Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 29 (11.4.1930)
- Date
- 1930-04-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653185--21510-2679615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 29, 11. IV. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 20S!# Dort umklammert er einen Felsen, birgt sein Gesicht in ihm und in schmerzerfülltem Gebet ergießt sich seine flehende Klage. Dieses Gebet gehört zu den kostbarsten Perlen unserer neuen hebräischen Lyrik. Man ist versucht, in ihm das Urerlebnls zu ״Madassa“ zu suchen. Es enthält die großen Mo* tive der Dichtung in selbstbeherrschter, konzentrierter, an die letzte menschliche Ausdruckskunst rührender Form. In ihm offenbart sich der Innere Schwung, die tiefe Leidenschaftlichkeit und zugleich edle Verhaltenheit und rührende Zartheit der Dichterseele, aber auch ein großes künstlerisches Formungsvermögen, ein Sinn für strenge Architektur, Die Wirkung dieses Gebets im Lager ist zunächst nicht ersichtlich. Im Gegenteil: die Zahl derer mehrt sich, die aus Verzweiflung das eigene Leben zerstören: ״Saht ihr heute? Inmitten des Kampfes warf sich einer von der Höhe der Mauer in die Tiefe ״Heute? Auch morgen und übermorgen, viele stürzen sich hinab. Denn nicht lauernd mehr schleicht sich Verzweiflung durch das Lager, nein, offenen Angesichts schreitet sie einher und größer ist die Zahl ihrer Erschlagenen als der des Kampfs.“ ״Wehe, wer weiß, ob nicht wir alle noch uns ln den Abgrund stürzen ..." Da ereignet sich das Wunderbare: Aufrecht und leichten Schrittes nähert sich der Betende, noch den Gesang seines Psalms auf den Lippen, dem Lager. Sein Gesang klingt den Ohren der Kämpfer süß und tröstend, Erinnerungen an die sabbatlichen Psalmgesänge ihrer Väter ״dort“ erweckend. Beim Klang dieses Gebets erwacht in ihnen neuer Mut, neue Kampfesfust: ״Auf, hinaus zum Kampf!“ ״Und allem zum Trotz wieder zum Kampf!“ Und alle, alle rufen schließlich hinter dem Betenden: Amen, Amen! Ein Fremder, bisher Ungekannter spricht In ihnen. Plötzlich zucken die verlöschenden Feuer, eine unbekannte Hand flicht ihnen neue Flammenkrä ize. Und bei ihrem Lichte, über den Bergen, den Bergen Madassas, erscheint eine Oestalt ... ״Und die Gestalt hat das Lächeln des Leids, den Blick des Trosts und die Hoheit der Stärke ..״Wer blickt, wer lächelt so?“ ״Wer ist der Wundersame?“ ״Josef H a g 1 i 1 i!“ (Trutnpeldor). Diese Peripetie, dieser Umschlag des bereits gelähmten Herzens zu neuem Leben ist der dramatischste und auch ergreifendste Moment der Massada-Dlchtung. Nunmehr vollzieht sich der Prozeß der klärenden S c h c i - düng zwischen dem alten, segenbringenden Wein des Bechers der guten Hoffnungen und dem unheilvollen Gift der Verzweiflung, das ein tückisches Schicksal dem Weine gemischt hat. ״Also taten unsre Väter, wenn bei Sabbatausgang sie Hawdala machten: überschatteten mit reiner Hand das Auge und des Weines Reinheit prüften sie mit scharfem Blicke. Also tun auch wir bei unsrer Scheidung in Massada!“ Massada rüstet sich zu neuem Kampf, für neue Rückschlage für den wiederkehrenden ״Tag des Zorns“. Und der Dichter fragt: ״Womit befestigst du, Massada, deine Mauerbreschen für die Zeit, da deine Erde wird von neuem beben? Flotte auf dem Meere hast du keine, auch nicht Schreckensrohrc der Kanonen starren von den Zinnen deiner Mauern in das Land .., Ueber deines Himmels Bläue surren keine Aeroplane, beutegierigem Habichtskrächzen gleich, Schrecken über Feindeshaupt zu breiten, in den Ritzen deiner Felsen lauern keine Partisanen auf des Weges Ziehende ...“ * Und so beginnt die neue, letzte Periode des Aufschwungs. Ein neues, letztes ״Bereschit“ nach letztem, allerletztem ״Tarn, tarn wenfschlam“: ״Und wie unsere Väter, wenn das Buch der Thora sie beschlossen und bevor von neuem sie begannen, rufen wir, auch wir gleich ihnen, vor dem neuen, letzten Bereschit: ״Chasak, chasak wenitchasak!“ * Der wesentliche Inhalt des Lamdanscheh Werks wurde hier mitgeteilt und es scheint zweifelhaft, ob es Sinn hat, mehr zu geben. Einem Publikum, das selbst größtenteils nicht imstande ist, die Werke unserer jungen Literatur im Original zu lesen und das auch leider nur sehr beschränkte Möglichkeiten hat, sie wenigstens in einer Uebersetzung nachzulesen, wird mit dem anspruchslosen Bericht über Inhalt und Form einer Dichtung besser gedient sein, als mit dem Sprechen über sie. Scließlieh kann es sich ln diesem Rahmen ja auch nur um die Signalisierung bedeutsamer Werke handeln. Mra x Mayer. Sechs hebräische Bücher Besprochen von E. Lubrany. אשר ברש*. ספורים (דביר תל־ אביב 1930־) אברהם שוער: דור הולך (חברים־דביר 1929.) נתן ביסטדיצקי: יהודה איש-קריות. (ירושלם 4930) א• ל. מינץ: משירי הינה. (סגליות ברלין 4929) מרדכי אבי־שאול: המחרוזת. בין עיים. (אהיעבר ירושלם־תל־אביב 4928) מ• ז• ולפובסקי: סופי־שבולים•(דבר תל־אביג 4928) Sechs Bücher liegen vor mir. Fünf aus Palästina, eines aus Polen. Das Verhältnis dieser Zahlen ist symptomatisch, denn Palästina ist nicht nur das Land, in welchem fast die ganze hebräische Belletristik erscheint, sondern dort werden auch die meisten Bücher dieser Art abgesetzt. Symptomatisch ist auch der Inhalt dieser sechs Bücher. Mit banger Freude sehen wir jeder hebräischen Neuerscheinung, besonders der aus Palästina kommenden, entgegen. Ob nicht auch in ihnen ein Hauch des Ringens um aie Wiederauferstehung, die Wucht des dynamischen Alltags zu verspüren ist. Ob sich in ihnen das große, verzehrende und bereichernde Werden widerspiegelt. Wer denn sonst — wenn nicht die Dichter Palästinas — vermöchten uns ein Abbild dessen zu verschaffen, was die Eigenart des Lebens und Schaffens in Palästina ausmacht! Und wahrlich, viele Bände — Prosa und Poesie — gelangen zu uns aus jener Sphäre. Manche erreichen unser Herz, manche befremden uns, doch sind wir immer geneigt, Nachsicht mit ihnen zu haben. Eben weil sie einen Anfang bedeuten sollen. Den Anfang. Und wenn uns eines dieser Bücher schal und leer, und in fremden, seichten Gewässern künstlich aufgeschossen erscheint — dann ziehen wir es gewöhnlich vor, zu schweigen. Dean sonderbarerweise — und dennoch wohl verstand ich! — fühlen wir uns mitverantwortlieh. Und jeder mißlungene Versuch bedeutet uns eigensten Schmerz. Daher die Nachsicht. Ob diese förderlich ist — sei dahingestellt. Denn Tatsache ist es, daß manche Dichter und Werke aus dem bequemen, pflichtenlosen Boden dieser Nachsicht entstehen konnten. Ohne innerlichen, schöpferischen Zwang, ohne auch nur ein Fünkchen vom unbarmherzigen Schaftenstrieb zu bergen. Deshalt ist es nicht verwunderlich, wenn trotz unserer Nachsicht, Bereitschaft und Neigung ־־־־ wir nicht Immer der erwarteten Freude teilhaftig werden, von den jungen hebräischen Werken gepackt zu werden. Doch wir wollen nicht nachtragend sein, denn ein dünnes, bescheidenes Bäpdchen Gedichte (Rachel) mit ihren schlichten, zart empfundenen Versen, oder die erschütternde Menschengröße, die uns die schier sachlichen Dokumente aus einem Buche wie ״Arbeiterinnen sprechen“ (s. Nr. 19 der ״J. R.״) entgegentreten, sind uns lang ersehnte Geschenke. Und Ent- Schädigung für manche Enttäuschung. Wir warten auf das Wort. Das Wort, das für uns nur von ״dort“ kommen kann. Und ohne Zweifel kommen wird. Deshalb gehen wir in banger Freude an diese sechs Bücher heran. Der Verlag ״Dwir“, dessen schwer zugängliche Pforten nur Klassikern offen stehen, sendet uns zwei Bücher palästinensische Autoren. Erzählungen von Ascher Barasch und den zweiten Band von Awraham Schoers ״Die schwindende Generation“. Es sind dies zwei schöne, dicke Bände, die —- schon rein äußerlich — auf ihre Gewichtigkeit deuten. Von den zehn, in Baraschs Bande gesammelten Erzählungen, sind acht in Palästina geschrieben und umfassen die Schaffenszeit des Dichters vom Jahre 1914 bis 1928, also eine Periode von 14 Jahren des Sturmes und der Umwälzungen in diesem Lande. Ascher Barasch zählt in unserem Lager zu den feinsten Prosaisten, obwohl er auch vielfach schöne Verse geschrieben hat. Er ist noch verhältnismäßig jung (Anfang 40) und sein Talent ist erst in Palästina reif geworden. Er hat ein scharfes Auge, eine klare Sprache und ausgeprägten Sinn für Komposition. Alles, was er schildert — Menschen und Landschaften — ist plastisch, scharf und knapp gezeichnet. Er wollte nie ״Verkünder“ sein, weder durch Wort noch durch Form. Wollte nichts als erzählen. Und erzählen kann er wie selten einer bei uns. Er hat die Beschaulichkeit, das Auge fürs Ganze, und läßt sich nie von einem viel versprechenden — dramatischen oder nuancenreichen — Detail packen und verführen. Alles hat seinen knappen, klaren und scharfen Fluß. Doch was uns bei ihm, wie bei den meisten hebräischen Dichtern befremdet, liegt auf anderem Gebiete. Nicht das Wie, sondern das Was. Was sind das für Menschen, Dinge, Probleme, von denen er erzählt? Wie und worin wirkten sich diese seine vierzehn wesentlichen Lebensjahre mitten In der Wirklichkeit Palästinas aus? Auf der Suche nach dieser Spur vertiefen wir uns in die Erzählungen, versuchen auch zwischen den Zeilen zu lesen. Nichts davon ist vorhanden. Nicht die leiseste Spur dieses Wollens und Werdens eines Volkes, nicht der zarteste Hauch von dem naturnotwendigen Zusammenprall mit den Dingen Palästinas. Als würde er in einer Mönchszelle wohnen, von allem Alltag hermetisch abgeschlossen, nur von dem berichtend, was er bis Palästina in sich aufgenommen hatte. Daher treffen wir bei ihm fast immer die uns so wohlbekannten Landschaften, die uns bis zur Ermüdung wieder vorgeführt werden. Da ist das kleine, jüdische Städtchen in Galizien, der Rabbi, der Cheder. Da ist der Halbintelligenzler, der eben erst aus dem Beth-Hamidrasch sich befreite, nach Leben, Wirken schreit, und der — wie gewöhnlich unsere ״Helden“ in der Literatur — an den unsinnigsten Hemmungen, an der unfruchtbarsten Eigenbrödelei zugrunde geht. Sind das nicht verdammt alte Klänge, die uns seit den 80er Jahren in den verschiedensten Formen und Verkleidungen vorgesungen wurden? Man könnte beinahe verzweifeln. Sitzen denn diese abgewirtschafteten Dinge — das Städtchen, der Cheder, der sich selbstzerfleischende junge Mann — wirklieh so tief in unserem Blute eingenistet, daß wir de nie los werden sollten? Sollte denn diese — und wenn noch so unendlich reiche — die einzige Schaffensquelle des hebräisehen Dichters sein und bleiben? Auch des Dichters, der zwei Jahrzehnte in Palästina lebt und wirkt? Verständlich wäre, solange uns diese, Attribute des Städtchens, in romantischer Färbung aufgetischt würden. Denn Romantik ist Immer der Trauermarsch, der einer abgestorbenen Generation nachgesun* fen wird. Daher lieben wir Perez. Verständlich auch, wenn iese Dinge in begütigend grotesker Form uns vorgeführt werden. Gesegnet sei Schalom Alejchem! Aber diese gerade, unmittelbare Konzentration eines jungen, anerkannten Dichters auf Dinge, die uns nichts mehr sind, muß doch zumindest befremden. Und die Frage wird wieder lebendig und brennend: Wo ist denn die Sturm- und Drangzeit unserer hehräisehen Dichter? Wo das Revolutionäre? Wahrlich, eines ehernen Mutes und starken Menschtums bedarf es, will man sich in das Meer der Wirklichkeit Palästinas stürzen. (Und wieder und immer wieder: der arme, der reiche I. Ch. Brenner . . .) Nein, Barasch hat diesen Mut nicht. Dazu sind seine Werke viel zu formvollendet, allzu literarisch. Das göttliche Stottern ist ihm nicht gegeben. Nicht einmal das große Schweigen. Wohl aber hat er eine gesunde Realistik des Sehens und Schilderns, was ein Beweis dafür ist, daß es nicht die Sehnsucht allein ist, die ihn immer wieder in diese Gefilde treibt. * Einen frischen Wind, der durch Bild und Wort weht, bringt uns Awraham Schoer in seinem Buche ״Die schwindende Generation“. Und es hat seine Gründe. Denn wiewohl er mit dem einen Fuße noch auf dem morschen Boden des jüdisch-russischen Städtchens steht, holt sein zweiter Fuß wuchtig mitten in die jüdische Wirklichkeit in Amerika aus. Die Schicksale seiner Helden sind keine spezifisch-jüdisehen Schicksale. Er nähert sich sicheren Schrittes dem Allgemein-menschlichen. Und sogar das Erotische hat bei ihm nicht den spezifisch-jüdischen Knacks, der bei unseren hebräischen Dichtern fast zur Hausmarke wurde. Eine gewisse Nonchalance im Stil und geschmeidige Wendungen in der Art seines Zeichnens sind wohltuend. Wohl kam er — wie die meisten hebräischen Dichter — vom Städtchen. Aber er trägt es nicht als Fluch, nicht als unstillbare Sehnsucht. Denn er sieht die Brücke vom Gestern zum Heute. Er selbst hat sie überschritten. Daher lebt er In der Zeit. Lebt mit ihr. Und es ist gleich, ob er eine russische Landschaft oder das Getriebe in einem amerikanischen Office schildert. Ueberali ist er zu Hause. Und daher überall Mensch. Er ist nicht so präzise und abgeklärt wie Barasch, nicht so literarisch wie dieser, nicht so klassisch. Aber trotzdem — oder gerade deswegen — weht wohltuende Frische aus seinen Werken. Eine Frische, der wir so selten begegnen. Es ist ein Zeichen dafür, daß die Atmosphäre Amerikas auf die Zöglinge des Ostens gesund, ernüchternd und stärkend einwirkt. Seine Erzählungen sind — auch an europäischem Maßstabe — der Anerkennung wert. Daher hat er sich die Beförderung zu den Klassikern redlich verdient. Zum zweiten Male haben wir eine harte Begegnung mit Nathaj Bistritzky. Genau wie er vor einigen Jahren mit seinem Buche ״Tage und Nächte“ den schlagendsten Beweis lieferte, daß es den Palästina-Roman noch nicht gibt, liefert er uns jetzt in seinem Drama ״Judas f schar io th“ den Beweis, daß es das hebräische Drama nicht gibt. Mit großem Emst, mit starkem Gefühl und ehrlich anmutendem wollen geht er an das messianlsche Problem heran. Man kann seinem Drama einen gewissen poetischen Reiz nicht absprechenaber sowohl im Aufbau wie in der Gestaltung der einzelnen Personen mangelt es ihm an dramatischer Kompaktheit, psychologischer Klarheit und dynamischer Wucht. Die Menschen dieses Dramas werden nicht. Sie sind bereits. Jeder von ihnen kommt mit einer ihm vom Dichter zugeschriebenen Lcbcnsünie. Die Konflikte innerhalb des nur schwach gezeigten Geschehens Befinden sieh nicht in steter Steigerung, sondern zerreiben sich in der Stimmungsmaierei. Schade. Denn Bistritzky hat dichterisch«: Impulse, hat einen innerlich aufgepeitschten Rhythmus und viel Feuer. Aber an diesem Feuer verzehrt er vor allem sich selbst und das, was er sagen wollte, was er hätte sagen können. Nicht weil uns der Stoff dieses Dramas heikel erscheint, auch nicht weil wir die Gestalten anders sehen, tut uns der Mißgriff Bistritzkys leid. Vielmehr ist es das Positive am Talente dieses Mensehen, das uns zum Nachdenken zwingt: ob er denn mit diesen Gaben Ganzes, Echtes — wenn auch nicht so Großes — schaffen könnte? Bistritzky ist eines der impulsivsten Talente Palästinas, und wir haben ein Anrecht darauf, von ihm Bestes zu verlangen. * Der Verlag ״Segaliofh“, d. h. ״Veilchen", schenkt uns einen Band ausgewählter Gedichte Heines in der Ueber- Setzung eines der Veteranen der hebräischen Literatur, des Herrn A. L. Min z. Nun, mit Heine ist es eine eigene Sache. Aber der Uebersetzer hat es sicherlich ehrlich gemeint. Denn — wir können es ihm glauben — leichter wäre es ihm, die Gedichte in freier Versform ins Hebräische zu übertragen. Aber er scheute die Mühe nicht und übertrug sie dennoch in Prosa. Er beruft sich auf das Buch H. H. Houben ״Gespräche mit Heine“, in welchem die Engländerin Lucie Driff Gordon erzählt, Heine hätte sie mehrfach um eine englische Ueber- Setzung gebeten, ganz besonders wäre ihm an einer Prosa- Ucberseefzung seiner Gedichte gelegen. Diesem Wunsche also kam auch Herr Minz nach. Die Uebersetzung ist in einem schönen Hebräisch, aber von Heine ist nicht viel übriggeblieben. Das wird wohl mehr an Heine als am Uebersetzer «egen. * Scheinbar haben die Palästina-Theater ״Ohel“ und ״Habima“ ihre Wirkung auf die Dichter Palästinas nicht verfehlt. Mordechaj Awi-Schaul hat im Verlage ״Achlewer“ zwei Dramen nerausgegeben. ״Die Perlenschnur“ und ״Zwischen Scheiterhaufen“. Beide haben Palästina zum Schauplatz. Beide behandeln aktuelle Probleme. Das erste versucht das Revolutionäre zu veranschaulichen, den kategorischen Imperativ: Arbeite und schnorre nicht! Es wird hier der Versuch gemacht, Einblick in das Sprachen- und Rassen-Babel Jerusalems zu schaffen. Und dies alles unter die Fahne der Chaluziuth zu bringen. Dramatische Ansätze sind in diesem Drama wohl vorhanden. Aber an zwei Dingen scheitert das Ganze: Erstens reden die Leute zuviel, und zweitens wird der Gott der Wunder allzu häufig in Bewegung gesetzt. So daß immer dann, wenn es keinen Ausweg mehr gibt — ein Wunder geschieht. Und dann kommen und gehen die Personen, wie auf höheren Befehl ohne inneren, dramatisch rtotwendigen Zwang. ״Der Scheiterhaufen“ behandelt das bittere Probiert der Arbeitslosigkeit. Es ist beinah wie eine Reportage plus prophetischen Wahnsinn. Zum Schreiben eines Dramas aber genügt es nicht, von einem Erlebnis stark gepackt zu sein, man muß vielmehr dasselbe in streng dramatischer Form ein zuwurzeln verstehen. Und dies hat A. nicht vermocht. * Still, echt — weil ungewollt — und ergreifend sind die wunderbaren Verse von M. S. Wolfovski, im Verlage ״Dawar“ unter dem Titel ״Am Rande der Pfade“. wie ist ihm jede Regung in der Natur Palästinas eigen, jedes Menschliche nahe. Mit zartester Intuition fühlt er sich in diese ein und singt von ihnen. Vom See Kinereth spricht er wie von einer geliebten Frau, kennt dessen Launen und heimliche Schönheiten. Wie muß er jeden menschlichen Weg in diesem Lande durchwatet haben! Sonst fände er diese Klänge der Liebe und Trauer nicht. Und aus tiefstem Schmerz noch erertönt bei ihm das erlösende ״und dennoch“ 1 Nein, W. ist noch nicht an den Rand seiner Pfade gelangt. Dichter wie er . das über all ihren Worten ruht. Und auch wenn er schweigen ,müßte, würden wir ihn verstehen. Denn auch sein Schweigen wäre echt und tief empfunden. Stefan George und Karl Wottskehl Zu: Friedrich Wolters, Stefan George und die Blätter für die Kunst. Deutsche Geistergeschichte seit 1890. Erschienen 1930 bei O. Bondi, Berlin. Friedrich Gundolf, der in seinen großen literargeschichtliehen Darstellungen die Erkenntnisse aes Dichters und Sehers Stefan George auf wissenschaftliches Gebiet glücklich übertragen hat, hatte schon in einem kurzen fast hymnischen und mir Eingeweihten ganz verständlichen Versuch das Wesen seines Meisters völlig losgelöst von Zeit und Ort zu ergründen versucht. Ihm folgt jetzt Friedrich Wolters, Marburger Universitätslehrer, Staats- und Wirtschaftshistoriker, neben dem Geistesgeschichtsforscher, in einem groß angelegten Buche vor fast 600 Seiten, das der Verlag Bondi mit vorzüglichen Bildbeigaben begleitete — immer neuen und erstaunlichen Wieder* gaben dieses rätselhaften Magierkopfes unsrer Tage, die neben den priesterlich weihenden Worten Friedrich Wolters' ihre eigene, manchmal überraschend aufschlußreiche Sprache reden. Ursprünge und Entwicklung der mit Georges Namen verbündenen Geistesbewegung zeigt uns nun fast zum ersten Male Wolters Buch. Auch die ersten Schüler und Freunde des viel verkannten Propheten werden hier lebendig. Unter ihnen — wie immer bei neuen Gedanken — die Gefolgschaft einzelner Juden. Zwar die Binger Freundin Ida Coblenz huscht nur vorüber; eindringlicher als hier wird die Begegnung zwischen ihrem späteren Gatten Richard Dehmei una Stefan George, die sich bei ihr abspielte, in Babs Dehmel-Biographie geschildert. — Aber der Treueste der Treuen, Karl Wolfskehl, tritt uns hier leibhaft entgegen: dieser ״Mensch mit dem Gehalt von Jahrtausenden in seiner alten Seele, mit einer überquellenden Aufbruchslust in seinem jungen Geiste . . . dieser brodelnde Grientale und tiefe Deutsche zugleich“ . . . Wolfskehl war es, der durch die Entdeckung des vergessenen Bachofen’schen Mutterrechtes Schüler und Klages die lang gesuchte Bestätigung ihrer ahnenden Gedanken lieferte. Beide wollten von den Juden ursprünglich nichts wissen, so berichtet Wolters; mußten sie aber immer suchen, und beide ״verfielen ihrer uralten Schläue“ -r ein etwas überraschendes Urteil im Munde des Prophetenjüngers, bei dem man nicht recht weiß, ob es nun Schüler, Klages oder Wolters selbst gehört. Wolfskehl, dessen Name und dessen Streben ja auch bei uns nicht nur bekannt ist, gehörte zu den Ersten und blieb unter den Letzten, die dem Meister folgten. Es wäre von hohem W'erte, einmal den Pfaden dieses Mannes zu folgen, dessen ewige Jugend immer wieder zu neuen Ufern aufbrach und dessen eigene Dichtung, wie weit sie auch schwärmte, niemals die Rückkehr vergaß zu ״den alten Wassern“; als eine ״seitsame fluchende und segnende Prophetengestalt, die zwischen Göttern und Dämonen mit gereckten Armen hin- und herschweift.“ Bertha Badt-Strauß. % Persönliches. Frau Dr. Esther Klee-Rawidowicz, Assistentin des Krebs-Instituts der Berliner Universität, wurde auf Grund ihrer wissenschaftlichen Arbeiten zum Mitglied des deutschen Zentralkomitees zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit ernannt. Die Forscherin ist die Tochter unseres Dr. Alfred Klee und Gattin unseres Mitarbeiters Dr. S, Rawidowicz,