Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 42-43 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 288 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42/43, 30. V. 1930 I I I der Mangel einer zielsicheren und einheitlichen Führung des Jischuw und eine nicht immer berechtigte Hetze gegen die Administration verwirrten die Situation noch mehr. Hoffnungen zerbröckelten, die eine schrankenlose Propa* ganda Jahre hindurch geweckt und genährt hatte. Aber immer noch lag all den Anklagen, Befürchtungen und Aengsten ein gewisses Vertrauen zugrunde, daß sich die Dinge wieder ordnen würden und daß eine neue Periode der ruhigen Arbeit vor dem Judentum läge, in der das Werk der Kolonisation fortgesetzt werden könnte. Man verließ sich auf die ״Kraft der zionistischen Idee“, den Einfluß der Propaganda, die Aktionen der politischen Lei• tungen, klammerte sich Tag für Tag an Pressenachrichten aus England, die eine Unterstützung der zionistischen Aspirationen erhoffen ließen, ließ sich berichten über die Stimmung und den jüdischen Einfluß im englischen Parlament, und — hoffte. In diese Stimmung, gemischt aus halbem Vertrauen, Angst, Hoffnung und einem Bewußtsein von dem Ernst des Moments, fiel wie ein Blitz die Nachricht von der Einstellung der Einwanderung und dann die Regierungserklärung. Und das ganze politische Gebäude geriet ins Wanken. Es ist charakteristisch, daß nach der Nachricht über die Einwanderung die Regierungserklärung kaum mehr einen sonderlichen Eindruck machte. Die Schließung des Landes vor den Juden — und zwar nicht durch den High Commissioner, sondern direkt durch das Colonial Office, und in einer Zeit, wo wirtschaftliche Gründe für diese Maßnahme nicht genügten, es sich also um einen politischen Schritt handelte w war die erste Verwirklichung der schweren Befürchtungen, die man gehegt, aber an die man im tiefsten Herzen nicht hatte glauben wollen. Es wurde jenes elementare Gefühl lebendig, das immer im Lande besteht, sich aber in Zeiten der Not am stärksten regt: wie sollen wir Weiterarbeiten, wenn wir nicht sicher sind, daß es ״vorwärtsgeht“, daß die Juden im Lande sich mehren können und daß der lebendige Blutzufluß aus dem Galuth nicht abgeschnürt wird? Und so griff man — was psychologisch leicht verständlich ist — zur einzigen Waffe, die in dieser Situation sich zu bieten schien, zum Protest, dieses Mal zum schärfsten Protest, zum Streik. Es war vielleicht weniger eine politische als eine instinktive Aktion. In dieser Situation werfen viele im Lande von neuem die politische Frage in vollem Umfange auf. Noch kommen die Fragen, Ueberlegungen, Forderungen nicht recht zum Ausdruck, weil die Protestbewegung alles mit sich fortreißt. Die Revisionisten fordern nach altem Rezept die Abdankung der Leitung, allerlei Pläne tauchen auf und verschwinden, angefangen bei diplomatischen Aktionen, und endend mit dem Aufgeben •deeÄ!|f,11iwge^-j@|it 4sr!Regjto«»f..;'Aber hinter alledem steht bei viele» die Frage: Haben wir diese B»twicklnng nur der allgemeinen politischen Situation im englischen Imperium zu verdanken, den Ereignissen in Aegypten, in Indien, dem Druck der arabischen Delegation und der so natürlichen Unterdrückung des Schwächeren? Oder sind auch bei uns Fehler gemacht worden, die sich jetzt rächen? Es ist wohl kein Zufall, daß man sich jetzt, noch vorsichtig und schüchtern, aber mit einem Gefühl des lebhaftesten Unbehagens, an die Exekutive wendet mit der Frage, wo ihr Aktionsplan für arabische Politik sei. Und zwar kommen diese Anfragen nicht aus dem Lager des ״Brith Schalom“, für dessen Vorschläge man nach wie vor nur Verachtung und Entrüstung übrig hat, wie die Empörung nach der Petition dieser Gruppe gegen die Todesstrafen gezeigt hat Man fragt wieder nach der ara« bischen Zeitung, nach der arabischen Abteilung, die zwar besteht, aber die man nicht spürt, und das allgemeine Gefühl ist: es muß etwas getan werden. Man weiß nur nicht recht, was. Der Jischuw steht nicht nur mit Bittemis und Empörung, sondern auch mit einem nichtverstehenden Kopfschütteln vor der Erklärung des Colonial Office. Es erscheint ihm wie ein grausamer Hohn, daß Maßnahmen, wie die Sperrung der Einwanderung, und Maßnahmen gegen den Ankauf von Boden durch Juden, unterBerufungaufdasMandat bekanntgemacht werden. Und hier kommt klar zum Ausdruck, was schon seit langem spürbar war und was auch gesagt, aber niemals recht beachtet worden ist. So wie allgemein in der zionistischen Politik hat auch der Jischuw im Lande niemals wirklich von den zwei Teilen des Mandats, von der Verpflichtung Englands, die Interessen der eingeborenen Bevölkerung zu schützen, von dem ״Dualismus“ dieses Dokuments Kenntnis genommen. Und trotz aller andersartigen Ansätze, trotz der Artikelflut über die arabische Frage, die im letzten Jahre sich ausbreitete, hat man sich in der Politik niemals zu praktischen Vorschlägen durchringen können. Der praktische Plan einer arabischen Politik, überhaupt einer praktischen Politik, in Palästina, der die Frage der Einwanderung, des Bodenkaufs und der Bodengesetzgebung, der Entschädigung bzw. Ansiedlung der ausgekauften Araber behandelt, ist nie fertiggestellt, daher auch niemals dem Colonial Office vorgelegt worden. Alle allgemeinen Erklärungen einer Verständigungspolitik, auch wenn sie noch so ernst gemeint sind, können das nicht ersetzen, sie nutzen sich nur ab und verlieren ihren Klang. Und so hat England unter diesen Umständen, wo die Juden ihr keine Lösung des Palästinaproblems offerierten, selbst mit seiner Lösung begonnen. Dabei wird ein Weg eingeschlagen, der für England bequemer ist, eine Bahn d6s geringsten Widerstandes; es werden auf Kosten des Schwächeren Zugeständnisse gemacht. Das Mandat mit seiner Elastizität ist ein genügend weiter Rahmen, um diese und jene Deutung zuzulassen. Und es ergibt sich die Situation, daß England, das von arabischer Seite Vorschläge zur ״Pa- Iistinafrage“ erhalten hat, die unter starkem Druck vorgetragen wurden, einen Teil dieser Vorschläge durchführt, um sich in dieser Ecke des Nahen Ostens Ruhe zu schaffen. Seit zwei Tagen hat der Spezialkommissar des Colonial Office seine Arbeit in Jerusalem aufgenommen. Die Reglerung hat kurz vor seiner Ankunft eine Menge von Material zusammengetragen, das ihm als Unterlage dienen soll. Auch von jüdischer und arabischer Seite werden gewisse Vorbereitungen getroffen. Es ist aber fraglich, ob dieses Material der Jewish Agency in der Tat jenen Plan umfaßt, der eine praktische Lösung der Palästinafrage darstellt, d. h. einen Plan, der sich nicht nur mit jüdischen Errungenschaften und Forderungen, sondern auch mit der Zukunft der arabischen Landwirtschaft im Lande beschäftigt. Es ist sehr, sehr spät für einen solchen Schritt, aber vielleicht ist es noch nicht zu spät. Nur vom archimedischen Punkte der arabischen Politik wird sich die Verwirrung der zionistische!! Welt, auch die Beziehung mit England, wieder glätten lassen. Die Protestversammlung in Berlin Die von der Berliner Zionistischen Vereinigung gegen die Suspendierung der Einwanderung nach Palästina für den 26. ds. in dem Großen Saal des Lehrervereinshause» einberufene Protestversammlung nahm einen großartigen und würdigen Verlauf. Bald nach Eröffnung der Versammlung verbot die Polizei wegen UeberfüHung den weiteren Einlaß von Teilnehmern. Besonders stade war die Jugend vertreten. Darunter fielen die Mitglieder des Jung-Jüdischen Wanderbundes auf, die rote Fahnen entrollt hatten. Alle Redner beschränkten sich auf kurze Darlegungen und enthielten sich im allgemeinen, innerzionistische und organisatorische Fragen zu berühren. Besonders eindrucksvoll waren di« Schlußworte Leo M o t z k i n s, der von der Ver- Sammlung stürmisch begrüßt wurde. Trotz aller Energie des Protestes hielten sich alle Redner vor Uebertreibimgen zurück. Man unterschied scharf zwischen der Politik der gegenwärtigen englischen Regierung und Verwaltung und dem englischen Volke, dessen Ehre, nach dem Ausspruch Lord Ceeils, In der Erfüllung des dem jüdischen Volke gegebenen Versprechens verhaftet ist. Der Unterton aller Erklärungen war das Bewußtsein des guten Rechtes, der Entschlossenheit des jüdischen Volkes und die Zuversicht, daß die kommende Entwicklung zu einem Einvernehmen zwischen allen das jüdische Aufbauwerk in Palästina bedingenden Faktoren führen werde. Die in der Versammlung einstimmig angenommene Re- Solution lautet: Die Versammlung der Berliner Zionistischen Vereinigung vom 26. Mal 1930 erhebt schärfsten Protest gegen die Suspendierung der von der Palästina-Regierung rar das Halbjahr Aprll/September 1930 bestätigten Einwanderungszertitikate, die nach sorgfältiger Prüfung der Wirtschaftslage durch die Pallstina-Regierung erteilt worden waren. JDle Versammlung erblickt in der Suspendierung der Zertifikate elnvVerletzung der Mandatsbestimmungen und sieht In ihr eine schwercGefährdung der Grundlagen des jüdischen Aufbauwerkes. Nachstehend der Bericht: Im Namen des Hauptvorstandes der B. Z. V. eröffnete I. Klinow die Versammlung, wies auf die tiefe Erregung des jüdischen Volkes und auch des Berliner Judentums infolge der Suspendierung der Zertifikate hin und betonte, daß das jüdische Volk ebenso groß wie in der Kraft des Leidens auch in der Stärke zur Ueberwindung der Schwierigkeiten sei. Dr. Georg Landauer (Hapoel-Hazai'r) führte u. a. aus: Die jetzige Suspendierung der Einwanderung hat andere Gründe als frühere Maßnahmen dieser Art. Schon die Art der Ankündigung ist für uns bedrohlich. Die Verfügung geht von London aus, d. h. es waren für sie Gesichtspunkte der ״hohen Politik“ maßgebend. Die Einwanderung ist der Arbeiterschaft besonders ans Herz gewachsen. Alijah ist für uns der wesentlichste Programmpunkt. Gerade die Chaluz.-Einwanderung wird von den Maßnahmen betroffen. Wir protestieren dagegen und werden es nicht ruhig hinnehmen, daß das Mandat nicht erfüllt wird. Unsere Machtmittel sind unsere Rechte, die wir erworben haben. Wir werden Balfour-Dcklaration und Mandat nicht preisgeben. Unser zweites Machtmittel ist die Gerechtigkeit unserer Sache. Die jüdischen Arbeiter wollen Gerechtigkeit nach innen und nach außen schaffen. Wir wünschen Freiheit für uns, ohne die Freiheit anderer anzutasten. Wir verlangen die Zurücknahme der Verordnung. Dr. Moritz Bileskl (Allgemeine Zionisten) sagte u. a.: Eine Welle der Empörung geht durch das jüdische Volk. Man versucht wieder, uns zu beruhigen. Man hat die Maßnahmen politisch begründet, nicht wirtschaftlich. Die Wirtschaft Palästinas verlangt die Einwanderung. Es ist ein politischer Kurswechsel, gegen den sich das jüdische Volk zur Wehr setzen muß. Völkerrechtlich ist die Mandatsverletzung leicht nachzuweisen. Wir werfen der englischen Regierung mangelndes Verständnis dafür vor, daß unser nationales Heim Einwanderung verlangt. Die Regierung hat es 1922 im Weißbuch gewußt. Das nationale Heim kann nicht aus 170000 Juden bestehen, die nur ein Vortrupp sind. Diese leben von dem Bewußtsein, daß hinter ihnen die jüdischen Massen stehen. Unser Nationalheim ist heute eine wirkende Kraft im Judentum. Weit über die Kreise der Zionisten hinaus ist man daher besorgt, da sich das Judentum in seinem Lebenszentrum getroffen fühlt. Richard Lichtheim (Revisionist) führte aus: Was geschah, ist ein Bruch des Mandates. Wie konnte cs dazu kommen? Wir haben stets den falschen Optimismus bekämpft, der vom Wirtschaftlichen Aufbau alles erhoffte. Wir haben ein Kolonie,ationsregime, d. h. aktive Mitarbeit der Regierung verlangt, da wir sonst ein Antikolonisationsregime bekommen mußten. Daraus müssen wir eine Lehre ziehen. Die zionistische Leitung hat nichts gefordert und darum auch nichts bekommen, ln den letzten Monaten haben wir nur politische Niederlagen erlitten. Die Behauptungen des Shaw-Berichtes sind unwahr. England hat Simpson ohne Verständigung der Agency-Exekutive nach Palästina gesandt. Die Aufhebung der Zertifikate ist infolge der Angst eines Beamtenklüngels vor der arabischen Agitation erfolgt. Wir wissen, daß Weizmann zum Rücktritt bereit ist. Nur der schärfste Protest bleibt uns übrig, und die Exekutive muß ein Beispiel dafür geben. Ihr Rücktritt und die rascheste Einberufung des Kongresses sind daher erforderlich. Retten wir die Einheit der Zionistischen Organisation! Alfred Berger (Sozialistische Zionisten) machte folgende Ausführungen: Zusammenschluß der Kräfte tut heute not. Obwohl die sozialistischen Zionisten in vielem anderer Meinung sind, soll das Trennende hier nicht betont werden. Wir protestieren gegen die unglaubliche Tatsache, daß Palästina den Chaluzim, der jüdischen Arbeiterschaft, verschlossen wird. Wir wissen, daß Juden und Araber friedlich miteinander leben müssen und werden, aber wir weisen heute darauf hin, daß es jüdische Arbeiter waren, die Palästina vorwärtagebracht haben. Zionisrius bedeutet für uns nicht Gründung von geistigen Institutionen in Palästina, sondern die Rettung für das Volk. Wir sehen in ihm die Lösung der Judenfrage, die wir schärfer denn je empfinden. Wir waren stets davon überzeugt, daß uns nur ein Volk Palästina schaffen kann, das jüdische; und wir appellieren in dieser Stunde m die Juden. Im Namen der Ideen von Selbst• arbeit und Selbstbefreiung verlangen wir heute nur eines: Verdoppelten Aufbau, verdoppelten Zionismus, restlosen Zusammen- Schluß! Dr. Sllberttein (Misrachi) führte aus: Das jüdische Volk hat auch nach den Unruhen nicht verzagt und mmerdoppeltef Kraft am Aufbau gearbeitet. Die Suspendierung der Zertifikate hat alle Teile des Volkes mit Empörung erfüllt. Selbst der Shaw-Bericht hat derartiges nicht vorgeschlagen. Auf die Araber muß das wie eine Belohnung wirken, wie eine Ermutigung zu neuen Ueberfällen. Auch jetzt werden wir die Schwierigkeit durch die Geschlossenheit unseres nationalen Willens überwinden. Da unsere Sache gerecht und auf ehrlichem Willen zum Frieden gegründet ist, wird sie sich auch schließlich durchsetz«!. E. Licbenstein (Hechaluz) sagte: Die Einwanderungssperre Ist für uns ein Schlag auch als Sozialisten. Die Regierung ist eine Arbeiterregierung, mit der wir ganz offen abrechnen wollen. Es handelt sich um eine sozialistische Niederlage der Arbelterreglerung. Die letzten zehn Jahre haben Palästina einen großen Aufschwung gebracht, auch den Arabern. Für uns ist es ein Land für Millionen von Juden, weil die Juden kein anderes Land haben. Nicht weit wir mehr an Zahl als die Araber sein wollen, erstreben wir dies, sondem weil es cBe Lösung der Judenfrage ist Die Ausweglosigkeit des Volkes und seiner Jugend ist unsere Stärke, die wir oft unterschätzt haben. England kann an unsere Schwäche glauben oder sich dieser Macht bedienen, keine Kraft wird unsere Jugend daran verhindern, nach Palästina zu gelangen. Heute Ist weniger Pathos notwendig als verdoppelte Arbeit, damit unser Werk wächst, Dr. Oskar Cohn (Porte Zion) sagte folgendes: Ich spreche tra Namen der jüdischen Arbeiterschaft An der Spitze der englischen Regierung steht ein Mann, der für unser Werk tiefstes Verständnis hatte, als er noch nicht Minister war. Ist es denn ein sozialistischer Grundsatz, seine Prinzipien zu verleugnen, wenn man in der Regierung sitzt?. Wir haben nicht geglaubt, daß MacDonald die Grundsätze der Aufriehtigkeit vergessen würde. Wir befürchten heute eine Aetiderung des politischen Kurses der Arbeiterregierung gegenüber Palästina. Das aber wäre eine Politik gegen die eigene bessere Vergangenheit der Arbeiterregierung. Es wäre eine unsozialisäscne Politik, die jüdische Arbeiterschaft als Mittel für andere politische Zwecke zu mißbrauchen, sie als Rechen- Pfennige im System des englischen Imperiums zu benutzen. Die jüdischen Arbeiter werden zur Verständigung mit den arabischen Arbeitern gelangen, sei es mit oder sei es gegen die englische Regierung, wir unterschätzen trotzdem nicht den Wert der englischen Kolonialpolitik und wollen keine Soldaten- Spielerei gegen das englische Imperium. Aber wir wissen, daß das Imperium erst den sechsten Teil der Zeit unserer Galuth- Geschichte existiert. Die Juden werden in Palästina sitzen, wenn das englische Weltreich nicht mehr besteht, und sie werden dann auf dem Erdenrund die Träger des völkerverbindenden Sozialismus sein. Im Namen der jüdischen sozialistisehen Arbeiter darf ich den Genossen MacDonald zur sozialistischen Ordnung zurückrufen. Ich stütze mich dabei auf das Bewußtsein, daß ich all die Millionen repräsentiere, die i« .$et Werttrtiönaie nüt, MacDonald vereinigt sind. Die sich MacDonald vor diesem Forum zu verantworten haben. Ich rufe ihm zu: Zurück zu dem Geiste der Gerechtigkeit, der Tapferkeit und des sozialistischen Opfermutes! Dr. Nachum Goldmann (Radikale Zionisten) machte foigende Ausführungen: Trotz unseres Protestes geben wir einen Rest von Vertrauen zu England noch nicht preis. Wir hoffen, daß man in England die Bedeutung des Zionismus begreifen wird. Wir verteidigen hier die Ehre Englands besser als jene Beamtenclique. Man wird sehen, ob jenes Wort von Lord Robert Cecil zu trifft, daß mit Englands Ehre nicht Schindluder getrieben werden darf. In England kämpfen die Meinungen noch miteinander. Wir protestieren heute, weil wir das Symptom einer Politik sehen, die sich dem Druck des Terrors beugt. Die Schicksalsfrage Palästinas wird aber nicht in England entschieden; wir werden den Zionismus unter jedem Regime verwirklichen, nur das Tempo kann verzögert werden. Kein Imperium kann es sich erlauben, die Antipathien von 15 Millionen zerstreut lebender Juden auf sich zu ziehen. Wir müssen nur innerlich stark bleiben, d. h. die Ruhe bewahren und stark sein in Wollen und Leistung. Wir müssen bald den zionistischen Kongreß haben, der uns selbst das Gleichgewicht geben und den anderen unsere Stärke zeigen wird. Was wir hier wollen, ist entscheidend für unser Schicksal. Als letzter Redner ergriff Leo Motzkin das Wort zu einer Ansprache: Wir sind aufs stärkste durch die letzten Maßnahmen der englischen Regierung erschüttert. Der Bericht der Untersuchungskommission ist nicht nur antizionistisch, er ist nahezu antijiidisch. Alle Regierungen haben erklärt, man wolle nicht vom Mandat abgehen. Jetzt ist man zu Vorkriegszuständen zurückgekehrt. Der jetzige Schritt ist aus rein politischen Gründen erfolgt. Unsere Geduld ist zu Ende, wir werden den Beginn einer Zerstörung des Mandates im Keime zu ersticken suchen. Wir alle haben nicht geglaubt, daß eine von einer Idee getragene Regierung derartiges tun würde. Wir müssen selber klar wissen, daß wir in Palästina auch für die Araber Großes tun. Die Araber haben seit dem Kriege fünf Reiche mit 75mal soviel Land wie Palästina erhalten. Wir erkennen das Recht der Araber an, aber auch das Recht des zerstreutesten Volkes. Wir fragen die Menschheit, mit welchem Recht man uns einstmals aus dem Lande verdrängt hat. Das jüdische Volk wird nicht ruhen, bis es das Nationale Heim erbaut hat. Mit dem Gesang der Hatikwah schloß die außerordentlich würdig verlaufene Kundgebung. Das Telegramm des Waad Lenmi an die Großgcraeinden Das Telegramm, das der Waad Leumi in Palästina am 22. Mai, dem Tage des Proteststreiks der palästinensischen Judenheit, an die Jüdische Gemeinde Berlin wie an die übrigen Großgemeinden in Europa gesandt hat, lautet: ״Der Proteststreik gegen die die Ein wänderung verbietende Verordnung umfaßt alle Schichten und Strömungen des Jischuw. Genau 12 Uhr mittags wurden die Arbeit und der gesamte Verkehr in Jerusalem und in allen Städten und Kolonien eingestellt. Zehntausende Streikende bewegen sich ruhig und in Ordnung durch die Straßen in ihre Heime. Der Ausdruck des Protestes seitens des Jischuw ist vollkommen, seine Forderungen sind scharf Umrissen. Das Judentum Erez-Israel ist dessen gewiß, daß das Judentum in der ganzen Welt sich mit ihm in dem Proteste und in der Vertretung seiner Forderung nach Abschaffung der die Ein- Wanderung verbietenden Verordnung vereinigen wird.“