Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1930-05-30 · Heft 42-43 (30.5.1930) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 42-43 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2651273-2653156-2653197--21611-2679728
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 294 JÖEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42/43, 30. V. 1930 Politische Diskussion Was nun? Von Jechiel Haller, Karlsruhe. Ais die unmittelbare Erschütterung der jüdischen, und besonders der zionistischen Welt nach den August-Ereignissen in Palästina abilautc, setzte sich bei vielen Zionisten das Gefühl fest, daß dieses Geschehen einen Umbruch in unserer bishörigen Entwicklung bedeuten werde; daß wir in den Dingen und in unserer gewohnten Einstellung zu entscheidenden Fragen unserer Bewegung an den Zustand vor den Ereignissen in nicht langer Zeit nicht mehr ohne weiteres werden anknüpfen können. Die gerade Linie habe einen Knick erhalten. Unser gewohntes Denken werde eine Umstellung erfordern. Was seither geschehen ist, hat diese Annahme weitgehend gerechtfertigt. Die zionistische Welt steht unter einem ungewohnlichen, ihren tiefsten Bestand aufwühlenden Druck. Wir verspüren ein bedenkliches Schwanken in unserer Basis. Ba• sis? Die Jüdisch-Nationale Heimstätte hat keine Basis — das ist die Erkenntnis, die seither wohl den meisten von uns aufgegangen ist. Ralfour-Deklaration und Mandat, Regierungserkläru!!gen und einflußreiche Freunde sind realpolitisch so mangelhafte Stützen für unsere Sache, daß diese — das Gefühl drängte sich manchem von uns auf — zwischen ihnen hindurch auf den Boden fallen kann. England, die Stütze unseres Höffens, der Freund der Juden und der Treuhänder der Welt für den!ן Neubau unserer Zukunft, dieses England hat uns in einer krisenhaften Zeit ein Gesicht gezeigt, das uns sehr ernüchterte. England — nicht die Araber — stellt sich für uns heute als das'Problem dar. Das steht jetzt fest. Die Weltgeschichte ist ein großes Lehrbuch, sie hat aber noch keinem Volke eine bittere Erfahrung erspart. Es muß jedes sein politisches Lehrgeld zahlen, um daraus für seine Zukunft zu lernen. England hält an der Balfour-Deklaration fest Es will uns nicht verraten. Zehn Jahre englischer Mandats- und Palästinapolitik in Wechselreicher Konjunktur liegen jedoch hinter uns, und das muß genügen, um uns aus unserem politischen Schülerverhältnis zu emanzipieren. Wir müssen endlich klar sehen. England führt in Palästina keine jüdische, sondern reine englische Politik. Es hat vielfältige weltpolitische, unsere Ziele kreuzende Interessen und der Grad, in dem es den Bau der Jüdischen Heimstätte zuläßt, ist die genaue Resultante dieser sich widersprechenden Kräfte. Die übliche Konstruktion eines unbegreiflichen Gegen- Satzes zwischen Gewolltem in London und Erfülltem in Jeru- Salem ist wohl inzwischen von Jedem fallen gelassen worden. Was wir als festen und unverrückbaren Ausgangspunkt für den Beginn der jüdischen Aufbauarbeit angesehen haben, erwies sich als schwankendes Brett 1m Wellenschläge des politischen Meeres. San Remo erscheint heute als der Höhepunkt unseres politischen Werdeganges. Seither befinden wir uns andauernd in der absteigenden Linie. Nach den Ereignissen von 1920 und 1921 folgte das Churchillsche Weißbuch, nach August 1929 hat es in gleicher Weise den Anschein, daß man uns die Rechnung präsentieren will. Von der großen Konzeption einer wcltge- Schichthöhen Wiedergutmachung am jüdischen Volke ist man in England bereits bei der Ueberlegung angelangt, ob man der Fassungskraft Palästinas noch ein paar Tausend Juden zutrauen darf. Nachdem wir den von Lloyd Geoge von uns verlangten Start gemacht haben, ist man in London anscheinend erschrocken über den uns offenbar nicht zugetrauten Ernst und den Willen zur Erfüllung. ״ ׳■׳ יEs hat׳- keftaa Zweck, mit Vorwürfen׳ zu׳ kommen. ״Die Politik kennt keine Sentimente. Die Verteilung der Lasten in ihr erfolgt, wie überall, nach der Linie des geringsten Wider- Standes. Wir sind die Schwächeren. Die Balfour-Deklaration wird wohl von unserem geschichtlichen Volksgefühl als notwendiges Ergebnis unseres tausendjährigen nationalen Strebens angesehen, rea!politisch wurde sie uns in einer exzeptionellen und schnell verschwundenen Konstellation der Weltgeschichte geschenkt, und wir haben seither noch nicht die Zeit gefunden, um diese Schenkung wirklich zu erwerben. Dies wird uns nicht erspart bleiben. Haben 11ns diese ersten zehn Jahre, in denen noch die imponderabilen Momente, die der Balfour-Deklaration mit Pate gestanden haben, vor dem politisehen Herabgleiten nicht bewahren können, so sollte es uns klar sein, wie sich diese Tendenz im nächsten Jahrzehnt auswirken wird, wenn die Träger dieses geistigen Einschlages eines reinen politischen Geschehens vom politischen Schauplatz abgetreten und eine neue Generation, ״die Josef nicht kannte׳‘, mit neuen Zielen maßgebend sein wird. Kein Mensch vermag heute zu sagen, wie die Verkettung der_ Renaissance des jüdischen Volkes mit dem englischen Imperium für deren Verwirklichung ausgehen wird. Daß wir aber für uns fatalistisch die Unveränderlichkeit der Rolle eines passiven Objektes in den Kombinationen der englischen Welt- Politik hinzunehmen haben, ist etwas, wogegen sich das gesamte jüdische Gefühl, je länger je mehr, wenden wird. Die drängenden Kräfte, die die heutige zionistische Bewegung und den leidenschaftlichen Willen zu neuem nationalen Leben auf eigenem Boden hervorgebracht haben, sind heute in potenziertem Grade wirksam und es wird auf die Dauer nicht gelingen, sie an den Grenzen künstlicher Dämme zurückzudrängen. Niemand kann ein zuverlässiges Rezept für unsere heutige Lage angeben. Wie in einem dunklen Tunnel tasten wir aus der ungewöhnlich schweren Situation nach einem Ausweg. Und doch ist eines sicher: Wir müssen neue Wege einschiagen und neue Formen finden für unsere Tätigkeit im Lande selbst, und wir müssen neue Wege und Formen finden für die wcltpoliti* sehe Sicherung unseres Zieles. Stellen wir, wie bisher, die Zukunft unserer Sache vorwiegend auf den guten Willen Englands, so müssen wir uns damit abfinden, daß wir lediglich eine mit politischen Abfällen gebaute ״Heimstätte“ erhalten, ״nicht zum Leben und nicht׳ zum Sterben“. Schon bisher war die Balfour- Deklaration ein Objekt und ein Opfer seiner allgemeinen Po- litik und wir dürfen uns nunmehr über den weiteren Gang ihrer I Realisierung keiner Illusion hingeben. Die uns völkerrechtlich verbriefte Hilfe bei der Errichtung der Jüdischen Heimstätte wird nach wie vor in einer stärkeren oder schwächeren An- Ziehung der Bremse vor unseren eigenen Anstrengungen bcstehen, diktiert vom Gesichtspunkt der eigenen arabisch-politischen Interessen. Was_ sollen wir mm tun? Sollen wir es dabei bewenden, sollen wir es bei unserer bisherigen Politik bleiben lassen? Sollen die Beziehungen Englands zu den Mohammedanern Indiens, oder einer anderen Interessensphäre, in letzter Linie darüber entscheiden, ob ״das größte Ergebnis des Weltkrieges neben dem Völkerbund“ verwirklicht, ob wir Juden als Volk noch eine Zukunft haben sollen? Soll ״der Bauer auf dem Schachbrett Englands“ der letzte Sinn unseres zweitausendjährigen Golus, der jüdischen Renaissance-Bewegung gewesen sein? Wir sind schwach und ohnmächtig und England ist groß und welibeherrschcnd. Und doch muß sich in der Seele des jüdischen Volkes ein urgewaltiges Gefühl gegen eine solche Gestaltung der Dinge entwickeln. Wir sind schwach — haben aber die Kraft der Schwachen. Unsere Schwäche muß diesmal unsere Stärke werden. Gerade, weil wir zerstreut sind, steht die Welt uns offen und das politische Interesse Englands muß nicht das Interesse der Welt bleiben. Wir können und wollen mit England keinen Kampf führen, aber wir wollen auch nicht, daß sein Interesse, oder das, was es dafür ansieht, allein darüber entscheiden soll, ob die jüdischen Massen noch eine Hoffnung auf das Leben setzen dürfen, ob die tausendjährige Sehnsucht des jüdischen Volkes Erfüllung finden soll! Wir haben mir einen Weg: Wir müssen das Gewissen und die öffentliche Meinung der Welt noch in einem ganz anderen Maße aufrütteln und beeinflussen, als dies bisher geschehen ist. Soweit unsere Stimme dringen kann, müssen wir das Interesse der Menschheit für das jüdische Schicksal wachrufen und wachhalten. Die Erkenntnis unserer Propheten, daß die Wiederaufrichtung unseres Volkes nur auf dem Gewissen der Welt basieren wird, ist zur Forderung unserer praktischen Politik geworden. Wir müssen es dahin bringen, daß der Aufbau der Jüdischen Heimstätte zu einer wirklichen Sache der Völker wird und daß jede egoistische Politik von Palästina femgehalten werde. Und noch eines müssen wir tun! Es darf keinen jüdischen Winkel auf dem Erdenrund geben, von dem aus nicht die entschlossene und leidenschaftliche Forderung nach dem Recht auf unsere historische und unverjährbare Heimat, nach der ehrliehen Erfüllung des uns einmal gegebenen Versprechens der Völker ausginge und nicht mehr verstumme. Nur die Geschlossenheit des ganzen jüdischen Volkes hinter uns und das wachgerufene Gewissen der Kulturvölker für uns können uns allein das notwendige realpolitische Gewicht geben, ohne welches wir stets die Opfer der Entwicklung bleiben müssen. Mit diesem Gewicht werden wir uns die Mandatarmacht genagt und die Araber verständigungsbereit machen. Nur diesen Weg gibt es in unserer Lage und er muß mit Ueberlegung und weiterer Aushölung beschriften, mit unbeirrbarer Beharrlichkeit verfolgt werden. Judenfrage und Palästina *Aufbau Von Dr. Fritz Loewen stein, Jerusalem. in früheren Jahren war es für uns beinahe ein Axiom, daß — von rabiaten Antisemiten vielleicht abgesehen — jeder Nichtjude der zionistischen Bewegung mit Sympathie gegenüberstehe. Beim Vergleich des sich stolz zu seinem Volke und seiner Zukunft bekennenden Juden gegenüber dem innerlich unsicheren, vielfach unwürdig sich anpassenden Assimilanten mußte der Vergleich zu unseren Gunsten ausfallen. Heute liegt die Frage ganz anders. Dem Nichtjuden, der sich ein Urteil über die Berechtigung der zionistischen Bewegung bilden will, liegt es halte nicht mehr ob, Zionismus und Assimilation zu vergleichen, sondern er wird die Ansprüche der zionistischen Bewegung auf ihr Nationalheim in Palästina mit den Ansprüchen der Araber und mit ihrer Opposition gegen den Zionismus konfrontieren. Und die Abwägung der beiderseitigen Interessen fällt nicht immer zu unseren Gunsten aus. Die Araber wohnen im Lande, ihr Recht auf dieses Land, ihr Recht, sich in diesem Lande zu entwickeln und seine Geschicke mitzubestimmen, wird auch von keinem Zionisten bestritten. Demgegenüber findet der Nichtjude bei uns eine komplizierte Ideologie, die, auf die verschiedenartigste Argumentation gestützt, das Recht der Juden auf Palästina zu erweisen versucht. Der Nichtjude insbesondere, der in Palästina an Ort und Stelle mit Angehörigen beider Völker spricht und daraus zu eilten objektiven Urteil zu kummen sucht, findet auf der arabischen Seite eine völlig einheitliehe Front, ohne Differenzierung in den Meinungen, die ihren Standpunkt zur Lösung des jüdisch-arabischen Problems in wenige einprägsame Schlagworte zusammenfaßt. Mit welchem Araber auch immer der neutrale Besucher des Landes spricht, er hört dieselben Forderungen: Aufhebung der Balfour-Erklärung, nationale Regierung und Parlament, Verbot der jüdisehen Einwanderung, Verbot der Bodenverkäufe an Juden. Auf jüdischer Seite aber sieht sieh der Nichtjude einer verwirrenden Mannigfaltigkeit der Erscheinungen gegenüber. Der Revisionist, der bürgerliche Zionist, der Arbeitervertreter, der Angehörige des Rrith Schalom: jeder hat nicht nur seine Vorschläge zur Lösung des palästinensischen Problems, sondern jeder hat auch seine zionistische Argumentation und sein Endziel. Zwischen Judenstaat und binationalem Staat, zwischen jüdischer Mehrheit und Kulturzentrum, zwischen der Zustimmung zum Parlament und dem erbittertstem Kampf dagegen ist es für den Nicht- Juden schwer, sich eine klare Meinung zu bilden und nur allzu häufig wird die Primitivität des arabischen Standpunktes sich durchsetzen gegenüber den Unstimmigkeiten und Unklarheiten und gegenüber dem Uebermaß an Ideologien auf unserer Seite. Welches ist die zionistische Argumentation, die am besten geeignet ist, unsere Sache in erfolgversprechender Weise gegenüber der nichtjüiiischcn Welt zu vertreten? Beginnen wir mit einem extremen Beispiel. Dr. Magnes betont in seiner bekam!- ten Broschüre ״Like all the Nations?“, daß das Weiterbestehen des jüdischen Volkes auch ohne Palästina gewährleistet ist. Freie Einwanderung und Kolonisation sowie hebräische Sprache und Kultur sind die einzigen Forderungen, auf denen er besteht. Andere glauben, mit der Formel vom geistigen Zentrum die Ziele des Zionismus definiert zu haben. Wäre cs nun so, daß die Araber einem so verstandenen Zionismus nicht opponierten, so würden zwar viele Zionisten, unter ihnen auch der Verfasser dieser Zeilen, in derartigen Definitionen keine adäquate Bc- Schreibung des zionistischen Endziels erblicken, aber man könnte wenigstens sagen, daß hier eine Formel gefunden ist, die den arabischen Widerstand zum Schweigen bringt und damit zugleich unsere Position in der Welt wieder stärkt. Aber wir wissen, daß dem nicht so ist. Niemand wird ohne Erschütterung den Passus in Dr. Magnes Broschüre lesen, wo er seinem Erstaunen darüber Ausdruck gibt, daß die Araber selbst der Anerkennuug der hebräischen Sprache Widerstand entgegensetzen. Lind was Einwanderung und Bodenkauf anbetrifft, so richtet sich gerade gegen sie der arabische Hauptangriff. Wenn also die Versuche, durch Neudefinition des Zionismus in der oben geschilderten Art die Araber günstiger zu stimmen, sich als verfehlt erweisen, da die Araber auch den minimalsten Forderungen nicht zustimmen, so ist es ebenso unrichtig, zu glauben, daß wir durch Mininialisierung der zionistischen Bewegung und ihres Ziels uns die Sympathien der Weltmeinung gewinnen können. Es liegt gerade'umgekehrt .Um dem normalen Gerechtigkcits- Bewußtsein klar zu machen, daß im Gegensatz zu dem heute allgemein anerkanntem Prinzip in Palästina nicht die heutige Mehrheit der Landesbevölkerung schlechtweg über die Zukunft des Landes entscheiden darf, daß vielmehr in Palästina im Notfalle gegen den Willen dieser Majorität der Bevölkerung die Einwanderung und Seßhaftmachung eines anderen Volkes gestattet werden muß, muß von unserer Seite unser Interesse auf die Rückkehr nach Palästina mit dem Lebensinteresse des jüdisehen Volkes begründet werden, so daß verständlich wird, daß in dem palästinensischen Ausnalimefalle es ungerecht wäre, einseitig die arabischen Interessen zu berücksichtigen, denen eben mindestens gleichwertige jüdische Interessen gegenüberstehen. Das aber bedeutet, daß wir den Zionismus als die einzig mögliche Lösung der Judenfrage darstellen, daß wir aus der Unerträglichkeit der Lage der jüdischen Massen einerseits und der Unmöglichkeit der Auswanderung iä überseeische Länder andererseits die Folgerung riehen, daß nur auf palästinensischem Boden eine Lösung des jüdischen Weltproblems erwartet werden kann. Damit steht natürlich nicht im Widerspruch, daß wir unsere Hoffnung, in Palästina wieder za kulturschöpferischer Leistung gelangen zu können, gebührend hervorheben. Aber dieser Gedankengang allein macht auf den Außenstehenden häufig den Eindruck einer schönen und guten, aber nicht so absolut erforderlichen Sache, die gegen den Willen der eingeborenen Bevölkerung durchzusetzen man Bedenken trägt. Nur wenn klar wird, daß das Schicksal unseres Volkes mit der Verwirklichung des Zionismus unlösbar verbunden ist, können wir erwarten, daß die Gerechtigkeit unserer Sache sich neben der arabischen Argumentation durchzusetzen und zu behaupten vermag. Unsere zionistische Presse hat in den letzten Monaten ein erschütterndes Material über den Untergang des Judentums in Sowjetruß-!and, über die Katastrophe im polnischen Judentum gebracht, die Nachrichten aus dem Yemen verzeichnen Verfolgungen mittelalterlicher Art: Südafrika folgt dem amerikanischen Beispiel und schließt die Tore vor jüdischen Einwanderern: Da* sind die entscheidenden Tatsachen für die Begründung des Zionismus, für den Nachweis, daß nicht aus historischer Sentimentalität oder um einer wirklichkeitsfernen Ideologie die Juden; trotz aller Schwierigkeiten ihre Heimstätte erbauen wollen, sondern aus elementarer Lebensnotwendigkeit heraus. Es ist vielleicht nicht überflüssig, an dieser Stelle zu sagen, daß die Wiederverknüpfung von Palästinaaufbau und Judenfrage, wie ich sie oben aus Gründen unserer politischen Propaganda gefordert habe, auch für uns selbst nicht überflüssig ist Man soll nicht verkennen, daß bei den inneren Auseinander- Setzungen im zionistischem Lager nicht nur die Methoden unserer Weiterarbeit, nicht nur das Ziel unserer Sache in Diskussion steht, sondern daß auch die Frage unseres Rechts neben dem arabischem Recht gestreift und gelegentlich (Max Brod!) sogar offen behandelt wird. Wir sind in den letzten Jahren so sehr mit Aufbauproblemen beschäftigt, daß uns eine Besinnung auf den Zusammenhang zwischen diesem Aufbauwerk und der Lage des Weltjudentums nottut, einmal weil auch Methode und Richtung unserer Aufbauarbeit eben nicht nur unter palästinensischen Gesichtspunkten untersucht werden müssen, sondern auch vom Standpunkte der Lage in der Diaspora aus, aber vor allem, um uns für die Auseinandersetzung mit den Arabern, die hoffentlich in Zukunft eine geistige Auseinander- Setzung sein wird, das Vertrauen auf das Recht unserer Sache wiederzugeben, wo es erschüttert sein sollte. Man spricht bei uns von der Notwendigkeit einer politischen Offensive; ich weiß nicht, ob das ein gesunder Gedanke ist, aber, was wir brauchen, ist eine moralische Offensive, ist der Nachweis von der Lebensnotwendigkeit des Zionismus für das jüdische Volk. Die durch den Bericht der Untersuchungskommission angeregten Fragen, insbesondere der Einwanderung, des Bodenkaufs und der Kolonisation bedürfen ebenfalls, um in einer für uns befriedigenden Weise gelöst zu werden, einer auf die Grundlagen des Zionismus zurückgehenden Begründung, Es läßt sich vom Standpunkte eines bloßen Kulturzionismus aus sehr schwer begründen, warum wir an einer möglichst großen jährlichen Einwanderung interessiert sind. Für ein kulturelles Zentrum gibt es keine Frage nach dem Tempo des Aufbaus, keine Frage nach der Zahl der jährlichen Einwanderer. Jüdische Masseneinwanderung und eine breite Massenkolonisation sind nur zu begründen, wenn man die alten Grundgedanken des Zionismus dazu heranzieht Die Sympathie arabischer und proarabischer englischer Kreise für den kulturzionistischen Gedanken sollte uns zu denken geben. Die Gefahr liegt nahe, daß man uns sagt, dieses Ziel könnte mit einer Einwanderung von einigen hundert Menschen jährlich und mit der Schaffung von ein paar Siedlungen im Laufe der nächsten Jahre erreicht werden. Wollen wir das nicht, wollen wir mit Hilfe der erweiterten Agency die größten Anstrengungen machen, wollen wir in schnellem Tempo vorwärts kommen, wollen wir immer steigende Einwanderer- Ziffern, immer weitere Ausdehnung der Kolonisation erreichen und die Notwendigkeit aller dieser Dinge vor der Welt vertreten, so müssen wir zeigen, daß es sich nicht utm eine Liebhaberei, sondern um Leben oder Sterben unseres Volkes handelt. Aas englischen Zeitschriften ln der ״Empire Review“ nennt E. W. Poison Hewraan, dessen Stellungnahme zu den Palästina-Problemen wir schon mehrfach Wiedergaben, den Shaw-Bericht ein ״faires und tüchtiges Dokument“ und den besten Führer für eine künftige englische Palästina-Politik; dagegen findet er die Ausfühntngen Snells zu theoretisch und parteiisch, und meint bos- Haft, es gäbe in England keine arabischen Wahlstimmen, wohl aber jüdische, 11m die es der Arbeiterpartei allzu sehr zu tun sei. Die Kompetenzüberschreitung der Kommission sei nur zu loben, denn tatsächlich sei die Furcht der Araber, durch starke jüdische Einwanderung ihren Lebensunterhalt zu verlieren und unter jüdische Herrschaft zu kommen, die Hauptursache der August-Ereignisse gewesen. Poison Newman bemüht sich dann nachzuweisen, daß der Unterschied zwischen den Revisionisten und den ״gemäßigten“ Zionisten eigentlich mehr in der Methode als im Ziele läge, wie aus den Erklärungen Jabotinskys und Harry Sachers hervorgehe. Daher sei die Furcht der Ar aber'vor einer jüdischen Majorität ganz gerechtfertigt was auch durch die Beschlüsse des Züricher Kongresses und Aeußerungen der Zeitschrift ״The New Palestine“ bewiesen werde. Diese zionistische Politik, die auf ein ganz jüdisches Palästina hinsteuere, sei aber überaus kurzsichtig, und würde wenn sie gelingen sollte, das Schicksal der Jüdischen Nationalen Heimstätte besiegeln, da die Araber der umliegenden Länder ein jüdisches Palästina nie dulden würden und die Juden sich nicht ewig auf englischen Schutz verlassen dürften. An sich sei die Konzeption einer Jüdischen Nationalen Heimstätte gewiß ein großartiges, edles Ideal einer alten, historisehen und doch fortschrittlichen Rasse, und höchst bewundernswert seien auch die bisherigen Leistungen der Juden in Palästina; um so nachdrücklicher aber müsse man betonen, daß diejenigen Juden, die aus Palästina schlechthin ein jüdisches Land machen wollten, den Plander Nationalen Heimstätte soweit aufbiiesen, daß er zerplatzen müsse! So wenig schmackhaft auch die Sache für die Zionisten sei: Die Nationale Heimstätte habe ihre quantitativen Grenzen, hinter denen große Gefahren lägen, und die herauszufinden die Aufgabe Englands sei. Die Juden müßten lernen, sich weise zu mäßigen, und sich mit einer Beschränkung der Einwanderung abzufinden. Eine jüdische Majoritat in P a I ä s t i n a sei gerade vom jüdischen Standpunkt aus Selbstmord, wie freilich andererseits auch der Gedanke eines von der gegenwärtigen arabischen Majorität beherrschten Jüdischen Nationalen Hei ms unmöglich sei. Beides würde auch im Widerspruch zum Mandat stehen. Die arabische Majorität und die Jüdische Nationale Heimstätte, die in ihrem eigensten Interesse in der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.