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Jüdische Rundschau · 1930-04-29 · Heft 33 (29.4.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 33 (29.4.1930)
Date
1930-04-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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930 Nr. 33, 29 IV. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 231 ז lassen auch{(, , U, j diese 1 •it 11: 4 <011 ii r dun h h, vr ף n de ר Volk,, im die fälle!:, 1 Hä! - getr■ 'bände he nvi Inreihe dl din hl von 1־ rbeill Von illlllKtSItlllll icy ab «r des ekretär tete an r Dde- »lonien Arabern geboten :11 for en und 1 Com• n nach n ab• Stellung erkiiifc i1tf Par- Elfi Irak autorininister e Maß• ־ arabi• otc ab• 1. Pa: t a 1 egauon e Arab >* geunt s f i in ,rt sei■ glichei. Bestim■ j.t.a. Wirk- ( Aralärt, es!en den immen, r Pas Land ו", die lt mit, :schrift 1 arabi• Chan■ ו b|i?h er |Ier s i n n Sitzun;• Führer m den! »v beste ••:sind fr 3000 ieg die 0. Für itr Vorgesetzt, 5 halbe :11 Lon- 5s spe* 1g und sen für Reden g» Pod, ., jolatreffen U. -iS 0׳« n Industrialisierung der Plantagenwirtschaft Von unserem palästinensischen Korrespondenten. Angesichts der Feststellung der Shaw-Kommission, faß die Fassungskraft Palästinas von der Intensi vierung und Rationalisierung seiner landwirtschaft abhängt, verdient der nachstehende Artikel, der die jüngste Entwicklung auf dem Gebiet, des Pflanzungsbaues darstellt, besondere Beachtung. Ad, Tel-Awiw, April 1030. Es ist jetzt ungefähr zwei Jahre her, daß die Ausbreitung der Orangenpflanzungen begann und sie dauert noch immer an und wird voraussichtlich nicht so bald zum Stillstand kommen. Die Unruhen haben auf diesem Gebiet in keinem beträchtlichen Umfange hemmend auf neue Kapitalinvestitionen gewirkt und es wurden in diesem Winter weitere neue große Flächen unter den Pflug genommen und bepflanzt. Es wird jetzt, wo die Entwicklung bereits weiter vorgeschritten ist, vollkommen deutlieh, daß wir es bei diesem Wirtschaftszweig nicht nur mit An- Siedlung zu tun haben, also mit neuen Einwanderern, die Pflansingen vornehmen und sich hier im Lande eine Existenz gründen, sondern auch mit reinen Kapitalinvestitionen von Leuten, die im Auslande sitzen und in Plantagen Gelder investieren. Der sichere Absatz, die erprobte Marke des Produktes und seine Eignung zum Großbetrieb leisten der Tendenz, hier Kapitalien ni investieren, die nach einigen Jahren gute Gewinne abwerfen, Vorschub. Und wir stehen bereits in dem Stadium, wo die Plantagenwirt schalt nicht mehr allein in den Händen von im Lande ansässigen Kolonisten liegt, sondern auch im Aufträge auswärtiger Geldgeber betrieben wird. Zugleich mit dieser Entwicklung von einer reinen Ansiedlungswirtschaft zu einer, die von auswärtigen Auftraggebern ibhängt, geht die von der alten Betriebsform, wie sie in den Rothschild-Kolonien herrschte, zu modernen, sozusagen industrialisiertcn Methoden. Früher lehnte sich die Art der Bearbeitung an die der arabischen Pflanzer an. Man hatte unregelmäßig angelegte, enge Pflanzungen, die völlig auf Handarbeit angewiesen waren, mit primitiver Bewässerung und einfachen Geräten. Das System rentierte sich durch die billige arabische Arbeitskraft, die in genügendem Maße zur Verfügung stand und mit Löhnen vorlieb nahm, die zu einer ausgiebigen Anwendung von Handarbeit einlud und keine Tendenz zur Einführung kostspieliger und neuartiger Maschinen aufkommen ließ. Es ist aus der Kolonisationsgeschichte Palästinas genügend bekannt, welche Schwierigkeiten dieses System der Einstellung von jüdischen Arbeitern entgegensetzte, sowohl wegen der niedrigen Löhne wie auch wegen der anstrengenden Arbeitsart. Unterdessen hat sich in der Bearbeitung eine Revolution vollzogen. Weitläufige Anpflanzung mit breiten Zwischenräumen zwischen den Blumen wurde eingeführt, die maschineller Bearbeitung zugänglich war. Neue modernste Bewässerungssysteme, meist nach kalifornischem Muster lösten die alten einfachen Gräben ab. Die qualifizierte Arbeit nahm neben der einfachen Schwarzarbeit einen wichtigen Raum ein. Aus einer primitiven Pflanzungswirtschaft, die auf dem Prinzip billiger Handarbeit beruhte, entwickelte sich eine moderne Betriebsform, die ln sich viele Zeichen der Industriewirtschaft trägt und sich durch Amvendung von Maschinen und Technisierung von der alten unterscheidet. Die Entstehung großer einheitlicher Pflanzungen und das Einfließen bedeutender Kapitalien in die Betriebe haben diese Entwicklung rasch gefördert. Waren die jüdischen Pflanzungen schon vor Jahren den arabischen technisch überlegen, so ist der Fortschritt in den letzten Jahren rascher und rascher geworden. Man kann heute mit Recht von einer ״Industrialisierung“ dieses Wirtschaftszweiges im Lande sprechen, wobei als ein besonderes Charakteristikum die Anteilnahme ausländischer Auftraggeber beachtet werden muß. Wir haben bereits erwähnt, daß die Beschäftigung jüdischer Arbeiter zum großen Teile von der Modcrnisierung der Betriebe abhängt, die damit in den Stand gesetzt werden, entsprechende Löhne zu zahlen. Dies ist von großer Bedeutung. Für die jüdische Wirtschaft werden die Investitionen auswärtiger Kapitalien nur dann fruchtbar, wenn sie Arbeitsmöglichkeiten eröffnen und Löhne abwerfen, die eine anständige Existenz ermöglichen. Ist das nicht der Fall, so werden die neuen Plantagen eine ähnliche Gestalt bekommen, wie sie die alten Kolonien früher hatten mit dem Unterschied, daß der Arbeitgeber nicht in Petach-Tikwah oder Chederah sitzt, sondern in irgendeiner Stadt Europas oder Amerikas. Heute gibt es zwei Weg« für den ausländischen Kapitalisten, Geld in Orangenpflanzungen zu investieren. Er kann sich einer der Gesellschaften anschließen, die hier im Lande Plantagen anlegen oder seinen Boden durch einen Vertreter im Lande bewirtschaften lassen. Es bestehen mehrere solcher Gesellschaften im Lande, die meist riesige Flächen bewirtschäften. Als private Vertreter für die Anlage von Pflanzungen stehen manche der alten Kolonisten zur Verfügung, die viel Erfahrung besitzen und die Anlage von Plantagen übernehmen, die sie dann neben ihrem eigenen Grundbesitz überwachen. Eine zentrale Agentur für diese Arbeiten ist jedoch heute eine Notwendigkeit. Unter diesem, Gesichtspunkt und mit der Idee, sich ein Instrument zu schaffen, das die Einführung organisierter jüdischer Arbeit gewährleisten sollte, hat die allgemeine Arbeiterorganisation vor drei Jahren eine besondere Gesellschaft eingerichtet. Sie wurde eingetragen als eine Kooperative unter dem Namen ״J a c h i n“ und war für die Uebernahme aller landwirtschaftlichen Arbeiten gedacht. De facto hat sie bis heute fast ausschließlich nur mit OrangenpP :tragen zu tun gehabt. Die Idee, die der Gründung von ״Jacbin“ zugrunde lag, ähnelte der des ״Solei Boneh“. Es sollte ein Organ geschaffen werden, das unter Ausschluß des Unternehmers direkt Aufträge übernahm und ausführte. ״Jachin“, das aus der Geschichte und den Fehlern früherer derartiger Unternehmungen viel gelernt hatte und außerdem eine fähige und vorsichtige Leitung besaß, begann in kleinem Umfange und dehnte die Tätigkeit Schritt um Schritt aus. Im ersten Jahre wurden Aufträge für 80D0, im zweiten für 17 500, im dritten für 24 (WO Pfund ausgeführt. Und in den beiden letzten Jahren konnten bereits je tausend Pfund Gewlnn gebucht werden. Das Unternehmen das sich auf rein ge. häftlicher Basis auf baut, hat sich bereits im Lande einen g!:* ■n Namen erworben und weist in seiner Arbeitsform und inneren Organisation verschiedene Züge auf, die der Beachtimg wert sind. Hier wird der bekannte Versuch, den Arbeiter als Unternehmer auf treten zu lassen, von neuem und zwar mit großer Vorsicht und unter Wahrung kaufmännischer Prinzipien durchgeführt. Die Organisation von ״Jachin“ geht von der Voraussetzung aus, daß die Orangenkultur nur dann die entsprechenden Löhne wie sie dem Standard des jüdischen Arbeiters entsprechen, liefern wird, wenn sie auf modernste Grundlagen gestellt wird. In ihren Plantagen wird für eine moderne Durcharbeiturig des Betriebes gesorgt. Die Einführung moderner Maschinen, kalifornischer Bewässerungssysteme, Untersuchung jedes einzelnen Arbeitszweiges auf arbeitsparende Verbesscrungen hin — all das führt nach und nach zu einer Industrialisierung dieses Zweiges der Landwirtschaft. Auf 11er Grundläge dieser Technisierung der Arbeit ergeben sich bei ״Jachin“ höhere Löhne als es in den meisten anderen Plantagen üblich ist. Der im Verhältnis zum üblichen Landesstandard bessere Lohn ist nur einer der Vorteile, den die Arbeiter bei ״Jachin“ erhalten. Einer der wesentlichen Punkte ist die Ein- Stellung des größeren Teiles der Arbeiter im Jahresvertrag, während sonst im Plantagenbau Saisonarbeit iiberwiegt. Die Verträge werden nicht mit einzelnen, sondern mit Arbeitergruppen abgeschlossen, entweder mit solchen, die sich für spätere Kolonisation organisiert haben oder mit ad hoc gebildeten. Die Gruppe ist kollektiv für die Ausführung der Arbeit verantwortlich. Diese Art der Organisierung beruht auf der Tendenz, die Zahl der Vorarbeiter und Aufseher mögliehst einzuschränken. Die Verantwortung der Gruppe hat sich in vielen Fällen als ein guter Ersatz fiir besondere Lieberwachung der Arbeiten erwiesen und es leuchtet ein, daß das Verhältnis zwischen Leitung und Angestellten bei dieser Arbeitsform leichter ist als sonst. Es machen sich freilich gelegentlich innerhalb der Gruppen Widerstände gegen dieses System bemerkbar, besonders bei erfolgreichen Arbeitern, die nicht gern auf die Schwächeren ihrer Gruppe Rücksicht nehmen. Es werden auch dauernd im Betrieb neue Experimente gemacht. Es ist jedoch im Laufe der dreijährigen Arbeit gejungen, in den Plantagen des ,Jachin" einen gut zusammengesetzten Arbeiterstamm heranzubilden, der für die sorgfältige Ausführung der Arbeiten eine wichtige Bürgschaft Ist. Die bei ״Jachin“ Angestellten erfreuen sich guter Löhne, sicherer Beschäftigung, sie haben die Möglichkeit, ihr Handwerk gründlieh zu lernen. Rechnet man dazu noch Krankenkasse und Ver- Sicherung, so ergeben sich wichtige Vorteile. Fiir die Ent- Wicklung der Pflanzungswirtschaft ist ״Jachin“ eine Stütze der organisierten Arbeit und eine Pflanzungsagenfur, die eine Bürgschaft für die sachgemäße Durchführung der Anlagen darstellt. Dieses zusammen mit einer fähigen Leitung macht es heute bereits zu einem Faktor auf diesem wichtigen Gebiete der Kolonisation. 10 Jahre nach San Remo Vor 10 Jahren, am 24. April 1920, haben die Vertreter der alliierten Hauptmächte auf der Tagung des Obersten Rates der Alliierten in San Remo beschlossen, die Balfour-Deklaration den der Türkei zu unterbreitenden Friedensbestimmungen einzuverleibea. Gleichzeitig übernahm England formell die Verwaltung Palästinas im Namen des Völkerbundes. . Weine Nachrichten New York, 25. April. (J.T.A.) Felix M. Warburg erklärte nach Eintreffen in New York dem Vertreter der J. T. A., er vertraue der britischen Regierung, daß sie ihr Versprechen an die Juden hinsichtlich Palästinas erfüllen werde. Die Tagung des Administrative Committee habe ein zufriedenstellendes gegenseifiges Verständnis unter allen Teilnehmern erbracht. Der Warschauer agudistische ״J u d“ teilt mit, daß Felix W a r b u r g als Vorsitzender des Administrative Committee eine Kommission, bestehend aus Farbstein, Warschau, Baeck, Berlin, Dr. Morris Hexter, Leo Motzkin und Dr. Lazarus Barth, bestimmt habe, Verhandlungen mit der Agudah betreffend den Eintritt dieser Organisation in die Jewish Agency aufzunehmen. Johannisburg, 25. April. (J. T. A.) General Smuts hielt auf einem zionistischen Bankett eine Rede, in der er ausführte, er sei überzeugt, daß die britische Regierung in Zukunft bei Situationen wie im August 1929 mit fester Hand zupacken werde. General Smuts unterstrich die strategische Bedeutung Palästinas für das britische Reich und führte aus, die Verteidigung des Suez-Kanals, der großen Schlagader des British Empire, geschehe nicht längs des Kanals, sondern in Palästina; und wenn die britische Regierung den Kanal sichern will, muß sie sorgfältig Streitkräfte in Palästina verteilen, damit sich Unruhen wie im August, nicht wiederholen. London, 24. Aprif. (J. T. A.) Die Ehrenbeamten des Anglo Palestine Club überreichten im Namen der Haifaer jüdisehen Gemeinde dem Kommandanten des Kriegsschiffs ״Barham“, W. L. Jackson, in Anerkennung der Dienste, die er und die Schiffsbesatzung in den Augusttagen den Juden Haifas geleistet haben, als Geschenk eine von der Kunstschule Bezallel in Jerusalem hergestellte in Silber gearbeitete Bibel. Commander Jackson sprach bei Entgegennahme des Geschenks den Dank der Schiffsbesatzung an die jüdische Gemeinde in Haifa für das Entgegenkommen, das diese gegenüber der Besatzung geübt hat, aus. Jerusalem, 24. April. (J. T. A.) Das Kreisgericht verurteilte den Redakteur der arabischen Zeitung ״Mcraat El Shark“, Akdam Zeitat, der während einer Zeremonie beim Nebi Musa-Fest eine Hetzrede gegen die Juden gehalten hat, zu zwölf Tagen Gefängnis und fünf Pfund Geldstrafe. Ferner wurde ihm auferlegt, ein Jahr lang nicht in Nablus zu wohnen. Jerusalem,, 23. April. (J.T.A.) Das Oberste Gericht hat nach den Osterferien die Tätigkeit wieder aufgenommen. Als erster Fall kam die Klage gegen Ismael Hussein zur Verhandlung, der der Ermordung des Juden Elijahu P a 1 m. h i beschuldigt wird. Er wurde freigesprochen mit der Begründüng, daß die Aussagen der Belastungszeugen nicht überzeugend waren. Der Weltverband der Zionisten-Revirionisten in London hat vor kurzem in einem Schreiben an Captain Bcnnett, der in einer Unterhausanfrage behauptet hatte, Jabotinsky sei nach der Verurteilung im Jahre 1920 zu 15 Jahren Zuchthaus des Landes verwiesen worden, die mit der Verurteilung und nachherigen Rehabilitierung Jabotinskys zusammenhängenden Tatsachen mitgeteilt. Nunmehr erhielt das revisionistische Hauptbüro von Captain Bennett ein Schreiben, in dem es heißt: Ich nehme die Erklärung, daß Herr Jabotinsky 1920 nicht aus Palästina ausgewiesen wurde, zur Kenntnis und bitte ihn aufrichtig um Entschuldigung wegen der in meiner Unterhausfrage enthaltenen Andeutung. ״Felestin“ fordert in seiner englischen Ausgabe die dauernde Verbannung Jabotinskys aus Palästina, weil er in Widerspruch zur Balfour-Deklaration und zum Mandat Propaganda für Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina betreibt. Neuwahlen in die Prager jüdische Gemeinde (Von unserem Berichterstatter.) 111, Prag, 21, April 1930. Am 4, M a i werden die Wahlen in die jüdiscHeGem c i n d e wiederholt werden. Die letzten Wahlen haben am 10. November des Vorjahres stattgefunden, wurden jedoch wegen nachgewiesener Unregelmäßigkeiten, über die wir bereits seinerzeit berichtet haben, annulliert. Jene Wahlsehwindeleien waren die Folge des wohl halte einzig dastehenden Wahlr e c 111 c s der Prager jüdischen Gemeinde, das im Prinzip durchaus demokratisch, allen volljährigen Juden und Jüdinnen, unabhängig davon, ob sie Kultussteuerzahler sind, Stimmrecht zuerkennt, aber die Stimmabgabe durch Uebcrtragung zuläßt. Da nun der Wähler nicht persönlich im Wahllokale erscheinen muß, spielt sich auch der Wahlkampf in sonst ungewohnten Formen ab. Es ist eine richtige Jagd nach den Wahllcgitimationen; wer regsamer und — wie sich bei den letzten "Wahlen gezeigt hat — erfinderischer ist, der gewinnt die Schlacht, die am tage vor der Wahl bereits entschieden ist. Zur Wahl selbst erscheinen mir die Funktionäre der einzelnen Parteien, die ihre Stimmen kiloweise abliefern und höchstens ein paar ״Reaktionäre“, die sich doch nicht davon abbringen ließen, persönlich ihre Stimme abzugeben. Sie fallen jedoch im Wahllokale als Kuriosa nur unliebsam auf. Nun hat sich eine der Parteien letzthin den Kampf gar zu leicht gemacht, sie verwendete nicht mehr alle Zeit und Mühe dazu, uni bei Streifungen von Haus zu Haus den einzelnen Wählern die Wahllegitimationen herauszulockcn. Man verhandelte direkt mit den Austrägem, die die Wahllcgitimationen den Wählern zustellen sollten und gewann auch welche, die bereitwilligst die unbestellbaren Legitimationen anderweitig nebst noch bestellbaren Legitimationen ablicferten. So wurde von der Untersuchung^;- Kommission fcstgcstcllt, daß auf diese Weise in einem Rayon 864 Wähler u rn ihr Wahlrecht gekommen waren! Hunderte Legitimationen gelangten noch auf anderen Wegen in falsche Hände. Viele Wühler, die ihr Wahlrecht persönlich in das Sekretariat der Kultusgemeinde reklamieren kamen, mußten zu ihrem größten Erstaunen feststellen, daß Unbefugte bereits ihre Legitimation behoben und den Empfang bestätigt hatten. Auch bei der Verlesung der Protokolle der einzelnen Wahlkommissionen kamen seltsame Dinge zum Vorscheine. So wurden in einem Wahllokale etwa 50 Stimmen mehr abgegeben, als überhaupt Legitimationen vorhanden waren. Es ereigneten sich auch Szenen, die einer gewissen Komik nicht entbehren. Bel der Urne in der I. Wahlkommission fungierte als Koinmissionsmitglied der jüdischnationalen Partei Frl. H., die auf die oben geschilderte Weise um ihre Legitimation gekommen war. Diese tauchte nun auf einmal in den Händen eines Fremden auf, der sie nebst einem Stoße anderer Legitimationen abzugeben versuchte. Frl. H. protestierte ganz entschieden dagegen, aber die Kommission entschied anders und so mußte das jüdischnationale Kommissionsmitglied zusehen, wie ein Fremder mit ihrer Legitimation die Stimme für eine gegnerische Liste abgab. Augemeines Aufsehen erregte cs auch, als der vor vielen Jahren verstorbene Inhaber einer großen Prager Firma, eine in weitesten Kreisen bekannte Persönlichkeit, bei der Urne erschien, d. 11. seine Legitimation natürlich, und wählte. Allgemeine Heiterkeit erweckte es auch, als ein Tschechojude mit der Legitimation eines prominenten Mitgliedes des hiesigen deutschen Vereines erschien, der bereits längst getauft ist, Schuld an solchen Vorkommnissen trug auch das äußerst oberflächlich zusammengcstellteund seit Jahren nur mangelhaft ergänzte Wählerverzeichnis und eine vor Beginn der Wahlen vom Präsidenten der Kultusgemeinde ausgegebene Weisung, der»־ folge jeder zur Wahl »gelassen werden mußte, 4er Im Wähler- Verzeichnisse enthalten war, es sei denn, daß an Hand von Dokumenten sofort bewiesen werden konnte, daß er mit Unrecht im Wählerverzeichnisse stehe. Es war diesmal aber doch zu arg mit dem Wahlunfuge getrieben worden. Das veranlaßte auch die Majorität der alten Repräsentanz eine Untersuchungskommission einzusetzen, die nach mehrwöchcntlidicr Arbeit zu dein Schlüsse kam, daß man das, was sich am 11. November bzw. vorher abgespielt hatte, wohl nicht mehr als Wahlen bezeichnen könne und daher Amtullierung derselben vorschlug. Gegen diesen Vorschlag wandten sich mit allen Mitteln die tschechischen Assimilanten, die als die eigentlichen ,,Sieger“ aus dem ״Wahlkampfe“ hervor* gegangen waren, ihr Veto drang jedoch nicht durch. Von zionistischcr Seite wurden mm alle Versuche unternommen, um nach dem Debaklc des bisherigen Wahlsystems ein geändertes, vor allen! mit der Pflicht der persönlichen Stimmabgäbe durchzusetzen. Aber alles Bemühen in dieser Richtung war umsonst. Darin sind sich noch immer alle anderen Parteien die deutschen und tschechischen Assimilanten und die Agudah — einig, daß bei solchen Wahlen die rührigen Zionisten als unbedingte Sieger hervorgehen wurden, und das will die bisherige jüdische Rathausmajorität, solange es nur geht, verhindern. Einen Erfolg erzielten die Zionisten jedoch immerhin: Es wurde eine gründliche Revision des bisherigen Wählerverzeichnisses durchgeführt, die ein Staunenswertes Ergebnis zeitigte: lieber 3000 Wähler, ein Drittel der gesamten Wählerschaft war zu Unrecht In den Verzeichnissen geführt worden und hatte bei den letzten Wahlen — die Wahlbeteiligung betrug fast 100 ";0 — mitgestimmt! Auch in der Zustellung der Legitimationen wurde eine wesentliche Aenderung herbeigeführt, cfa diese nunmehr durch die Post in eingeschriebenen Briefen erfolgt. Außer den bisherigen Parteien — J ii d i s c 11 n a t i o n a I e, deutsche und tschechische Assi m i l a n t e 11 u n d Agudah — bewerben sich noch eine von PoaIe Zionisten geführte sozialdemokratische Partei, eine assimilatorische Fortschrittspartei und der ehemalige Jüdischnationale Insp. SIo ni tz um die Stimmen dej Wähler. Bei dem oben geschilderten Wahlrechte tritt die eigentliche ideelle Wahlpropaganda, der Wahlkampf in Schrift und Wort ganz in den Hintergrund und der Ausgang der Wahlen hängt zum Großteil von der Emsigkeit der ״Stimmsammler“ ab. In der bisherigen Gemeindestube bildeten die Assimilanten beider Schattierungen und die Agudali die Majorität. Zionistische Forderungen — Unterstützung der jüdischen Schule, des jüdisehen Sportvereins Hagibor, der wegen seines Sportplatzes erst einen langen Prozeß mit der Jüdischen Gemeinde führen mußte, den er schließlich auch gewann, Beitrag für den Keren Hajessod usw. — wurden insbesondere von tschechischer Seite auf das hartnäckigste bekämpft. Es wäre darum sehr zu begrüßen, wenn die beiden zionistischen Gruppen gestärkt in die Gemeindestube einziehen würden, was aller Wahrscheinlichkeit auch der Fall sein wird. Budapest, 24. April. (J. T. A.) Großrabbiner Dr. Simon H e v e s i hat in einer während eines Peßachgottesdlenstes im Haupttcmpel in der Dohany-Straße gehaltenen Festpredigt die Meinung ausgesprochen, mitzuhelfen, daß der völligen Vernichtu n g der ungarischen Judenheit Einhalt geboten werde. Er klagte, daß die ungarische Judenheit durch Mischehe und Taufe dezimiert werde. Me Rede machte tiefen Eindruck und fand auch ein starkes Echo Itt der Presse.'

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