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Jüdische Rundschau · 1930-06-17 · Heft 47 (17.6.1930) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 47 (17.6.1930)
Date
1930-06-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 322 sich in den Betrieben ,,zurechtgefunden“. Im letzten Jahre hat das früher häufige Wandern aus einer Siedlung in die andere recht bemerkenswert nachgelassen. Der Einzelne sitzt, besonders in den Reifer vorgeschrittenen Siedlungen, fest auf seiner Scholle und konzentriert seine ganze Aufmerksamkeit auf die Entwicklung und Verbesserung seiner Wirtschaft. Man spricht heute weniger über allgemeine Dinge in den Betrieben als früher. Politik, soziale Fragen spielen an vielen Stellen nicht mehr die große Rolle, die sie früher innehatten. Da* gegen hört man überall praktische Erfahrungen miteinander austatisciicn, wirtschaftliche Fragen besprechen, die in ihrer Mannigfaltigkeit immer von neuem bearbeitet werden. Wenn vielleicht der allgemeine Horizont sich verengert hat, so hat sich dafür das Interesse am Betrieb und an Arbeitsmethoden sehr vertieft und ergibt ein einigendes Band zwischen allen Kreisen der Kolonisten, Im allgemeinen zeigt sich ein Bild der Befriedung, einer Konzentrierung auf praktische Dinge, einer engeren Verbindung mit der Wirtschaft und damit einer Verwurzelung und Festigung, die nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistiger Natur ist. Selbstverständlich ist der Fortschritt irr den verschiedenen Kolonien verschieden schnell und die Zufriedenheit und die Aussichten nicht überall gleich. Es gibt bestimmte Punkte, die nach wie vor in Schwierigkeiten stecken und trotz aller Bemühungen nicht auf den rechten Weg kommen können. An diesen Stellen wird mehr experimentiert als wo anders und der Lebensstandard Ist tiefer. Meist handelt cs sich an diesen Punkten um Budgetfragen und man wundert sich, wenn man die finanziellen Schwierigkeiten kennt, nicht über die Komplikationen, sondern über das, was trotz allem erreicht wird. Die Kasse der Zionistischen Exekutive ist nun einmal für die jüdischen Kolonisten eine wahrhafte ״force ntajeur“. . Recht auffallend ist die Entwicklung in Kfar Oiladi, der abergaliläischen Kwuzah der ״Pica“. Von dem riesigen Wirtschaftshof aus strecken sich eine Reihe stattlicher Wohnbauten, die in den zwei letzten Jahren fertiggestdlt wurden und die das gesamte Aussehen des Platzes verändert haben. Von besonderem Interesse sind die ausgedehnten Pflanzungen von Kernobst, die hier gewissermaßen die Orange Judäas ersetzen sollen. Früchte, die sonst kaum in Palästina in großem Maßstabe gepflanzt werden, wie Aepfel, Birnen, Pflaumen usw. sind hier nach verschiedenen Versuchen in großem Ausmaße gepflanzt worden und liefern bereits Erträge. Neben der völlig primitiv bearbeiteten, von Sümpfen durchzogenen Ebene von Chule mit den aus Schilfrohr geflochtenen Häusern und den Herden der Sumpfbüffel, entwickelt sich hier ein großer und moderner Betrieb, der heute mit den Kindern schon an die hundert Menschen umfaßt. So geht die Entwicklung im Emek und Galil seit Jahren ihren stillen Gang. Und während sich das Interesse auf die Plantagen Judäas konzentriert, werden die Betriebe auf sichere Grundlagen gestellt, vergrößert und verbessert. Die Siedler wachsen aus den primitiven Bedingungen der ersten Zeit heraus. Es wird nicht nur besser gearbeitet, sondern auch besser gelebt. Nicht nur in c’cn Betriebsmethoden, sondern auch in der Lebensweise ist eine starke ״Zivilisierung“ eingetreten. Bessere Häuser, besseres Essen, bessere Pflege, höherer Standard. Und diese Entwicklung ist wichtig genug, so daß man sie nicht über der Tatsache vergessen darf, daß in der ganzen Gegend seit fahren kein neuer Kolonisationspunkt iiinzugekommen ist. Eine psychologische Tatsache verdient noch der Erwähnung: es gibt heute unter den Arbeitern nicht mehr den starken Zug ins Emek oder ins Galil, der noch vor einem Jahrfünft bestand. Die Gruppen, die sich zur Kolonisation Zusammenschlüßen, wenden ihren Blick nicht nach dem Norden mit seinen schweren Böden und seiner gemischten Wirtschaft, sondern nach Judäa mit seinen Plantagen. Die Zeit, in der das Ziel der Wünsche Galiläa bedeutete, ist heute vorbei. Die prosperierenden Siedlungen haben übergenug Menschen, und die weniger konsolidierten bilden keinen Anziehungspunkt. Man hofft in Judäa schneller vorwärts zu kommen, die Bedingungen sind besser. Und außerdem fehlt heute im Norden die große Perspektive. Man redet vorläufig nicht von weiterer großer Kolonisation in jenen Bezirken. Nur ferne am Horizont wirkt die Erschließung der Clmle-Sümpfe, und das ist ein Projekt, das in seiner Größe und Neuheit wieder imstande ist, viele junge Kräfte anzuziehen. Gerade jetzt, nach den stillen Jahren der Abrundung und Entwicklung in den gemischtwirtschaftlichen Kolonien, ist der Eindruck des stetigen Fortschritts besonders stark. Emek und Galil sind ein wichtiger Zeuge für die große Zivilisierungsarbeit, die durch ausdauernde und tüchtige Arbeit hier geleistet wird. Die Radikalen gegen Weizmann Das Organ der Radikalen Zionisten ״Die Neue Welt׳‘ herichte(: Vergaimenen Freitag fand in Berlin eine Aussprache zwischen den Vertretern der radikalen Zionisten im Aktions- Comite Abgeordneten J, Grünbaurii (Warschau), Robert Stricker (Wien) und dem radikalen Vertreter im Administratsrat der Jevvish Agency Dr. Max S o 1 o w e i t s c 11 i k (Berlin) und dem Vertreter in der politischen Kommission Dr. N. Qoldmann (Berlin) statt. Die Unterredung ergab Einst i m m i g k e i t in der Forderung nach möglichst rascher Einberufung eines ordentlichen Zionistenkongresses auf Grund von Neuwahlen. Ein außerordentlicher Zionistenkongreß mit den alten Delegierten hätte keinerlei Bedeutung. Einmutig wurde auch die Notwendigkeit der De miss i o n der derzeitigen Exekutive, deren P o H - tik versagt hat, anerkannt. Rattenplage Im Emek Jerusalem, 13. Juni. (J.T. A.) Die jüdischen Siedlungen im Emek wurden in den letzten Tagen von Ratten heimgesucht. Die Ratten vernichteten PO <y» der Feldernte, die in diesem Jahre außergewöhnlich gut ist. Der Schaden ist ungeheuer, am schwersten litten die Kolonien N a h a 1 a 1 und A f u - 1 e h. Die vom Landwirtschaftsdcpartement der Regierung gegen die Plage angewandten Methoden haben sich als unwirksam erwiesen; die Behörden wollten nicht den jüdischen Kolonisten die Anwendung radikaler Rattenvertilgungsmittel erlauben, da sie befürchteten, daß die Brunnen, aus denen einige Araber ihren Bedarf an Trinkwasser decken, infiziert werden könnten. Die Jcwish Agency glaubt, daß es notwendig sein wird, den betroffenen Kolonien des Emek 30 000 Pfund zu bewilligen, damit sie sich von den Folgen dieser letztem Heimsuchung erholen. Der dritte Teil dieser Summe wurde bereits überwiesen. JUEDISCHE RUNDSCHAU Sabra Von Dr. A. Rosenfeld. Ueberall in Erez-Israel findet man eine Kaktus-Art, die Sabra genannt wird. Diese stachlige Pflanze mit breiten Blättern gedeiht auch auf ödem und steinigem Boden, man begegnet ihr aber auch in den kultiviertesten Orten als eine Art Schutzwchr und Zaun. Nach dieser Pflanze benennt man die Einheimischen, die in Erez-Israel Geborenen. Zwar macht man hier keinen Unterschied zwischen ״Grünen“ und ״Eingeborenen“. Die Zugewanderten versuchen sich schnellstens dem Lande und seinen Bedürfnissen anzupassen und sich einzufügen. Kamen sie doch ins Land, um hier eine neue 1 leimat zu finden. Gemeinsame Sprache und Kultur tragen viel dazu bei, die Neuhinzugekommenen mit den Einheimischen zu einem Ganzen zu verschmelzen. Doch dauert naturgemäß der Prozeß der Verwurzelung einige Jahre, während in anderen Ländern Jahrzehnte darüber vergehen. In den alten Kolonien kommt dieser Unterschied etwas stärker zur Geltung. Sehr oft bekommt man auf die Frage nach der Herkunft die stolze Antwort: Ich bin ein Sabra. Welch ein gesundes, kerniges, hartes Geschlecht sind die Sabras! Sie gedeihen überall, passen sich allen Bedingungen an, stellen überall ihren Mann und sind an härteste Arbeit gewohnt. Grenzenlos ihre Liebe zur Scholle, zur Heimat. Selten traf ich in einem Lande Menschen, die so ihre Heimat liebten, mit solcher Hingabe an jedem Stück Lande hingen, wie diese Sabras. Sie kennen jeden Flecken des Landes, jeden Berg, jedes Tal. Mit Freude und Stolz weisen sie auf die jüngsten Errungenschaften jüdischer Arbeit hin, die Boden dem Sande der Wüste, den Felsbergen trotzig abgewinnt. Auch die Neueingewanderten übernahmen diese Liebe zum Lände, und das Wandern ist ein beliebter Sport. Ganze Autokarawanen mit Einheimischen durchziehen das Land, welches von Jahr zu Jahr durch jüdischen Fleiß seine Gestalt verändert. Viele Sabras, besonders Söhne der Kolonisten, waren infolge Bodenmangels gezwungen, das ״Land“ zu verlassen. Sie schreiben Briefe voll Sehnsucht in die Heimat und kehren allmählich zurück. Der Geist der Arbeit lebt in allen. Frühmorgens geht es los. Die Arbeif ist ihnen nicht nur Quelle des Erwerbs, sie ist ihnen mehr als dies, sie ist Quelle der Freude und des Glückes. Um 4 Uhr kehren sie von der Arbeit, die sie ausgezeichnet bewältigen, zurück. Abends sind sie, — die stämmigen Bauernsöhne —, Kulturmenschen hohen Grades. Ihr Interesse für Politik, Wirtschaft und Kultur ist groß. Die hebräischen Tageszeitungen werden fleißig gelesen. Das hebräische Buch findet großen Absatz. Das hebräische Theater ״Ohel“ und die Kleinkunstbühne ״Matate“ (Der Besen) geben im ganzen Lande Gastvorstellungen. Auch kleine Orte haben ihre Kinos. Die Sabras sehen nicht nur gesund und frisch, sondern auch gepflegt aus und haben großes sportliches Interesse. Während sportlicher Wettkämpfe zeigen sie großen Ehrgeiz und Siegeswillcn. Den meisten von ihnen fehlt jeglicher Handelsgeist. Anders wie in allen anderen Ländern, wo die Juden Händler, und die Nichtjuden Produzenten sind, sind sie liier in der Urproduktion beschäftigt. Die Jugend verstellt gut die Kunst des Reitens, jetzt auch des Cliatiftiercns, die Sabra-Mädels sind häuslich, gesund und frisch. Die Kinder laufen barfuß herum, fürchten kein Wasser, keine Sonne, keine Zugluft und übertreffen alle Erwartungen, die man sich auf Grund der meisten Reiseschilderungen gemacht hat. Mit den Kindern wird förmlich ein Kult getrieben. In den jadisehen Siedlungen Palästinas spürt man vielleicht am stärksten die Herrschaft des ״Jahrhunderts des Kindes“. Die Kinder des Landes sprechen alle auch arabisch und haben ein gutes Verhältnis zu den Arabern. Diese schätzen in den Sabras ihre Tapferkeit, ihren fast legendären Heldenmut. Auch die Juden selbst erzählen viel von den Heldentaten vor und während des Krieges. Besonderen Eindruck machte auf mich die Erzählung von den Heldentaten der Schwester des auf mysteriöse Weise verschwundenen Offiziers Aronsohn in Sichron Jacob. Sie litt ungeheure Qualen und beging schließlich Selbstmord, um mir den Türken keine Geheimnisse zu verraten. Mitunter begegnet man auch verschlossenen und derben Arbeitsmensehen unter den Sabras. Aber dies ist nur äußere Hülle. Beim Horralt und Depscho (arabischer Nationaltanz), in welchem sich zwei gegenüberstehende Reihen entgegentanzen, una bei welchem Lieder für die schwarzhaarige Dalunah gesungen werden, löst und offenbart sich ihre begeisterte Seele. Bei jeder Gelegenheit, besonders an den Festtagen, wird im Chore gesungen. Jung und Alt tut dabei mit. Wo man singt, laß dich ruhig nieder, sagt ein deutsches Sprichwort. Die Mensehen in diesem Lande zeichnen sich in der Tat durch Güte, Offenheit und ganz besonders durch Gastfreundschaft aus. ln keinem Ooluslande wird soviel gesungen und getanzt wie in diesem kleinen aber schönen Lande Asiens. Die Chaluzim, die ins Land kommen, finden einen Typus vor, der für sie beispielgebend ist. Auch die Sabras freuen sich, daß die Neueingewanderten weder an Fleiß und Ausdauer noch an Tapferkeit und Heimatliebe hinter ihnen zurückstehen. Gegenseitig regen sie einander an und schaffen mit gemeinsamen Kräften Neuland, eine neue Kultur, einen neuen Lebensstil. Eine neue Nation ist im Werden, neue, von Ghettokomplcxen befreite Menschen auf dem durch jüdischen Geist und jüdische Tatkraft befreiten Boden. Kleine Nachrichten Gen f, 13. Juni. (J. T. A.) Der Unterstaatssekretär für die Kolonien, Dr. Shiels, teilte — wie der JTA.-Vertreter erfährt — am Tage seiner Abreise aus Genf der Mandatskommission mit, daß der Bericht von Sir John Hope Simpson über seine Untersuehungeti in Palästina der britischen Regierung nicht vor acht Wochen vorliegen wird. Der Berliner ״Vorwärts“ brachte einen ״Eigenbericht“ aus Jerusalem, in welchem cs hieß, maßgebende Kreise Palästinas erwarten, daß Emir Abdullah von Transjordanien zum König von Palästina gekrönt werden wird. Auf eine Anfrage erklären die Regierungsbehörden in Jerusalem, daß die Annahme, Emir Abdullah würde König von Palästina werden, den ״Gipfel des Unsinns“ bedeute. König Ca r 0 1 II. von Rumänien empfing ausländische Journalisten und äußerte sich u. a. auch über den Antiscmitismus. Der König bedauerte, daß diese Frage in Rumänien noch besteht. Er erklärte, daß er alle nationalen Minderheiten als voll berechtigte Staatsbürger betrachte. Der jüdische Kommunist Moisei Ru chim o w i t sc h , der Sohn eines Schmieds, wurde zum Volkskommissar für das Verkehrs- und Eisenbahnwesen der Sowjetunion gewählt. Er ist nehen dem Landwirtschaftskommissar J akowlc w der zweite Jude im Kabinett der Sowjetunion und ist 41 Jahre alt. 1111 Alter von 60 Jahren verstarb plötzlich in New York Oberrichter Hugo Pa in aus Chikago, der seit mehr als 18 Jahren Mitglied des Obersten Gerichts von Chikago gewesen ist. Mehrere Jahre lang war er in der Leitung der Zionistischen Organisation Amerikas und führte 1019 den Vorsitz in dem in Philadelphia abgelialtcncn jüdischen Kongreß, der die jiidisehe Delegation für die Friedenskonferenz zu Versailles gewählt hatte. Nr. 47, 17. VL 1930 Brief aus Bulgarien Hakenkreuzlcrmethoden auch in Bulgarien. R. B. Sofia, Ende Mai 1030. Die antisemitische Färbung der sogenannten ״Rodna Saschtita“ (״Heimwehr“) tritt mit jedem Tage deutlicher hervor. Gegenwärtig unternimmt der Generalissimus dieser Vereinigung, General der Reserve Schkoinoff, eine Agitatioustoiinuc durch das Land, bei welcher die niedrigsten Instinkte der Bevölkerung gegen die Juden aufgehetzt werden. So z. B. spracli er unlängst in der Stadt Kazanük, wo er u. a. versuchte, die ganze Schuld für die gegenwärtige Wirtschaftskrisc, welche das Land durchmacht, auf die Juden zu schieben, und zwar mit solchen Ausdrücken und Wendungen, auf die selbst sein Lehrmeister Hitler eifersüchtig werden könnte. Doch bleibt die Agitation dieser Vereinigung nicht bei leeren Reden, sondern sie greift schon zu klaren Pogromhetzen über. Natürlieh wird auch in Bulgarien nach osteuropäischem Muster das Märchen von der Verwendung christlichen Blutes zu rituellen Zwecken als Pogrommache benützt. Am Vorabend des Pcßachfestes wurde in dem Städtchen Berkovitza zwischen der huigarisclien Bevölkerung das Gerücht verbreitet, daß der Orts- Synagogcndiener ein christliches Mädchen entführte, außerhalb der Ortschaft brachte, um sein Blut für rituelle Zwecke abzuzapfen. Die Aufregung unter der Bevölkerung stieg von Moment zu Moment, die Eltern des Mädchens wandten sich an den Präfekten, der die sofortige Verhaftung des beschuldigten Juden veranlaßte. Während dieser einige Stunden in Haft festf' , auf aufgetaucht, so wäre ein förmlicher Pogrom nicht ausgeschlossen gewesen. Im Zusammenhang mit der offenkundigen antisemitischen Hetzpropaganda der ״Rodna Saschtita“ ist zu bemerken, daß die Regierung eine ungewöhnliche Schwäche ihr gegenüber zeigt. Wenn man sich in Erinnerung bringt, daß dieselbe Regierung unlängst harmlose Massenkundgebungen gegen die Rcparationslasten des Landes untersagt hat, und wenn man sich vor Augen hält, mit welcher Schärfe sie der mazedonischen Terrorbewegung gegenübertritt, kann die Frage: warum sic auch dieser Hetzpropaganda nicht ernst und klar entgegentritt, nicht unterdrückt werden. Diese Frage ist jetzt um so dringlicher, als eine neue Regierungsverordnung einen Unterschied zwischen den Staatlichen und den Minoritäten-Schulen offiziell stipuliert Es handelt sich um eine Verordnung des Verkehrsministers, der zufolge Schülern der Minoritätsschulen nicht mehr das Recht zu steht, bei Eisenbahnschulen die 50 «0 Ermäßigung in Anspruch zu nehmen, die sie bis jetzt hatten und die auch weiter die Schüler der Staatsschulen genießen. Dieser Unterschied wird laut derselben Verordnung auch zwisehen bulgarischen und Minoritäts-Vereinen wie z. B. ״Junak“ und ״Makkabi“ gemacht Mit ihr kommt eine Tendenz zum Vorschein, die die Minoritäten in Bulgarien bis jetzt nicht kannten und in diesem Augenblick, wo ein scharfer Kampf für die Minoritätsrechte der Bulgaren in sämtlichen Balkanländern geführt wird, am wenigsten erwartet wurde. Im Hinblick darauf, daß diese Tendenz zeitlich mit dem Aufschwunb»der hetzerischen Propaganda der ״Rodna Saschtita“ zusammenfällt und von dieser als eine Ermunterung zu ihrer Wühlarbeit aufgefaßt werden kann, wirkt sie um so beunruhigender auf die jüdische Bevölkerung. Das Konsistorium der bulgarischen Juden, an dessen Spitze der Colonel T a d j e r steht, der sich unlängst bei der Minoritätenkonferenz in Genf große Verdienste in! Zusammenhang mit dem Kampfe für die Rechte der bulgarischen Minoritäten erworben hat, unternimmt stets rechtzeitig alle nötigen Schritte um schon im Keime solche Tendenzen zu ersticken. Doch nicht immer mit Erfolg. Das taube Ohr und das geringe Verständnis, die oft jüdische Forderungen bei der Regierung finden, ebnen naturnotwendig den Boden für antisemitische Wühlarbeit der ״Rodna Saschtita“. Prof. Albert Einstein, Dr. Leo B a e c k , Dr. Oscar Cohn und Ernst Toller richteten am 16. d. M., dem Vortage der Justifizierung der drei zum Tode verurteilten Araber, nachstehende Depesche an den Oberkommissär von Palästina: Exzellenz, aus Gründen reiner Menschlichkeit sind wir Gegner jeder Todesstrafe. Keine Ausnahme zulassend, wie schwer auch das einzelne Verbrechen sei. Uris als Menschen und Juden verbietet das Gewissen, in dieser Stunde zu schweigen. Die Unterzeichneten, Zionisten und Nicht/ionisten, bitten Eure Exzellenz inständig um Begnadigung der drei Araber, die auch die von uns erstrebte Friedensarbeif zwischen Juden und Arabern kräftigen wird. Nur eine sozialistische Tragödie? Vor einigen Tagen beging Berit Meyer, der Schöpfer der Bank für Arbeiter, Beamte und Angestellte, Selbstmord. Ais Grund wird angegeben, daß er es nicht verwinden konnte, bei der Wahl zum Direktor der Berliner Stadtbank gegenüber einem anderen Kandidaten, dem christlichen Sozialisten F eindner, durchgefallen zu sein. Der ״Montag Morg c n“ bezeichnet diesen Vorfall als eine sozialistische Tragödie. Er hat mit dieser Bezeichnung nur bedingt Recht. Es handelt sich hier in erster Reihe um eine jüdische Tragödie und um eine sozialistische nur insofern, als auch die Sozialdemokratische Partei in diesem Falle ihren Prinzipien und ihrer besseren Einsicht untreu geworden ist. Bern Meyer war ein begeisterter Sozialist, ein anerkannter Bankfachmann und konnte auf außerordentliche Verdienste 11m die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hinweisen. Bei der Wahl eines neuen Stadtbankdirektors bewarb er sich um diese Stelle, für die mir ein Mitglied der Sozialdemokratischen Partei in Frage kam. Die bürgediehen Parteien des Berliner Rathauses, vor allem die Wirtschaftspartei, waren aber der Ansicht, daß sich Berlin nicht durch die Bestellung eines Juden als Stadtbankdircktor belasten dürfe. Die Situation in Deutschland ist leider so, daß auch die Sozialdemokraten auf derartige Stimmungen Rücksicht nehmen. Die ״V o s s i s c 11 e Zeitung“ hat schon ganz recht, wenn sie der Sozialdemokratischen Partei ausdrücklieh vorwirft, daß diese sich der antisemitischen Strömung gcbeugt und durch mangelnde Energie und Voraussicht die Wahl voll Bern Meyer verhindert hat. Es fehlten nämlich bei der entscheidenden Abstimmung einige sozialistische Stadtverordnete. Wenn es den Sozialdemokraten ernst mit der Kandidatur Bern Meyer gewesen wäre, so hätten sie die Abstimmung auf einen anderen Termin legen können. Es ist ihnen aber nicht ernst gewesen und darin liegt die sozialistische Tragödie. Denn diese Partei, der man in Punkto Judenfrage sonst keine Vorwürfe machen kann, hat im vorliegenden Falle der antisemitischen Haltung der bürgerlichen Parteien Konzessionen gemacht. Die jüdische Tragödie Bern Meyers ist die Tragödie dcsr Assimilationsjuden, der plötzlich entdecken muß, daß ihn, obvfohl er seine Beziehungen zu seinem Volke gelöst hat, Sdiicksalsgemeinschaft mit seinen Volksangehörigen verbindet. Wenn man ein labiles Nervensystem besitzt und in den Kreisen, denen man seine besten Kräfte geweiht hat, Enttäuschung erlebt, dann steht man vor dem seelischen Nichts und greift zum Revolver. Bern Meyers Schicksal ist das Schicksal des entwurzelten und enttäuschten Assiaulationsjuden. M. W.

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