Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 34 (2.5.1930)
- Date
- 1930-05-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34, 2, V. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 237 Bekennhiifse eines Zionisten Von Sch. Gorelik. Während all der letzten Monate, die Monate schwerster Prüfung waren, hat nicht nur das Herz stärker als sonst geschlagen, sondern auch das Gehirn eines jeden Zionisten hat intensiver als je zuvor gearbeitet. Gerade in jenen Schreckenslagen, als eine traurige Botschaft der anderen folgte, welche «ns in Angst und Schrecken hielt, setzte man sich wieder und wieder mit dem ganzen Komplex von Gedanken, Gefühlen und Stimmungen auseinander, die den Zionismus ausmachen. Man ging ins Reine mit sich, mit dem Ideal, welchem man sich verbunden fühlte, und sicherlich war die Zahl derer nicht gering, die sich damals fragten: bricht die Hoffnung zusammen oder wird ihre Erfüllung auf lange Zeit verschoben, um was werden wir Juden, wir Zionisten in dieser Katastrophe vor allem zu trauern haben? Der Schreiber dieser Zeilen jedenfalls hat diese Form der Selbstprüfung gewählt und versucht, dadurch Klarheit über vieles zu gewinnen. Klarheit sowohl über das Wesen des Zionismus wie auch darüber, was den Juden veranlaßt, Zionist zu werden. Er fragte sich, ob bei einer Katastrophe des Zionismus die etwa verloren gegangene Möglichkeit, neue bedeutende Kulturwerte zu schaffen, es sei, worüber er trauern würde. Diese Frage mußte nach aufrichtigern Nachdenken mit einem Nein beantwortet werden. Sein Ehrgeiz, das jüdische Volk immer unbedingt auf diesem Gebiet glänzen zu sehen, war ziemlich gering. Als Jude hat man allen Anlaß, mit dem bisher Vollbrachten zufrieden zu sein. Für ein Volk, das während seines geschichtlichen Daseins immerhin bedeutende Rekorde aufweisen kann, ziemt es sich nicht, besonders gierig um neue Preise zu werben. Wir sind, zerstreut und unter andern Völkern lebend, aus Verteidigungsgründen natürlich gezwungen, jede neue Eroberung, die wir im Reiche des Geistes machen, genau zu registrieren, und passen sorgfältig auf, daß kein Irrtum in der Buchhaltung vorkommt und daß alles, was uns zukommt, auch wirklich auf unser Konto eingetragen wird. Aber paßte für ein altes Kulturvolk nicht vielleicht besser die Haltung eines Grandseigneurs, der Huldigungen, dargebracht für hervorragende Leistungen, mit ruhiger, etwas nachlässiger Geste abwehrt? Man kann als Jude auf das vom jüdischen Volk bisher Geleistete stolz sein und ihm im übrigen aber eine längere Pause behaglicher Ruhe gönnen. Es soll keinen Zionisten die wenig wahrscheinliche Perspektive abschrecken, daß vom zukünftigen jüdischen Volke in Palästina auswärtige Besucher vielleicht einmal dasselbe sagen werden, was sie oft nach Rückkehr aus anderen kleinen, friedlichen, gepflegten, glücklichen Ländern sagen: Wunderbare Natur, ein sympathisches, friedliebendes, demokratisches, sozial fortgeschrittenes, aber ein wenig langweiliges Volk. Ich wiederhole die wenig wahrscheinliche Perspektive, denn eine heiße Sonne wird uns gerben. Wohlwollende werden hoffentlieh die Bemerkung zu machen nicht vergessen: dieses Volk, werden sie sagen, hat auf diesem Boden einst Großes geschaffen, hat dem Menschen im Prozeß seiner Enttierung unermeßliehe Dienste erwiesen. Jetzt ist es allerdings etwas ruhiger geworden, es hat aber diese Ruhe wohl verdient, denn schwer war es ihm unter den Völkern. Wären wir nur so weit! Eine derartige Vision vermindert in keiner Weise die Größe des Zionismus und die innere Kraft, die uns treibt, dieser Bewegung ergeben zu sein. Die Zeit für religiöse Genies scheint leider ohnedies vor’bei zu sein. Die künftigen Leistungen der Menschheit werden hauptsächlich auf dem Gebiete der Technik, der Wissenschaft vollbracht werden, und der nationale Charakter wird sich in der Konstruierung einer Brücke oder bei der Erfindung eines Mittels gegen den Krebs weniger offenbaren können als in einem lyrischen Gedicht oder epischen Werk. Wie sehr man den Zionismus auch vertiefen will, wieviel man auch über ihn philosophiert, die Tatsache bleibt doch bestehen, daß er den elementaren Bedürfnissen nach Ruhe, nach normalem Glück, nach innerem Frieden entsprungen ist. (Wenn man vom Glück eines Volkes spricht, so sind in diesem Begriff ein ungehemmtes, unverfälschtes Kulturleben selbstverständlich einbezogen.) Man darf nur dem Zionismus nicht Dinge zumuten, mit welchen er nichts zu tun hat. Das wirklich Große und Ergreifende im Zionismus ist die Tatsache der Rückkehr der Juden in ihr Land, unabhängig davon, wie sie dort ihr Leben einzurichten gedenken. Ob sie ein sozialistisches Gemeinwesen gründen oder ein Volk von Kleinbürgern sein werden, ob aus ihrer Mitte große Männer entstehen werden oder ob nur Mittelmäßiges zu schaffen ihm beschießen sein wird, all dies, wichtig an sich, verblaßt dennoch angesichts der grandiosen Tatsache einer Rückkehr nach 2000 Jahren.... Einzelne mögen den Zionismus mit etwas sehr Hohem, fast Ueberirdischem, verbinden und dabei Worte gebrauchen wie: Seelenheil, Wegbereiter neuer Ideale und dgl. Der Charakter unserer Kwuzoth scheint eine solche Verbindung zu rechtfertigen, aber nur scheinbar. In Wahrheit werden in den Kwuzoth alle Entbehrungen, alle Strapazen mit einem Heroismus ertragen zum großen Teil nur kraft der Inneren Freude, daß man endlich der Zone des Hasses, in welcher der Jude erstickte, entronnen ist. Hier ist der zentrale Punkt, nur hier. Wenn es sich um Rettung der Seele handelt, dann werden doch fast letzte Dinge berührt, und der Zionismus, der ganz von dieser Welt ist, der nur ein besseres Los für Juden als Juden sucht, der Zionismus, der seine Grenzen kennt, ist für letzte Dinge nicht zuständig. Wenn man ln Stunden besonderer Gnade nach wahrhaft Großem sich sehnt, dann ist man an ganz anderen Sphären angelangt. Entweder ist man wegen der Beniner zionismcne Bereinigung OcffenfUdic Versammlung anläßlich der 70. Wiederkehr des Geburtstags von Theodor Herd am Donnerstag, den 8. Mai, abends 873 Uhr, in den Musikerfestsälec, Kaiser-Wilhelm-Straßc 31 Dr. Nahum Goldmann ״Herzi. iip Müiir״ Eitelkeit der Welt und allen menschlichen Tuns ״zu Tode betrübt“ oder in einem Anfall von Optimismus ״himmelhochjauchzend“. (״Seid umschlungen, Millionen!“) Aber solche Stunden der großen Trübsal wie der großen Freude kommen nur selten, und nur über seltene Menschen kommen sie. Gewöhnlich ist aber der Mensch auf der Suche nach einem Zustand, den er als glücklich empfinden könnte. Der Jude, der natürlich dasselbe erstrebt, sieht sich bei seinem Vorhaben einer gewaltigen Welt gegenübergestellt, die ihn, der im Exil lebt, als Objekt des Hasses, der Verachtung, der Willkür betrachtet. Ein gewaltiges Meer des Hasses umgibt den Juden bis auf den heutigen Tag. In dieser Atmosphäre des Hasses ist die ganze europäische Menschheit erzogen worden. Sie kann sich aus ihr nicht befreien. Einige Jahrzehnte der Toleranz, der freiheitlichen Ideen, sind zu schwach im Vergleich mit der ungewöhnlichen Macht des Hasses. RevolUtiaaen im politischen, gesellschaftlichen und Wissenschaftjiöfceh Leben änderten das AnÜftz der Menschheit, eines 4feer sind, sie nicht imstande gewesen zu verdrängen: den Haß gegen die Juden. Selbst wenn er aus den Programmen gestrichen ist und ihm dadurch die allzu lauten, brutalen Formen genommen sind, in den Herzen ist er geblieben. Groß, drohend groß ist aber auch die Zahl derer, die den Judenhaß auf ihr Programm gestellt haben. Gegenüber dem Haßgesang, der 20 Jahrhunderte dauert, was bedeuten einige Reden, die liberale Politiker und aufgeklärte, pathetische Priester in den Parlamenten Europas zugunsten der Judenrechte gehalten haben? Und weil die Stimme der Feindschaft noch so mächtig tönt, sind auch unsere Freunde, die wir haben, größtenteils laue, zittrige Freunde. Es gibt zwar solche, auf die wir uns verlassen können, aber ihre Zahl ist sehr gering. Größtenteils besitzen wir Freunde mit Hemmungen, zaghafte Judophilen, schüchterne Fürsprecher die stets bereit sind umzukehren. Das klassische Beispiel eines solchen lauen Judophilen hat einst der Russe Tschechow in seinem Drama ״Iwanow“ gegeben. Die Hilflosigkeit des liberalen Russen gegenüber dein Antisemitismus, den er in sich wahrnimmt, ist dort wunderbar dargestellt. Iwanow huldigt mit vollem Herzen den liberalen Anschauungen. Daß er eine Jüdin zur Frau hat, ist in seinen Augen Gewähr dafür, wie aufrichtig er es mit seinen liberalen Anschauungen meint. Aber auf Iwanow lastet der Albdruck einer unsichtbaren Macht. Er vernimmt in seinem Innern oft Stimmen, die sich in einer bedauernswerten Dissonanz mit den Stimmen der Freiheit, der Humanität befinden. Deshalb bittet er flehentlich, seine Frau, die Jüdin, während kleinerer oder größerer Zerwürfnisse, sie solle ihn nur nicht in Zorn bringen, denn dann könne er für nichts mehr garantieren. Seinem Munde könnte nämlich ein Wort entschlüpfen, ein Verachtungs- und Schimpfwort, und damit könnten alle die liberalen Grundsätze, alles, was die fortschrittlichen Schriftsteiler predigten, alles was er an der Universität gelernt hat, zertrümmert werden. Und siehe! Jenes Wort fällt wirklich aus seinem Munde. ״Zsidowka“ schreit er aus — und fühlt, daß in diesem Augenblick etwas Edles, sehr Zartes, aber wenig Standhaftes zusammengebrochen ist. Nun, eine Welt, erst 150 Jahre alt, hat vor einer 2000 Jahre alten Welt, die eine Welt des Hasses ist, kapituliert. . . . Diese Iwanowsche Haltung können wir immer feststellen, wenn es sich um die Beziehungen einer toleranteren liberalen Umwelt uns gegenüber handelt. Wenn cs z. B. einem englischen Beamten in Palästina schwer fällt, für die jüdische Sache Verständnis aufzubringen, geschweige denn mit der Seele dabei zu sein, erklärt sich das, sofern er kein bewußter Antisemit ist, aus derselben Iwanow-Psychologie. Er kann es nicht fertigbringen, zu segnen, weil er zu lange gewohnt war, m hassen. Die berühmte Rede, die einst Macauley im englischen Parlament zugunsten der Juden gehalten hat, ist ein Gestern im Vergleich mit der Ewigkeit des Hasses. Sucht keine anderen Gründe, wenn ihr die judenunfreundlichen Kommentare eines Teiles der englischen Presse zu dem Bericht der Palästina-Untersuchungskommission lest! Und daß der Bericht selbst so und nicht anders ausgefallen ist, mag vielleicht auch durch das junge Datum der Macauleyscheu Judenrede erklärt werden. . . . Zehn Jahre geringer Prosperitat in den Vereinigten Staaten, und wie wird sich auf einmal die Zahl der Iwanows mehren, die alle schöner■ Grund- Sätze vergessen und das Wort, jenes beleidigende Wort zu schleudern bereit sein werden. . . . * Daß die Juden diesen Haß solange ertragen konnten, ist eines der größten Wunder der Welt, aber bei all der gepriesenen Vitalität und dem Optimismus der Juden ist in den täglichen Gebeten jene Bitte Davids an den Propheten God dennoch auf genommen worden, die lautet: ״Niplo no bejad adaunaj ubejad odam al epo!“ (Lieber in die Hände Gottes, als in Menschenhände fallen). Eine ungewöhnliche Müdigkeit spricht aus diesen Worten. In Houbens Buch ״Gespräche mit Heine“ findet sich eine wunderbare Stelle über diese jüdische Müdigkeit. ״Ich sah einmal“, sagte Heine, ״vor einer Restauration (in Leipzig, zur Messe) auf einer leeren Kiste sitzend einen ungefähr 25jährigen Juden, der mit einem so unaussprechlich traurigen Blick auf das bunte Gewühl um sich blickte, daß ich mir den jungen Daniel lebhaft vorstellte, wie er, vielleicht auch auf einer Kiste, auf der Messe zu Babylon sitzend, verächtlich traurig auf die lärmenden, lachenden, schimpfenden Juden herabsah, die ihr Leid, ihr Weh, ihre verlorene Freiheit und ihre harte Gefangenschaft vergaßen.“ Wie oft begegnen wir beute unter den lärmenden, schreienden Juden, diesem unautsprechlieh traurigen Blick, dem Blick der Müdigkeitl Müde des Lebens in der Atmosphäre des Hasses. Was anderes liegt in dem Feuer, in der Ekstase des Horahtanzes als bacchantische Freude darüber, jener Welt endlich entronnen zu sein? Und in Tel-Awhv ist man glücklich aus dem gleichen Grunde. Es heißt nicht, den Zionismus vertiefen, wenn man einen der Hauptgründe seiner Entstehung außer acht läßt. Dc^r Zionismus ist aus Enttäuschung, aus Pessimismus wegerf des zu langsamen moralischen Fortschritts der Menschheit hervorgegangen. Die Bilu, Pinsker, Herzl, sie waren vor allem enttäuschte, für ihr Volk tief verletzte Menschen. Zionismus ist Abkehr. Zionismus ist Sehnsucht nach Selbständigkeit, nach einem Zustand, in welchem man endlich sein eigener Herr ist. Wir täten besser, in unserer Propaganda mehr diesen zentralen Punkt hervorzuheben als Wendungen zu gebrauchen, die oft den Eindruck erwecken, als gehen die Juden nach Palästina, um sich von Sünden zu läutern und hernach gereinigt der Welt große Beispiele zu geben, zu ihrem eigenen Nutzen und Frommen. Ehe Welt wartet nicht auf Beispiele von uns, | hat uns dazu auch nicht aufgefordert. Die Angelegenheit ״Wie schön das ist!״ Von Martha Hofmann. Als der Berichterstatter die schmale Treppe von der Journalistengalerie hinabstieg — mit seltsam steifen, wie gelähmten Schritten und einem zwanghaft ins Weite starrenden Blick — stockte er plötzlich, und eine huschende Bewegung durchzuckte seine dunklen Augen. Er blieb vor der Statue Mirabeaus in dem kleinen Konversationszimmer stehen, und mit einem grimmig-sarkastischen Blick überflog er die pathetischen Züge des Freiheitsredners und wandte sich, den gleichen bittern Sarkasmus um Augen und Lippen, zu dem Gemälde der konstituierenden Versammlung. ״Freiheit“ — sprach er vor sich hin — ״Freiheit“ — und er lachte bitter. Ohne einen weiteren Blick auf die Prunkräume der Couloirs zu werfen, stieg er die steinerne Freitreppe der Deputiertenkammer hinab und beschritt den schmalen Eisensteg, der neben der breiten Seinebrücke zur Place de la Concorde hinüberführt. Er ging schnell und blicklos — gegen seine Gewohnheit nicht der glorreichen Fanfare achtend, die ein flammender Sonnenuntergang hinter den noch kahlen Bäumen der Tuilerien entfachte. So blicklos ging er, daß er auf dem schmalen Stege auf einen kurzsichtig vorgebeugt gehenden Herrn mit graumeliertem Lockenkopf stieß, typischen Franzosen des Midi, der ein ״parbleu“ in seinen Provencalen-Brat brummte. Herzl schrak zusammen und riß — erkennend — den Hut vom Kopfe. ״Die Kammer heute“ stieß er, noch immer heiser, in ungewohntem Kehlton hervor: ״Diese Kammer heute, Meister Daudet — und man glaubte im Lande der Freiheit zu leben, im liberalen Frankreich des Geistes und der Schönheit —“. Daudet murmelte Schwerverständliches zwischen den Zähnen. Es klang wie ״wer kennt sich da aus — der Teufel weiß, was man glauben soll — man hat Fälle erlebt — Ihr seid alle überspannt — glaubt, die Welt geht zugründe — weil ein Jude —Der andere fuhr zusammen, und durch seine hohe gerade Gestalt rieselte es wie ein endloser Schauer, der sich immer wieder erneuerte, ein rieselnder Schauer, der unter der Stirne begann und jeden Nerv dieses gestählten Organismus erzittern ließ. ״Weil ein Jude“ — wiederholte er mechanisch und wieder kam jenes blicklose Starren in seine aus vielen braunen und goldenen Kreisen erregt glänzenden Augen. Der kurzsichtige Franzose sah Qm sut angestrengt zusammengekniffenen Augen blitzschnell von der Seite an und senkte wieder gldchgültig den imposanten Künstlerkopf. Inzwischen waren sie an das andere Seineufer gelangt und betraten den Garten der Tuilerien. Eine Frau in weißer Schürze und Haube, viele bunte Luftballons von jeder Größe, Farbe und Form in einem Gewirre fester Schnüre um die Faust gewickelt, trat ihnen entfegen. Herzl prallte fast an die robuste Gestalt und ein lauer länglicher Ballon streifte mit seidendünner Haut seine Stirn und zwang den großen dunklen Blick auf sich. In erschrecktem Staunen zuerst, aber allmählich übergehend in ein williges Schweifen und Träumen, folgte sein Auge dem längliehen blauen Ball, der in lässiger Grazie nach der anderen Richtung entschwebte, soweit die fesselnde Schnur dies zuließ. Ein Ausdruck großer Sehnsucht und Zärtlichkeit trat in den erwärmten Blick des Journalisten und ein traumhaft glückliches, sehnsüchtiges Staunen öffnete seinen Mund zu großer Anmut. Ueberrascht beobachtete ihn der französische Meister und bemerkte zum ersten Male die eigenartige, schwermütige Schönheit des Menschen neben ihm. ״Wovon träumen Sie, Herzl?“ frage er gutmütig und erhielt aus dem Munde des andern, dessen Ausdruck sich plötzlich wieder krampfhaft veränderte, während die großen Augen wieder ins Weite zu starren schicnen, die erstaunlich abrupte Antwort: ״Das lenkbare Luftschiff —“. Daudet zuckte salopp die Achseln und dachte sich: ״Auch einer von den vielen, denetf diese idde fixe unserer neunziger Jahre zu Kopfe gestiegen ist.“ Ihn begann die hysterische Einsilbigkeit seines zufälligen Begleiters, den er sonst als geistreichen Wiener Plauderer gut leiden mochte, zu ennuyieren. Er sah wie hilfesuchend um sich und sein Blick blieb entzückt auf dem jetzt milchig verglasten, nur von matten orangefarbenen Reflexen überhauchten, sehr fernen Himmel über den Tuilerien haften, von dem sich die hohe Gestalt seines Nachbam in scharfen Umrissen abhob. Daudet wandte sich der andern Seite zu und sah über die Seinebrücke, auf der der Verkehr abendlich verebbt war, zurück. Er folgte dem Flußlauf bis an die Grenze des Horizonts, dort, wo kühn und schlank das leichte Gerippe des Eifelturms ln de« Himmel stieg, hoch über den ephemeren Kuppeln des Pariser Salons und des Trocadero; und zurück folgte sein Blick den langsamen Schlepperboten und Baggerschiffen mit ihren Kränen, die immer noch trotz des herdabrecheadea Feieribeads in langsamem Gleichmut sich an dem blassen Himmel aufwärts hoben, seitwärts neigten und senkten. Der Dichter Daudet nickte zu alledem, es gleichsam feierlieh bestätigend, mit dem Kopfe und trank mit allen Poren die weiche Abendluft, die aus den Gärten der Tuilerien und den Boulevards längs der Seine herüberströmte — laue, weiche Vorfrühlingsluft, wenn auch schwer von dem Dunst und dem Staube der Stadt — schwer von der Süßigkeit von Paris. Der Franzose genoß diesen Abend mit allen Fibern, er schwelgte in der vergötterten Atmosphäre dieser Stadt und vergaß den dunklen schweigsamen Journalisten an seiner Seite. Dieser, selbst sonst gelöst hingegeben dem weichen Dufte der Seine- Ufer, fühlte sich heute seltsam uneins, im Tiefsten entfremdet, allein und beziehungslos in dieser lauen Luft. Zwar konnten seine Augen wieder blicken und sie fielen in dieser Sekunde auf eine Schar dunkel und uniform gekleideter Kinder, die, von einer Bdgouine mit großer weißer Flügelhaube geführt, mit gleichmäßig schüchternen Schritten paarweise an ihm vorübergingen. Er folgte ihren großen verwaisten Augen, die mit Hungrigem Leuchten das Spiel der zärtlich behüteten Kinder verfolgten, die unter dem Schutze von mit bourgeoiser Sorgfalt modisch gekleideten Vätern und Müttern ihre winzigen Segelboote rings um den plätschernden großen Springbrunnen des Teiches treiben ließen. ״Waisenkinder —“ fühlte Herz( mit weher Zärtlichkeit, — ״wir werden sie nicht so uniformieren, wir werden sie frei aufwachsen lassen auf unserer Erde —“ und da stand er schon wieder vor ihm, phantastisch und schreckhaft in seiner Größe, jener gigantische blaue Traum, der ihn unabweislich zu sich rief und nicht mehr freiließ, ihn festhielt in unentrinnbarer Gewalt. ״Paris!“ rief Daudet verklärt und wandte sich seinem Nachbarn mit einem trunkenen Aufleuchten seiner schwachen Augen zu. ״Fühlen Sie die Süßigkeit des Vorfrühlings in dieser Stadt?“ Und als er die einsame dunkle Schwermut des andern wahrnahm, brach er mit plötzlicher Heftigkeit aus und stampfte südländisch wiid auf den Boden: ״Zum Teufel mit Euch Juden, die ihr keinen Sinn habt für Schönheit!“ Diese Worte brachten Herzl ganz zu sich. Zwar hing noch immer ein Widerschein des abgründigen Traumes in der tiefen schweren Mitte seiner Augen, aber seine Züge belebte mit einem Male wieder jene geistreiche Beweglichkeit, die ihnen die düstere majestätische Würde nahm und so viel bezaubernden Charme