Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 38 (16.5.1930)
- Date
- 1930-05-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 262 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38, 16. V. 1930 Innerzionistische Diskussion Entscheidung tut not (Einige Bemerkungen zur Klärung.) Von Nachum Goldmann. I. Der im allgemeinen durchaus harmonische Verlauf der Sitzungen in London, sowohl derjenigen des Aktions-Comitcs wie auch der des Administrative Committees, hätten zu der Erwartung berechtigen dürfen, daß die lebhafte und teil* weise leidenschaftliche innenpolitische Diskussion, die seit den August-Unruhen innerhalb der zionistischen Bewegung vor sich geht, und die, welche Stellung man auch immer m ihr einnimmt, in jedem Falle die außenpolitische Stoßkraft der Bewegung empfindlich schwächen muß, nunmehr ein Ende finden wird. Was manche vor den Londoner Sitzungen, nicht erwartet hatten, war doch Tatsache geworden; es kristallisierte sich sehr bald eine ziemlich einmütige Stimmung und, was wichtiger ist, ein von allen als der einzig richtig empfundene Kurs der zionistischen Politik in der gegenwärtigen Situation heraus, der sowohl im Aktions-Comite wie auch später im Administrative Committee die nahezu einmütige Zustimmung aller beteiligten Gruppen und Persönlichkeiten fand. Von den Revisionisten abgesehen, die mehr aus taktischen als aus prinzipiellen Erwägungen, manchen Reso* lutionen, deren Stilisierung ihnen nicht scharf genug war, ihre Zustimmung versagten, wurden fast alle wichtigen außen* politischen Beschlüsse entweder ganz oder nahezu einstimmig gefaßt, und vor allem gab es niemand, der, sei es in der Diskussion, sei es gar in der Abstimmung, denjenigert politischen Kurs, den man heute schlagwortmäßig mit Brith Schalom-Politik bezeichnet, irgendwie zu verteidigen bereit war. Auch die beiden Vertreter des deutschen Zionismus, die an den Londoner Sitzungen teilnahmen — Blumenfeld und Martin Rosenblütb — haben, dies sei festgestellt, den vor* geschlagenen Resolutionen zugestimmt und auch in der Debatte einen Standpunkt zum Ausdruck gebracht, der, von belanglosen Nuancen abgesehen, im wesentlichen mit der politischen Linie, die Dr. Weizmann mit solcher Entschieden* heit vertrat und die im A.-C. vön allen mit teilweise noch stärkerer Entschiedenheit gefordert wurde, sich in Uebereinstimmung befand. Auch die Nichtzionisten, von denen man vorher vielleicht mit einem gewissen Grunde Einsprüche fegen diese politische Linie erwartet hatte, haben keinen inwand erhoben und stimmten den Beschlüssen des A.-C. einmütig zu. Mai* hatte also allen Grund anzunehmen, daß, nachdem sämtliche zionistischen Gruppierungen sich in der Orundfrage des Kurses der zionistischen Politik in solch seltener Weise einig waren, nachdem auch die Nichtzionisten sich dieser gemeinsamen zionistischen Konzeption angeschbssen hatten, der innerpolitische Meinungsstreit beendet sein würde. Schließlich vertritt das A.-C. alles, was irgendwie maßgebend und richtungbestimmend innerhalb der Zionistisehen Organisation ist; jede parteimäßig herauskristallisierte Gruppe ist in ihm vertreten, und ein einstimmiges Votum des A.-C. sollte, wie man glauben müßte, auch eine einmütige Haltung der gesamten Organisation widerspiegeln. Um so überraschender und bedauerlicher ist es, daß die politischen Meinungsdifferenzen nach wie vor bestehen, und zwar nicht nur in der Form, daß irgendwelche unver* antwortlichen Outsider oder bedeutungslose Orüppchen eine Sohdermeinung vertreten, was nie zu י verhindern unmöglich sein wiid, sondern auch in der viel bedenklicheren Form, daß im offiziellen Organ des deutschen Zionismus, der ״Jüdischen Rundschau“, nach wie vor ihr Redakteur, Dr. Weltsch, in permanent zum Ausdruck gebrachten Meinungen einen der offiziellen Politik entgegengesetzten Standpunkt vertritt. Dr. Weltsch macht ja aus der Tatsache, daß seine politische Konzeption derjenigen der Exekutive, des A.־C. und des Administrative Committee entgegengesetzt ist, keinen Hehl. In jedem seiner Artikel bringt Dr. Weltsch zum Ausdruck, daß seine Auffassung der politischen Lage und seine Konzeption einer vernünftigen Politik derjenigen, die heute als die offizielle einmütig festgelegt ist, widerspricht. Bevor ich auf die Frage der politischen Berechtigung seines abweichenden Standpunktes eingehe, sei noch ein Wort über die formale und sachliche Unerträglichkeit dieser Situatlon gesagt. Ich habe diese Situation vor Jena und nach Jena verstanden. Es standen sich zwei Stimmungen, zwei Konzeptionen, zwei politische Grundauffassungen gegenüber, wobei die offizielle Leitung des deutschen Zionismus mehr oder minder derjenigen, die Weltsch in der ״Rundschau“ vertrat, zustimmte, una wobei eine Majorität des Delegiertentages bereit war, sich dieser Meinung anzuschließen. Heute ist die Situation völlig geändert und imverständlich. Die offiziellen Vertreter des deutschen Zionismus, in erster Reihe Blumenfeld selbst, haben In London der Politik, die das A.-C. in Uebereinstimmung mit der Exekutive beschlossen hat, durchaus zugestimmt. Die ״Rundschau“ steht jedoch nach wie vor in Opposition zu dieser Politik, und man darf daher in aller Offenheit die Frage stellen: Ist die ״Jüdische Rundschau“ noch immer das offizielle Organ des deutschen Zionismus oder das Organ von Robert Weltsch? Ist für den deutschen Zionismus und seine heutige Leitung ]politisch bestimmend, was Blumenfeld in London sagt und akzeptiert oder was Weltsch in Berlin schreibt Und fordert? Die Majorität der Z. V. f. D. kann sich so oder so entscheiden; aber beides bejahen kann sie in keinem Falle. Die offiziellen Gremien des deutschen Zionismus werden sich sehr bald entscheiden müssen — je schneller, um so besser — was nun eigentlich gilt: Blumenfelds Reden und Abstimmungen in London oder Weltschs Artikel ln Berlin? Der deutsche Zionismus hat durch seine unklare politische Haltung in den letzten Monaten nicht gerade an Ansehen innerhalb des Gesamtzionismus gewonnen. 'ie jetzige Situation wird, wenn sie nicht bald geklärt wird, den Rest seines Ansehens und politischen Gewichtes endgültig zerstören. II. Diese wenigen Bemerkungen zur formalen Seite der Frage; und nun einiges zum sachlichen Meinungsstreit. Ich habe nicht die mindeste Absicht, auf die ideologischen Differenzen einzugehen, die — ich sagte es schon in Jena —, in dieser Zeit mir als Inopportun, Ilteratenhaft und schädlieh erscheinen, jedenfalls in der Sphäre, in der die praktische Politik des Tages heute und morgen entschieden werden muß. Nur um diese Politik geht es heute, und diese Politik zu bestimmen ist die Aufgabe der politischen Instanzen der Bewegung. Worin besteht nun eigentlich der Unterschied? Wir haben in London gesagt: wir alle wollen aus tiefstem Herzen eine Verständigung mit den palästinensischen Arabern; wir alle sind davon überzeugt, daß eine fruchtbare Verstärkung der jüdischen Kolonisation in Palästina auf die Dauer mir möglich ist bei einem freundlichen Zusammenleben von Juden und Arabern, hei einer Kooperation beider Bevölkerungsteile in allen Fragen des Aufbaus des Landes. Diese Ueberzeugung ist nichts Neues; wir haben sie nicht erst durch die Unruhen im August bekommen, sondern haben sie trotz der Unruhen im August bewahrt, Unsere; diesbezüglichen Resolutionen in vergangenen Jahren waren durchaus ehrlich gemeint und ehrlich gewollt, und die tiefe Entrüstung, mit der Dr. Weizmann in Jena, in London, in zahllosen Aeußerungen die Anzweiflung dieses unseres Willens zurückgewiesen hat, — eine Anzweiflung, die sofern sie arabische Politiker vornehmen, bedeutungslos ist, sofern sie von Zionisten selbst immer wieder vorgenommen wird, ungemein kränkend und politisch gefähr« lieh ist entspricht nicht nur seiner Ueberzeugung, sondern der des ganzen Jischuw und der der überwältigenden Majoritat der Bewegung und des gesamten A.-C. Wir sind entschlossen, in Zukunft mehr noch als bisher diesen unseren Willen zur Kooperation mit den Arabern zum Ausdruck zu bringen. Ein Kolonisationsprogramm, wie es Dr. Ruppin unter einmütiger Zustimmung des A.-C. in London skizziert hat, und das er vor kurzem auch in der ״Jüdisschen Rundschau“ dargelegt hat, ist der stärkste und produktivste Ausdruck einer solchen wahrhaft konstruktiven Araberpolitik, wie sie die palästinensische Arbeiterschaft und viele andere Teile des Jischuw schon seit langem in ähnlicher Weise vertreten haben, In dieser Forderung und in diesem Programm einer jüdischarabischen Politik ist sich also die gesamte Bewegung einig, und braucht niemand ihr heute weise Lehren una ״realpolitische“ Ratschläge zu erteilen. Aber, und hier beginnt die Differenz, gleichzeitig haben wir gesagt: konstruktive arabische Politik bedeutet nicht die Führung von politischen Verhandlungen mit dem Mufti und seinen Leuten über die staatsrechtlichen Gestaltungsformen Palästinas, wenigstens so lange nicht diese arabischen Führer unseren gleichberechtigten Anspruch auf Palästina, d. h. die Balfour-Deklaration und unser Recht zum Aufbau des Jüdisch-Nationalen Heims anerkannt haben. Wenn Weltsch glaubt, daß man auch ohne diese Anerkennung mit den arabischen Führern fruchtbare politische Verhandlungen führen kann, wenn er auch heute noch glaubt — was Blumenfeld inzwischen als Irrtum eingesehen hat — daß wir die Verpflichtung haben, die Initiative zu Verhandlungen bezüglich der Schaffung eines Parlamentes mit den Arabern zu ergreifen, dann mag er sich ruhig dem falschen Selbstbewußtsein hingeben, der einzige wahre ״Real- Politiker“ zu sein; wir alle anderen, ob Linke oder Misrachi, ob Radikale oder Poale Zion, die die wirklichen Absichten und Stimmungen der arabischen Politiker kennen, können nur den Kopf darüber schütteln und bedauern, daß man das gute Wort der Realpolitik so heillos diskreditiert. Nur in bezug auf solche politischen Verhandlungen über letzte staatsrechtliche Probleme bezog sich das kategorische Nein, welches das A.-C und das Administrative Committee gesprochen haben. Dieses Nein entsprang nicht chauvinistischer Prestigepolitik, keinem Rachebedürfnis und keiner imperialistischen reaktionären Gesinnung, sondern einer klaren Erfassung der wirklichen Sachläge, in der sich 99«/» des Jischuw und die große Majorität der Bewegung einig ist, und dem Festhalten an den elementarsten Grundlagen des politischen Zionismus. III. Diese wenigen Bemerkungen nur zu der grundsätzlichen politischen Meinungsdifferenz, wobei ich mit Absicht daraut verzichte, die vielen realpolitischen Erwägungen, die die in London beschlossene Politik begründen, nochmals im einzelnen darzulegen; sie sind schon genügend häufig und genügend eindringlich dargelegt worden. Es sei mir erlaubt, nur noch einige Bemerkungen anzufügen In bezug auf einige ganz kou* krete Exempel, •an*der׳«» dle*e׳־׳DBfefenz«» manifestieren und die in den Artikeln von Weltsch In den letzten Wochen behandelt worden sind. Zunächst ein Wort über die Intervention bezüglich der Todesstrafen. Wenn ich hier erkläre, daß wir alle, die wir die Frage der Intervention durchaus der Entscheidung der Exekutive überlassen, Gegner der Todesstrafe sind, und auch nicht wollen, daß die Todesurteile vollstreckt werden, so werden sicherlich manche Herren dies nicht glauben wollen oder es als unernst hinstellen, was uns nicht hindern kann, dies in aller Oeffentlichkeit zu erklären. Aber die Frage der Intervention wird nicht allein entschieden durch diese grundsätzliche Gesinnung. Alle entscheidenden Faktoren in- und außerhalb Palästinas wissen sehr wohl, wie die große Majorität der Juden und der Zionisten über die Todesstrafe denkt. Und die Mitglieder der politischen Kornmission, die bereits im November in London einmütig sich gegen eine Intervention ausgesprochen haben, und die Mitglieder unserer Exekutive in London und Jerusalem, die es auch wiederholt getan haben, sind sicherlich nicht weniger entschiedene Gegner der Todesstrafe wie Weltsch und seine Freunde. Aber sie haben die Intervention abgelehnt, weil sie sich davon eben nicht die Wirkung versprachen, von der Weltsch in seinem Artikel spricht, sondern eine entgegengesetzte. Es gehört wirklich ein hohes Maß, sagen wir von Naivität dazu, um diese Frage derartig aufzubauschen und zu glauben, daß hier ״ein Wendepunkt in der Geschichte der jüdisch-arabischen Beziehungen eröffnet“ werden könne; es steht schon heute so gut wie fest, daß die Todesurteile, vielleicht abgesehen von dem einen oder dem andern in besonders schweren Fällen brutalen Mordes, nicht vollstreckt werden, und die arabischen Führer wissen das ebensogut wie wir. Außerdem betrachtet die englische Regierung die ganze Angelegenheit als eine Sache der Exekutivgewalt, in die die Jewish Agency, gegen deren ״illegalen Druck“ sich ja die palästinensische Administration und der Shaw-Bericht so häufig wendet, nichts hineinzureden habe. Ferner darf man nicht vergessen, daß die arabischen Führer keine Mitglieder des Brith Schalom sind und die arabischen Massen sich nicht aus Lesern der ״Weltbühne“ zusammensetzen. Eine Intervention unsererseits würde wahrscheinlich nur den Effekt haben, di0| Regierung zu verstimmen, ihr eine Handhabe zu geben für die Zukunft, um sagen zu können, die Juden störten die von ihr zur Aufrechternaltung der Ordnung als notwendig erkannten Maßnahmen und würde von den arabischen Führern entweder als Ausdruck unserer Schwäche oder aber, was wahrscheinlicher ist, als Trick ausgelegt werden, durch den wir uns billige Sympathien erwerben wollen. So war es bisher immer in allen analogen Fällen. Darauf antwortet nun Weltsch, man solle sich an die breiten arabischen Massen wenden. Aber er müßte wissen, wie schwer dies — so leicht es gesagt wird — durchzuführen ist. Wir können über Nacht keine arabische Presse schaffen, wir können nicht von heute auf morgen Emissäre in alle arabischen Zentren schicken, ganz abgesehen davon, ob sie heute dort nicht verprügelt würden. Der Eindruck, den die arabischen Massen von unserer Intervention haben werden, wird nicht bestimmt durch die guten Absichten von Weltsch und uns allen, sondern von dem, was die arabische Hetzpresse darüber sagen wird. Und genau so, wie der ״Feiestin" den sicherlich naiven aber doch gewiß gutgemeinten Vorschlag von Prof. Einstein in seiner arabischen Ausgabe als jüdischen Trick hinfesteilt hat, genau so wird er es auch hier tun. Alle diese rwägungen und manche andere mehr, die ich hier nicht detaillieren will, haben die einmütige Haltung der politischen Kommission — in der gerade die englischen Nichtzionisten die schärfsten Gegner der Intervention waren — und der Exekutive bestimmt, und erst jetzt hat der Hapoel-Hazair in Palästina dieser Haltung wieder zugestimmt. Ich kann verstehen, daß man aus taktischen Erwägungen zu eines entgegengesetzten Meinung kommt, und ich wäre der erste, der bereit wäre, wenn man mir die taktische Vernünftigkeit der offiziellen Intervention nachweisen würde, dafür einzutreten. Wogegen ich mich wende, ist die Methode und diese Methode soll hier nur an einem Exempel illustriert werden —, aus dieser Sache eine ungeheure Affäre zu machen und von ihr ״den Durchbruch der eisernen Wand“, die uns nicht von den arabischen Massen in Palästina, sondern von den arabischen Politikern trennt, zu erwarten; diese völlige Verkennung der wirklichen Situation, in der diese arabischen Politiker ja gar keine Verhandlungen mit uns führen wollen, weil die protestierende, sich beschwerende, anklagende Haltung für sie die vorteilhaftere ist; diese Methode, sofort mit den letzten moralischen Prinzipien aufzufahren, wo es sich überhaupt nicht um moralische Fragen handelt Es genügt, moralisch gesehen, vollkommen, wenn der maßgebende Teil unserer Presse, wie er es häufig bereits intervenieren oder nicht, ist eine Frage der politischen Erwägung, eine Frage des politischen Taktes, besonders da wir wissen, und dies ist entscheidend, daß unsere Intervention an der Sachlage faktisch nichts ändert, und daß die Frage der Vollstreckung der Urteile von der Regierung entschieden wird, ganz unabhängig von unserer .offiziellen Intervention oder Nichtintervention. Deswegen kann man die Entscheidung der Frage den maßgebenden politischen Gremien, die die Verantwortung tragen, überlassen, und Weltsch, der sich in all den früheren Jahren so eifrig und heftig gegen jede Gefahr einer Separat-Politik von zionistischen Gruppen gewendet hat, hat am wenigsten Grund, jetzt in aller Oeffentlichkeit gegen die offizielle, mehrfach festgelegte Politik Sturm zu laufen, Massenaktionen gegen sie zu inaugurieren und über die ausgesprochene Separatpolitik des Brith Schalom, der gegen den Beschluß der Exekutive eine Petition um Aufhebung der Todesurteile eingereicht hat, mit wohlwollendem Stillschweigen zu übergehen. IV. Ein weiteres Beispiel aus der letzten Zeit; es betrifft das Problem der zionistischen Bodenpolitik. Weltsch hielt es für nötig, einige Sätze aus dem Zeitungsbericht über eine Rede Ussischkins in einer Pressekonferenz des Keren Kajemeth zu zitieren und daraus wieder einmal eine große Affäre zu machen, an der ״eine wirkliche grundsätzliche Neuorientierang der zionistischen Politik stattfinden muß“. Wese Aeußerung von Ussischkin, die, wie ich gern zugebe, so, wie sie zitiert wird, herausgerissen aus dem Oesamtzusammenhang, bedenklich ist, stellt Weltsch anderen Aeußerungen gegenüber, und zwar einer solchen aus dem Memorandum der allgemeinen Arbeiter-Organisation in Palästina und einer anderen Jabotinskys vor der Untersuchungskgmmission. Schon diese beiden Aeußerangen hätten zeigen können, wie unberechtigt, wie unsachlich, wie schädlich es ist, die Aeußerung Ussischkins zum Anlaß zu nehmen, um ihr gegenüber die ״grundsätzliche“ Neuorientierung der Bewegung zu fordern. Denn das, was Weltsch fordert, steht nicht nur 1m Memorandum der Arbeiter-Organisation, sondem hat Jabotinsky vor der Untersuchungskommission in einer ungemein wirkungsvollen und präzisen Form bereits gesagt. Wenn also auch Jabotinsky so denkt, dann kam man doch die Dinge nicht so darstellen — und diesen Eindruck erweckt doch der Artikel von Weltsch ■— als ob der ganze Honismus bereit 5ei,-die Araber '׳*tt 'verdrängen.'Ganz abgesib«ri von der Bered»« tigutig Öder ■Falschheit des grundsätzlichen Standpunktes Ussischkins: mit welchem Recht identifiziert Weltsch die zionistische Politik mit diesem in viel höherem Grade ideologisehen als realpolitischen Standpunkt Ussischkins (denn auch er erklärte im Laufe seiner Rede, daß die ganze Frage mehr theoretischer Natur sei, weil für die nächste Generation ausreichend Boden für die jüdische Kolonisation sei, ohne dnen Araber deswegen verdrängen zu müssen), nachdem solch konträre Gruppen wie der Revisionismus und die Arbeiterschaft denselben Standpunkt vertreten haben, wie ihn Weltsch predigt? An einem solchen Beispiel zeigt sich die Instinktlosigkeit und die Gefahrlichkeit dieser politischen und publizistischen Methode, die allein diesen ganzen Meinungsstreit zu einem ernsten Problem macht. Es genügt, wenn zwei Leute von dner ״Neuorientierung“ reden, von Protest gegen Chauvinismus und Prestigepolitik, damit die öffentliche Meinung und jedenfalls die böswilligen unter den Gegnern daraus die Konsequenz ziehen und proklamieren, daß der Gesamtzionismus eben unmoralisch, chauvinistisch usw. sei. Deswegen ist diese Politik gefährlich, weil kompromittierend, weil den Honismus demoralisierend und diskreditierend. Wenn eine kleine Sondergruppe wie der Brith Schalom trotz aller Erfahrungen dieser Monate, trotz der einmütigen politischen Haitung Dr. Weizmanns, der Exekutive, des A.-C. und der Nichtzionisten im Administrative Committee seine Sonderpolitik fortsetzt, nun, es gibt kein Mittel, ihn daran zu hindern; wenn aber im offiziellen Organ des deutschen Honismus, das noch einen Fonds von Autorität und politischem Gewicht zu vergeuden hat, diese Politik mitgemacht wild, auch nachdem — es sei zum Schlüsse wiederholt — die offiziellen Vertreter des deutschen Zionismus in den Londoner Sitzungen sich dem dort festgelegten Kurs der Gesamtheit der Bewegung angeschlossen haben, dann wird es höchste Zeit, daß man der Unklarheit dieser Situation ein Ende macht Ke politischen Gremien des deutschen Zionismus werden berufen sein, die Frage zur Entscheidung zu bringen. Seltsame Berichterstattung Die Palästina-Regierung hat in ihrem Departement für Archäologie einen Beirat eingerichtet, der unter Vorsitz des Leiters des Departements, Mr. Richmond, steht. Zur Teilnahme an diesem Beirat wurden die an Ausgrabungen und sonstigen Fragen der Archäologie iß Palästina interessierten wissenschaftlichen Institute und Gesellschaften eingeladen, darunter natürlich auch die Hebräische Universität und der Oberste Moslemische Rat. Ueber dieses an sich völlig unpolitische und nicht sehr bedeutungsvolle Ereignis berichtet der Jerusalemer Vertreter der JTA. in einem Telegramm, das folgenden Wortlaut hat: ״Die Hebräische Universitlt, deren Kanzler Dr. J. L. Magnes ist, und der Oberste Moslemische Rat, dessen Präsident der Groß mufti ist, sind unter einer Anzahl von Körperschaften, die bei Begründung eines archäologischen Beirates, der soeben seine Arbeit begönnen hat, Zusammenarbeiten.“ — Frage: Was hat bei dieser Sache die Nebeneinanderstellung der Personen von Dr. Magnes und des Mufti zu tun? Die genannten Institute werden zweifeilos nicht durch diese Persönlichkeiten, sondern durch ihre wissenschaftlichen Fachleute für Archäologie in dem Beirat vertreten sein. Wer an der Spitze der beiden Institute steht, ist bekannt und tut überdies nicht das geringste zur Sache. Offenbar soll aber dem Leser der Eindruck verbleiben, daß Dr. Magnes wieder irgendwie mit dem Großmufti paktiert. Darf man gegen diese Art Raffinierter persönlicher Verhetzung protestieren? R, w;