Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 40 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 278 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 40, 23. V. 1930 Lcbe»ns in der ganzen Welt geworden. Berlin ist heute Sitz vieler interterritorialer jüdischer Organisations-Zentralen. Jüdische Forschung, jüdische Jugendbewegung, jüdischer Sport, das jüdische Schulwesen, all das hat in den letzten Jahren ungcahnten Aufschwung genommen, und der Anteil der Ostjuden an all diesen Bestrebungen ist allgemein bekannt. Da diese Tätigkeiten einen integrierenden Bestandteil der jüdischen Gemeindearbeit in Berlin darstellen, so ist dadurch die Annäherung zwischen Ostjuden und Gemeinde vertieft worden. Die Ostjuden fühlen sich in der Berliner Jüdischen Gemeinde zu Hause und ein Strom pulsierenden jüdischen Lehens ergießt sich über die gesamte Judenheit der Reichshauptstadt. Daß die Verhältnisse sich so erfreulich gewandelt haben, ist in erster Linie ein Verdienst der J ü d i s e 11 e n V o 1 k s p a r - tei. Sie ist es gewesen, die die formale und faktische Gleichberechtigung der Ostjuden mit zähester Unnachgiebigkeit erkämpfen half. Mit liebevollem Interesse haben die Führer der Volkspartei die Bedürfnisse und Wünsche der Ostjuden in der Jüdischen Gemeinde vertreten. Die Volkspartei hat sofort bcgriffen, welche Bereicherung durch die Heranziehung der Ostjuden an die Gemeindearbeit für das gesamte jüdische Gemeinwesen in Berlin erfolgen muß. Das ostjüdische Beispiel der Anteilnahme am Leben der Jüdischen Gemeinde, an den Wahlen in die jüdische Gemeinde, an den institutionell der Gemeindeverwalturig hat auf die zum großen Teile im Laufe der Jahrzehnte gegenüber der Gemeinde gleichgültig gewordenen Westjuden zurückgewirkt. Wenn dieses Interesse in den A!1fangen auch eigentlich ein negatives war und der Bekämpfung der ״ostjüdischen Gefahr“ galt, so ist schließlich im Effekt doch eine Verstärkung des jüdischen Bewußtseins hei allen Berliner Juden zustande gekommen. Dadurch ist den Ostjuden und den Westjuden ein wichtiger Dienst geleistet worden. Schrittmacher dieser Entwicklung aber ist die Jüdische Volkspartei gewesen und darum begrüßen die Ostjuden diese Partei, die Saehwalterin der gesamtjüdischen Interessen am zehnten Jahrestage ihrer Gründung mit Genugtuung und Dankbarkeit. Sie erblicken in der Jüdischen Volkspartei die 1 e g i t i m e V e rtreterin ihrer Interessen und haben darum alle Versuche zurückgewiesen, die darauf hinzielten, sie aus der innigen Verbindung mit der Jüdischen Volkspartei durch Gründung von separaten ostjüdischen Gemeindeparteien hinauszumanövrieren. Ehe Ostjuden verstehen sehr gut, daß hinter derartigen Versuchen die Absicht steht, die Kraft der Jüdischen Volkspartei zu schwächen. Das würde nur den Gegnern moderner jüdischer Gemeindearbeit nützen und eine Zurückwerfung der Ostjuden in den früheren Zustand der Entrechtung in den Gemeinden zur Folge haben. Die Ostjuden verstehen die innente Bedeutung der Jüdischen Volkspartei: die Vereinigung aller bewußt jüdischen Richtungen im Geiste jüdischer Wiedergeburt, s. n. Die Erregung in der )fldisclien Welt Die Exekutive der Weltorganisation des Misrachi hat den Präsidenten der Jewish Agency Dr. Weizmann telegraphisch aufgefordert, sofort einen außerordentliehen Zionistenkongreß einzuberufen. In Jerusalem, Tel-Awiw, Haifa und im Emek Jezreel machte sich eine spontane Protestbev,egung bemerkbar, die Histadruth veranstaltet Protestversammhngen in den Kolonien. Die in Polen erscheinenden zionistischen und die anderen jüdischen Zeitungen versehen die Nachricht von der pröfiSdfiSciren Suspendierung der Zertifikate mit Aufschriften, wie: ״Bricht England sein Wort?״ ,״Geschlossene Tore“, ״Berechtigte Empörung“ u. ä. Im ״Hajnt“ veröffentlicht Dr. J. Gottlieb einen Artikel mit der Aufschrift: ״Weizmann muß demissionieren“. Im Aufsatz wird festgestellt, daß Weizmann von der Labour-Regierung hinters Licht geführt worden sei, und darum, trotzdem die erdrückende Mehrheit der zionistischen Welt in ihn jahrelang den Exponenten einer riehtigen Politik erblickt hatte, zum Zeichen des Protestes zurücktreten müsse. Im übrigen kommt in allen Aufsätzen Entschlossenheit zum Ausdruck, daß das zionistische Werk trotz der gegenwärtigen Depression mit aller Kraft fortzuführen. Die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt aus zuverlässiger Quelle, daß das Staatsdepartement in Washington dem Generalkonsul der Vereinigten Staaten in Jerusalem die Instruktion erteilt hat, über die Stimmung in Palästina im Zusammenhang mit der Suspendierung der Einwanderungs- Zertifikate, sowie über die Tätigkeit von Sir John Hope Simpson laufend zu berichten. Alle zionistischen Vereinigungen in Paris haben sich zu- , sammengetan, um ihrer Entrüstung über die Verletzung der 1feierlichen Verpflichtungen, die England gegenüber dem jüdisehen Volke übernommen hat, Ausdruck zu geben. Es wurde eine Resolution gefaßt, in der gesagt wird, daß die Suspendierung der Chaluz-Zertifikate eine Erfüllung des Mandates hinsichtlich der Errichtung des Jüdischen Nationalheims unmöglich macht und das England somit das von allen Nationen ihm anvertraute Mandat verletzt. Die Resolution wurde an die Zionistische Exekutive in London geschickt. Anläßlich eines Vortrages von Dr. Shmarjahu L e v i n in Whitechapel (London) kam es zu heftigen Kundgebungen der Revisionisten, die die Forderung erhoben, daß sich die Ver- Sammlung in eine Protestkundgebung gegen das Immigrationsverbot des Colonial Office verwandle. Es gelang dem Redner nach längerer Zeit Ruhe zu schaffen. Aut tiefragen Rcv. Goldblooms sprach sich die Versammlung aus Gründen zionistischer Disziplin gegen die Annahme einer eingebrachten Protestresolution aus. Das z ionist i sc 11 e^Zentralkomitec in Polen teilte in einem Kommunique mit, es habe die Zionistische Weltexekutive in London dahin informiert, daß sich der zionistischen und jüdischen Kreise Polens infolge der ungünstigen Nachrichten aus London, Jerusalem und Genf Aufregung und Beu n ru 11 i g u 11 g bemächtigt haben. Seit Eintreffen der Nachrieht über die Suspendierung der neuen Einwandererzertifikate wird unaufhörlich die Forderung־, Protestversammlungen und Demonstrationen zu organisieren, gestellt, die zu erfüllen das Zentralkomitee für unangemessen und verfrüht hält. Schließlich habe das polnische Zentralkomitee der Exekutive geraten, mit der Taktik der Beruhigung zu brechen und schnellstens einen Kongreß einzuberufen sowie den jüdischen Volksmassen eine Möglichkeit zur Manifestation ihres Willens zu geben sowie zum Ausdruck ihres Protestes gegen die Versuche, die anerkannten Rechte des jüdischen Volkes auf den Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina zu beschränken. Der Ullsteindienst meldet aus Jerusalem, daß die englische Regierung den Vatikan aufmerksam gemacht habe, daß die Tätigkeit des lateinischen Patriarchen Barlassini und seines Gehilfen, des Bischofs Felinger, in Palästina unerwünscht sei. Angeblich soll man die Ueberzeugung gewonnen haben, daß das lateinische Patriarchat während der Augustunruhen des vorigen Jahres die arabischen Kreise moralisch und finanziell unterstützt habe. (Eine Bestätigung Hegt nicht vor.) Letzte Nachrichten Der Proteststreik in Jerusalem Jerusalem, 22. Mal. (J. T. A.) Heute Donnerstag, pünktlich 12 IJhr mittags, wurden in allen Büros und auf allen Arbeitsstätten die Arbeit niedergelegt, die Läden wurden geschlossen. Auch die auf jüdischen Grundstücken beschäftigten arabischen Arbeiter und Angestellte legten die Arbeit nieder. In den Straßen waren verschärfte britische Polizeiposten aufgestellt. Auch wurden die öffentlichen Gebäude von PoIIzelstreiten bewacht. Ueber der Stadt kreisten mehrere Aeroplane. Die Agu d Uten, die anfangs die Parole ausgegeben hatten, der Streikproklamation des Waad Leumi nicht Folge zu leisten, haben am Tage des Streiks beschlossen, ihre Anhänger aufzufordern, sich dem Generalstreik allzuschließen. Der Sitzung des Waad Leumi, in der der Generalstreiksbeschluß gefaßt wurde, wohnten Oberrabbiner Kuk, Ch. N. Bialik, Dr. Feiwel und die Mitglieder der Zionistischen Exekutive bei. Pressestimmen ״The Near East and I ndia“ bespricht in seiner Nummer vom 15. Mai die Mission von Sir John Hope S i m ps o n und die ablehnenden Kommentare der hebräischen Presse. Das Blatt meint, daß angesichts der bekannten Unparteilichkeit von Simpson diese Opposition hinwegschmelzen werde. Simpsons Bericht müsse aber als das letzte Wort in der Bodenfrage akzeptiert werden. Trotzdem bestehe kein Anlaß, andere mit Palästina zusammenhängende Fragen zurückzustellen, sonst entstünde der Eindruck, daß die britische Regierung nur Zeit gewinnen will. In derselben Nummer bespricht der Jerusalemer Korrespondent der Zeitschrift verschiedene Vorgänge im jüdischen Leben, insbesondere die Tätigkeit des B r i 111 S c h a I o m , die Entrüstung der hebräischen Presse über das gegen den Juden Urphali gefällte Todesurteil, sowie schließlich die auch von uns in Nr. 36 der ״J. R.“ behandelte Rede Ussischkins über die Bodenfrage, unter Anführung des Zitates aus dem ״Doar Haiom“ über die Fellachen. Der Korrespondent nennt diese Rede eine ״zur Kata- Strophe führende Tollheit“ und schließt mit der Feststellung, die Zionisten müßten dem Brith Schalomi dafür dankbar sein, daß er der Oeffentlichkeit zeigt, daß es auch Zionisten gibt, die über diese Fragen anders denken. — Schließlich sei noch hingewiesen auf einen Vortragsbericht in derselben Nummer des Blattes, worin über eine Veranstaltung des Gentral Asian Society berichtet wird. In dieser Gesellschaft hat bekanntlich Dr. Weizmann׳ im November v. Js. eine viel beachtete Rede gehalten, die auch in deutscher Sprache in der neuen Broschüre ״Vier Reden über Palästina“ enthalten war und von uns in Nr. 22 gewürdigt wurde. Nun hat am 7. Mai Leonard Stein in derselben Gesellschaft einen Vortrag über den Bericht der Shaw-Kommission gehalten. Interessant ist die von ״Near East“ wiedergegebene Eröffnungsrede des Vorsitzenden Lord Peel. Er sprach von dem ״dreifachen internationalem Charakter des Palästinamandates“. Das Mandat habe internationale Bedeutung in erster Linie wegen der Verpflichtung der Mandatarmacht, einen jährlichen Bericht an den Völkerbund zu erstatten, zweitens weil die Araber in Arabien, natürlicherweise großes Interesse an ihren Brüdem in Palästina nehmen und drittens, weil die Millionen M os- Iemsin Indien durch das Schicksal ihrer Glaubensgenossen! in Palästina beunruhigt sind. An diesen Ausführungen ist geradezu frappierend die völlige I gnorierung des jüdisehen Faktors. Nach unserer Meinung liegt das internationale Interesse des Palästinamandates vor allem in der im Text des Mandates anerkannten historischen Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Palästina und in der aktiven Mitwirkung des Weltjudentums am Aufbau des Jüdischen Nationalheims. Diese Tatsache wird von Lord Peel nicht einmal erwähnt! — Zum Schluß der Versammlung teilte der. Vorsitzende mit, daß, nachdem eine arabische Darstellung der Sache von Dschemal Hussein! bereits vorhergegangen war, nunmehr noch ein dritter Vortrag über den Shaw-Bericht folgen werde, und zwar von Sir Henry Betterton, einem der Mitglieder der Shaw-Kommission. Ein Engländer aus Hyderabad (Indien), der gegenwärtig in London weilt, Mr. W. P. Barton, äußert sich in der ״Times“ vom 21. d. M. zur Bodenfrage in Palästina, indem er das Beispiel des Punjab und Aegyptens als Vorbild anführt. Das zur Entscheidung stehende Problem in Pa- Iä stina, so schreibt Barton, ist im wesentlichen agrarischer Natur. Der jüdische Kapitalist mit den ihm zur Verfügung stehenden reichlichen Gelder ist bereit, für das arabische Land wirtschaftlich nicht gerechtfertigte Ueberpreisc zu zahlen. Das bedeutet die schließlich« Enteignung der arabisehen Bauern und ihr Herabsinken zu einem landlosen Sklaven, der der Gnade des Juden aus geliefert ist. Wenn nicht diesem Terror entgegengewirkt wird, kann kein Friede im Lande entstehen. Britische Staatsmänner hatten ein ähnliches Problem in Indien zu lösen. Die Verhältnisse in Punjab, besonders in den westlichen Teilen, zu Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts, bieten eine interessante Parallele zur gegenwärtigen Situation in Palästina. Die ackerbautreibenden Stämme des Punjab, größtenteils Moslems, verloren ihr Land rapid an hinduistische Geldverleiher und Advokaten. Unter dem Einfluß der Manchester Doktrin des laisser faire ließ man diese ökonomische Revolution sich vollziehen. Schließlich aber wurde die Gefahr so groß, daß im Punjab Land Alianation Act den Verkäufen ein Riegel vorgeschoben wurde. Der Bauer durfte seinen Boden nur innerhalb des eigenen Stammes ver• kaufen. Die Prinzipien dieses Gesetzes wandte auch Lord Kitchener in Aegypten an, in dem Fünf Feddan-Gesetz, das den Zweck hatte, dem ägyptischen Bauer .gegen den griechischen Geldverleiher zu schützen. Man sollte überlegen, ob eine solche Gesetzgebung nicht auch die Schwierigkeiten Palästinas lösen könnte. Wenn man den arabisehen Boden durch Verkaufsbeschränkungen innerhalb seines Stammes läßt, würde die Spannung zwischen Juden und Arabern bald verschwinden. Man muß den arabischen Fellachen gegen seine eigene Unvorsichtigkeit schützen. Ehrung Nahum Sokolows. Am 15. Mai fand im Hyde Park- Hotel in London ein Bankett zu Ehren Nahum Sokolows statt. Ansprachen hielten Mrs. Sieff, Viscount Earlelgh, Dr. Olschwanger, Dajan Fe Id mann, Mr. D’Avigdor Goldsmid und andere. Im Mittelpunkt der Feier stand ein umfassendes Referat Nahum Sokolows über die Situation in Palästina. Sokolow gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich die Lage beruhigen und die Wolken, aie jetzt den zionistischpolitischen Himmel bedecken, verziehen werden. Die Gründung der Egy ptian Palestine Bank, einer Tochtergesellschaft der ״Bank Misr“ in Aegypten, ist nach Berichten in der arabischen Kresse jetzt definitiv gescheitert Die ״Times" über die Lage Die ״Times“ veröffentlicht am 19. d. M. einen ausfüh!•- liehen Artikel ihres Jerusalemer Korrespondenten über die Lage in Palästina nach dem Bericht der Shaw-Kommission. Der Korrespondent referiert sehr objektiv über die im arabischen und jüdischen Lager bestehenden Beurteilungen des Berichts. Er be- I tont, daß die Befürchtung, daß nach Veröffentlichung des Berichts wieder Unruhen entstehen würden, sich nicht bewahrheitet hat. Trotzdem seien Nachwirkungen der Unruhen noch zu merken. Die Ruinen des niedergebrannten M 0 z a an der Hauptstraße bei Jerusalem sind ein schreckliches Denkmal einer der schlimmsten Episoden. Der Boykott liege zwar in den letzten Zügen, er hat aber zu einer allgemeinen Uebersiedlun״ der jüdischen Kaufleute aus den arabischen Vierteln und zum Aufbau neuer jüdischer Handelsviertel in Jerusalem und Haifa geführt. Der Korrespondent berichtet sodann über die geringe Höhe der von der Regierung gezahlten Entschädigungen. Die normalen Beziehungen zwischen Arabern und Juden sind wieder ganz friedlich, auch in Safed, wo eine Zcitlang das jüdische Viertel hinter Stacheldraht bewacht wurde. Das scnv/icrigste Problem für die jüdischen Instanzen bietet Hebron, in das die Juden nicht zurückkehren wollen. Die geheimeBewaffnung — so fährt der Korrespondent fort — wurde zweifellos sowohl unter den Arabern als auch unter den Juden fortgesetzt. Das ist verständlich. Der völlige Zusammenbruch der öffentlichen Sicherheit für fast eine Woche nach dem 23. August war ein entnervendes Ereignis, und die heimliche Bewaffnung angesehener arabischer und jüdischer Bürger war die natürliche Folge, ebenso wie in Aegypten nach den Unruhen von 1919 die Bewaffnung britischer und anderer Einwohner. Diese Aktion ist zwar gesetzwidrig, beweist aber keineswegs dasVorhandensein oder das Anwachsen einer gefährlichen Kampfstimntung in der Bevölkerung. Es weist nur auf die Furcht hin, die durch die nachgewiesene Unverläßlichkeit der eingeborenen Polizei gerechtfertigt ist. Diese Furcht kann nur Hand in Hand mit der radikalen Reorganisation der palästinensischen Polizei dahinschwinden. Inzwischen bleibt Transjordanien ein offener Markt für Waffenhandel und die beduinische Bevölkerung, die sich ungehindert zwischen dem Gebiet Transjordaniens und Palästina bewegt, bietet willkommene Vermittler. Aber zugleich beginnt man deutlich den Wunsch zu spüren, die Mißstimmung des letzten Jahres zu liquidieren und soweit möglich ihre Schrecken und Bitterkeit zu vergessen. Eine starke klare Erklärung der Politik seitens der Londoner Regierung wird erwartet und wird von allen Seiten begrüßt werden. Die, Juden entrüsten sich natürlich über die Möglichkeit, daß ihre Gegner auf Grund ihrer Gewalttaten ihre Forderungen durchsetzen könnten; aber mit Ausnahme der extremeren ״jüdische Majorität“-Rufer ist hier ein wachsendes Gefühl festzustellen, daß, wenn erst die Araber die Unvermeidlichkeit der zionistisehen Tätigkeit in Palästina begriffen haben, die Juden ihrerseits bereit sein werden, solchen Begrenzungen ihrer Tätigkeit zuzustimmen, die bei gerechter Abwägung der Interessen der palästinensischen Araber sich als wichtig erweisen, und mit ihnen zusammenzuarbeiten für die ökonomischen, kulturellen und politischen Vorteile beider Teile. Auch auf arabischer Seite ist heute, teils infolge der Erkenntnis der Stärke ihrer Position und teils aus Ueberzeugung, daß ihre Ansprüche anerkannt werden, weniger Furcht da, durch den Gedanken an eine arabisch-jüdische Verständigung ihre Sache zu verraten, obwohl sie natürlich niemals einem Zustand zustimmen könnten, bei welchem ihre Hände von Anfang an gebunden und ihre legitime Entwicklung gehemmt wäre. * Ueber die in Palästina nach Suspendierung der Ein- Wanderung herrschende Stimmung berichtet die ״Times“ m einem Telegramm vom 18. d. M. u. a.: Die Ernennung von Sir John Simpson, über die man hier entrüstet ist, wird für relativ erträglich gehalten, verglichen mit der letzten Maßnahme der Regierung, welche man dahin deutet, daß dem Bericht Sir Johns präjudiziert wird und daß unter arabischetn Druck das Mandat verletzt wird. Es wird geltend gemacht, daß das feierlich versprochene Nationalheim sich nun als etwas erweist, was den Juden weder körperliche Sicherheit in Palästina noch auch nur die Erlaubnis, ins Land zu kommen, verleiht. Auch von vielen gemäßigten und unpolitischen Juden wird heftig Klage geführt gegen die britische Schwäche und Unaufrichtigkeit. Die Revisionisten fordern die Mitglieder der Zionistischen Exekutive auf, zu resignieren. * Zum Thema Waffcnsclitnuggel, das der ״Times“- Korrespondent in dem vorstehenden Artikel behandelt, wird der ״Times“ vom 19. Mai aus Wien telegraphiert: Nach Wiener Zeitungsmeldungen hat die britische Polizei in Jerusalem der österreichischen Polizei mitgeteilt, daß Versuche gemacht wurden, Waffen und Munition nach Palästina zu schmuggeln in stählernen Sicherheitsschräiiken, die in Oesterreich fabriziert worden sind. Die österreichischen Behörden haben daraufhin sich an die Fabrikanten der Safes gewandt und eine befriedigende Erklärung erhalten. Die Fabrikanten geben an, daß sie von einem Kunden, der in Deutschland wohnte, eine Bestellung von 10 Sicherheitsschränken erhalten haben. Diese Schränke wurden von Wien über Triest expediert und zu diesem Zweck in leerem Zustand einem Wiener Spediteur übergeben. Man nimmt an, daß sie unterwegs von unbekannten Personen geöffnet und mit den Gewehren und Munition gefüllt wurden. Diese Personen haben offenbar im Auftrag des ursprünglichen Käufers gehandelt, dessen gegenwärtige Adresse jedoch unbekannt ist. Das Bodenproblem Die englische Ausgabe des arabischen ״F e 1 e 81 i n“ schreibt am 10. ds. Mts. zur Ernennung von Sir John Simpson: ״Die Araber haben nichts zu fürchten von einer untersucliung des Bodenproblems. Je mehr dieses Problem unter die Lupe genommen wird, um so besser für uns. Wir können uns vorstellen, mit welchem Unbehagen ein ehemaliger indischer Beamterdie primitive und rohe Behandlung der Bodenfragen in Palästina betrachten wird. Wir verschieben die Darlegung unserer Anschauungen auf eine kommende Nummer nach Ankunft von Sir John. Inzwischen würden wir der Regierung vorschlagen, sie möge Sir John eine Gelegenheit geben, mit den Vertreternderjudenund Araber zusammenzutreffen, und wir fordern ferner, das die Untersuchung der ökonomischen Lage der Bauern beschäftigte Komitee auf, seine Arbeit zu beschleunigen, damit die Ergebnisse der Untersuchung be! der Festsetzung der neuen Politik mithelfen können“. Gruppenverband Sachsen-Anhalt. Sonntag, den 25. Mat, vorm. 11 Uhr, findet im Gemeindehaus in Halle, Germarstr. 12, eine Tagung aes Gruppenverbandes statt. Tagesordnung: 1, Nach den Londoner Sitzungen und dem Bericht der Shaw- Kommission; Referent: Dr.Georg Landauer -Berlin. 2. Ausspräche. 3. Besprechungen der Landesverbandswahlen. Referent Rechtsanwalt Dr. Eelixbrodt- Halle.