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Jüdische Rundschau · 1930-06-06 · Heft 44-45 (6.6.1930) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 44-45 (6.6.1930)
Date
1930-06-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 306 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44/45, 6. VI. 1930 Die Kampagne in New York eröffnet 750000 Dollar am ersten Abe&d N e w Y o r k, 29. Mai. (J. T. A.) Der Allied Jewish Campaign of America, der die Aufbringung von 6 Millionen Dollar für das Werk des Joint Distribution Committee in Osteuropa und das der Jewish Agency in Palästina in diesem Jahre zum Ziele hat, wurde am 26. Mai abends In der Stadthalle zu New York anläßlich einer Veranstaltung zu Ehren des Herrn Felix M. Warburg, Präsidenten des Joint Distribution Committee und Vorsitzenden des Administrative Committee der Jewish Agency, eröffnet. Gleich am ersten Abend wurden 7 5 0 0 0 0 Dollar für den Allied Jewish Campaign aufgebracht. (Von den in den Vereinigten Staaten aufzubringenden 6 MI1I. Dollar sind 3 500 000 Dollar für das Joint-Werk und 2 500 000 Dollar für die Jewish Agency in Palästina bestimmt.) Unter den Festrednern waren der frühere Präsident der Vereinigten Staaten Calvin. C 0 o I i d g e, Theodor Rooscvelt, Staatssekretär L. S t i m s o n, der Bürgermeister von New York James Walker, der Vizegouverneur des Staates New York Colonel Herbert H. Lehman und Dr. Cyrus Adler. Die Umbildung der englischen Regierung Die lange erwartete und angekündigte Umbildung der engtischen Regierung hat nunmehr begonnen; die erste diesbezügliehe Maßnahme, nämlich die Ernennung von J. H. Thomas zum Minister für die Dominions, ist auch die wichtigste. Bisher hatte man erwartet, daß Lord Passfield (Sidney Webb) wegen seines hohen Alters zurücktreten und V. Hartshorn ihm in der Leitung des Kolonialamtes folgen wird. Nunmehr hat aber die Regierung die schon bisher bestehende, aber personell noch nicht durchgeführtc Trennung von Kolonialamt und Dominion- Amt vollzogen. Nach dieser Entlastung bleibt Lord Passfield demnach bis auf weiteres Kolonialminister. Da die Verwaltung Palästina dem Kolonialamt unterstellt ist, ändert sich a1s o für die Behandlung des P a 1 ä s t i n a ־ P r o ־ bl eins nichts. Kleine Nachrichten Wie in Jerusalem offiziell mitgeteilt wurde, wird die Kommission zur Festsetzung der jüdischen und der arabischen Rechte an der Klagemauer gegen Ende Juni in Jerusalem eintreffen. Dr. Cyrus Adler, Vorsitzender des von der Jewish Agency ernannten Klagemauerkomitees, der das jüdische Material für die internationale Kommission bearbeitet, wird gleichzeitig mit der Kommission nach Jerusalem kommen. Das Präsidium des Zentralexckutivkomitees der Union der russischen Sowjetrepubliken hielt unter dem Vorsitz des Präsidenten K a I i n i n eine Sitzung ab, die speziell den Wirtscliaftsproblemen der russischen Juden gewidmet war. Es wurde der Beschluß gefaßt, die Sowjetrcgierung zu beauftragen, eine Sonderkommission nach der Ukraine und nach Weißrußland zu entsenden, die praktische Vorschläge zur Behebung der Wirtschaftsnot der jüdischen Bevölkerung durch konstruktive Maßnahmen unterbreiten soll. Aus Anlaß des 50. Geburtstages von Rabbi Meir Berlin fand eine festliche Zusammenkunft der Repräsentanten des Jischuw statt. Den Vorsitz führte der Misrachi-Führer Rabbi Fishman, 16 Redner aus Jerusalem, Tel Awiw, Petach Tikwah und anderen Orten würdigten die Persönlichkeit Rabbi Berlins. Auf dem internationalen Frauenkongreß in Wien repräsentieren die Damen Bentwich und Gordon die Frauenvereine Palästinas. Auch Frau Anita Miiller-Cohen wohnt als Delegierte dem Kongreß bei. Der erste aliweltliche Sabbathkongreß des Weltverbandes Schomre Sehabbos, der vom Zentralkomitee für den 24., 25. und 26. Juni dieses Jahres nach Berlin einberufen war, ist auf den 24., 25. und 26. August verlegt worden. Zur Volkszählung in der Tschechoslowakei Die jüdische Nationalität anerkannt. Von unserem Berichterstatter, hl, Prag, 27. Mai 1930. im Herbst dieses Jahres findet die Volkszählung in der Tschechoslowakei statt, die zweite seit dem Bestände dieses Staates. Wie wir bereits seinerzeit berichtet haben, entspann sich heuer hierzulande eine lebhafte Debatte, ob auch diesmal das Bekenntnis zur jüdischen Nationalität zugelassen werden soll. Nach der Verfassungsurkunde der tschechoslowakischen Republik ist die jüdische Nationalität ausdrücklich anerkannt und es wird gestattet, sich bei Volks- Zahlungen ohne Rücksicht auf die Umgangssprache zur jüdischcn Nationalität zu bekennen. Es heißt in der Verfassung wörtlich: ״Die Verfassungs urkunde zählt nicht die nationalen Minderheiten auf, da sie hierbei auch Wissenschaftlieh unentschiedene Fragen zu lösen gehabt hätte. Ist doch selbst der Begriff Nation bisher nicht genau definiert. Prohlematisch ist z. B. die Frage, ob die Juden eine Nation sind. Da die Verfassungsurkunde die Wendung ,ohne Rücksicht auf Rasse, Sprache oder Religion‘ annimmt, überläßt sie jedem die Entscheidung, worin er das Kennzeichen seiner Nationalität erblickt und wonach er sich auch frei entscheiden kann. Wenn jemand also die Juden als eigene Nation erachtet, ist er berechtigt, sich zur jüdischen Nationalität zu bekennen, wenn er auch z. B. seinem religiösen Bekenntnis nach konfessionslos wäre und Tschechisch, Deutsch usw. als Muttersprache hätte. Die Juden sind also nicht gezwungen, sich bei der Volkszählung zu einer anderen ethnischen Nationalität zu bekennen als zur jüdischen.“ Anlaßlieh der Vorbereitungen für die heurige Volkszählung unternahm mm der getaufte Jude Prof. Rauch berg, der schon seit vielen Jahren einen erbitterten Kampf gegen den Zionismus führte, einen geschickt angelegten Angriff gegen die jüdische Nationalität. Er setzte im statistischen staatlichen Landesamte durch, daß dieses in seinem Vorschläge bezüglich der Durchführung der Volkszählung an die Regierung einen Passus auf- «ahm, demzufolge die jüdische Nationalität nur bei jenen Juden anerkannt wird, die jiddisch oder hebräisch zur Muttersprache haben, für alle übrigen aber der Grundsatz Nationalität -- Muttersprache gelten soll. Als dieser Vorschlag publik wurde, setzte dagegen eine lebhafte Diskussion in der zionistischen Presse ein, die auf die Verletzung der in der Staatsverfassung den Juden gewährleisteten Rechte hinweisen konnte. Auch die jüdischen Parlamentarier traten an den maßgebenden Stellen gegen diesen Anschlag gegen die jüdische Nationalität auf. Ihre Arbeit blieb nicht ohne Erfolg. In dem heute vom Innenministerium veröffentlichten Rcferentcn-Entwurf über die Nationalitätsermittlung bei tler kommenden Volkszählung, wird als allgemeiner Ci rund satz hierfür die Stamme sänge hörigkeit aufgestellt und den Juden ausdrücklich das Recht zuerkannt, sich zur jüdischen Nationalität zu bekenne n. Dieser Entwurf, der noch dem üblichen interministeriellen Verfahren unterzogen werden muß, entscheidet eine Frage, die durch Monate hindurch die jüdische Oeffentlichkeit in Spannung gehalten hat und nun, falls sich keine weiteren Schwierigkeiten ergeben sollten, zugunsten der bewußten Judenheit entschieden wurde. Der Widerhall in Polen Riesige Manifestationen. — Protest der gesamten Judenheit. — Zionistische Einheitsfront. — Beratungen der Agencymltglleder. —• Konferenz der jüdischen Gemeinden. — Tagung der Poale Zfon. — Aeußerung Cooks. (Von unserem Korrespondenten.) —g. Warschau, 26. Mai 1930. Die zeitweilige Sperre der Einwanderung nach Palästina hat in Polen einen ungeheuren Entrüstungssturm hervorgerufen. Es ist eine spontane Auflehnung des ganzen Volkes gegen das ihm zugefügte Unrecht und die riesigen Protestversammlungen und Manifestationen in allen Städten Polens sind der stärkste Ausdruck der Gefühle, die jetzt die zahlreichste Juden- Siedlung der Welt beherrschen. Die polnische Judenheit ist am schmerzlichsten durch das neue Einwanderungsverbot getroffen. Ist sie doch zusammen mit dem Weltjudentum nicht nur politisch tief verletzt worden durch die hier als unerhört betrachtete Handlung der gegenwärtigen englischen Regierung, aber darüber hinaus empfinden die jüdischen Massen in Polen das Geschehene als härtesten Schlag für sich, für ihr nacktes Leben. Für keinen jüdischen Volksteii in der Welt ist das Emigration sproblem so brennend wie für die polnischen Juden. Und Palästina ist doch das einzige Immigrationsland, wenn auch leider noch nicht für größere Massen, aber immerhin für einen ansehnlichen, und zwar allerbesten, weil aus produktivsten Elementen bestehenden Teil der Auswanderer aus Polen. Deshalb wirkte die letzterfolgte Sperre so erschütternd nicht nur auf die zionistische Bewegung in Polen, sondern auf die gesamte Judenheit. Zum einstimmigen, eindrucksvollen Protest vereinigten sich sämtliche zionistischen Föderationen aus allen Landesteilen und erließen gemeinsam einen Aufruf, worin über das Geschehene Aufklärung gegeben und zur energischen Fortsetzung der zionistischen Arbeit aufgefordert wird. Besonders imposant gestaltete sich die Protestkundgebung der hierfür speziell einberufenen Sitzung des polnischen Teiles der Agency gemeinsam mit den Mitgliedern der Parteiräte der zionistischen Föderationen. Zionisten und Nicht- Zionisten sprachen von der ungerechten Verordnung der engtischen Regierung und dem unerschütterlichen Willen zur Ueber- Windung aller Widerstände. Hervorzuheben seien die Ausführungen des Nichtzionisten Dr. Goldflamm, welche u. E. von manchen mißverstanden wurden. Dr. Goldflamm betonte, daß wir weiterhin dem englischen Volke Glauben schenken sollen, daß wir unbedingt zu einer Verständigung mit den Arabern gelangen müssen und daß wir die Situation auch teilweise verschuldet haben, indem z. B. die polnischen Juden noch immer zu wenig materielle Mittel zum Aufbau des Landes beigetragen haben. Diese Betonung unserer eigenen Pflichten Erez-Israei gegenüber zeugt nur von einer engeren Verbundenheit der Nichtzionisten mit unserer Sache. Dem beschlossenen Proteste schlossen sich sämtliche Ratsmitglieder der Agency in Polen an und es wurde ein Memorandum ausgearbeitet, das dem englischen Gesandten in Warschau durch eine Delegation der polnischen Agency-Vertretung überreicht werden wird. Der jüdische Parlamentsklub, als legitimer Vertreter der drei Millionen polnischer Juden, wandt־׳ sich an das engtische Parlament und an die Vertreter der drei englischen Parteien mit einem Protest und einer ausführlichen Darlegung, warum der letzte Schritt der englischen Regierung im Wider- Spruch zum Mandat stehe und die elementare Gerechtigkeit verletze. Am 29. Mai haben in Warschau Abgesandte sämtlicher jüdischerGemeinden Polens sieh zum Protest vereinigt. So wird es der ganzen zivilisierten Welt und insbesondere England klar werden, welche Stimmungen und welch starker, unbeugsamer Wille das jüdische Volk beherrscht, das entschlossen sei, weiterhin mit allen seinen Kräften am Wiederaufbau Erez-Israels, auch bei den größten Schwierigkeiten, mitzuarbeiten. Innerz ionist i sc 11 wirken sich natürlich die Ereignisse ebenfalls stark aus. Allgemein wird die Einberufung eines außerordentlichen Kongresses verlangt. Wenn auch keine Meinungsverschiedenheit darüber besteht, daß die Exekutive in London energischer als bisher Vorgehen müsse, ist aber die überwiegende Mehrheit der Zionisten in Polen der Meinung, daß Präsident Weizmann seine Entschlüsse frei zu fassen habe, und nur die Revisionisten nützen jetzt die Gelegenheit, um die Leitung anzugreifen. Der von der ,.J. R.“ bereits zitierte Artikel von Dr. Göttlich im ״Hajnt“ (,.Präsident Weizmann muß demissionieren“) gibt nur eine persönliche Meinung wieder, die auch von der dem Verfasser nahestehenden Gruppe nicht gefeilt wird. Sämtliche zionistische Föderationen halten Beratungen ab. ln Warschau, Lemberg und Krakau tagten Parteiratssitzungen der allgemeinen Zionisten, in Warschau fand eine gemeinsame Beratung der drei Zentralkomitees der allgemeinen Zionisten sowie gemeinsame Konferenzen aller Föderationen statt. Die Poale Zion hatten gerade ihre Landeskonferenz, als die Nachricht von der Einwanderungssperre anlangte. Die Konferenz beschäftigte sich sehr ausführlich mit der geschaffenen Lage, die von den Poale Zion desto schmerzlicher empfunden wird, da doch ihrerseits große Hoffnungen auf die Regierung der Labour Party gesetzt wurden. Die Tagung sprach auch weiterhin der Labour Party in England ihr Vertrauen aus und gab der Meinung Ausdruck, das letzte Verbot sei ein Schritt der Bürokratie des K o I o n i a I m i n i s t e r i u m s. Diese Bürokratie bezeichnete übrigens einige Tage später im Gespräche mit einem Vertreter der Poale Zion der Delegierte der englischen Bergarbeiter, Cook, welcher in Krakau am internationalen Bergarbeiterkongreß teilnahm, als a n t i s e m i - tisch und sprach mit großem Verständnis und Anerkennung vom Wiederaufbau Palästinas. Cook gab die Versicherung, er werde sofort nach seiner Rückkehr nach England in der zionistischen Sache vorsprechen. Rücktritt Meyer Weisgals Das offizielle Organ der amerikanischen Zionisten ״T h e New Palestine“ teilt mit, daß der Chefredakteur des Blattes, Meyer Weisgal, der seit 1914 eine führende Stellung in der zionistischen Beamtenschaft Amerikas inne hatte, von seinem Posten zurückgetreten ist. Weisgal bleibt jedoch bis zur Konvention in Cleveland, die bekanntlich am 29. Juni stattfindet Sekretär der Organisation. Wer die Leitung von ״New Palestine“ übernimmt, wird nicht mitgeteilt. Das Blatt veröffentlicht auch einen Bericht über die Sitzung der zionistischen Landesexekutive (— Landesvorstand), in weieher Weisgal die Gründe seiner Demission dariegte. Er sagt u. a.: ״Um meiner Kollegen wallen, die heute und in Zukunft als bezahlte Beamte der Zionistischen Organisation Dienst tun, halte ich es für meine Pflicht, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß die Haltung gegenüber den bezahlten zionistischen Beamten, die sich in der letzten Zeit entwickelt hat, die Grundlagen der Bewegung in Amerika bedroht. Der Grundsatz ,noblesse oblige‘ ist verschwunden; man gebraucht diesen Beamten gegenüber einen spöttischen Ton, als ob Geld allein eine Vergütung für Interesse, Hingabe und Auf- Opferung wäre. Wenn dieser Geist bestehen bleibt, wird er die Beziehungen zwischen den Zionisten und denen, die wegen ihrer Eignung zur Führung der täglichen Geschäfte berufen wurden, gründlich zerstören.“ Zehn Jahre Berliner Jüdische Volkspartei Tee-Abend in der ״Alhambra“. Die Jüdische Volkspartei veranstaltet am 4. Juni auf dem Dachgarten des Hotels ״Alhambra“ einen Tee-Abend, um im Kreise ihrer Freunde ihr zehnjähriges Arbeitsjubiläum zu feiern. Die außerordentlich gut besuchte Veranstaltung wurde von Philipp Grün bäum eröffnet. Hierauf spielte die Kammermusikvereinigung des Bar Kochba-Hakoah einen Satz aus einem Schubertschcn Streichquartett. Dr. Alfred Klee wies auf die Erfolge der Volkspartei in der Vergangenheit hin und wünschte der Volkspartei für die Zukunft Erfüllung ihres Zieles als Erhalterin des jüdischen Volkstums. Sozialpolitik und kulturelle Arbeit sind für uns besonders wesentlich. Direktor Georg Ka r e s k i wies auf die kommenden Wahlen hin. Er kritisierte die unlebendige Arbeit des Landesverbandes und meinte, es werde sich jetzt zeigen, ob die Juden die Aufbauarbeit der Volkspartei auf allen Gebieten wünschen. — Oberkantor Alter, Hannover, trug einen für den Tag verfaßten Mischeberach sowie einige jüdische Volkslieder unter großem Beifall vor. Von Mitgliedern des Bar Kochba-Hakoah wurden Violinsoü gespielt. Ministerialrat Ooslar betonte die Wichtigkeit der Verbindung mit der Jugend. Wenn die Liberalen das Wahlalter von 21 Jahren haben wollen, dann werden sich die Folgen für sie zeigen. Nach den Wahlen wird der Kampf um die jüdische Schule die Hauptaufgabe sein. Zum Schluß las Sammi G ronemann ein Kapitel aus einem unveröffentlichten Roman vor, welches die öründungsversammlung eines sich mit dem ״Wohl“ der Ostjuden befassenden Vereines behandelte. Damit fand der offizielle Teil der Feier seinen Ab- Schluß. Die Regelung der jüdischen Emigration Am 27. Mai fand in Berlin unter dem Vorsitz des Herrn Dr. Oscar Cohn die ordentliche Sitzung der Exekutive der Emigrations-Vereinigung Hias-Ica-Emigdirect (Hicem) statt. A11 der Sitzung nahmen teil die Mitglieder der Exekutive Herr Justizrat Dr. Blau-Frankfurt a. M., Herr Dr. Benjamin-New York, Professor Mittwoch, Leo Motzkin, Dr. M. Kreinin, Direktor Edouard Oungre, Oeheimrat Dr. J. Stern und die Herren Dr. Alfred Klee und Dr. Bärwald als Gäste. Aus den Berichten ist hervorzuheben, daß im vergangenen Jahre die jüdische Aus- Wanderung über 45 001) Seelen betrug, also um etwa 7000 mehr als im Vorjahre. Die Zunahme der Wanderung ist hauptsächlieh der erhöhten Einwanderung in Brasilien, Palästina und die westeuropäischen Länder (Frankreich, Belgien) zuzuschreiben. Mit besonderer Genugtuung wurde das energische Eingreifen der Hicem im Zusammenhänge mit der überraschend eingetretenen Sperre der Einwanderung nach Südafrika hervorgehoben. Es gelang, während der kurzen Periode von zwei Monaten, die bis zum Inkrafttreten des neuen Einwanderungsgesetzes noch verblieben waren, über 400 jüdische Emigranten aus Litauen und Polen in schnellstem Tempo nach Südafrika zu befördern. Zur Sprache kam auch die Frage Perus, welchem Lande die jüdische Presse in der allerletzten Zeit Aufmerksamkeit zuwendet. Ohne zu den verschiedensten Kolonisationsprojekten betreffend Peru Stellung zu nehmen, mußte doch die Exekutive der Hicem feststellen, daß es vorläufig — ebenso wie die anderen noch wenig erforschten südamerikanischen Länder — für eine größere jüdische Einwanderung nicht in Betracht kommt. Das bayerische Schächtverbot wird, nachdem das betreffende Gesetz im bayerischen amtlichen Gesetzblatt erschienen ist, am 1. Oktober d’. J. in Kraft treten. Sofern die Reichsregierung, in Wahrung der Bestimmung der Reichsverfassung auf Schutz aller anerkannten religiösen Gemeinschaften, nicht cingreifen sollte, ist das bayerische Schächtverbot endgiltig. im Haushaltsausschuß der Stadt Berlin kam ein Antrag der Nationalsozialisten zur Abstimmung, der eine Einführung des Schächtverbots für Berlin forderte. Für den Antrag stimmten nicht nur die Nationalsozialisten und die Deutschnationalen, sondern auch die Deutsche Volkspartei und die Wirt- Schaftspartei. Der Antrag wurde jedoch mit den Stimmen des Zentrums, der Demokraten, Sozialdemokraten und Kommunisten abgelehnt. Otto Warburg-Feier. Am 2;t. Mai fand in Reehoboth eine nachträgliche Feier anläßlich des 70. Geburtstages von Herrn Professor Otto Warburg statt. Herr Professor Warburg ist der Leiter der landwirtschaftlichen Versuchsstation und Vorsitzender des Direktoriums der Palestine Land Development Co. Die Versuchsstation hat bei Reehoboth einen ״Akkliraatisationsgarten“ angelegt, der den Namen von Herrn Professor Warburg tragen wird. Am 20. Mai wurden in diesem Gaden Bäume angepflanzt. Die Festansprachen hielten Herr Ussischkin im Namen des Keren Kajemeth Lcjisrael, Dr. Magnes im Namen der Universität, Herr Smilanski für die Siedlungen, Herr W i I k a n s k y für die Versuchsstation und Herr Dr. Jakob Thon im Namen der Palestine Land Development Co., zu deren Gründern Herr Professor Warburg zählt und in deren Direktorium er seit über 20 Jahren den Vorsitz führt. Zionistische Landeskonferenz in Ungarn. Am 25. v. M. fand in Budapest die Landeskonferenz der ungarischen Zionisten statt. In Anwesenheit von ca. 50 Delegierten und nach langem polemischem Kampf wurde eine Leitung unter starker Teilnahme der Jugend gewählt. Die Konferenz stand unter dem Eindruck der fetzten zionistisch-politischen Ereignisse und nahm zu diesen in einer einstimmig angenommenen Resolution Stellung, in welcher sie neben dem Protest gegen die Sperre der Einwanderung auch jener Hoffnung Ausdruck gibt, daß die Exekutive ehestens die Möglichkeit zur praktischen Lösung finden wird. Zum Präsidenten des Landeskomitees wurde Dr. Eduard Izsäk gewählt. Von den einstmaligen Präsidenten und anderen leitenden Persönlichkeiten der Organisation wurde ein Präsidial- Rat gebildet. Sehr bemerkenswert und erfreulich ist die gute Entwicklung der Fonds und das starke Vordringen der Jugend. Sterbefall, ln Frankfurt verstarb im 76. Lebensjahr der frühere Bankier Herr Ludwig Schiff, ein führende? Mitglied der Frankfurter Jüdischen Gemeinde. Er war ein Bruder des verstorbenen großen amerikanisch-jüdischen Philantropen Jacob Schiff. Ludwig Schiff war der Schwiegervater von Legationsrat Professor L>r. M. Sobernheim, Ortsgruppen Frankfurt a. M. Am Donnerstag, dem 12. Juni, abends S'/ä Uhr, findet in der Frankfurt-Loge eine große Protest- Kundgebung gegen die Einwanderungssperre in Erez-Israei statt. Redner aller zionistischen Parteien werden sprechen. Mannheim. Das jüdische Lehrhaus unter der ganz vorzügliehen Leitung des Herrn Rabb. Dr. Grüncwald ließ durch einen hervorragend guten Vortrag von Dr. Ernst Simon Palästina als Kulturprovinz erstehen. Die Psychologie des Schulwesens, der Eltern, der Lehrer und Schüler *wurde in solch prägnanter, geistvoller und tief schürfender Weise dargestellt, daß eine Weihestunde seltener Art zustande kam, welche die sehr zahlreich erschienenen Hörer noch lange in ihrem Banne hielt. Das jüdische Lehrhaus der Gemeinde Mannheim hat durch Dr. Ernst Simons Gewinnung und Vortrag sich weitere starke Sympathien zu erwerben gewußt. Dr. O. S.

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