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Jüdische Rundschau · 1930-05-30 · Heft 42-43 (30.5.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 42-43 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 42/43, 30. V. 1930 J U EDI SC HE RUNDSCHAU Seite 289 Zehn Jahre Jüdische Volkspartei Massenversammlung in der Stadthalle. Die Berliner Jüdische Volkspartei veranstaltete anläßlich ihres 10jährigen Jubiläums am 27. Mai, eine Massenkundgebung in der Berliner Stadthalle, die dem Rückblick auf die ver* gangene Arbeit und der Einleitung zukünftiger Tätigkeit der Volkspartei dienen sollte. Der in allen seinen Teilen dichtgefüllte Raum vermochte kaum die Zahl der Teilnehmer an dieser Kundgebung zu fassen. Den Vorsitz führte Alfred Berger, der in seiner Einleitung darauf hinwies, daß die Jüdische Volksnartei anläßlich der Feier ihres 10jährigen Bestandes ein Recht habe, auf große Erfolge stolz zu sein. In packenden Worten zeichnete er den Aufschwung des jüdischen Lebens in Berlin, hervorgerufen durch die unermüdliche, unablässige Tätigkeit der Volkspartei im Kampfe gegen ihre Gegner. Berger erwähnte die am 26. ds. Mts. abgehaltene große Protestversammlung der Berliner Zionistischen Vereinigung gegen die Einwanderungssperre und wies darauf hin, in weich würdiger Form und mit welcher Festigkeit die jüdischen Massen den politischen Ereignissen gegenüberstehen. Moses Waldmann kennzeichnetc den Erfolg der 10jährigen Arbeit der Jüdischen Volkspartei durch die Tatsache, daß vor zehn Jahren zum ersten Male Zionisten in die Repräsentanten- Versammlung einzogen und daß gegenwärtig der 1. Vorsitzender der Berliner Jüdischen Gemeinde, der Zionist Georg Kareski ist. Dieser in der Geschichte der jüdischen Parteien in einer verhältnismäßig so kurzen Zeit errungene beispiellose Erfolg ist auf drei Momente zurückzuführen: erstens hat sich der sogenannte Liberalismus, der religiös zu sein vorgibt, in Wirklichkeit die Partei der jüdischen Assimilation darsfellt, überlebt. Es gibt keine liberale Bewegung mehr, denn von einer Bewegung kann man erst dann sprechen, wenn irgendein weltanschauliches Interesse im Zentrum aller Lebensäußerungen steht. Zweiter Faktor des Aufschwunges der Jüdischen Volkspartei in Berlin war der Siegeszug des Zionismus in der ganzen jüdischen Welt und die Schaffung eines neuartigen jüdischen Energiezentrums, der Zionistischen Organisation, die, einem Magnet gleich, alle bewußt jüdischen Elemente anzog und beeinflußte. Der dritte Faktor für dfn Aufschwung der Jüdischen Volkspartei war die ihr gemäße natürliche Erkenntnis von der Bedeutung der eingewanderten Ostjuden für die Intensivierung des jüdischen Lebens in Berlip. Man hat den Ostjuden in der Gemeinde das jüdische Fieimatsgefühl gegeben. Wir kennen kein Programm von Ostjudentum oder von Westjudentum, sondern für uns ist Programm nur Klal-Jisroel! Wir wollen keine Unterschiede, sondern Ver- Schmelzung. Unser Programm heißt: Werbendes Judentum, d.h. Werbung für das Judentum innerhalb der jüdischen Reihen. Die Berliner Gemeinde soll ein leuchtendes Vorbild werden als Teil des gesamten jüdischen Volkes. Der große Gesichtspunkt jüdischer Volkspolitik ist die Krönung dieser Arbeit durch das Palästinawerk. Der Vorsitzende begrüßte hierauf den Vorsitzenden und Führer der Berliner Jüdischen Gemeinde, Direktor Georg Kareski, der folgende Ausführungen machte: Wir wollen heute einen Rückb'ick auf die geleistete Arbeit werfen. Unsere Vorgänger bemühten sich in der Gemeinde um die Konservierung des Bestehenden. Das jüdische Leben in der Gemeinde drohte aber zu versanden, ihr Zusammenhang mit dem gesamten Judentum ging verloren. Wir waren nach dem Kriege nur ein kleines Häuflein als wir in die Gemeindearbeit eintraten, und wir haben die Waffe der Kritik mit aller Kraft geschwungen. Mit Angst hat man uns damals in den Vorstand der Gemeinde eintrefen gesehen, und wir haben die Herren dazu veranlaßt, jüdische lieber stunden zu machen und in den Vorstandssitziingen die Fragen so intensiv zu behandeln. Wir haben schon damals manche der Liberalen mit unserem Geiste angesteckt, und wir glauben, daß diese Ansteckungsgefahr auch heute noch nicht vorüber ist! Dann kam der 16. Mai 1926, der uns zwar noch nicht die Mehrheit in der Gemeindestube, aber den entscheidenden Einfluß brachte. Wir können heute die Frage wagen, ob wir seitdem bewiesen haben, daß wir nur reden und kritisieren können, oder ob es nicht auch den verbohrtesten Gegnern klar geworden ist, daß hinter uns eine lebendige Idee steht, der Wille zur Arbeit für unser Volk. Wir haben in vier Jahren einen grundlegenden Wandel in der Berliner Gemeinde erreicht. Stolz sind wir auf die Eingliederung der Ostjuden in die Gemeinde. Eine besondere Schwierigkeit in unserer Zeit ist das Verhältnis der Jugend zur älteren Generation. In diesem Zusammenhänge ist an jene Kundgebung 2000 junger Menschen aller Richtungen zu erinnern, die eine Forderung aufstellte: Gebt uns Arbeit in der Gemeinde! Diese Tatsache ist vielleicht der stärkste Aktivposten unserer Arbeit. Es ist kein Zufall, daß diese Entwicklung 1926 eingesetzt hat. Das jüdische Volk von Berlin hat eben die Gefahren erkannt, die ihm von der Assimilation drohen, durch den wirtschaftlichen Umwälzungsprozeß, von der politischen und kulturellen Seite. Fs f:a ei gesc Instinkt bewiesen. Am 30. November 1930 wird es erneut die Frage seiner künftigen Lebensrichtung zu beantworten haben. 1926 war die Volkspartei nur eine Hoffnung, heute weiß man, welche jüdische Arbeit sie geleistet hat. Hierauf ergriff der Präsident des Makkabi-Weltverbandes und Vorsitzende des Bar Kochba-Hakoah, Dr. Leiewer, das Wort: Wir Juden sind ein Volk der Erinnerungen, und daher sind zehn Jahre für uns keine so große Epoche. Wir stellen aber mit Freude fest, daß in einer Zeit, in der sich Parteien und Menschen rasch verbraucht haben, die Volkspartei stets bemüht war, Hauptträger einer jüdischen Volkspo'i ik zu sein. Demokratie und Führertum ergänzen sich, da wahre Demokratie der Führer bedarf. Es gibt Ausführer einer Sache, Geschäftsführer einer Organisation und echte Führer einer Bewegung. Die Volkspartei, die stets mehr Bewegung als Organisation war, hat echte Führer gestellt. Wesentliche Punkte für uns sind einmal die demokratischen Grundsätze, d. h. bei uns in erster Linie Gleichstellung von Ost- und Westjuden. Die Volkspartei muß die Lebensformen der Vergangenheit mit jüdischem Leben der Gegenwart anfüllen. Die Gemeinde war früher ein Platz der Senioren, heute ist sie auch der Ort für Junioren. Wir haben das Jugendamt und den Jugendpflegeausschuß geschaffen. Eine Wandlung ist in der entjudeten Jugend eingetreten. Auch bei der Jugend war soziale Arbeit zu leisten. Wir kennen dabei nur eine Art der Wohltätigkeit, nämlich Almosen überflüssig zu machen. In einer Zeit, in der die Weltkultur ohne den Sport undenkbar ist, haben wir auch diese Arbeit für uns nutzbar gemacht. Aber wir bekämpfen die Hypertrophie des Sportgedankens und erkennen nur die Vereine an, die auch jüdische Erziehungsarbeit leisten. Jüdische Volkspartei heißt jüdischer Aktivismus. Das Judentum soll wirkliches Erlebnis sein. Auch mit dem Gegner wollen wir sachlich kämpfen, und wir wollen für ein Peßach der Zukunft kämpfen. Als letzter Redner ergriff der Führer der Volkspartei, Dr. Alfred Klee, das Wort zu folgenden Ausführungen : Ein Gefühl der Wehmut ergreift uns heute, wenn wir der Toten gedenken, die in unseren Reihen gekämpft haben. Essind eine lange Reihe von Freunden. (Die Versammlung gedenkt stehend der Verstorbenen.) Jüdische Volkspartei heißt, alles Sehnen des Volkes in der eigenen Brust nachempfinden. Wir haben niemals nur Wahlversprechen gegeben, wenn auch noch nicht alles gelungen ist. wir haben nicht die Mehrheit und mußten mit der Opposition ringen. Heute allerdings ist manches schon zur Selbstverständlichkeit geworden, und man hat auch auf der anderen Seite Teile unserer Gedanken übernommen. Unser Ziel bleibt die Erhaltung des jüdischen Volkes in seiner Größe und Schönheit. Die jüdische Renaissance unserer Tage feiert ihren höchsten Triumph. Wenn es ein Zurück für uns gibt, so ist das keine Reaktion, sondern ein Zurück zu den Quellen unserer Geschichte, zu den höchsten Gütern, die Israel der Menschheit gegeben hat. Aus diesem Geiste heraus bekämpfen wir die Reformgemeinde; wer den Sabbat vergißt und wer Hebräisch verlernt, wer Israel nach den zufälligen Staatsgrenzen zerschneidet, verkenn* die Zukunft unseres Volkes. Wir kämpfen um die jüdische Schule deshalb, weil schon die Kinder in den Geist des Judentums eingeführt werden sollen. Wir verlangen auf diesem Gebiet auch die höhere jüdische Schule. Die Kinder gehören am Sabbat in das jüdische Haus. Die Schule muß das an jüdischein Wissen ersetzen, was die Eltern heute vielfach nicht mehr haben. Wir wollen durch sie aus dem Ghetto der Zwitterhaftigkeit heraus. Wenn wir die jüdischen Kinder mit jüdischen Idealen erfüllen, so führen wir sie auch an die 10״ Jahre Jüdische Volkspartei“ Am Mittwoch, dem 4. Juni 1930, abends 8 Uhr Tee-Abend auf dem Dachgarten des Hotels Alhambra, Charlottenburg, Kurfürstendamm 68 Ansprachen: R. -A Dr. Alfred Klee, Dir. Georg Kareski Oberkantor Israel Alter, Hannover: Jüd. Gesinge Sammy Gronemann: Jüdische Humoristika Bar-Kochba - Hakoah: Kammermusik-V ereinigung Tee-Gedeck RM. 3.— einschließlich Bedienung Bestellungen an das Büro der Jüdischen Volkspartei, Berlin N 24, Monbijouplatz 10, Tel.: D 1 Norden 1159 Quellen des Lebens unserer Tage heran. Die Volkspartei ist die Partei jüdischer Kulturpflege, und daraus soll jüdische Aktivität erwachsen. Die jüdische Note muß bei den einzelnen Unterrichtsgegenständen mitelnbezogen werden. Nur so kann der Wille zum Judentum gestärkt werden. Wir haben die Aufgabe des Umbaus der jüdischen Wohlfahrtspflege zu einer jüdischen Sozialpolitik. Trotzdem wir die Aufgaben der Gemeinde vergrößert haben, sind wir entgegen allen gegnerischen Voraussagen bei dem Steuersatz von 10 % geblieben, Die Gemeinde muß auf dem Gebiete der jüdischen Wirtschafts• not eingreifen, wir müssen für die Unterbringung der Arbeitslosen sorgen, insbesondere auch für diejenigen, die den ,Sabbat halten. Wenigstens eine Milderung der Not können wir so erreichen. Ehe Gemeinde hat mich in die leitenden Körperschaften der ICA entsandt. Zum erstenmal sitzt ein Vertreter unserer Weltanschauung an dieser Stelle. Das ist nicht gleichfültig für die Weltgeltung der Berliner Gemeind«*. Es weht ei uns ein tiöa«* Geist,; uh# es Ist wiedei* eine Ltisf als JÜde zu leben! Nach diesen mit immer wieder erneuten Beifallsstürmen aufgenommenen Reden schloß Alfred Berger die Versammlung mit dem Hinweis auf die nahende Entscheidung über den vollen Sieg des von der Volkspartei vertretenen Geistes der jüdischen Demokratie. Unsere Goldenen Büdier Von Helena Hanna Thon. Als die Vertreter der Jewish Agency sich im März zu ihrer Sitzung in London versammelten, traf sie die Nachricht vom Hinscheiden des Lord Balfour. Diese Nachricht weckte aufs neue das Gefühl der tiefen Dankbarkeit gegenüber dem Manne, der dem jüdischen Volke, seinen Nöten und Hoffnungen ein Verständnis entgegengebracht hat wie es im Zeitenlauf;; nur ganz selten bei einem Nichtjuden zu finden war und der es unternommen hat, dem jüdischen Voiksschicksal eine neue Wendung zu geben. Aus dem Wunsche heraus, dieser Dankbarkeit einen sichtbaren Ausdruck zu geben und ein Erinnerungszeichen zu schaffen, das Balfours Namen mit den Namen der bewegenden Kräfte im Judentum seiner Epoche dauernd verbinden soll, entstand der Plan, ein neues Goldenes Buch zu seinem Andenken anzulegen. In dieses Buch sollen sich möglichst alle jüdischen Gesellschäften, Institute, prominenten Persönlichkeiten in allen Ländern der Welt zu Ehren des Verstorbenen eintragen. So soll in eigenartiger Weise eine Chronik der jüdischen Wirksamkeit in der ganzen Welt entstehen, und von dieser merkwürdigen, in vieler Beziehung wichtigen Chronik soll ein Exemplar im Besitz des jüdischen Volkes — im Hauptbüro des Keren Kajemeth bleiben, ein zweites dem Britischen Museum überreicht werden. Der Keren Kajemeth hofft, daß das Judentum der Welt Interesse für diesen Plan bekunden und vor allem nicht zögern wird, sich einem der wärmsten und tatkräftigsten Freunde, die es im Laufe der Zeiten gefunden hat, dankbar zu erweisen. Die Summe von £ 100000, die der Jüdische Nationaifonds durch 5000 Eintragungen in das Goldene Balfour-Buch zu gewinnen hofft, soll für den Zweck verwandt werden, der die Grundlage unseres gesamten Aufbauwerkes bildet: für eine erliebliche Vergrößerung unseres Besitzes an palästinensischen Boden—-einZweck,der gerade heute, da Versuche gemacht werden, uns diese Grundlage unserer palästinensischen Existenz zu entziehen, viel enthusiastische Unterstützung finden wird. Diese Aktion, die vom Keren Kajemeth mit großer Energie begonnen worden ist, lenkt das Interesse wieder einmal auf die Goldenen Bücher, die dem jüdischen Volke angelegt worden sind, damit — wie in den Zeiten der Rückkehr aus der baby- Ionischen Gefangenschaft — die Namen aller Gruppen und Personen, die beim Aufbau von Zion helfen wollen — darin aufbewahrt werden. Diese Goldenen Bücher blicken bald auf eine Geschichte dreier Jahrzehnte zurück. Das erste Goldene Buch wurde 1903 angelegt, als das Büro des Jüdischen Nationalfonds sich noch in Wien befand, und der erste Name, den es enthält, ist der des Schöpfers des Keren Kajemeth Prof. Schapira. Bis zum Jahre 1917 waren in dieses Buch 6000 Eintragungen unter Einzahlung von Summen von je £ 10 erfolgt Auch das zweite der Goldenen Bücher steht in Beziehung zu Lord Balfour, da es sofort nach der Balfour-Erklärung angelegt wurde, in diesen! zweiten Buche ist der Name des nunmehrigen Keren Kajemeth-Direktors Ussischkin der erste, derjenige des Baron Rotschild der letzte. 1925 *־ nach San-Rerao — begann man ein neues Buch, das jetzt noch aufliegt, aber bald gefüllt sein wird und Sir Herbert Samuels Namen als ersten trägt Vor drei Jahren wurde dann noch ein viertes Buch aufgelegt, um das 25jährige Bestehen des Keren Kajemeth zu feiern. Durch diese vier Bücher sind dem Siedlungswerk in Erez-lsrael bis etzt über £ 233000 zugeflossen — eine Summe, die viel dazu aeigetragen hat, um die heute im Jüdischen Nationalfonds bcfindlichen 300 000 Dnnam palästinensischer Erde zu erwerben. Es lohnt sich, jetzt, da man vor der Anlage eines neuen Goldenen Buches steht, das — als ewige Erinncrungsspendc für einen großen Toten gedacht — mehr als alle bisherigen Bücher Anspruch auf eine durchaus würdige Form erheben darf, einen Blick auf den ästhetischen Gehalt seiner vier Vorganger zu werfen. Man hat bei diesen vier Büchern keine Mühe und auch nicht erhebliche Kosten gescheut, und man darf fragen, ob das künstlerische Resultat dem Aufwand an Energie und Mitteln entspricht. Dem ersten Goldenen Buch sieht man deutlich seine Entstehungsepoche an: die künstlerische Epoche, in der Böcklin und Kiinger in hohem Maße den mitteleuropäischen Geschmack beherrschten. Zu der optimistischen Romantik jener Zeit, die ihre etwas hausbackenen Märchenträume in möglichst sinnfälliger Weise auszusprechen strebte, kam damals noch unsere besondere im Ghetto ein wenig kleinbürgerlich gewordene und am Palästinagedanken nett aufgeflammte Romantik. Damals drang die Vorstellung von Kornähren, Palmbäumen, Weinreben und üppigen, früchtetragenden Frauengestalten als Symbole unserer Zukunftshoffnungen in den jüdischen Kunstgeschmack ein. In dem Zeichner und Radierer Lilien fand diese konkret-romantische Vorsteilungsweise ihren lebendigsten Ausdruck. Ihn beauftragte man damals mit dem Entwurf des Einbandes zum ersten Goldenen Buche. Dieser Einband ist aus tiefbraunem Leder; eingepreßt sind Kornähren und das Bild der Stadt Jerusalem, über der eine große goldene Sonne aufgeht Der reiche Schmuck von Goldplatten und Goldleisten mit eingelegter blauer Emaille und Türkisen entspricht dem Stil der Zeit, der in seinem behaglich-träumerischen Anlehnungsbeclürfnis — sich gern auf mittelalterliche Kunsthandwerksformen stützte. Der Einband zum zweiten Goldenen Buch ist eigentlich weniger ein abgerundetes kleines Kunstwerk als vielmehr ein kunstgewerbliches Kuriosum, dem man es deutlich anmerkt, daß bei seiner Entstehung Momente mitgewirkt haben, die gar nichts mit künstlerischen Absichten zu tun haben. Dieser Einband — im Weltkriege entstanden — sollte beweisen, daß in Palästina schon eine neue jüdische Kunst entstanden ist, die sich ihre eigenen Formen schafft Ueber diese Absicht hinaus wollte der Bezalel — dem die Arbeit übergeben wurde — in jenem Ueberwiegen der Intelligenz über den künstlerischen lnstinkt, der ihn in all den Jahren seines Bestehens gekentizeichnet hat — auch noch Proben seiner sämtlichen kunstgevverbliehen Werkstätten vereinigen. Auf dieser Einbanddecke wimmelt es förmlich von Edelmaterialen: Elfenbein, Gold, Silberfiligran, Halbedelsteine, geschnittene Steine. Daneben herrscht eine erdrückende Fülle von Einzelbildern: aus geschnittenem Elfenbein Bilder aus der Bibel, landwirtschaftliche Symbole, der Zodiakus, in der Mitte aus Gold geschmiedet ein pflügender Chassid. Da ist ein solches Gewimmel, daß man vielleicht eine oder die andere hübsche Kleinigkeit im Gedächtnis behält, aber den Gesamteindruck des Bandes nach wenigen Minuten vollständig vergißt. Das dritte Goldene Buch trägt schon den Stempel einer anderen Epoche und wirkt bedeutend ästhetischer als die beiden ersten Bücher. Vor allem hat hier der junge palästinensische Künstler Kalter, der es entworfen hat, ein Material verwandt, das dem Geist einer von Naturwissenschaft und Technik beherrschten Zeit entspricht, nämlich Holz. Dem Material «nd' dem Zeitgeist entsprechend, vielleicht auch in einer gewissen Auflehnung gegen den Geschmack der beiden anderen Bücher, ist hier alles Schnörkelwerk vermieden und der ganze Einband in den einfachsten Linien gehalten. Eine glatte, in warmem braunen Holzton gehaltene Fläche, mit einer einfachen inkrustierten schwarzweißen Borte umgeben und als einzige Unterbrechung der Fläche eine nicht sehr anspruchsvolle lnstruktion: ein ßild der Haifaer Bucht mit dem Ausblick auf die Jesreel-Ebene, den fruchtbaren Schoß neuen jüdischen Lebens. Als einziger Goldschmuck ein breiter vergoldeter Metallrand. Von einer neuen und tieferen künstlerischen Kultur zeugt bei diesem Buch, das übrigens samt Druck und Binderei vollständig im Lande selbst entstanden ist, besonders die gute innere Ausstattung des mit vorzüglichem, matt getönten Papier versehenen Buches. Gegenüber diesem Zeitgemäßen und einem richtigen Gefühl entsprungenden Werk ist der vierte Band eher wieder ein Rückschritt in der Richtung des herkömmlichen ״Prachtbandes“. Der in Palästina lebende Maler Strich ist bei diesem Einband wieder zum Leder mit schweren Silberleisten und Silberschließen und den bekannten allegorischen Bildern (ein Arbeiter im Kampfe mit den Kaktushecken, den Boten der Wüste und der Dürre, und gegenüber eine blühende Frau mit vollem Früchtekorb, alles in getriebenem Silber) und zur Verwendung von Halbedelsteinen zurückgekehrt. Nicht besonders glücklich gewählt ist das Mittelstück: eine kleine Karte von Palästina aus Elfenbein geschnitzt, in der die Flüsse und Ortschaften durch hellblaue Striche und Punkte und winzig kleine Türkisen bezeichnet sind, das ist viel zu naiv und spielerisch für den schweren Untergrund von Leder und Silber. Schöner als der äußere ist der innere Buchschmuck, der dem des dritten Bandes entspricht. Und nun soll ein fünfter Band geschaffen werden, ein Gc• dächtnisband, in dem sich auf besondere Weise die Verknüpftheit des jüdischen Schicksals mit dem Namen des großen engiischen Staatsmannes und Philosophen aussprechen soll. Da ist es von besonderer Bedeutung, daß dieser Band eine ästhetisch durchaus befriedigende Form erhält und nicht gerade durch allegorische Darstellungen, sondern durch seinen Zusammenklang von Farbe, Form und Material für den tiefen Zusammenhang zwischen dem jüdischen Volke und dem großen Toten einen passenden Ausdruck findet und das jüdische Kunstschaffen würdig in den Sammlungen des Britischen Museums vertritt. Ausstellungen An der H y g i c n c - A u s s t c 11 u n g in Dresden sind die Organisationen ״O s e“, T o 1“, ״A g r o ־ J o i n t“ durch eine gemeinsame Schau des jüdisch-sanitären Hilfswerkes, insbesondere in den Ländern Osteuropas vertreten. Zahlreiche Diagramme, Statistiken, Flugschriften und anderes Material veranschaulichen die Tätigkeit dieser Organisationen. An der Ausstellung ״Altes Berlin“ im Funkturm Charlottenburg ist die Jüdische Gemeinde Berlin durch eine Darstellung jüdischer Institutionen und Dokumente aus dem ״Alten Berlin“ vertreten. Neben zahlreichen Porträts, Stichen von Synagogen und Friedhöfen sind Dokumente wie das berühmte Judenedikt von 1714, die Liste der ersten Namenseintragung von Juden aus dem Jahre 1812 sowie viele andere Erlasse und Privilegien zu sehen. Prunkstücke der jüdischen Schau sind der Thoravorhang der Alten Synagoge, den König Friedrich Wilhelm I. im Jahre!718 geschenkt hat, und ein reich verzierter Chanukkah-Leachter aus dem Jahre 1714,

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