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Jüdische Rundschau · 1930-06-13 · Heft 46 (13.6.1930) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 46 (13.6.1930)
Date
1930-06-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48, 13. VI. 1930 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 315 Belebung der zionistischen Arbeit (Von unserem polnischen Korrespondenten.) —׳g. Warschau, den 10. Juni 1930. Die Protestb ewegtmg gegen die Einwanderung*- sperre dauert in Polen mit unverminderter Kraft an. Aus Hunderten von Ortschaften laufen täglich Berichte über Massenkundgebungen ein. Die ״Agudah“ schließt sich überall der Protestaktion an, wenn sie auch aus innerpolitischen Gründen hier und da separate Deklarationen abgibt. Zum erstenmal haben auch die nichtzionistischen Führer der polnischen Sektion der Jevvish Agency zusammen mit sämtlichen zionistischen Gruppen in Aufrufen und Massenversammlungen (so insbesondere in Krakau und Lemberg) ihr Solidaritätsgefühl bekundet. Die Protestaktion wird noch in diesen Tagen verstärkt. Für den 11. Juni wurde das Warschauer Judentum zu einer grandiosen Straßendemo 11 stration von den polnischen A.-C-Mifgliedern aufgerufen. Aehnliche Volksmanifestationen werden dann in allen größeren Judenzentren in Polen folgen. Mit Genugtuung und Anerkennung muß die unermüdliche und vielseitige Tätigkeit des gegenwärtigen allgemeinzionistischen Zentralkomitees in Polen mit Abg. Grünbaum an der Spitze hervorgehoben werden, wie ii'1 Kampfesstimmung gewählte und als kampflustig bekannte Leitung des polnischen allgemeinen Zionismus hat sich schon im Laufe ihrer, einige Monate andauernden, intensiven Tätigkeit als friedliebend und konstruktiv, insbesondere auf dem Gebiete der Organisation gezeigt. Während die Protestbewegung andauert, werden Organisation und andere wichtige zionistische Gebiete nicht nur nicht vernachlässigt, sondern energisch gefördert. Die neue Leitung hatte es sich zur Aufgabe gestellt, im laufenden Jahre 50 du״ organisierte, Parteibeitrag leistende Mitglieder für die zionistischen Organisationen zu werben, mit einer froßen Zahl von Ortsgruppen in unmittelbarem Kontakt zu ommen und den bisherigen großen Abstand zwischen Peripherie und Zentrum zu verkleinern. Zu diesem Zwecke sollen in kurzen Zeitabständen, wohl nach deutschem Muster, Gruppenverbandstagungen mit Beteiligung von Mitgliedern der Zentrale und "mit gewählten Delegierten einberufen werden. Die bisher in Kielce, Lublin und Warschau (Stadt) abgehaltenen Konferenzen endeten mit einem vollen Erfolg. Die Zahl der organisierten Mitglieder wurde in diesen Gegenden fast verdoppelt, neue Menschen wurden zur Arbeit herangezogen, alte Kräfte reaktiviert. Nur auf der Tagung in Warschau kamen die früheren Gegensätze zwischen ״Al Harnisch mar“ und ״Eth Liwnoth“ wiederum, wenn auch schon etwas gedämpft, zum Vorschein. Da die Revisionisten hier mit ״Eth Liwnoth“ zusamniengingen und diese Gruppen zusammen mehr als die Hälfte der Mandate erlangten, wurde hier die Leitung in die Defensive gedrängt, aber gestützt auf das Vertrauen der ganzen Provinz und auf die bisher unbestritten schon erreichten Erfolge, kann die Grünbaum-Gruppe über die nur noch in Warschau von Zeit zu Zeit aufflackernden innerpolilischen Zwistigkeiten zur Tagesordnung übergehen. ׳ Besonders heftig haben sowohl Revisionisten als auch ״Eth Liwnoth“ die Leitung infolge eines mit dem ״Hechaluz“ geschlossenen Vertrages angegriffen, demzufolge sämtliche Jugend- und Hechaluz-Gruppen in Polen dem zentraten Hechaluz angeschlossen und in dessen Rahmen, mit einer gewissen Autonomie, ihre Hachscharah durchzumachen haben. Diese Vereinbarung, welche den Spaltungen und Reibungen im Lager unserer FHoniere in diesem für sie so wichtigen Zeitpunkt ein Ende bereiten soll, beweist die positive und fördernde Stellungnahme der gegenwärtigen Aeitjwg mm Arbeiterchaluz. Die gegenwärtige Leitung hat auch den allgemeinzionistischen Landesverbänden in Ost- und Westgalizien Entgegenkommen und Verständnis gezeigt, und wie die Dinge jetzt liegen, ist Aussicht vorhanden, daß wir endlich in Polen, vielleicht schon am Ende dieses Jahres, eine Vereinigung durchführen werden. Wes schließt nicht aus, daß besondere Gebiete in manchen Fragen, so z. B. der Landespolitik, Autonomie haben werden. Diese Vereinigung aller Landesteile wird große Bedeutung haben, wenn man bedenkt, daß die allgemeinzionistische Bewegung in Galizien sehr stark und organisatorisch festgefügt ist, wie dies z. B. die letztens musterhaft durchgeführte Gruppenverbandstagungen auch in Westgalizien zeigten. Im Zusammenhänge mit den letzten politischen Ereignissen ist wiederum die Frage der engeren Zusammenfassung sämtlicher zionistischer Föderationen in Polen aktuell geworden. Die vorige Leitung der allgemeinen Zionisten konnte sich dazu nicht entschließen, die gegenwärtige, die innerlich z. B. der zionistischen Lücken viel näher steht, hat hierzu größeres Verständnis und bessere Möglichkeiten. Die arbeitszionistische 11 Föderationen in Polen konnten bis nun noch keine Verständigung erreichen. Wohl ist eine Annäherung auf allen Palästina betreffenden Gebieten festzustellen, sonst aber bestehen die Gegensätze fort. Die letztens nach vier Jahren abgehaltene Landesk o n f e r e n z der ״P o a 1 e Zion“ in Polen nahm zur Schulfrage keine offizielle Stellung, ob zwar in den an die Konferenz geschickten Begrüßungen auswärtiger Landesverbände der ״Poale Zion“ deutlich die Wichtigkeit dieses Problems betont wurde. In Behandlung sämtlicher Punkte der Tagesordnung hob die Konferenz stark den Klassencharakter der Bewegung hervor und zum Kulturproblem wurde offiziell das Programm des ״Schulkult“ akzeptiert. (Von uns seinerzeit in der ״J. R.“ besprochene, neue Schulorganisation in Polen, welche Schulen mit Jiddisch als Unterrichtssprache, aber mit positiv nationalen und weltlichen, aber nicht eng proletarischen, wie in ״Zischo“ des Bund, Programm ins Leben rufen will.) Nun sind diese und manche andere (Koalitionsprinzip) Proframmpunkte ein starkes Hindernis für eine Vereinigung mit er ״Hitachduth“, welche zwar gegenwärtig die Schulfrage diskutiert, aber organisatorisch dadurch nicht gehemmt wird und seit ihrer letzten Jahreskonferenz sich befestigt habe. Es wäre noch der vor zwei Tagen hier abgehaltene ״Ar• beiter-Pro-Palästina-Kongreß“ zu erwähnen. Es war dies eine pnter diesem weitschweifenden, irreführenden Namen, organisierte Parteikundgebung der ״P o a 1 e Z i o n“ - LI n k e. Wie bekannt, wollte sie von den von der Histadruth, der sie in Palästina angehören, in Polen vor zwei und einem Jahre einberufenen Kongressen für das arbeitend!! Erez-Israel nicht teilnehmen, trotzdem Sprinzak und Ben Zwi darauf bezügliche Unterhandlungen führten. Die Teilnehmer dieser Kon• presse waren ihnen nicht rot genug und so organisierten sie fetzt eine separate Kundgebung. Im Gegensatz zur hier vorherrschenden Meinung ist u. E. diese Manifestation für Palästina aus einem Kreise, der schon letztens in seiner Politik und Praxis in Polen, nichts gemeinsames mit dem Zionismus hatte, positiv zu werten. Es wurde zwar Pech und Schwefei auf Alle und Alles in Palästina geschüttet, jedoch die Verbundenheit mit Erez-Israel stark betont. Gerade jetzt, wo der ״Bund“ offiziell beschlossen hat, in die zweite Internationale einzutreten und die letzten Ereignisse im Zionismus zum soundsovielten Male zum Anlaß nimmt, die ״Liquidation des Zionismus“ zu prophezeien — ist die Stellungnahme der Poale Zion-Linken beachtenswert. Gestern und vorgestern tagte hier die Landeskonferenz der ״Wizo“, welche in Polen im letzten Jahre einen schönen Aufschwung aufzuweisen hat. Die Zahl ihrer Mitglieder erhöhte sich auf 2500, welche auf 30 Ortsgruppen verteilt sind, von denen sich insbesondere Warschau und Lodz (in Kongreßpolen) auszeichnen. Auf sämtlichen Gebieten der zionistischen Tätigkeit in Polen ist die Mitarbeit der ״Wizo״-Frauen stark bemerkbar, was auch bei der Konferenz Alexander G o 1 d s t e i n für den Keren Hajessod und Frau Wigdorowicz für den KKL rühmend hervorhoben. Zionistische Aufklärung, politische Schulung, Verbundenheit mit Palästina, Organisierung der weiblichen Jugend (״Jung-Wizo“) — dies sind beaditenswerte Resultate der bisherigen immer anwachsenden Tätigkeit der ״Wizo“ in Polen. Presseschau ״Manchester Guardian“ schreibt im Leitartikel: Dr. Drummond Shiels’ Rede in Genf müßte in einem hohen Maße die durch die jüngste Palästina-Politik der Regierung erregte Besorgnis aus der Welt schaffen. Die Suspendierung der Ein- Wanderung und das die hauptsächlichsten Schlußfolgerungen des Shaw-Berichtes akzeptierende Weißbuch hat viele Menschen auf beiden Seiten davon überzeugt, daß die Regierung geneigt sei, das Mandat in einer Weise zu interpretieren, die auf eine weitgehende Verkleinerung unserer Verpfliehtungen hinausläuft. In Genf aber legte der Unter- Staatssekretär für die Kolonien vollkommen klar, daß die Regierung die Segnungen, die die Juden dem Lande Palästina gebracht haben und britigen werden, anerkenne. Man ersieht aus seiner Erklärung, daß die von den Juden in allen Ländern gchegte tiefe Besorgnis hinsichtlich der zukünftigen Politik der Regierung ungerechtfertigt war. Das alles hätte man sich ersparen können, wenn Dr. Shiels’ großzügige Zugeständnisse dem lauwarmen Weißbuch Lord Passfields sofort gefolgt wären. Die Juden in ganz Europa sind sehr sensibel und leicht zu beunruhigen. Sie wissen sehr gut, daß die Zukunft ihres Nationalheinis von unserem Festhalten an der Balfour-Deklaration, sowie davon abhängt, daß man die Araber überzeugt, daß wir die Balfour-Deklaration nie aufgeben werden. Die arabische Agitation wird in dem Maße gefährlicher, als die britische Treue gegenüber dem Mandat nachzulassen scheint. Es soll nicht geleugnet werden, daß die Araber wirklich sachliehe Klagegründe haben, denen entsprochen werden sollte, aber ihr Hauptklagegrund — das Bestehen des Nationalheims — kann nicht berücksichtigt werden. Infolgedessen ist es von erster Bedeutung, daß unsere Politik der Aufrechterhaltung des Nationalhcims klar und fest zum Ausdruck kommt. Hätte sich die Regierung zu der Genfer Erklärung früher aufgerafff, so wäre viel Anreiz zu scharfer Kritik von außen vermieden worden. nisse, die einen Zustand deklarieren, der sich abseits von der Weisheit der Staatsmänner entwickelt hat und dann einfach zu Recht oder Unrecht — besteht und zur Kenntnis genommen werden muß. Der Zustand, den der palästinensische Augustaufstand deklariert hat, deckt sich nicht mit der Balfour- Deklaration, die für England, für den Völkerbund, für den Zionismus maßgebend ist. Denn die Araber, über die sich jene Deklaration in einer bestimmten politischen Konstellation mit Vertrauen in ihre Fügsamkeit hinwcgsetzeii zu dürfen glaubte, sind gar nicht fügsam, werden cs in der neuen weltpolitischen Konstellation immer weniger und verlieren allmählich jedes Verständnis für die Jüdische National-Hcimstättc, der sie ihren Boden verkaufen und ihre altgewohnte stolz-untätige Lebensweise opfern sollen. Seit dem vorigen Jahr, als die arabisehen Organisatoren die Zeit für einen Ausdruck ihres Unwillens gekommen sahen, ist die Zeit für sie noch reifer geworden. England hat den Irak — sein zweites A-Mandat neben Palästina binnen zweijähriger Frist der vollen Souveränität eines Völkerbundsmitglicds iür würdig erklärt. Frankreich hat dieser Tage das dritte A-Mandat, Syrien, mit einer republikanischen Verfassung bedacht, die - mit einigen Vorbehalten .- den Beschlüssen einer demokratischen Konstituante entstammt. England ist mit seinen Verhandlungen mit Aegypten so weit gegangen, daß selbst die radikale Unabhängigkeitspartei an den Konzessionen nichts mehr auszusetzen hatte und zu einem Streitpunkt außerhalb Aegyptens (im Sudan) ihre Zuflucht nehmen mußte, uni noch einmal den Vertragsabschluß hinauszuschicbcn. Und als vor ein paar Wochen England die arabische Delegation aus Palästina, die eine der Balfour-Deklaration und der Mandatspolitik offen widerstreitende Verfassung verlangte, abweisen mußte, war das Echo unter den Mohammedanern Indiens —- die für England jetzt wahrlich kein gleichgültiger Stein im Spiel sind - so deutlich, daß man in England'gleich eia Zeichen feinen Gehörs geben wollte: Das Abstoppen der jüdischen Itnmigration nach Palästina, die Zurückziehung von 230t) bereits von den zionistischen Behörden erteilten Einwanderungsscheinen folgte unmittelbar, um den Arabern die Angst um ihren Boden, die Abneigung gegen die politische Eigenart der jüdischen Fremdlinge nicht weiter anzuregen. Mit dem Er• folg für England, daß jetzt auch die zionistisch empfindenden Juden der ganzen Welt verärgert sind. Worauf sie wieder von dem englischen Referenten vor der Mandatskommission ein paar beruhigende Worte erhalten. England kann in dieser Lage dem Völkerbund nur melden, daß es einen Kommissionsbericht über die Frage der Einwanderung und einen anderen über die Frage der Polizeiorganisation abwarten müsse. Palästina steht wohl für einige Zeit unter dem Vorzeichen des für alle Teile drückenden entscheidungslosen Abwartens unter dem Schutz der Waffen und Gefängnisse.“ Die parlamentarische Korrespondenz des Londoner ״Jcwjsh Chronicle“ berichtet, im englischen Unterhaus seien Nachrichten verbreitet, der bekannte Professor Harold Laski habe einen persönlichen Appell an die Regierung gerichtet, dem Palästinarnandat treu zu bleiben. Eine Gruppe von Abgeordneten, darunter Captain Cazalet, John Buchan, Sir Robert Hamilton, Michael Marcus und Sir Archibald Sinclair, also Angehörige aller Parteien, haben im Kolonialamt dringende Vorstellungen erhoben. Den stärksten Eindruck aber hat eine Rede des Abgeordneten der Arbeiterpartei, Daniel H o p k i n, gemacht, der stets ein treuer Anhänger des Kabinetts gewesen ist und die Regierung sehr scharf wegen ihrer Palästinapolitik angriff. ln Regierungskreisen habe man —- wird weiter berichtet — ipit großer Befriedigung zur Kenntnis genommen, daß Dr. Weilmann rieh vom Premierminister überreden ließ, die Führer- Schaft der zionistischen Bewegung nicht niederzulegen. Mehrere Unterhausmitglieder aber glauben, daß, falls das Verbot der Zertifikate zurückgezogen wird, Dr. Weizmann dem Ansturm des Unwillens der jüdischen Welt wird weichen müssen, so daß ein Wechsel in der zionistischen Führerschaft unvermeidlich würde. Ueber den jüdischen Proteststreik am 22. Mai berichtet der Korrespondent von ״Near East and I ndia“: ״Letzten Donnerstag proklamierte der Waad Leumi einen Generalstreik zum Protest gegen die Einschränkung der jüdischen Immigration. Aber es war ein Streik, welcher die Morgenstunden bis zum Mittag, in welchen die meisten Leute ihre gesamte Tagesarbeit verrichten, ausnahm, ferner umfaßte er nicht die Juden in lebenswichtigen Diensten wie Wasser und Elektrizität und nicht die Regierungsbeamten. Auf diese Weise hat der Donnerstagnachmittag das Aussehen eines Sabbat gehabt, ohne daß irgend jemand dadurch die geringste Unannehmlichkeit hatte. Die Judenschaft war vollständig geeinigt, da auch die Ultra-Orthodoxen ihre Ausnahmsstellung aufgaben gegen das Versprechen der zionistischen Behörden, keine Fußbalispiele mehr am Sabbat zu veranstalten. Der einzige Streikbrecher scheint Jerusalemer Mädchenschule, die unter der Aufsicht der Anglo Jew ish Association steht (Evelina de Rothschild- Schule) gewesen zu sein.“ * Ueber das Weißbuch der englischen Regierung an die Mandatskoinmission schreibt der ״Near East and India“ im Leitartikel u. a.: Es scheint, daß die Regierung entschlossen ist, zwar langsam aber doch im Sinne des Berichtes der Untersuchungskommission zu handeln... Wo es jetzt schon möglich war, Entscheidungen und Meinungen zu äußern, ohne der Situation in Palästina Gewalt anzutun, nat die Regierung gesprochen. Niemand, der die ungeheure Leistung der Juden in Palästina anerkennt und wer andererseits die Tradition des britischen Kolonialdienstes im Interesse der ihm Unterstellten kennt, kann sagen, daß in diesem Moment für Juden oder Araber mehr hätte getan werden können. Im großen ganzen glauben wir, daß man die Regierung beglückwünschen kann, denn sie hat bewiesen, daß sie sich von Protesten keiner Seite von dem von ihr als richtig erkannten Weg abdrängen läßt... Aber schließlieh ist es nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft, der das Interesse gebührt. Man kann nicht mit einem Schlage die Entwicklung von tausend Jahren überspringen. Wir glauben, daß alte Rechnungen abgeschrieben und neue Versuche zu einem Kontakte zwischen Arabern und Juden zu kommen, gemacht werden müssen. Es ist eine furchtbar schwierige Aufgabe. Ganz abgesehen von persönlichem Unrecht steht einer Aussöhnung auch die Tatsache im Weg, daß die Regierung bei Arabern und bei Juden immer weniger Vertrauen genießt. Schließlich aber müssen beide Seiten einseheit, daß sie ohne die Regierung wenig ausrichten können. Es ist aber unvereinbar, eine Regierung dauernd herabzusetzen und zugleich von ihr Konzessionen zu fordern. Die Palästina-Regierung kann sicherlich weder Juden noch Araber voll zufrieden stellen, aber mit Festigkeit auf Unparteilichkeit kann sie die wahren Interessen beider Gruppen sichern. Der ״Deutsche Volkswirt“ (Berlin) schreibt in seiner Nummer vom 6. ds. Mts. zur Palästinafrage u. a. folgendes: ״Der Aufstand des vorigen August enthüllt sich immer mehr als eines der politischen Ereignisse, die viel mehr bedeuten» als man ihnen zunächst ansieht, eines der Ereig- Palästinas wirtschaftliche Zukunft In der ״Saturday Review“ stellt Leonard Dodds, dessen sachkundige Ausführungen über palästinensische Wirtschaftsfragen wir erst kürzlich Wiedergaben, der palästinen־ sischen Industrie ein sehr günstiges Horoskop. Trotz aller politischen und religiösen Reibungen im Lande mache die Wirtschaft ständig Fortschritte, und alle Autoritäten seien sich darüber einig, daß Palästina eine bedeutende Wirtschaftliehe Zukunft habe, falls es sich weiter entwickele wie seit 1918. Dodds gibt dann eine Menge interessanter Details über die wärtschaftliche Entwicklung des Landes, von denen wir hier nur wenige herausgreifen. Während es vor dem Kriege im Lande nur ״ein Automobil jteaebe» habe» seien 1928 Är «ehr*js £ &(X) QD0 Automobile, Reifen, Zubehör und Petroleum eingeführt worden. In der Industrie seien die Fortschritte nicht geringer als im Transportwesen. Früher sei im Lande überhaupt nichts hergestellt worden als eine gewisse rohe Seifenart und Kultgegenstände für dem Pilgerverkehr. Außerdem habe man freilich noch die traditionellen Hausindustrien wie Weberei und Stickerei gehabt, aber ihre Erzeugnisse seien nur für den Hausgebrauch bestimmt gewesen. Dagegen habe man neuerdings alte Bauernhandwerke wie Glasherstellung und Keramik neu belebt und neue Industrien mit einem solchen Erfolge ins Leben gerufen, wie, gemessen an den entgegenstehenden Schwierigkeiten, nirgends sonst. Zuerst habe man vorder Aufgabe gestanden, die wichtigsten Gebrauchsgegenstände für die Einwanderer zu beschaffen, ohne alles zu importieren. So habe sich z. B. die Herstellung von Schuhwerk in zwei Richtungen entwickelt: einmal handwerksmäßig, auf individuelle Bestellung, und außerdem als Massenfabrikation. Heute würden bereits alle Sorten von Schuhwerk im Lande hergestellt. Ebenso habe man früher Strümpfe und Socken aus den Vereinigten Staaten, Japan und Italien importiert, jetzt dagegen würden alle derartigen Wirkwaren von drei Fabriken in Tel-Awiw geliefert, von denen eine 120 Arbeiter beschäftige und, abgesehen von der Belieferung des heimischen Marktes, binnen zwölf Monaten für £ 10000 nach Aegypten und Syrien exportiert habe. Dodds schildert dann den schönen Ehrgeiz der jüdischen Handwerker und Industriellen, möglichst einheimische Rohstoffe zu verarbeiten, und die erfolgreichen Versuche, beispielsweise dem Holzmangel des Landes durch Aufforstung abzuhelfen. Speziell das Eukalyptusholz eigne sich vortrefflich zur Hcrstellung mahagoniartiger Möbel. Ebenso seien besonders in der Fabrikation von Zement durch die Nesha-Werke in Häifa bcdeutende Ergebnisse erzielt worden; während man früher für Tausende von Pfund habe Zement einführen müssen, führe man ihn jetzt nach Syrien, Aegypten und Zypern aus und baue mit ihm und den in Tel-Awiw hergestellten Ziegeln ganze Städte. Bald werde man sicher an die Ausnutzung der reichen Marmoradern in der Nähe von Tel-Chai herangehen. Die gleiche Anerkennung hegt Dodds für den Tabakbau in Galiläa, die Oelindustrie, die Mazzothfabriken, die Weinkellereien in Rischon le Zion, und die neu entstehenden Neben- Industrien des Orangenbaues, w ie Marmeladenindustrie, Kistenherstellung usw. Besondere Hoffnungen aber seien auf das Aufblühen der Fischerei zu setzen, wenn der Ausbau des Haifaer Hafens erst vollendet sei. Von 1924 bis 1927 sei der Export Palästinas um 50 <Y0 gestiegen; wenn erst die große chemische Industrie am Toten Meer im vollen Gange sei, und die große Oelröhrenlinic (Pipe line) von Mossul nach Haifa vollendet sei, so werde Palästina einen sehr wichtigen Platz unter den Ländern am Mittelmeer einnehmen. Präsident Masaryk Aber Palästina Der Präsident der Tschechoslowakischen Republik, Professor Thomas Masaryk, empfing den Berliner jüdischen Journalisten Hermann Sw et und unterhielt sich mit ihm etwa 40 Minuten über das Palästina-Werk. Präsident Masaryk sprach in Worten hoher Anerkennung über den Idealismus der jüdischen Arbeit in Palästina. Den zionistischen Bestrebungen, ״Palästina in ein Erez-Israel umzuwandeln“, steht Präsident Masaryk nicht ohne eine gewisse Skepsis gegenüber. Er glaubt, daß eine engere territoritale Zusammenfassung des jüdischen Kolonisationsgebietes dringend not tut. — Präädent Masaryk verfolgt mit starkem Interesse die Entwicklung der jüdischen Aufbauarbeit in Palästina und ist über die inner- und außenpolitischen Momente der zionistischen Sache sehr gut orientiert.

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