Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 42-43 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42/43, 3a V. 1930 J!JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite S9t Neue hebräische Dichtung Wir setzen heute die begonnene Artikelserie fort, die den Werken der modernen hebräischen Literatur, unter besonderer Berücksichtigung der Neu-Erscheinungen Palästinas, gewidmet ist. (Die letzte Veröffentlichung erfolgte in Nr. 29.) Politische Lyrik Url Zwi Grinberg: ״Schützender Gürtel und Spruch des Blutsohnes'‘1). Wer den Werdegang dieses ״Jüngsten“ unserer Literatur seit seinem ersten Hervortreten (vor etwa 6 Jahren) verfolgt hat; wer den ״Großen Schrecken und Mond“2), sein Erstlingswerk in Großformat, einen wahren Platzregen genialischer Einfälle des ®jährigen auf sich hat einstürmen lassen, wer dann (zwei Jahre später) in der ״Auf steigenden Mannheit״s), ebenfalls in Großformat, die sich nur mühselig vollziehende und nur teilweise gelingende Klärung des Gärenden miterlebt hat, wer dann (wieder zwei Jahre später) die drei rasch aufeinanderfolgenden Bändchen, bereits in Normalformat, aufmerksam gelesen hat: ״Anakreon am Pole des Schmerzes“1), eine Gedichtereihe, voll von allgemeinem und jüdischem Weltschmerz und Kohdetschem Lebenspessimismus (das Lieblingsthema des Dichters); ״Vision eines Legionärs“6), das Hohelied des neuen kampfbereiten jüdischen Patrioten auf dem Boden seines werdenden Staates; ״Gegen die N e 11 nu n d n c un zi g“6) anderen hebräischen Schriftsteller, eine Kampfschrift in Prosa (aber welche Prosa!) gegen die politische ״Leisetreterei“ der zeitgenössischen hebräischen Literatur und ihre bewußte Abwendung von den großen brennenden Fragen der nationalen Politik, gegen das Ideal der ruhigen Stille und die Parole des wartenden Schweigens, die in Wahrheit Friedhofsstille und Schweigen des Todes sind; wer schließlich noch seinen ״Haushund“1) bellen hörte, der er selbst ist, ein treuer Hüter seines heißgeliebten, aber gefahrumdrohten Vaterlandes, jenen Haushund, der mit unheimlich geschärftem Geruchssinn das kommende Unheil wittert und den mit Blindheit Geschlagenen die Augen öffnen will, vor allem jene beinahe drohenden Stoßgebete an Bialik gelesen hat, er möge wieder, wie in den Tagen seiner ״Lieder des Grimms“ zur Zeit der russischen Pogrome, die furchtlose Führung übernehmen, dem dahindimmernden Volke von neuem das Bild seiner furchtbaren Wirklichkeit vor Augen halten, wer vor allem das hochinteressante ״Geleitwort“ zu seinem ״Haushund“ kennt, in dem er für die Stagnation und die nicht-expansive, nur mühselig sich schleppende Verwirklichung der jüdischen Staatsidee hauptsächlich den zionistischen Beamten als den Geschäftsträger der Bewegung mit seiner ruhigen, saturierten Beamtenseele verantwortlich macht; wer verfolgt hat, wie in allen diesen Werken, sich immer mehr jener Staatsmystizismus festsetzt, von dem in diesen Blättern bereits früher berichtet wurde (vgl. ״J. R.“ vom 24. t. 19®), jene Idee der sich inkarnierenden ״Malchuth“, die schon heute nach Ansicht des Dichters ihren Anfang genommen hat oder zumindest nehmen sollte; wer all dies auf sich hat wirken tafeetf, für den ist es keine üeberraschüng, daß dlfeser riatiönale Expansionist und Maximalist einer der ersten Dichter war, der nach den Augustereignissen des vorigen Jahres das Wort ergriff und nicht etwa nur (wie andere) die Vorgange und Metzeleien selbst dichterisch darstellte (gerade darin legt sich Grinberg eine gewisse Mäßigung auf), sondern sie politisch und historisch bewertete. Das vorliegende Gedichtebändchen mit seinem seltsam klingenden Titel (alle Werke Grinbergs sind ein wenig sensationell benamst; das gehört nun einmal anscheinend zu einer Lyrik, die gelesen werden und ״ins Leben eingreifen“ will) ist in den Tagen der ersten Erregung (Av-Elul vorigen Jahres) niedergeschrieben und noch im Herbst erschienen. Der ״Blutsohn“ (ben ha-dam) des Titels ist, um es gleich zu sagen, nicht so blutrünstig gemeint, wie sich das anhört, wenn auch das Titelblatt mit seiner roten Blutschrift danach aussieht. Wahrscheinlich steckt sogar ein Stückchen Wortspiel (ben adam) darin. Freilich gab und gibt es in der hebräischen Literatur keinen Dichter, der sich an den Worten ״Blut“ und ״Fleisch“ so berauscht und ihrer Verherrlichung so zahlreiche, für sein Schaffen charakteristische Lieder gesungen hat wie Uri Zwi Grinberg. Fr ist der Dichter des Bluts, jenes besonderen Saftes, der ihm (wohl in Anlehnung an die jüdische Antike) zum Symbol und Träger des Lebens schlechthin wird. In hundert und aber hundert Bildern und Vergleichen vergöttert Grinberg das Blut. Blut und Fleisch sind ihm die einzigen in ihrem Werte nicht bezweifelbaren Güter des Daseins. Daher das Irdische seiner Lebensanschauung, daher der tiefe Unglaube an das, was andere ״Geist“, ״Seele“ und wie immer nennen, daher gibt es auch nur eine wahre Untat des Menschen: die Verunreinigung dieses Edelsten, Kostbarsten (durch Buhlerei), das Versiegen dieser Quelle allen Lebens (Degeneration), daher auch die wahrhaft mystische Furcht vor dem Tode, der diese einzigen Güter des Lebens den Würmern zum Fraß übergibt. Keine größere Kränkung, keine furchtbarere Erniedrigung des Menschen gibt es als das Unentweichbare des Todes. Das ist der ״große Schrecken“, der ihn Tag und Nacht in seinen Krallen festhält. Dieses kostbare Blut, Quelle aller individuellen und nationalen Regeneration, ist vergossen. Jüdisches Blut, und zwar nicht im tragischen Prozesse eines unabänderlichen Natur- Vorgangs versiegt, nein, von Menschenhänden, von Mörderhänden schuldlos vergossen! Sinnlos vergossen! Wäre dieses Blut im Heldenkampfe der offenen Feldschlacht oder hei Verteidigung befestigter Mauern geflossen, es hätte ein Stück ״Malchutii“ bauen helfen, es wäre in tieferem Sinne nicht umsonst hingegeben. Der Dichter wird während der blutigen Ereignisse nur von einer Idee beherrscht: Jerusalem, Sinnbild der wer- אזור מגן ונאום בן הדם (י. Verlag ״Sdan“, Jerusalem, Herbst 1929. 31 S. אימה גדולה וירח (-־. Verlag ״Hedim“, Tel-Awiw 1925. 64 S. *) הגברות העולה. Verlag ״Sdan“, Tel-Awiw 1926. 32S. *\ אגקראון על קטב העצבון• Verlag ״Dawar“, Tel- Awiw 1928. 78S. 6) חזון אחד הלגיונות. Verlag ״Sdtn“, Tel-Awiw 1928. 31 s. «) כלפי תשעים ותשעה• Verlag ״Sdan“, Tel-Awiw 1928. 46 S. כלב בית (י• Verlag ״Hedim“, Tel-Awiw 1929. XIII -123 ש S denden ״Malchuth“, muß geschützt, gerettet werden! ״In Safcd, in Hebron, im einsamen jüdischen Dorfe - - nur in Dich, Stadt und Mutter, dringe kein Araber ein!“ Der ״schützende G ü r t e 1“, die lebende Mauer des jüdischen Soldaten, der ״mit dem Gewehr für dein Heil betet“, wird dafür sorgen! ln glutvollen Dithyramben ergießt sich das beinahe hysterische Lied ״Ma jafith, Jeruschalajim schcli!“ (״Wie schön bist Du, mein Jerusalem!“), in dem der Dichter, treu seiner politischen Konzeption, Jerusalem verherrlicht, und zwar konsequenterweise auf Kosten Tel-Awiws, dem er keine Bedeutung für seine Malchuth-ldee beimißt. Erschütternd ist die ScMderung seines Besuches In der Slobodkaer J eschiwa zu Hebron kurz vor dem Ausbruch des Pogroms dort. ״Wie steht’s in Jerusalem? fragte man mich in der Jeschiwa. In Jerusalem, Brüder, ist Schmerz, enfgegnete ich. Man sagt, daß morgen die Bahn nicht gehen wird. Die Araber rüsten sich, vom Dorfe Lifta heraufzuziehen. Und ihr in Hebron und eure Nachbarn? Sie antworteten mir: Gott sei Dank, nichts zu befürchten. Jerusalem ist immer in Angst . . . kein Wunder . . < So sagten sie und kehrten zum Meere des Talmuds zurück und begannen im Niggun zu schwimmen wie vorher...." In phantastischer Vision sieht der Dichter die Manen der auf den Schlachtfeldern der ״siebzig Reiche“ gefallenen jüdisehen Soldaten in hellen Scharen zu Wasser und zu Lande heranziehen zum Schutz des bedrohten Vaterlandes: ״Hallelujah, die toten Heere Israels!“ Um so mehr enttäuscht ihn die. rauhe Wirklichkeit: ״Britische Soldaten: wie Legionen des römischen Kaisers, und wie die Tage des Pilatus sind die Tage Jerusalems. Und Flavius (Josephus) hält Reden, rät zum Frieden mit Araw und Jesus predigt das Himmelreich (malchuth haschamajim)“. Unter dem Eindruck des furchtbaren Geschehens schreit der Dichter in Worten des Wahnsinns: ״Kein Friede der Juden mit den Wölfen Araws in Zion!“ Manche seiner Gedichte haben peinlichste Aehnlichkeit mit den uns bekannten Haßgesangen der Kriegsneurose. Sein ״Spruch über Araw“, der von giftigen Ausfällen gegen ״Edom“ (christliches Abendland) und das mit ihm verbündete ״Araw“ (Islam) strotzt, hat Berührungspunkte mit der untröstlichen und unversöhnliehen Stimmung in jüdisch-spanischen (und überhaupt mittelalterlichen) hebräischen Poesien und gereicht der hebräischen Literatur unserer Tage nicht zur Ehre. So sehr wir diese Haltung in den alten Poesien bewundern können, für unsere Zeit sind sie abgeschmackt. Die traurigen Ereignisse der Augusttage dürfen nicht, wie hier, zu der These verführen, daß das christliche Abendland mit dem mohammedinaschen Orient einen Bund zur Ausrottung des Judentums geschlossen habe. ״Wir glaubten, eine Schwester unseres Stammes ist M*r die Tochter Arabiens .. . aber wir irrten sehr: bei unserer Rückkehr in die Heimat .. . fanden wir eine Schwester und Kebse Edoms .. . und der Halbmond zwinkert dem Kreuz In Golgatha zu“. Nach unseres Dichters Ansicht lastet über Israel ein Verhängnis besonderer Art. Das Motto auf der Titelseite spricht cs in aller Nüchternheit aus: ״Unser Gott will, und den Messias gibt es. Boden hat das Vaterland, Myriaden Jünglinge für ein Heer. Gold gibt es und den Goldschmied, der auf den Guß der Münze: ״Der Freiheit Israels!“ wartet; aber wer will nicht? - Das Teufels- Schicksal, das uns ewig in Feuer und Blut zerrt: aus dem Rachen des Christentums in den Rachen des Islam“. Aehnlich wie bei Bialiks aufwühlendem Pogromgedicht (״Reir ha-harega") konzentriert sich auch bei Grinberg das Haupt- Interesse um die Frage, wie sich Israel in dieser furchtbaren Stunde der Prüfung und Gefahr verhält. Zunächst zeichnet der Dichter sein eigenes Wunschbild: wie sollte sich Israel verhalten? Er rückt dabei bewußt von jener fatalen Haltung des jüdischen Mittelalters ab, das, im Großen gesehen, in den Leiden und Martyrien eine Fügung des Himmels erblickte, und dem nichts übrig hlieb, als sein bitteres Schicksal zu beweinen, seinen Gott um Hilfe zu bestürmen. Auch den Ruf nach Frieden und Unterwerfung aus Ohnmacht, die Parole jüdischer Parteien und Führer zur Zeit des Untergangs des jüdischen Staates, lehnt er ab. Er rät zu Kampf und Empörung. Die S i k a r i c r, jene unheimlichen Verschwörerhanden, die Flavius Josephus in seinem ״Jüdischen Krieg“ so unsympathisch gezeichnet hat (״Sie bcgingen am hellen Tage und mitten in der Stadt Mordtaten, mischten sich besonders an den Festtagen unter das Volk und erstachen ihre Gegner mit kleinen Dolchen, die sic unter ihrer Kleidung trugen. Stürzten ihre Opfer zu Boden, so beteiligten sich die Mörder an den Kundgebungen des Unwillens und waren um dieses ihres unbefangenen Benehmens willen gar nicht zu fassen.“), diese Sikarier, die bekanntlich in der Geschichte der letzten Verteidigung Palästinas gegen die Römer (Massada!) eine so bedeutende Rolle gespielt haben, die einem Flavius Josephus natürlich unbegreiflich bleiben mußte, sind Grinbergs Ideal. Nicht ohnmächtige Unterwerfung, nicht ״Heiligung des Namens“, sondern ״Verteidigung des Namens“ (Haganath haschem), das ist seine Parole. Ke Lehre Bar Kochbas, die Lehre Bethars und Guscli-Chataws, die Lehre Trumpeldors und Tel-Chajs ist die wahre Lehre. So sieht des Kchters politisches Programm aus. Die ״Verteidigung Jerusalems“, die Taten der jüdischen Selbstwehr in den Tagen der Straßenkämpfe geben ihm Stoff zu begeisterten Oden. Auch das Verhalten der Galuth entzückt unsern Dichter. ״Die ferne Golah, die teuere üolah mit der tosendenjüdisehen Trauer des Blutes! Als die Botschaft des Kampfes sie erreichte von der Feuer- und Blutfront in Zion, antwortete sie ihren Söhnen mit Kampfesgetöse. Teure Juden in den siebzig Reichen! Sie schlossen die Läden und ihre Werkstätten, riefen Versammlungen ein, w ie Mobilisierung der Truppen, und schrien zu Gott und riefen die Gerechtigkeit des Alls an, verfluchten den Namen Araws und Edoms...“ All das meint der Kchter sehr ernst. Er fordert von seinen Brüdern in der Kaspora, sich bewaffnet über die Grenzen, zur Hilfe, ins Land zu stehlen. ״Und wenn ihr zögert ... noch ein, noch zwei Jahre, und es ist, so wisset, mit uns hier zu Ende!.. Und das Wunder, das von Generationen ersehnte, der Messias, der Erlöser, wird nicht kommen!“ Was dem Kchter von seinen Flüchen über Edom und Araw an Wut noch übrig geblieben ist, ergießt er über die zionistisehen Führer. Sie sind an allem schuld. Nichts haben sic von all den Ereignissen, deren Eintritt nach Ansicht des Dichters schon jahrelang mit Händen zu greifen war, vorausgesehen. Ihre fahrlässige Sorglosigkeit ist zum Verbrechen geworden. Die Methode des Stillschweigens und Uebcrschcnwollens hat sich bitter gerächt. Er, Grinberg, war der einzige Rufer schon seit Jahren, der einzige, der die drohende Gefahr voraussah: ״Täglich war ich an deinen Toren ein Herold: Feuer, Feuer! Und deine Fürsten waren wie taub meiner Stimme.“ Die Schuld sieht er in der falschen Beurteilung des arabischen Nachbarn, im bewußten oder unbewußten Uebcrschcn der Bestie in ihm. Mit der hysterischen Wut eines heillosen Neurasthenikers stürzt sich Grinberg auf jene ״Schuldigen“. ״Wer hat die Bresche in die Mauer der Heimat gelegt? Wer hat den Wölfen Araws den Zugang geöffnet? Oh, ich kenne die jüdische Hand, die unreine Hand, die den Zugang geöffnet: sie, die das Geld des Volks für die Geulah nimmt, sie, die das Bild der Wahrheit verdreht... sie, die den Namen Gottes aus dem Gewissen bischt und im Namen Gottes die Lüge schreibt ... ln Hebron waren sie nicht, nicht in Safed, nicht in Moza. ln Kaffeehäusern der Schweiz saßen sie, mit täglich sich rundenderen Schenkeln und Schultern. Und von dort brachte sic ein Schiff nach Aegypten. In Aegypten saßen sie und warteten, bis der Sturm sich gelegt. Und in der Mutter Tel-Awiw saßen sic, bis es ruhig würde, und sie lasen über Hebron, Safed und Moza, über den Brand der fernen Dörfer auf dem Mars und aßen zur festgesetzten Stunde ihre Mahlzeit und gaben, wie alltäglich, Zion ihren Kot...“ Das ist nur ein kleiner und lange nicht der krasseste Ausschnitt aus den seitenlangen Beschimpfungen. Sein Besuch in der ״L i s c h k a t h ha gas Ith“ (Deckname für das Gebäude der Zionistischen Exekutive in Jerusalem) gibt ihm Stoff zu wilden Ausbrüchen eines Rasenden. Wir müssen und wollen ihm zuliebe es uns versagen, auch nur eine Zeile dieser schautuenden Tollwut hier wiederzugeben. Am Schluß des Büchleins meint der Verfasser, es gäbe nur zwei Wege ״für den Klugen und trotzdem Tiefverstehenden“: Selbstmord durch eine Kugel oder geistige Umnachtung (die alte Brennersche Alternative!). Zum Selbstmord fühlt er sich nicht tapfer genug: ״Ich bin!sein Held ... der Geist will, aber das Fleisch ist zu schwach, das zu tun, was jeder der Helden Eliesers (des Verteidigers Massadas) getan hat ... Ich bin zu schwach, mir eine Kugel der Freiheit durch die Schläfe zu jagen, der Freiheit für mein.gefangenes Blut...“ Er wählt sich ein#« dritten Weg: ״Zu sein wie der brennende Dornbusch, ein Brand des Körpers in seinem Blut, bis der kommt, der ihn löscht.“ Diese Gedichte könnte man als eine einzige große Entglei• sung bezeichnen, wenn sie nicht, leider, die beinahe mathematisch scharfe Konsequenz der ganzen Gedankenwelt Grinbergs wären. Auch gibt es keinen Trost in der entschuldigenden Erklärung, daß diese Pogromgedichte nur aus der ernsten Stunde höchster Erregung verständlich seien und den Stempel dieser Unmittelbarkeit des Erlebens tragen. Ein neues Buch, das der Autor zur Zeit vorbereitet und das den vielbesagenden Titel: ״Mit dem Messer im Herzen“ tragen wird, wird, nach den in der Zeitschrift ״Mosnajim“ gegebenen Proben zu schließen, aus der gleichen Konzeption heraus und mit unverminderter Schärfe und Bitterkeit die Ereignisse behandeln. Nur mH großer Selbstüberwindung sind diese Zeilen ge• schrieben. Es ist ein unglücklicher Zufall, daß gerade dieses Gedichtehändchen Grinbergs den Anlaß bildete, über ihn, dessen dichterische Genialität unbezweifelbar ist, in diesen Blättern ausführlicher zu sprechen. Wir achten Grinberg, große Teile des Jischuw lieben ihn, die palästinensische Arbeiterschaft halt ihn für den ihren. Unsere Gefühle des Mitleids mit diesem Unglückseligen übertönen aber weit den Respekt vor einer gewissen Großartigkeit seiner Diktion. Wir respektieren den tragischen Urgrund seiner Verirrung, aber wir vermögen auch nicht ein Wort des Trostes für ihn über die Lippen zu bringen. Wir empfinden mit tiefer Trauer die Verzweiflung, die aus den Worten spricht, die er in der letzten Nummer von ״Mosnajim“ (8. Mai) schreibt: ״Ich gleiche, während ich dies schreibe, jenem Schiffbrüchigen, der noch einen Brief schreibt und ihn in die Flasche steckt, die er den Wellen des Meeres überantworte!: vielleicht gelangt die Botschaft des Wehs in die Hand Fines, der zum Gestade hinauszieht. ... Ich versinke im kleinen Meer meines Bluts“. Aber diesem Manne kann nicht geholfen werden. Max Mayer. Moritz Posener Mnritz Posener ist im Dezember 19'J9, 67 Jahre, all, in Berlin geütorben. Die Galerie (insper, Lütznwufer, hat seine Werke in einer Gedächtnis-Ausstellung zusammengebracht. Vor Poseners Arbeiten empfindet inan, wie falsch Vcrallgemeinerungen sein können. Hier ist einer, der nicht zersetzen und nicht hastig vorwärts wollte, dein das alte auch wiederum nicht ästhetisierende Pose war, sogar in dem ״Mondschein“ von 1928 wohl nicht, dieser Landschaft, die so sehr an Kaspar Friedrieh erinnert und sicher dieser Verwandtschaft wegen von der Stadt Berlin erworben wurde. In den 90er Jahren malte Posener anspruchslose realistische Landschaften in Paris, in der Mark, um 1905 herum die Porträts seiner Frau, seiner Brüder, dann Bildnisse der Kinder, an denen sich seine Palette besonders erwärmte. Da ist ein Kinderbildnis aus dem Jahre 1902, der Junge mit der roten Kravatte, das ungemein fein ist in seiner braungoldenen Tonigkeit. Andere benutzen die alte, solide Malerei als Sprungbrett, er verweilte in ruhiger Beschaulichkeit, ein Exponent des soliden westeuropäischen jüdischen Bürgertums, das noch nicht so ganz dahingeschwunden ist. ,RahelWischnitzer- Bernstein.