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Jüdische Rundschau · 1930-05-09 · Heft 36 (9.5.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 36 (9.5.1930)
Date
1930-05-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 36, 9 V. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 249 Innerzionistische Diskussion Vorschlag zur Gründung einer Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Von Dr. Henry Unna. Nachdem der letzte Delegiertentag der Z. V. f. D. nunmehr einige Zeit zurückliegt, scheint es mir als einfachem Bürger der Zionistischen Organisation erforderlich, einen Rückblick auf die Verhältnisse zu werfen, die sich während des letzten Wahlkampfes enthüllt haben. Ich meine damit vor allem die besorgniserregende Zunahme der inneren Parteizersplitterung. Früher gab es nur die beiden weltanschauungsgemäß gebundenen Gruppen der Religiös-Orthodoxen und Wirtschaftlich- Sozialistischen. Jeder wird jedem die Berechtigung zuerkennen, seinen Zionismus je nach seiner Weltanschauung zu konzipieren und seine zionistisch politischen Forderungen dementsprechend zu formulieren. Diese beiden Oruppen hatten und haben also zweifellos ihre Berechtigung. Alles, was dann kam, war und ist aber meiner Ueberzeugung nach von Uebel. Man kann wohl aus taktischen Gründen bei einem Kongreß oder Delegiertentag ^pine Reihe von Delegierten zweckbedacht zusammenfassen. Das erfordert die Technik des heutigen Parlamentes. Aber mit Erreichung oder Verfehlung des eigentliehen Zweckes muß die Fraktion ihre Existenz verloren haben. Organisationen, die in einem gegebenen Augenblick zweckmäßig und notwendig sind und dementsprechend ad hoc entstehen, werden lächerlich und schädlich, wenn man ihnen Ewigkeitswerte andichten will, wenn man aus guter Taktik schlechte Prinzipien macht. Wer kann sich heute unter ״Allgemeinem Zionismus“ noch etwas Vernünftiges vorstellen?! Ich behaupte: es gibt keinen ״Allgemeinen Zionismus“ (abesehen von der ohrenkränkenden Wortzusammenstellung), s gibt Zionismus schlechthin, wie es Sozialismus, Kommunismus und sonstige -ismen gibt. Aber leider ist der Zionismus in keinem Sinne ״allgemein“. Auch innerhalb der zionistischen Welt kann es keinen ״Allgemeinen Zionismus“ geben. Das zionistische Problem ist so schwierig, so vielfältig, so ״unlösbar“, daß es überhaupt nur subjektiv erfaßt werden kann. Der ״Allgemeine Zionismus“ (ich kenne wohl seine Entstehung) hatte mal Augenblickswert und Zweckbedeutung. Als dauernde Formulierung durch unsere Presse, unsere Debatten, unseren Wortschatz getragen, wirkt er einfach als eine glatte Unmöglichkeit. Geradezu grotesk ist es aber, wenn die ״Allgemeinen Zionisten“ plötzlich das Bedürfnis spüren, sich in verschiedene ״Allgemeinheiten“ zu spalten. Zunächst beschenkte uns ein Genie mit dem ״Linken Zentrum“, das zwar nicht das rechte Zentrum geworden ist, aber seltsamerweise noch Lebenszeichen von sich gibt. Wer sich irgend etwas unter dem ״Linken Zentrum“ vorstellen kann, werfe den ersten Stein auf mich. Zu unserem letzten Wahlkampf erschienen plötzlich ״Unabhängige Allgemeine Zionisten“, die, ihrem Personenkreis nach zu urteilen, sich vom ״Allgemeinen Zionismus“ abgehängt haben. Und man las Ankündigungen einer ״Arbeitsgemeinschaft für zionistische Realpolitik“, die so klingt als ob die ganze Zionistische Weltorganisation etwas anderes wäre. Zu diesen Oruppen und Grüppchen kommen noch die Revisionisten und Radikalen, aus deren beiden Programmen ich trotz heißen Bemühens grundlegende, prinzipielle Anschauungen und Forderungen bis heute nicht erfassen konnte, trotzdem ich die Programme in den verschiedensten Variationen vemümmen habe. - . . ■ Diese oberflächliche Skizzierung mag zur Illustration dessen, was ich sagen will, genügen. Der einst imposante Strom des deutschen Zionismus teilt sich und unterteilt sich wieder in soundso viele Nebenflüsse, die leider nicht mit unseren Tränen in den Jordan hineinfließen, sondern spurlos versanden. Und wie sieht es in Palästina aus? Wieviel an Energie, Zeit, Geld, Temperament, gutem Willen verpufft bei uns in sinnlosem (und schon dadurch schädlichem) Oetue nebeneinander, zwischeneinander, gegeneinander!! Es tobte zur Zeit bei den Wahlen vor dem Delegiertentag ein heißer Kampf um Methoden und Mittel unserer allgemein-zionistisehen Außenpolitik, Verhältnis zu den Arabern, zu der englischen Regierung, dem Völkerbund u. dgl. Wer ist imstande, diese Dinge wirklich beurteilen zu können?! Erstens gehört zu jeder Außenpolitik eine ganz besondere Disposition, angefangen vom feinsten Fingerspitzengefühl bis zur ausgebildetsten Chochme (es gibt kein deutsches Wort dafür!). Diese Begabung glauben zwar (seit dem Erscheinen des populären Buches über Disraeli in erhöhtem Maße!) alle Juden zu besitzen. Es haben sie aber nur ganz wenige Menschen. Zweitens gehört dazu die materielle Kenntnis aller einschlägigen Dinge und Menschen und ihrer Beziehungen zueinander. Wieviele unserer Führer kennen Palästina, kennen die Araber, kennen die Engländer, kennen die Satzungen und Möglichkeiten des Mandates, des Völkerbundes usw.? Die Frage beantwortet sich selbst. Gerade in außenpolitischen Dingen ist halb- oder vierteiwissender Dilettantismus glatter Unsinn. Außenpolitik kann auch nicht in Versammlungen und Resolutionen gespielt werden. Sie ist — überall — das Reservat ganz weniger Menschen, die zu diesem Berufe geboren sein und denen wir glauben müssen. Unser Vertrauen ist ihre Legitimation und die Quelle ihrer Kraft. Wir können ihnen beides geben oder nehmen, aber dazwischen gibt es nichts. Es ist also Unsinn, die Außenpolitik zum Drehpunkt der inneren Politik der Z. V. f. D. zu machen. Der Teil der Exekutive, der die ganze Last außenpolitischer Verantwortung trägt, handelt — und schweigt! Muß schweigen, wie jeder begreift, der einigermaßen guten Willens und klarer Einsicht ist. Nur blutiger Dilettantismus kann erwarten, daß die Exekutive im jetzigen kritischsten Augenblick dem am Sinai harrenden Volke verkündet. Lieber sollte sie nach berühmtem Muster ihre Tafeln zerbrechen. Wenn ich auf dem Standpunkt stehe, daß 99 °/0 von dem, was bei uns über außenpolitische Dinge geredet und geschrieben wird, unhaltbar ist und naturgemäß sein muß, so frage ich: was hat die Außen- Politik mit dem Wahlkampf der Z. V. f. D. zu tun? Das Ziel eines Delegiertentages ist es, eine arbeitsfähige und -willige Leitung zu schaffen. Das Arbeitsgebiet ist gegeben und begrenzt durch die Ueberschrift: Zionistische Vereinigung für Deutschland! In der Meinekestraße wird nicht mit Arabern, Engländern und sonstigen Reizvollen der Internationalen Diplomatie verhandelt. Sondern ganz bescheiden mit den Herren des Centralvereins, der Gemeinde, den Liberalen und dergleichen Größen, die uns in jeder Hinsicht näher liegen! In der Beschränkung zeigt resp. zeige sich der Meister! Unsere verfluchte Aufgabe ist es, mit den jüdischen Dingen made in Germany fertig zu werden. Und während wir uns um Probleme, deren Lösung uns praktisch fern liegt, streiten, entgleitet uns die jüdische Jugend Deutschlands, organisieren sich um uns herum die antizionistischen Väter, ja — ich behaupte: wir entfremden uns einander selbst in erschreckendem Maße! Es würde mich interessieren, die prozentuale Wahlbeteiligung zu den letzten Delegiertentagen zu kennen. Wir müßten sicher erröten ob der geringen Teilnahme. Ich selbst gehöre nunmehr 23 Jahre zur Zionistischen Organisation und darf v׳on mir behaupten, zu den über den Durchschnitt treuen und interessierten Gesinnungsgenossen gezählt zu werden (nicht nur von mir!). Ich bekenne offen: ich habe mein Wahlrecht zu den letzten zwei oder drei Delegiertentagen nicht ausgeübt. Und ich kenne sehr viele alte, gute, treue Zio nisten, die es — unabhängig voneinander — ebenso gehalten haben. Das sind die Dinge, um die wir uns leidenschaftlich erregen, das sind die Symptome eines Zerfalls, die wir mit Temperament begreifen sollten. Hic Rhodus, hic salta! Wenn man mich gezwungen hätte, zu wählen, ich hätte mit geschlossenen Augen irgendeinen Wahlzettel ergriffen. Ich _ bin erschüttert ob der Situation des deutschen Zionismus, ob seiner Zerrissenheit und Verworrenheit. Diese Situation an sich ist der schwerste Vorwurf gegen die Leitung der Z. V. f. D. Ich bin nicht berechtigt und nicht gewillt, Vorwürfe gegen irgendwen persönlich zu erheben. Aber es ist ein Vorwarf im Sinne historischer Verantwortung, daß die Z. V. f. D. zu diesem Zustand gekommen ist. Vielleicht sind wir auch in dieser Beziehung ein Produkt der Assimilation an unsere Umgebung. Wir sehen in dem wirtschaftlich schwer leidenden Deutschland die unendlichen Parteien sich spalten, bekämpfen, erwürgen. Lernen wir von den Fehlern der deutschen Arbeiterklasse! Wie ohnmächtig wäre die Bourgeoisie einem einig geführten Arbeiterstand gegenüber — wie hilflos ist die Arbeiterschaft durch ihre Uneinigkeit. Wir erkennen so gerne ihre Fehler, sprechen von ihrer Parteibürokratie, der Tragik ihrer Gespaltenheit. — Sitzen wir nicht etwa im Glashause? Bei uns kommt noch der traurige jüdische Individualismus dazu, der Mangel an Subordination, Parfeidisziplin, Selbsterkenntnis! (Schickt Eure Kinder in die Jüdische Turnerschaft, die beste Schulung zu dem, was uns nottutH!) Jeder wagt ein Tänzchen für sich, jeder ist zum großen Führer geboren, jeder gründet eine eigene Partei, Zeitung usw. Das alles wäre tragikomisch gewesen in der Situation vor 1917, wo wir uns ohne praktische Verantwortung das Spiel lustiger Politikasterei hätten leisten können. Heute stehen wir in Palästina der schwersten Situation gegenüber, die unserer ganzen Kraft bedarf. Heute ist diese unsere Kraft gebrochen durch die wirtschaftliche Situation Deutschlands, die natiirlieh auch uns erdrückt, die uns materiell dezimiert und uns bis zur Unerträglichkeit ans Berufsleben kettet. Und anstatt uns in berufsfreien Stunden dem Zionismus geben zu können, zugleich von ihm Erholung und Befreiung erhoffend, erleben wir bei ihm nur neue Sorgen, neuen Aerger, neue Kämnfe. Und so kommt es, daß der Kreis derjenigen immer größer wird, die enttäuscht, verbittert, hoffnungslos abseits stehen. So darf und so kann es einfach nicht weiter gehen! Wir brauchen eine Leitung, die den ganz bescheidenen Ehrgeiz hat, die zionistischen ״Belange“ in Deutschland zu meistern, gründlich zu meistern und der man die nötigen Fähigkeiten Zutrauen und die Mittel geben muß. Es ist dabei ganz gleichgültig, ob der Einzelne der Führung radikaler Misraehist oder sozialistischer Revisionist ist. Er sei ein Mann, nehmt alles nur in allem — nicht mehr, aber auch nicht weniger! Um Mißverständnis und billigem Einwand vorzubeugen: natürlich muß jeder von uns versuchen, sich eine Meinung zu bilden über die Dino׳e. die wir schlagwortartig als ״Außennolitik“ bezeichnen. Nichts Zionistisches sei uns fremd. Und von unseren Führern können wir vor allem erwarfen, sich stiebend,.6taL,jnea£?.?) darum bilden uns iä auch ein Urtel Über die Geographie, den Händel, die Wirtschaft Palästinas. Sie gehen uns im Tiefsten an — aber beeinflussen können wir sie nicht. Und besonders_ heute und hier haben wir zwar Kleineres, aber für uns Wichtigeres, Näheres, Drängenderes zu tun. Es würde über den Rahmen dieser Ausführungen hinausgehen, der neuen Leitung praktische Wege zu weisen. Sie möge das Gebot und die Not der Stunde erkennen, dem charaktertötenden Bruderstreit ein Ende zu machen, und wieder eine Zionistische Vereinigung für Deutschland starten. RepräsentaDtenwalil in Beuthen 0.-S. Die liberale Mehrheit gesprengt. Von unserem Berichterstatter, Beuthen, 5. Mai. Am Sonntag, dem 4. d. M., fand hier die Wahl der Gemeindevertreter statt. Der Jüdischen .Volkspartei stand ein Block des Zentral-Vereins gegenüber, in welchem Liberale, nichtzionistische Konservative und Mittejpartei geeinigt waren. Die Volkspartei erhielt 320 Stimmen und damit 8 Mandate, deren Inhaber sämtlich organisierte Zionisten sind, der C.-V.-B!ock bei 500 Stimmen 13 Mandate, die sich auf 10 Liberale, 1 Mittelparteiler und 2 Konservative verteilen, so daß also die liberale Mehrheit, die in unserer Gemeinde mehr als 70 Jahre am Ruder war, jetzt beseitigt ist. Im alten Repräsentanten-Kollegium, das nur 15 Mitglieder zählte, saßen noch 8 Liberale, 1 Konservativer, 1 Mittelparteiler und 5 Zionisten. Für den Wahlkampf war das Zusammengehen der. nichtzionistischen Parteien gegen die Volkspartei charakteristisch. Der C.-V. führte den Kampf mit dem Kampfruf ״Für Judentum und Deutschtum gegen jüdischen Nationalismus“. Uebrigens besteht diese Formierung hier in Beuthen schon seit mehr als 10 Jahren. Aber sie verliert ständig an Zugkraft. Bei den Landesverbandswahlen im Februar 1925 erhielt die Volkspartei nur 30 0/0 der abgegebenen Stimmen, vorgestern ist dieser Anteil auf 39 «/# gestiegen. Die Wahlbeteiligung war fast ebenso stark wie damals und verhältnismäßig bedeutend, sie beträgt über 82 0/0 der eingetragenen Wähler, so daß das Ergebnis einen gültigen Schluß auf die Stimmung in der Gemeinde zuläßt. Die Arbeit war für die Volkspartei diesmal schwieriger, denn das Gemeindewahlrecht ist ziemlich rückständig. Nur die Verhältniswahl ist erreicht worden. Aber es gibt kein Frauen- Wahlrecht. Auch besteht noch der Zensus nach dem Einkornmen, und 170 Personen wurden nachträglich aus der Wählerliste gestrichen, weil sie zurzeit Einkommen nicht besitzen. Die Anzahl der Wahlberechtigten war infolgedessen auf 1005 zurückgegangen gegenüber mehr als 2300 bei der Landesverbandswahl, und trotz alledem dieser kräftige Fortschritt bei der Jüdischen Volkspartei. Diese hat allerdings eine intensive Wahlarbeit geleistet. In drei großen Volksversammlungen, eine Menge von Vereinszusammenkünften nicht gerechnet, suchte die Partei die Wählerschaft in großen Linien über unser Gemeindeprogramm zu unterrichten und für Erneuerung jüdischer Lebensgrundlagen im Rahmen der Kehilla zu gewinnen. Großen Dank schulden wir Herrn R.-A. Dr. Klee, der am 27. April, und Herrn Direktor Georg Kareskf, der am 3. Mai hier gesprechen hat. Beide Versammlungen waren überfüllt. Die Redner gaben eine ausgezeichnete Darstellung von der gegenwärtigen Situation und von der zu erarbeitenden Zukunft innerhalb der jüdischen Gemeinden. Die Ausführungen waren von Mancher mag es vielleicht für unopportun halten, diese Dinge meiner Kritik öffentlich auszusprechen. Es gibt meines Erachtens kein anderes Mittel der Remedur. Eine revoIuti> näre Partei — hoffentlich sind wir es noch — muß den unbedingten Mut zur Selbsterkenntnis und zur freimütigsten Offenheit haben. Nur dadurch kann sie die Kraft der Erneuerung, Verjüngung, des Aufschwungs suchen und — hoffen wir — finden! H. Ich hatte die obigen Ausführungen bereits vor dem Delegiertentage geschrieben. Ich habe dann den Verhandlungen der Jenaer Tagung als interessierter Zuhörer beigewohnt und mußte konstatieren, daß ich mit meinem oben Gesagten ohne Uebertreibung recht batte. Der Delegiertentag war die lebendigste Bestätigung meiner Diagnose. Was sich sonst nur dem suchenden Diagnostiker zeigt, ward hier jedem Laien eklatant., Zunächst einmal die Teilung ■der Organisation in lächerlich viele Fraküonen; dann die Ziellosigkeit, Planlosigkeit, Führerlosigkeit der Fraktionen selbst. Der erste Tag des Delegiertentages war in großer Form der ״Außenpolitik“ gewidmet und erhielt durch die Anwesenheit Weizmanns höhere Weihe und Bedeutung. Wie verfehlt es ist, die Außenpolitik unserer Exekutive mit der Innenpolitik der Z. V. f. D. zu verquicken, war sofort deutlich fühlbar. Die außenpolitischen Reden der einzelnen Fraktionsführer waren weniger Stellungnahmen zur Politik der Exekutive als Vorbereitungen zur Wahl der neuen Leitung der Z. V. f. D., die ja mit dieser Politik praktisch so gilt wie nichts zu tun hat. Außerdem war es wirklich so, wie ich oben prognostiziert habe: Weizmann war der einzige Verantwortungsvolle und Wissende des Augenblicks, er schwieg sich aus in zwei langen Reden. Alle anderen redeten, rhetorisch teils sehr gut, aber sie redeten und man schmeckte die graue Theorie. Noch illustrativer als die Diskussion war die Abstimmung des ersten Tages. Es bildeten sich zwei Lager des Delegiertentages, gruppiert um zwei Resolutionen. Inhaltlich hätte jede Gruppe für jede der beiden Resolutionen stimmen beziehungsweise es hätte eine der beiden Resolutionen fast einstimmig angenommen werden können! Aber nein! Es mußten zwei Resolutionen sein, weil deren Stellungnahme zur Außenpolitik völlig gleichgültig wurde und weil man am Ab- Schluß der Debatte über die Politik der Exekutive in Wirklichkeit über das Vertrauensvotum der Z. V. f. D.-Leitung abstimmte. Und so war mit dieser Abstimmung im großen und ganzen das Schicksal der Blumenfeldschen Leitung bestimmt. Aerger konnte das zu Tode gerittene Prinzip eines mißverstandenen Parlamentarismus nicht äd absurdum geführt werden. Man bedenke: ehe noch ein Wort gesagt war zur Kritik der Geschäftsführung der Z. V. f. D., fand die entscheidende Abs timmung statt, die tatsächlich das Resultat dieser Kritik hätte sein sollen. Nachdem der Würfel am ersten Tag gefallen war, kam es traurig, wie es kommen mußte: Der Dielegiertentag hatte an dem Blumenfeldschen Referat über die Tätigkeit der Z. V. f. D. und seiner Diskussion naturgemäß gar kein Interesse mehr. Alles wurde vor leerem Saale müde und matt gesprochen. Nachdem die Regierung Blumenfeld das Vertrauensvotum vorweg hatte, konnte es sich nur noch um Konstellationsveränderungen bei den Neuwahlen handeln. Der Delegiertentag hat nur den deprimierenden Eindruck von unserer Situation verstärkt, den ich vorher hatte und ein* Welt von Schwierigkeit^ gegenüber, die von außen fcöntittttt und die wir als gegeben hinnehmen und überwinden müssen, auch wenn wir das Wie und das Wann heute nicht sehen. Wir glauben an die zukunftbildende Kraft unseres Ideals. Wir können aber nicht kämpfen, werben, hoffen für seine Verwirklichung, wenn wir selbst klein, schwach, uneinig sind. Es gilt, die Situation und unsere Situation erkennend zu erfassen und mit einem letzten Appell an das Verantwortungsgefühl eines jeden von uns wieder eine Zionistische Vereinigung für Deutschland zu schaffen. überzeugender Kraft und von rednerischem Schwung getragen, sie werden den vielen hundert Teilnehmern noch lange in Erinnerung bleiben. Der C.-V. beschränkte sich, abgesehen von einer umfangreichen Flugblatt-Propaganda und intensiver Hausagitation durch Vorstandsmitglieder und den hier residierenden Syndikus seines oberschlesischen Landesverbandes, auf eine einzige Ver- Sammlung, bei welcher Zionisten der Zutritt nicht gestattet war. Um auch den Mitgliedern des C.-V. jede Diskussion unmöglich zu machen, war die Veranstaltung als Wahlkundgebung aufgezogen und befaßte sich in der Hauptsache mit einer Herab- Setzung des Zionismus und einzelner Zionisten. Herr Rabbiner Dr. Felix Goldmann-Leipzig war in den Zeitungen und in den Einladungen als Redner angekündigt, aber nicht erschienen. So mußten lokale Größen die Lücke ausfüllen. Für die innerjüdische Politik in Deutschland ist es interessant, daß der C.-V., der doch die Prätension hat, die gesamte deutsche Judenheit nach außen zu vertreten, es als nötig und möglich empfand, in einer einzelnen Gemeinde als Wa h Iartei auTzutreten, daß er seinen amtlichen Apparat so areiten läßt, daß der jüdische Liberalismus daraus den Hauptvorteil zieht, weil die Propaganda von stadtbekannten Führern der liberalen Richtung getragen wird, während seine Anhänger aus den positiven jüdischen Richtungen eine geistig untergeordnete Rolle spielen und auch von diesen niemand als Redner auf der Tribüne erschienen ist. Soll die Repräsentantenwahl in Beuthen den allgemeinen Auftakt für die Landesverbandswahlen im November bilden? A. W. Ein deutsches Institut für Erforschung des jiddischen? Wie die J.T. A. erfährt, besteht in den Kreisen der Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums ein starkes Interesse für eine wissenschaftliche Erforschung der jiddischen Sprache, Literatur und Folklore im Rahmen der Arbeiten der Akademie. Der Deutsche Sprachverein hat sich grundsätzlich bereit erklärt, die Errichtung eines Nebenspracheninstituts gemeinschaftlich mit der Deutschen Akademie in Angriff zu nehmen. Aber bis es zur Errichtung eines solchen Instituts kommt, wird daran gedacht, an die Erforschung des Jiddischen heranzugehen. Stätte dieser Forschungsarbcit soll dieUniversitätFrankfurt sein, vielleicht das Niederländische Institut dieser Universität, dem eine wissenschaftliche Stelle für deutsche Nebensprachen angegliedert werden soll. Allerdings glaubt man zu wissen, daß gerade in reichsdeutschen jüdischen Kreisen eine gewisse Abneigung gegen die jiddische Sprache besteht. Gelehrte jüdische Kreise wurden gebeten, hierüber ihre Meinung mitzuteilen, ferner darüber, ob jüdische Kreise auch zur Finanzierung des Planes bereit wären. ........um....

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