Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 34 (2.5.1930)
- Date
- 1930-05-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 34, Z V. 1930 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 230 Das Jiddisdie Wissenschaftliche Institut Zwei Aufgaben sind es, die jeden bewußten Juden zu be- «chäftigen haben: die Erreichung jüdisch-politischer Ziele, die je nach der Einstellung verschieden gesetzt sein können, und die Erhaltung und Pflege jüdischen Kulturguts, unabhängig von der persönlichen oder parteimäßigen Ewstellung. lieber der ersten darf die zweite Aufgabe nicht vergessen werden; denn ihre Erfüllung liefert erst das Fundament für die Erreichung nationaler und politischer Ziele, Jüdisches Kulturgut ist alles, was uns von den Generationen, die uns vorauf gegangen sind, überkommen ist; jüdisches Kulturgut ist aber auch jede lebende Aeußerung jüdischen kulturellen AJ/illens im umfassendsten Sinn des Wortes. Jüdische Eigenkultur erwächst dort, wo jüdische Siedlungen sich ihr geistiges und soziales Leben gcschaffen haben, und sie umfaßt alle Formen, in denen dieses geistige Leben sich ausgeprägt hat. Der Motor des Kultur- Schaffens ist die Sprache, und die Renaissance des Hebräischen darf uns nicht vergessen lassen, daß die Sprache, die jahrhundertelang der Motor des Kulturschaffens der jüdischen Massen gewesen ist, das Jiddische ist, das auch heute noch von 9 bis 10 Millionen Juden in der alten und in der neuen Welt gesprochen und verstanden wird. Jede Bestrebung, das jiddische Kulturgu t zu erhalten und zu pflegen, ist darum begrüßens- und föroertiswert. Das Jiddische Wissenschaftliche Institut, das jetzt sein fünfjähriges Bestehen feiert, ist aus bescheidensten Anfängen heraus zu einer beachtenswerten Institution erwachsen. Seiner Aufgabe der Sammlung und Forschung getreu, hat das Institut im Laufe seiner kurzen Existenz eine außerordentlich umfangreiche Arbeit geleistet ■ Es hat in der kurzen Zeit seiner Existenz außer einer reichen Bibliothek auch eine außerordentlich reiche Sammlung von ethnographischem Material (Sprichwörtern, Volkslegenden, Volksredensarten, Material über religiöse Gebräuche u. dgl.) mit jetzt über 85000 Nummern angelegt und verfügt über ein Archiv mit mehr als 1000 Manuskripten und Briefen berühmter jüdischer Schriftsteller und Persönlichkeiten, Protokollbüchern (Pmkos’im) von Gemeinden und Chewroth, über 2000 Flugblättern, Plakaten ti. dgl. Dem Archiv angegliedert Ist eine Reihe reicher Sonderarchive, so das wichtige Archiv der Wilnaer Rabbinerschule (1847 bis 1873), das ethnographische Archiv S. An-skis, das bedeutsame historische Archiv Prof. S. Dubnows, das ausländische Archiv des bekannten russisch-jüdischen Juristen und Politikers M. Winawers, Teile des in den fünfziger Jahren begründeten Archivs des Barons Günzburg (Petersburg). Das Museum vereinigt eine umfangreiche Sammlung wichtiger ethnographischer Objekte, ferner künstlerisch wertvolle Kultusgegenstande und einen großen Schatz photographischer Abbildungen von Synagogen, Friedhöfen u. dgl. Ein besonderes Theatermuseum, das den Namen der großen Schauspielerin E. R. Kaminski trägt, umfaßt mehrere tausend Photographien, Szenenmodelie, Programme, Zensurverbote und sonstiges für die Geschichte des jiddischen Theaters bedeutsames Material von hohem Seltenheitswert. Das Jüdische Pressemuseum, eines der reichsten dieser Art, weist etwa 6000 komplette Exemplare periodischer Ausgaben auf. Die bibliographisaie Zentrale des Instituts verzeichnet und klassifiziert die neuerscheinenden Bücher und Aufsätze auf jüdischem Gebiete in jiddischer und hebräischer Sprache, sowie die Judaica in anderen Sprachen. Für die Jahre 1926 bis 1929 hat sie etwa 55 000 Nummern registriert. Das erste bibliographische Jahrbuch des Instituts, für das Jahr 1926, konnte bereits im Umfange von 440 Seiten gr. 8° erscheinen; die Jahrbücher für die weiteren Jahre sind zum Teil schon drackfertig. Die Zentrale der Sammlungen, wie überhaupt der ganzen In- Jititütsarbeit, ist WilBa; die Arbeit erstreckt sich aber über eine ganze Reihe von Ländern, und das Institut unterhält eine Anzahl von Zweigstellen, u. a. auch in Berlin. Neben der sammelnden und verzeichnenden Tätigkeit des Instituts geht seine Forschungsarbeit einher. Das Institut hat vier wissenschaftliche Sektionen, die philologische und die pädagogisch-psychologische mit dem Sitz in Wilna und die von Berlin aus geleiteten Sektionen für Geschichte und für Wirtschaft und Statistik begründet. Den Sektionen schließt sich eine ethnographische Kommission in Wilna an. Die wissenschaftlichen Arbeiten des Instituts sind von der gelehrten Welt mit Beifall und Interesse begrüßt worden. Das Institut gibt eine Reihe laufender Publikationen heraus. Die philologische Sektion hat bisher drei Bände ihrer ״Schriften“, im Umlange von etwa 1700 Druckbogen 4°, herausgegeben•, der vierte Band ist im Satz fertiggestellt. Die pädagogisch-psychologische Sektion bereitet den ersten Band ihrer ״Schriften“ vor und hat verschiedene für die Kenntnis des jüdischen Kindes bedeutsame Untersuchungen, so über die zeichnerische Begabung des jüdisehen Kindes, über sein Farbengefühl, über die Psyche und die sozialen Lebensbedingungen des Chederkindes, abgeschlossen. Die historische Sektion hat den von E. Tscherikower redigierten ersten Band ihrer ״Historischen Schriften“ im Umfange von 828 ~f- XLVIII Spalten 4° herausgegeben, der eine Fülle von Abhandlungen und Archivmaterialien enthält (u. a. von Professor S. Dubnow, Dr, J. Schipper, Dr. N. M. Gelber, S. Rubaschow, Prof. M. Balaban, Dr. J. Brutzkus, Dr. B. Wachstein; unveröffentlichte Briefe Moses Mendelssohns und der Familie Lassalles), und bereitet den zweiten Band vor. Ferner gibt sie u. a. die auf drei Bände (wovon ein Urkundenband) berechnete ״Geschichte des Chassidismus“ von Prof. S. Dubnow heraus, deren erster Band bald erscheint, und bereitet eine Reihe historischer Monographien über jüdische Gemeinden vor, von denen die über die Warschauer und die Lodzer Gemeinde bereits druckfertig sind. Die Sektion für Wirtschaft und Statistik hat unter der Redaktion von Jakob Lestschinsky den ersten Band ihrer ״Schriften für Wirtschaft und Statistik“ (608 Spalten 4°) veröffentlicht, der u. a. auch wichtige Abhandlungen und Materialien über die deutschen Juden enthält; der zweite Band ist in Vorbereitung. Die ethnographische Kommission bereitet den ersten Band ihrer Schriften, das ״Jom Tauwim-Buch“ vor, das bedeutsames Material über Festtagsbräuche, Puritn-Spiele u. dgl. enthalten wird. Als erste Publikation des Theatermuseums ist in diesen Tagen Band I seines ״Archivs für jüdisches Theater und Drama“ erschienen, der Abhandlungen und neue Materialien bringt. Daneben hat die amerikanische Sektion des Instituts vier Hefte ihrer ״Pinkos-Vlerteljahrscbrift für jüdischen Folklore, Philologie Literaturgeschichte und Bibliographie“ veröffentlieht; das fünfte Heft des ״Pinkos“ ist im Satz. Auf organisatorischem Gebiete hat das Institut sich in 18 Ländern Stützpunkte in Form von Gesellschaften und Gruppen ״Freunde des jiddischen Wissenschaftlichen Instituts“ geschaffen. Wissenschaftliche Kommissionen des Instituts arbeiten außer In Wilna, in Warschau, Berlin, Paris und New York und beschäftigen sich mit der Erforschung der demographischen und sozialen Struktur der jüdischen Bevölkerung der betreffenden Länder, mit der Durchforschung der Archive und mit verschiedenen Sonderaufgaben für die Sektionen des Instituts. Auf dem Gebiete wissenschaftlicher Verbindungen steht das Institut in freundschaftlichem Verkehr u. a. mit der Hebräischen Bibliothek in Jerusalem und unterhält regelmäßige Beziehungen zu einer Reihe nichtjüdischer wissenschaftlicher Anstalten, so zu der Finnischen Akademie der Wissenschaften, zu dem Leidener ,Jnternationalen Archiv für Ethnographie“, zu dem Statistischen Zentralinstitut in Rom, auf dessen Wunsch das Institut eine Bibliographie über die jüdischen Wanderungen in den Maten 30 Jahren zusantnengestcut hat In der jüdischen Welt hat die Tätigkeit des Instituts viel 1 Beifall gefunden. Es seien nur zwei Aeußerungen zitiert. Der bekannte Zionist, Dr.!.Schipper, Warschau, selbst ein eifriger Mitarbeiter der historischen Sektion des Instituts, schließt einen dem Institut anläßlich seiner ersten Konferenz gewidmeten Aufsatz in Grünbaums ״Zionistischen Blättern“ (vom 1. 11. 1929) mit den Worten; ״Das Institut ist eine der wenigen Brücken, die von Ufer zu Ufer führen . . . Das ist die erfreuliehe Tatsache in den traurigen Tagen unseres schweren Lebens . . .“ Und Schalom Asch schreibt in einer begeisterten Begrüßung zur Konferenz des Instituts: ״ich glaube, daß in dieser blutig-zerrissenen Zeit die Arbeit des Instituts die einzige Plattform ist, auf der wir alle uns zusammenlinden können und müssen.“ Im Oktober 1929 hat das Institut seine erste Konferenz Jn Wilna abgehalten, an der 70 Delegierte aus verschiedenen Ländern teilnahmen. Der feierlichen Eröffnung der Konferenz wohnten über 1000 Personen bei; die polnischen obersten Staats- und die Wilnaer städtischen Behörden waren vertreten. Anläßlich dieser Konferenz wurde der Grundstein zum eigenen Institutsgebäude gelegt. Auf der Konferenz wurde auch ein Ehrenpräsidium des Kuratoriums gewählt, dem angehören: Prof. Albert Einstein, Prof. S. Dubnow und Eduard Bernstein (Berlin), Prof. Sigmund Freud und Regierungsrat Dr. B. Wachstein (Wien), Prof. W. Haf fkin (Paris), Dr. M. Gaster (London), Prof. D. Simonsen (Kopenhagen), Dr. Ch. Shitiovsky und Prof. Sapir (New York). Jüdische Gemeinden auch außerhalb Polens, wie die Berllner jüdische Gemeinde und große jüdische Organisationen, wie der Joint, Ort, die Alliance Israelite Universelle, gewähren dem Institut Subventionen; polnische Stadtverwaltungen haben für das Institut Beträge ln ihre Jahresbudgets eingestellt (so der Warschauer Magistrat die Summe von 10.000 Zloty); es hat dem Institut an Anerkennung von innen wie von außen nicht gefehlt. Wenn somit das Institut In den wenigen Jahren seines Be- Stehens vici geleistet und erreicht hat, bleibt doch noch viel zu tun übrig. Die Aufgaben, die es sich gestellt und deren Bewältigung es in so erfreulicher Weise in Angriff genommen hat, sind groß, und die Mittel reichen nicht aus. Die Leitung des Instifuts und seiner Sektionen, Kommissionen und Abteilungen, sowie die Redakteure seiner Veröffentlichungen arbeiten zwar völlig unentgeltlich; das Institut beschäftigt aber in den verschiedenen Zweigen seiner Tätigkeit eine große Anzahl jüdischer Gelehrter und Intellektueller, denen es in ihrem Kampfe um die Existenz wenigstens die Grundlagen sichert Das Institut erfüllt somit neben seiner wissenschaftlichen auch eine in hohem Maße soziale Aufgabe, indem es einer Schicht der jüdischen Intelligenz, materielle Hilfe leistet, die in dieser Hinsicht im allgemeinen nur zu sehr zurückstehen muß. Observer. Moros Uber Palästina Vor kurzem sprach Morus (Dr. Richard Lewinsohn) im Berliner Rundfunk über das Thema ״Vor einem neuen Kurs in Palästina“. Der Vortragende schilderte vorerst die Bevölkerungsverhäitnisse des Landes, gab einiges Zahlenmaterial, um alsdann die Bedeutung der jüdischen Kolonisation vor Augen zu führen. Tel-Awiw bezeichnete er als ״Oase“, als ein ״Weltwunder“. Er sprach von den ״vorbildlichen jüdischen Siedlungen“ und legte dar, wie sehr das jüdische Kolonisationwerk auch der arabischen Bevölkerung zugute komme. Von ״einer arabischen Nation sei noch nicht zu sprechen“. Die panarabische Bewegung liege noch in den allerersten Anfängen. Hierüber könnten die letzten Unruhen sowie die arabischen Demonstrationen der letzten Zeit nicht hinwegtäuschen. Der Schwerpunkt der Ausführungen des Redners lag in der Fest- Stellung, daß seiner Ansicht nach England nunmehr in Palästina einen neuen, und zwar aktiven Kurs zu steuern beabsichtige. Die Engländer dächten für absehbare Zeit gar nicht daran, Palästina aufzugeben; sie hätten an der jüdischen Ein- Wanderung sowohl ein politisches als auch ein starkes wirtschaftliches Interesse. ״England sei noch nie so billig za einer Kolonisation gekommen.“ Die letzten Unruhen würden Eng- Iand veranlassen, die bisher geübte Politik des ״Divide et impera“ aufzugeben. Die Erkenntnis, daß in Palästina nicht mit den üblichen Kolonisationsmethoden regiert werden könne, beginne sich immer stärker durchzusetzen. Die Mandatarmacht werde jetzt energischer als bisher für Ruhe und Ordnung sorgen und werde ״den Frieden herstellen, wenn nicht im Guten, so mit Gewalt“. _ Mitte April traf In Palästina Prof. Fossit von der Berkelev-Universität ln Kalifornien, ein bekannter Sachverständiger für Zitruskrankheiten, ein. Prof. Fossit wurde von der Landwirte-Organisation eingeladen, die Orangerien Palästinas zu besuchen und die hier vorkommenden Baumkrankheiten zu Studieren. (Ziko.) BERLINER HRLEHDER Gonnabenb, beit 3,!Kai, nachmittag® 18 V* Ufjr, in ben!Räumen beS ft. 3• ffileißtzeuftr. 60. tttMfjnraifte Nr «efamien gioniftif$tn .Sitgenh, ner• anftaltet nom Sionift. Suaenbrat, Etjema: ״ö*r tnefljüöifdje «Skalas in jtaMfHna*. ©inlettenb fprid) 1: SB 0 l f g a n g £) r 6 a d), in ber ®iätuffion roafjrfdjeMid): Saheniin unb 2R.©0Ibfd)ein Sie oraanifierte unb bie nidjiorganifterie jtomft Sugenb ift gut Seilnafjme an ber HuSfpracfje eingelaben.!KittroocE), ben 7. 3Jiai, 8*/a Uhr» finbet im Seih Hm ein Sortrag von 3e$0fdma ®utmann über: ״©fe neuen feaialen ©tr8mung«1 unb ihre ®irfung im 3uNntum" fiatt, ©äffe miQImnmen בבית־העם! ביום הרביע/ ד. למאי• כשעה 8 וחצי בערב, תהיה בבית־העם הרצאתו של מר יהושע גוטמן על הנושא: הזרמים הסוציליים החדשים והשפעתם בישראל. אורחים רצויים! ©onntrttas, Nn & Kai, a&tnb« ft Vs UN» Oeffeni» liehe Berjammlung Nr Bertiner 3iettiflif#*n Ser• einigung anlfifilith ber 70jährigen ®ieNrfe$r btt «üeburtstagca nen Übeobor ©er*{ in ben Sßhiftfer» fefXfftlext, Raifet»S5Hl|eIm*®tt 81. Sz. & a h u m ®olbmann: ״©er*{, ber lehrmesfler״. :Berliner 3ionifWf<he Bereinigung Bortrageapftu« ©r. ©. ftatwttifc ״Öag Nutfäe JttNtttum", im Ä, 3. ». Sleihtreuftrage 60 obenbS 8Vt Ußt. I. SHthnoch, ben 7. ffiiai *3Nof0gien unb Programme". 2. SKittwo*, ben 21. Slai: ״Ca« Nnifche 3ubmtwn im ©bieaeS ber ©tatlftff". 8. SJHitnmd), ben 4. 3unt: ״©er Sfntifcmiiiemu« unb feine TBirfung auf bie 3ubm' 4 SKtttrnod», ben I83uni: ״©ie JugettbNtoegung qh vfunmyir jiivnmuHf1 Dichter im Kampf Von M. Y. Ben-Gavriel, Jerusalem. (Nachdruck verboten!) Die Schriftsteller, die in der Zeit nach dem Krieg zu schreiben begannen, gingen und mußten einen Weg gehen, der eines größeren Verantwortlichkeitsgefühls gegen die Alljemeinheit bedarf, als es der höchst individualistische Vorcriegsdichter benötigte. Unter dem Einfluß von Amerika, neuer Sachlichkeit und ökonomischer Umschichtung weiter Lebensräume kam cs zu einer Umwertung der Sentiment(*, welche nun die Problematik des Lebens in Objekten fühlte, die mit dem eigenen Ich anfänglich wenig zu tun hatten. Das Kollektiv Mensch, Klasse, Europa, Asien, Menschheit und so weiter trat an die Stelle des Helden von gestern und der Agierende des neuen Romans wurde zum typischen Vertreter einer Gruppe schlechthin. Aus seinen Lebensnöten, aus seinen Problemen und aus seinen Irrfahrten der Seele wurden Lebensnöte und seelische Strukturveränderungen einer Allgemeinheit dargestellt. Amerika und Rußland wurden die beispielgebenden Lehrmeister; aus ihrem ökonomischen Geschehen geschah das Werden des neuen Schriftstellers, der seine Aufgabe in der Darstellung eines möglichst unpersönlichen Typus sah, der in aller seiner Unpersönlichkett zum Produkt der Umstände wurde. Selbst der Einsame wurde zum (negativen) Spiegelbild seiner Klasse. Das heißt mit anderen Worten: das seelische Erleben des Einzelnen ward betont, überaus betont, als Reaktion, als Ergebnis,der Strukturveränderungen der Masse und ihrer Ziele dargestellt. Per Roman trat in eine Epoche des historischen Materialismus. Dann aber, da der Dichter mählich seine freiwillig auf sich genommene, dem Wesen des dichterisch Schöpfenden entgegengesetzte Rolle, nicht mehr Outsider der Gesellschaft zu sein, als lästig, eben als unnatürlich zu empfinden begann, mußte er in ein neues Stadium treten. (Vorausgesetzt, daß er wirklich schöpferischer, urschöpferischer Mensch war.) In diesem neuen, vielleicht als das des idealistischen Materialismus zu bczeichnendeu Stadium bleibt das Individuum als Romanfigur zwar noch immer Typus seiner Klasse, aber cs beginnt sich wieder nach Eigenleben umzuschauen. Als Vertreter dieser neuen Dichtung scheint mir ein amerikanischer Jude, Nathan Asch, sehr wesentlich. Dieser Sohn des bedeutenden Dichters Schalom Asch, geht natürlich andere Wege als die seines Vaters. Seine föobleme sind nicht mehr die der nach Amerika eingewanderten, allen Massengesetzen widersprechenden, aus Elnzelindividnen bestehenden, ostjiddischen Masse, sondern amerikanische Probleme schlechthin. In seinem, schon der Form nach interessanten Buch ״Als die Firma verkrachte“ zeigt er das grausame, allem persönlich-individuellen Leben feindliche Probiem amerikanischer Geschäftspraxis auf. Es ist ein scharfkonturlertes Spiegelbild dieses Milieus, wie es ans der präzisen Erfassung der einzelnen Typen dieser sozialen Gruppe — der New Yorker Geschäftswelt — sich ihm darstellt. In seinem neuen Buch ״Liebe in Chartres“ (beide erschienen im Verlag Ruetten & Loening, Frankfurt) verläßt er aber die großen wirtschaftlichen Gefüge, geht nach Europa und zeigt an zwei amerikanischen Menschen eine Tatsache auf. die, wirtschaftlich gesehen, der Welt unwesentlich, menschlich erfaßt, aber von erschütternder Tragik ist. Es ist beinahe selbstverständlich, daß die Helden dieses Buches — Repräsentanten der jungen Generation Amerikas, ein Schriftsteller und ein Mädchen der dollarbürgerlichen Gesellschaft — namenlos durch dieses Buch gehen. Er ist der Typus des schaffenden, des schöpferischen Künstlers, des Außenseiters seiner Generation also, sie das moderne Mädchen, das bei Tag masku- Unislertes Wesen, selbständig sogar im Eingang des Liebeswerbens, bei Nacht aber Weib an sich ist. Es handelt sich in diesem hier aufgerollten Stück Leben um das Problem des schaffenden Mannes, um dieses ewige, grauenhaft aufregende und herzzerreißend beglückende Problem geistiger Zeugung. Das Mädchen lernt den jungen Dichter kennen — m Schatten der Kathedrale von Chartres, die den Hintergrund des Buches, architektonisch schön und erhaben, bildet — liebt ihn, gewinnt ihn, lebt mit ihm und alles scheint seinen Gang zu gehen, wie wir ihn kennen, seit es Liebende gibt. Bis eben die Erkenntnis, daß Liebe Zwang ist״ dem jungen Mann klar wird, ein Zwang, der die Schöpfungskraft im Künstler gleicherweise bedroht wie in ihm aufspeichert■ Die Erotik, der Urgrund alles geistigen Zeugens, wird vom Sexus absorbiert, so daß das Werk, dem der Schriftsteller sich Hs zu dem Augenblick, da er das Mädchen kennenlernte, gegeben hatte, unvollendet bleiben muß, weil die dazu not* wendige Erotik anderswo gebunden erscheint. Der Kampf um die Entscheidung, der Kampf zwischen den beiden Arten des Zeugungstriebes, der Kampf zwischen der Arbeit des Mannes und dem unteilbaren zwangläufigen Naturtrieb des Weibes setzt ein. Dieses — übrigens meisterhaft geschilderte — von des Mannes Seite mit unnachgiebiger Harte gegen sich und gegen die Partnerin geführte Ringen gipfelt im Siege des Mannes über sich und über das Weib. Das Werk, das künftige, das noch ungeborene Werk ist gerettet. Still, aber entschlossen schlägt er den Weg• des Einsamen wieder ein, der zur Konzentration der Erotik auf das Werk des Geistes führt. Das ist der Hintergrund dieses kleinen Romans, der vielleicht ein wenig ein Außenseiter seiner Romangeneration ist, aber doch mit ihr verbanden erscheint durch den Drang zur Wahrheit in der Berichterstattung, zur Klarheit über den Standpunkt des Berichterstatters und durch die Erkenntnis von der Allgemeingültigkeit dieses für ein paar tausend schöpferische Menschen allgemeingültigen Falles. Dieses Buch ist also wieder das Buch einer Klasse, wenn auch nicht im ökonomischen Sinn, das Tagebuch der seelischen Ereignisse der Dichterklasse, die um ihre Arbeit, um das Recht auf Arbeit, gegen die grausam schönen Widerstände des Herzens kämpft. Die Bedeutung dieses an äußerer Handlung selbstvcrständlieh nicht überreichen Buches liegt — von allem Künstlerischen abgesehen — darin, daß es selbsterkbter Kampfbericht ist, der auf einem Kampfplatz spielt, welcher der großen Masse unbekannter ist als Neu-Guinea oder Tibet. Unter dem Titel ״Zehn Jahre Verfolgungen“ erschien in Tel-Awiw im Verlag der historischen Kommission des Bandes ״Kibbuz Galujoth“ ein Buch über die Verfolgungen der Zionisten und der zionistischen Bewegung in Sowjetrwß- Und. Das Buch gibt aus der Feder eines Augenzeugen, L. Zen zipp er, einen anschaulichen Bericht über die Leiden der russischen Zionisten in den Gefängnissen und in der Verbaunung. Eine Expedition der amerikanischen Firma ״Para* raount“ wellt seit drei Wochen in Palästina, um hier Tonfilm-Aufnahmen für die ״Tönende Wochenschau“ dieser Firma zu machen. Das Somuersemester ander Hebräischen Universität begann am 21. April und wurde mit einer Balfour-Oedenkfeier eingeleitet. Im Anschluß daran hielt Dr. F. Beer, der neu berufene Dozent AntrtttsvoiIesiiBg« für jüdische Geschichte des Mittelalters, seine (Öko.)