die Opposition, die vor der Abreise der Gesandtschalt bedeutende Kraft besaß, scheint durch die Erfolge der arabischen Führer etwas in den Hintergrund gedrängt. Jeden- ,falls sind ihre Stimmen seltener und leiser geworden und die Stellung der leitenden Kreise hat sich gefestigt. Es ist selbstverständlich, daß sich ira Zusammenhang mit der Haltung der Londoner Regierung auch die Stellung der arabischen Presse gegenüber den englischen Vorschlägen stark gemäßigt hat. Die Regierung gibt in letzter Zeit neue Beweise von Vorsicht. Ueber ־*r -׳' ׳■ --44 *־ ■! -****י״ ־ י,.... - * ... .S i. *,r*w«: •׳.$y '-׳J*״ Meinungen auseinander. So wird eine Ihrer letzten Maßnahmen, die Suspendierung einiger Zeitungen für unbeschränkte Zeit, also ״auf Widerruf“, naturgemäß scharf kritisiert. Es wurden gleichzeitig der ״Doar Hajom“ und zwei arabische Blätter, deren eines das Organ des moslemischen Rates, das andere der Jaffaer christlichen Nationalisten ist (״El Djamma el Arabie“ und ,,Felestin“) suspendiert. Die Kritik der hebräischen Presse richtet sich vor allem gegen die Willkürlichkeit dieser Maßregel. Es werden ohne weiteres Order erteilt, ohne daß Gründe für die Maßnahme angegeben werden und ohne daß den Herausgebern die Möglichkeit geboten wird, sich gerichtlich zu verteidigen. Freilich liegt dieses Vorgehen im Wesen einer unabhängigen Administration, die keiner Kontrolle oder zum mindesten Kritik unterliegt. * Die politische Verwirrung und Unsicherheit, die heute Palästina kennzeichnen und in den öffentlichen Aeußerungen und Diskussionen einen so überwältigenden Raum einnehmen, berühren nur wenig das normale wirtschaftliche Leben des Landes. Die tägliche Arbeit geht ruhig ihren Gang, die Arbeits-!Möglichkeiten sind überall durchaus befriedigend und die wirfschaftliehe Sicherheit trägt außerordentlich viel dazu bei, eine gleichmäßige Stimmung zu erhalten. Man kann auch mit Sicherheit Voraussagen, daß alle politischen Komplikationen erst dann sich praktisch auswirken werden, wenn sie in die Sphäre des Wirtschaftlichen eingreifen, das heißt, sobald der Einzelne in seinen persönlichen Verhältnissen einen behindernden und störenden Einfluß der politischen Situation zu spüren bekommt. Das ist heute nirgends der Fall, und daher rollt sich alles durchaus glatt und "befriedigend ab. Nur an einer Stelle lassen sich gewisse Störungen der Wirtschaft durch die Politik befürchten, auf dem Gebiete der neuen Investitionen. Es läßt sich heute schwer feststellen, ob und wie viele Unternehmungen, durch die politische Entwicklung bewogen, ihre Pläne zur Expansion beschnitten oder für den Moment gestoppt haben. Man wird das erst im nächsten Jahre, vor allem in der Entwicklung der Pflanzungszone, sehen. Die Arbeiten für Neugründungen, die zurzeit im Gange sind, waren schon im Vorjahre beschlossen und werden zu Ende geführt. Fraglich ist jedoch, ob das Land ohne eine befriedigende politische Lösung der Lage imstande sein wird, die nötigen Kapitalien für neue Investitionen anzuziehen. Ein Zeichen für die gesunde und zielsichere Entwicklung bestimmter Zweige der jüdischen Wirtschaft im Lande war die Ausstellung landwirtschaftlicher Produkte, die in den letzton zwei Tagen in Tel-Awiw stattfand. Die Ausstellung war von der ״Schutfut Hajarkan“, einer Vereinigung der Gemüsezüchter, arrangiert worden. Diese Gesellschaft entstand in der ersten Zeit des Boykotts, als alle Kräfte darauf gerichtet wurden, dem wirtschaftlichen Ausfall, der durch den Boykott entstand, zu begegnen. Es wurde damals eine eifrige Propaganda für die Verbreitung jüdischer landwirtschaftlicher Produkte gemacht, die unter anderem zur Schaffung eines Verbandes judischer Gemüsezüchter führte; dieser richtete eine Anzahl von Verkaufsstellen ein. An der Ausstellung beteiligten sich neben einzelnen privaten und nationalen Wirtschaften und Arbeiterinnengruppen vor allem ״Tnuvah“, die Kooperative der landwirtschaftlichen Siedlungen des Keren Hajessod, die die Produkte der Wirtschaften vertreibt und die internationale Frauen- Organisation der ״Wizo“, die in Städten und Kolonien die Anläge von Hausgärten fördert und überwacht. Die Ausstellung war nicht darauf abgestellt, einzelne Spitzenleistungen zu zcigen, obwohl auch solche zu linden waren. Hier kam es darauf an, zu beweisen, daß die Produktion der jü lischen Landwirte bereits Ware aller Arten und Sorten auf den Markt bringt, daß sie neue Produkte einführt, die einheimischen Arten vereddt und entwickelt und damit neue Möglichkeiten eröffnet. Bei der Ausstellung der ״Tnuvah“ war die Fülle des Gebotenen, die Mannigfaltigkeit der Erzeugnisse bedeutend. Alle Sorten Gemüse, darunter solche, die noch vor wenigen Jahren ira Lande kaum gesehen wurden, eine Fülle von Konserven und Milchprodukten, eine große Auswahl an Früchten zeigt den Umfang und die Mannigfaltigkeit der jüdischen Produktion. Die Ausstellung der Wizo wiederum legt Zeugnis ab für das Gelingen eines wichtigen Experiments, das mit ganz kleinen Mitteln begonnen, heute schon so gute Resultate liefert, daß eine Umwandlung der Städte und Kolonien angebahnt wird. Ganze Viertel in Tel-Awiw haben unter Anleitung der Wizo und mit Hilfe kleiner und kleinster Anleihen Hausgärten angelegt, die die Familien mit allem Gemüse, manchmal auch mit Früchten versorgen und gelegentlich Ueberschüsse zum Verkauf liefern. Diese Art der ״Selbstversorgung“ ist nicht nur ein hochwillkommener Nebenverdienst, sondern ändert und bessert den Charakter der Städte und Kolonien und beginnt bereits in der Konsumption eine Rolle zu spielen. Bedeutsam und erfreulich war an der Ausstellung erst der äußerliche Eindruck. Der Platz, der gewählt war, eignete sich in jeder Hinsicht hervorragend für eine solche Veranstaltung. Ein großes Kino unter freiem Himmel, wo für eine große Menge Sitzgelegenheiten sich boten, große Terrassen mit Tischen, dazu eine Bühne für Film und Darstellungen, das Ganze eingefaßt von gutgehaltenen Gartenanlagen. Die Stände der Aussteller zogen sich rings an den Wegen hin, so daß alle gut zu betrachten und leicht zu erreichen waren. Eine recht ut durdigeführte Propaganda in Wort und Schrift begleitete ie Ausstellung. Besondere Aufmerksamkeit erregt ein Film, der Produkte und Arbeit der ״Tnuvah“ zeigte, ein Film, dessen gute klare Aufnahmen und interessante Zusammenstellung ein gutes Zeugnis für den Fortschritt der palästinensischen Film- Photographie ablegen. Die gut arrangierte und gelungene Ausstellung gab ein erfreuliclies Bild der landwirtschaftlichen Entwicklung und war geeignet, die Teilnehmer zu weiteren guten Leistungen anzuspornen und das Interesse des Publikums für diese Produkte zu heben. Die Haltung der Sdiweizer Judenschaft (Von unserem Berichterstatter.) nw, Zürich, 16. Juni Dreißig Jahre Zionismus mit der ganzen Serie der Basler Kongresse hatten nicht vermocht, die eingesessene und eingewanderte Judenschaft der Schweiz (mit Ausnahme der noch nicht genügend assimilierten Ostjuden) aus ihrer behaglichen, wenigstens äußerlich zur Schau getragenen Ruhe in der Be* trachtung jüdischer Probleme aufzuwecken. Erst der Züricher Kongreß vom letzten Jahre und die vor Ihren Augen voll* zogene Gründung der Jewish Agency haben eine sich wohl allmählich im stillen vorbereitete Wandlung zum Abschluß gebracht. Gestern fand in Genf eine Tagung des schweizerisch-israelitischen Gemeindebundes statt, in dessen Mittelpunkt die Frage der Beziehungen dieser repräsenfativen Körperschaft zu Jewish Agency und Keren Hajessod stand. Wohl war Bankier J. Dreyfuß-Brodsky, der Präsident des Gemeindebundes, schon im Juli vorigen Jahres — wegen der bevorstehenden Züricher Tagungen — als Ver* treter der Schweizer Juden für die Jewish Agency gewählt worden, aber da man, den allgemeinen Gepflogenheiten des Landes entsprechend, welche auch die Juden zu überzeugten Demokraten machten, auf unanfechtbar legale Formen hält, mußte noch die endgültige Zustimmung aller Gemeinden ein- Um die definitive Meinung ^'dter einzelnen* 'CemelmfcrTaV dem Fragenkomplex in Erfahrung zu bringen — seinerzeit hatten sich zwei Kultusgemeinden ganz reserviert verhalten —, erließ der Vorstand des Gemeindebundes vor etlichen Wochen ein Rundschreiben an seine Mitglieder, das schriftlich beantwortet werden mußte. Den Ausschlag haben dabei nicht zuletzt Antwort und Debatte einer Generalversammlung der Züricher Kultusgemeinde gegeben, bei der die ״Nichtzionisten“ mindestens ebenso warm wie die Zionisten den Palästinagedanken vertraten. (Als Kuriosum möge noch hinzugefügt werden, daß Zürich in seinem Bescheid an den Gemeindebund den Wunsch aussprach, der Schweizer nichtzionistische Vertreter im Council der Jewish Agency solle sich für ihre Demokratisierung einsetzen.) Auf der Genfer Gemeindebundstagung hielt Stadtrat Saly Mayer aus St. Gallen ein befürwortendes Referat, welches solchen Anklang fand, daß seine Drucklegung und Versendung an alle Verbandsmitglieder zur Propagierung des Aufbau- Werkes beschlossen wurde. Im Anschluß daran votierte die Versammlung zur Dokumentierung ihres Willens zu praktischer Mitarbeit aus Gemeindebundsmitteln den Betrag von Fr. 2000 für den Keren Hajessod — unbeschadet der von den einzelnen Gemeinden zu leistenden Beiträge. In Sachen der Zertifikate schloß sich der Gemeindebund dem Proteste der jüdischen Welt an, indem er seinerseits sein Bedauern über die Maßnahme der englischen Regierung aussprach. Die Zionisierung der Schweizer Juden erstreckt sich nunmehr auch auf die Westschweiz. Genf tut schon seit langem das Seiltilge für den Keren Hajessod, aber die anderen Gemeinden, zum Teil heute noch in einem Gedankenkreis lebend, der die Alliance Israelite Universelle als das Vollkommenste betrachtet, waren bislang noch nicht aus ihrem Phlegma gerissen worden. Nach wiederholten Versuchen ist es nun dem Pariser Delegierten des Keren Hajessod, Maitre H a 1 p e r n , gelungen, die Lausann er Juden schaft zu einer beispielgebenden Haltung hinmreißen: nach einem Propagandavortrag erklärte der gesamte Vorstand des Communaute Israelite als Keren Hajessod-Koinitee figurieren und fungieren zu wollen. Gg. Halpern hat auch schon eine Einladung in das hoch im Jura gelegene La Cha 11 x-dc- Fonds erhalten, das zwar eine kleine, aber durch die Mitgliedschaft mehrerer jüdischer Familien von Weltuhrenfabrikanten sehr wohlhabende Gemeinde darstellt. Gute Keren Hajcssod-Nachrichten kommen aus Biel und aus Bern, wo nach zionistischem, in der Gemeinde geltend gemachtem Einspruch maßgebende Persönlichkeiten ihren allgemein kundgetanen Standpunkt revidieren mußten, erst dann ihre Beiträge an den Keren Hajessod leisten zu wollen, ״wenn sich England gebessert hätte“. Das mit der Sommersaison Ende Juni abschließende Arbeitsjahr des Keren Hajessod zeigt, wie aus den Ziffern, die nicht täuschen können, hervorgeht, in der Schweiz beträchtliche Fortschritte, wozu wohl die Erinnerung an die Züricher Tage von 1929 viel beigetragen hat, die aber der vorletzte Delegierte des Keren Hajessod, Walter Samuel, mit unendlich großer, geduldiger Arbeit vorbereitet und der Delegierte des abgelaufenen Jahres, Dr. Wiiensky, dessen Meriten ebenso anerkannt seien, mit unermüdlichem Fleiß, immer unterstützt von der Züricher Leitung der Keren Hajessod-Vereinigung für die Schweiz, ermöglicht hat. Das Zentralkomitee des Schweizerischen Zionistenverbandes hat im Namen der Schweizer Zionisten mit einem gleichlautenden Schreiben an die britische Gesandtschaft und die Mandatskommission gegen die Zurückziehung der Zertifikate als unvereinbar mit den Forderungen des Mandats und im Widerspruch zu der von England übernommenen Vern fliehtung zur Schaffung der Nationalen Heimstätte stehend protestiert. Brief aus Stuttgart (Von unserem Berichterstatter.) Wäre die Zahl der Vortragsabende, in denen jüdische Dinge behandelt werden, der einzige Maßstab für die Nachhaltigkeit jüdischen Eigenlebens in einer Gemeinde, so könnte man mit Stuttgart wohl zufrieden sein. Aber da uns der Blick ins Innere unserer Mitwelt verbaut ist, müssen wir es späteren Generationen überlassen, sich über die Wirkungen Rechenschaft zu geben, und uns begnügen, über die Ursachen kurz zu berichten. In die Aufgabe, Vorträge m veranstalten, teilen sich das Lehrhaus, der Berthold-Auerbach-Verein, der neugegründete Jugendring und die Arbeitsgemeinschaft für den jüdischen Aufbau Palästinas. Die letztere lud an einem schönen Maisonntag die gesamte jüdische Jugend zu einem Treffen auf die Burg in Eßlingen, in deren herrlich gelegenem Turmsaal sich ein fröhliches Treiben entfaltete. Lieder, deutsche von den Kameraden, hebräische vom J. J.W. B. gesungen, umrahmten den ausgezeichneten, lebendigen Vortrag, in aem Ernst Simon von der Jugend Palästinas erzählte, und an den sich eine lebhafte Aussprache anschloß. Vor dem Aufbruch, den ein mächtiges Gewitter verzögerte, wurde sogar eine Horrah getanzt, gewiß das erstemal in diesen Mauern, in deren Schatten einst einmal die Judenschaft der alten Reichsstadt den Flammentod fand. Tags zuvor sprach Ernst Simon im Lehrhaus über die Lage der Juden in Palästina und den angrenzenden Ländern so fesselnd und objektiv, daß sogar der unentwegteste Kämpe des Liberalismus alter Schule um sein ceterum censeo kam und den mitgebrachten Rede-Dolch, mit dem er den Zionismus erstechen wollte, unbenutzt wieder einstecken mußte. Daß bei beiden Vorträgen Emst Simons sehr ernste Gegenwarts- Probleme zur Erörterung kamen, ist selbstverständlich, und daß er gerade um seiner sich um einen gerechten Ausgleich bemühenden Haltung willen viel Zustimmung fand, bemerkenswert. Aus der Fülle des über das Leben in Erez-Israel Berichteten ist eines besonders hervorzuheben: ist es in Europa und Amerika das bürgerliche Dasein das Wunschbild, auf das die Augen aller Stände gerichtet sind, so ist es dort der Arbeiter, an den sich in allen Lebensformen alle, auch die eigentlich als Bürger Lebenden anzugleichen bestrebt sind. Im Rahmen der gleichen Vortragsreihe des Lehrhauses — das Judentum in den Ländern außerhalb Deutschlands —- “'*■*־* ” . England und Dr. M. Soloweitschik über die Ostsee- Staaten. Jeder dieser Vorträge war eine vorzügliche Leistung und wurde mit aller Anerkennung aufgenommen. Waren es in Frankreich und England der Zionismus und eine stark ostjüdische Einwanderung, die in den dortigen Judenheiten neues Selbstbewußtsein erweckten, so bewirkte in Litauen und seinen Nachbarländern das beim Entstehen dieser Staaten deutlich ins Bewußtsein tretende Anderssein als die Staatsvölker einen festen und tatkräftigen jüdischen Zusammenschluß. — In einem engeren Kreis von Gesinnungsgenossen sprach Soloweitschik äußerst anregend über Gegenwartsfragen zionisti* scher Politik. Zu einer wirklichen Feier, würdig des Unvergeßlichen, dem sie galt, wurde der Abend, den das Lehrhaus dem Gedenken Franz Rosenzweigs widmete. Eine warmherzige Rede von Dr. Ri ege r, Wiedergaben Rosenzweigscher Uebertragungen und Musik wirkten ohne Bruch zu* samraen und schufen einen seltenen Ernst der Weihe und Ver* ehrung. Der Jugendring hatte für seine erste öffentliche Veranstaltung Martin Buber zu einer Rede über Jugend . UAdi. Z fei tetJ M ei««iad«1>;Aus* •■einer, *ebarf - geprägten, treffenden Gegenüberstellung der unzulänglichen Ideologie der der Vorkriegsjahre, die eben nur um des ewegtseins willen war, was sie war, und der hur noch zweckstrebigen Grundeinstellung der jungen Mensehen unserer Tage entwickelte Buber das Bild einer neuen, immer der Verantwortung an das Leben und das, was hinter dem Leben wirkt, bewußten Jugend, an deren Heraufkomipen er trotz allen gegenteiligen Anscheins glaubt. Vor dem Eltern- und Freundeskreis der Schule am Kräherwald, deren Leiter sich in seiner Arbeit durch Buber tief gefördert und gestützt fühlt, hielt Buber eine sehr bedeutsame Rede über Religion und Erziehung, in der er die Gedanken seiner berühmt gewordenen Heidelberger Rede über das Erzieherische fortentwickelte. Einige Wochen früher sprach er auf Ersuchen der in Stuttgart tagenden Studien- Versammlung der Judenmission über die Seele des Judentums in einer Sinn und Inhalt dieser seltsamen Tagung so völlig umkehrenden Weise, daß man als Jude der Missionsleitung für die Einladung Bubers nicht genug dankbar sein kann. Die Mission hätte gewiß niemand finden können, der die pomphafte Zwecklosigkeit ihres Daseins so klug und vornehm, aber auch so vollkommen darzutun fähig war wie Buber. Ueber die recht zahlreichen sonstigen Veranstaltungen kann hier nicht berichtet werden. Nur der Vollständigkeit halber seien außer den wertvollen Vorträgen des Bertnold- Auerbach-Vereins eines Leseabends von Else Lasker-Schüier und eines schönen Vortrags von Selma Stern gedacht. Und daß es der Centrai-Verein hier fertig bringt, in regelmäßiger Wiederkehr für die Jugend aller Richtungen tendenzfreie Aussprachen unter Leitung bewährter auswärtiger Redner abzuhalten, möge zum Schluß mit Anerkennung erwähnt und zur Nachahmung empfohlen sein. M. Eröffnung der Stadtbibiiothek in Jerusalem, in den Räumen des Logenhauses der Jcruschalajim-Loge zu Jerusalem wurde am 3. Juni die Jerusalem-Bibliothek auf feierliche Weise der Oeffentlichkeit übergeben. Herr David J e l li n , Präsident der Großloge, gab einen kurzen Ueberblick über die kulturelle Tätigkeit der B’nai B’rith-Loge in Jerusalem während der letzten 40 Jahre. Die B’nai B’rith-Loge gründete vor 38 Jahren die erste Bibliothek unter dem Namen ״Midrasch Abarbanel“, die späterhin zur großen Nationalbibliothek herangewachsen ist. Ais die National- und Universitätsbibliothek im vorigen Sommer ihr eigenes Heim auf dem Scopusberge bezogen hatte, gelang es der Jeruschalajim-Loge, mit Hilfe einer Subvention des B’nai B’rith-Ordens in Cincinnati, in den Räumen, die bisher die Nationalbibliothek beherbergten, eine Stadtbibliothek mit einer großen Lesehalle zu eröffnen. Herr Jesajas Preß als Vorsitzender des Bibliotheksvorstandes erstattete Bericht über die Entstehung des neu geschaffenen Kulturinstitutes. Die 12000 Bände, die ihm von der Nationalbibliothek überlassen worden sind, bilden seinen Grundstock. Die Verwaltung ist aber bemüht, durch Neuanschaffungen den Bestand dauernd zu ergänzen. Viele Verlagsanstalten, ebenso Redaktianen von Zeitungen und Zeitschriften haben sich bereit erklärt, das junge Kulturinstitut mit Büchern und Zeitungen zu versehen. Der große Lesesaal, in dem viele Zeitungen aufliegen, wird täglich von vielen Lesern frequentiert. Dr. M. Doukhan hielt in seiner Eigenschaft als Präsident der Jeruschalajim-Loge die Schlußrede, an die sich die Begrüßungen der Vertreter der nationalen Institutionen anschlossen. Der Leiter der Nationalbibüothck Dr. Hugo Bergmann versprach, der neuen Stadtbibliothek seine tatkräftige Unterstützung angcdeihen zu lassen.