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Jüdische Rundschau · 1930-05-30 · Heft 42-43 (30.5.1930) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 42-43 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 42/43, 30. V 1030 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 293 Von dieser Grundlage aus stellt nun Wiener in überaus iesselnder Weise und in einer glücklich prägnaten Formulierung die vier Strömungen dar, die sich fin nachtaimtidischen Judentum von dieser Grundlage losgelöst haben. Allen vieren war gemeinsam, daß sie die Offenbarwigsgrundlage nicht verlassen haben. Die erste war die der Karl er. Mit dem historischen Uebergang von der Bibel zum Talmud war die Bibel an zweite Stelle geruckt und wirkte nur noch durch das Medium der fortspinnenden Tradition weiter, die zur eigentlichen Autorität geworden ist. Die Karäer bestritten dem Talmud, daß er wirklich im Besitz der rechtmäßigen Auslegung ist. ״Es geht ein asketisch puritanischer Zug durch diese Religion der Rückkehr zur Thora. Die gewissenhafte Uebung der wahren Lehre des Mose sollte der beschleunigten Herbeiführung des Messiasreiches dienen“. Aber auch die Karäer kamen bald dazu, die freie Bibelforschung zu umgrenzen und ihrerseits das feste Fundament einer eigenen Tradition zu schaffen. Der Geist, der das talmudische Judentum geschaffen hatte, war auch in ihnen übermächtig. Die Religiosität der spanisch-arabischen Kultur- Periode blieb auf dem Boden der Tradition, aber sie führte zu einer Religiosität von ganz anderem Pathos und wesensverschiedenen Tendenzen. Ihren Höhepunkt erreichte sie in Maimonides. Die praktische Gültigkeit der Satzungen der Tradition stand für ihn unbestritten fest. Ebenso war ihm gewiß, daß zwischen den Lehren der Tradition und der philosophischen Vernunft volle Harmonie herrscht. Aber die Lehren der griechisch-arabischen Philosophie konnten in Thora und Talmud nur dann wieder gefunden werden, wenn in ihnen ein geheimer Sinn angenommen wurde. Diese neue Religiosität führte nicht nur zu einer ״Reinigung“ der Gottesidee, sondern auch zu einer Ueberwertung der Theorie über die Praxis. ״Das bedeutet auch hier keineswegs, daß auch nur ein Jota von Gesetz zur Erde fällt, das ist im gesamten rabbinischen Lebenskreis schlechterdings ausgeschlossen. Aber die dianoietischen Tugenden werde« über die ethischen gestellt, die Gesamtheit der Praxis als eine notwendige Vorbereitung der Seele für den Erfolg des Strebens nach reiner Gotteserkenntnis erklärt, diese selbst aber als der eigentliche Sinn des vernünftigen Menschen zum letzhin würdigen Ziel erhöht“. Damit wird auch ein neuer religiöser Individualismus in das Judentum eingeführt. An die Steife des steten Gefühls der Zugehörigkeit zum Gottesvolk, durch die der einzelne kraft seines Gehorsams seinen Sinn vor Gott empfängt, tritt, da die Wahrheit allenthalben gleich und identisch ist, eine Religiosität, die nur den wenigen zuteil wird, die sich, um Gott zu dienen, zur Höhe der Erkenntnis emporarbeiten. Wird so der einzelmenschliche Geist zum Träger der Gotteserkenntnis, dann entsteht eine Gottesgemeinde, die nicht mehr mit dem Volke identisch ist, sondern die großen Weisen und Gottsucher aller Völker umfaßt. So wird hier wie bei Spinoza die Spekulation zur persönlichen Religion, die reine Vernunft als das würdige Abbild Gottes realisiert. Diesem Gipfel metaphysischen Rationalismus tritt in Jehuda Hafevl eine romantisch-nationale Strömung entgegen. Hier soll die Tradition weder rational noch sittlich ergründet werden, sie ist das magisch-sakramentale Mittei, das dem jüdischen Menschen den Zugang zu Oott bereitet. Es gibt keine Religion, die auf natürlicher Vernunft beruht und daher auch keine, die allen Völkern gemeinsam sein könnte. Gott zu beweisen, Ist seiner unwürdig. Er kann sich nur offenbaren, und er hat sich nur dem jüdischen Volke offenbart. Gegenüber dem Rationalismus ist hier ״mit sicherem Instinkt das Eigenrecht des Religiösen erspürt, nur daß das Subjekt keine Einzelperson, sondern das Gottesvolk ist“. So stellt Jehuda Halevi einen Höhepunkt des Partikularisttnis und des fHtaalismts dar. Wie das talmudische Judentum lebte auch er I» de* Vergangenheit und!«!den Sicherheit,,einer, ,wuaclcrli*«® Zukunft, aber der Mangel einer Gegenwart und das Warten machten schließlich stumpf und müde. So kam das Verlangen nach der Oewißheit, in unmittelbarer Gegenwärtigkeit des gott■ liehen Wunders habhaft zu sein. Wes brachte dem Judentum die K a b b a! a und die aus ihr hervorgehenden Bewegungen um Sabatai Zwi und des Chassicfismus. Unter strenger Anerkennung der prinzipiellen Lebensordnung der Tradition wurde diese durch eine persönliche Religiosität von innen her ausgehöhlt. Theoretisch erfuhr die schon von der Religionsphilosopnie angewandte esoterische Auslegung der Schrift ihren Höhepunkt und wurde zur Quelle des wahren Verständnisses der Offenbarung gemacht. Heilige Persönlichkeiten brachten eine neue und höhere individueTle Lebensmächtigkeit als die Autoritäten der rabbinischen Tradition. Als Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Lehre des Chassidismus ganz auf das Gefühl der überall und unmittelbar zu erlebenden Gegenwart Gottes abgestimmt. Die göttliche Allgegenwärtigkeif führt zu einer freudeerfütlten Frömmigkeit. Diese trägt die Seele empor zu Gott, bis zur Ekstase, die aber keine mystische Vereinigung ist, sondern ,,höchst gesteigerte Bewußtheit in der Erkenntnis Gottes, welche die Seele m unmittelbarer Gegenwärtigkeit erfahren läßt, wie alles Seiende im göttlichen Urgrund ruht“. So gelangt der mystische Affekt ZU kräftigster Entladung, ohne daß im Judentum die Grenze zwischen Gott und dem Menschen überschritten wird. Der Chassidismus ist die Rückkehr zu persönlicher Frömmigkeit, aber sein Schicksal beweist, wie schwer es ist, persönliche Frömmigkeit zu überliefern. Bald tritt an ihre Stelle der Kultus der Persönlichkeiten. Bis dahin, bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts ist die Tradition niemals selbst zum Problem gemacht worden. Die Entfaltung des jüdischen religiösen Lebens und die Verlegung seines Schwerpunktes vollzog sich innerhalb der Tradition. Erst die liberale Reform hat Begriff wie Gehalt der Tradition zum Problem erhoben. Sie ist daher in allen ihren Vertretern bei all ihrer Verschiedenheit auf die Zeit vor Esra Zurückgegangen und hat ״den Sinn der biblischen Offenbarung, wie ihn das Ethos der Propheten mit Leidenschaft herausgestellt und vor Kultus und Ritus behauptet hat, gegenüber einem seit Jahrtausenden wirksamen Ritualgesetz in den Vordergrund“ gerückt. Der Kampf ging nicht um die Leugnung des in der nachbiblischen Tradition enthaltenen religiösen Gutes, sondern um das Recht jeder Generation, ihre Formen für die Oestaltung des religiösen Lebens zu schaffen und das überkommene Erbe im Sinne lebendig gegenwärtigen Geistes umzuschmelzen. Damit war aber auch der Gefahr des Subjektivismus weit das Tor geöffnet. Und mit dem Subjektivismus drohte auch die Auflösung. Hier hat dann die neue jüdische Bewegung Wandei geschaffen, als deren hervorstechendster Exponent der Zionismus, nicht in seinem politischen, sondern in seinem rein geistigen Aspekt gelten kann. Er hat eine Auflockerung und eine Neuerweckung jüdischen Wesens gebracht, die ihn zu einem religiösen Faktor gemacht haben, der zur Besinnung auf den Charakter des Judentums gezwungen hat. Ob aus dem jüdischen Leben in Palästina neue religiöse Werte hervorgehen werden, läßt sich nicht voraussehen. Aber in alten Ländern der Diaspora ist in den letzten Jahren ein neues j&disches Bewußtsein aufgebrochen. Die Frage des Verhältnisses von Tradition und Kritik, das durch 2300 Jahre im Judentum schon gelöst schien und das dann in den nachfolgenden 100 Jahren im entgegengesetzten Sinne gelöst *zu werden versuchte, steht erneut im gegenwärtigen Leben des Judentums unter neuen Bedingungen zur Diskussion. Uns mit dem historischen Mist Wir fahren Jauche fai Feld. R. und W1. R. Ist Fuhrmann. Ich werde es wohl nie sein. Ich bilde mir ein, daß ich Tiere nicht werde schlagen können, oder ich fürchte, daß Ich sie sehr schlagen werde. Unsere Mistgrube hat keine Pumparylage. Mit Eimern holt man die stinkende Flüssigkeit aus der Onibe. Ich arbeite vorsichtig. Die Eimer sind alt, rinnen, ich will nicht schmutzig werden. Mich ekelt der Gestank der nachher in den Kleidern, in der Haut, und in der Nase haften bleibt. R. arbeitet schnell. Er ist gelenkiger als ich. Mit einem Schwünge reißt er die Eimer hoch und leert sie in die Fässer. Er bespritzt sich und mich und lacht. Ich schreie ihn an. Da lacht er noch mehr. Pearl schreibt: — I want more than just work. — Zwei Gründe wecken diesen Wunsch. Einer der gut ist, der vorwärts treibt und peitscht zu einem Ziel, das höher ist als Arbeitstier zu sein, und Knecht des Magens. Der zweite Grund ist Reaktion, ist Rückfall, es fällt uns schwer den grauen Alltag zu bejahen. Der zweite Grund ist Aufruhr, Rebellion des ego gegen Zwang und Fessel und eine Ordnung ohne Stufenleiter. Die Bäume schlagen aus. Und die Reben. Grün und weiß schimmern sie und braun, auf schwarzer frischgeackerter Erde. Ein großer gewaltiger Teppich sind die Felder des Emek, grün, grün, und mit roten, weißen, gelben, blauen Blumen durchwirkt. Vielleicht wird in diesem Jahre die Ernte gut sein. Unsere armen Gläubiger haben es nötig. Im Zimmer von N. brennt Licht. Er kann wohl nicht schlafen. Ruth ist hier. Ruth, die einst von uns fortlief, weil sie unsere alten Junggesellen mit ihren hungrigen Augen quälten und verfolgten. N. ist schon 20 Jahre im Lande. Er kam her als Knabe. Arbeitete in den Kolonien. Hungerte, fieberte, vertrocknete. Er sieht aus wie eine Rosine. Als er noch jung war, gab es hier keine Mädchen, jetzt gibt es Mädchen, aber er ist nicht mehr jung. Nun spielt er den Zyniker, Frauenhasser; wahrscheinlich hat er noch keine Frau berührt und schreit nach ihnen und weint in den Nächten. Aber er ist von denen, die gefeiert worden sind, beim Jubiläum der zweiten Alijah. Touristen besuchen uns. Aus vieler Herren Länder. Reiche Leute sehen sich ähnlich. Sie haben verwandte Bewegungen und fast dieselben Redensarten. Sie fragen wie Untersuchungsrichter, die ihr Urteil im voraus gefällt haben, oder wie Kinder, die bis zehn nicht zählen können. Aller Fragen stereotyper Schluß und Anfang ist, — sind sie zufrieden? — Als ob das wichtig wäre. Wichtig ist doch nur ob s i e zufrieden sind. Manchmal ist unter ihnen eine stille Frau mit traurigen Augen und Wind in den Kleidern. Und plötzlich erinnert man sich an das Meer, an Schiffe, Möwen, an Städte irgendwo in der Welt, an denen man vorbeifuhr und nicht ausstieg, — und man bedauert es. Es ist sehr schwül. Eine graue glühende Luftschicht hängt über den Köpfen und der Himmel der blauen Hoffnungen ist weit. Sehr weit. Kann denn die Arbeit immer eine Freude sein? — Heute ist sie bestimmt eine Last. Schmutziger salziger Schweiß rinnt in die Augen und den Mund. Wenn man an Kranke denkt, beneidet man sie und glaubt ihnen nicht Man möchte manchmal einen Brief schreiben an irgendwen irgendwo in der Welt, nicht heftig und ohne wilde Traurigkeit, nur so, daß man nach uns Heimweh hat, Heimweh bis •Qim Wdnen. ־, Öe'Ächl’llf «tflf Stetrrfaftai•voii»' HirniÄl, leuchten auf, verlöschen, gehen aus, wie die vielen, vielen Tage, die zu Jahren sterben, von denen man rückblickend nicht weiß, wie sie kamen und gingen. Ein Kalb schreit und heult. Ich wecke Dora und gehe mit ihr in den Stall. Es ist Chadasha, die zum ersten Male die Menstruation erlebt. 24 Stunden schreit und weint manchmal so ein armes Tier, bis es sich in sein Schicksal fügt, erklärt mir Dora. Ein Kind, das zum Weibe wird, hat es wohl nicht leichter. Wir arbeiten wieder bei der Jauche. R., der in der gestrigen Sichah viel von Rücksichtnahme sprach, vom Benehmen und von Verbesserung der Beziehungen zwischen den Chawerim, — ist heute vorsichtig bei der Arbeit. Vielleicht dieser Vorsicht wegen, die nicht zu ihm paßt, fällt ihm ein Eimer aus der Hand. Auf meine Hosen. Er starrt mich erschrocken an Ich sehe und fühle seinen bedauernden Blick, aber sein Still schweigen ärgert mich, trotzdem Ich doch weiß, wenn er jetzt wird etwas sagen wollen, eine Entschuldigung oder Aehnliches er wird vor allem loslachen müssen. Ich arbeite weiter. Es hat keinen Sinn sich aufzuregen. Wenn man in der Mistgrube arbeiten muß, muß man schmutzig werden und stinken. M. Bader. Kwuza ״Misra“ (Emek-Jesreel). Die Anlerstehmg eines Volkes Die Tschechen. Eine Anthologie aus fünf Jahrhunderten. Hcr-i ausj^epben von Paul Eis 11 er. R. Piper & Co., München.1 Masaryk. Von Ernst Rychnovsky. Staatliche Verlagsanstalt Prag. (Preis 4,50 M.) Das Werden eines Volkes und der Weg eines Mannes: Eduard Benesch. Von F r i t z W e i 1. Mit 10 Bildern. Carl Reissner Verlag Dresden. (6 M.) Das nationale Erwachen des tschechischen Volkes ist ein historischer Prozeß von solcher Eindringlichkeit, daß man ihn jeradezu als den. Schulfall des europäischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts behandeln kann. Wer die Dynamik nationaler Bewegungen studieren will, kann jetzt an der Hand der oben erwähnten deutsch geschriebenen Bücher einen tiefen Einblick in die Entwicklung des Tschechentums gewinnen. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts noch ohne jedes geistiges Eigenleben (trotz so bedeutender Vorläufer wie Hus, Chelcicky, Comenius) und ohne Schriftsprache, schafft sich das Volk, unter dem Einfluß der deutschen Aufklärung und Romantik, eine eigene Wissenschaft, erobert die Sprache, pflanzt in die Herzen einen neuen Freiheitsbegriff. Das geistige Erwachen geht dem politischen voraus. In Palacky (1798—1876) erhalt die Nation einen überragenden Führer, der leidenschaftlich für Umwandiung Oesterreichs in einen Völkerstaat gleichberechtigter Nationerr eintritt. Die Ideen der Freiheit und Humanität sind die Waffen des kleinen Volkes, dessen Nationalismus (am stärksten beim Vorkriegs-Masaryk) sittlich determiniert ist: Wahrheit und Sittlichkeit geht vor nationales Interesse. Im Laufe des Jahrhunderts entsteht eine reiche Literatur, aus der Paul Eisn er , hier eine Anthologie bietet, die Pädagogisch-Politisches (״Gott|j und Staat“) ebenso enthält wie Lyrik (״Seele“), erzählende Prosa (״Welt“) und Essay (״Das deutende Wort“). Die repräsentativen Persönlichkeiten werden in charakteristischen Proben vorgeführt. Unter den Lyrikern finden wir auch den Juden Otokar Fischer mit dem Gedicht ״Zu den Wurzeln“ vertreten, das die Zerrissenheit des assimilierten und doch von seinem Blut bestimmten Juden ergreifend ausdrückt. Hat hier das Volk selbst gesprochen, so bauen die anderen beiden Bücher aus den Biographien und der Gedankenwelt seiner beiden größten lebenden Staatsmänner ein Geschichtsbild von packender Lebensfülle auf. Lieber die literarischen Qualitäten dieser Bücher ist hier nicht zu urteilen, aber das fesselnd dargebotene Material ist äußerst wichtig und lehrreich und rührt an Probleme, die, im heutigen Europa noch lange nicht gelöst, uns Juden als nationale Minderheit der meisten Länder und uns Zionisten als Treuhänder des künftigen Nationalitäten- Staates Palästina unmittelbar angehen. Wir sehen das alte Oesterreich zerfallen, weil es nicht rechtzeitig die Tiefe des nationalen Problems erfaßte und weil die gedankenlose Trägheit seiner herrschenden Klasse hochmütig jeden ״Verzicht“, jede Konzession an die neuen geschichtlichen Kräfte von sich wies. Die nationale Entwicklung vor dem Kriege, aus tiefen Seelenschichten des Volkes durch die Aufklärung entbunden und in einer großartigen kulturellen Renaissance mündend, ist vielleicht heute noch interessanter als die Zeit der politischen Erfüllung. Auch im tschechischen Volk erwacht kurz nach der nationalen Selbstbesinnung der Chauvinismus; einer seiner Gipfelpunkte ist die Hilsner-Affäre, der Ritualmordprozeß, bei welchem Masaryk für die Wahrheit einsteht und darum als nationaler Verräter (״Boged“ heißt es bei uns) geächtet wird. Jeder jüdischnationale Student von heute, und besonders in Jerusalem, sollte in Rychnovskys Buch das Kapitel über die Studenten-Demonstrationen gegen Masaryk wegen seines Kampfes für die Wahrheit (S. 91—101) nachlesen. Daß die tschechische Nation einen M*»n wie Masaryk» dem sich später Beaeseh beigesellt, gehabt hat, entscheidet kurz darauf ihr Geschick und das Geschick Europas. Welche Richtung im tschechischen Nationalismus die Oberhand behalten wird, aie chauvinistische, die durch den politischen Machtzuwachs natürlich leichteres Spiel hat, oder die sittlich-realistische, die jetzt leicht zum ״Defaitismus“ gesternpelt werden kann, davon wird das weitere Geschick abnängen. Nicht alle Ideen des Vorkriegs-Masaryk konnte der Präsident verwirklichen. . . . In einer Berliner Tageszeitung stand zu lesen, die Tatsache, daß ״zwei Deutsche“ Bücher über Masaryk und Benesch verfaßt haben, sei ein Beweis deutscher Toleranz usw. Der Zufall (Zufall?) will jedoch, daß diese beiden Bücher Juden zu Verfassern haben, und ebenso ist der Herausgeber der Anthologie ״Tschechen“ ein Jude. Früher erschienen (im Verlag Kurt Wolff) zwei Bände formvollendet übersetzter tschechischer Lyrik von Rudolf Fuchs (״Ein Erntekranz aus hundert Jahren tschechischer Dichtung“ und die starken Gedichte des schlesischen Arbeiterdichters Petr BezruJ). Wenn man noch bedenkt, was Max B r o d und Otto Pick für die Popularisierung tschechischer Dichtung bzw. Musik im deutschen Sprachgebiet geleistet haben, dann haben wir hier vor uns ein eklatantes Beispiel edler, kulturfördernder Vermittlertätigkeit von Juden, die zugleich eine zu begrüßende Funktion der Annäherung örtlich eng benachbarter und doch einander fremd gegenüberstehender Völker erfüllen. sch. so inhaltsreichen Schrift Max Wieners. Hans Kolm. Raw Heir Berlin 50 Jahre alt Am 27. Mai wurde Meir Berlin 50 Jahre alt In der zionistischen Welt muß man nicht ausführlich die Bedeutung Meir Berlins schildern. Dieser Mann ist in seiner Energie und Schaffensfreudigkeit viel zu lebendig im Bewußtsein aller zionistischen Richtungen, als daß es nötig wäre, Wesen dieses Kämpfers und Organisators zu kennzeichnen. Dank seiner alle Länder jüdischer Massensiedlung umfassenden Tätigkeit ist der Misrachi eine der bcstgefügtesten Organisationen innerhalb des Weltzionismus. Meir Berlin ist Leiter der Misrachi- Weltexekutive und Mitglied der Zionistischen Exekutive. In dieser Eigenschaft nimmt er auf alle zionistischen Institutionen und Aktionen maßgebenden Einfluß. Sein 50. Geburtstag ist für seine engeren Gesinnungsfreunde ein willkommener Anlaß, ihn zu feiern. Die Weltexekutive des Misrachi veranlaßte an seinem Geburtstage überall besondere Veranstaltungen. In Jerusalem soll unter dem Namen ״Beth Meir“ zu Ehren Raw Meir Berlins ein Haus erbaut werden, das dem national-religiösen Judentum als Zentrum dienen soll. Alle anderen Zionisten vereinigen sich mit dem Misrachi in freundlicher Gesinnung und herzlichen Glückwünschen für den Jubilar. Rabbi Meir Berlin wurde 1880 in Woioszyn als der Sohn des weltberühmten Talmudgelehrten und Oberhauptes der Woloszyner Jeschiwah Naftali Zewi Juda Berlin gehören und ist mütterlicherseits ein Enkel von Rabbi Isaak Ben Chajim Woloszyner. Rabbi Meir Berlin war Redakteur der hebräischen Wochenschrift ״Haiwri“ (1910 bis 1914 in Berlin, später in New York) und lebt jetzt in Jerusalem. Einen großen Teil des Jahres verbringt er zur Organisierung des Misrachi und Werbung für dessen Institutionen in Europa und Amerika. Auf seiner letzten Reise durch Osteuropa war er Gegenstand zahlreicher Ehrungen. Bei den Ergänzungswahlen in den polnischen Senat wurde im Wahlkreis Wolhynien auf der Liste der nationalen Minderheiten Ing. Abraham Tscherniakow zum Senator gewählt. Vor dem Wiedereintritt der Brandeis-Grnppe Washington. 25. Mai. (J.T.A.) Das Administrative Committee der Zionistischen Organisation Amerikas hat bekanntlich ein aus Rabbi James Heller, Rabbi Israel Goldberg, Dr. Nathan Ratnoff und David Freiberger bestehendes Komitee beauftragt, mit Oberstrichter Louis D. Brandeis Verhandlungen über den Wiedereintritt Brandeis’ und seiner Freunde in die offizielle Organisation anzuknüpfen. Das Komitee ist nun zum zweitenmal mit Brandeis zusammengetroffen. In Verfolg dieser Besprechungen haben Brandeis, Mack, Jacob de Haas und Robert Szold eine Erklärung unterzeichnet, in welcher die völlige Reorganisation der Zionistischen Organisation Amerikas als Bedingung ihres Wiedereintritts der Brandeis- Gruppe gefordert wird. In der Erklärung wird ein Interimsregime bis Ende dieses Jahres gefordert; die im Juni stattfindende Convention der amerikanischen Zionisten soll eine Leitung aus neutralen Persönlichkeiten, unter Ausschluß der jetzigen Exekutive wie der Brandeis-Gruppe, wählen. In der Erklärung wird Nachdruck darauf gelegt, daß die Brandeis-Gruppe keinerlei Propaganda betreiben wird, um die Annahme ihres Vorschlages durch die Convention zu sichern. Der Geschäftsbericht der Qene ral Mortgage Bank of Palestine Ltd. (Allgemeine Hypothekenbank für Palästina) schließt für das Jahr 1929 mit einem Bruttogewinn von 15981 Pfund ab. Nach Ueberweisungen an den Reservefonds in der Höhe von 2000 Pfund, Zuwendungen an den Keren Hajessod in der Höhe von 355 Pfund, Abschreibungen, Handlungs- Unkosten und Zinsendienst verbleibt ein Reingewinn von 3901 Pfund. Der Darlehnsbestand betrug am 31. Dezember 1929 ca. 170000 Pfund. Der Totalumlauf an Pfandbriefen ca. 129 000 Pfund. Im Berichtsjahr war der Absatz von Pfandbriefen lebhaft. Das Geschäft litt durch die Augustunruhen in keiner Weise. 0

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