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Jüdische Rundschau · 1930-04-16 · Heft 30 (16.4.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 30 (16.4.1930)
Date
1930-04-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 214 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 30, 10. IV. 1930 Jüdische Motive in neuen Büchern Alfred Döblin, Alexanderplatz. (Verlag S. Fischer, Berlin.) Leiter Cohen, Die Pardways. (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.) Gerhard Hermann Mostar, Der Aufruhr des schiefen Calm. (Safari-Verlag, Berlin.) Dr. Moses Gatter, Die Geschichte von Purim, Geschichte von Peßach. (Englisch.) Edmond Fleg, Moses. (R. Piper & Co., München.) Nach den großen jüdischen Romanen der letzten Jahrzehnte — Max Brods Reubeni, Feuchtwangers Jud Süß, Zweigs Orischa — schien sich eine gewisse Erschlaffung der jüdischen Epiker, die in deutscher Sprache schreiben, bemächtigt zu haben. Oder zum mindesten: ein Abwenden von jüdischen Stoffen, die rund herum die dramatische Welt beherrschten. Sieht man aber näher zu, so empfindet man, daß auch dies Abwenden nur die Flucht des Jona vor seiner Sendung ist: auch die widerwiliigsten Künder können sich der ihnen aufgetragenen Botschaft nicht entziehen. Auch der fremdeste Ton klingt mit jüdischem Echo; jüdische Probleme und Anschauungsweisen verirren sich in alle diese neuen Bücher, wenn sie nicht etwa dort recht eigentlich zu Hause sind. So geht es dem Dichter und dem Leser mit den merkwürdigen Juden-Episoden in dem bedeutendsten Buche dieses Winters, in Alfred Döblins ״A1 e x a n d c rp I a 12". Es hat keinen Helden, dies seltsame Buch; denn auch der Franz Biberkopf, von dessen Taumeln, Aufraffen, Wiederhinstürzen es erzählt, ist gar kein Held, fast nicht einmal ein Ich — ist nur Einer von Vielen und Einer für Viele — ein Beispiel, kurzerhand gewählt, aus der ״Masse Mensch“, die der eigentliche Inhalt dieses Buches ist. Und auch die Juden, die da am Alexanderplatz leben und den entlassenen Sträfling, als er auf den Höfen singt, bei sich aufnehmen, sind keine Helden, ■wie sie da vor uns aufziehen: der Rote, der Schwarze, der Braune; vielleicht ist der beste von ihnen noch, was wir ״ein Stückei meschugge“ nennen würden. Aber sie bringen in das vielfarbige Bild, das des Höllenbreughels Pinsel malte, einen Hauch väterhafter Menschenweisheit und Menschenliebe, wie sie da — in der uralten Trauerstellung, die ihre Väter kannten und die hier eine arme Seele von neuem entdeckt — mit dem armseligen Biberkopf trotz seiner Widerborstigkeit auf dem Boden hocken und ihn durch eigene und fremde Lebenserfahrung dem Leben wieder zu gewinnen suchen. Wir hätten gewünscht, ihnen nochmals zu begegnen — auch nachdem ihnen ״Franze Biberkopf“ den Abschieds• marsch geblasen hatte. Und eigentlich . . . gehörten sie auch in die Peripetie des unseligen Menschenschicksals noch hinein, das hier mit der Unerbittlichkeit eines antiken Fatums vor unsern Augen abrollt. Gemäß dem unheldischen Charakter des Helden ist auch die Entwicklung mit scheinbarer Kunstlosigkeit nicht die einer geschlossenen Handlung, sondern eher ein flimmerndes Nebeneinander von Bildern: eine Piscator-Bühne auf dem Papier, nur daß die dort herrschende politische Tendenz durch eine gewisse ursprüngliche Einfühlungskraft ersetzt wird, mit der alle die Bilder und Gestalten festgehalten werden, die sich Döblin dem Kassenarzt bei seinen Besuchen im dunkelsten Berlin zeigten; ganz unsentimental, scheinbar mitleidslos und schnuppig — im Grunde doch beherrscht von Strindbergs Glaubensbekenntnis ״Es ist schade um die Menschen!“ Gewiß — das ist kein Buch ,.hinterm Ofen zu lesen", wie altväterliche Rezepte manchmal vorschlagen. Aber eine Wilde Großartigkeit wohnt hier, wie sie der Geist unserer Zelt notwendig einmal hervorbringen mußte. Eine große Gemeinschaft, kein Einzelner tritt Tiervor. Aber es ist die Gemeinschaft der Eienden, da haben auch die Juden ihren angestammten Platz. . . Daß dies Streben, die Schranken des Ichs aufzuheben, den kleinen Einzelmenschen einzuordnen in eine größere Gemeinschaft, tief in unserer Zeit liegt, die den ,Triumph und den Bankerott des Einzelmenschen erlebte, das zeigt sich in der Fülle von Büchern, die dem Werden einer Gemeinschaft oder ihrem Verfall nachgehen. Von Lew!sohns ״Erbe im Blut“, der Geschichte einer Familie, soll hier nicht nochmals gesprochen werden, da an dieser Stelle schon wiederholt ausfuhrlichst über dieses Buch geredet wurde; auch nicht von dem starken Buche des französischen Juden, Jean Richard Bloch, das In seinem seltsamen Titel ״. . . Co.“ — die deutsche Uebersetzung gibt es schwächer durch ״Simler u. Co. wieder — schon die Tendenz vom Einzelmenschen zur Gemeinschaft ausdrückt. Aehnliche Ziele steckte sich jüngst das Buch des ungarischen Juden Ludwig H a t v a n y ,,Bondy jr.“, — ein geschickt geschriebenes Durchschnittsbucn. Mit ganz anders kraftvoll knappen Strichen entwirft ein amerikanischer Jude ein Buch, das in manchem Sinne ein Qegenstück zu diesem ungarischen Familien-Buche sein könnte. Lester Cohen hat in seinem Buche ״Die Pardways“ (Deutsche Verlags-Anstalt), zwar nicht wie der Waschzettel versichert, eine ״amerikanische Forsyte Saga“ geschrieben. Aber er hat das geschrieben, was Hatvany schreiben wollte: hier ist wirklich die Geschichte zweier Eroberer im Kaufmannsrocke, umweht von der unbarmherzigen Luft amerikanischer Wirklichkeit. Wie das Unternehmen wächst und wfe die Menschen, die es tragen sollten, wanken; wie der Große Bär, Daniel und die andern Pardways fort müssen und die Erbschaft dem ״fremden Eroberer“ lassen müssen, dem jüdischen Einwanderer Uilmann; wie aber das Out auch bei ihm keinen Bestand hat, weil ihm der langersehnte Erbe aus eigenem Stamme versagt bleibt: das ist mit einer großen Treffsicherheit und einem eingeborenen Verständnis für menschliche Hintergründe hingeworfen. Lester Cohen, der wenn ich nicht irre, vom Journalismus herkommt, gehört zu den Hoffnungen des amerikanischen Schrifttums. — Und vielleicht gelingt es ihm auch noch einmal, jenes vergessene Reich zu betreten, das in seinem Buche sich allein in der gedankenschweren Widmung an seinen Vater Hyman Cohen ausspricht ,,Dem Steuermann meiner Seele in den Jahren der Entscheidung, dem Führer allezeit, in fahren der Trauer und in Jahren des Lichts. Tragische Wechselwirkung zwischen materiellem Auftrieb und menschlichem Verfall: das ist das Thema des Cohenschen Buches. Tragische Wechselwirkung zwischen materiellem Verfall und menschlicher Seele: das ist das blitzschnell erfaßte, nachtwandlerisch sicher wiedergegebene Thema eines ausgezeichneten Büchleins des Jungen Nathan Asch ״Als die Firma verkrachte“. — Nichts als eine Reihe von Augenblicksbildern; Bilder aus dem Leben aller der Menschen, für die der Zusammenbruch der Firma, die sie alle knechtete und nährte, Lebensumschwung bedeutet. Sekretärinnen, An gestellte, Chefs — jeder in seiner kleinen Privat-Tragödle erfaßt und in den Zusammenhang des Ganzen gestellt. Fast virtuos die meisten dieser Bilder. — Vielleicht daß gerade das Judenbild unter ihnen ״Samuel Jacobs“ in seiner Schluß- Wendung etwas gewollt erscheint: allzu große Nähe schadet dem Blick wie allzu große Ferne. Aber ei« glänzend gekonntes kleines Buch, das uns nach den andern Versuchen dieses jungen Autors, dem man jetzt in allen Prospekten begegnet, begierig greifen läßt. Unsere Zeit scheint manchem so randvoll von Ereignissen, daß der Blick der Lebendigen sich immer wieder mit der Forderung des Tages beschäftigen muß und selten bei der Vergangenheit einkehrt, um sich Rais zu erholen. Selten nur schweift der Blick dieser jungen Künstler in die Vergangenheit, in die Geschichte — ob sich auch gerade hier manche Gegenwartsnahe und Zeitlehre ergeben möchte. Eines von diesen selteneren Büchern, wo die Gegenwart sich fragestellend, antwortheischend zur Vergangenheit wendet und nicht enttäuscht wird, ist ״Der Aumihr des schiefen Calm“ von Gerhard Hermann-Mostar (Safari-Verlag Berlin). Das Geschlecht, das die Revolution von 1918 sah, wendet sich hier zur Revolution von 1848 — und zu einem ihrer seltsamsten Zwischenspiele. In Anhalt-Bernburg, der Heimat des Dichters, hat ein Jude, der stadtbekannte ״schiefe Calm“, die Führung ergriffen; seine tragikomische Gestalt, die gedanklich die Umwelt beherrscht, aber im entscheidenden Augenblick aus physischen Gründen versagt, hat sich der Bernburger zum Helden gewählt. Das Beste an dem Buche sind vielleicht die scharf gesehenen Typen der Bernburger Kleinbürger im Widerschein der Weltgeschichte — ein malerisches Intermezzo dabei die historische Verhaftung Richard Wagners an der Landesgrenze. — Ein wenig schattenhaft bleibt schließlich die Schluß-Szene, wo dem armes .Calm von einem jungen blonden Burschen die langvermißtq Reehttertiittiif zuteil »U — und der Mann, über den Im wichtigsten Augenblick seines Lebens die Kürassierleutnants lachten, aus dem Leben geht mit dem Zuruf an die Soldaten ״Brüder — schießt nicht auf Eure Brüder!“ — Der Verfasser — aus niedersächsischer Sippe von Bauern, Musikern, Kantoren entsprungen — hat die eigentliche Tragödie des jüdischen Revolutionsführers, die eins der Kernprobleme unserer Zeit bildet, wie unter einem zauberhaften Verkleinerungsglas gesehen — etwas von außen her, aber dennoch scharf und richtig in den verhängnisvollen Grundzügen; und scharf belichtet durch den Gegensatz zu Einem, der ihm in einer glücklich verwerteten historischen Episode gegenübertritt, zu . . . .Richard Wagner ״Eine musikalische Welt, dabei ein Stückchen .... Lump“ läßt er in ungewohnter Offenheit den Schöpfer des Rienzf, der seiner eigenen Ideale vergaß, von sich sagen. Aber der Held, der eigentlich zum Opfer wird, der schiefe Lohgerber Calm, bekennt ״Nich mehr ankucken tun miclf de Juden, un de Christen? . . . Auslachen tun se mich! Verworfen bin ich von beede, verworfen un ausjelacht. . .“ Mancher Größere hat das seit den Tagen von 1848 erlebt. In unsere eigene jüdische Vergangenheit zurück — in die Zeit, wo nicht mehr der Jude für die Revolution der Christen sein Leben gab, sondern für das Leben der eigenen Brüder kämpfte und litt, ob mit ob ohne Dank — führen uns endlich einige bedeutsame Bücher, die nicht von deutschen Juden geschrieben wurden. — Es wurde vor kurzem an dieser Stelle darauf hingewiesen, wie schwer es sei, dem jüdischen Kinde heute eine Märchen-Speise zu reichen, die sich nicht nur auf Rotkäppchen und Aschenbrödel beschränkte; um so verwunderllcher ist dieser Mangel, da es uns Juden von altere her an einem überreichen Schatz von Sagen und Märchen nicht gefehlt hat. Nun hat kürzlich einer der gelehrtesten englischen Juden, der frühere Chacham der Portugiesischen Gemeinde in London, Dr. Moses Gast er, der bei der Fülle seines Wissens durchaus kein Bücherwurm ist, sondern ein an allem Leben des Tages und der Stunde aufs frischeste teilnehmender Vater und Großvater, versucht, in einer Reihe reizend aus- '' Einheit zusammenzufügen, die unsern Festen gewidmet ist. ״Die Geschichte von Purim“ und die ״Geschichte vom Peßach“ sind bereits erschienen und haben bei englisch-jüdfscher Jugend viele Freunde gefunden; es wäre sehr zu wünschen, daß sich trotz der bedrängten Lage des jüdischen Buchhandels in Deutschland jemand fände, der diese allerliebsten und zugleich äußerst sachkundigen Bändchen in deutschem Kleide veröffentlichte. Ein alter Wunsch deutsch-jüdischer Jugenderzieher wäre damit erfüllt — oder wenigstens der Erfüllung entgegengeführt. Es ist eine tiefe Freude, von einem ähnlichen Versuche zu berichten, der vor kurzem der deutschen Leserwelt zugänglich gemacht worden ist. Edmond Fleg spielt in der jüdischen Renaissance des französischen Schrifttums, die wir verwundert miterleben, schon seit langem eine wichtige — wenn nicht: die wichtigste Rolle; seine Bücher ״Der kleine Prophet“ und das Bekenntnis ״Warum ich Jude bin“, sind auch in deutscher Sprache erschienen: seine gedankenreiche Tragödie ״Le Juif du Pape“, die das Schicksal Salomo Molchos behandelt, verdiente viel gelesen zu werden. Nun hat Fleg — veranlaßt wahrscheinlich durch ähnliche Erwägungen wie die vorhin angestellten — versucht, eine Gestalt aus unserem biblischen Heidenzeitalter mit allem dem Leben zu umkleiden, das ihr von alters her eine bildungsfrohe Volksphantasie verliehen hatte. Den Größten von allen, unsern Lehrer Moses, hat er sich erwählt; und es ist kein Schade, daß er von den heroischen Biographien, an denen die Geschichtsschreiber unserer Zeit und manchmal auch die Dichter sich mit Vorliebe versuchen, manches gelernt hat. Sein ״Moses“ beginnt mit einer respektvollen Absage an die Gelehrten; nicht die kritische Exegese, die ihr Werk ist, will er bei seiner Dar- Stellung dieses Heldenlebens zu Rate ziehen; um so mehr aber die dichterische, religiöse, lehrhafte, ja satirische Exegese unserer Rabbinen, die uns den größten unserer Propheten von Jahrhundert zu Jahrhundert näher brachte. Und so entstand ein Lebensbild unseres Volkshelden, wie Israel es im Laufe der Zeiten ״sich vorstellte, deutete und empfand“. Auch dies, wie Fleg mit Recht hervorhebt, eine Art der Geschichts- Schreibung, die ihr eigen Recht in sich trägt; ja — eine Ge- Schichtschreibung, die an den späten Erben der Erklärer und Erzähler des Talmud, das Recht und den Anspruch vererbt, sie fortzusetzen. Denn mit nicht minderem Recht beruft sich der neue Erzähler darauf, daß die Freiheit, mit der er selbst dem Talmud gegenüber verfuhr, keineswegs größer ist als die Freiheit des Talmuds gegenüber der Bibel. . . . Vielleicht werden manche der ״Fachleute“ dies reiche Buch abiehnen. Ihnen gegenüber aber kann Edmond Fleg sich darauf berufen, daß sein Buch eigentlich nichts weiter ist als die künstlerisch mit Leben erfüllte Forderung unserer Alten für den Seder-Abend: daß ein jeder von uns sich betrachte, als sei auch -*r init aus )Aegypten gezogen.'־^*, «•’;־Äe-Elwh«t’ der Generationen lebt in diesem Buche. Bertha Badt-Strauß. ״Selbstverständlich ..Prof. Franz Oppenheimer hat in der ״Vossischen Zeitung“ Jugenderinnerungen veröffentlicht, in welchen er auch erwähnte, daß in seinen Kinderjahren der Antisemitismus in Berlin unbekannt war. Dazu äußert sich nun ein ehemaliger Mitschüler Oppenheimers, Justizrat W. Hoffstaedt, in einer Zuschrift an die ״Voss. Zeitung“, worin es u. a. heißt: ״Es ist vollkommen richtig, daß man, solange wir noch auf dem Gymnasium waren, den erst Anfang der achtziger Jahre bekannt gewordenen Antisemitismus überhaupt nicht kannte. Der Mann, der uns Oberprimanern des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums griechischen Unterricht gab, konnte weder in seinem Aussehen noch durch seinen Namen seine Abstammung verleugnen. Selbstverständlich war er zum Christentum übergetreten, wurde aber von den Schülern allgemein ״der Jude“ genannt, ohne daß die jüdischen Schüler auch nur den geringsten Anstoß daran nahmen. Das ist besonders kennzeichnend für die damalige harmlose Zeit im Gegensatz zu unseren Tagen.“ — Ob wohl Franz Oppenheimer an diesem ״Selbstverständlich“ seine besondere Freude haben wird? Der Tod in Magdiel Nacherzählt von Moses Waldmann. Der Dorfälteste von Magdiel, Schmuei Schuchowiecki, berichtete von dem nachfolgend wiedererzähiten Vorkommnis aus der jungen Kolonie Magdiel bei Jaffa in einer dichtgedrängten Versammlung einer großen Judenstadt Kongreß- Polens. ״Scheich Schmuei“, wie er von den Arabern in der Umgegend von Magdiel genannt wird, ist ein großer Dichter. Er weiß es nur nicht und darum bin ich mir bewußt, daß ich nicht imstande bin, auch nur die blässeste Ahnung von dem zu vermitteln, was und wie Schmuei Schuchowiecki erzählt hat. Wenn ich aber die Augen schließe, so überkommt mich die Erinnerung an die Weiheminuten, die seine Erzählung geschaffen und die Zuhörer bezaubert hat. m Magdiel ist eine Kolonie, die vor sechs Jahren gegründet wurde. Sie ist eine Mittelstandssiedlung und wurde von Mensehen geschaffen, die mit der vierten Alijah nach Palästina kamen. Der überwiegende Teil der vierten Alijah blieb in Tel- Awiw kleben, verlor sein mitgebrachtes Geld und flutete enttäuscht, verbittert nach Polen, woher er gekommen war, zurück. Viele aus dieser Schicht hatten die Uebersiedlung nach Palästina vollzogen, nicht um ein anderes neues produktives Leben zu beginnen, sondern um den Steuergesetzen des Ministers Grabski zu entgehen. Man nannte sie Grabski- Zionisten. Ein beträchtlicher Teil der vierten Alijah jedoch war fiebernden Herzens in das Land der Väter gezogen, voll gläubiger Hoffnung und heiligen Willens den Schutt aus den uolus-Herzen fortzuräumen, um die stickigen Verhältnisse der kleinen Judenstädte Osteuropas zu vergessen und ein Leben der Wahrheit in heiliger ländlicher Selbstarbeit zu beginnen. Aber nicht nur Juden aus Polen und Rußland taten sich zusammen, es kam auch ein Jude aus Rom mit zwei erwachsenen Töchtern, die vom Judentum weit entfernt, von ungefähr gehört hatten, daß die Juden in Palästina eine neue jüdische Welt schaffen. Ein anderer aus Amerika ward plötzlich von Ekel gegenüber business und Dollarmachen erfaßt. Ein Dritter, Vater studierter Söhne, hatte in Sibirien die Heilsbotschaft vernommen יאווו sich mit seinen Söhnen auf den!W«g gemacht. Alle diese Leute taten sich zusammen. Schmuei Schuchowiecki aber war ״das Schwert, war die Flamme“. Er hatte Fabriken, Häuser und Wälder besessen. Eines Tages überlegte er seinen Lebensweg und fand, daß nicht e r sein Vermögen, sondern das Vermögen 1 h n besitze. Er erkannte mit Schrecken, daß er ein ״Oscher“, ein Reicher, geworden war und Gefahr lief, ״kein Mensch mehr zu sein“. So ververkaufte er denn alles und ging nach Erez-Israel. Gleich Jünglingen stürzten sich die erwachsenen Männer mit Frauen und Kindern in das neue Leben. Das Griindungslieber erfaßte sie; ihr bisheriges Dasein war ausgelöscht und vergessen. Sie lebten nur der Gegenwart. Und Magdiel wuchs zusehends. Immer neue Siedler strömten herbei. Ställe wurden gebaut und dann ein Bethaus; später kam ein Volksheim dazu. Schließlich lösten Wohnhäuser die Baracken ab, in denen man lange Zeit recht und schlecht gehaust hatte. Ein Kindergarten wurde errichtet, eine Lesehalle geschaffen und zuletzt ging man daran, ein ״Theater-Gebäude“ zu erbauen, d. h. man umfriedete einen Platz, errichtete ein Podium und der Theaterraum war fertig, bereit, die Künstler aus Tel-Awiw zu gelegentlichen Gastspielen aufzunehmen. Für Licht und Heizung sorgte tagsüber die Sonne und abends war es auch nicht kalt. So war denn alles wohl geordnet; man hatte an alles gedacht. Das erste jüdische, aus eigener Kraft geschaffene Mittelstandsdorf war fertig. Und Gott belohnte das Tun der Siedler aus Magdiel. Der Viehstand vergrößerte sich, die Orangenbäume Wuchsen, die Herzen waren froh und reicher Kindersegen strömte über Magdiel. Und Wunder über Wunder: Jahre flössen dahin, una der Todesengel hielt sich von Magdiel fern. Kein Erwachsener schloß für immer die Augen und auch kein Säugling starb eines frühzeitigen Todes. So kam es, daß die Leute in Magdiel in ihrer aufreibenden Tagesarbeit vollständig daran vergaßen, daß dem Allbeherrscher alles Lebenden, dem Tode, auch die Siedlung Magdiel untertan sei. Bis eines Tages sich folgendes zutrug: Ein bejahrter Kolonist zerrte in heißer Sonnenglut eine störrige Kuh am Strick. Nun war der Mann herzleidend. Ob es die Anstrengung machte, oder ob seine Tage abgelaufen waren, niemand kann es wissen. Der Mann erlitt einen Herzschlag und fiel tot nieder״ So kam der Tod zum ersten Maie nach Magdiel und schreckte die Siedler auf. ״Es gibt einen Tod in der Welt!“ — erinnerten sie sich jählings, und aufgescheucht strömten sie im! Hause ihres Führers zusammen. Nach Magdiel waren keine Mitglieder von Totenbrüderschaften, Chewroth kadischoth, gekommen, und kein Siedler wußte daher, wie man mit einem Toten umzugehen habe. Ja, noch mehr: man hatte an alles gedacht; einen Friedhof anzulegen, hatte man ganz vergessen. Man war doch nicht zum Sterben nach Magdiel gekommen. So standen nun die von Magdiel dichtgedrängt und stumm im Hof ihres Aeltesten. Keiner wagte die Stille zu brechen. Bis der Scheich sprach: ״Juden, laßt uns zuerst l’chajim trinken, dann wollen wir den Toten versehen und ein Grab schaufeln!“ Es dauerte nicht lange, und ein Platz war eingezäunt . . . Der Friedhof von Magdiel war fertig. Jeder tat nun ein paar Spatenstiche, und das erste Grab von Magdiel war gegraben. Inzwischen wurde der Tote gewaschen, in Totengewänder und in einen Tallis gehüllt; die Augen wurden mit Tonscherben zugedeckt, die Leiche auf Brettern aufgebahrt und unter das Haupt ein Backstein gelegt. Dann brachte man den Leichnam auf den Friedhof. Nun wurde Totenklage gehalten. Der Dorfälteste, Reb Schmuei, hielt folgenden Hesped: ״Herr der Heerscharen, wir schicken dir das erste Geschenk aus Magdiel. . . . Toter Bruder, wenn du in den Himmel kommst, wird man dich fragen, woher da bist, und deine Antwort wird lauten: aus Magdiel. Der Name Magdiel kommt aber in dem himmlischen Register nicht vor. Man wird also im Himmel ein neues Konto Magdiel eröffnen müssen. . . . Herr der Heerscharen, wir haben keine Zeit zu sterben, wir bauen jetzt. Verschone uns darum mindestens 20 Jahre. Wir gehen dir ja nicht verloren. Möge unser toter Bruder für lange, lange Zeit das einzige Opfer bleiben, das wir aus Magdiel dem Tode gebracht haben.“ . . . Und dann wurde der Leichnam in die Orube gesenkt. Der Dozent des Jüdisch-Theologischen Seminars In Breslau, Dr. Heinemann, ist auf Antrag der Philosophischen Fakultät vom Unterrichtsminister zum Honorarprofessor an der Breslauer Universität ernannt worden.

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