Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1930-05-30 · Heft 42-43 (30.5.1930) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 42-43 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653156-2653197--21609-2679726
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 202 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42/43, 30. V. 1930 Schawuoth-Beilage Eine Schawuoth-׳Nacht R i 1 d aus dem J e s c h i w a 11 - L e b e 11 Von Israel M a j o f i s. Vor einigen Wochen starh in Köln im jugendlichen Alfer von WS Jahren der /Mische Dich'er 1 sra e l M n j 0 f i s. Der Verstorbene stammte mm Litauen, wo er eine, außerordentliche Popularität genoß. Seine zahlreichen Erzählungen und. Küvetten, meist humoristischer ,\atur, sowie seine launigen Feuilletons hallen eine, begeisterte Lesergemeinde, um! die Trawr über das Ilinseheiden des Dichters fand ihren Ausdruck in einer großen fl •ihr von Nachrufen und Gedenknrtikehi in der jiddischen Press,״ Litauens. Majofis hat auch 1 irrsehiedene Dichtungen ins Jiddische, übersetzt., 11. a, aus dem Russisehen mul Deutsehen; er ist auch der Uebersetzer der berühmten Volkslieder Rioliks ins Jiddische, Obwohl der Dichter in der letzten f,eit in Deutschland lebte, war er in jüdischen Kreisen Deutschlands noch nicht bekannt geworden. Sein jäher Tod setzte der Entfaltung seines Talents rin vorzeitiges Ende, Wir bringen nachstehend anfrißlieh des Sehnen,(■)!!,,festes die deutsche l ebersetzung eines Frui’lelems von Majofis. Red. Die Nacht hat ihre violettseidene, mit Edelsteinen bestickte Haube angetan, sich gesalbt mit den Düften von frischen Wiesen 11ml Feldblumen und eingehüllt die Welt in ihren dunklen weichen Samt. Es ist eine tiefe, stille, warme Schawuoth-Nacht. Ueber dem Städtchen liegt friedlicher Schlaf. Nur das große Je■ schiwah-Haus ist belebt und hell erleuchtet. Fröhlich flackern die Petroleumlampen, und munter klingen die Stimmen der studierenden sechszig Jeschiwah-Bachurim, die sich inbriins 1g über den mit großen Talmudfolianten bedeckten Pulten hin und her wiegen. Seit ewigen Zeiten ist es Brauch, daß am Schawuoth — dem heiligen Feste, au dem uns die Thora verliehen wurde — die Jeschiwah-Insassen die ganze Nacht hindurch ״lernen“, bei Sonnenaufgang die Gebete verrichten, um nachher vom Rosch-Jeschiwah Rabi Hirsch zum Frühstück eingeladen zu werden. Bei diesem Frühstück wird großer Aufwand getrieben: das feinste Buttergebäck wird vorbereitet, verschiedene Konfitüren werden serviert, Käsekuchen wird en gros gebacken. — Die Vorbereitung dieser schönen Sachen liegt in den Händen der Frau von Rabi Hirsch und dessen ältestem Töchterchen Perele. Vor Tagesanbruch sind die beiden schon aut den Beinen, und sie müssen sich ordentlich sputen, wenn für eine so große Schar auch alles klappen soll. Aber es geschieht mit Liebe und Freude; denn es ist ein seltenes Glück und eine große Mizwah, eine zahlreiche Gesellschaft von Talmudgelehrten bewirten zu dürfen, nachdem sie die ganze Nacht die heilige Thora studiert haben. Es ist erst kurz nach Mitternacht, die ״lerner“ sind schon etwas ermüdet. Langsamer wiegen sic sich über den Gemaroth, und träumerisch-melancholische Weisen hängen in der Luft. ״Omar Rowo! . . singt ein Bachur mit betender Stimme, und traurige Gedanken schleichen sich bei ihm ein, ihn vom Lernen ablenkend: . . . seit drei Jahren war er nicht mehr zu Haus .״ . . sein kleines Schwesterchen, schreibt man ihm, sei krank . , . könnte man doch wenigstens drei Rubel für sie ersparen . . .. aber die Schuhe sind zerrissen und ... ״Omar Rowo! . . .“ tönt es aus einer anderen Ecke hoffnungsvoller; . . . ״Joreh Deal!“ hat er bereits durchgenommen ... in wenigen Monaten kann er sein Rabbinerdiplom erhalten . . . eine nette Frau wird sich schon finden . . . ״Omar Rabi Schimon! . . klingt eine helle, süße Altstimme von der Östwand her, welche anschwillt und sich über den Raum ergießt. Es ist der siebzehnjährige Joel Pinskcr. Er hat soeben eine schwere Abhandlung durch gearbeitet, hat eine neue scharfsinnige Frage aufgestellt und hätte auch gewiß eine geistreiche Lösung gefunden, würden sich nicht diese sündhaften Wochentagsgedanken in sein Hirn drängen, die sich nicht fortjagen lassen — wie lästige Fliegen! Immer schneller wiegt er seinen Körper, immer mehr vertieft er sich in die Gemarah, ja er versucht es sogar, sich die greise Gestalt des alten heiligen Rabi Schimon vorzustellen mit der Pelzmütze und den langen gekräuselten Schläfenlocken, aber der Patriarch bekommt bald statt seines grauen Bartes zwei lange goldblonde Zöpfe und ein entzückendes Stumpfnäschen und sieht Joel mit seinen großen blauen Augen so warm an — Perele, die Tochter seines Meisters! — Jedesmal, wenn er Perele auf dem Wege von oder zur Jeschiwah begegnete, konnte er keine Ruhe finden und sich nicht auf das Studium konzentrieren, aber so hartnäckig wie heute hat ihr Bild Joel noch nie verfolgt. Und ausgerechnet heute, in der heiligen Schawuoth-Nacht, wo der Himmel sich öffnet und die Engel auf die Erde herniederschauen, um sich an dein erhebenden Schauspiel zu ergötzen, wie Juden mit reiner Inbrunst Thora lernen. Vergebens versucht Joel, wieder die verwickelten Fäden der Abhandlung aufzunehmen und die Lösung herauszi'kristallisieren. Die Buchstaben tanzen vor seinen Augen, de1־ Kopf ist heiß und benebelt und in seinen Schläfen hämmert es. Er schließt die Gemarah und verläßt den Lernsaal, um sich im Schulhof zu erfrischen. Der Mond ist schon hinterm Wäldchen verschwunden und tiefe Dunkelheit hat Joel eingehüllt, sobald er die breiten Lichtteppiche überschritt, die die erleuchteten Fenster im Hof ausgebreitet hatten, in einiger Entfernung steht eine Baumgruppe und darunter eine Bank. Dorthin lenkte Joel seine Schritte, er setzte sich, und nachdem er tief Atem geholt hatte, fühlte er sich freier als da drin, ihm war, als ob der gestrenge Rabi Schimon hier, unter den frischen grünen Bäumen, keine Macht über ihn hätte . . . ״Und wenn ich sie nun wirklich liebe,“' dachte er, ״ist es vielleicht doch keine Sünde . . . steht doch in der Bibel ausdrücklich: ״Und Jakob liebte Rahel“ . ... Wenn unser Erzvater Jakob, der große Zadik, lieben durfte . . . ~ und dann, wenn ich noch drei, vier Jahre fleißig studiere und ein großer Talmudgclehrter werde, wird mich Rabi Hirsch vielleicht zu seinem Eidam machen wollen . . . Was bedeuten vier Jahre! . . . hat doch unser Erzvater Jakob um Rahel zweirnal sieben Jahre hei Laban gedient, ohne daß die Zeit ihm lang wurde, weil er Rahel liebte ... — In vier Jahren kann ich mein Diplom haben und . . .“ ״Joel!“ hörte er plötzlich eine leise Stimme rufen. Joel erzitterte und fiel aus einem süßen Traum in eine süße Wirklichkeit: Vor ihm stand Perele. ״ln welche Gedanken waren Sie eben so vertieft?“ fragte sic leise. ״Ich . . . ich dachte gerade an eine schwere Frage aus dem Talmud“ stammelte Joel wie im Traum und errötete ob seiner Lüge. ״Und was führt Sie her, mitten in der Nacht, Perele?“ ״Ich muß zu einer Nachbarin, eine Kuchenplatte leihen״, antwortete Perele, sich fester in den Schal hüllend. ״Sie wissen doch . . . zum großen Kaffee . . .״ ״Eine Kuchenplatte?“ wiederholte Joel mechanisch. ״Darf man sich zu Ihnen setzen?“ Und schon saß Perele, ohne die Antwort abzuwarten, ״Ich will Ihnen die Wahrheit gestehen, die Geschichte mit der Kuchenplatte habe ich eben jetzt erfunden. In Wirklirhkeit war es so: Ich konnte nicht schlafen ... die Nacht ist so schwül . . . und in mein Zimmer drangen die dumpfen Töne Eures Lernens ... Da bin ich aufgestanden und habe im Hof spaziert — ich müßte ja doch bald aufstehen, der Mutter zu helfen —. Durchs Fenster sah ich Sie im Lernsaal. Dann kamen Sie heraus und setzten sich unter die Bäume, da bin ich auch hergekommen . . ." Joel machte sich Vorwürfe, daß er nicht auch den Mut fand, so aufrichtig zu sein wie Perele. Und verschämt gab er zu: ״Ich dachte an unseren Erzvater Jakob . . .“ ״Ausgerechnet an Jakob?“ Joel fieberte am ganzen Körper. Er konnte sich nicht entschließen, ihr sein Herz auszuschütten aus Angst, er könnte etwas Unpassendes sagen und damit sein Glück für immer zerstören. Er fürchtete auch, seine Schwäche könnte ihn in eine neue Lüge verstricken. ״Ich muß wieder hinein,“ sagte er traurig. ״Warum eilen Sie so? Bleiben Sie doch noch eine Weile hier,“ bat Perele und faßte seine Hand. ״Ich muß lernen gehen,“ erwiderte er schwach und fürchtete, Perele könnte die rechte Entgegnung fehlen und sie würde seine Hand loslassen . . . ״Das Thoralernen zu versäumen, ist eine große Sünde . . . aus jedem Wort, das wir ,lernen‘, sagen die Weisen, entsteht ein Engel! . . ״Aus jedem Wort ein Engel?“ ■ rief Perele. Schrecklich viele Engel müßten dann hier in der Luft herumschweben . . . Aber wissen Sie, man kann auch auf andere Weise Engel erschaffen ..." ״Wie denn?“ ״Ich schäme mich, zu erzählen . . .“ ״Erzählen Sie, Perele, ich bitte!“ ״Sie wissen doch,“ begann Perele und rückte etwas näher, ״daß eine Braut unter der Chupe von einer ganz besonderen Lieblichkeit und Grazie umstrahlt ist.“ ״Ja, das weiß ich.“ ״Und wissen Sie auch, woher das kommt?“ ״Nein,“ erwiderte Joel und er wunderte sich darüber, denn er hatte schon die verwirrtesten Probleme im Talmud studiert und wußte doch eine so einfache Frage nicht zu beantworten. ״Das kommt von einem Engel, der über dem Haupte der Braut schwebt,“ erklärte Perele weiter, ״der Glanz seiner unsichtbaren Schwingen ruht auf ihr und verleiht ihrem Gesicht ,bräutliche Lieblichkeit‘. Ich will Ihnen auch erzählen, was das für ein Engel ist: Wir sprachen eben vom Erzvater Jakob. Als Jakob Rahel zum erstenmal küßte — steht im ,Taitsch-Chumesch' — wurde ein Engel erschaffen. Und den meinte ich . . . Und immer, wenn zwei sich vom ganzen Herzen lieb haben, wird bei jedem Kuß ein Engel erschaffen.“ Joel saß da, berauscht wie von schwerem Wein. Er bemühte sich, etwas dagegen anzuführen, ihre sonderbaren Erklärungen zu widerlegen, aber trotz seines Scharfsinns und seines reichen Talmudwissens blieb Perele Siegerin und . . . unter!der Schar, junger Engel״ dif. aus den Fenstern der Jeschiwah geflogen kamen und zu den Sternen schwammen, schwebten auch einige zarte rosafarbene Englein, welche geschaffen wurden nach Pereies neuer Theorie. * Im Osten schaute schon die Sonne durch die rötlichen Tüllvorhänge ihres himmlischen Schlafzimmers, als Joel sich wieder in die Jeschiwah hineinschlich. Er war ruhig und glücklich und wartete, sein süßes Geheimnis in seiner Brust verschließend, ungeduldig auf den Kaffee, wo er Perele beim Servieren Wiedersehen könne. Lustig und geräuschvoll ging es beim Frühstück zu. Mit Appetit wurde gegessen und getrunken und in den Pausen, zwischen einem Gang und dem zweiten, widerhallfe es von fröhlichen Liedern aus dem speziellen Jeschi wah-Repertoir. Als die Gesellschaft angeheitert war, begann Salomon Bobrüsker Reime zu improvisieren. Jeder der Anwesenden bekam sein Verslein. Nachdem er Rabi Hirsch und die älteren Kollegen bedacht hatte, bemerkfc er Perele an der Tür in ihrem weißen Fcsttagskleid, und ließ gleich einen Reim auf sic los, der wie folgt endigte: Sie hat gewacht Die ganze Nacht Und Käsekuchen Für uns gemacht!“ ״Bravo! Bravo!“ tönte cs von allen Seiten, ״so feinen Kuchen wie Perele ihn backen kann, gibt es nicht in der ganzen Welt!“ ״Feinen Kuchen!“ dachte Joel, und ein glückliches Lächeln verklärte sein Antlitz. ״Wenn ihr erst wüßtet, welche feinen Englein Perele erschaffen kann! . . .“ (Deutsch von Chanah Majofis-Jurmann.) Josua ben Nun Demnächst erscheint dm Verlag Alexander Fischer in Tübingen) eine Sammlung ״Die schönsten Geschichten der Welt", hermsgegeben von Emanucl bin G 0 r io n, der dieses Stück entnommen ist. Die Anthologie vereinigt 100 Vollmerzählungen der Weltliteratur, die unter de.m Gesichtspunkt ausgewählt sind, daß jede einzelne irgendein unvergeßliches Moment enthalte. Die Erzählung von ,Josua ben Nun" ist die jüdische Darstellung des Oediput-Sloffes. Zurzeit, als die Kinder Israel aus Aegypten ausgezogen und auf dem Wege waren, das Land Kanaan zu erobern, da lebte in Jerusalem, der damals noch heidnischen Stadt, ein Mann aus dem Samen Abrahams, der dem Gott seiner Väter diente. Weser Mann hatte ein Weib, das war schön und rechtschaffen, aber ihr Leib war unfruchtbar. Da pilgerte der Mann zu dem Berge Gottes und betete vor dem Feuer, das daselbst brannte, um einen Sohn. Gott erhörte ihn, und wie er in sein Haus zurückkehrte, erkannte er sein Weib, und sie ward schwanger. Eines Tages, wie er vor der Tür seines Zeltes saß, erblickte er einen Engel, und der sprach zu ihm: Die Hand des Sohns, der dir geboren werden wird, wird wider dich sein, dich zu töten. Da erschrack der Fromme und ging von nun an gebeugten Hauptes einher und kasteite seinen Leib. Wie sein Eheweib sah, daß er sich so grämte, sprach sie zu ihm: Du müßtest dich doch freuen, weil Gott dein Gebet vernommen und meinen Leib gesegnet hat; aber nicht nur, daß du deinem Herrn nicht dankst und ihm kein Opfer darbringst, gehst du noch so betrübt einher! Was ist der Grund deiner Trauer? — Der Mann schwieg und antwortete nicht Als sie aber Tag für Tag dieselbe Frage stellte und ihn mit ihren Bitten bedrängte, konnte er ihr nicht mehr verbergen, was ihm prophezeit worden war, und sagte ihr die ganze Wahrheit. Da verstummte auch das Weib vor Schmerz. Als die Zeit erfüllt war und sie das Kind gebar, nahm sie ein Kästchen aus Rohr, verklebte es mit Erdharz und Pech und tat ein wenig Milch und Honig hinein. Es war ein Sohn, den sie geboren hatte; sie wusch und reinigte ihn, gab ihm einmal die Brust und legte ihn hernach in das Kästchen, das sie verschloß. Dann stand sie auf und wanderte bis zu devn Strome, der jenseits der Grenze der Wunderstadt fließt, und sie warf das Kästchen mit dem Knaben ins Wasser. Sie sprach: Besser, daß die Wellen meines Leibes Frucht verschlingen, als daß der Knabe groß wird und den, der ihn erzeugt hat, tötet. Gott aber, der keinen schuldig spricht für die Taten, die er noch begehen wird, erbarmte sich des Knaben und ließ einen großen Fisch herbeischwimmen, der das Kästchen mit dem ausgesetzten Kinde verschlang. Gerade an dem Tag gab der König von Jerusalem ein großes Fest, und unter den Fischen, die für die Tafel bestimmt waren, war auch jener Fisch gefangen worden. Man schnitt ihn auf und fand den Kasten; man öffnete diesen, und siehe, ein Knabe lag darin, der weinte. Das wurde dem König angesagt, und er ließ eine Amme kommen, den Knaben zu säugen; als der hernach groß wurde, ward er vor den König gebracht, der ihn liebgewann, ihm Gnaden erzeigte und, da er sein starkes Herz und seinen festen Arm erkannte, ihn zum ersten Scharfrichter machte in seinem Reich. Es geschah aber, daß der Vater des ausgesetzten Knaben vor dem Könige schuldig wurde und dieser dem jungen Scharfrichter befahl, an dem ihm verhaßt Gewordenen Gericht zu üben und ihn zu köpfen. Im Lande aber herrschte damals ein uralter Brauch: wenn der Henker sein Amt ausübte, so fiel ihm das Erbe des Getöteten zu, und auch über die Frau und die Kinder durfte er schalten und walten wie er wollte. Wiewohl nun das Weib jenes rechtschaffenen Mannes schweres Unglück erfahren hatte, war doch ihre Schönheit nicht geschwunden, und wer sie nur sah, begehrte sie in seinem Herzen. Es war eine Nacht im Frühling, der junge Mond, einem Widderhorn gleich, kroch hervor aus den Wolkenschalen, die ihn umfangen hielten, den Erdenbewohnern zu leuchten, als der Scharfrichter sich erhob, sein neues Erbe anzutreten. Er schritt in das Zelt des Gehenkten, nachdem er vom Schwerte das Blut abgewaschen hatte, und näherte sich dem Lager seines Vaters, sein Bett zu entweihen. In diesem Augenblick brachen die Brüste der ruhenden Frau auf wie zwei Brunnen, und Ströme von Milch quollen hervor und übergossen das Lager und den Boden, daß das Zelt voll wurde von dem weißen Schaum. Da entsetzte sich der Mann und ergriff sein Schwert, die Frau zu töten, denn er wähnte, sie sei eine Hexe. Sie aber sprang auf und rief aus: Den Vater hast du erschlagen, und nun willst du auch noch deine Mutter ermorden; dies ist die Milch, von der du getrunken hast. Und sie erzählte ihm, der schaudernd zuhörte, die ganze Geschichte. Sogleich ließ er ab von ihr und wandte sich zu seinem Haus; er fiel auf sein Antlitz und weinte. Des anderen Tages suchte er den König auf und bat ihn, ihn seines Amtes zu entheben. Das wurde ihm gewährt, und der König entließ ihn mit reichen Gaben. Der Büßer, der nun von seiner Abstammung erfahren hatte, begab sich zu seinen Brüdern, den Stämmen Israels, die noch in der Wüste irrten; er wurde Moses getreuester Diener, und der legte: vor seinem Tod seine Hände auf ihn und weihte ihn zu seinem Nachfolger. Josua war der Name des Mannes, der dieses seltsame Schicksal erfuhr und hernach die Israeliten siegreich führte in das ihnen bestimmte Land; weil er aber in einem Fischleib war aufgefunden worden, und der Fisch heißt auf aramäisch: Nun, nannte man ihn Josua den Sohn Nuns. ״Tradition und Kritik im Judentum״ In dem von Paul Tillich herausgegebenen Buche ״Protestantismus als Kritik und Gestaltung“ (Otto Reichl Verlag, Darinstadt 1029) hat Max Wiener unter dem Titel ״Tradition und Kritik im Judentum“ einen kurzen, aber äußerst lesenswerten Abriß über die Stellung des Judentums zur Tradition und über die Aeußerungen kritischen Geistes im Judentum gegen diese Tradition gegeben. Seit Esra — so führt Wiener aus — hat es im Judentum bis in das 19. Jahrhundert keine bewußte Opposition gegen die unbedingte Autorität des Traditionsprinzips gegeben. Soweit es Kritik gab, war sie nur Kritik innerhalb der Tradition, die auf der Offenbarung und auf untrüglicher Ueberlieferung gegründet war. Kritik konnte also nur die Auseinandersetzung um das richtige Verständnis der Tradition, das Ringen um die richtige Auslegung des Gotteswortes bedeuten. Wie in allen Traditionsreligionen. die mit einer historischen Offenbarung einsetzen, konnte alles Neue nur als das in Wahrheit Uralte, das Ursprüngliche und darum allein Echte eingeführt werden. Selbst die Propheten vor Esras Zeit wollten die wahre ursprüngliche Religion wieder hersteilen, nicht etwas Neues verkünden. Aber ihnen war noch ״das eigene Offenbarungsbewußtsein stark und lebendig genug, um die Gewißheit zu verleihen, daß Jahwe nie etwas anderes gesagt haben kann, wie er den Propheten enthüllt. Hier sind alle Offenbarungen noch einander ebenbürtig, was ihren autoritativen Charakter anlangt; im Religionsgefühl des Propheten hat sich noch nicht die steile Kurve eingezeichnet, die den Späteren zwingt, die Offenbarung des ,Anfangs an Bedeutsamkeit und Heiligkeit hoch über altes gegenwärtige Erlebnis des Göttlichen zu stellen“. Für den Propheten gibt es noch die Tradition nicht als einzige Autorität, ihm quillt noch Offenbarung überall in ursprünglicher Frische. Hier ist religiöse Verantwortung und religiöses Urteil noch der gotterfüllten Persönlichkeit übertragen. Die eigentliche Geschichte des Judentums beginnt dann mit Esra und dauert bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Hier wird die gesamte Daseinsoranung des Juden durch die Erfüllung des offenbarten Gesetzes geregelt. Soweit Wandel und Fortschritt stattfindet, vollzieht er sich innerhalb der Tradition und durch eine religiöse Behörde im Bewußtsein ihres legitimen Zusammenhangs mit den alten Autoritäten. Wiener zeigt uns, wie diese Umwandlungen vor sich gehen, ohne daß man sich ihrer kritisch als Umwandlungen bewußt wird oder sich ar gegen das Traditionsprinzip selbst auflehnt. Jetzt stellen eine Propheten mehr ihr gegenwärtiges Erlebnis den geltenden und pietätvoll gehüteten Formen der Tradition entgegen. Es gibt kein religiös revolutionäres Bewußtsein mehr, aas an den Ursinn der Offenbarung anknüpft Das Neue kommt nur noch in der Erklärung und Sinnergründung der Tradition zum Durchbruch, deren göttliche Geltung Axiom ist. Da der Schwerpunkt des religiösen Lebens in der praktischen Realisierung und daher auch im Studium der vorgeschriebenen Thoragesetze liegt, so wird das handelnde und studierende Individuum bei aller gesetzhaften Objektivität zum eigentlichen Träger des religiösen Lebens. Aber bei dem engen durch die Tradition gegebenen Spielraum kann dieser Individualismus niemals in Subjektivismus Umschlägen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.