Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 40 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653195--21592-2679707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I Nr. 40, 23. V. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 277 Das Jubiläum der Volkspariei Unsere Gegenwartsarbeit Das zehnjährige Jubiläum der Jüdischen Volkspartd Ist I ein zionistisch bedeutungsvolles Ereignis. Wir blicken zurück lauf eine Periode mühevoller, fruchtbarer und erfolgreicher jüdischer Volksarbeit in Berlin, die zum größten Teil von un- I seren Gesinnungsgenossen geleistet worden ist. Ke Jüdische Volkspartei ist als solche keine ״zionistische״ Partei im engeren Sinne. Sie hat, ursprünglich entstanden aus einem zionistischen Kern, sammelnde Kraft entwickelt und es ist ihr gelungen, positive jüdische Tendenzen, die in den Gemeindevereinen und ähnlichen Organisationen stecken, zu organisiertcr Aktion zu verbinden. Das gesunde jüdische Lebensgefühl weiter Kreise, das bis dahin in der Gemeindepolitik keine Resonanz gefunden hat, kam durch die Jüdische Volkspartd zu aktivem Ausdruck. So ist die Volkspartd dn mächtiger Faktor ן des jüdischen Lebens geworden, dn aufstrebender Faktor, und wenn wir heute auf die erste Dekade ihrer Tätigkeit zurückblicken, so können wir doch sagen, daß ihre große Zdt nach unserer Ueberzeugung nicht hinter uns liegt, sondern vor uns. Wir glauben, daß die Volkspartei noch bedeutende Taten im Prozeß der Regeneration und Selbstbesinnung des deutschen Judentums vollbringen wird. Ist also die Volkspartei kdne dgentlidi zionistische Gruppe, so ist sie doch die Partd, in der die Zionisten ihre Gemeindearbeit realisieren. Der Zionismus beruhte stets auf zwei Komponenten. Ke eine war in die Zukunft gerichtet, sie setzte das große Ziel der Rettung des Jüdischen Volkes durch Schaffung normaler Lebensbedingungen in Palästina. Der Aufbau des Jüdischen Nationalheims ist ein in der Gechichte beispielloser, schwieriger und langsamer Prozeß; er kann nur gelingen, wenn Hand in Hand mit der Aufbauarbeit eine Stärkung des jüdischen Volkstums auch in seinen gegenwärtigen Wohnsitzen erfolgt. Die zweite Komponente zionistischer Arbeit ist daher die G e g e n w a r t sarbeit, die auf Erhaltung des Judentums, auf Belebung seines Volkskörpers, Festigung seines Bewußtseins und seines Solidaritätsgefühls gerichtet ist. Organisierung des Judentums, Stärkung seines Lebenswillens, physische Regeneration, ökonomische Produktivierung, kulturelle Verbundenheit mit den Schätzen der jüdischen Kultur und Geschichte, kurz die Erweckung lebendigen jüdischen Selbstgefühls, eines neuen Stolzes, eines aufrechten Einstehens für die eigene Gemeinschaft — das sind die Aufgaben der jüdischen Gegenwartspolitik, die in Deutschland vor allem durch das Medium der Jüdischen Gemeinde erfüllt werden. Vom zionistischen Gesichtspunkt also sind die Ziele, die sich die Jüdische Volkspartd gesetzt hat, von eminentester Bedeutung. Freilich wissen wir, daß jede jüdische Gegenwartsarbeit nur im Zusammenhang mit dem jüdischen Zuknnftsldeal geführt werden kann, und so bedeutungsvoll diese Tätigkeit ist, sie wird fruchtbar gestaltet werden nur von Menschen, die auch ihre natürlichen Grenzen kennen, mit andern Worten von Zionisten. Ke zionistische Gegenwartsarbeit bildet daher einen integrierenden Bestandteil der zionistischen Arbeit, und auch in Deutschland hat es sich als unerläßlich erwiesen, diese Arbeit, soweit sie von Zionisten gemacht wird, organisatorisch in den Rahmen der Zionistischen Organisation einzufügen. Kes stößt begreiflicherweise manchmal auf Schwierigkeiten, weil gerade in der Gemeindearbeit leicht lokale Interessen und opportunistisehe Gesichtspunkte sich in den Vordergrund drängen. Um so erfreulicher ist es, angesichts des Jubiläums der Berliner Jüdischen Volkspartd auch unsererseits aussprechen zu können, daß in den Kreisen der in der Volkspartei führenden Zionisten für diese Situation stets das größte Verständnis vorhanden war, und daß die Zusammenarbeit sich harmonisch und reibungslos vollzog. Wir dürfen wohl den Wunsch aussprechen, daß dieses Vorbild auch für andere Städte maßgebend bleiben wird. Wir haben eine Reihe von Führern der Berliner Jüdischen Volkspartei gebeten, uns anläßlich dieses Jubiläums eine kurze Botschaft zuzusenden. Wir veröffentlichen im Folgenden die uns zugegangenen Zuschriften. Die Gemeinde als Zelle der Regeneration Es gibt Leute, die auf die jüdische Gemeindearbeit etwas spöttisch herabsehen und nur ״große“ jüdische Politik gelten lassen wollen. Ich glaube, daß das sehr kurzsichtig ist. Jede allgemeine jüdische Politik setzt voraus, daß die Juden da, wo sie wohnen, sich in Gemeinden zusammenfinden und diese zunächst rein örtlichen Zusammenschlüsse dann zu wirklich lebensvollen Gebilden ausbauen. Nur auf dem Unterbau gesunder und gut verwalteter Gemeinden baut sich eine Landsmannschaft und auf dieser wiederum das jüdische Volk von heute und damit jede Politik auf, die ihm helfen und die es fördern will. Es ist eine Aufgabe von außerordentlicher Größe und von ungemein schwerer Verantwortung für die Träger dieser Arbeit, die jüdische Großgemeinde Berlin zu führen und den Regenerationsprozeß zu erzwingen und durchzuführen, der in dieser Gemeinde ohne jede einheitliche Tradition und mit unendlich vielen dem Judentum völlig entfremdeten, aus ihm entwurzelten Menschen sowie einer gärenden und allen modernen und hypermodernen Radikalismen verhafteten Jugend kommen muß/ wenn wir unsere Pflicht ernst nehmen. All unser Sehnen und Arbeiten um Palästina hat nur dann wirklich Sinn und Zweck, wenn die Diaspora, wenn das iüdische Volk aus ringsherum um Erez-Israel, am Leben bleibt, wieder gesundet und aus der seelischen und geistigen Ziellosigkeit, Unklarheit und Zerrissenheit des Gestern und Heute intuitiv zu seinem starken Gottesgedanken und seinem Volksgesetz zurückfindet, das ihm gleichermaßen Grundlage seiner Existenzberechtigung, wie Garant seines Fortdauerns in Ewigkeit ist. Die Aufgabe einer jüdischen Gemeinde sehe ich darin, — in Ablehnung des Prinzips der Nur-Verwaltungskörperschaft ohne Seele und Initiativkraft — durch ein großes und unbürokratisches System von jüdischer Schule, echt jüdischer Sozialpolitik und Zedokoh, gesunder Bevölke rungs- und Wirtschaftspolitik und starker, von glühender Begeisterung und Ueberzeugungskraft getragener religiöser und ethischer Werbung und Vertie* fung Menschen zu erziehen, die fest im Religiös-kulturellen wie im Volkstum wurzeln. Die alle Tugenden wahren Judentums, insbesondere der brüderlichen Verbundenheit und opferwilligen Solidarität gegenüber den Armen, Schwachen und Leidenden in sich entwickeln und zur Reife bringen und der gesamten nicht-jüdischen Welt durch ihr Beispiel und Vor- Bild richtungweisend, zur Ehre des jüdischen Namens wie zum Segen der Menschheit, bestes, höchstentwickeltes Menschentum Vorleben. Man kann der Jüdischen Volkspartei zum zehnjährigen Bestehen nichts Besseres wünschen, als daß sie nie diese Zielsetzungen verlieren und mit wachsendem Erfolg daran arbeiten möge, sie Teil für Teil zur Wirklichkeit zu machen. HansGoslar. Indirekte Wirkungen Es gab eine Zeit, wo der Katholizismus in Gefahr war, zu entarten. Der gegnerischen Reformation ist er zu Dank verpflichtet, im Abwehrkampf und Wettbewerb schüttelte er Morsches ab und regenerierte seine Kräfte. So müßten auch unsere Gegner das Jubiläum der Volkspartei festlich begehen; vielleicht sind die indirekten Wirkungen unserer Bewegung noch höher zu bewerten als die direkten Ziele. Wie Goethes Strom in ״Mahomet's Gesang“ hat die Volkspartei auch in unserer Gemeinde versiegende Tümpel und stehende Gewässer der Weltanschauung wieder in Fluß gebracht. Unseres Geistes haben auch die anderen einen Hauch verspürt, und daß es heute vielfach die Waffen unserer eigenen Terminologie sind, mit denen wir bekämpft werden, ist uns eine besondere Genugtuung. Der Prozeß der Judaisierung unseres Gemeindelebens wird weiter gehen, sie ist auf dem Marsche, nichts kann sie aufhalten. Rabb. Emil L e v y. Am Dienstag, dem 27. Mai 1930, abends 8 Uhr: Jüdische Kundgebung in der Stadthalle, Klosterstraße 10 ״ Jahre Jüdische Volkspartei“ Referenten: R.-A. Dr. Alfred Klee Dir. Georg Kareski, Pro!. Dr. Heinrich Löwe Ministerialrat Hans Goslar Am Mittwoch, dem 4. Juni 1930, abends 8 Uhr: Tee-Abend auf dem Dachgarten des Hotels Alhambra, Charlottenburg, Kurfürstendamm 88 Ansprachen: R. - A. Dr. Alfred Ittee, Dir. Georg Kareski Oberkantor Israel Alter, Hannover: Jfid. Gesänge Sammy Gronemann: Jüdische Humoristika Bar-Kochba-Hakoah: Kammermusik-Vereinigung Tee-Gedeck RM. 3.-- einschließlich Bedienung Bestellungen bis spätestens 28. d. M. an das Büro der Jüdischen Volkspartei, Berlin N 24, Monbijouplatz 10 Telephon: D 1 Norden 1159 Ein Hort der Demokratie Die Jüdische Volkspartei hat sich in den zehn Jahren ihrer Tätigkeit in Gemeinde und Landesverband als ein Hort der Demokratie erwiesen. Bei allen Fortschritten in der Ausgestaltung des Wahlrechts in Land und Gemeinde, in der Gleichstellung aller Gruppen der in Deutschland wohnenden Juden (wobei nicht nur an die Ostjuden zu denken ist!) hat die Volkspartei anregend und oft entscheidend mitgewirkt. In der Frage der Gesamtorganisation der deutschen Juden mußte dieser Kampf um die Gleichstellung aller Richtungen zur vorläufigen Verhinderung des Zustandekommens der Organisation führen. Bei dem Endkampf um das preußische Judengesetz wird sich die Volkspartd von neuem zu bewähren haben. Dieser Kampf gegen die Liberalen — ganz abgesehen von den Landesteilen, in denen noch schlimmste Reaktion herrscht — muß auch in Berlin, wo mehr Verständnis für liberale Forderungen anzutreffen ist, fortgeführt werden. Die durch ihre Vergangenheit schwer belastete liberale Partei hat zwar in den größeren jüdischen Zentren dem modernen dernokratischen Geist weitgehende Konzessionen gemacht, aber gerade in jüngster Zeit wurden wieder Stimmen hörbar, die an dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht Kritik übten. So steht die Volkspartei auch im kommenden Jahrzehnt vor schweren, bedeutsamen Aufgaben. Wir hoffen — sie wird sie lösen. Dr. Aron Sandler. Volkspartei und jüdischer Sport Bekannt ist die Fabel, in der sich Kutscher, Pferd und Fliege darüber unterhalten, wer den Wagen an das Ziel gebracht habe. Wenn jetzt in weiten Kreisen des Berliner Judentums tiefe Befriedigung darüber herrscht, daß der Gemeindewagen in ungeahntem Tempo vorwärts geführt werde, so wird bei dem Streit der Parteien über das Verdienst an diesen Leistungen gewiß niemand auf den Gedanken kommen, daß die Jüdische Volkspartei ״die Fliege“ gewesen sei. Insbesondere die an der Förderung der jüdischen Turn- und Sportbewegung interessierten Gemeindemitglieder werden es mit besonderer Genugtuung begrüßen, daß die jüdische Volkspartei überall dort, wo cs galt, der jüdischen Sportbewegung zu helfen, der Gemeinde den Weg zu moralischer und materieller Unterstützung gewiesen hat. Auch auf diesem Gebiet der Erfassung und der Erziehung jüdischer Jugend ist in den letzten Jahren unter dem Protektorat der Jüdischen Volkspartei Außerordentliches geschehen. Die Weltkultur ist heute ohne Sport nicht denkbar. Die moderne Jugend zu sportlich anerkannter Leistung zu erziehen, systematische Körperschulung in den breiten Massen zu organisieren und dabei nur denjenigen Vereinen Existenzberechtigung zu konzedieren, die neben der körperlichen Erziehungsarbeit die jüdische Erziehungsarbeit auf ihre Fahne geschrieben haben, ist eine programmatisch anerkannte und in die Wirklichkeit umgesetzte Forderung der Volkspartd. Daß hier nationale Arbeit geleistet wird, sollten auch diejenigen anerkennen, die im liberalen Lager diese Forderung unterstützen. Hat doch nach den Informationen der polnischen Makkabi-Zentraie die polnische Regierung Subventionen der Jüdischen Gemeinde Warschau für Sportzwecke mit der Motivierung gestrichen, daß es sich hier nicht um ״religiöse Aufgaben“ handele! Die jüdische Sportjugend weiß die Hilfe der Jüdischen Volkspartei zu würdigen und erhofft von ihr auch in der Zukunft tatkräftige Unterstützung ihrer Bestrebungen. Dr. Hermann Leiewer. Erziehung und Hebraisiernng Ebenso wie der Zionismus als Weltbewegung und durch sein Palästinavverk die Physiognomie der jüdischen Gesamtheit verändert hat, hat die volksparteiliche Arbeit in der Gemeinde entscheidende Ansätze zu einer Umformung des jüdischen Gemeindelebens gemacht. Die Spanne von zehn Jahren hat nicht ausgereicht, um alle Uebelstände zu beseitigen und alle versprochenen Leistungen zu verwirklichen. Aber doch ist jüdisches Leben in die Gemeindestuben wieder eingekehrt, wo früher bestenfalls Verwaltung oder Stillstand und Abbau jüdischer Lebenskraft zu Hause waren. Durch diese Arbeit der Volkspart ei ist denjenigen von uns, denen die Rückkehr nach Erez-Israel noch nicht beschieden war, die Eingliederung in die Diaspora ein wenig erleichtert worden. Durch das Medium der Volkspartei ist manches ins Leben gerufen worden, was zu unseren Lebensbedingungen gehört, und wir erwarten für die nahe Zukunft die Auswirkungen dieser Be- Strebungen: hier sei insbesondere all dessen gedacht, was Er- Ziehung und Hebraisierung in der Diaspora fördert Weniger konnte die Volkspartei auf dem Gebiete der unmittelbaren Mitwirkung der Gemeinden am Aufbau Palästinas vollbringen. Es ist die große Aufgabe der nächsten Jahre, hier dem Programm und den ernsten Erwartungen unserer Menschen Genüge zu tun. Die Volkspartei tritt in ein neues Stadium, sie wird in Zukunft mehr Ausdruck all der Strömungen sein, die es in unserem und im uns befreundeten Lager gibt. Das wird die Technik der Arbeit nicht erleichtern, kann aber dennoch ihren Nutzeffekt erhöhen, wenn nämlich d»; einzelnen Richtungen nicht gegeneinander wirken, sondern sich alle als Protagonisten fühlen. In Zukunft werden durch die Vertreter der einzelnen Gruppen alle spezifischen Ideale der Renaissa..cebewegung zusammenfließen. Sie müssen sich harmonisch zusammenfügen, denn es ist auch möglich, zu diesen Sonder»:alen deduktiv zu gelangen: vom großen Gesamtideal der jüdischen Tradition her. Schon heute begreifen es immer weitere Kreise, daß die religiöse Tradition es nicht duldet, den,nationale«! Gedanken .rad.#b-«9sdfdeA.. Forderungen gering za achten. Wie also von der Meisten Idee her, die alle umfaßt, die Aufteilung möglich ist die allen Teilforderungen ihr Recht schon vom Ursprung her zuteil werden läßt, so muß umgekehrt die in der Wirklichkeit sich vollziehende Synthese der Teilstandpunkte zur Totalität der großen Ueberlieferung gelangen. Es ist unsere große Hoffnung, daß diese Erwartungen sich vor allem auf dem Gebiete der Kulturarbeit, der Erziehung und der geistigen Bestrebungen höherer Stufe realisieren werden. Dr. OskarWoIfsberg. Osijuden und Jüdische Volkspariei Von allen jüdischen Bevölkerungsschichten in Berlin nehmen die Ostjuden den freudigsten Anteil am Jubiläum des zehnjährigen Bestandes der Jüdischen Volkspartei. Wohl ist ein großer Teil der vor dem Kriege und nach dem Kriege eingewanderten Ostjuden bereits zionistisch vorgebildet gewesen und hat darum sofort an die gleichgesinnten westjüdischen Kreise An- Schluß gesucht und gefunden und auf diese Weise in dem neuen Wohnort ein gewisses jüdisches Heimatsgefühl erlangt. Ein sehr großer Teil der anderen Ostjuden, Selbstverständlichkeitsjuden, war aber nicht nur staatsbürgerlich in der neuen Umgebung fremd, sondern fühlte sich auch jüdisch völlig vereinsamt. Weder die Gemeindeeinrichtungen noch die Lebensform der alteingesessenen deutschen Juden konnten den zugewanderten Ostjuden vertraut sein. Hinzu kam — das muß leider festgestellt werden — daß die alteingesessenen Juden den zugewanderten ostjüdischen Volksgenossen mit sehr wenig Verständnis und noch weniger Sympathie entgegentraten. Praktisch waren die Ostjuden nicht nur ,Ausländer im Staate, sondern auch Fremde in der Gemeinde; im Staate und in der Gemeinde waren sie lediglich Objekt der Verwaltung. Es würde zu weit führen, wollte man ausführlich den Leidensweg der neueingewanderfen Ostjuden innerhalb der deutschen judenheit sehildern. Während der Inflationszeit fehlte es ja auch nicht an Versuchen (man erinnere sich an München!) von westjüdischer Seite, gegenüber der antisemitischen Welle einen Trennungsstrich zwischen West- und Ostjuden zu ziehen. Es sei darauf hingewiesen, daß bis heute noch in sehr vielen jüdischen Gemeinden Deutschlands die Ostjuden weder passives noch aktives Wahlrecht in der Jüdischen Gemeinde haben. In Berlin hat man an diese Zeit der faktischen Entrechtung der Ostjuden bereits vollständig vergessen, wo die Lage dadurch gekennzeichnet war, daß innerhalb der Berliner Jüdischen Gemeinde Ost- und Westjuden zwei getrennte Lager bildeten, die miteinander im Gemeindeleben gar keine Berührung hatten. Heute ist es anders. Heute bilden die Ostjuden einen wesentlichen Bestandteil jener jüdisch interessierten Kreise, durch deren jüdische Betätigung das Gemeindeleben in Berlin so erfreulich intensiviert wurde. Ostjüdische Vertreter sitzen in der zentralen Gemeindeverwaltung und in allen Gemeindeaus- Schüssen, und es muß festgestellt werden, daß allmählich ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Ost- und Westjuden innerhalb der Gemeinde Platz gegriffen hat. Vor einiger Zeit konnte ein ostjüdischer Repräsentant in der Berliner Jüdischen Gemeinde mit Befriedigung feststellen, daß insbesondere in den letzten Jahren, während welcher Führer der Volkspartei den ausschlaggebenden Einfluß in der Verwaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde besitzen, die ostjüdischc Bevölkerung Berlins ein jüdisches Heimatgefühl gewonnen hat Was das für die Gestaltung des jüdischen Lebens in Berlin für eine wesentliche Bedeutung hat, braucht nicht besonders unterstrichen zu werden. Durch die Mitwirkung der Ost juden an allen Formen jüdischer Betätigung in Berlin ist diese Stadt eines der wichtigsten Zentren jüdischen f ttiff! : 'Ita! ־1 *״» i fil ו iS : I •#«% b ' --pt’־־ t‘1mi