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Jüdische Rundschau · 1930-04-25 · Heft 31-32 (25.4.1930) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 31-32 (25.4.1930)
Date
1930-04-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 224 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 31/32, 25. IV. 1930 Aus den Gemeinden Gemeindcwahlen in Königsberg. Ara 6. April fanden in Königsberg die Repräsentantenwählen statt. Die nichtliberalen Gruppen waren zu einer Verstiindigung ohne Wahlkampf bereit gewesen, auch der Vor* sit/ende des Vorstandes, Geheimrat Falkcnheim, hatte sich lebhaft in dem gleichen Sinne bemüht. Die Liberalen aber, die bis jetzt zehn Sitze von 28 innegehabt hatten, hatten ein Komprofiliß abgelehnt. Seit dem Wahlsieg des Gemeindevereins im Jahre 1012 stand den Liberalen der im Geineindeverein organisierte ״Block“ gegenüber, zu dem alle nichtliberalen Wählergruppen gehörten, Mittelpartei, Zionisten, ״Alte Synagoge“ und zuletzt auch die Konservativen. Dazu war bei den Waiden 102/ eine neue Gruppe, die sogenannte ״religiöse Mittelpartei“, gekommen, gegen die sicli damals alle übrigen Gruppen einschließlich der Liberalen zum Wahlkampf zusamrnerigeschlossen hatten. Diesmal vereinigte sich die ״Alte Geuicitfdc“ mit den Zionisten zur ״Jüdischen Volkspartei“, die Mittelpartei stellte zusammen mit der religiösen Mittcipartci eine gemeinsame Liste auf, auch ging diesmal die ״Konservative Vereinigung“ mit einer eigenen Liste in den Wahlkatnpf; zwischen Volkspartei und Konservativer Vereinigung bestand Listenverbindung. Die verschiedenen niciitliberalen Richtungen erhielten insgesamt 1826 Stimmen und zehn Sitze, die Liberalen 531 und vier Sitze. Durch dieses Ergebnis haben die Liberalen nunmehr noch weitere zwei Sitze von den bisher ihnen in der Repräsentanz verbliebenen zehn verloren. Die Volkspartei erhielt drei, die Mittelpartei drei, die religiöse Mittelpartei zwei, die Konservative Vereinigung zwei Plätze. Die neue Repräsentanz wird folgendermaßen zusammengesetzt sein: Liberale acht, Volkspartei "sechs, Mittelpartei sechs, religiöse Mittelpartei fünf, Konservative drei. Das Ergebnis ist für die Jüdische Volkspartei, die zum ersten Male als solche in den Wahlkampf eintrat, um so erfreulicher, als die den Liberalismus ablehnenden Wählerkreise infolge der eigenartigen Entwicklung der Parteiverhältnisse in Königsberg zum großen Teil bereits seit lange in den verschiedenen anderen nichtliberalen Gruppen fest organisiert waren. Als neue Vertreter der Konservativen Vereinigung werden, wenn der bereits jetzt dem Gemeindevorstand angehörige konservative Spitzenkandidat, was anzunehmen ist, als Kandidat ausscheidet, zwei Herren in die Gemeindevertretung eintreten, die ebenso wie der dritte, bereits der Versammlung angehörende, konservative Repräsentant, der hiesigen Ortsgruppe des Misrachi angehören. St. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat seine Bemühungen um die Betreuung der rabbinerlosen Gemeinden in Preußen fortgesetzt und den von ihm bisher schon eingerichteten Bezirksrabbinaten ein neues mit dem Sitz in Groß-Strehiitz hinzugefügt. Diese Gemeinde hat früher ein eigenes Rabbinat besessen; der letzte Inhaber desselben war Rabbiner Dr. Groß, der später in Augsburg amtierte. Sie ist damit, nachdem sie 50 Jahre verwaist gewesen, wieder Sitz eines Rabbinats geworden. Dem Bezirk sind weiter angeschlossen die Gemeinden der Kreise Guttentag, Kreuzburg, Rosenberg und Namslau. Zum Bezirksrabbinat ist von dem Landesverband Dr. Fein b er g, bisher Rabbiner in Heilbronn, bestellt worden. Am 16. März fand die feierliche Amtseinführung des neuen Rabbiners durch den Vertreter des Landesver- Landes, Dr. Ismar Freund, statt. Der 75. Geburtstag des liberalen Repräsentanten der Berliner Jüdischen Gemeinde, Emil Pincus, wurde am 20. April in Form einer Feier in der Synagoge Lützowstraße nach dem Peßach-Gottesdienst begangen. Nach einer Weiheansprache von Rabbiner Dr. Wiener begrüßte Geheimrat Dr. Julius Stern im Namen der Gemeindebehörden den Jubilar. Rechtsanwalt Heinrich Stern sprach die Glückwünsche der liberalen Frak* tion und der Liberalen Vereinigung aus; die in Emil Pincus einen ihrer Führer erblicken. Dr. Alfred Klee beglückwünschte Herrn Pincus im Namen der Jüdischen Volkspartei, die in ihm immer einen Gegner mit Verständnis für die Ziele der jüngeren Generation gefunden hat. Er hoffe, daß sich im jüdischen Kampfe die Gegner immer so gegenüberstehen werden, wie seine Freunde und der Jubilar. Nach Dr. Lamm, der im Namen des Wohlfahrtsamts der Gemeinde sprach, brachten noch die Vertreter des Synagogenvorstandes und des Synagogenvereins Lützowstraße ihre Glückwünsche dar. Sterbefall. Nach langem, schweren Leiden verschied am 15. April der langjährige Vorsitzende der Zion. O.-G. Sally Appel, der stets mit ganzer Hingabe an die zionistische Idee für uns eingetreten ist und keine Mühe und Arbeit gescheut hat, hier in Dortmund für den Zionismus zu wirken. Besonders durch seine Tätigkeit in der Gemeindevertretung hat er viel für uns und für die ostjüdische Vereinigung tun können, so daß wir durch seinen Tod viel verlieren. ״Der Jüdische Handwerker“, Zeitschrift für Handwerk und Gewerbe, herausgegeben vom' Zentralverband jüdischer Handvverker Deutschlands, Berlin, April-Ausgabe, bringt einen Aufsatz unter dem Titel ״Aus der Berliner Repräsentantenversammhing“. In diesem Aufsatz wird der Bericht Dir. Kareskis über die Tätigkeit der Gemeindeverwaltung kurz wiedergegeben. Dann folgt eine ausführliche Veröffentlichung der Rede des liberalen Repräsentanten Wilhelm Markus, welcher sein Mandat der Stellung als Vorsitzender des Handwerkerverbandes verdankt. In einer Rede von Wilhelm Markus findet sich ein langer Passus, der in schärfster Weise den Aufbau Palastiiias verurteilt und die Zionisten angreift. Was hat dieser Teil der Rede im Organe des Handwerker-Verbandes zu suchen? Der Verband als solcher ist neutral und legt natürlieh Gewicht auf die Zugehörigkeit aller jüdischen Handwerker ohne Rücksicht auf deren innerjüdische Einstellung. Wenn sich schon das Verbandsorgan bemüßigt glaubt, Berichte aus der Repräsentantenvcrsammlung zu veröffentlichen, dann möge es alle Parteien der Gemeinde zu Worte kommen lassen. Wenn dieses Organ, wahrscheinlich im Sinne der Verbandsleitung, das nicht tut, so verwirkt der Verband selbst das Recht, als eine überparteiliche Organisation gewertet und als solche behandelt zu werden. Aus Dortmund wird uns geschrieben: Anläßlich eines Vortrages im Jüdischen Jugendverein sprach der Syndikus des C.-V. Waldstein in ruhiger und sachlicher Form über das Programm des C.-V. ln der Diskussion kam unser Gesinnungsgenosse Dr. Max Berl zu Wort, der auf den Zwiespalt zwischen Theorie und Praxis im C.-V. hinwies. Dr. Berl erwähnte die Aeußerung des Rabb. Dr. Jacobs, Dortmund, der die Unterstützung des Keren Hajessod als Landesverrat bezeichnete und die immer wiederkehrenden Verdächtigungen zionistischer Regierungsbeamten hinsichtlich deren Staatsgesinnung. Schließlich kritisierte Dr. Berl die Haltung des C.-V. gegenüber dem Palästinaaufbau. Lehrer Emanuel Goldschmidt, liberales Mitglied des Landesverbandes jüdischer Gemeinden, fühlte sich darauf veranlaßt, eine von Beschimpfungen strotzende Rede zu halten. Er erklärte u. a.: Die Zionisten kämen überall hin, um zu putschen und Krach zu schlagen. Die Zionisten sollen froh sein, daß der C.-V. ihnen durch die Erkämpfung der jüdischen Gleichberechtigung die Möglichkeit für ihre Betätigung in Deutsch-!and geschaffen habe. Es sei zu begrüßen, wenn Juden hohe Beamtenstellen innehaben, es steht jedoch fest, daß die zionistischen hohen Beamten Ihr eigenes Parteisüppchen kochen, (Zwischenruf von Dr. Berl: Verleumdung!) Schließlich stellte Goldschmidt die Zionisten mit den Nationalsozialisten auf eine Stufe. Auf diese Beleidigung reagierte Dr. Berl mit dem Wort: ״Unverschämtheit!“ Goldschmidt bedrohte darauf Dr. Berl tätlich. Jetzt erst griff der Referent Wa Idstein ein und ließ Goldschmidt nicht weiter reden. — Es ist zu bemerken, daß Goldschmidt durch seine Stellung als Gemeindebcamter allen Anlaß hätte, jeder jüdischen Meinung gegenüber tolerant zu sein. Wenn auch den jüdischen Gemeindebeamten das Recht einer innerjüdischen politischen Stellungnahme nicht geschmälert werden soll, so kann man andererseits von öffentliehen jüdischen Beamten verlangen, daß sie sich nicht als enragierte Kampfhähne einer einzigen jüdisch-politischen Riehtung betätigen. W. Das im Juni 1929 beschlossene Gesetz über die Rechte der nichtkatholischen Glaubensgemeinschaften in 11 a I i en ist soeben veröffentlicht worden und in Kraft getreten. Es enthält Bestimmungen über vollkommen freie Glaubensausübung und gibt auch nichtkatholischen Geistlichen das Recht, in öffentlichen Krankenhäusern und Gefängnissen eine offizielle Wirksamkeit auszuüben. Im Oktober 1929 wurde beim Kultusministerium eine Kommission zur Regelung der Frage der Organisation der jüdischen Gemeinden in Italien eingesetzt. Es wird erwartet, daß demnächst ein Gesetz über die Organisation der jüdischen Gemeinden veröffentlicht werden wird. In Plauen ist vor einigen Tagen eine neue Synagoge feierlich eröffnet worden. Die Pläne~ der Synagoge stammen von Arch. Landauer in München. An der Festversammlung beteiligten sich zahlreiche Gäste, darunter Vertreter der Behörden und der anderen Konfessionen. Rohfger Verlaut des Nebi Mosa-Festes 10 Palästina Jerusalem, 21. April. (J.T.A.) Am 20. April ging das zehntägige moslemische religiöse Fest Nebi Musa zu Ende. Die Besorgnisse, mit denen man dem Verlauf des Festes in Palästina entgegengesehen hat, haben sich als ungerechtfertigt erwiesen; das Nebi Musa-Fest, während dessen Verlauf im Orient auch in normalen Zeiten die Stimmungen gespannt sind, Ist in ganz Palästina ruhig verlaufen. Die letzten Pilger aus den verschiedenen Teilen des Landes haben in voller Ordnung Jerusalem verlassen, utri in ihre Heime zurückzukehren. Am Freitag noch herrschte in Jerusalem eine gewisse gespannte Stimmung, da Gerüchte verbreitet waren, daß die in der Omar-Moschee versammelten Moslems sich mit der Absicht tragen, in einer Protestdemonstration gegen die gegen 25 Araber im Zusammenhang mit den Unruhen im August 1929 ausgesprochenen Todesurteile durch die Straßen Jerusalems zu ziehen. Es kam aber zu einer solchen Kundgebung nicht. Mehrere einflußreiche Araber wandten sich entschieden gegen eine solche Demonstration, die sie als unerwünscht und nutzlos bezeichneten. Für die Demonstration setzten sich hauptsächlich die Pilger aus Nablus ein, die, als sie überstimmt wurden, sich zu einem isolierten Demonstrationszug sammelten. Die Polizei aber verbot jede Ansammlung größerer Grupnen in den Straßen und verhinderte auf diese Weise auch die Bildung des Zuges der Nablus-Pilger. Schließlich hat auch diese Pilgergruppe in Ruhe Jerusalem verlassen. Für das Nebi Musa-Fest hatte die Palästina-Regierung eine Reihe Ausnahmeverordnungen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung erlassen. In den letzten Festtagen, am Freitag, Sonnabend und Sonntag, waren die Verkehrsstraßen in Jerusalem sowie manche Verkehrswege Im Lande von Posten mit Maschinengewehren besetzt, . . Am Sonnabend, dem letzten Peßaehtage In Palästina, War die Klagemauer von Tausenden von Juden besucht. Die Andacht verlief vollkommen ruhig. Die Moslems verzichteten auf die Veranstaltung der lärmenden Zilcr-Zeremonle, die In den letzten Monaten die jüdischen Gottesdienste an der Mauer gestört hat Das neu errichtete, von der Klagemauerpassage zur Omarmoschee führende Tor, gegen dessen Errichtung die Juden bekanntlich als gegen eine Verletzung des Status quo protestierten, wurde an diesem Tage geschlossen gehalten. Eine britische Polizeiwache war stets an der Klagemauer anwesend, um etwaige Unruhe nicht aufkommen zu lassen. Sie hatte aber, obwohl im Zusammenhang mit dem Nebi Musa-Fest viele Tausende Moslems aus dem Lande in der Hauptstadt weilten, keinen Anlaß zum Einschreiten. An den Folgen des flnngerstreiks gestorben Zusammenstöße bei einem Begräbnis. Jerusalem, 21. April. (J.T.A.) Das 18jährige jüdische Mädchen Hanna Milstein, die wegen kommunistischer Betätigung seit mehreren Monaten im Gefängnis gehalten wurde und im September 1929 in den Hungerstreik trat, ist vor einigen Tagen an den Folgen des Hungerstreiks, der ihre Gesundheit erschütterte, gestorben. Obwohl sie sich krank meldete, wurde sie brutal behandelt und nicht ins Krankenhaus geschafft. Erst als sie in ihrer Zelle ohnmächtig zusammenbrach, wurde sie in bewußtlosem Zustande in das Hadassah-Krankenhaus geschafft, wo sie starb. Bei iherm Begräbnis kam es zu einem Zusammenstoß zwischen den Freunden der Toten und den Poli z! s t e n , als die Polizei einige Personen, die einen Kranz auf das Grab legen wollten, von der Begräbnisstätte zurückwies. Dabei wurde ein Polizist verwundet und mehrere aus der Menge der Leidtragenden wurden verhaftet. Nach einer soeben veröffentlichten Statistik gibt es in der Sowjetunion 813 S c h u I e n mit jiddischer Unterrichtsspräche, die insgesamt von 121 117 Kindern besucht werden. Die VIII. Konferenz des Deutscher Landesverband findet am 26,, 27. und 28. April in Berlin! Faianenatraße 79/80! statt Tagesordnung: Sonnabend, den 26. April, S Uhr abends: Eröffnung. Die Lage in Palästina. Referent: M. Schapiro (Haifa). Sonntag, den 27., vorm.: Rediensdiaftsberidit des Merkas und die weitere Arbeit nadim.: Aussprache. abends: Erziehung*־ und Jugendarbeit de* Hedhaluz. Referent: I. Tabenkin (Ein Charod). Montag, den 28., vorm.: Aussprache über da* Referat Tabenkin. nachm.: Beschlüsse und Wahlen. Bondy junior Wenn es wahr ist, daß Ludwig Hatvany in dem Roman ״Bondy junior“ (Drei-Masken-Verlag) die Geschichte seiner eigenen Familie erzählt, dann wird es gut sein, sich vorher der Daten zu erinnern, die einem über Ludwig Hatvany selbst im Gedächtnis geblieben sind. Dieser ungarische Baron, Christ in der zweiten Generatiou, hat schon vor dem Kriege in deutscher Sprache einige literarische Arbeiten erscheinen lassen. Eine davon ist mir im Gedächtnis geblieben, sie heißt ,,Ich und die Bücher“ und mag die echteste und bezeichnendste seiner Schriften sein. Es ist das überaus feine und liebenswürdige Büchlein eines Kritikers, der lieber ein Dichter sein möchte; es ist die Arbeit eines verhinderten Dichters, der — wie immer in solchen Fällen — die Literatur als Material seiner Dichtung ergreift, der nicht Leben gestalten kann und sich deshalb an schon gestaltetes Leben hält, um daraus ein neues Werk, eine Quasi-Dichtung zu machen. Es ist jene sonderbare Mischung zwischen Kritik und Dichtung, für die es hervorragendere Beispiele gibt als Hatvany, die aber in jedem Fall eine ausgesprochen jüdische Erfindung sein dürften. Mir erschien nach diesem Buch Hatvany, von dem ich sonst gar nichts wußte, als der Prototyp jener merkwürdigen jüdischen Halbbegabungen, deren dichterisches Ahnungsvermögen unter ihrer kritischen Schärfe und deren kritisches Darsteilungsvermögen unter den gewaltsam betonten Einschlägen dichterischen Fühlens zu leiden hat. Inzwischen ist er nicht durch sein Werk, aber durch sein Schicksal etwas wie eine europäische Figur geworden. Er hat sich gegen die Schrecken des weißen Terrors in seinem Lande ewandt; er hat die Vaterlandsliebe mit dem universaleren treben nach einer gerechten und sittlichen Grundlage der politischen Ordnung zu vereinen gesucht. Und eben weil er sein Vaterland auf einen höheren Rang heben wollte als es den Klasseninteressen der autochthonen Herren genehm war, hat er das jüdische Schicksal erlitten, als ein Landesverräter erst ins Ausland verbannt zu sein und dann nach seiner Rückkehr zu schwerer Freiheitsstrafe verurteilt zu werden. Wenn nun ein Mann mit dieser literarischen und polltisehen Vergangenheit, veranlaßt wahrscheinlich durch sein Schicksal, die Geschichte seiner Familie, ins Gedächtnis heraufhebt, wenn dieser christlich-ungarische Aristokrat sich zurückwendet, um sich der Generationen vor ihm zu erinnern, die weder christlich noch ungarisch noch aristokratisch waren — was darf man dann erwarten? Dann darf man wohl kein großes Kunstwerk erwarten, aber doch etwas wie ein Bekenntnis: die Entdeckung jener ״Insel in sich“, die dem äußeren Schicksal mit seiner Erklärung auch inneren Sinn gibt. Fest steht zunächst nur, daß dieser Roman wirklich kein Kunstwerk ist. Er gibt eine ungeheuer breit ausgewalzte Geschichte, die aut mehr als sechshundert Seiten nach kurzer Erledigung der ersten Generationen nur die ersten achtzehn Lebensjahre jenes Bondy junior erzählt, dem wahrscheinlieh — es wird auf einen' Fortsetzungsroman verwiesen — die spätere Oröße des Hauses zu danken ist. Das ist stofflich ganz interessant, und die einzelnen Gestalten sind nicht unplastisch. Aber es fehlt völlig des Dichters Welt, in der dies alles zusammen gesehen ist. Es fehlt die dichterische Wärme, die immer noch das Abstoßende mildernd umhüllt, indem sic es einbezieht in die Totalität eines Sehens. Es bleibt auch hier nichts als ein Kritiker, der lieber dichten möchte. Und es wird daraus eine kritische Bösartigkeit, die auf den Leser viel schlimmer wirkt als sie wahrscheinlich gemeint ist. Man wird einen großen Teil dieser Wirkung auf künstlerisches Unvermögen setzen müssen: jemand, der sicher die Ironie in einem Raum von Wärme wollte zur Entfaltung gelangen lassen, ermangelte dieser Wärme, und es bleibt nichts als eine unsagbar kalte, häufig niederträchtige Ironie. Es beginnt mit jenem Urahn, der um 1790 von Mähren nach Ungarn wandert, um hier Geld auf hohe Zinsen zu verleihen, und der seines Lebens Weisheit in die goldenen Worte S' . prinzip erhoben. Und wenn sich im Laufe der Generationen auch die Formen wandeln — das bleibt ihnen allen bis hinauf zu Bondy junior: nämlich die Umgestaltung des schofelsten Erwerbssinns zu einer ethischen Maxime. Diese Darstellung ist bestimmt nicht unwahrhaftig. Aber daß damit ״d i e“ ethische Maxime des Lebens bei allen Bondys überhaupt erschöpft ist, daß sittliche und geistige Werte bei ihnen nicht anders gepflegt werden als von jenem Großvater, der sich in der Ecke eines Ladens ״in die krausen Weisheiten alter Rabbiner“ versenkte, wobei es ״dem zerknitterten Greisengesicht“ Wohltat, ״wenn dabei die Reden feilschender Männer an sein Ohr brandeten“ — das dürfte wohl doch mehr in Hatvanys bösem Blick als in der Wirklichkeit jüdisehen Lebens begründet liegen. Der Bondy, der dann nach Budapest übersiedelt und dort das Gewerbe der Väter in größerem Stil fortsetzt, zitiert schon Heine und Börne; sein Sohn aber, Bondy junior, wird ein Magyar und setzt Petöfy an Heines Stelle. Das ist der Weg dieser Familie: vom Jüdischen über das Deutsche ins Ungarische, aber allemal bleiben sic, was sie sind: Geldverdiener, denen es, ob sie sich nun äußerlieh mit rabbinischer Weisheit, mit Heine oder mit Petöfy schmücken, doch am wohlsten tut, die Reden feilschender Männer zu hören. Und immer, ob Hatvany nun von den j,widerlichen ch-Lauten des Hebräischen“ spricht, ob er die Jüdischen Schüler einer Klasse zeichnet — ״die lockigen Köpfe scheinen in einem wirren Rhythmus von ,ich-geb-ich-nehm‘ zu summen“ — immer sieht dieser späte Erbe mit dem bösen Blick, der aus gleichem Blut kommt. Es wirkt nicht etwa versöhnend, daß er das Magyarentum mit derselben kalten Verachtung behandelt. Der magyarische Nationalismus tritt in diesem Buch als ein hohles und bombastisches Phrasengeklingel auf, und an keiner Stelle wird eine Menschenart, der die Liebe des Autors gehören könnte, auch nur angedeutet. Man fragt sich zum Schluß verzweifelt: wo steht der Mensch eigentlich, der das geschrieben hat? Wo ist er beheimatet? Und warum hat er all dies geschrieben? Da ist nichts von dem Schmerz, der eine peinliche Vergangenheit heraufholt, um von ihr frei zu werden. Da ist nichts von einer Liebe, die anzeigen könnte, wohin der Weg in die Zukunft eigentlich gehen soll. Da ist nur ein kühler Kritiker zwischen zwei Stühlen, der sich wahrscheinlich in der übergeordneten Welt eines allgemeinen Humanitätsideals zu Hause fühlt und dabei nicht einmal soviel Wärme aufbringt, wenigstens diese Heimat, in die der Gedanke des Heimatlosen flüchtet, fühlbar und glaubhaft zu machen. Wenn Hatvany pun seinen Fortsetzungsroman schreibt und dabei auch bis in die eigene Generation vordringt, wird ihm sein kritischer Sinn hoffentlich soweit treu bleiben, daß er sich nicht als einen erfreulichen Gipfel, sondern als eine auch zumindest zweifelhafte Folgeerscheinung jener Entwicklung darstellt, die von der zu engen Gebundenheit alter Zinswucherer in die zu große Freiheit eines fragwürdigen Literatentums geführt hat. Gustav Krojamfcer. Balfour-Biid. Eine Photographie von Lord Balfour, die als Beilage der Zeitschrift ״The New Judaea“ in London erschienen ist, ist einzeln zum Preise von 50 Pf. zu beziehen. Interessenten werden gebeten, sich bei der Z.V.f. D., Meinekestr. 10, zu melden.

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