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Jüdische Rundschau · 1930-04-16 · Heft 30 (16.4.1930) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 30 (16.4.1930)
Date
1930-04-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30, 16 IV. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHÄD Seite 215 VON JÜDISCHER MUSIK Redigiert von Alice Jacob- Loewenson ״Mein Weg zur jüdischen Musik“ Wir haben uns an eine Reihe von Persönlichkeiten, deren aktives Interesse an der modernen jüdischen Musik bekannt ist, mit der Bitte gewandt, unseren Lesern kurz milzuteilen, wie sie zur Beschäftigung mit jüdischer Musik gekommen sind. Nachstehend veröffentlichen wir die eingelaujenen Antworten: Palästinensische Musikchronik Nach der ״Hochsaison“ des vorigen Winters (1928'29), die eine Reihe bedeutender auswärtiger Künstler nach Palastina brachte — Bronislaw Huberman, Henri Marteau, Franz Qoldenberg. Bruno Eisner. Ossip Oabrilowitsch u. a. — begann nach der üblichen Sommerpause das musikalische Leben sich wieder zu entfalten. Die Unruhen und ihre Folgeerscheinungen verzögerten nur den Anfang der Saison, lähmten jedoch die Aktivität keineswegs. Allerdings haben wir in der letzten Saison keine solche Flut der auswärtigen Besucher erlebt wie voriges Jahr — der Grund dafür lag weniger in den tatsächlichen Verhältnissen als in der Unsicherheit des Auslandes in bezug auf die Lage in Palästina —, dafür entfalteten die lokalen Kräfte eine starke Tätigkeit. Die Musikgesellschaften in Tel-Awiw und Jerusalem nahmen ihre regelmäßigen Konzerte wieder auf und konzentrierten alle verfügbaren Kräfte. Die Tel-Awiwer Gesellschaff veranstaltet in dieser Saison einen Kammermusikzyklus, geordnet nach der nationalen Zugehörigkeit der Komponisten anstatt wie bisher nach der stilgeschichtlichen Aufeinanderolge). Innerhalb dieses Zyklus fand bisher ein deutscher Abend (Mozart und Brahms), und ein englisch-französischer statt; Abende für Oesterreicher (Schubert, Mahler, Bruckner), und für russische Musik sind in Vorbereitung. Ferner sind zu erwähnen Klavierabende der Schwestern Burstein, verschiedeutliches Auftreten der Geigerin Glikson-Herz, einer Marteau-Schülerin, und ein Konzert der Sängerin Ghana Kipnis, die nach Beendigung ihres Ausbildungsganges in Deutschland vor kurzem nach Palästina zurückkehrte. G o 1 i n - kin, der Leiter der ehemaligen Oper, ist nach längerem Aufenthalt in Amerika wieder nach Palästina zurückgekehrt und leitete ein Symphoniekonzert mit einem 50 Mann starken Orchester. Auch trat er einige Male mit gut einstudierten Chören hervor. An auswärtigen Künstlern traten in Palästina im Laufe der verflossenen Saison der Oeiger Vasa Prihoda mit großem Erfolge auf, ferner der Geiger Sigera und einige Pianisten. Für April ist der Besuch Emil von Sauers angekündigt. Die Pflege der jüdischen Musik hat einen starken Anstoß durch die Gründung der ״Gesellschaft zur Verbreitung jüdischer Musik“ erfahren. Die Gesellschaft veranstaltete zwei Konzerte, in denen sie einen Ueberblick über den augenbückliehen Stand des jüdischen Musikschaffens im Lande gab. Es wird beabsichtigt, solche Konzerte in regelmäßigen Abständen zu veranstalten, ferner arbeitet die Gesellschaft mit Energie an der Aufrichtung engerer Beziehungen mit den interessierten Kreisen des Auslandes. Sie hat sich mit einem Aufruf an die im Auslande lebenden jüdischen Komponisten zwecks Erlangung geeigneten Materials für den Musikunterrieht in Palästina gewandt, sie beabsichtigt ferner, das Vorhandene zu sammeln und nach und nach im Druck heraufzugeben, um das Interesse an jüdischen Musikschöpfungen in der ganzen Welt wachzurufen und zu intensivieren. Die Hauptaufgabe des Musikbetriebes in Palästina konzeptriert sich.,»«* wie vor auf swd Gebiete: Erziehung der Jugend und Hebung des allgemeinen Niveaus des Publikums. Um das zweite Ziel bleiben die bestehenden Gesellschaften und Solisten dauernd bemüht. In der Jugenderziehung finden mehr und mehr modernere pädagogische Methoden Eingang. Zwar wandeln die bestehenden Musikschulen und Privatiehrer größtenteils In den ausgetretenen Pfaden der nur auf Reproduktion gerichteter Instrumentalausbildung, aber an wenigen Stellen sind doch Ansätze zu spüren, die diesen Unterricht ersetzen und vervollständigen wollen durch eine umfassende musikalische Erziehung, die den eigenen Ausdruck in den Mittelpunkt stellt und die Kinder auch auf dem Gebiete der Musik zu selbständigem Denken und freier Eigenbewegung bringt. Es ist zu hoffen, daß diese Richtung sich weiter ausbreitet und ein Geschlecht heranbildet, dem nicht mehr der bloße ״Musikbetrieb“ höchstes ideal bedeutet, sondern die eigene Ausdrucksfähigkeit — Musik als allgemein menschliches Ausdrucksmittel, vergleichbar der Sprache und der Bewegung. Wenn der neue Geist, der aus dieser Richtung spricht, zu votier Auswirkung gelangt, so ist ein neues Glied der Entwicklung angefügt, de den neuen Menschen in Palästina heranbilden soll. David Werner Rosolio. Kleine Mnsiknaehrichten Auf einem Konzert hebräischer Musik in Tel- Awiw (25. Dezember 1929) wurden Werke von Rosowsky, Miiner, Engel, Alman, Achron, Giadstein, Weinberg, A, Krein, Prokofieff, Kougel auf geführt. — Mitwirkende: Rosowsky, Gerschkovic, Alexander, Feldman. Har-Melach, Schor, Garter, Brandman, Borouchov, Edel, Zipin. Am 30. März fand in Berlin ein Kompositionsabend von Janot S. Ros kin statt, bei dem folgende Künstler mitwirkten: Paula Lindberg (Gesang), Eugen Transki (Gesang), Carola Zelienka (Violine), Felix Robert Mendelssohn (Cello), Sterne und Alexander Roskin (Tanz) sowie ein Männerchor unter Leitung von J. S. Roskin. Am Flügel: Leo Demant. Am 2. Dezember 1929 fand in Mannheim die deutsche Uraufführung eines Jugendwerks von Darius Miihaud statt: ״Die Rückkehr“ (La Br^bis £garde). Im ״New York Musical Courier“ erschien ein Aufsatz über ״New Hebrew Forces in Music“ von Lazare S a m i n s k y. In der Zeitschrift der Carl Lindström-Kulturabteilung (,,Kultur und Schallplatte“) werden als Schallplattennovität vier Chöre aus Honeggers ״Le Roi DäMd“ angekündigt. Gesungen sind die Chöre von dem Straßburger Münster-Chor. Die Komponisten Mordechai Sandberg (Jerusalem) und Grigori und Julien Krein (Moskau) haben diesen Winter mehrere Monate in Berlin zugebracht. Die ״Vier jüdischen Tanzstücke“ für Klavier von Joachim Stutschewsky sind in der ״Universal-Edition“ soeben erschienen und in jeder Musikalienhandlung zu haben. —- Bei der Uraufführung, sowie später bei einem Konzert der ״Gesellschaft zur Förderung jüdischer Musik“ in Wien hatte das Werk einen sehr starken Erfolg. In der ״Schule der jüdischen Jugend“ fanden im Verlauf eines Jahres folgende Kurse über jüdische Musik statt: 1. Volkstümliche jüdische Lieder der Gegenwart; 2. König David von Honnegger; 3. Chassidische Musik; 4. Volkslieder der jemenitischen Juden; 5. Kurse für Gehörbildung und Improvisation, Der bekannte Cellist und Komponist Joachim Siuisdicwsky » Wien: ״Mein Weg Die Auseinandersetzung mit diesem Fragenkomplex ist für die meisten jüdischen Musiker leider noch immer ein Problem. Für mich jedoch nicht Darum versetzt die Beantwortung dieser Frage mich einigermaßen in Verlegenheit. Mir fehlen die Voraussetzungen zu ihr. Ich erfasse bei mir überhaupt keinen Weg ״zur“, höchstens eine Linie ״innerhalb" der jüdischen Musik; eine Entwicklungslinie vom Unbewußten bis zum Bewußtwerden des Wesenhaften der musikschöpferischen Kräfte, die im Juden verankert sind. Schon die allerersten musikalischen Eindrücke empfing Ich durch die jüdische Volksmusik: die Lieder zu Hause, Gesänge und Tänze bei Hochzeiten, im jüdischen Theater und wohl am nachwirkendsten von den Gesängen in der Synagoge. Aber ich glaube, daß diese mehr äußeren Einwirkungen des Milieus wohl beeinflussend aber nicht bestimmend waren, daß der Kern und die Triebkraft zur jüdischen Musik bei mir nicht allein aus dieser Atmosphäre stammen. Vielmehr bin ich überzeugt, daß das, was unbewußt in uns wirkt und gestaltet, ausschlaggebend Ist, daß das Ursprüngliche die Quelle alles Schöpfertums ist. Von innen nach außen, nicht von außen nach innen! Aus dem eigenen Musikwesen heraus, hindurch durch reproduktiv gestaltendes Schaffen des reinen Spieltriebes und in Erkenntnis der Unbedingtheit der eigenen Kunstäußerung des jüdischen Volkes, ergab sich schließlich ״der Weg . . . zur jüdischen Musik. Einer Musik, die den Charakter des Lebens, die Gemütsart des jüdischen Volkes auszudrücken und zu formen vermag. An der Schwelle eines neuen Abschnittes in der Geschichte des jüdischen Volkes, löst ein neues Fühlen und Denken neue Assoziationen aus, drängen frische Kräfte aus dem Dunkel zum Licht und beginnen unser Kunstgefühl umzuformen. Der jüdische Künstler, in vorderster Reihe der jüdische Mus i k e r findet — die Auswirkungen des eigenen Wesens wahrnehmend — die ״jüdische Seele“ wieder und läßt sie in ihrer ganzen Dynamik in seinem Werk auferstehen. Hier beginnen sich auch bei mir Beziehungen zu den neuen Schöpfungen einer bereits stark ausgeprägten jüdischen Musik- - Hteratar 2u kulpfe*1»l‘trtt#;'<te״*Wrkea'Un1 dtefüdische Musik in Erscheinung, wächst eitle innere Ueberzeugung, eine leidenschaftliche Hingabe an die jüdische Musik. Beim näheren Studium der Werke ergab sich dann mit zwingender Unmittelbarkeit — bei aller Verschiedenheit der Charaktere, Vielfältigkeit der musikalischen Aeußerungen und der individuellen Sonderheiten jedes Komponisten — eine einheitliche Physiognomie: eine gewisse Kurve seelischer Emotionen melodischer Oestaltung, harmonischer Bindung und rhythmisch er Gliederung.!Diese einheitlichen Züge verdichten sich immer mehr zum Symptom, das Symptom wächst zum Symbol, das gesamte Schaffen wird zur Wurzel eines neuen jüdischen Musikstils. In dieser neuen jüdischen Musik werden sich die Orenzen zeichnen, die das jüdische Volk vom Gestern, vom Galuth trennen und es in eine neue Epoche weisen. Arno Nadel: Wilna. Das war kein Weg mehr. Das war Geburt und Dauer und Tod — das war eine bleibende Stätte vom ersten Atemzug an. Ein einziges Wort, fast kann man sagen: ein einziges jüdisches Wort, sagt es: — Wilna. Ich bin in Wilna 1878 geboren. Dieses Wilna kennen nur noch wenige. Das war eine heilige Judenstadt mit Hunderten von ״Schulen“, von Schulen im wahrsten Sinne des Wortes. Jede Handwerksgilde hatte ihre eigene Synagoge, ־— und in ״Keemenkehrers-Schul“ (Schornsteinfeger-Synagoge) und in der ״Kazzewer Klois“ (Schlächtermeister-Synagoge) — von den unzähligen Synagogen im ״Schulhof“ mitten im Zentrum der Stadt ganz zu schweigen. -- (Noch heute träume ich davon, wie ich verzweifelt nicht weiß, in welche erleuchtete Schule ich hineingehen soll, weil in jeder immer schöner gesungen wird) in allen Synagogen wurde ״gelernt“ das bedeutet: singend, klagend, disputierend, zankend, aber immer singend, alt-jüdisch, alt-orientalisch singend, studiert, gebetet, gepredigt, geredet, — und wieder wahrhaft gesungen und gesungen und gesungen, — jüdisch, süß jüdisch gesungen. Mein schönes Volk, was hast du nicht in der Welt um Tod und Leben und Gott zusammengesungen! Das war Wilna, meine Geburtsstadt. Ich wurde auf Newski, einer oder gar der Hauptstraße geboren. Zwei Minuten davon entfernt lag die ״jüdische Gasse“ mit dem gemütlichsten' Mittelalter und mit der alten Schul, der Schul, in der der Wilnaer Balebessel, Steinberg, Küpper, Kahn, Ssirotta gesungen haben. In der Schul, die in einer der dicken Mittelsäulen eine Kanonenkugel zeigt, die vor dem Wilnaer Gaon, der gerade dort ״lernte“ respektvoll halt machte, — in der Schul, von der unterirdisch ein Oespensterweg nach dem nahen Trock führt, —: in der Schul, in der allnächtlich die Messim dawnen. . . . Der Weg. Mein Weg zur jüdischen Musik =-־ er ist zu schwer, zu leicht zu beschreiben, aufzuhellen, seine schönen und seltenen Wunder aufzudecken, — vor Fülle. Mein Vater war Mechaniker. Bei uns arbeiteten Gesellen. Bei der Arbeit sang man. Was sang man? Was in der Schul gesungen wurde, Opernarien (namentlich Verdi) und jüdische Volkslieder, — ״Stücklach“, Nigunim, ״Antiqlach“, Tänze. Ja, Tänze. Jeden Sonnabend Abend kam in meinem EEernhause die reifere, d. h. in diesem Fall die tanzlustige ugend zusammen, und man tanzte, sang, lachte, tollte, — urz nach der ״Hawdole“ kurz nach däa ״lieben schabbes koidesch, der aheim geht“ der lieben Mutter, nach dem ernsten ״Elijohu hanowi“. ״Omar adonoj l'jokow. Nein, das war nicht vor 40 Jahren, das war — vor 1000 Jahren. Zum Tanz wurde nur gesungen. Und nachher, beim Imbiß, sang man wieder unzählige jüdische Volkslieder. _ Niemand glaubt diese jüdische Luft, diesen Geist, diesen stillen Segen. Manchmal war ich bei meinem Großvater väterlicherseits zum Sabbat geladen. Der nahm mich dann am Sabbatausgang an die Hand, ging mit mir durch den behaglichen Dämmer. Sabbat-Raum, und wir sangen die Sabbath-Ausgang-S’mires. — Ueberhaupt: S’mires. wir saßen am Freitag-Abend, am Sabbat-Mittag beim Schalet um den Tisch herum: Mein Vater mit den Gesellen, — und wir sangen, daß die Luft vor Lust zitterte. Zweistimmig, dreistimmig, auf Kosackenart, und echt — echt jüdisch, wie man nur in Wilna singt. (Von den S’mires bekommen wir leicht einen Begriff aus dem vor kurzem erschienenen ״Pinkes“ von Bernstein, dem heute noch in Wilna lebenden und schaffenden Dirigenten und Komponisten.) Was hätte ich nicht noch von Vetter Schaul, dem Chassid mit dem langen Bart zu erzählen, der mich, das misnagdische Kind in die chassidische Stibbel mitnahm, wo der heilige Odem der religiösen Tänzer wehte, der Verzückung, der Dweikelachs, des himmlischen Stöhnens, der Derwischreigen, der erhabenen, frommen wortlosen und wortreichen Melodien. Man scheut sich davon zu berichten. Ich selbst sang einen schönen Sopran. Gollanin, der ein paar Jahre später mit mir in Königsberg im Birnbaumschen Chore sang, kann von meinem ״Weg“ manches erzählen. Er ist ihn ein gutes Stück mitgewandert, und tut es heute noch. — Mit zwölf Jahren kam ich nach Königsberg. Als ich ein Jahr darauf nach Wilna zu Besuch kam, fertigte ich bereits meine ersten Bearbeitungen für — Oollotnb. Gollomb war der erste, der eine jüdische Musiktheorie schrieb, und manches Geschichtliche über jüdische Musik in hebräischer Sprache mit Notenbeispielen. Für diese Notenbeispiele setzte ich den ״W'hawinu I'scholaum“ des Wilnaer Balebessel und ein paar Volkslieder. Birnbaum. Da wäre wieder ein Kapitel nötig. Seine schöne Gestalt, sein Gang .... und — acn: — seine große jüdische Seele. Kultiviert bis in die Fingerspitzen. Er gab mir den ersten Theorie-Unterricht. Seine unvergleichliche Eimvirkuhg auf alle die ihn kannten, — ich darf von dem allen nichts sagen. Es führt zu weit. Und dann ״Ost und West“ des fanatischen Leo Winz! der von überall Juden und Jüdinnen herschleppte, damit ich ihnen vom Munde Volkslieder abschreibe. Und die ganze jüdisch-nationale Bewegung um uns herum, vor 20 Jahren —! Die Berliner Synagogenmusik —! Mein andauernder stiller Kampf um diese, heute und morgen noch. Das ist alles etwas vom Wege. Ein schöner, wundervoller Weg, geebnet für Viele, die nach uns kommen werden, kommen sollen. Wenn ich das alles durch Musik illustrieren könnte! Teilweise hab ichs getan. Aber es bleibt noch viel, viel zu tun übrig. Heinrich Bert - Karlsruhe (Verfasser des bekannten Werks: ״Das Judentum in der . Musik“): Mein Weg zur jüdischen Musik ist mein Weg zum Judentum überhaupt — denn ich bin kein Jude und bin daher irgendwie schicksalsmäßig an diesen Komplex geraten. Was soll ich sagen? Soviel ich sehe, hat mein Weg zum Judentum einen persönlichen und einen sachlichen Grund. I. Der persönliche Grund. Meine Mutter hatte eine jüdische Freundin, ihre beste. Zu ihren Eltern kamen wir oft, als ich noch ein Kind war. Das Geheimnis in diesem Hause hat wohl die erste Liebe zum Judentum in mich gesenkt. Dort wurde auch gelegentlich esungen, was in meiner Erinnerung geblieben sein mag. päter lernte ich eine Jüdin kennen — meine jetzige Frau. Sie war nicht weit Von der Wohnung der Freundin meiner Mutter zu Hause. Sie war Antisemitin, aber ich merkte bald, daß sie jüdischer war als viele Juden, und ich führte sie zum Judentum zurück. Ich hatte ja Weininger gelesen und wußte, daß der Haß ein Projektionsphänomen war. Unmittelbar nach dem Krieg war ich längere Zeit in Italien. Ich hatte mich längst mit Mahler und Schönberg beschäftigt und war ganz im Banne Nietzsches. Da lernte ich in dem einsamen Bergdorf einen jungen österreichisehen Musiker kennen, mit dem ich immer mehr mitten in die Problematik der Musik und der ästhetischen Fragen geriet. 1921 schrieb ich, aus dem Ausland zurückgekehrt, in wenigen Wochen direkt unter dem siedenden Dactt, den ersten Entwurf: ״Das Judentum in der Musik“. Etwas von dieser tropischen Dachhitze ist unzweifelhaft in das leidenschaftliche Chaos hineingeraten. Der direkte Anstoß war aber ein hebräisches Lied, das meine damalige Braut zur Laute sang. Damals entdeckte ich die Identität zwischen Judentum una Musik. ii. Der sachliche Grund. Das Judentum als musikalisches Phänomen: diese persönliehe Entdeckung war bereits meine sachliche Richtung, mein Schicksal. Der Gegensatz zum Plastischen war die Musik, und folgerichtig das Judentum als unplastisches Phänomen par excellence das musikalische Phänomen par excelience. Die Beschäftigung mit den Propheten, zu der ich durch Bubers Messianismus gekommen war, zeigte mir eine weitere Parallele: die Propheten waren ursprünglich zugleich Musiker, die Musik gehörte sozusagen zu ihrem Handwerk. Die Geburt des Prophetismus aus dem Geiste der Musik: das war meine damalige Formel. Das Verbot der Bildkunst, der ausgesprochene Zeitsinn des Juden und noch vieles andere sprachen — in psychologicis — für die immanente Musikalität des Judentums. Martin Buber hatte mein Manuskript gleichzeitig mit Max Brod kennengelernt. Buber lud mich zur Mitarbeit am ״Juden“ ein, Brod schrieb begeistert. Eine Reihe von Abhand־ Jungen entstand, die ich eines‘Tages dem jetzigen Wiesbadener Internaten Paul fiekker zu lesen gab, ln selbstloser Mühe

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