Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 44-45 (6.6.1930)
- Date
- 1930-06-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653198--21623-2679741- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr 44/45 8 VI. 1930 Jl/EDISCHE RUNDSCHAU Seite 305 Leo Troteki Von Gustav Krojanker. (Leo Trotzki: ״Mein Leben“, S. Fischer, Verlag.) I. Leo Trotzki, der mit seinem bürgerlichen Namen Lew Dawidowitsch Bronstein heißt, wird in dem südrussischen Dorteben Janowka als Sohn eines jüdischen Gutsbesitzers geboren; dort verbringt er seine Kindheit und steht schon damit außerhalb des jüdischen Lebens in Rußland. Seine ersten Eindrücke, die bestimmenden, sind die eines russischen Dorfkindes, dessen Tag im Rhythmus der bäuerlichen Arbeit verläuft und dessen Jahr sich nach dein Stand der Feldfrüchte gliedert. Es gibt nt Hause kein Gegengewicht: man spricht hier nicht jiddisch, und man scheint religiöse Bräuche nicht gehalten zu haben. Auch von außen wird er, wenigstens in dieser Periode, auf sein Judentum nicht gestoßen. Daß sein Vater nach den einschränkenden Gesetzen von 1881 — Trotzki war damals zwei Jahre alt — kein Land mehr hinzukaufen durfte, sondern unter dem Deckmantel der Pacht erwerben mußte, ist eine Tatsache, die auch auf das ältere Kind der Natur dieses wirtschaftlichen Vorgangs entsprechend keinen Eindruck machen konnte. Später allerdings ändert sich das Bild. Die 1887 eingeführte Prozentnorm verhinderte seine Aufnahme ins Gymnasium, verwies ihn auf die Realschule und ließ ihn noch überdies ein Jahr verlieren. Und hier ist auch der einzige Punkt in seinem ganzen Lebensbericht, in dem er dem jüdischen Ressentiment einen gewissen Einfluß auf die Richtung seines Lebens einräumt. Die nationale Ungleichheit, schreibt er, habe wahrscheinlich einen unterirdischen Anstoß zu seiner Unzufriedenheit mit dem bestehenden Regime gegeben, aber, so fügt er schnell hinzu, diese Ursache habe sich in den anderen Erscheinungen sozialer Ungerechtigkeit aufgelöst und keine selbständige Rolle gespielt. .Es scheint, daß hier die Kraft eines ursprünglichen Erlebnisses durch das korrigierende Urteil des Erwachsenen eine Ab- Schwächung erfährt. Aber wie dem auch sei: wenn man sich fragt, wieweit Trotzki ursprünglich jüdisch bestimmt war, so wird man diese Bestimmung in keinem äußeren Eindruck — nicht im engeren und nicht im weiterem Milieu, nicht in einer positven Hinlenkung und nicht in einem negativen Daraufgestoßenwerden suchen diirfen; man kann sie nur in den tieferen Schichten der geistigen Veranlagung finden und wird dabei allerdings alle Vorbehalte machen müssen, die ein so diffiziler und so wenig exakt erfaßbarer Gegenstand erfordert. Es ist schon ein besonderes Darfkind, in dem sich, kaum daß es buchstabieren kann, die Liebe zum Wort höchst machtvoll regt, dem sich unglaublich früh bereits durch geradezu gieriges Lesen die Enge des Dorfes zu anderen Welten weitet Ein besonderes Dorfkind oder eben ein jüdisches, bei dem im Lernen und Denken nur wieder etwas erwachte, was in all den Generationen vor ihm lebendig gewesen war. Dafür spricht auch sein späteres Verhalten auf der Realschule zu Odessa, wo er, eingesponnen in seine Bücher, keine der jugendlichen Freuden seiner Altersgenossen teilt. Hier, wo das Meer zum Rudern, Segeln und Angeln lud, ist nicht einmal die Tatsache des Meeres selbst in sein tieferes Bewußtsein gedrungen, sieben lange Jahre hindurch. Und wie an der Natur ging er auch an Menschen vorüber; Licht und Farbe war nur im Buch. Und wenn er an anderer Steile von der Art seines Gedächtnisses spricht, das topographisch, tnusikalisch und bildlich immer höchst mangelhaft war, im Gedankliehen dagegen den Durchschnitt weit überragte, so werden wir aus alledem auf das jüdische Sein dieses höchst unjüdischen Bewußtseins schließen dürfen. II. Mit siebzehn Jahren ist sein Leben entschieden. Er über* wirft sich mit der Familie, nimmt keine pekuniäre Unterstützung mehr an und gehört ganz der revolutionären Arbeit. Da gibt es wohl gelegentlich noch ein Schwanken in taktischen Fragen, im übrigen aber geht sein Weg kerzengerade, unbeirrt, beinahe ohne privates Dasein mehr als zwei Jahrzehnte durch Gefängnisse, Verbannung, Emigrantentum — bis zu dem Tag. Erst mit diesem Tag selbst zwar, mit der unerhörten Machtfullc, die er ihm eine Zeitlang zuwirft und in der er sich höchst königlieh bewährt, schreibt er sich in das Buch der Geschichte, aber bewundernswerter noch als der Gipfel, der im hellen Lichtschein liegt, ist dieser zähe selbstvergessene Aufstieg durch das Dunkel eines bei jedem Schritt gefährdeten und vielleicht endlosen Weges. Woher kommt der Antrieb dieses Herzens? Aus welchen Kräften speist sich der Motor zu solcher Fahrt? Auf 600 Seiten eines doch ganz persönlichen Buches heißt cs zu Beginn, an einer einzigen Stelle, daß sein sozialer Protest verankert gewesen sei ״im Mitgefühl für die Beleidigten und in Empörung über Ungerechtigkeit“. Nichts dergleichen kehrt wieder; auch nicht zwischen den Zeilen: nicht im Ton und nicht in der Atmosphäre dieses Lebensberichts. Gewiß mag der Protest des jugendlichen Herzens der erste Antrieb gewesen sein; er aber hat dem Hirn die Richtung gegeben, und das hat sich dann schnell genug selbständig gemacht. Seine Leidenschaft ist die Leidenschaft des Verstandes; seine Glut ist zu Gedanken vergletschert; und seine Gläubigkeit dient einem Gotte, der Ratio heißt Die seltsame Doppelbodigkeit des Marxismus, dessen Wesen natürlich in jedem Marxisten zum Ausdruck gelangt, scheint doch in ihm in ihrer letzten Möglichkeit verkörpert. Dieser Mann, der beinahe schnoddrig niederschreibt, daß er kein Bedürfnis verspüre nach höheren Welten, unterscheidet sich von den Metaphysikern, die er lächerlich machen will, nur dadurch, daß er glaubt, seine Metaphysik durch Physik auf lösen zu können. Er tut das durch die Anwendung einer Methode von mathematischer Exaktheit auf Betrachtungen, die in Wahrheit durchaus spekulativen Charakters sind. Wenn die marxistische Mathematik, die auf das Vergangene angewandt wird und auch da schon keine Mathematik ist, für das Künftige nicht mehr hinreicht, wird die Prophetie eingeschoben und als mathematische. Schlußfolgerung lanciert. Das führt dann zu Ungeheuerlichkeiten wie der folgenden, die sich nicht in seinem Lebensbericht, sondern in einer seiner theoretischen Schriften findet, aber hier als ein Beispiel von typischer Kraft stehen soll. ״Der rote Terror“, heißt es da, ״ist ein Werkzeug, das gegen eine dem Untergang geweihte Klasse angewendet wird, die nicht untergehen will“. Um nicht mißverstanden zu werden: auch ich glaube, daß diejenigen, die überhaupt die Verwirklichung des Sozialismus durch das Proletariat für möglich und wünschenswert halten, alle Argumente Trotzkis, die für den Terror als eine praktisch notwendige Maßnahme sprechen, werden unterschreiben müssen. Aber der zitierte Satz ist etwas ganz anderes: das ist eine höchst blutige Metaphysik, die ein ganzes System von Glaubenssätzen zur Voraussetzung hat, die sich als Mathematik gebärden. Und aus diesem Glauben an die Wissenschaftliehe Erkenntnisfähigkeit des menschlichen Verstandes bis zu solchem Grade, daß das Blut von Hunderttausenden nichts dagegen wiegt; aus dieser heiligen Dogmatik einer selbstbesesse« nen Ratio, neben der kein Gott sonst ist; aus solchem Selbstbewußtsein und solcher Gläubigkeit kommt die Möglichkeit einer Lebensführung, wie sie außer bei modernen Revolutionären nur noch bei alten Gottesstreitern gegeben war. Und gerade das macht sein Buch so bewundernswert und so unsympathisch gleichzeitig. Bewundernswert ist diese männliehe und entsagende Kraft, mit der hier einer den Weg seines überpersönlichen Ziels geht; und unsympathisch, daß er dabei andauernd recht hat. Denn auf 600 'Seiten hat er fortgesetzt recht; er hat sich niemals geirrt, und alle, die nur im leisesten von seiner Linie abweichen, nicht etwa nur die wirklichen Feinde, werden mit der absprechendsten Härte behandelt, sie werden sicher In die Hölle kommen. Ich verkenne dabei nicht, daß Trotzkis Memoiren unter anderen Umständen geschrieben wurden als sonst Memoiren geschrieben zu werden pflegen: also nicht am Ende eines Lebens, auf der Höhe eines erreichten Ziels, behaglich Rückschau haltend, sondern auf dem Gipfel des Lebens, entmachtet und als Kampfmittel. Und trotzdem bleibt ein Rest polemischer Haltung, gedanklicher Unerbittlichkeit und schneidender Kälte, die nicht aus den Umständen, sondern aus der Natur eines Mannes kommen, dem schon in seiner Jugend Bücher näher gestanden haben als Menschen und Gedanken näher als die Natur. Wenn der Begriff des dialektischen Theoretikers noch nicht existiert hätte — Trotzki hätte ihn zum erstenmal in die Welt gesetzt Und nun kommt eine Frage, die mit äußerster Vorsicht anzufassen ist, wieweit ist das alles jüdisch? Ich muß gestehen, daß ich den russischen Revolutionär nur aus den Darstellungen kenne, die er in der schönen Literatur der Russen gefunden hat. Danach würde zwischen der rationalistischen Klarheit Trotzkis und dem mystischen Getriebenwerden des russischen Menschen, dessen Opposition und dessen Sehnsucht aus ganz anderen Quellen kommen, ein erheblicher Unterschied bestehen. Aber das ist kein ausreichender Maßstab, weil wir nie wissen, wieweit der Dichter in solchen Menschen sich selber gegeben hat, und weil diese Literatur auch meist noch aus der vormarxistisehen Zeit des Narodnischestwo stammt. Sehr lehrreich dagegen wäre der Vergleich mit dem Menschen Lenin, für den mirleider die Voraussetzungen fehlen, weil alles, was an Biographischem über ihn bisher deutsch erschienen ist, über sein inneres Getriebe keine Auskunft gibt. Es bleibt nur ein Punkt, an den man sich halten kann: nämlich an die Tatsache, daß der Marxismus von Marx stammt, will sagen: daran, daß es ein Jude der Assimilationszeit war, der zuerst seine Welt restlos entgottet hat, um ihr dann durch den wissenschaftlichen Materialismus einen neuen bewegenden Gott zu setzen, einen aktiv-kämpferischen und unbarmherzigen, der aber am Ende der Dinge das messianisehe Reich herbeiführen wird. III. Es ist fraglos, daß Trotzki in seiner Bedeutung für den Sieg der russischen Revolution unmittelbar neben Lenin genannt werden muß. Und es scheint auch fraglos richtig, daß Lenin ihm in der schwierigster, und wichtigsten Zeit ein unbegrenztes Vertrauen entgegengebracht hat: durch ihn hat er die Verhandlungen von Brest-JLitowSk führen lassen; ihm hat er im Bürgerkrieg eine grenzenlose und unkontrollierbare Macht übertragen. Und es wird bestimmt nicht viele Gestalten in der Geschichte geben, die eine solche Macht mit einer so genialisehen Fähigkeit und gleichzeitig mit einer solchen Unterordnung des Persönlichen unter die Sache ausgeübt haben. Die Geschichte des Zuges“ — das heißt: jenes Eisenbahnzuges, mit dem er von Front zu Front eilte und durch den er als Kopf und Seele aller Kriegscreignisse jener Jahre den Sieg der Revolution wahrscheinlich überhaupt erst ermöglicht hat — ist ein wahrhaft heroisches Kapitel in der Geschichte aller Zeiten. Gleichzeitig beweist cs, wie große männliche Eigenschaften durchaus nicht, wie man besonders in Deutschland glaubt, der militärischen Züchtung bedürfen; dieser jüdische Schriftsteller, dem alles Militärische fremd war, bewährte alle soldatischen Tugenden in einem erstaunlichen Grade. Allerdings war er ein Soldat, der wußte, warum er es war. Wenn Lenin die proletarische Diktatur herbeigeführt hat — Trotzki hat ihren Bestand ermöglicht. Aber alle Leistungen haben ihm nichts genützt Aus der Fülle der Macht haben die eigenen Genossen ihn in die Ver* bannung gejagt; da sitzt er wiederum entmachtet, nur jetzt — formell wenigstens — im Namen der von ihm verfochtenen Idee. Und formell hat er tatsächlich kein Anrecht auf seine bittere und bewegte Klage über den Mangel an jener Meinungsfreiheit, den doch gerade er als wesentliches Prinzip der proletarischen Diktatur proklamiert hat Aber materiell hat ihn ein wahrhaft tragisches Schicksal getroffen: dieser Internationalist reinsten Geblüts ist an eben diesem Internationalismus gescheitert. Seine Rechnung, die scheinbar so glatt aufging, ist in dem einen Punkte nicht aufgegangen, der ihm immer am untergeordnetsten erschienen war, in seinem Judentum. Wenn er selbst sagt, daß bei ihm immer ״das Gefühl des Vorrangs des Ganzen über das Partielle, des Gesetzes über das Faktum“ vorherr* sehend gewesen sei, so wird man jetzt, wo er bei vollem Sieg des Gesetzes eben durch das Faktum und das Partielle zu Fall gekommen ist, die Frage aufwerfen dürfen, ob er hier nicht irrtümlich zwei Dinge aus einander heterogenen Sphären in die Beziehung der logischen Subordination gesetzt hat Man hat darüber gestritten, ob der Antagonismus Trotzki- Stalin aus persönlichen Machtkämpfen oder aus theoretischen Differenzen zu erklären ist. Nun ist es schwer, sich irt der bolschewistischen Theologie zurechtzjifinden, um so mehr, als Trotzki selbst zu gibt, daß die herrschende Richtung heute, wie er es ausdrückt, von eien Splittern seines Oppositionsprogramms lebe, aber der Eindruck bleibt vorherrschend, daß hinter dem persönlichen Kampf um die Macht tatsächlich etwas Sachliches steht, etwas Sachliches allerdings, das aus dem Gegensatz zweier menschlicher Welten kommt. Internationalist nämlich und Internationalist — das ist ein Unterschied. Man braucht gar nicht an die zweite Internationale zu denken, die ihren Internationalismus so schnell und so gründlich eingepackt hat, als es galt, ihn zu bewähren. Es dürfte auch in der dritten Internationale einen Unterschied zwisehen den Radikalen des Verstandes und denen von Geblüt geben; anders ausgedrückt: zwischen denen, die auf Grund ihres Programms wissen, daß man die Nation überwinden muß, und denen, die wirklich gar keine haben, die also auch nichts zu überwinden brauchen. Trotzki hat nie eine gehabt; für ihn hat immer nur die Menschheit schlechthin in einem beinahe unvorstellbaren Grade von Abstraktion existiert. Die Menschheit, die noch der entschlossenste Kommunist normalerweise durch das Medium des Volkes, dessen Glied er ist, empfinden wird, hat jener wirklich im leeren Raum konzipiert Für ihn gab es kein russisches und kein jüdisches Volk, sondern höchstens ein mehr oder weniger geeignetes Objekt zur ersten Experimentierung seines menschhcitlichen Gedankens. Er nennt Jaurhs und Bebel;,tief national“ und behauptet, daß deshalb beide, obwohl Jaurhs in der Blüte seiner Kraft fiel, rechtzeitig starben. Und national ist für ihn ein schweres Schimpfwort, das er heute Stalin, Worosehilow und dem ganzen herrschenden Kreise immer wieder zuruft Wenn man nun aber sagt, wie z. B. S. Saenger, daß der Gegenstand zwischen Trotzki und Stalin der zwischen nationalem und internationalem Sozialismus sei, so Ist das in dieser Form, wie mir scheint, unzureichend ausgedrückt Denn was heißt das praktisch? Auch die sogenannten Nationalisten fördern die internationale Revolution, soweit sie können, und würden sich sofort mit ihren ersten Nachfolgern aufs Innigste verbinden. Nein, es ist ein menschlicher Unterschied, den zu bemerken man nur in der ersten revolutionären Zeit keine Muße gefunden hat Sein Judentum, sagt Trotzki selbst, habe in den Jahren des Aufstiegs der Revolution keine Rolle gespielt. Aber dann, unglaublich schnell sogar, kam etwas wie eine Stabil!- sierung und Besinnung. Neuer bäuerlicher Nachwuchs drang in die Parteizellen, und wie In der französischen Revolution der universale Gedanke gleichzeitig mit einem bis dahin unbekannten Patriotismus verbunden wurde, dem Stolz nämlich einer bestimmten Grupne, Träger solchen Gedankens zu sein, so ist auch aus dem Kosmopoütismus der proletarischen Diktatur der spezifisch russische Gedanke geworden: etwas von jenem Gefühl, das bei Dostojewsky immer wiederkehrt, wenn er den Muschik zum Träger der Menschheitsidee macht. Das sieht bestimmt nicht im Programm, aber auch, was nicht im Programm steht, kann in der Welt sein. Trotzki selbst führt den Verlust seiner Macht zurück auf den ״Niedergang des Einflusses besthnmter Ideen und Stimmungen in der führenden Schicht de! Revolution oder den Niedergang der revolutionären Strömungen bei den Massen selbst oder beides zusammen“. Und an anderer Stelle: ״Antisemitismus und AntitroyzJdsmus nährten sich aus der gleichen Quelle: der kleinbürgerlichen Reaktion gegen den Oktober“. Aber das ist, nur marxistisch ausgedriiekt, nichts anderes als eine Bestätigung unserer Diagnose, die uns leicht fällt, weil sie das alte, uns schon so bekannte Bild ergibt: in . " " ’ ' ' ... . bei dem ersten Beginn einer wiederkehrenden Ordnung haben sie wieder im Hintergrund zu verschwinden. Der Fall Trotzki ist nichts als eine Wiederholung dieser geschichtlichen Tat- Sache, die allerdings diesmal besonders eindringlich wirkt: eindringlich durch die überragende Gestalt Trotzkis und eindringlieh durch den ungeheuren Widerspruch zum theoretischen Programm der ausschiießenden Partei. IV. Es gibt ein Theaterstück ״Der rote General“ von Hermann Ungar, in ihm ist Trotzkis Schicksal dichterisch vorweggenommen. Dieser jüdische General, den die eigenen Leute haben fallen lassen und den die Kugeln der Weißen durchbohren, stirbt, indem er noch schnell einen Auftrag zur Sicherung des revolutionären Gedankens gibt. Was liegt darin? Darin liegt die Vorstellung: wir sind erst am Anfang; es ist nicht möglich, die menschliche Kreatur von heute auf morgen zu ändern; aber wenn erst die klassenlose Gesellschaft sich wahrhaft durchgesetzt hat, wird auch mein Schicksal nicht mehr möglich sein. Es liegt darin der Gedanke: ich erlebe hier einen persönlichen Unfall, aber kein im höheren Sinne tragisches Schicksal. Auch Trotzki hat seinen Sturz mit solchen Gedanken aufgenommen, mit solchen würde er sterben. Die Richtigkeit dieser Auffassung ist für uns — ich will nicht sagen: entscheidend. Nicht entscheidend deshalb, weil wir das Judentum für einen Wert halten und deshalb seine Erhaltung erstreben, auch wenn die Frage der äußeren Judennot durch Umgestaltung der Gesellschaft gelöst werden könnte. Aber nichtsdestoweniger ist sie wichtig wegen all derer, die sich uns verschließen, weil auch sie die jüdische Frage als ,.Faktum und als Partielles“ unter ein Gesetz stellen, mit dessen Erfüllung auch sie ihre Lösung finden soll. Die Möglichkeit der klassenlosen Gesellschaft ist hier nicht zu diskutieren; sie sei unterstellt. Sie würde gebildet sein aus einer wirtschaftlichen Vereinigung der Nationen, die nicht nur als Zellen der Gesellschaft bestehen bleiben, sondern sogar ausgestochener und zahlreicher sein werden als unter einem imnerialistischen Regime. Der Konfliktstoff, der aus Wirtschaftlichem Antagonismus kommt und Hauntursache blutiger Auseinandersetzungen bildet, wäre beseitigt. Gar nicht beseitigt aber wären alle natürlichen Gruppenunterschiede. Alle bayerisehen Sowjets der Welt werden immer ihre Sonderbelange haben, und der nützliche Wettbewerb wird immer von gehässitren, wenn auch jetzt ungefährlichen Reibungen begleitet sein. Weshalb soll nun eigentlich das Fremdheitsgefühl gegenüber dem Juden verschwinden? Der Antisemitismus, der sich zwar auch auf wirtschaftlichem Gebiete äußert, hat doch keine wirtschaftlichcn Ursachen; er kann also nicht mit einer Veränderung der wirtschaftlichen Grundlagen aufgehoben werden. Eher Im Gegenteil: die ״Agresslonsneigung“ der Menschen wendet sich nach Freud bei Befriedung im Innern nach außen, im Rahmen der klassenlosen Gesellschaft gibt es dann sogar nur noch ein einziges Außen: nämlich die aus irgendwelchen Gründen als fremd empfundenen Elemente im Innern der sonst befriedeten Gruppen, vor allem also die Juden. Und das heißt, daß die Judenfragc nicht ein Partielles gegenüber dem Ganzen der wirtschaftlichen Umgestaltung, sondern ein Sonderproblem ist, das eigenen Gesetzen unterliegt. Daß es überhaupt zu einer anderen Auffassung kommen konnte, liegt im Wesen nicht mir des Kommunismus, sondern Jeder großen Menschheitsidee, die immer gleichsam ein Becken bildet, in dem alle menschliche Sehnsucht und alles menschliche Leid sich stauen in der Erwartung, daß nur ein Ventil geöffnet zu werden brauche, damit es entströmen und dann für immer entschwunden sein könne. Man spielt jetzt einen (künstlerisch und propagandistisch hervorragenden) Russenfilm ״Das Lied vom alten Markt“, in dem nicht nur Armut, sondern schlechthin alles, was diese Erde vom Paradies unterscheidet, nämlich Roheit und Stumpfsinn und Liebesleid und natürlich auch die Judenfrage durch den Kommunismus kurzerhand aus der Welt geschafft werden. So war auch die französische Revolution schon mit dem Anspruch aufgetreten, ein harmonisches Reich der Sitten, allgemeinen Wohlstandes und Glückes herbeizuführen. Aber nachher war es nur ein Paradies für Bourgeois, und bei Licht besehen auch für die kein Paradies, sondern nur die Zeit ihres bestimmenden Einflusses. Was das kommunistisehe Paradies angeht, so sind in ihm Judenfrage und Liebeskummer, ein lächerlicher ideologischer Ueberbau, wirtschaftlich aufgehoben. An einer Konzeption dieser Art ist Trotzki gescheitert, und deshalb ist sein Sturz kein persönlicher Unfall, sondern ein tragisches Schicksal. Der Heimatlose hat im Namen der Menschheit 120 Millionen landhungriger Bauern die Scholle gegeben. Darauf sitzen sie nun und bekunden sehr wenig Neigung für das Prinzip, auf Grund dessen sie sie bekommen haben. Der Fall Trotzki ist nur ein Symbol für unsere tragische Situation überhaupt. Noch deutlicher wird sie durch das Schicksal der 2ג/י Millionen russischer Juden: die sind durch alle Pogromgreuel der Gegenrevolution in ein Sowjet-Rußland geiangt, das sie zwar vor Pogromen bewahrt hat, aber vor dem gesellschaftlichen Antisemitismus so ohnmächtig ist, wie nur irgendein kapitalistischer Staat; und sollte das Regime sich ändern, so werden sie die ersten Opfer der neuen Umwälzung sein, und zwar in einem selbst für die jüdische Geschichte bis dahin unbekannten Ausmaß. Mgr. Barlassina abberuieii Rom, 29. Mai. (J. T. A.) Die italienische Presse bestätigt die Nachricht, daß der päpstliche Legat in Jerusalem Mgr. Louis Barlassina demnächst in den Ruhestand tritt und daß auch sein Assistent, Bischof F ei I in g e r, Palästina verlassen und nach Rom zurückkehren wird. Ein Teil der italienisehen Presse greift die Zionisten an, weil diese angeblich ihren Einfluß bei der britischen Regierung ausnutzen, und diese veranlassen, die Rückberufung Barlassinas zu fordern. —- Vor einigen Tagen meldeten amerikanische Zeitungen, daß die britische Regierung den Kardinal-Staatssekretär in Rom ersucht hat, Mgr. Barlassina und Bischof Fellinger von ihren Posten abzuberufen; dabei erklärte der britische Gesandte beim Vatikan, daß Barlassina und Fellinger eine Wiederau näherung der Araber an die Juden in Palästina zu verhindern suchen.